Eine Handvoll Lieblingstweets

Kommentaroffensive

Heute morgen spülte mir Facebook die aktuelle Kolumne von Margarete Stokowski in die Timeline. Dieser Text ist unglaublich klug und sehr differenziert. Stokowski stellt zunächst erstmal dar, dass die meiste Gewalt gegen Frauen und Männer von Männern kommt. Sie stellt ebenfalls fest, dass es offenbar eine Form der Männlichkeit gibt, die auf Gewalt und Dominanz basiert und Gefühle nicht zulässt. Aus dieser resultiert womöglich die Gewalt, die für unsere gesamte Gesellschaft problematisch ist. Oder anders ausgedrückt: wenn vor allem Männer zu Gewalttätern werden, dann sollten wir uns überlegen, wieso das so ist. Margarete Stokowski schreibt nicht, dass Männer grundsätzlich Vergewaltiger und Schläger sind, sie schreibt auch nicht, dass es ein männliches Schicksal ist, gewälttätig zu werden. Sie ist lediglich der Meinung, dass ein bestimmtes gesellschaftlichen Bild von Männlichkeit, dazu führen könnte, dass Männer gewalttätig werden.

In einem Anfall von Irrsinn klickte ich auf die Kommentare. Es handelte sich nicht einmal um die Kommentare unter dem Originaltext, sondern um relativ moderate Kommentare unter einer Facebook-Verlinkungen. Seit einiger Zeit antworte ich sogar auf Kommentare. Es ist mein Versuch, Dinge nicht so stehen zu lassen. Ich schreibe Kommentare weil ich fnde, dass ein „das wird man ja wohl sagen dürfen“ kein Freifahrtschein für Pöbeleien, Anfeindungen oder Verunglimpfungen ist.

Dieser Kommentar fiel mir auf:

A: Oh man, nervt mich der permanente Gender Mist. Auf der einen Seite keinen Unterschied machen, aber auf der anderen Seite abgrenzen. Was wollt ihr denn machen? 100000 Jahre Evolution zurück drehen? Die ganze Natur ändern? Der größte Teil hält sich an die Gesetze. Umgekehrt gibt es genügend Frauen, die andere Straftaten begehen. Sprechen wir mal darüber!

Ich antwortete:

Journelle: Oh man, mich nerven diese Typen die permanent rumnöhlen. Auf der einen Seite beweisen die Statistiken, dass Männer gewalttätiger sind als Frauen aber auf der anderen Seite schimpfen die Männer wenn dieser Fakt klar benannt wird. Was wollt Ihr denn? Wollt Ihr Weiber verprügeln und vergewaltigen? Ist es das was ihr glaubt, das die Evolution Euch mitgegeben hat? (Abgesehen davon, wer sich jemals ernsthaft mit Anthropologie und Menschheitsgeschichte auseinander gesetzt hat, müsste wissen, dass aggressives männliches Verhalten wie im Text beschrieben, nicht naturgegeben ist). Was wollt Ihr? Zivilisation und Rechtsstaat wenn es Euch passt und sonst eine evolutionäre Erklärung für schlechtes Verhalten? Klar, hält sich der Großteil an Gesetze aber warum jammerst du rum, wenn gesagt wird, dass die, die sich nicht dran halten, vor allem Männer sind. Und welche Straftaten meinst Du? Statistiken bitte, wild rumbehaupten kann jeder. Ich verstehe es echt nicht, statt darüber nachzudenken, wie wir für uns alle und unsere Kinder die Welt besser machen können, ist Deine Reaktion Rumgejammere? Was für eine Trostlosigkeit!

Man kann sich immer sicher sein, dass geantwortet wird:

A: Was ich will? Solche dummen Sätze wie Ihr Männer nie wieder hören. Es geht mir auf den Sack. Und wenn das rumnöhlen/jammern was auch immer sein soll: jammert nicht rum ihr wisst doch wie die Welt ist. Das wäre ein genauso dämlicher Kommentar wie ihrer. Und ja wir sind gewalttätiger. Nennt sich dann Evolution. Sinn würde es machen sich darüber Gedanken zu machen wie man das nutzbar macht und nicht immer rummault, dass alle Männer sxheiße sind. Sorry, aber es nervt nur noch. Was wollt ihr von mir? Ich habe niemals eine Hand gegen eine Frau erhoben, ich habe immer alle Menschen mit einem Mindestmaß an Respekt behandelt. Trotzdem muss ich mir anhören ich sei gewalttätig und ein Vergewaltiger, per se. Weil ich ein Mann bin. Schon mal überlegt, dass das eine gewisse Form von Rassismus ist? Wahrscheinlich nicht. Die „Statistiken“ in diesem Artikel lassen einer Überprüfbarkeit übrigens missen. Daher kann ich ebenfalls sagen: Statistiken bitte. Können wir nicht langsam aber sicher mal auf Aufenhöhe diskutieren ohne dass sich Frauen moralisch überlegen und erhaben aufführen? Das sind meine Probleme. Trostlos ist mein Leben übrigens nicht, danke für den dummen Kommentar am Ende, könnten Sie sich wohl auch nicht verkneifen, oder? Können Sie ja auch nicht beurteilen, kennen mich ja nicht. Und eine bessere Welt für meine Kinder bedeutet eine bessere Welt ohne solche Artikel, ohne dass ich mir diesen blöden Mist wie ihren anhören muss. Den Fehler mal im System gesucht? Vllt ist Gewalt eine reflektorische Handlung? Ich habe keine Ahnung woran es liegt. Ach übrigens, dass will ich alles. Was andere Männer wollen, fragen Sie die bitte persönlich. Ich kann nur für mich sprechen. So blöde Verallgemeinerungen helfen niemanden. Das ist das selbe als wenn man: die Syrer oder sonst muss schreibt genauso unnötig und dumm.

Aber auch auf meine Antwort kann man sich verlassen. Sie hat allerdings etwas gedauert, weshalb in der Zwischenzeit 20 weitere Kommentare geschrieben wurden. Diese sind zwar auch sehr interessant, aber alle Kommentare zu zitieren, würde dazu führen, dass dieser Text das epische Ausmaß einer Folge Game of Thrones annehmen würde:

Journelle: Well, that escalated quickly.

Ich konzentrier mich mal auf Ihre Antwort, die sich konkret auf mich bezog. Allerdings werde ich sicherlich auch den ein oder anderen Kommentar in diesem Diskussionsverlauf aufgreifen.

Ganz offenbar ist Ihr Problem, dass Sie nicht mit Gewalttätern in einen Sack gepackt werden möchten. Sie sind ein guter Mann. Sie schlagen und vergewaltigen keine Frau. Und ich möchte sie dazu beglückwünschen, das machen sie gut. Wenn Sie den Text von Margarete Stokowski aufmerksam gelesen hätten, wäre Ihnen aufgefallen, dass Männer nicht angegriffen werden. Es wird von einem gesellschaftlichen Männerbild gesprochen, das toxisch ist. Ich zitiere aus dem Text:
„Im Englischen gibt es den Begriff der „toxic masculinity“, also einer Form von Männlichkeit, die auf Dominanz und Gewalt basiert und Gefühle nicht zulässt. Dazu gehört auch die Vorstellung einer gigantischen Ladung sexueller Triebhaftigkeit, die nur mit Mühe in zivilisierten Bahnen gehalten werden kann. Es ist ein Problem, wenn Jungs und Männern immer wieder erzählt wird, dass ein „richtiger Kerl“ nicht weine, eine ausschweifende und geradezu animalische Sexualität habe und alles, was sich ihm in den Weg stellt, eigenhändig beiseite räumen müsse – ein Problem für Frauen und Männer.
Es ist diese Form von Männlichkeit, die wir thematisieren müssen. Dass sie weit verbreitet ist, heißt nicht, dass sie in der „Natur“ von irgendwem liegt.“

Sie sehen, weder der Text noch ich haben Sie persönlich beleidigt oder einen Vergewaltiger genannt. Sie haben das einfach mal auf sich bezogen, um dann in einem perversen Twist sich selbst zum Opfer zu machen.

Und in diesem Zusammenhang würde ich auch gern auf den Widerspruch, der Ihren Kommentaren zu Grunde liegt, aufmerksam machen. Denn Sie behaupten einerseits, das Männer gewalttätiger sind und andererseits wollen Sie nicht als gewalttätiger Mann bezeichnet werden. Sie müssen sich da entscheiden, wenn Sie logisch argumentieren wollen.

Und das nennt man auch nicht Evolution. Evolution bedeutet nicht, dass der Stärkere siegt. Es bedeutet, dass die sich durchsetzen, die sich am besten Ihrer Umgebung anpassen. Nach der Heftigkeit Ihrer Reaktion zu urteilen, haben Sie große Probleme sich daran anzupassen, dass Frauen es nicht mehr reicht, von Männern beschützt zu werden, sondern sie (zu recht) fordern, nicht mehr (von Männern) angegriffen zu werden. Und dann würde ich gern noch darauf hinweisen, dass Evolution keine Prozess hin zu einem Optimum ist. Es ist ein Prozess der Veränderung, der durchaus auch zu Sackgassen führen kann. Ich sag das mal, bevor Sie auf die Idee kommen, irgendjemand wäre hier die Krönung der Evolution.

Was das Thema Verallgemeinerungen angeht, gebe ich Ihnen absolut Recht. Auch da liefern Sie ein gutes Beispiel bei der Behauptung Frauen wären auch in Straftaten involviert. Das ist korrekt, wie die Statistik* zeigt. Allerdings sind diese Straftaten in den meisten Fällen keine Gewalttaten. Das heißt nicht nur, dass Frauen allgemein weniger Verbrechen begehen, bei den Verbrechen handelt es sich dann auch meist um Sachen, die nichts mit Gewalt zu tun haben. In dem Text von Frau Stokowski ging es genau um Gewalt und nicht um Kriminalität im allgemeinen. Insofern erst lesen, dann pauschalisieren und reden.

Zum Schluss schreiben Sie viel wirres und wütendes. Ich erkläre Ihnen gern was ich mit meinem letzten Absatz meinte: wie schade ist es doch, dass wir hier solche erhitzten Diskussionen führen anstatt dafür zu sorgen, dass die Welt für uns und unserer Kinder lebenswerter wird. Und damit meine ich nicht die Rückbesinnung auf vermeintlich alte Werte, wie Männer die Frauen beschützen, sondern ich meine eine Welt in der es deutlich weniger Männer gibt, die Gewalttaten verüben.

Und last but not least. Sie sprechen mehrfach das Thema „Diskussion auf Augenhöhe“ an. Ich verstehe das so, dass Sie damit einen respektvollen Ton und den Austausch von klaren Argumenten und nicht Verallgemeinerungen, Defamierungen und Pöbeleien meinen. Leider sehe ich einen solchen Diskussionsstil nicht bei Ihnen. Sie diskutieren – wie ich ja schon oben angesprochen haben – ohne den Text gelesen oder verstanden zu haben oder sie schimpfen allgemein über den Gender Mist oder machen „witzige“ Sprüche darüber, dass sie joggen gegangen sind, um nicht zu vergewaltigen. Das alles sind für mich Indizien, dass Sie kein Interesse an einer Diskussion haben. Sie möchten pöbeln. Ich kenne Sie nicht, deshalb weiß ich nicht, woher Ihre Frustration und das Bedürfnis zu pöbeln kommt. Fakt ist, niemand hat Sie einen Vergewaltiger genannt. Es geht um ein gesellschaftliches Thema und die offene Frage, wie wir damit umgehen. Wenn Sie konstruktiv daran mitarbeiten würden, statt Ihren Unmut in Kommentaren loszuwerden, wäre schon viel gewonnen.

Nun erhielt ich auch von B. eine Antwort. B. war zuvor schon durch relativ differenziertes Pöbeln und Jammern aufgefallen:

B: Ich finde es schön, wie sie ihren Beitrag sachlich formuliert haben, ohne A. zu beleidigen und bin ihnen dankbar für die Klarstellung, dass sie nicht glauben, er sei ein Vergewaltiger.

Ich habe das gefühl, dass sie sein Problem nicht so recht nachvollziehen können, kein Problem, anderes Paar Schuhe etc. ich kann ihn hingegen gut verstehen, denn:

Der Text ist nicht sachlich, sondern stellt gewalt als männlich dar und argumentiert fortan subjektiv. Dass Männer gewalttätiger auftreten ist in gewisser Weise richtig, wer aber Gewalt nahezu synonym mit sexueller Gewalt verwendet, wie die Autorin (vorallem mit ihrem Ratschlag am Ende), schafft ein sehr binäres Gewaltbild. In diesem Bild ist Gewalt ein Junge und Leid ein Mädchen.
Irgendwo neigt diese diskussion abzudriften und plötzlich ist Gewalt nicht nur ein Synonym für Vergewaltigung, sondern Mann ein Synonym für Täter. Das ist eine ungerechtfertigte Stigmatisierung.
Gegen dieses Bild stehen wir friedvollen Männer.

Btw. zwar üben Frauen selten selbst körperliche Gewalt aus, treten aber nicht selten als Anstifterinnen auf. Ein schwacher Mann muss nicht zwangsläufig Butter in den Armen haben, sondern kann auch schwach im Geiste sein. Die Frage ist, ob Gewalt in diesem Fall nicht tatsächlich ein Mädchen ist.

Aber auch A. ließ sich nicht nehmen, mir zu antworten:

A: Danke für ihren langen und ausführlichen Kommentar.
Eines vor weg: durchgehende Unterstellungen wie zum Beispiel: ich hätte ein Problem damit, dass Frauen gleichberechtigt sind führen natürlich zu einer heftigen Reaktion. Sie haben keine Ahnung wer ich bin. Daher nehme ich Ihnen das nicht übel und erkläre Ihnen kurz meine Sichtweise zu der Sache, vllt verstehen Sie dann auch den Rest. Mir ist es unendlich egal ob Frauen jetzt meine Chefs werden oder Polizistinnen sind oder sonst was. Ist ein freies Land sollen sie machen. Mir ist das auch egal ob eine Frau auf mich angewiesen ist. Wenn sie es nicht ist, ist es umso besser kann ich mich mehr mit anderen Sachen beschäftigen und muss mir darum keine Gedanken mehr machen. Ich bin in einer Welt groß geworden in der Frauen schon gleichberechtigt waren als ich geboren wurde. Woran soll ich mich denn noch anpassen müssen? Sie wundern sich warum das eskaliert ist? Da packen Sie sich selbst bitte an die Nase ;-)
Zum Thema Evolution:
Evolution ist die Anpassung eines Individuums an seine Umwelt. Das Merkmal, dass sich als Überlebensvorteil herausstellt, wird weiter vererbt. Das andere geht mit dem Individuum unter. So hat sich über Jahrmillionen die Spezies herausgebildet die es heute gibt. Zu diesen Merkmalen gehören Nebens den üblichen Organen auch Hormone und Verhaltensweisen. Daher ist meine Annahme, dass die männliche Aggressionsbereitschaft im allgemeinen, unter der Rücksichtnahme der letzten 3000 Jahre Geschichte, absolut nicht abwegig, ganz im Gegenteil. Die modernen Statistiken sprechen dafür.
Noch ein paar Sätze zu ihren vermutlich gut gemeinten Ratschlägen. Ich reagiere auf Kommentare die auf mich losgelassen wurden, je nach Qualität der Kommentare. Auch da gilt: an die eigene Nase packen. Eine Ferndiagnose über Facebook wie ich denn nun sein solle, ist auch echt nicht ratsam. Mach ich bei Ihnen auch nicht, obwohl mir da ein paar Sachen einfallen würden, aber ich kenne Sie nicht. Gepöbelt wird, wenn man angepöbelt wird.

Ich beschloss, nicht mehr zu antworten. Die Reaktionen zeigten mir, dass sich zwar der Ton geändert hatte, aber nach wie vor eine sehr geringe Bereitschaft vorhanden war, sich argumentativ und konstruktiv mit dem Thema auseinander zu setzen.

Insofern möchte ich mit einem Facebook-Eintrag von Charlie Glickmann schließen:

*In einem anderen Kommentar wurde eine Statistik des BKA über Frauen und Kriminalität verlinkt.

Wie ich beinahe mal ein Buch schrieb

Vor gut einem Jahr sah ich mich als Bestsellerautorin. Wobei ich bei näherer Recherche feststellte, dass ich mit einem gut verkaufenden Buch wahrscheinlich im besten Fall einen oder zwei schöne Urlaube für meine Familie finanzieren könnte. Nach dem, was ich so mitbekam, kann man nur dann gut vom Bücher schreiben leben, wenn man regelmäßig Bestseller verkauft. Ansonsten scheint es eher ein angenehmens Zubrot zu sein und man sollte unbedingt ein weiteres finanzielles Standbein haben. Vielleicht wurde ich auch einfach nur falsch informiert.

Aber darum ging es mir ohnehin nicht. Eine Lektorin eines recht bekannten Verlages fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, ein Buch zu schreiben. Diese Frage würde ich genauso wenig mit „nein“ beantworten wie ich ein Törtchen mit flüssiger Schokolade ablehnen würde. Eine solche Anfrage befriedigt sowohl meine Eitelkeit als auch mein Bedürfnis nach Anerkennung. Das ist fast so toll, wie verknallt zu sein.

Unabhängig davon frage mich allerdings nach wie vor, was der Mehrwert eines Buches ist, wenn man bequem und kostenfrei ohnehin fast alles, was ich darin schreiben würde, im Blog lesen oder auf re:publica-Videos sehen könnte. Aber wahrscheinlich erreicht man mit gebundenen und bedruckten Seiten auch heute noch mehr Leute und eine andere Zielgruppe.

Die Vorstellung, mich einem Thema sehr ausführlich zu nähern, fand ich ebenfalls spannend und ich war mir sicher, dass mein Thema auch genug Stoff für 200 Seiten hergeben würde. Der Mann war ebenfalls begeistert von der Idee, sagte aber auch, dass ich die Langstrecke eines Buches nicht unterschätzen sollte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es schwieriger ist, ein Buch zu schreiben, als einen Blogtext pro Woche.

Nach ein paar Telefonaten machte ich mich an ein Exposé und ein vorläufiges Inhaltsverzeichnis. Ich schreibe grundsätzlich langsam und ohne Plan. Ich blogge ohne Navi, am Ende stehe ich vor irgendeinem Ziel und denke „Jo, kann man machen“. Bei meinen bisherigen re:publica-Vorträgen ging ich etwas strategischer vor, aber auch nur, weil ich einige Monate zuvor eine Zusammenfassung abgeben musste und es ja peinlich wäre, wenn ich am Ende über was ganz anderes spreche. Mein Exposé und mein Inhaltsverzeichnis sollten meine Zusammenfassung sein, die Struktur des Buches. Die Lektorin bemerkte, dass mein Ansatz eher einer Doktorarbeit gleiche und zu ausführlich sei. Sie strich die Hälfte des Inhaltsverzeichnisses. Wir telefonierten wieder und ich sollte anfangen zu schreiben und in ca. 2 Monaten die ersten 20 Seiten als Textprobe abgeben. Ich fühlte mich etwas verloren. Sie meinte, ich solle einfach mit einzelnen Passagen oder Kapiteln beginnen. Das alles müsse (noch) nicht zusammenhängen. Das kam mir sehr entgegen, da dies meiner bisherigen Vorgehensweise beim Bloggen ähnelte.

Der Mann half mir bei der Korrektur, was beide Seiten sehr viele Nerven kostete aber sinnvoll war. Er bemängelte, dass er noch keinen roten Faden erkennen würde und ich meinte, das sei noch kein Problem, wir hätten im Telefonat abgesprochen, dass ich gern nur einzelne Aspekte aufgreifen kann. Trotzdem bekam ich noch einen dünnen roten Schimmer in den Probetext und schickte ihn ab. Die Antwort kam einige Wochen später. Das Buch-Projekt müsse leider abgesagt werden. Man hätte lang diskutiert aber der rote Faden würde fehlen und sowieso sei alles gerade etwas kompliziert. Einige Monate später erfuhr ich, von jemand anderem, dass es strukturelle Veränderungen in dem Verlag gab. Das führte wohl auch dazu, dass einige Projekte gecancelt wurden. Womöglich war aber meine Textprobe auch einfach nicht gut genug gewesen oder passte nicht zu dem, was der Verlag gern wollte.

Fühlte ich mich also noch wenige Monate zuvor gebauchpinselt und kurz vor dem Start einer neuen Karriere, war ich nun die sitzen gelassene Teenagerin. Das Schreiben war für mich mit sehr viel Aufwand verbunden gewesen. Anders als gedacht, ist das Schreiben eines Buchs eben doch etwas anderes. Als jemand der unter Themen-ADHS leidet, musste ich sehr viel Selbstdisziplin aufbringen, immer über das Gleiche zu schreiben. Außerdem fehlte mir das schnelle Feedback, das ich von Blogtexten oder Vorträgen kenne. Dass diese Mühe nicht belohnt wurde, war natürlich sehr traurig. Aber ich ärgerte mich auch über mich selbst. Ich hätte auf ein persönliches Treffen bestehen sollen. So hätte sicher schneller und besser geklärt werden können, ob es passt und in welche Richtung der Verlag gehen will und ob ich die Vorstellung des Verlages auch umsetzen kann. Einfach mal machen (zu lassen) ist total unprofessionell. Bei einem persönlichen Treffen hätte man auch gleich mal die Grundlagen für einen Vertrag klären können. Darüber wurde nämlich nie gesprochen.

Ich hatte natürlich mit der Option gerechnet, dass meine Textprobe nicht angenommen wird. Hierfür hatte ich einen Plan b und c. Entweder einen anderen Verlag kontaktieren bzw. einen Agenten suchen oder das Buch selbst z.B. via Amazon veröffentlichen. Über einen engen Verwandten kam ich in Kontakt mit einem Literaturagenten. Wir trafen uns und ich übermittelte ihm alle Unterlagen. Er meldet sich noch einmal mit dem Hinweis, er sei gerade sehr eingespannt aber wir hätten es ja glücklicherweise nicht eilig. Und dann hörte ich nichts mehr von ihm. Sicherlich hätte ich nochmal nachfragen können, aber ganz offenbar hatten auch ihn mein Exposé und meine Textprobe nicht vom Hocker gehauen. Wahrscheinlich hatte er keine Lust oder nicht die passenden Worte, um mir abzusagen. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt genug von Leuten, die ganz offenbar andere Vorstellungen von Kommunikation, Zusammenarbeit und Verbindlichkeit haben als ich.

Nachdem ich den Ordner geschlossen habe, mochte ich auch nicht wieder bloggen. Schon bevor ich mit dem Buchprojekt begonnen hatte, langweilten mich meine Blogtexte. Da kam es mir sehr entgegen, wegen des neuen Projekts mit dem Schreiben ins Internet erstmal aus zeitlichen Gründen aufhören zu müssen. Langsam kommt die Lust am Schreiben aber wieder. Vielleicht setze ich auch meinen neuen Plan d um.
Plan d ist, dass ich mein Buch ins Internet schreibe. Kapitel für Kapitel, wann ich will und ohne roten Faden, einfach weil es die Form des Schreibens ist, die mir am meisten Spaß macht.

Es war nie so einfach, die Welt zu retten

In meinem kuscheligen Leben hatte ich nur sehr selten Jahre existenzielle Angst. Ich glaubte mich in einer sicheren Welt, die auch Terroranschläge (woanders) nicht wirklich erschütterte. Seit langem mal wieder panisch wurde ich, seitdem viele flüchtende Menschen nach Deutschland kommen.

Aus zwei Gründen:

Zum einen weil die Flucht dieser Menschen zeigt, dass meine Sicherheit und Freiheit örtlich sehr eingeschränkt ist. Ich lebe in einer analogen Filterbubble und bis jetzt konnte ich Berichte über moderne Sklaverei in Ländern, aus denen ich Kleidung und technische Geräte beziehe, verdrängen. Ich konnte auch verdrängen, dass unsere Reichtum zu einem erheblichen Teil darauf basiert, dass wir aktiv dafür sorgen, dass andere Länder nie den Frieden und die Möglichkeiten haben werden, eine Wirtschaft aufzubauen, die die Grundlage für ein lebenswertes Dasein schafft. Nun aber kommen Menschen zu uns und meine Blase ist geplatzt. Wenn ich an meiner Filterblase festhalten möchte, müsste ich in letzter Konsequenz dafür stimmen, Menschen an der Grenze durch Waffen von meinem Land fernzuhalten. Das möchte ich nicht. Und nach den ersten Momenten der Sorge, da ich ja nun aus meiner kuschligen Höhle gefallen war, konnte ich auch die Chance erkennen. Wenn wir es mit unseren freiheitlichen Werten ernst meinen, dann müssen wir die Grenzen öffnen und helfen. Noch nie war es so einfach, die Welt zu retten. Wir müssen nicht einmal nach Afrika reisen. Es reicht aus, sich im eigenen Land wie ein anständiger Mensch zu verhalten und denen, die zu uns kommen, das gleiche Recht auf Selbstbestimmung und Entwicklung zuzubilligen, das wir so vehement für uns einfordern. In Deutschland geboren zu sein ist Zufall, kein Verdienst.

Die eine Panik konnte ich also schnell umdeuten und darin eine Chance für mich und mein Land sehen. Die andere Panik resultiert aus dem Hass und der Missgunst in unserer Gesellschaft. Sie manifestiert sich überall. Bei Politikern, die das Rückgrat einer Qualle und den moralischen Kompass eines Charles Manson haben, in den Medien, die unabhängig von ihrer Position, Ressentiments schüren statt sich reflektiert und vernünftig zu äußern, in den täglichen Diskussionen mit Menschen um mich herum, in Postings und in Kommentaren.

Meine friedliche und freiheitliche Welt ist zerborsten. Nicht weil Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund zu uns kommen, sondern vor allem weil es in meinem Land so viele Menschen gibt, die alles humane aus ihrem Geist gestrichen haben und zu Geschöpfen des Hasses, der Missgunst und der Bösartigkeit werden.

Das Traurige ist, dass diese Leute – die ich nach wie vor für eine Minderheit halte – so laut sind und so viel Aufmerksamkeit bekommen. Sie sind quasi das Problemkind in der Klasse. Sie überstrahlen mit ihrem Geschrei und Gezeter all die anderen. Und wie die Problemkinder in der Schule sind sie am Ende wohl auch nur selbst ein Opfer. Das aber berechtigt sie nicht, den politischen Kurs in unserem Land zu bestimmen oder sich als die Stimme des Volks zu glorifizieren. Ich fürchte, es gibt nur einen Weg. Wir müssen uns klar gegen sie positionieren, ohne sie auszustoßen. Die Vernunft ist leise und meist nicht polemisch. Ich fürchte wir müssen laut werden, mehr Kommentare widerlegen, erschreckende Diskussionen führen, besonnen bleiben und keinen Zweifel daran lassen, wofür wir stehen. Es ist Kräfte zährend und so erschütternd immer wieder in den Abbiss des Hasses zu blicken. Aber wie gesagt, es war noch nie so einfach, die Welt zu retten, direkt bei uns zu Hause.

Call for Papers

Felix und Alex haben ihre Einreichungen für die #rpTEN veröffentlicht. Ich fand das eine gute Idee.

Das Internet hat mich dick gemacht

Die Gefahr, dass der Anteil dicker Menschen in der Bevölkerung zunimmt, ist real. Und das Internet hat seinen Anteil daran. Es bringt die Leute auf die Idee, dass Dick-Sein gar nicht so schlimm ist.

Oft fragte ich mich, woher die gesellschaftliche Obsession mit Diäten, Fitness und Gesundheit kommt. Und ob uns ein schlankerer Körper, eine Entgiftung mit grünen Säften und ein Runtastic-Lauf wirklich zufriedener macht.

Aber um mich herum wurde diätet, gesportelt und selbstoptimiert. Meine Zweifel mussten falsch sein, es können sich ja nicht alle irren.

Dann stieß ich im Internet auf Menschen, die wie ich hinterfragten, warum eine sehr eng definiere Körpermasse als erstrebenswert und ideal festgelegt wurde. Und die versuchen – häufig begleitet von wüsten Beschimpfungen -, die Mythen um unseren absurden Körper- und Gesundheitskult zu entlarven.

Eine gern genommene Beschimpfung ist jene, die Dicke zur Belastung des Gesundheitssystems degradiert. Dabei genügt ein wenig Recherche und schon stellt sich heraus, dass Übergewicht nur sehr bedingt ein Gesundheitsrisiko ist. Aber warum wird Gesundheit überhaupt als absoluter Wert gesehen? Ist der gesellschaftliche Werte eines Individuums an seiner Gesundheit bezifferbar?

Immer wieder gibt es jemanden, der einen Yeti gesehen hat. Ähnlich ist es bei Diäten. Immer mal wieder gibt es einen, der langfristig und total einfach mit einer Diät abgenommen hat. Online werden Diät-Konzepte wie eine Promotion von Guttenberg auseinandergenommen. Übrig bleibt der Mythos – wie beim Yeti.

Ästhetik ist kein Mythos, aber ein gesellschaftliches Konstrukt. Wenn nur lange genug behauptet wird, dass Schlaghosen schön sind, trägt sie am Ende jeder. Das ästhetische Empfinden lässt sich also beeinflussen. Es kann sich entsprechend wandeln zu einer Akzeptanz der Vielfalt bei Körpern, Figuren, Farben und Formen. Dank vieler direkter digitaler Kanäle, werden dafür nicht mehr die im Wandel langsamen klassischen Medien gebraucht.

Dank all der Informationen und ihres Rückhalt beschloss ich, endlich nach meinen Bedürfnissen zu essen und mich gleichzeitig nicht wegen meiner Optik einzuschränken. Ich verlor einiges an Eitelkeit und gewann an Gewicht. Das Internet hatte mich nachhaltig dick gemacht.

Twitter-Favs Spätsommer 2015