Die Schwanzvariable

Hinweis zum Lesen: Nachdem ich den Text online gestellt habe, fiel mir auf, dass er am Anfang etwas wirr wirken könnte. Halten Sie durch, am Ende finden die Stränge zusammen.

Wenn in einem Text die Worte “cost per orgasm” enthalten sind, schaue ich zumindest einmal kurz nach, ob sich dahinter etwas Interessantes verbergen könnte.

Ich gehörte nie zu den Menschen, denen fluffig die multiplen Orgasmen entgegenflogen. Insofern erwartete ich etwas über die “Arbeit” bzw. Konzentration, die ein Orgasmus benötigt. Solche spannenden Themen werden leider viel zu selten beschrieben, wissenschaftlich untersucht oder diskutiert.

Aber statt die Menschheitsgeschichte mit irgendetwas Sinnvollem zu bereichern, fand ich eine schlechte Kritik über einen noch viel furchtbareren Blogeintrag in einem amerikanischen Männerblog.

Ich möchte nicht einmal den Urspungstext verlinken (ein Funken Hoffnung in mir glaubt immernoch, dass es sich um Satire handelt) aber das Fazit lässt sich so zusammenfassen: Beziehung sollte als eine wirtschaftliche Berechnung gesehen werden, in der die männliche Klimaxfrequenz ein Teil der Gleichung ist. Quasi ein Abendessen im schönen Restaurant für einmal Spermasekret ausscheiden inkl. Muskelentspannung. Die Grundvoraussetzung der Berechnung ist die Annahme, dass Frauen aus einer Beziehung/einem Date möglichst viel wirtschaftlichen Nutzen ziehen wollen, während Männer in einer Beziehung möglichst viel Sex haben möchten bzw. nur wegen des Sex daten.

Die Kritik des Independent setzt bei der Behauptung des Urspungstextes an, dass Beziehung etwas Ökonomisches sei und kramt Romantik, Liebe und den Mut zum Risiko als Gegenargumente raus.

Dabei wird die Chance vertan, die eigentliche Irrsinnigkeit und Mysogonie aufzuzeigen. Wenn selbst einer Autorin für den Independent nicht auffällt, dass der Wahnsinn in einem völlig bekloppten Männer- und Frauenbild liegt, dann ist davon auszugehen, dass dieser gesellschaftlich tief verankert ist.

Das macht es im übrigen nicht besser oder wahrer. Es gab auch Zeiten, in denen war die Idee einer Erdscheibe gesellschaftlich tief verankert.

Schon das Offensichtliche wird außer acht gelassen. Der Orgasmus. Ich habe eine Umfrage gemacht. 100% der von mir befragten Frauen sagte, sie schätzen den Höhepunkt im Rahmen eines Geschlechtsakts ebenfalls. Also ganz ohne höhere Mathematik wird die Gleichung des selbsternannten Alphabehighpotentialmännchens in dem Moment zerstört, in dem die Orgamsusrate der Frauen eine weitere Variable wird.

Ein Fakt, der anscheinend in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen wird, ist, dass Frauen Sex und Orgasmen und alles was damit zusammenhängt mögen. Wenn Frauen dies nicht so aggresiv einfordern wie Männer, liegt das vor allem an den unterschiedlichen Voraussetzungen.

Promiske und sexuell offensive Frauen werden nach wie vor im besten Fall kritisch beäugt. Das Ausleben vieler sexueller Beziehungen wird nicht vermieden, weil Frauen keine Lust dazu hätten, sondern weil es bedeutet, dass über sie getratscht würde oder sie problemorientierte Gespräche mit ihrem Umfeld führen müssten. Die Entscheidung liegt hier zwischen heimlichen Ausleben oder verzichten. Es sollte also nichts mit weiblichen Charakteristiken begründet werden, dass nicht auch aus sozialem Druck entstanden sein kann.

(Ich glaube übrigens, dass es sowohl Männer als auch Frauen gibt, die aus ihren persönlichen Vorlieben heraus kein Interesse an dergleichen haben, aber das lässt sich nicht auf das Geschlecht, sondern auf das Individuum zurückführen.)

Vor einiger Zeit las ich einen Tweet, den ich leider nicht mehr finden konnte, mit folgender Aussage: “Beim Onlinedaten haben Männer Angst, in der Realität eine dicke Frau zu treffen. Frauen haben Angst, auf einen Psychopathen zu stoßen.” (Dank Herrn Rpunkt und Ernst diesen und diesen Hinweis zur Quelle gefunden.)

Solange Frauen implizit und explizit die Schuld für eine Vergewaltigung gegeben wird, ist für sie Sex mit wechselnden und relativ fremden Partnern einfach viel gefährlicher, als für Männern. Natürlich gibt es auch durchgeknallte Frauen, aber trotzdem ist die Gefahr für einen Mann wohl immernoch größer von einem anderen Mann vergewaltigt zu werden, als von einer Frau. Rückblickend habe ich auf diverse One Night Stands verzichtet, weil ich mir nicht sicher war, ob ich wirklich Lust hatte und lieber an einem von mir kontrollierbaren Punkt aufgehört habe, als das Risiko einzugehen, dass ein “nein” von mir ignoriert wird. Klar kann man die weibliche Zurückhaltung als Keuschheit und sexueller Unlust interpretieren, viel näher an der Realität liegt aber die Sorge vieler Frauen, dass ihre Ansagen übergangen und sie am Ende als fahrlässige Schlampe hingestellt werden.

Im Gemengelage der Unfähigkeit Frauen zu befriedigen, bei gleichzeitiger Misinterpretation der Befürnisse von Frauen und dem daraus resultierenden Glauben, dass Frauen sexuell uninterssierte Wesen sind, muss eine Motivation konstruiert werden, die erklärt, warum Frauen überhaupt Sex haben. Diese darf natürlich nicht den Glanz und das Heldentum des Mannes beflecken. Die Idee, dass Frauen Geschlechtsverkehr dulden, damit sie materielle Güter erhalten, ist ein Alltime-Favorite.

Gern werden hier auch wieder die Steinzeitmenschen hervorgeholt. In der Wildniss vor zigtausend Jahren war es ja angeblich auch so, dass Frauen einen starken Beschützer brauchten, der Fleisch und andere Eiweißresourcen mit nach Hause brachte, während sie für Beeren sammeln und Kindererziehung zuständig waren und ihren Körper leidenschaftslos hergaben. Auf die viel näherliegende Erklärung, dass in der Wildniss eine ganze Gruppe gleichberechtiger und kompetenter Individuen der beste Schutz gegen Tiere, Wetter, Hunger usw. sein könnte, kommt keiner.

Die naiv-dümmliche aber geld- und juwelengierige Frau ist die perfekte Projektionsfläche, um auszublenden, dass Frauen deshalb sexuell viel vorsichter sind, weil sie größere physische und soziale Risiken eingehen als Männer. Verursacht wiederum von Männern, die nichts besseres zu tun haben, als ihren Schwanz in eine Gleichung einzubringen und zu ignorieren, dass zu einem Orgasmus auch zwei gehören können.

Freistilstaffel

Vor einiger Zeit fragte ich ganz harmlos in die Twitterrunde, ob es ein empfehlenswertes Schwimmblog gibt.

Ich wurde Zeugin einer beeindruckenden Dynamik, die darin endete, dass Herr Dentaku spontan ein Blog aufsetzte und jetzt einige meiner liebsten Blogger übers Schwimmen schreiben.

Wer also Texte von Frau Indica, Frau Kaltmamsell, Frau Donnerhallen, Kitty Koma, Liisa, Graf Typo, Frau Croco und anderen über das Schwimmen im Meer, im Fluss, im Pool, im Freibad oder in Mondseen lesen möchte, ist bei der Freistilstaffel bestens aufgehoben.

Ab und zu werde ich dort wohl auch Texte posten. Heute eine Variation eines alten Textes: Mit Delfinen schwimmen

Juli-Links

140 Sekunden ist ein Format, das auf ZDFinfo im Rahmen des Elektrischen Reporters läuft (zu eher ausgefallenen Sendezeiten). Dabei wird in 140 Sekunden die Geschichte eines Tweets erzählt – für gewöhnlich vom Twitterer selbst.

Vor eingen Wochen durfte ich im Due Baristi, in unserem Hausflur und an meinem Schreibtisch die Geschichte von #609060 erzählen. Das Resultat kann entweder hier ab Minute 5:43 oder bei youtube als Einzelclip angeschaut werden.

Nachdem die Krautreporter ja bereits für sich feststellten, dass die Auswahl an kompetenten Frauen im Journalismus einfach zu klein ist, stellte auch die brand eins in den Kommentaren – zu einem Hinweis über ein ziemlich unausgewogenes Geschlechterverhältnis im letzten Magazin – fest:

Wenn wir also viele Männer im Magazin haben, dann ist das ein Spiegelbild unserer Gesellschaft.

Felix Schwenzel hat die die besten Links und Tweets zusammengetragen, aufgearbeitet und klug geschlussfolgert:


vielleicht ist es auch zeit dafür, dass die brandeins mal wieder scheitert. sich radikal neu denkt, neu erfindet. von bequemlichkeit, selbstverliebtheit und arroganz befreit. und wieder mehr fragen stellt, als antworten zu geben und andere am erfahrungsschatz ihrer redakteure teilhaben zu lassen.

Anne Schüssler wiederum erläutert noch einmal sehr anschaulich Was Sie schon immer über Frauenzählen wissen wollten, aber nicht zu fragen wagten.

Gabriele Fischer hat sich übrigens in einem Interview ebenfalls zum Thema geäußert.

Das konsequente Paradox fand ich mit Abstand den besten Text zu Frank Schirrmacher nach seinem plötzlichen Tod.

Doch Schirrmacher war weder links noch radikal, sondern zutiefst konservativ. Er wollte die Privilegien der Elite retten, zu der er sich selbst zählte. Er stellte sich nur schlauer an als die anderen Besitzstandsbewahrer. Der Trick war so simpel wie wirkungsvoll: Da Schirrmacher stets „die Revolution“ ausrief, schien eine Reform überflüssig. Das Machbare in der Gegenwart wurde ignoriert, weil es angeblich von der Zukunft überholt war.

Ich habe mich immer gefragt, was Menschen zu Musikfestivals treibt. Warum sollte ich irgendwo in einem Zelt hausen, ohne ordentliche sanitäre Anlagen, um Musik zu hören, die ich viel gemütlicher zu Hause auf dem Sofa hören könnte. Stevan Paul hat es geschafft, dass ich erstmals ansatzweise verstanden habe, warum ein Festival toll sein könnte.

“Liebe Brigitte, ich hasse dich!” von Carolin Kebekus.


Our unrealistic views of death, through a doctor’s eyes
Das Alter, das Sterben, schlimme Krankheiten und der Umgang damit sind Themen, die viel zu selten aufkommen und einen dann kalt erwischen, wenn sie auf einmal da sind. Ich mochte diesen Text weil er gleichzeitig mitfühlend, warm und entlarvend ist. Außerdem wird endlich mit dem ewigen Mythos aufgeräumt, dass Menschen früher nicht alt wurden.

Die Dummheit der Diäten, quasi.

Wenn man an das Gute im Menschen glauben möchte, hilft es immer wieder Herzdamengeschichten zu lesen Der Krieg, das Wir und das Kind.

Ich habe ein tolles Modeblog entdeckt: Lu zieht an

Das Projekt What’s Underneath von stylelikeu finde ich allgemein großartig. Ganz besonders gut hat mir aber das Interview mit Meredith Graves gefallen.

Einfach mal die Welt retten.

Das Konzept der Polyamorie kann mich nach wie vor nicht wirklich überzeugen, aber ich mag diesen unaufgeregten Text darüber, warum sie gut sein kann.

Link-Empfehlunge des Mannes:

Jo

7 Things to Consider Before Choosing Sides in the Middle East Conflict

Warum wir nicht vergessen dürfen und warum Hitlervergleiche scheiße sind

In Köln arbeitete ich in einem Gebäude, in das beim Bau Hakenkreuze ins Gemäuer eingearbeitet worden waren. Man hatte die Backsteine zwar nach dem Krieg abgeschlagen aber wenn man genau hinschaut, sieht man anhand des Verwitterungsgrades noch heute die Schatten der Hakenkreuze.

Ich mag, dass die Spuren nicht verwischt werden können. denn die Zeit des Nationalsozialismus ist ein Teil unserer Geschichte.

Aus psychohygenischen Gründen lesen ich derzeit noch weniger Kommentare als ohnehin schon, aber ab und an spült mir meine Timeline Kommentare aus der Hölle an.

Kommentare in denen immer wieder gefordert wird, dass wir Deutschen endlich aufhören sollen, uns wegen unserer Vergangenheit schlecht zu fühlen und Kommentare, in denen Traurigkeit darüber geäußer wird, dass Hitler nicht alle Juden getötet hat und Kommentare, in denen Vergleiche zwischen Hitler und dem aktuellen Verhalten der Israelis gezogen werden.

Allein eine homöopathische Dosis dieser Aussagen lässt mich am Geisteszustand vieler Mitmenschen zweifeln. Womöglich stellen diese Kommentare und die absurden Diskussionen – zwischen beiden Lagern – auch nur eine Mikroebene des Krieges dar, die woanders in einer Markoebenen blutig ausgefochten wird.

Es ist wahrscheinlich nicht möglicht, zu erklären, aus welcher Motivation heraus Menschen so etwas schreiben, aber es ist einen Versuch wert, die Argumente zu widerlegen.

Geschichte

Unsere Kultur suhlt sich in einem Fetisch der Historie. Als Geisteswissenschaflterin bin ich ein großer Fan davon. In jeder Kleinstadt wird der Geburstag einer ansatzweise berühmten Person gefeiert und der Todestag gleich mit. Wir lieben es zu gedenken und uns an unserer gesellschaftlichen und persönlichen Geschichte zu laben.

Wenn wir uns also gesellschaftlich so sehr über unserer Vergangenheit, über unser jahrundertelang aufgebautes Image als Denker, Ingenieure, Fußballer usw. definieren, warum wird bei jeder Gelgenheit vehement dafür plädiert, endlich mal die Zeit des Nationalsozialismus zu vergessen?

Vor nicht einmal einem Jahrhundert wurden in dem Land, in dem wir leben, Millionen Menschen umgebracht. Einfach so. Frauen, Kinder, Männer. Sicherlich war der Kopf des ganzen ein Irrer aber so ein Großprojekt schafft man nur, wenn man genügend Helfer hat.

Und weil genau dies in diesem Land möglich war, haben wir auch Jahrzehnte später eine ganz besondere Verantwortung, dass es nie wieder passiert. Gräueltaten lassen sich nicht relativieren, indem man sagt: “aber die auch” oder “was habe ich damit zu tun?”.

“Die Juden”

Nach dem 11. September stellte ich immer wieder fest, wie von “Den Moslems” gesprochen wurde, als hätte eine komplette Religionsgruppe nichts anderes zu tun, als das Böse über die Menschheit zu bringen.

Genauso wie bei “Die Juden” bekam eine Relgion ein Pseudostigma. Eine neutrale Sicht auf den Glauben, oder die Tatsache, dass sich eine Gruppe aus unterschiedlichsten Individuen zusammensetzt, wurde komplett ignoriert.

Und daran haben Medien und Politik genauso schuld, wie die geistig faulen Menschen, die lieber in vorgekauten engen Schemen denken, statt etwas logisch durchdringen zu wollen.

Dabei ist es gar nicht so schwer. Moslems wie Juden sind vor allem erst einmal Menschen.

Das Problem bei Menschen ist, dass es ab und zu Entwicklungen gibt, die einzelne Individuen aggressiv, böse, manipulativ usw. machen. Diese Individuen nutzen alles was sie bekommen können u.a. auch gern Religion, um ihre Macht zu vergrößeren, ihren Sadismus auszuleben und Unruhe zu stiften. In extremen Fällen führt das zu Anschlägen, Krieg, Mord, Totschlag.

Kurzum, es gibt riesige Arschlöcher auf dieser Welt und einige davon haben so viel Macht und Möglichkeiten, dass sie viel Unheil stiften können. Außerdem gibt es viele Menschen, die den Arschlöchern gern helfen, obwohl sie im Grunde anständige Leute sind.

Korrupte Machtgeilheit hat nichts mit Religion zu tun, Religion wird nur sehr gern im Namen unehrenhafter Ziele benutzt.

Es ist also völllig absurd, eine Religion oder eine Nation/ein Volk für irgendwas verantwortlich zu machen. Eine Gruppe besteht aus Individuen und wer fordert, eine große Anzahl von Individuen müsse bestialisch getötet werden oder sich darüber freut, dass eine große Anzahl von Individuen mal getötet wurde, soll bitte einmal seine Empathie suchen und womöglich fehlt auch noch einiges andere.

Empathie ist eigentlich ganz einfach: Stellen Sie sich vor, sie sitzen zu Hause und vor Ihren Augen wird ihre Mutter, ihre Bruder und ihr Kind getötet. Danach werden sie vergewaltitgt (geht auch bei Männern) und verprügelt und dann blutend liegen gelassen.

Niemand hat das verdient.

Hitlerverlgeich

In Absurdistan ist nichts unmöglich. Zuerst kommt die Forderung, endlich den häßlichen Teil der Geschichte ignorieren zu dürfen, dann folgt der Wunsch, dass ein ganzes Volk vernichtet werden soll und zum großen Finale kommt der Hitlervergleich.

Wie kleine Kinder stehen sie da und krakelen, dass die einen jetzt auch dürfen, wofür die anderen mal geschimpft worden sind und überhaupt, alle sind Hitler.

Hitlervergleiche sind auf vielen Ebenen scheiße. Sie sind zum einen sehr unkreativ. Nach Hitler kommt nicht mehr viel und der ständige Gebrauch stumpf die Metapher ab. Das fällt dann leider auch auf die Zeit des Nationalsozialismus zurück, die damit auch eher zu einer stumpfen Vorlage für schlechte Witze wird.

Und Hitlervergleiche lenken ab. Sie lenken ab von der eigentlichen Situation. Jedes Krisengebiet ist nicht Deutschland in den 30er und 40er Jahren. Wenn ich sie aber mit dem Nationalsozialismus vergleiche, verbaue ich mir in dem Moment den Blick auf das, was tatsächlich passiert. Statt zu versuchen, zu begreifen, was vor Ort wirklich los ist, beruhige ich mich mit einem Meinungstemplate im Sinne von “been-there-done-that”. Ich gebe mich politisch, aber im Grunde interessiert es mich nicht.

Und dann dient der Hitlervergleich natürlich auch als Hintertür für die Bereinigung des schlechten Gewissens. Es ist ein wenig wie Straftäter-Mau-Mau, bei dem sich in jeder Runde gesagt wird, dass der anderen mehr Tote als man selbst zu verantworten hat. Das Problem ist, niemand wird von diesem Spiel wieder lebendig. Es ist nichts gewonnen außer Schuldzuweisung und Häme.

Ich kann verstehen, wie man ohnmächtig und verständnislos vor den Bildschirmen sitzt und sich fragt, was für ein Wahnsinn in diversen Teilen der Welt passiert. Ich kann Reaktionen wie Apathie, Ignoranz, Hoffnungslosigkeit und Wut verstehen.

Was ich nicht verstehen kann, ist Hass und der Wunsch, dass Menschen sterben. Wenn wir auf Gräuel mit (verbaler) Gräuel reagieren, sind wir Teil des Problems, nicht Teil der Lösung.

Twitter-Favs Juli 2014

Ode an die Gier

Als ich in Italien Au-Pair war, machte ich abends häufig das Abendessen. Die Mutter meiner Au-Pair Kinder ermahnte mich dabei immer, sehr sparsam mit dem Parmesan zu sein. Er sei zu intensiv und nicht dafür geeigent, ihn pur zu verzehren.

Seitdem esse ich regelmäßig – am liebsten im Stehen direkt neben dem Kühlschrank – ein großes Stück Parmesan. Denn ich liebe es, einfach so in der Beiläufigkeit, seinen kräftig-salzig-käsigen Geschmack zu genießen.

Wer gern isst und nie zierlich war, hat man mit Sicherheit schon das ein oder andere Mal gehört ‘Are you really going to eat that?’. Ich hörte darüber hinaus auch häufig, ich solle mehr kauen, langsamer essen, nicht schlingen, nicht immer zwischendurch essen und nicht so gierig sein.

Wer schlingt ist kein Genießer, wertschätzt nicht das Essen, lebt ungesund und hat einen rohen Charakter.

Ein Klassiker des verfehlten Fremd- und Selbstbildes, denn ich halte mich für eine Genießerin, ich liebe Essen, bin gesund und naja, womöglich ist der Charakter burschikos. Aber das kann auch auf eine hervorragendes Hirschgulasch zutreffen.

Ich glaube, der Gier wird viel Unrecht getan.

Im Englischen gibt es für Gier diverse Übersetzungen mit leicht variierenden Bedeutungen:

voracity: Gefräßigkeit, Unersättlichkeit
lust: Wollust
avidity: Begierde
esurience: Hunger

In der abendländlichen Kultur gibt eine große Begeisterung für die Trennung von Körper und Geist. Ziel eines glückseligen Lebens ist es, den Geist dazu zu bringen, den Körper zu dominieren. Die löbliche Hoffnung ist wohl die, dass rational denkende Menschen, mit hoher Frustationstoleranz und der Fähigkeit, Triebe zu unterdrücken, einfach besser miteinander auskommen und sich weniger abschlachten. Die Historie und die Gegenwart zeigen uns, dass der Plan nicht unbedingt aufgeht.

Und wahrscheinlich hat man sich in Zeiten, in denen das Essen knapp war, überlegt, dass langsames Essen mit viel Kauen gesünder ist. Meiner Mutter hat man in der Nachkriegszeit auch erzählt, dass frisches, warmes Brot unweigerlich zu schlimmen Magenschmerzen führt. So wurde das Brot natürlich auch noch einige Tage später hart und trocken verzehrt.

Aber Menschen können – sie müssen nicht – schlingen, es geht hervorragend und man bekommt auch keine Magenschmerzen davon. Im Gegenteil, wenn ich zwanzig Mal einen Bissen kauen muss, dann wird mir schlecht. Schlecht, weil ich ein Problem mit Konsistenz habe. Ich finde klebrig-schleimige Dinge ekelhaft. Ich verweigere mich auch jeder Form von Aspik. Ein Spuckebrei wird mit der Dauer des Kauens meist nicht leckerer, sondern vor allem glibberiger.

Am Essen genieße ich vor allem den Geruch, manchmal die Konsistenz, das Gefühl eines wohligen Gefüllt-Seins (die wahre Kunst ist, den perfekten Punkt der Sättigung zu erfühlen) und den Nachgeschmack (Zwiebeln und auch Knoblauch können mir unter Umständen nachträglich das ganze Essen versauen).

Dass ich die Nahrung dafür gierig in mich hineinschaufle, hat nichts mit fehlendem Genuss zu tun. Ich glaube einfach, dass Menschen sehr unterschielich an Dinge herangehen.

Als Kleinkind machten wir Urlaub in Lacanau. Ich erinnere mich an riesige Wellen. Ich hatte zunächst Angst und Respekt vor dem großen, tobenden Meer, aber meine Mutter und mein Bruder brachten mir bei, in die Wellen hineinzutauchen. Seitdem liebe ich es, zu tauchen. Wenn ich schwimmen gehe, überkommt mich der Moment des Glücks immer dann, wenn ich mit dem Gesicht unter Wasser den ersten Schwimmzug mache.

Wenn etwas Leckeres vor mir steht, dann tauche ich auch da schnell, konzentriert und – je nach Qualität – mit brachial wirkender Leidenschaft ein.

Meine Gier ist für andere Menschen so lange völlig irrelevant, bis sie sie betrifft. Wenn ich also die erste am Tisch bin, die fertig ist, nehme ich womöglich drei Mal Nachschlag, während andere noch am ersten Böhnchen nagen.

Insofern wird die Gier immer erst dann zum Problem, wenn andere Menschen ihretwegen zu kurz kommen. Sie deshalb per se zu veruteilen, finde ich ungerecht.

Ich finde Unersättlichkeit, Wollust und Begierde sind tolle Motoren des Lebens. Wir wissen ja nicht was danach kommt, wahrscheinlich nichts. Dem möchte ich dann wenigstens satt entgegentreten.