Polemik zur Nacht

Gerade habe ich dieses Interview mit Anthony Vaccarello gelesen und mir wurde wieder schlagartig bewusst, was mir an der Modewelt nicht gefällt.

Nach der Schwangerschaft mit meinem Sohn wollte ich unbedingt abnehmen. Ich habe monatelang keine neue Kleidung gekauft, weil ich hoffte, dass ich irgendwann ein Gewicht X habe, um dann endlich in die Klamotten der Eppendorfer Modeläden zu passen.

Lange Geschichte kurz: ich habe nicht abgenommen und am Ende habe ich einfach wieder Größe 42 bestellt bzw. in großen Warenhausketten, wo man nicht beschämt nach Größe 40 oder 42 fragen muss, passende Kleidung gekauft.

Ich kann mich immernoch nicht wirklich von dem Gedanken lösen, dass gutes Aussehen und schöne Kleidung ausschließlich mit einer Größe 36 oder maximal 38 funktionieren. Aber das oben genannte Interview hat mir noch einmal die Augen über den Irrsinn der Modewelt geöffnet, wobei meiner Meinung nach Vaccarello nur einer von vielen ist, den ich mir hier gerade in meiner mitternächtlichen Empörung rauspicke.

Vaccarello: Ich mache keine Mode, sagen wir, für gut gebaute Frauen. Kurven, wie sie in den Neunzigerjahren als Ideal galten, sind nicht so mein Ding. Ich finde es moderner, ein sexy Outfit an einem androgynen Körper zu sehen.

Aha, dachte ich mir. Aktuell sollen sich die Frauen für die Mode von Herrn Vaccarello runterhungern. Möglicherweise ist in 10 Jahren wieder die „runde“ Frau modern und dann müssen die für die Mode von Richard Piccorello – 2022 Shooting-Star der Modewelt – androgyne Frauen eine Ovomaltine-Kur machen?

Und überhaupt, warum sollte ich Kleidung von jemandem kaufen, für den Kurven kein Ding sind? Und warum macht er nicht gleich Mode für Männer oder Hunde, die haben von sich aus weniger Kurven?

Und warum ist androgyn modern? Ich kann sehr gut verstehen, wenn jemand sagt, ich stehe auf androgyne oder runde Frauen oder Männer aber dabei handelt es sich um persönliche Präferenzen. Persönliche Präferenzen sind persönliche Präferenzen sie sind nicht modern oder altmodisch oder aktuell oder hip.

Vaccarello: Mein Ziel ist es nicht, möglichst viel Haut zu zeigen. Es geht nicht einfach nur um ein sexy Kleid. Ich will den Körper kunstvoll verzieren, es geht in erster Linie um die Konstruktion. Ich bin mir bewusst, dass viele Frauen noch nicht bereit dafür sind. Für meine Mode braucht man einen starken Körper und Willen.

Ein Moment, der dafür geboren ist mit dem Kopf gegen den Bettpfosten zu schlagen.

Konstruktion????? Es handelt sich um Stoff for God’s sake.

Zu Karneval habe ich früher mit Heißklebepistole und Tacker Kostüme konstruiert, das hat Spaß gemacht aber ich habe sie nicht Konstruktion genannt und schon gar nicht habe ich den Freunden, für die ich sie getackert und geklebt habe erzählt, sie müssten noch ein Jahr oder zwei warten, weil sie noch nicht für meine Werke bereit sind.

Natürlich kann man argumentieren, es handle sich bei Mode um Kunst und somit ist die Idee des Konstrukts schon ok. In dem Fall würde ich Herrrn Vaccarello allerdings auch bitten, seine Konstrukte auf Puppen aus der H&M Kinderabteilung zu drapieren und diese im Museum für Kunst und Gewerbe auszustellen.

In meine kleinen Welt ist Mode nach wie vor eine Art Dienstleistung. Ich zahle Geld, damit ich mir eine geschneiderte Bahn Stoff kaufe, die an mir möglichst gut aussehen soll.

Und es wäre einfach mal schön, wenn es kreative Menschen geben würde, die mir nicht erzählen würden, dass ich für ihre genähten Stoffbahnen einfach einen stärkeren Körper und Willen brauche, sondern die Mode machen, mit der sie die Menschen – egal ob rund, androgyn, sportlich, alt, jung, herb oder feenhaft – und damit vielleicht auch die Welt etwas verschönern.

Wenn Herr Vaccarello nur androgyne Klamotten nähen kann, wunderbar, aber dann soll er bitte die Welt mit seinem blasierten und dämlichen Gelaber verschonen.

Herr Vaccarello, ich habe nicht auf Ihre Klamotten gewartet, um meinen Körper daran anzupassen!

Ich wünsche seinem Modelabel sehr, dass er bald von einem der großen Luxuskonzerne aufgekauft wird und er dann nur noch mit seiner selbstherrlichen Modevorstellung unabhängig ist.

2 Kommentare, twittern, sharen, plussen

  1. Genau, genau, genau!

    Zumal es ja auch absolut unrealistisch ist zu glauben, man könne sich auf einen bestimmten Körpertyp „runterhungern“. Eine Sanduhrfrau bleibt eine Sanduhrfrau, egal ob sie nun 42 oder 36 trägt. Frauen, die eher grade gebaut sind gibt es auch in allen Kleidergrößen. „Kurvig“ oder „androgyn“ hat ergo noch nicht mal zwingend was mit der Kleidergröße zu tun, auch wenn die Modeindustrie das offenbar glaubt (regt mich persönlich permanent auf, weil in den Größen, die ich trage offenbar weder Busen noch Taille, noch Popo, vorgesehen sind, ich habe aber alles drei und hätte dennoch gerne Sachen, die nicht an mir wie ein Sack aussehen. Eine Bekannte von mir, die 1,80 groß ist, 42-44 trägt, aber einen eher knabenhaften Körperbau hat hat das umgekehrte Problem).

    Besonders auffallend ist es, wenn man mal zum Vergleich in die Herrenabteilung schaut. Jeder popelige C&A hat in der Männerabteilung verschiedene Größensysteme bei Anzügen für verschiedene Körpertypen, da können wir Frauen leider nur von träumen.

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