Winterlicher Frauenteich

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„Ich frage mich: Sind sie als Freundinnen hergekommen oder haben sie sich im Teich angefreundet? Wie lange sind sie schon in dem eiskalten Wasser? Werde ich je eine Freundin haben, die mit mir in eiskalten Teichen schwimmt?“

(Leanne Shapton, Bahnen ziehen)

Im Spätsommer schenkte mir meine Mutter Bahnen ziehen von Leanne Shapton. Die Frau des Sohnes der besten Freundin meiner Mutter hatte es ihr für mich empfohlen und ich bin ihr unglaublich dankbar dafür. Das Buch ist ein poetischer Schatz. Ich wollte jede Seite streicheln und las extra langsam und mit vielen Pausen, um es nicht zu schnell durchzulesen. Shapton erzählt in Bahnen ziehen unter anderem von diversen Schwimmorten, die sie besucht hat. Im Kapitel „Wäsche“ schreibt sie über den Hampstead Heath Ladies‘ Pond. Ich habe gleich nach dem Teich gegoogelt und als sich abzeichnete, dass mein Mann und ich im November nach London reisen würden, beschloss ich, den Ladies Pond zu besuchen.

Der Teich liegt in einem großen Park. Der Pond ist ganzjährig geöffnet und fast täglich werden die aktuellen Wasser-Temperaturen online aktualisiert. Besorgt sah ich, dass das Wasser Anfang November nur noch 7-8 Grad hatte. Ich gehe zwar regelmäßig schwimmen aber der Pool ist 26-27 Grad warm. In Cascais lag die Meeres-Temperatur bei immerhin 18 Grad und fühlte sich trotzdem sehr kalt an. Ich hatte gelesen, dass man sich am besten an kalte Wassertemperaturen gewöhnt, wenn man nach dem Sommer einfach nicht aufhört, in freien und ungewärmten Gewässern zu schwimmen.

Allerdings schwimme ich nicht allein in unbeaufsichtigten, offenen Gewässern und ich habe auch keine Freunde, die meine Begeisterung fürs Schwimmen in dieser Form teilen. Etwas unsicher überlegte ich immer wieder mein Vorhaben zu stornieren und statt dessen ein paar Bahnen im Londoner Olympiapool zu ziehen. Außerdem nahm ich meinen Neoprenanzug mit. Vielleicht würde ich mich mit ihm eher ins Wasser trauen.

Am Tag unserer Abreise nahm ich am Vormittag die Overgroundbahn. Wegen Reparaturarbeiten konnte ich zwei Stationen fahren und musste dann in einen Schienenersatzverkehr umsteigen. Ich hatte mich bei der Suche verzettelt und den Bus gerade verpasst. Zwei Männer zeigten mir die richtige Bushaltestelle und trösteten mich, dass der nächste Bus in 15 Minuten käme.

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Im kalten Nieselregen brach mein Handy zusammen. Der Bus kam pünktlich und mein Handy wärmte sich auf, so dass ich die Distanz zwischen Bus und Hampstead Heath auf der Karte verfolgen konnte. Die Fahrt durch den Londoner Norden dauerte ewig. Ich überlegte abzubrechen und mit der nächsten aktiven Undergroundlinie zurück ins Hotel zu fahren. In einigen Stunden ging unser Flug und ich hatte keine Ahnung wie ich zeitnah wieder zurück kommen sollte. Der Mann schrieb, er würde mir ein Taxi bezahlen ich solle jetzt keinesfalls die Mission abbrechen. Ich blieb also im Bus sitzen, der wiederum ganz andere Probleme hatte. Laut Busfahrer war das Fahrzeug nämlich nicht für die Straßen im Norden Londons geeignet, weil es zu tief lag. Dies führte dazu, dass der Bus bei jedem Drempel und jedem Loch in der Straße aufsetzte. Das Aufsetzen war so stark, dass ich befürchtete, dass die gesamte Front abfallen und auf den engen Straßen liegen bleiben würde. Außer mir schien niemand besorgt zu sein, nachdem der Busfahrer versichert hatte, dass die Aufsetzer kein Problem darstellen.

In Hampstead Heath stieg ich aus. Ich befand mich nun in einem sehr lieblichen Stadtteil und machte mich auf dem Weg zum Park.

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Anhand der im Park aushängenden Karte stellte ich fest, dass der Ladies Pond noch einen ordentlichen Fußmarsch entfernt war. Außerdem sah ich, dass er – anders als der Herrenteich – etwas versteckt lag. Eiligen Schrittes lief ich durch den Park.

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Als ich am Herrenteich vorbei kam, sah ich einen Schwimmer im Wasser. Ich bereitete mich auf eine sehr einsame Zeit im Teich vor. Am Tor zum Frauenteich kamen mir allerdings gleich eine Frau und ihre Teenagertochter entgegen. Ich trat durch das Tor.

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Einige Meter weiter standen zwei Automaten, die wie Parkuhren funktionierten. Hier zahlte ich den Eintritt von 2 Pfund. Dann sah ich den Teich.

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Das Wasser war dunkel und voller Laub. Ich sah niemanden schwimmen. Dafür gefiel mir das Ponton auf dem mehrere kleine Hütten standen. Ein Hinweisschild teilte mir mit, dass ich nicht nackt ins Wasser gehen dürfe. In der Tat hatte ich es für möglich gehalten, dass Frauen in einem Frauenteich nackt baden. Aber so war es mir auch Recht. Ich folgte den Stimmen und stand auf einmal in einer nach oben hin offenen Umkleide. Die Frau neben mir bestätigte, dass ich mir einen Haken suchen könne und mir um meine Sachen keine Sorgen machen solle. Sie hatte einen Badeanzug an, ihre Haut war feuerrot und sie zog gerade Handschuhe und Schuhe aus Neopren aus. Sie erzählte, dass ein Badeanzug völlig ausreicht aber Schuhe und Handschuhe bei der Kälte etwas helfen würden. Ich sagte, dass ich das zum ersten Mal machen würde, es ein Traum von mir wäre und ich sehr gespannt sei. Sie wünschte mir viel Spaß und viel Glück.

Im Badeanzug ging ich zum Teich.
Auf einem Schild war die aktuellen Wassertemperatur angegeben: 7 Grad. Immerhin regnete es nicht mehr. In einem kleinen Raum auf dem Ponton saßen zwei Rettungsschwimmer und beobachteten den Teich (und mich). Vom Ponton führen drei Leitern ins Wasser. Zwei direkt nebeneinander und eine einige Meter entfernt. Eine junge Frau schwamm die Strecke zwischen den entfernten Leitern, schaute mich lächelnd an und meinte, sie würde es heute nur von einer Leiter zur nächsten schaffen. Ich stieg im Badeanzug ins Wasser und während ich noch dachte „Ist ja gar nicht so schlimm“ stand ich mit krebsrotem Körper wieder auf dem Ponton. Die Rettungsschwimmer beobachteten mich. Ich wärmte mich auf und stieg dann wieder ins Wasser. Dieses Mal schwamm ich einige Züge bis zu einem Rettungs-Surfbrett dass im Wasser ankerte. Ich war mir nicht sicher, ob durch das kalte Wasser eher meine Atmung oder eher mein Herz aussetzen würde. Eine Ente schwamm an mir vorbei und sah mich freundlich-mitleidig an. Dann stand ich wieder auf dem Ponton und wärmte mich auf. Die Rettungsschwimmer hatten mich weiterhin im Blick. Eine große, sehnige Frau von etwa 60 Jahren hüpfte über den Ponton, stieg ins Wasser und kraulte quer durch den Teich zu dort ankernden Ringen. Schwer beeindruckt sah ich ihr zu.

Genauso zügig und lässig aber dieses Mal in Brustlage schwamm sie auf mich zu. Wir kamen ins Gespräch und sie meinte, dass ein winterlicher Einstieg ins Kaltwasserschwimmen nicht optimal wäre. Ich erzählte, dass ich in Hamburg leider keine Möglichkeit hätte, sicher in offenen Gewässern zu schwimmen. Sie empfahl mir, es nicht zu übertreiben und wenn ich die Distanz zwischen den entfernten Leitern schwimmen möchte, sollte ich langsam schwimmen fast gleiten und dabei tief ausatmen. Es wären gut acht Züge. Sie schwamm weiter und ich brach auf zur „weit“ entfernten Leiter. Ich versuchte zu gleiten. Mein Rumpf fühlte sich eigentlich ganz gut an, mein Herz und meine Lunge hatten nicht mehr so viel Panik aber dafür fühlten sich Arme, Hände, Beine und Füße wie kalte Betonklötze an. Ich erreichte die Leiter, stieg zufrieden aus dem Wasser und beschloss, es dabei zu belassen.

Hinter dem offenen Umkleideraum gab es einen geschlossenen Raum mit Duschen und ebenfalls Möglichkeiten zum umziehen. Vier Frauen unterschiedlichsten Alters unterhielten sich und lachten als würden sie sich schon lange kennen. Die furchtlose Wasserfrau, mit der ich mich unterhalten hatte, war auch fertig und duschte sich neben mir. Das Wasser aus der Dusche war nur marginal wärmer als das Wasser im See. Ich wusch trotzdem Körper und Haare. Dabei unterhielt ich mich weiter mit der Frau. Sie hatte vor einigen Monaten den Rettungsschwimmer gemacht und arbeitete ehrenamtlich beim Ladies Pond. Es war offensichtlich, dass sie diesen Ort liebte und ich konnte sie verstehen. Ich fragte sie, ob sie häufig Leute aus dem Wasser holen müssten aber sie meinte, die Hauptaufgabe der Lifeguards wäre eher Prävention.

Ich ging wieder raus und zog mich an. Zwei Frauen – eine jung und eine alt – mit dicken Jacken und Wollmützen traten ein. Sie grüßten freundlich und unterhielten sich dann weiter über eine Weihnachtsfeier. Als die Jüngere meinte, sie wäre schon zwei Wochen nicht mehr schwimmen gewesen und würde sich gar nicht richtig trauen, begann die Ältere zu singen. Das Lied war nicht schön oder wurde nicht schön gesungen aber es handelte von Freunden die einander Mut machen (hätte also auch ein Kölner Karnevalslied sein können). Die Frauen gingen zum See und ich schaute in den Himmel. Ich fühlte mich sehr aufgehoben.

Es gab keinen Föhn und so zog ich die Kapuze über den Kopf und ging los.

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Auf dem Ponton stieg gerade eine Schwimmerin aus dem Wasser, zwei anderen begrüßten Sie mit einem lauten Geburtstagsständchen. Ich schaute nochmal auf den Teich und genoß diese besondere Leichtigkeit und Zufriedenheit, bevor ich mich auf den Weg zum Hotel und dann zum Flughafen machte.

Ein kleiner Film von Hanna Aqvilin über das Winterschwimmen in Hampstead Heath.

Verständnis ist keine Option

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Heute war ich mit meiner Familie in Berlin im Holocaustmahnmal.
Ich habe mich früher oft gefragt, wie Menschen dazu kommen, anderen Menschen so etwas anzutun, wie eine ganze Nation einem grausamen Sadismus verfallen kann. Die Wahl in den USA zeigt, wie viele Menschen willig sind, andere Menschen zu verachten und zu quälen. Sie genießen es, sich über anders aussehende, anders denkende, anders glaubende und anders liebende zu erheben und ihnen immer wieder zu sagen und zu zeigen, wie abartig sie sie finden und ihnen immer wieder die Gleichberechtigung abzusprechen.

Wer glaubt, dass sei ein Problem, dass sich nur auf die USA beschränkt, ist naiv. Bei uns ist das Thema genauso aktuell. Die AfD zieht fröhlich in die Landtage ein und die Antwort vieler Parteien, Politiker und Medien ist, sich diesen Menschen anzunähern, sie zu verstehen oder gar ihre Ideen und ihre Rhetorik zu übernehmen. Gern wird die politische Korrektheit gar als Ursache gesehen dafür, dass immer mehr Menschen marodierend umherziehen,
Flüchtlingskinder zum heulen bringen, Menschen mit Gewalt drohen oder gar angreifen oder Leute im Internet mit Hassparolen belästigen und bedrohen.

Aber wer das alles mal logisch durchdenkt, muss zu dem Schluss kommen, dass die politische Korrektheit nichts damit zu tun hat. Anstand und Respekt können nicht das Problem sein. Keine Diskussion wird durch Beschimpfung und Beleidigung besser. Es geht hier ausschließlich um die Freude an der Verachtung, an der Demonstranz der eigenen Überlegenheit und des Machtanspruchs. Wer sich so verhält, ist nicht intellektuell oder gesellschaftlich abgehängt worden. Wer sich so verhält, hat einfach keine gesellschaftliche Integrität. So eine Person möchte nicht abgeholt werden, so eine Person möchte ohne die Gefahr der Konsequenz anderen das Leben zur Hölle machen.

Deshalb ist die Behauptung, man dürfe ja nichts mehr sagen, so irre ironisch. Dieses Gejammer derjenigen, die ohnehin schon mehr Gehör finden als alle anderen, die Angst und Schrecken verbreiten, die andere beleidigen, möchte ich nicht mehr akzeptieren. Nur dass ich nicht falsch verstanden werde, ich habe kein Problem mit der Äußerung von Meinung. Ich kämpfe sogar gern mit dafür, dass die vermeintlich unterdrückte „Mehrheit“ weiter rassistische, sexistische und homophone Dinge sagen darf. Zensur – da sind wir uns einig – ist keine Option. Aber was ich ihnen nicht zugestehen werde, ist eine Berechtigung oder gar eine Entschuldigung. Es gibt keine rassistische Äußerung, die besser wird, wenn man ein „Ich bin kein Rassist, aber…“ davorsetzt. Es gibt keinen Grund andere Menschen wegen Hautfarbe, Geschlecht, Religion oder Sexualität zu degradieren. Menschlichkeit und Humanismus können nicht relativiert werden.

Das kann man anders sehen, aber dann muss man sich eben auch fragen lassen, welche niederen Instinkte dahinter stehen. Nach der Wahl von Trump halte ich fast alles für möglich. Aus diesem Grunde ist es wichtiger denn je, Dinge zu benennen, statt sie zu entschuldigen.

Politische Korrektheit ist nicht das Problem

Am Mittwoch dem 26.10.16 war ich Gast beim 27. EuropaAbend in Hamburg. Dort hielt Günther Oettinger eine Rede über Wirtschaft und Solidarität im digitalen Zeitalter – wie sichern wir Europas Zukunft?.

An meinem Tisch saßen überwiegend Männer geschätzt zwischen 40 und 70 Jahren und ein paar Frauen zwischen 35 und 60 Jahren. Das Tischgespräch war etwas langweilig, der Gesprächseinstieg lief über die Frage, was für ein Unternehmen man hat. Einige kannten sich wohl schon länger und tauschten sich über Sport, Urlaubsreisen oder die Auslandserfahrungen ihrer Kinder aus. Mit einer Anwältin sprach ich über Strategien in der Zusammenarbeit mit Männern. Der Abend mit gutem Wein und leckerem Essen zwischen wohl situierten Menschen mit hohem Bildungsniveau hätte unspektakulär nach dem Dessert enden können.

Dann aber kam Oettingers Rede. Vor einigen Jahren hatte ich im gleichen Rahmen eine Rede von Wolfgang Schäuble gehört. Ich war damals überraschend begeistert gewesen. Es besteht für mich nicht die Notwendigkeit, politisch mit jemandem übereinzustimmen, um beeindruckt und bewegt zu sein. Schäubles Rede war ein intelligenter Ritt durch die Historie Europas, ein Plädoyer für Frieden, Einigkeit und Respekt. Auf dieser Ebene finden wir einen gemeinsamen Nenner. Einen Nenner, der essentiell ist, für ein Europa, in dem ich leben möchte.

Oettinger muss man lassen, dass auch er hinter einer gemeinsamen europäischen Idee steht. Dann aber lässt er alles missen, was ich von einem Politiker erwarte, der auf einer hohen Position mit der Umsetzung dieser Idee betraut ist.

Kompetenz (in digitalen Themen, seinem Ressort):

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Respektvoller Umgang mit Menschen und das Wissen darüber, dass rassistische, sexistische und homophobe Witze nicht witzig sind und Menschen verachten und kränken:

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Als ich darüber twitterte, gab es einiges an Feedback aber nichts Weitreichendes. Glücklicherweise wurden Teile der Rede auch von Sebastian Marquardt gefilmt und als YouTube-Video online gestellt. Dies führte dann tatsächlich dazu, dass das Thema medial aufgegriffen wurde. Und auch Oettinger reagierte endlich. Seine Erklärung zeigt aber vor allem sein fehlendes Problembewusstsein. Auch hiermit beweist er, eine Fehlbesetzung in der europäischen Spitzenpolitik zu sein.

Aber Oettingers Rede war nicht das, was mich an diesem Abend am meisten verzweifeln ließ:

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Während der Rede wurde – nicht von allen und anfangs auch noch zurückhaltend – viel gelacht und geklatscht. Und zwar genau an den Stellen, an denen Oettinger die Grenzen von Anstand und Respekt überschritt. Insofern stimmt es, wenn er gegenüber der Welt sagt:

„Auf der Veranstaltung habe ich viel positiven Zuspruch bekommen.“

Am Tisch kam es nach der Rede zu einer Diskussion. Viele am Tisch hatten sich bestens amüsiert über die Witze Oettingers, einige schwiegen betreten oder äußerten ihre Kritik nur im direkten Gespräch. Ich kritisierte, – gerichtet an die ganze Tischrunde – dass ich einen großen Widerspruch in der Rede sehe. Wie können wir als Europa für ein humanistisches Weltbild christlich-jüdischer Prägung stehen, wenn dieses die Verhöhnung diverser Gruppen beinhaltet? Das europäische Weltbild, das ich meinen Kindern vermitteln möchte, beinhaltet Anstand, Toleranz und Respekt. All das war nicht Bestandteil der Rede Oettingers.
Gleich kamen relativierende Reaktionen: „Wie kann man sich nur so über ein paar Worte aufregen?!“ oder „Ist doch toll, wenn jemand mit so einer kontroversen Rede die Grundlage für eine Diskussion legt.“ Ich verließ irgendwann den Tisch und wusste, dass die meisten mich für eine wirre Spinnerin hielten.

Auch später im Fahrstuhl meinten ein paar Gäste, sie wären positiv überrascht gewesen, dass Oettinger eine so kurzweilige Rede gehalten hätte. Als meine Begleitung und ich darauf hinwiesen, dass diese Kurzweiligkeit auf rassistischen und homophoben Witzen basierte, schienen sie dies überhaupt erstmals wahr zu nehmen. Anders als bei einige Herren an meinem Tisch folgte hier immerhin keine absolute Abwehrhaltung.

An all das fühlte ich mich erinnert, als ich Claus Klebers Kommentar zu dem Thema auf Twitter las:

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Unabhängig davon, dass ich gerade von Kleber keine Ignoranz fleischhauerigen Ausmaßes erwartet hätte, bin ich an dem Punkt angekommen, an dem ich einfach kein Verständnis mehr habe.

Ich erkläre gern warum:

Der Abend mit Oettinger hat mir gezeigt, dass wir kein Problem mit zu viel politischer Korrektheit, sondern mit zu wenig politischer Korrektheit haben. Wir können nicht die AfD und ihre Freunde als politische Brandstifter bezeichnen und dann die gleiche Sprache benutzen. Nicht die politisch korrekte Sprache ist das Problem. Das Problem sind diejenigen, die nicht in der Lage sind, eine unterhaltsame Rede zu halten, die ohne Beleidigung und Degradierung auskommt. Wie bei der Kindererziehung geht es auch in der Politik um Vorbildfunktion. Die Welt lässt sich nicht verbessern, indem wir die Sprache der Ignoranz, Separation und Bösartigkeit übernehmen, sondern indem wir die von uns proklamierten humanistischen Werte leben und so auch sprechen. Sprache ist keine leere Hülle, sie repräsentiert unser Tun. Ein Medien-Mann wie Kleber sollte die Macht der Sprache kennen.

Ich fürchte, das Kernproblem ist ein anderes. Es geht um die hegemoniale Deutungsmacht. Wenn man jahrzehntelang gewohnt ist, dass man ohne Konsequenz tun und sagen kann, was man will, dann irritiert einen dauerhafte Kritik. Dann wirken diejenigen, die einen auffordern, das eigene Handeln zu überdenken wie eine Bedrohung. Man wünscht sich zurück in eine Zeit, in der ein weißer Mann nur durch einen anderen weißen Mann kritisiert werden konnte. Politische Korrektheit ist eine Reißzwecke auf den Stühlen der Klebers, Fleischhauers, Oettingers, Martensteins und Matusseks, klein aber nervig. Inhaltlich können sie nicht dagegen argumentierten. Also nutzen sie die Strategie der Verharmlosung, sie machen sich darüber lustig, sie verunglimpfen und setzten den Kontext einer albernen Hysterie oder sehen sich als Opfer von Shitstorms.

Meine Damen, aber vor allem meine Herren, Sie sind nicht die Opfer. Sie sind die Ursache und es ist mir eine Ehre die nervige und hysterische Reißzwecke auf Ihrem Stuhl zu sein.

Wie ich meiner Tochter was vorlas und dann einen feministischen Rant schrieb

Ich habe der Tochter neulich vor einer Reise ein Heft von Sofia, die Erste gekauft. Weil sie gerade erst lesen lernt, habe ich ihr Teile daraus vorgelesen. In dem Hauptcomic geht es um Sofias Stiefschwester Amber. Amber hat einen Zwillingsbruder namens James. Sie findet es doof, dass sie immer zusammen Geburtstag feiern müssen und will ihn zwei Monate jünger zaubern lassen. Der Zauberer macht einen Fehler und James ist nun zwei Jahre alt. Kaum ist der Bruder zum Kleinkind geworden, tapert er los und ist auf einmal verschwunden. Besorgt suchen Sofia und Amber nun nach dem verlorenen Kleinkind. Am Ende singt Amber ein Lied, dass sie früher zusammen mit ihren Bruder gesungen hat und der kleine Junge wird davon angelockt und taucht wieder auf. Voller Reue bittet Sofias Freundin nun den Zauberer, ihren Bruder wieder groß zu zaubern. Alle haben sich lieb.

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Obgleich ich ein großer Freund von Harmonie, Friedlichkeit und miteinander klar kommen bin, hat mich dieser Comic total wütend gemacht. Warum in aller Welt können kleine Mädchen nicht mal was Spannendes erleben? Warum müssen sie sich um (klein gezauberte) Brüder kümmern? Warum ist das Aufregendste im Leben einer Prinzessin eine Geburtstagsparty? Neulich las ich einen Text über Hörspielhelden wie Bibi Blocksberg, TKKG oder Benjamin Blümchen. Dabei musste ich daran denken, dass Conny, Prinzessin Lillifee und Bibi Blockberg Figuren sind, die auch das Wahlprogramm der CSU vermarkten könnten. Spießig, brav, angepasst, konservativ, salonfähig xenophob, und immer voller Reue, wenn mittels der eigenen besonderen Fähigkeit die Kompetenzrichtlinien überschritten wurden. Gerade bei Bibi Blocksberg ärgert mich immer wieder ihre Verweigerung zu hexen. Sie könnte viel Gutes, Schlechtes, Spannendes oder Unheimliches tun und erleben, aber statt dessen ist ihr Fernziel die gesellschaftliche Anpassung trotz ihrer Hexenfähigkeiten. Das spannendste weibliche Rollenmodell für Kinder in der Mainstreamkultur ist Pippi Langstrumpf. Das heißt seit 71 Jahren ist nicht groß was Neues und Aufregendes hinzugekommen. In den Geschichten mit vorrangig männlichen Figuren wie Ninjago, Nexo Knights oder Pokémon geht es indessen um kämpfen, reisen, Prüfungen bestehen und oft um nichts Geringeres als die Rettung der Welt.

Während ich meiner Tochter aus der Cliché-Welt von Sofia vorlas, musste ich an Orna Donaths Buch Regretting Motherhood – Wenn Mütter bereuen denken. Man muss seine Mutterschaft nicht bereuen, um nachvollziehen zu können, dass Mutterschaft in unserer Gesellschaft mythisch überhöht wird und wenig mit der Realität zu tun hat. Ich erinnere mich gut, wie ich mich gefreut hatte, endlich ein Kind zu bekommen. Als mein Sohn da war, fühlte ich mich, als wäre ich mit ihm auf einer einsamen Insel ausgesetzt worden. Ich hatte das Gefühl geistig zu veröden und gleichzeitig musste ich 24 Stunden am Tag zur Verfügung stehen. Fühlte ich mich schon während der Schwangerschaft und der Geburt kontrolliert und überwacht (Gewicht, Herztöne, Nahrung), so fühlte ich mich nach der Geburt allein gelassen mit dem Kind, wurde aber gleichzeitig von den Standards der „guten Mutter“ überwacht. Ich habe in den Monaten der Elternzeit Wege für mich gefunden, gut damit umzugehen. Aber ich verstehe jetzt jede Frau mit einer postnatalen Depression oder dem Gefühl, die Mutterschaft zu bereuen. In unserer Gesellschaft ist Mutterschaft sehr eng verbunden mit der Erwartung an eine weibliche Selbstaufgabe.

Herbert Renz Polster hat in seinem wirklich sehr empfehlenswerten Buch Kinder verstehen analysiert, dass unser gesellschaftliches Konstrukt der Kleinfamilie (die Idee von Mutter-Vater-Kind ist nämlich mitnichten natürlich oder gottgegeben) häufig dazu führt, dass Schwangere und Mütter vom gesellschaftlichen Leben isoliert werden oder sich isoliert fühlen. In Gesellschaften mit Clanstrukturen ändert sich durch eine Schwangerschaft oder die Mutterschaft wenig für die Frauen. Sie gewinnen ggf. an Ansehen, verlieren aber nicht ihre Aufgaben oder gesellschaftliche Stellung. Durch die Anwesenheit vieler Bezugspersonen wird die Mutter zudem entlastet und nicht durch die Monopolstellung als Mutter-Bezugsperson überlastet.
Bei uns wird die Frau mit Kind zur Mutti. Jemand der sich kümmert und arbeitet aber gleichzeitig nicht besonders ernst genommen wird. Muttis kommen nicht ins Feuilleton, sie schreiben Blogs und Bücher für andere Muttis. Sie sind eng mit dem Privaten verbunden und sobald es politisch wird, sind sie nur als Zaungäste geladen. Ich möchte mich jedes Mal übergeben, wenn Männer z.B. Entscheidungen über Abtreibung fällen. Ich denke da immer: kein Uterus, keine Ahnung. Wenn die Frau nicht zeitnah wieder Vollzeit arbeitet, wird sich ihre berufliche Stellung stark ändern. Beruflich wird sie eine Teilzeitmutti ohne Karrierechancen, dafür mit kleinerem Gehalt und mit einem dauerhaft schlechtem Gewissen gegenüber der Arbeit und der Familie sein. Oder sie bleibt Hausfrau und wird belächelt. Das Berufsbild der Hausfrau hat in etwa den gesellschaftlichen Status eines Opel Corsas: fährt aber ist nicht erstrebenswert. Steven Nelms hat errechnet, was die Arbeit einer Hausfrau kosten würde, wenn diese von Dienstleistern übernommen werden würde. Eine Hausfrau käme damit auf ein (konservativ geschätztes) jährliches Gehalt von 67.800$ (ca 60.000€).

Das heißt, die wirtschaftliche Kraft der Arbeit einer Hausfrau entspricht einem mittleren Managementgehalt. Dagegen ist das Gehalt in der Elternzeit (maximal 21.600€ jährlich aber auch nur für einen begrenzten Zeitraum) ein Trostpflaster. Wie ist es also möglich, dass Frauen willig diese Carearbeit machen und keinen Cent dafür erwarten? Es gibt genug Leute, die behaupten, die Pflege und Sorge für Kinder und Angehörige läge in den Genen der Frau. Die Reaktionen auf Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen, offenbaren beängstigend deutlich, wie tief verankert die
Vorstellung ist, das Frauen von Natur aus Mutter sein wollen und können. Einer Frau, so wird es vermittelt, ist die mütterliche Selbstaufgabe in die Wiege gelegt. Nach zwei Kindern und 39 Jahren auf der Welt kann ich nur annehmen, dass ich entweder einen Gendefekt habe oder dass es sich dabei um eine absurde Behauptung handelt. Eine Behauptung, die dazu führt, dass Frauen oft nicht nur Lohnsteuer zahlen, sondern auch kostenlos die Pflegearbeit in der Gesellschaft übernehmen. Dass diese Arbeit im konkreten gern belächelt und kleingeredet wird, setzt dem ganzen ein Krönchen auf. Ich merke immer wieder wie selbstverständlich über die mütterliche Arbeitskraft verfügt wird, wenn ich mich nicht für Kuchenbüffets oder Dienste bei Schulfesten melde. Neulich wurde mir drei Mal eine Liste gereicht, weil ich mich noch nicht eingetragen hatte. Beim vierten Mal wäre ich vielleicht eingeknickt. Gleiches gilt für Putzdienste. In der Kita einer Freundin müssen die Eltern alle paar Wochen samstags putzen. Ich habe dort noch nie einen Mann gesehen. Offenbar zählt putzen nur bei Frauen zur Freizeitgestaltung.

Wobei wir wieder bei Sofia der Ersten wären. Denn auch sie organisiert am liebsten Geburtstagsfeiern oder Übernachtungspartys. Sie ist eine Augenweide, sie vermittelt, vergibt, hat Verständnis, kuschelt und liebt. Sie ist Prinzessin aber sie regiert nicht und trifft nur Entscheidungen im privaten Bereich. Meine Tochter schaut sich also bereits mit 6 Jahren ein Heft (oder eine Serie) an, mit der sie auf ihre gesellschaftliche Rolle vorbereitet wird. Der Mythos der selbstlos-sorgenden Frau wird so aufrecht erhalten und soll wohl dafür sorgen, dass meine Tochter auch in 20 Jahren nicht auf die Idee kommt, dass irgendwas falsch läuft, wenn von ihr erwartet wird, ohne Geld und Anerkennung ein Maximum an Pflegearbeit zu leisten. Sie kann sich dann auf den jährlichen pathosbeladenen Muttertag freuen und sich die 363 restlichen Tage des Jahres erklären lassen, wofür eine Frau von Natur aus gemacht ist.

Das Jammern der Don Quijotes

Dave Hon hat vor kurzem geschrieben, warum er keine Feministin zur Freundin haben möchte. Von all der digitalen und analogen Trollerei sind es solche Äußerungen, die mich tatsächlich mal amüsieren.

Welche Motivation hat ein Mann, wenn er sich an den Computer setzt und schreibt, dass er keine Feministin heiraten würde? Was für eine Idee liegt den Kommentaren zugrunde, in denen Feministinnen als schlechte Partnerinnen dargestellt werden? Hintergrund kann ja nur sein, Frauen durch den Entzug von Liebe, Sex oder der Aussicht auf eine Beziehung zu bestrafen. Damit diese Strafe (ich ficke keine Feministin) oder Drohung (wenn du Feministin bist, ficke ich dich nicht) funktionieren kann, müssen zwei Voraussetzungen gegeben sein:
A) Frauen sehnen sich nach Beziehungen und Sex mit Männern. Diese Sehnsucht ist groß, denn die Beziehungslosigkeit stellt ein Stigma dar. Dieses Stigma ist so enorm, dass Beziehungslosigkeit als Strafe empfunden wird. Ergo setzt eine Frau alles daran, eine Beziehung mit einem Mann zu haben. Im Zweifel schwört sie sogar dem Feminismus ab, um ihrem Lebensziel näher zu kommen.
B) Männer, die oben genannte Aussagen tätigen, halten sich für Hauptgewinne. Der Entzug ihrer Liebe oder ihrer Aufmerksamkeit führt bei Frauen zu schierer Verzweiflung, weshalb Frauen alles für den Mann tun werden, um ihn (zurück) zu erobern.

Rückenwind erhalten diese theoretischen Voraussetzungen z.B. von Frauenmagazinen. Darin steht nach wie vor, was eine Frau zu tun hat, um einen Mann für sich zu gewinnen. Auch das Rollenmodell der Prinzessin, die untätig im Schloss auf ihren aktiven Prinzen wartet, ist nicht tot zu bekommen. Das ändert aber nichts an der Realität. Es gibt Frauen, die ganz wunderbar ohne Beziehung leben können und wollen. Es gibt zudem Frauen, die einfach kein Interesse an Männern haben. Außerdem gibt es keine Knappheit der „Ressource Mann“. Seit meiner frühen Adoleszenz konnte ich viel Erfahrung darin sammeln, mir Typen vom Hals zu halten, die ich nicht wollte. Natürlich wurde auch ich zuweilen abgewiesen aber als Frau stellt man schnell fest: Männer sind ausreichend vorhanden.

Weil es trotzdem nicht so einfach ist – mit Liebe und Partnerschaft – wird viel hin und her analysiert. Alle paar Monate behauptet jemand, dass Frauen nur richtige, maskuline Kerle haben wollen und die ganzen „weichen“ Männer übrig bleiben. Ich halte diese Aussage für verkürzt und falsch. Ein Problem ist unter anderem, dass sich die Falschen für richtige Kerle halten. Ein Mann wird durch respektloses und dummes Verhalten nicht anziehender, sondern offenbart vielmehr den Grad seiner Arschlochigkeit. Die Frustration darüber, dass die, die sich für „ganze Kerle“ halten, im Männerangebot untergehen und alleine bleiben, wird gern umgemünzt in eine Dämonisierung des Feminismus. Womit wir wieder bei Dave Hon und seinen Freunden angekommen wären.

Sie sind die Don Quijotes unserer Gesellschaft. Ihre Windmühle ist der Feminismus. Indem sie ihn dämonisieren, machen sie sich zu Witzfiguren in einer Welt, die ganz hervorragend ohne sie zurecht kommt.

Das ist kein Feminismus, das ist Scheiß-Werbung

H&M hat für die Herbstsaison ein Video produziert und alle überschlagen sich mit Euphorie. Endlich wird die dicke, dünne, androgyne, haarige und multiethnische Frau gehuldigt, endlich bekennt sich auch H&M zum Feminismus, zur Selbstliebe und einem facettenreicheren Frauenbild.

What the fuck. Das ist kein feministisches Manifest, das ist Werbung. Ich habe selbst auch schon Werbung verlinkt, die ich tolle fand und auch ich hätte dem Clip gern euphorisch zugejubelt. Aber H&M für einen Clip zu loben, der mal nicht total beliebig und trivial ist und kein beknacktes Frauen- und Körperbild transportiert, ist als würde man Blatter dafür loben, nur die Hälfte an Schmiergeldern angenommen zu haben.

Während im Clip also in den ersten Sekunden eine dralle Frau in Unterwäsche durchs Bild läuft, schließt H&M fröhlich die Plus-Size Abteilungen in diversen Filialen. Vor kurzem erst versuchte ich, in Hamburg in der Filiale Jungfernstieg, eine Jeans in meiner großen Größe zu kaufen. Die Abteilung gab es nicht mehr. Auf meine Twitter-Nachfrage hin wurde ich auf den Filialenfinder auf der Website hingewiesen, der auf dem Handy aber nicht funktioniert. Was doof ist, wenn man beim Shopping kein WLAN-fähiges Laptop dabei hat.

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An diesem Tag bestellte ich online zum letzten Mal zwei Paar Jeans bei H&M und suche jetzt nach gut passenden Alternativen.

Als Antwort auf meinen Eintrag bei Facebook wurde mir erklärt, dass ich mit der App auch auf dem Handy Filialen mit Plus Size raussuchen kann. Ich habe das mal probiert. Leider gibt es keinen entsprechenden Filter.

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Entweder hat H&M in jeder Filiale nun auch Kleidung für Frauen mit Größe 44/46 und drüber oder sie haben diese Größen nun komplett rausgenommen, möchten dies aber nicht so klar kommunizieren. Letzteres ist mein Verdacht. Immerhin kann man noch online große Größen bestellen. Fakt ist, H&M hat in New York City alle großen Größen aus den Geschäften genommen. Das ist umso absurder, als dass die durchschnittliche Amerikanerin Größe 46/48 trägt. Ich kann mir für diese Strategie nur zwei Gründe vorstellen:

1) H&M ist nicht am Verkauf ihrer Ware an möglichst viele Menschen interessiert. Wenn ich online einkaufe, bin ich viel preisbewusster als im Geschäft. Besonders interessant ist die Verkaufsverweigerung wenn man in Betracht zieht, dass H&M schon lange nicht mehr konkurrenzlos ist. Möglicherweise glauben die entsprechenden Manager mit weniger verkaufter Ware mehr Gewinn zu machen. Das wäre dann mal eine interessante antikapitalistische Strategie.

2) H&M hat Angst, ihr Image zu verlieren, wenn sich auf einmal viele dicke Menschen in ihren Filialen rumtreiben und ihre Kleidung tragen. In diesem Fall müsste das Image mehr Wert sein, als 30% mehr verkaufte Ware (Schätzwert von mir).

Was auch immer hinter der Verweigerung von H&M steht, dicken und fetten Menschen Kleidung zu verkaufen, der Werbespot wirkt in diesem Licht wie eine höhnische und bösartige Verarschung.

H&M entdeckt den Feminismus also nur für Frauen bis Größe 44 und auch nur für Mädchen mit einem schmalen Körperbau. Meine sehr schlanke Tochter passt hervorragend in die „Jungs-Kleidung“ Größe 124 aber die Röhrenjeans und knappen T-Shirts der „Mädchen-Kleidung“ Größe 124 sitzen eng und unbequem. Was für eine verkackte Form von Feminismus ist das bitteschön, wenn schon 6jährigen das Gefühl vermittelt wird, dass sie zu breit und zu kräftig für ihre Kleidung sind? Was für kranke Idioten mit Lolita-Fantasien entscheiden bei H&M darüber, in was für einen Schnitt ein 6jähriges Mädchen passt? Das ist kein Feminismus, das ist frühkindliche Prägung für ein schlechtes Körpergefühlt. Interessanterweise passen die Kindersachen in der gleichen Größe bei C&A deutlich besser.

Und bei all der Euphorie, dass jetzt auch H&M entdeckt, dass Feminismus Trending Topic ist, vergessen wir nur zu schnell, für was für einen kleinen Kreis diese Emanzipation gilt. Nämlich nur für die Frau der reichen, westlichen Welt. Einen Dreck geben wir und gibt H&M für die Näherinnen, die dafür sorgen, dass wir die Stoff gewordenen Coolness des Feminismus an unseren hippen normschönen Körper tragen. Sehr schön hat Josefine Schummeck dazu geschrieben: Liebes H&M, auch mit langen Achselhaaren gewinnst du mich nicht zurück

Alles in allem hat mir der Clip nochmal vor Augen geführt, warum H&M scheiße ist und warum ich keinesfalls mehr dort einkaufen sollte, weder analog noch digital.