Finnisch baden – Teil 2

Für den zweiten Tag in Helsinki hatte ich die Itäkeskuksen uimahalli ausgesucht. Praktischerweise lag diese nur zwei Stationen von unserem Hotel entfernt.

Auf der Suche nach bezahlbaren Schlafraum in Helsinki stieß ich auf Forenom. Die betreiben einige Hostels und Miniappartments Helsinki. So buchte ich für meine Mutter und mich zwei Zimmer in Herttoniemi. Mit der Ubahn erreicht man von dort innerhalb von 20 Minuten die Innenstadt. Die Distanzen sind in Helsinki sehr überschaubar, so dass ich empfehlen kann, ein Hotel etwas außerhalb zu buchen. Unsere Zimmer waren wirklich sehr klein und einigermaßen sauber.

Die Rezeption ist nur sporadisch besetzt, Buchung und Kommunikation laufen digital ab. Am Anreisetag erhielten wir per Mail die 6stelligen Codes, mit denen wir die Haustür und unsere Zimmer öffnen konnten. Dank der beiden Supermärkte in direkter Umgebung sowie Mikrowelle, Kühlschrank und Besteck im Zimmer kann man sich hervorragend selbst versorgen.

Samstag früh fuhren wir also zwei Stationen weiter stadtauswärts bis Itäkeskuksen. Nach einem kurzen Fußweg erreichten wir das Bad.

Ich hatte gelesen, dass die Halle in einen Felsen hineingebaut gebaut worden war, konnte mir aber nicht vorstellen, wie das aussehen sollte. Vor dem Bad sieht man einen größeren Felsen. In diesen geht man dann durch den Eingang hinein und läuft weiter abwärts.

Dann erreicht man das Schwimmbadkaffee und die Schwimmbadkasse.

Tatsächlich ist alles um einen herum aus weiß gekalktem Stein. Im Itäkeskuksen-Bad gibt es nur Sammelumkleiden. Ich war gleich begeistert von den Schließfächern mit Einteilungen. Viel praktischer als das was ich bis jetzt kannte.

Auch hier waren die Duschräume eher von spröden Charakter und mit vorgegebener Einheitstemperatur. Die Sauna war mit den bereits bekannten weißen Kacheln ausgekleidet.
Mit uns duschte eine Gruppe junger Mädchen, die offenbar zum Training da waren. Und in der Tat war ein Teil des großen Beckens für Vereinstraining abgesperrt.

Neben dem 50m-Becken gab es noch zwei große Kinderbecken und ein kaltes kleines Becken, sowie einige Rutschen. Auf der Karte habe ich einen weiteren kleinen Pool gesehen. Im großen Becken gibt es einen Bereich für Aquajogger – das dafür benötigte Material steht kostenlos neben dem Becken zur Verfügung – und diverse Schwimmbahnen. Ich nahm an, dass der Schwimmverein drei Bahnen in Anspruch nahm und stieg daher ganz außen ins Wasser. Etwas verwundert war ich über das relativ schlechte Niveau der Mitschwimmer. Aus Hamburg weiß ich, dass Samstag früh die Stunde der TriathletInnen ist, die zackig und effizient ihre Bahnen ziehen. Auf meiner Bahn waren nur Herren, die sich knapp über Wasser halten konnten.

Erst später stellte ich fest, dass es auch eine öffentliche schnelle Bahn gab. Allerdings war diese sehr eng und es schien, als würden die SchwimmerInnen aus jedem Zug einen Wettbewerb machen. Ich blieb bei meinen Herrn und da sich jeder an die Regel „rechts hoch, links runter“ hielt, konnte ich gegebenenfalls entspannt überholen. Auch in Hamburg schwimme ich eigentlich nie auf der schnellen Bahn. Ich finde dort nie meine Geschwindigkeit und meine Atmung ist viel zu hektisch, weil ich mich selbst so hetze. Während ich also auch in Helsinki gemächlich durchs Becken kraulte, beobachtete ich die Vereinsschwimmer. Es hatte etwas Meditatives dabei zuzusehen, wie die Mädchen und Jungs zügig, konzentriert und anscheinend ohne Anstrengung in allen Schwimmlagen durch das Wasser zogen. Nach eineinhalb Kilometern hatte ich genug. Keine besondere Leistung aber ich hatte Hunger und wollte mehr von Helsinki sehen. Der erste Tag war bereits so schön gewesen, dass ich es kaum erwarten konnte, wieder in die Stadt zu fahren.

Finnisch baden – Teil 1

Seit vielen Jahren möchte ich nach Finnland reisen. Ich kaufte Ende der 90er einen Sampler mit finnischer Tangomusik, den ich rauf und runter hörte. Ich fühlte mich verstanden und war mir sicher, dieses Land würde mir gut gefallen.

Als ich neulich mit meiner Mutter über finnischen Tango sprach, beschlossen wir, im Frühling zusammen nach Helsinki zu fahren. Leider fanden wir kein Festival, keinen Club und keine Hinweise zu Veranstaltungen und die beiden finnischen Bekannten, die ich fragte, konnten auch nicht helfen. Die Tango-Zeit ist wohl eher im Sommer, da wird der insbesondere auf dem Land gespielt.

Nun da der Flug gebucht war, tat ich was ich immer mache, wenn ich irgendwo hinreise, ich erkundige mich nach der Schwimm- und Badesituation. Dabei fielen mir vor allem zwei Schwimmbäder auf. Meine Mutter kann sehr schnell von derartigen Projekten überzeugt werden. Wir planten also für zwei Vormittag einen Badebesuch ein.

Wir starteten mit der Yrjönkadun uimahalli.

Das Schwimmbad liegt etwas versteckt in dem Hinterhaus in der Innenstadt von Helsinki. Trotzdem ist es nicht ganz leicht zu finden, insofern war ich froh, als ich das große Schild „Simhall“ sah und wusste, dass wir richtig waren. Im Bad zieht man direkt am Eingang die Schuhe und die Jacken aus.

Wir erhielten jeder einen Schlüssel für eine Kabine. Dort konnten wir uns ausziehen. Man kann sich auch am Beckenrand ausziehen und die Wertsachen in einem Locker einschließen aber ich glaube, diese Möglichkeit besteht nur für Dauerkartenbesitzer. Ich mochte meine kleine Kabine, die allerdings auch etwas von einer Gefängniszelle hatte.

Das Yrjönkadun-Bad ist aus zwei Gründen bemerkenswert. Zum einen ist es ein wunderschöner klassizistischer Bau. Als das Bad 1928 gebaut wurde, war es das erste – und lange Zeit einzige – öffentliche Schwimmbad in Finnland. Zum anderen kann man noch heute darin nackt baden. Aus diesem Grund gibt es für Frauen und Männer unterschiedliche Badetage.

Ich liebe es nackt zu baden. Als Kind reisten wir oft nach Korsika, wo wir dann mit Freunden meiner Eltern einen Nacktbadestrand bevölkerten. Ich hasste es am Strand nackt zu sein und lief immer mit einer Badehose über die Dünen. Nur wenn ich Schwimmen ging, zog ich die Badehose aus. Nackt im Wasser zu sein ist für mich seitdem das Schönste. Kein Sand in der Hose, kein Kleidung die kneift und das Gefühl einer großen Freiheit.

Noch heute suche ich nach einem Saunagang in den Claudius-Thermen den kleinen Pool im hinteren Teil des Geländes auf. Das Wasser ist frisch und klar und meist kann ich ganz für mich allein nackt tauchen und schwimmen.

Obwohl es erlaubt ist, auch in Badekleidung zu schwimmen, waren die meisten Frauen nackt. Interessant fand ich, dass eher Frauen bis 40 in Badekleidung schwammen. Die vielen älteren Frauen machten den Eindruck als wäre das Schwimmen ohne Kleidung die einzige sinnvolle Option. Überhaupt wurde wenig Aufhebens um irgendwas gemacht. Ich passte mich an und obwohl ich mit sehr vielen ausgezogenen Frauen gebadet habe, weiß ich trotzdem nicht, was in Finnland der aktuelle Trend beim Schamhaar ist.

Es gibt drei abgetrennte Bahnen. Auf der einen trainieren die Aquajogger – eine Sportart, deren Faszination sich mir noch nicht erschlossen hat. Die Gürtel und andere Geräte konnten kostenfrei ausgeliehen werden. Die mittlere Bahn war für die schnellen Schwimmer reserviert. Darauf schwamm ich einen Kilometer. Die meisten Frauen schwammen auch hier eher gemächlich aber es der Platz reichte zum Überholen aus. Außerdem hatte ich auch wenig Lust auf Tempo, sondern glitt lieber von Seite zu Seite. Auf der dritten Bahn wird langsam und gemächlich geschwommen und leise gequatscht.

Nach dem Schwimmen wuschen wir uns in den eher spartanischen Duschen. Dabei fielen mir die beiden Saunas (Sauni, Saunata?) auf, die neben den Duschen lagen. Diese wirkten wie Schulkantinen und waren nicht mit Holz, sondern weißen Fliese ausgekleidet. Ich verzichtete auf einen Saunagang, auch weil ich Sorge hatte, danach viel zu müde zu sein, um mit meiner Mutter Helsinki zu entdecken.

Ich machte ein letztes Selfie in meiner Kabine und freute mich auf meinen ersten Tag in Helsinki. Eine Stadt mit so einem so schönen Schwimmbad kann nur großartig sein.

Womöglich macht viel Sex gar nicht traurig

Anfang April las ich über Blendle Ich zähl‘ bis 100. Darin geht es um Lotta (die nicht so heißt), die sich selbst zur Aufgabe gestellt hat, 100 Sexualpartner zu haben. Über ihre Erfahrungen führt sie seit ihrer Jugend relativ genau Buch und ist derzeit in den 80ern.

Ich fand das natürlich sehr spannend und kaufte gleich den Text. Oberflächlich ist der Text interessant und gut lesbar. Trotzdem hatte ich das Gefühl, das irgendwas nicht darin stimmt. Hinter der nidoschen Coolness sind die klassischen Elemente einer abstrusen Vorstellung von Frauen und Sexualität versteckt. Sie nerven mich seit Jahren – wofür der Text eigentlich nichts kann – so dass ich noch mitten in der Nacht unter anderem twitterte:

(Da es bereits auf Twitter zu Nachfragen kam: Mit „aggressiv“ meine ich forsch, einfordernd und nicht gewaltsam.)

Frauen, die eine ausgeprägte Sexualität haben, werden nach wie vor als außergewöhnlich wahrgenommen. Damit aber nicht genug, es findet immer auch eine indirekte Bewertung statt. Der Grund für viel abwechslungsreichen Sex kann nur die Kompensation anderer Defizite und der Wunsch nach Aufmerksamkeit und Bestätigung sein. Damit wird eine starke Libido gleich in die Ecke der psychischen Erkrankungen dirigiert. So kommt auch im Nido-Text unweigerlich die Frage auf, ob Lotta eventuell sexsüchtig ist.

Die zweite Bewertung findet dann auf der Ebene der wahren Liebe – im Gegensatz zum oberflächlichen Sexpartner – statt. Es wird angenommen, dass jede Person und insbesondere Frauen auf der Suche nach der großen Liebe sind. Damit aber nicht genug, die große Liebe kann in der Welt dieses Textes offenbar nur in der Monogamie gedeihen. Häufig werden in dem Text die Personen hervorgehoben, die für Lotta langfristige Partner hätten werden können und die Trennungen werden melancholisch kommentiert. Ganz wichtig ist auch die Frage, ob ein potentieller langfristiger männlicher Partner überhaupt damit klar käme, dass Lotta so viele Sexualpartner hatte.

Der größte Mist über Sexualität wird geschrieben, weil wir uns einfach nicht eingestehen können oder wollen, dass Frauen Lust haben. Frauen und Männer unterscheiden sich in ihren sexuellen Bedürfnissen kaum. Sicherlich haben Menschen unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse, aber das hat nichts mit ihrem Geschlecht zu tun. Männer und Frauen unterscheiden sich allerdings sehr wohl darin, wie sie damit umgehen. Ich habe meine Pubertät bis in die 20er hinein, damit verbracht, mich über mich zu wundern. Nichts von dem, was über weibliche Sexualität geschrieben wurde, stimmte mit dem was ich empfand, überrein. Ich konnte sehr gut Sexualität und Liebe voneinander trennen, ich brauchte keine Aufwärmphase und ich stellte fest, dass ich im Vergleich zu Männern deutlich ausdauernder war. Viele Freundinnen von mir teilten diese Erfahrung aber wir verhielten uns meist viel braver, als wir gewollt hätten.

Die Lust der Frau ist da. Das gesellschaftliche Narrativ ist falsch. Aber Frauen und Männer spielen trotzdem mit. Irgendwann wurde festgelegt, dass Frauen keine Lust haben und zum Sex überredet werden müssen und männliche Lust gleichzeitig unkontrollierbar ist. Würde diese Prämissen in Frage gestellt werden, würde das eine enorme Dynamik freisetzen und gleich auch unsere Vorstellungen und Definitionen von Beziehung,Partnerschaft und Familie in Frage stellen. Das ist den meisten dann doch zu viel und so wird das Thema öffentlich nur sehr behutsam angegeben.

Ich erinnere mich an eine sehr gute und empfehlenswerte Folge Scobel Die Lust der Frau. Susanne Schröter und Ann-Marlene Henning versuchen ein paar Mal zu sagen, dass weibliche Lust viel massiver ist, als gemeinhin geglaubt wird. Aber Ulrich Clement relativiert das sogleich und die Damen ziehen sie sich mild lächelnd zurück.

Die „Strafen“ für ausgelebte weibliche Lust sind eben relativ hoch. So wird Lotta wegen ihrer Sexualität gleich etwas Pathologisches, Trauriges, Neurotisches unterstellt. Solch eine Schlussfolgerung müsste ausgelacht werden. Es gibt viele Dinge, die mich traurig machen, Sex oder Orgasmen zählten nie dazu. Sexualität – auch mit Leuten, die man nicht heiratet – kann durchaus etwas verbindendes haben. Es nervt so, dass Sex ohne den Rahmen einer ernsthaft beabsichtigen Beziehung immer als leer und krankhaft dargestellt wird. Sexualität ist eine Form der Kommunikation. Wir interpretieren Smalltalk oder Gespräche mit Fremden doch auch nicht gleich als Persönlichkeitsstörung.

Nachdem Lotta aber deutlich macht, dass sie nicht sexsüchtig und dauerhaft traurig ist, folgt die 2. Druckstufe. Lotta wird es nämlich schwer haben, einen „richtigen“ Partner zu finden. Es ist unfassbar, mit welcher Selbstverständlichkeit davon ausgegangen wird, dass das Lebensziel jeder Frau ein männlicher Partner und eine Familie ist. Ich weiß natürlich nicht, wie gern Lotta wirklich eine langfristige Beziehung möchte, aber kommt denn niemand auf die Idee, dass es als Single auch sehr schön sein kann? Nicht jeder möchte eine Beziehung haben. Warum wird eine Frau, die sehr viel sexuelle Erfahrung hat, nicht nach ihren sexuellen Erfahrung gefragt, sondern danach, wann sie endlich monogam wird? Und warum wird bei Lotta – die auch Sex mit Frauen hat – so selbstverständlich von der Suche nach einem Mann ausgegangen?

Sollte eine Frau wie Lotta jedenfalls eine Beziehung wollen, dann wird das schwierig. Das suggeriert zumindest der Text. Männer – so wird klar vorausgesetzt – könnten von Frauen mit viel Erfahrung nämlich verunsichert werden und sich dann zurückziehen. Ja, wunderbar wer will denn auch schon einen Mann, der sich von sowas einschüchtern lässt? Dann passen Lotta und diese Person einfach nicht zusammen, ist doch großartig, wenn das gleich geklärt ist. Es ist vollkommen normal, dass man sich einen Partner sucht, der ähnliche Vorstellungen vom Leben haben, wie man selbst. Nur bei der Sexualität soll sich die Frau auf einmal verstellen? Sicherlich keine gute Basis für eine aufrichtige Beziehung.

Mit einem Partner, der nicht voller Angst ist, könnte man womöglich auch besprechen, wie man mit dem Thema innerhalb einer Beziehung umgeht. Der Nido-Text suggeriert wie selbstverständlich, dass eine Beziehung monogam sein muss. Lotta bleibt also gar nichts anderes übrig, als ihre Sexualität innerhalb einer Beziehung auf Jahre zu drosseln. Warum ist es so schwer, logisch zu denken und eine Beziehung auch mal anders als monogam zu definieren? Sicherlich wäre das nur mit einer Person möglich, ihre ihre Geschichte kennt, die sich davon angezogen fühlt, womöglich ähnliche Interessen hat und bereit ist, sich darauf einzulassen.

Dieses Herangehensweise ist dann aber wohl zu progressiv. Sie würde so vieles infrage stellen und womöglich dazu führen, dass Menschen beginnen, andere Lebens- und Liebeskonzepte auszuprobieren. Wer will das schon? Die Nido ganz offenbar nicht und auch sonst lächeln wir freundlich, wenn wieder jemand behauptet, dass Frauen ja nie Lust auf Sex hätten.

Trolle trollen – das gute Meta

Seit einiger Zeit trolle ich Trolle. Das heißt, ich widerspreche auf Facebook oder auf Twitter ein paar absurd-bösen Behauptungen oder frage bei Leuten nach, wieso sie hetzerische und böse Dinge schreiben. Einige Dinge habe ich dabei feststellen können.

Menschen, die sich für die den rechten Meinungsrand interessieren, haben selten einen richtigen Klarnamen oder nutzen Ihr Gesicht als Profilfoto. Meist sieht man eine historische Figur, ein Symbolbild (gern Kreuz, Kerze, Flagge oder das Logo der Lieblingspartei) oder das Bild einer hübschen jungen Frau (die selbst natürlich gar nicht weiß, wofür ihr Bild benutzt wird). Manchmal werden auch authentische Bilder online gestellt. Das sind dann meist freundlich aber auch ernst drein blickende Herren. Es gibt natürlich auch Frauen, die sich am rechten Rand tummeln aber – so mein Eindruck – sie beteiligen sich deutlich weniger an den Diskussionen und teilen weniger brutal aus. Der Anteil von Fake-Accounts scheint mir ebenfalls sehr hoch. Bei der letzten Facebook-Diskussion hatten die schlimmsten Kommentatoren, die auf meinen Post antworteten, keine oder nur sehr wenige Freunde außerdem waren die Accounts selten älter als zwei Monate.

Auffallend war, dass diese Accounts innerhalb der Diskussion sehr präsent waren, sowohl bei der Reaktion auf gemäßigte und kritische Kommentare als auch mit langen, provozierenden und sich wiederholenden Postings, die für sich standen. Das legt den Schluss nahe, dass diese Accounts die Funktion eins Capos haben, der die Stimmung einheizt für die relativ gemäßigten „besorgten Bürger“, die sich dann mehr also sonst zu absurdesten Aussagen hinreißen lassen. Hier bin ich der Meinung, dass die Gegenrede ganz besonders wichtig ist. Wie Anna-Mareike Krause bin ich der Meinung, dass Gegenrede hier ansetzen muss. Auf Facebook kann gehetzt und bedroht werden ohne jede Konsequenz. Die wenigsten Kommentare werden gemeldet, gelöscht oder gar angezeigt. Das alles führt dazu, dass manche Facebookseiten einem sadistischen Spielplatz des Grauens ähneln. Es wundert mich also nicht, dass diejenigen, die dort die Erfüllung Ihrer niederen Instinkte gefunden haben, von einer Meinungsdiktatur sprechen, wenn Ihnen Grenzen gesetzt werden. Und genau dort muss angesetzt werden. Man wird wohl nicht die erreichen, die ohnehin schon in der Parallelwelt des Joffrey Baratheon, angekommen sind und sich als Erbe des Eisernen Throns fühlen. Aber für die Unentschiedenen und Zweifler sollte sichtbar sein, dass es auch anderen Weltsichten gibt, dass es nicht nur dieses Paralleluniversum gibt und dass Hass und Vernichtung nicht die Antworten sein können.

Bei Twitter bin ich weniger persönlich angegriffen worden und es waren eher „Gespräche“ möglich. Hier interessiert mich die Motivation für Äußerungen gegen Flüchtlinge, gegen mehr Gleichberechtigung und für ein abgeschlossenes und konservativ konserviertes Deutschland der Einfalt. Ich erwartete etwas spannendes oder zumindest ein facettenreiches Psychogram. Am Ende war die Motivation überraschend eindimensional. Es waren immer gefühlte Kränkungen, die die Männer – ich stieß meist nur auf sehr massive Äußerungen von Männern zudem haben Frauen nicht auf meine Fragen reagiert – in die Arme der Exklusion trieb. Zum Beispiel der Mann, der sich im Unternehmen nicht mehr wertgeschätzt fühlte und der Meinung war, dass nur Frauen gefördert werden, der Mann der sich ärgerte, dass seine Frau komisch angeschaut wird, wenn sie mit den Kindern zu Hause bleibt. So banal die Gründe waren, die Reaktion war erschreckend. Sie lief immer darauf hinaus, dass sie anderen den Dreck unter den Nägeln nicht gönnten, weil weil sie meinten, dass es ihnen nicht gut genug geht. Dabei bezieht sich das gut gehen nicht auf Geld, Gesundheit oder ein angenehmes Leben, sondern auf den Verlust der Deutungshoheit. Im Grunde leben wir derzeit mit vielen Menschen zusammen, die lieber die Welt in den Abgrund reißen als auch nur ein Gramm Ihrer Privilegien zu teilen.

Leider habe ich keine perfekte Antwort darauf, wie wir damit umgehen sollen. Ich weigere mich aber, meine Ideale einer humanistischen und gleichberechtigten Welt mit Anstand und Respekt für alle aufzugeben, damit sich diese Leute wieder wohlfühlen. Deshalb finde ich die Diskussion um zu viel Political Correctness auch sowas von toxisch und falsch. Das wäre als würde man jemanden, der einen verprügelt hat, sagen: „Ok, ich bin jetzt ganz brav, dafür haust Du mich jetzt nicht mehr.“ Der Ansatz muss woanders liegen. Es ist müßig aber wir müssen weiter überzeugen. Wir müssen Ängste nehmen, für Anstand und gutes Miteinander plädieren und zeigen, dass es uns besser geht, wenn wir zusammen an einer besseren Gesellschaft arbeiten. Es wird sicher weiter die geben, die sich gekränkt fühlen, wenn sie nicht Macht, Privilegien und Deutungshoheit haben, aber für alle, die noch erreichbar sind, müssen wir eine Gegenmeinung darstellen, müssen wir präsent sein, müssen wir eine alternative bessere und anständigere Welt aufzeigen.

Ebenfalls interessante Texte zu dem Thema:
Wie der Rechtsterrorismus auf Facebook organisiert wird
Wie ich auszog, die AfD zu verstehen

Vom Glück, eine dicke Frau zu sein

Ein Grund für mein Bloggen war und ist, dass ich mich häufig nicht repräsentiert fühle. Ich lese Texte oder Bücher, sehe Filme oder Serien und denke, dass das nichts mit mir zu tun hat. So geht es mir auch mit Abmehm- Erfolgsgeschichten. Ich habe nie erfolgreich und zufrieden abgenommen. Abnehmen war bei mir immer mit Mundgeruch, Hunger und Kampf verbunden. Wenn ich ein Wunschgewicht erreicht habe, war ich zwar schlanker aber nicht glücklicher.
Meist ist war ich auch schnell wieder dicker. Ich habe niemals mehr Energie gehabt, weil ich weniger wog oder mich auf eine bestimmte Art und Weise ernährt habe. Wenn ich nicht hungrig bin und genug geschlafen habe, fühle ich mich immer sehr energiegeladen, völlig unabhängig davon, wie hoch oder wie niedrig mein Gewicht ist. Ich verstehe durchaus Menschen, die ihr Essen umstellen, die abnehmen möchten, die Sport treiben und sich über das Ergebnis freuen. Ich finde, wer in dem Körper steckt, hat das Recht damit zu tun was sie oder er für richtig hält. Wenn das auch noch zu mehr Zufriedenheit führt, ist alles bestens.
Was mir aber fehlt, ist ein Gegengewicht (Kalauer) zur Glorifizierungen des Abnehmens. Ein Gegengewicht zu Tischgesprächen, in denen es um aktuelle Ernährungsweisheiten geht, zu Runtastic-Kalorien-Angaben, zu Konversationen darüber, ob man sich das Törtchen gönnen darf oder nicht, zu Heulereien wegen zuviel Bauchspeck, zu Diätwerbung und Bildern von sauberen Essen auf Instagram und zu Erfolgsberichten mit ultimativen Diäten und Glücksgarantie.

Als ich angefangen habe, so zu essen, wie ich Hunger habe und entsprechend zunahm, hat niemand zu mir gesagt: „Du hast ja toll zugenommen. Du siehst ja super und gesund aus.“ Dabei sah ich super und gesund aus. Immerhin hatte ich kein Blut mehr im Stuhl, das die eiweißreiche und kohlenhydratarme Diät verursacht hatte. Ich hatte auch keinen Durchfall mehr, zu dem das clean eating geführt hatte. Statt dessen hatte ich wieder mit dem Schwimmen begonnen. Mein Muskelaufbau arbeitet ähnlich wie mein Fettaufbau: schnell und effizient. Entsprechend hatte ich bald ein großes fleischiges Kreuz mit massigen Armen, einen riesigen muskulösen Hintern und eine Körbchengröße mehr. Manche Leute sagten mir, dass ich dick geworden wäre, andere nahmen es nur mit hochgezogener Augenbraue wahr und natürlich war es vielen auch total egal. Lob oder Anerkennung – so wie ich es kannte, wenn ich abgenommen habe – erhielt ich nicht. Dabei sah ich erstmals in meinem Leben so aus wie ich mich immer gefühlt habe: massig, kraftvoll und satt.

Damit spiegelte dieses Verhalten wieder, was mir über Jahrzehnte immer wieder deutlich gemacht wurde: mein dicker, massiger und vitaler Körper ist nicht Ordnung. Als Kind stellten Ärzte anhand von Tabellen fest, dass ich übergewichtig bin. Ich war weder krank noch hätte ich sonst irgendwelche Probleme aber die Tabelle hat mich dick genannt und so musste mit mir ja was nicht stimmen. Meine Mutter bekam ein Heftchen mit Ernährungstipps, was etwas lustig war, denn wir ernährten uns bereits mit viel Obst, Gemüse, Vollkornbrot und wenig Süßigkeiten und ich trieb regelmäßig Sport. Auf der re:publica 2016 hielt ich einen Vortrag darüber, wie ich mich entschied, dick zu werden. Nachher (ca Minute 43) wurde ich gefragt, wie ich ein Kinderbuchprojekt einschätzen würde, mit dessen Hilfe adipösen Kindern und ihren Eltern gute Ernährung näher gebracht werden soll. Mich ärgert, dass meine Antwort relativ schwammig ausfiel. Je mehr ich darüber nachdenke, desto grilliger werde ich. Was hat gute Ernährung mit Dick-sein zu tun? Jeder Mensch profitiert von einer vielseitigen Ernährung mit wenig Zucker oder Zusatzstoffen. Warum wird schlanken Kindern und ihren Eltern dieses Wissen vorenthalten? Wie dumm ist es, ausschließlich den Indikator Körpermasse zu nehmen und daraus zu schlußfolgern, dass etwas nicht stimmt? Nur weil ein Kind das Pech hat, trotz Süßigkeiten und Fast Food schlank zu bleiben, kommt es nicht in den Genuss, etwas über gute Ernährung zu lernen? Und das dicke Kind wird ein weiteres Mal stigmatisiert? Solange irgendwelche Experten nicht in der Lage sind, außerhalb von Tabellen zu denken und sich nicht freimachen können von einem fast irrsinnigen Körperwahn, der sich nur auf das Körperfett beschränkt, sollten sie keinesfalls auf Kinder losgelassen werden.

Denn was ich viel bedrohlicher finde als ein moppeliges Kind, ist, dass meine – übrigens normschlanke – Tochter von 6 Jahren bereits mehrfach von anderen Mädchen auf ihre „dicken“ Arme angesprochen wurde. Sechs Jahre! Für so eine Scheiße sollte es ein Kinderbuch von Ernährungsexperten geben. Als ich in den 90er Jahren pubertierte gab es schon Ess-Störungen. Warum auch immer, legte ich mir nur eine milde Form zu. Ich war zwar immer unzufrieden mit meinem Körper aber nie in einem Maße, dass ich angefangen hätte zu spucken, richtig zu hungern oder übertrieben viel Sport zu treiben. Aber rückblickend hätte ich viel früher entscheiden sollen, aus diesem Irrsinn aus Selbsthass, falsch verstandener Gesundheit und dem Bedürfnis zu gefallen, auszusteigen. Wie oft wurde mir suggeriert oder gesagt, dass ich schlank und schön sein muss und dass meine Aufgaben darin besteht, beides so lange wir möglich beizubehalten. Ich muss nicht schön oder schlank sein. Diese Attribute haben nur einen Wert in einer Welt, in der der Marktwert von Frauen von ihrer Attraktivität abhängt. Wir leben in so einer Welt aber ich will das nicht für mich und nicht für meine Tochter. Und meine Rebellion ist, mich dem zu verweigern. Ich steige quasi aus. Ich fordere mit dem mir gegebenen massigen Körper ein, als Person wahrgenommen zu werden. Es ist nicht immer leicht dick zu sein. Schöne und passende Kleidung zu finden ist schwer. Außerdem finde ich meinen Bauch und mein Doppelkinn nicht wirklich schön. Aber die Vorteile überwiegen. Ich habe keinen Hunger mehr, ich fühle mich vital und zufrieden, ich fordere und bekomme mehr Raum und ab und zu küsse ich meine dicken Arme, weil sie mir das Gefühl vermitteln, alles stemmen zu können.

Winterlicher Frauenteich

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„Ich frage mich: Sind sie als Freundinnen hergekommen oder haben sie sich im Teich angefreundet? Wie lange sind sie schon in dem eiskalten Wasser? Werde ich je eine Freundin haben, die mit mir in eiskalten Teichen schwimmt?“

(Leanne Shapton, Bahnen ziehen)

Im Spätsommer schenkte mir meine Mutter Bahnen ziehen von Leanne Shapton. Die Frau des Sohnes der besten Freundin meiner Mutter hatte es ihr für mich empfohlen und ich bin ihr unglaublich dankbar dafür. Das Buch ist ein poetischer Schatz. Ich wollte jede Seite streicheln und las extra langsam und mit vielen Pausen, um es nicht zu schnell durchzulesen. Shapton erzählt in Bahnen ziehen unter anderem von diversen Schwimmorten, die sie besucht hat. Im Kapitel „Wäsche“ schreibt sie über den Hampstead Heath Ladies‘ Pond. Ich habe gleich nach dem Teich gegoogelt und als sich abzeichnete, dass mein Mann und ich im November nach London reisen würden, beschloss ich, den Ladies Pond zu besuchen.

Der Teich liegt in einem großen Park. Der Pond ist ganzjährig geöffnet und fast täglich werden die aktuellen Wasser-Temperaturen online aktualisiert. Besorgt sah ich, dass das Wasser Anfang November nur noch 7-8 Grad hatte. Ich gehe zwar regelmäßig schwimmen aber der Pool ist 26-27 Grad warm. In Cascais lag die Meeres-Temperatur bei immerhin 18 Grad und fühlte sich trotzdem sehr kalt an. Ich hatte gelesen, dass man sich am besten an kalte Wassertemperaturen gewöhnt, wenn man nach dem Sommer einfach nicht aufhört, in freien und ungewärmten Gewässern zu schwimmen.

Allerdings schwimme ich nicht allein in unbeaufsichtigten, offenen Gewässern und ich habe auch keine Freunde, die meine Begeisterung fürs Schwimmen in dieser Form teilen. Etwas unsicher überlegte ich immer wieder mein Vorhaben zu stornieren und statt dessen ein paar Bahnen im Londoner Olympiapool zu ziehen. Außerdem nahm ich meinen Neoprenanzug mit. Vielleicht würde ich mich mit ihm eher ins Wasser trauen.

Am Tag unserer Abreise nahm ich am Vormittag die Overgroundbahn. Wegen Reparaturarbeiten konnte ich zwei Stationen fahren und musste dann in einen Schienenersatzverkehr umsteigen. Ich hatte mich bei der Suche verzettelt und den Bus gerade verpasst. Zwei Männer zeigten mir die richtige Bushaltestelle und trösteten mich, dass der nächste Bus in 15 Minuten käme.

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Im kalten Nieselregen brach mein Handy zusammen. Der Bus kam pünktlich und mein Handy wärmte sich auf, so dass ich die Distanz zwischen Bus und Hampstead Heath auf der Karte verfolgen konnte. Die Fahrt durch den Londoner Norden dauerte ewig. Ich überlegte abzubrechen und mit der nächsten aktiven Undergroundlinie zurück ins Hotel zu fahren. In einigen Stunden ging unser Flug und ich hatte keine Ahnung wie ich zeitnah wieder zurück kommen sollte. Der Mann schrieb, er würde mir ein Taxi bezahlen ich solle jetzt keinesfalls die Mission abbrechen. Ich blieb also im Bus sitzen, der wiederum ganz andere Probleme hatte. Laut Busfahrer war das Fahrzeug nämlich nicht für die Straßen im Norden Londons geeignet, weil es zu tief lag. Dies führte dazu, dass der Bus bei jedem Drempel und jedem Loch in der Straße aufsetzte. Das Aufsetzen war so stark, dass ich befürchtete, dass die gesamte Front abfallen und auf den engen Straßen liegen bleiben würde. Außer mir schien niemand besorgt zu sein, nachdem der Busfahrer versichert hatte, dass die Aufsetzer kein Problem darstellen.

In Hampstead Heath stieg ich aus. Ich befand mich nun in einem sehr lieblichen Stadtteil und machte mich auf dem Weg zum Park.

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Anhand der im Park aushängenden Karte stellte ich fest, dass der Ladies Pond noch einen ordentlichen Fußmarsch entfernt war. Außerdem sah ich, dass er – anders als der Herrenteich – etwas versteckt lag. Eiligen Schrittes lief ich durch den Park.

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Als ich am Herrenteich vorbei kam, sah ich einen Schwimmer im Wasser. Ich bereitete mich auf eine sehr einsame Zeit im Teich vor. Am Tor zum Frauenteich kamen mir allerdings gleich eine Frau und ihre Teenagertochter entgegen. Ich trat durch das Tor.

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Einige Meter weiter standen zwei Automaten, die wie Parkuhren funktionierten. Hier zahlte ich den Eintritt von 2 Pfund. Dann sah ich den Teich.

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Das Wasser war dunkel und voller Laub. Ich sah niemanden schwimmen. Dafür gefiel mir das Ponton auf dem mehrere kleine Hütten standen. Ein Hinweisschild teilte mir mit, dass ich nicht nackt ins Wasser gehen dürfe. In der Tat hatte ich es für möglich gehalten, dass Frauen in einem Frauenteich nackt baden. Aber so war es mir auch Recht. Ich folgte den Stimmen und stand auf einmal in einer nach oben hin offenen Umkleide. Die Frau neben mir bestätigte, dass ich mir einen Haken suchen könne und mir um meine Sachen keine Sorgen machen solle. Sie hatte einen Badeanzug an, ihre Haut war feuerrot und sie zog gerade Handschuhe und Schuhe aus Neopren aus. Sie erzählte, dass ein Badeanzug völlig ausreicht aber Schuhe und Handschuhe bei der Kälte etwas helfen würden. Ich sagte, dass ich das zum ersten Mal machen würde, es ein Traum von mir wäre und ich sehr gespannt sei. Sie wünschte mir viel Spaß und viel Glück.

Im Badeanzug ging ich zum Teich.
Auf einem Schild war die aktuellen Wassertemperatur angegeben: 7 Grad. Immerhin regnete es nicht mehr. In einem kleinen Raum auf dem Ponton saßen zwei Rettungsschwimmer und beobachteten den Teich (und mich). Vom Ponton führen drei Leitern ins Wasser. Zwei direkt nebeneinander und eine einige Meter entfernt. Eine junge Frau schwamm die Strecke zwischen den entfernten Leitern, schaute mich lächelnd an und meinte, sie würde es heute nur von einer Leiter zur nächsten schaffen. Ich stieg im Badeanzug ins Wasser und während ich noch dachte „Ist ja gar nicht so schlimm“ stand ich mit krebsrotem Körper wieder auf dem Ponton. Die Rettungsschwimmer beobachteten mich. Ich wärmte mich auf und stieg dann wieder ins Wasser. Dieses Mal schwamm ich einige Züge bis zu einem Rettungs-Surfbrett dass im Wasser ankerte. Ich war mir nicht sicher, ob durch das kalte Wasser eher meine Atmung oder eher mein Herz aussetzen würde. Eine Ente schwamm an mir vorbei und sah mich freundlich-mitleidig an. Dann stand ich wieder auf dem Ponton und wärmte mich auf. Die Rettungsschwimmer hatten mich weiterhin im Blick. Eine große, sehnige Frau von etwa 60 Jahren hüpfte über den Ponton, stieg ins Wasser und kraulte quer durch den Teich zu dort ankernden Ringen. Schwer beeindruckt sah ich ihr zu.

Genauso zügig und lässig aber dieses Mal in Brustlage schwamm sie auf mich zu. Wir kamen ins Gespräch und sie meinte, dass ein winterlicher Einstieg ins Kaltwasserschwimmen nicht optimal wäre. Ich erzählte, dass ich in Hamburg leider keine Möglichkeit hätte, sicher in offenen Gewässern zu schwimmen. Sie empfahl mir, es nicht zu übertreiben und wenn ich die Distanz zwischen den entfernten Leitern schwimmen möchte, sollte ich langsam schwimmen fast gleiten und dabei tief ausatmen. Es wären gut acht Züge. Sie schwamm weiter und ich brach auf zur „weit“ entfernten Leiter. Ich versuchte zu gleiten. Mein Rumpf fühlte sich eigentlich ganz gut an, mein Herz und meine Lunge hatten nicht mehr so viel Panik aber dafür fühlten sich Arme, Hände, Beine und Füße wie kalte Betonklötze an. Ich erreichte die Leiter, stieg zufrieden aus dem Wasser und beschloss, es dabei zu belassen.

Hinter dem offenen Umkleideraum gab es einen geschlossenen Raum mit Duschen und ebenfalls Möglichkeiten zum umziehen. Vier Frauen unterschiedlichsten Alters unterhielten sich und lachten als würden sie sich schon lange kennen. Die furchtlose Wasserfrau, mit der ich mich unterhalten hatte, war auch fertig und duschte sich neben mir. Das Wasser aus der Dusche war nur marginal wärmer als das Wasser im See. Ich wusch trotzdem Körper und Haare. Dabei unterhielt ich mich weiter mit der Frau. Sie hatte vor einigen Monaten den Rettungsschwimmer gemacht und arbeitete ehrenamtlich beim Ladies Pond. Es war offensichtlich, dass sie diesen Ort liebte und ich konnte sie verstehen. Ich fragte sie, ob sie häufig Leute aus dem Wasser holen müssten aber sie meinte, die Hauptaufgabe der Lifeguards wäre eher Prävention.

Ich ging wieder raus und zog mich an. Zwei Frauen – eine jung und eine alt – mit dicken Jacken und Wollmützen traten ein. Sie grüßten freundlich und unterhielten sich dann weiter über eine Weihnachtsfeier. Als die Jüngere meinte, sie wäre schon zwei Wochen nicht mehr schwimmen gewesen und würde sich gar nicht richtig trauen, begann die Ältere zu singen. Das Lied war nicht schön oder wurde nicht schön gesungen aber es handelte von Freunden die einander Mut machen (hätte also auch ein Kölner Karnevalslied sein können). Die Frauen gingen zum See und ich schaute in den Himmel. Ich fühlte mich sehr aufgehoben.

Es gab keinen Föhn und so zog ich die Kapuze über den Kopf und ging los.

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Auf dem Ponton stieg gerade eine Schwimmerin aus dem Wasser, zwei anderen begrüßten Sie mit einem lauten Geburtstagsständchen. Ich schaute nochmal auf den Teich und genoß diese besondere Leichtigkeit und Zufriedenheit, bevor ich mich auf den Weg zum Hotel und dann zum Flughafen machte.

Ein kleiner Film von Hanna Aqvilin über das Winterschwimmen in Hampstead Heath.