Das ist kein Feminismus, das ist Scheiß-Werbung

H&M hat für die Herbstsaison ein Video produziert und alle überschlagen sich mit Euphorie. Endlich wird die dicke, dünne, androgyne, haarige und multiethnische Frau gehuldigt, endlich bekennt sich auch H&M zum Feminismus, zur Selbstliebe und einem facettenreicheren Frauenbild.

What the fuck. Das ist kein feministisches Manifest, das ist Werbung. Ich habe selbst auch schon Werbung verlinkt, die ich tolle fand und auch ich hätte dem Clip gern euphorisch zugejubelt. Aber H&M für einen Clip zu loben, der mal nicht total beliebig und trivial ist und kein beknacktes Frauen- und Körperbild transportiert, ist als würde man Blatter dafür loben, nur die Hälfte an Schmiergeldern angenommen zu haben.

Während im Clip also in den ersten Sekunden eine dralle Frau in Unterwäsche durchs Bild läuft, schließt H&M fröhlich die Plus-Size Abteilungen in diversen Filialen. Vor kurzem erst versuchte ich, in Hamburg in der Filiale Jungfernstieg, eine Jeans in meiner großen Größe zu kaufen. Die Abteilung gab es nicht mehr. Auf meine Twitter-Nachfrage hin wurde ich auf den Filialenfinder auf der Website hingewiesen, der auf dem Handy aber nicht funktioniert. Was doof ist, wenn man beim Shopping kein WLAN-fähiges Laptop dabei hat.

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An diesem Tag bestellte ich online zum letzten Mal zwei Paar Jeans bei H&M und suche jetzt nach gut passenden Alternativen.

Als Antwort auf meinen Eintrag bei Facebook wurde mir erklärt, dass ich mit der App auch auf dem Handy Filialen mit Plus Size raussuchen kann. Ich habe das mal probiert. Leider gibt es keinen entsprechenden Filter.

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Entweder hat H&M in jeder Filiale nun auch Kleidung für Frauen mit Größe 44/46 und drüber oder sie haben diese Größen nun komplett rausgenommen, möchten dies aber nicht so klar kommunizieren. Letzteres ist mein Verdacht. Immerhin kann man noch online große Größen bestellen. Fakt ist, H&M hat in New York City alle großen Größen aus den Geschäften genommen. Das ist umso absurder, als dass die durchschnittliche Amerikanerin Größe 46/48 trägt. Ich kann mir für diese Strategie nur zwei Gründe vorstellen:

1) H&M ist nicht am Verkauf ihrer Ware an möglichst viele Menschen interessiert. Wenn ich online einkaufe, bin ich viel preisbewusster als im Geschäft. Besonders interessant ist die Verkaufsverweigerung wenn man in Betracht zieht, dass H&M schon lange nicht mehr konkurrenzlos ist. Möglicherweise glauben die entsprechenden Manager mit weniger verkaufter Ware mehr Gewinn zu machen. Das wäre dann mal eine interessante antikapitalistische Strategie.

2) H&M hat Angst, ihr Image zu verlieren, wenn sich auf einmal viele dicke Menschen in ihren Filialen rumtreiben und ihre Kleidung tragen. In diesem Fall müsste das Image mehr Wert sein, als 30% mehr verkaufte Ware (Schätzwert von mir).

Was auch immer hinter der Verweigerung von H&M steht, dicken und fetten Menschen Kleidung zu verkaufen, der Werbespot wirkt in diesem Licht wie eine höhnische und bösartige Verarschung.

H&M entdeckt den Feminismus also nur für Frauen bis Größe 44 und auch nur für Mädchen mit einem schmalen Körperbau. Meine sehr schlanke Tochter passt hervorragend in die „Jungs-Kleidung“ Größe 124 aber die Röhrenjeans und knappen T-Shirts der „Mädchen-Kleidung“ Größe 124 sitzen eng und unbequem. Was für eine verkackte Form von Feminismus ist das bitteschön, wenn schon 6jährigen das Gefühl vermittelt wird, dass sie zu breit und zu kräftig für ihre Kleidung sind? Was für kranke Idioten mit Lolita-Fantasien entscheiden bei H&M darüber, in was für einen Schnitt ein 6jähriges Mädchen passt? Das ist kein Feminismus, das ist frühkindliche Prägung für ein schlechtes Körpergefühlt. Interessanterweise passen die Kindersachen in der gleichen Größe bei C&A deutlich besser.

Und bei all der Euphorie, dass jetzt auch H&M entdeckt, dass Feminismus Trending Topic ist, vergessen wir nur zu schnell, für was für einen kleinen Kreis diese Emanzipation gilt. Nämlich nur für die Frau der reichen, westlichen Welt. Einen Dreck geben wir und gibt H&M für die Näherinnen, die dafür sorgen, dass wir die Stoff gewordenen Coolness des Feminismus an unseren hippen normschönen Körper tragen. Sehr schön hat Josefine Schummeck dazu geschrieben: Liebes H&M, auch mit langen Achselhaaren gewinnst du mich nicht zurück

Alles in allem hat mir der Clip nochmal vor Augen geführt, warum H&M scheiße ist und warum ich keinesfalls mehr dort einkaufen sollte, weder analog noch digital.

Swim Challenge Cascais

Einmal im Jahr gehe ich für ein paar Tage Wellen reiten. Oder besser: ich nehme Unterricht, versuche mich auf dem Brett zu halten oder im besten Fall ein paar Sekunden darauf zu stehen. Bei der Terminwahl in diesem Jahr recherchierte ich in der Openwaterpedia, ob nicht zufällig zur gleichen Zeit auch ein Freiwasserschwimmwettbewerb in Portugal stattfindet. So stieß ich auf den Swim Challenge Cascais, nach eigenen Aussagen der größte Freiwasserschwimmwettbewerb in Portugal.

Angeboten wurden die Strecken 1.9km (offen), 3.8km (offen) und eine Meile (nur für bestimmte Schwimmer). Zudem gab es noch zwei Kinderwettbewerbe (200m und 400m). Ich modifizierte meine geplanten Reisetermine ein wenig – der Mann überredete mich, lieber die Termine zu verschieben, als bis zum nächsten Jahr zu warten – und meldete mich für die 1.9km für eine Startgebühr von 15€ an.

Da ich mich im Juli schon angemeldet hatte, nutzte ich den Urlaub im August am Mittelmeer, um zu trainieren. Morgens gegen 8 Uhr stieg ich ins klare und spiegelglatte Mittelmeer. Ich hatte mir zuvor Trainingsflossen gekauft. Hauptgrund war meine Angst vor dem offenen Meer gewesen. Mit Flossen – so meine Überlegung – würde ich viel schneller vor möglichen Quallen oder Raubfischen flüchten können. Dass ich auf giftige Quallen und Raubfische stoßen würde war genauso unrealistisch, wie der Glaube daran, mit den Flossen schneller als ein Hai zu sein. Aber als psychologischer Trick funktionierte es. Ich ging ins Wasser, schwamm 30-40 Meter raus aufs Meer und dann ca. 400 m an der Küste entlang und zurück. Je nach Laune schwamm ich das Stück ein zweites Mal, dann oft ohne Flossen. Ich konnte immer gut auf den 3-10 Meter tiefen Grund sehen. Nach einigen Bädern wusste ich, wo ich die roten kleinen Fische treffen würde, wo die Verankerungen diverser Bojen lagen, ich fand eine Gartentür aus Metall, die auf dem Grund des Bodens lag und wusste, an welchen Stellen das Seegras besonders gut wächst.

Als ich nach dem Urlaub wieder in der Alsterschwimmhalle trainierte, bemerkte ich, wie stark sich mein Beinschlag durch die Trainingsflossen verbessert hatte. Das Schwimmen fiel mir plötzlich deutlich leichter, jetzt wo meine Beine mehr Kraftarbeit übernahmen. Ich trainierte jetzt gezielt, 2km am Stück zu schwimmen. Ich brauchte dafür 51-54 Minuten. Ich wusste, dass dies nur eine mittelmäßige Zeit war aber ich wusste auch, dass ich es gut schaffen und problemlos ankommen würde.

In Portugal fielen kurzfristig meine beiden Surfstunden am ersten Tag aus. Ich nutzte die Gelegenheit und fuhr nach Cascais. Die Registrierung würde morgens von 7 bis 9 45 stattfinden, da wollte ich ungefährt wissen, wie lange ich mit dem Auto von Baleal brauchen würde. Die Strandpromenade von Cascais und Estoril erinnerte mich an die Côte d’Azur. Viele teure Hotel, viele schöne Menschen, viele Bars, Cafés und Restaurants.
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Am Praia da Duquesa war aber nichts vom Swim Challenge zu sehen, keine Plakate, keine Fahnen (jedes Surfschule, jedes Café hatte eine Werbefahne aufgestellt), keine Absperrungen. Ich suchte das Veranstaltungsbüro, einfach nur um sicher zu gehen, dass es die Veranstaltung auch geben würde. Als ich das Büro fand, schrieb ich dem Mann, dass jemand von meinen 15€ wenigstens eine Fahne gekauft hatte und ich die Hoffnung noch nicht aufgeben würde.

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Als nächstes wollte ich das Wasser testen, um zu entscheiden, ob ich mit Badeanzug oder Swimshorty schwimmen würde. Warum gibt es an großen Stadt-Stränden keine Spinde, die man mieten kann, um seine Wertsachen abzulegen? Wenn ich alleine reise, kann ich nie lange und konzentriert im Meer schwimmen gehen, da meine ganzen Sachen unbeaufsichtigt am Strand liegen. In Cascais fand ich ein wunderbares Becken.

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Es war eine kleine Bucht, die durch eine Wand (unterhalb der Wasseroberfläche) vom Meer getrennt war. Auf der Wand waren schmale Stangen eingelassen, die optisch die Grenze markierten. Über diese Wand schwappte das Meer, trotzdem fühlte man sich im Becken kuschelig-geschützt. Außerdem konnte ich meine Sachen auf eine der Treppen stellen, wo sie sicher vor dem Wasser waren. Vom Meer aus konnte ich jederzeit nachschauen, ob mein Rucksack noch da war. Das Wasser war sehr kalt. Nachher googelt ich und stellte fest, dass die Temperatur bei 18 Grad lag. Ich entschied mich, am nächsten Tag den Shorty zu tragen. Obwohl der Pool geschützt war, merkte ich die Wellenkraft des Atlantiks. Ich musste an Lynne Cox denken, die in ihrem „Open Water Swimming Manual“ schrieb:

„You are immediately lifted by the water, bounced by the waves, and massaged by the movement of your body through the water.“

Die Sicht unter Wasser war auch nicht vergleichbar mit dem sizilianischen Mittelmeer, ich konnte maximal einen Meter weit sehen. Ab und zu sah ich kleine Fische und kleine Plastikteile an mir vorbei schwimmen. Ich begann mich, auf den nächsten Tag zu freuen aber bekam auch Angst, ob ich die Strecke im kalten, salzigen Meer wirklich schaffen würde.

Am nächsten Morgen fuhr ich durch eine wunderschöne Nebellandschaft nach Cascais. Die Registrierung lief schnell und unkompliziert.
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Überhaupt war die gesamte Veranstaltung sehr gut organisiert, die freiwilligen Helfer waren alle ausgesprochen nett und es gab immer jemanden der im Notfall auf englisch aushelfen konnte. Mittlerweile sah ich auch die Bojen. Anders als in Hamburg gab es wirklich nur drei einzelne große Bojen und dann ein Zweierpaar durch das man zum Ziel schwamm.

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Um 8 30 hatte bereits der 3.8km Wettbewerb begonnen, bzw. er begann verspätet gegen 9 Uhr und war für mich beruhigend. Menschen, die ins Wasser gingen und wieder rauskamen, alles lief nach Plan. Ich besorgte mir ein leichtes Frühstück ging zum Strand, wurde mit meiner Nummer beschriftet und zog mich um.

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Meine Sachen konnte ich abgeben aber ich hatte noch einen Zettel in der Hand. Damit würde ich nach der Einweisung meinen Chip erhalten. Mit dem Zettel in der Hand ging ich ins Wasser. Ich wollte mich an die Kälte gewöhnen und wäre gern ein paar Züge geschwommen. Das ging aber wegen des Papiers nicht. So tauchte ich hockend ein, während ich den Zettel aus dem Wasser hielt. Andere Schwimmer wärmten sich mit schnellen Kraulzügen und ausgedehnten Runden auf. Die meisten waren in Begleitung, entweder ihrer Familien oder ihrer Trainingsgruppe. Ich wurde immer eingeschüchterter. Mit 174 Schwimmern, war alles viel größer aber die Vielfalt meines ersten Wettbewerbs gab es hier nicht. Die meisten Schwimmer trugen Ganzkörperneoprenanzüge, wirkten sehr trainiert und professionell. Wahrscheinlich würden sie nach dem Wettbewerb quer durchs Land nach Hause radeln oder laufen. Der Frauenanteil lag bei weniger als einem Viertel. Es gab ein paar dickere Frauen aber wir gehörten zur Minderheit. Ich wollte nicht die dicke Frau sein, die als Letzte in Ziel kommt. Der Wettbewerb sollte um 10 30 starten. Das Briefing begann kurz vor 11.

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Uns wurde gezeigt, dass wir zwei Runden (bzw. Rechtecke) um die Bojen drehen sollten. Nach der ersten Runde sollten wir ein kurzes Stück über den Strand laufen und dann wieder für die zweite Runde ins Wasser eintauchen. Die Unterweisung war auf Portugiesisch, das ich etwas verstehen kann, wenn ich mich konzentriere. Am Ende wurde gefragt, ob jemand eine englische Übersetzung braucht. Ich überlegte noch, als alle losgingen, um ihre Chips zu holen und ins Starterfeld zu gehen. Eine Portugiesin in Badeanzug fragte mich auf perfektem Englisch, ob ich noch Hilfe bräuchte. Ich fragte nach ein paar Dingen, bei denen ich mir nicht sicher war, ob ich sie richtig verstanden hatte. Sie war die einzige Mitbewerberin, mit der ich sprach. Ich stand irgendwo in der Mitte als es los ging und wir alle zum Meer liefen.

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Das Meer fühlte sich schön an und ich freute mich. Ich fühlte mich fit und ausgeschlafen und wollte losschwimmen. Obwohl der Platz viel größer war als in der Dove-Elbe ging es in Cascais deutlich aggressiver zu. Ständig hatte ich Beine und Arme auf meinem Körper. Ich war froh, dass mich niemand unter Wasser drückte, sondern nur schwimmend anrempelte. Ich ließ mich nach hinten fallen und versuchte, an den Rand des Schwimmfeldes zu gelangen. Offensichtlich war ich hier eine der wenigen, denen es um den Spaß am Schwimmen im offenen Meer ging.

Hinter der ersten Boje hatten sich die ambitionierten Kämpfer abgesetzt und ich fand eine Rinne in der ich versuchte, meinen Rhythmus zu finden. Die Orientierung klappte schon deutlich besser als beim ersten Mal. Ich atme am liebsten nach rechts, hatte aber in den letzten Monaten trainiert, auch nach links zu atmen und beim Kraulen zwischendurch nach vorn zu schauen, um die Orientierung zu behalten. All das half mir zwar aber dennoch wechselte ich öfter ins Brustschwimmen. Ich fühle mich in der Brustlage einfach am sichersten. Aber immerhin wechselte ich dieses Mal seltener und schwamm lange Strecken in der Kraullage. Ich brauche einfach noch mehr Selbstbewusstsein, ein bewussteres Atmen und die Sicherheit auch wirklich geradeaus schwimmen zu können. Ferner stellte ich fest, dass man sich keinesfalls an anderen Schwimmern orientieren durfte, den meisten fehlte selbst die Orientierung. Einige wurden von den Helfern in Kanus und auf Paddelsurfbrettern wieder in die Schranken gewiesen.

Am längsten und anstrengensten war der Weg von Boje eins zu Boje zwei, der Weg zum Strand war kurzweilig. Den Weg durch die beiden Zielbojen konnte man nicht verfehlen. Ich kam gut aus dem Wasser, lief über den Strand, überholte sogar eine Schwimmerin und brach dann im Wasser fast zusammen. Das Laufen hatte mich völlig rausgebracht. Hatte ich mich im Wasser noch gut gefühlt, hoffte ich nun, es überhaupt bis zur nächsten Boje zu schaffen. Meine Ehrfurcht vor Triathleten wuchs ins unermessliche. Mit ruhigen Brustzügen schaffte ich es zur Boje und zurück in ein schönes und entspanntes schwimmen. Der Weg zu Boje zwei war nicht nur der längste, sondern auch der welligste. Je weiter ich aus der Bucht schwamm, desto stärker merkte ich, dass ich wirklich in einem Ozean war. Die Wellen schaukelten mich und mir gefiel das sehr. An mir schwamm ein großer Fisch vorbei und ich bekam Hunger und dachte daran, dass ich so einen Fisch gern mit Kartoffeln und Sauce essen würde. Nach der zweiten Boje merkte ich, dass ich mich noch sehr fit fühlte. Ich überholte ein paar Schwimmer und zählte die Züge. Nach der Ziel-Doppelboje dauerte es doch noch ganz schön lange bis zum Strand. Angekommen ging ich langsam zum Ziel. Die Helferinnen am Ziel feuerten mich an und meinten ich solle mal hin machen. Außerdem sollte ich für das Foto lächeln. Noch sind die Bilder nicht online, aber ich weiß auch nicht, ob ich das sehen will. Ich bekam eine Flasche Wasser und eine Medaille. Als ich mich bückte, um den Chip, vom Fuß abzumachen, fiel ich fast hin. Routiniert – ich war offenbar nicht die erste – hielt mich eine Frau aus der Crew fest und nahm gleichzeitig den Chip ab.

Ich duschte mich ab, holte meinen Rucksack, setze mich auf eine Liege und machte Sieger-Fotos mit Selbstauslöser.

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Angezogen wartete ich auf die Ergebnisse, die an die Tür des Wettkampfbüros gepinnt wurden. Mit einer Zeit von 52:34 Minuten wurde ich 147. von 174 Schwimmern beziehungsweise 34. von 42 Frauen. Ich wäre gern unter 50 Minuten geschwommen aber ich freute mich, dass ich es geschafft hatte.

Ich aß zu Mittag und fuhr zurück in mein kleines beschauliches Baleal voller Vorfreude auf meine Surfstunden am Abend.

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Freiwasserschwimmen

Anfang des Jahres beschloss ich, dass ich ein Ziel bräuchte. Und so meldete ich mich für einen Freiwasserschwimm-Wettbewerb an. Vor fast drei Jahren habe ich wieder mit dem Schwimmen begonnen. Meine Schwimmerkarriere als Kind war wegen ständiger Bronchitis leider nur sehr kurz. So nutzte ich den Schulsport und später das Unisportangebot. Ich war nie besonders schnell oder besonders gut aber immer gern im Wasser.

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Zunächst fing ich an, einmal wöchentlich an meinem freien Tag morgens schwimmen zu gehen.

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Die Alsterschwimmhalle wurde so zu meinem Lieblingsschwimmbad. Die 50m-Bahnen sind klar eingeteilt: „Öffentlichkeit“, „Öffentlichkeit schnell“ und „Öffentlichkeit Rücken“. Je nach Tageszeit gibt es noch „Schulschwimmen“ und „Kurs“. Die Wassergymnastik-Kurse am Vormittag sind voller älterer, sehr agiler Damen. Ich finde, dass ist das Beste was man im Rentenalter mit seiner freien Zeit machen kann: mit den Freundinnen zu schwimmen und im Wasser zu turnen. Das Schulschwimmen wirkt eher wie aus der Zeit gefallen. Mit Klemmbrettern bewaffnet stehen die SchwimmlehrerInnen am Rand und geben Anweisungen. Die Kinder wirken gelangweilt und unwillig. Immerhin müssen sie in Hamburg nicht wie in Berlin Trockenübungen auf dem kalten und usseligen Fliesenboden machen. Trotzdem möchte ich am liebsten heimlich auf der Bahn der Schulkinder auftauchen und ihnen versichern, dass schwimmen Spaß machen kann.

Anfangs schwamm ich einen Kilometer, dabei wechselte ich zwischen 50m zügigem Brustschwimmen und 50m schnellem Kraulen. Beim Kraulen versuchte ich, so wenig wie möglich zu atmen. Ohne die Rotation im
Oberkörper, die für das seitliche Atmen nötig ist, merkte ich ganz besonders gut, wie das Wasser an mir entlangfloss. Ich fühlte mich dann immer so, als wäre ich Teil des Wassers. Eine Illusion die sofort platzte, wenn ich japsend und keuchend nach Luft schnappte. An diesem Punkt wurde mir immer wieder bewusst, dass ich wohl doch nicht dauerhaft ins Wasser gehöre.

Langsam begann ich, die Distanz auf 1.500m oder 2.000m und die Kraulintervalle zu steigern. Letztes Jahr zum Geburtstag bekam ich einen Schwimmkurs geschenkt. Bei der Beratung ließ ich mir „Technik Kraul Anfänger“ aufschwatzen. Dienstags um 21:30 schwamm ich nun mit 11 anderen Teilnehmern und am Beckenkopf wurde die Tafel „Kurs“ aufgestellt. Unser Trainer Johannes hätte mein Kind sein können. Das Geschlechterverhältnis der Teilnehmer war ausgeglichen. Interessant war allerdings, dass einige Männer zwar nichtmal richtig unter Wasser ausatmen konnten, aber bereits für den Sommer einen Triathlon planten. Zunächst ärgerte ich mich, dass ich nicht den nächst höheren Kurs gewählt hatte. Ich kam mir vor wie ein Rennpferd unter Ackergäulen aber Dank des Trainers stellte ich bald fest, dass ich durchaus an vielen Stellen Optimierungspotential hatte. So war ich sehr zufrieden mit meiner geraden Wasserlage, bis ich darauf aufmerksam gemacht wurde, dass mein Po aus dem Wasser ragt. Ich war wohl doch kein Torpedo, sondern eher ein schnell treibender Eisberg. Außerdem hat es durchaus sein Gutes, noch einmal die Technik von Anfang an zu lernen. Nicht nur mein Hintern auch meine Beine hatten keine optimale Haltung. Nach 8 Stunden hatte ich den Eindruck, sehr viel gelernt zu haben und schneller zu schwimmen. Jeder im Kurs konnte am Ende 25m am Stück sehr ordentlich kraulen. Sollte jemand wirklich Kraultechnik lernen wollen, kann ich das Kursangebot vom Bäderland Hamburg wirklich empfehlen.

Parallel hatte ich mich für das 6.
Hamburger Freiwasserschwimmen Jedermann 1km angemeldet. Als Austragungsort war die Dove-Elbe ausgewählt worden, die eigentlich als Regatta-Strecke für Ruderer und Kanuten dient. Ich hatte keine Ahnung worauf ich mich eingelassen habe. Ich habe nie wirklich in freien Gewässern trainiert und wenn dann im
Meer und nicht in einem See. Zunächst einmal stellte sich die Frage nach der Kleidung. Im Rahmen einer digitalen Umfrage wurde mir empfohlen, einen Swimshorty aus Neopren zu tragen. Es gibt bei den Freiwasserschwimmern wohl Diskussionen um Neopren oder Badeanzug. Soweit ich das mitbekommen habe, gehen Freiwasserschwimmer der reinen Lehre nur mit Badeanzug oder Badehose ins Wasser. Bei einem Jedermann-Wettbewerb kann man aber wohl machen was man will.

Also beschloss ich mir einen Shorty zu kaufen. Ab Größe 44/46 gehen die meisten Sportbekleidungshersteller wohl davon aus, dass man keinen Sport treibt. Gut sitzende Badeanzüge bekomme ich gerade noch. Aber Neopren-Anzüge für Frauen werden maximal bis Größe 44 angeboten. Weil ich online nichts passendes fand, suchte ich einen Fachhandel auf. Bei Trionik suchte ich mir gleich einen Verkäufer und schilderte klar mein Problem. Er schaute mich freundlich an und sagte, er hätte da was passendes in Größe 44. Wenn der Shorty nicht passt, könnte ich sicher bei den Männeranzügen was finden. Ich glaube zwar nicht an Produkte für Männer und Frauen trotzdem sagte ich: „Aber ich möchte doch einen pinken Anzug mit Swarovski-Steinen!“ Der Verkäufer war sehr zuvorkommend und meinte: „Im Zweifel klebe ich Dir welche drauf.“ Der runtergesetzte Anzug von Camaro aus der Vorsaison (warum auch immer für schwarze Anzüge aus Neopren eine Saison sinnvoll sein soll) in Größe 44 für 80€ passte. Sehr zufrieden verließ ich das Geschäft.

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Ab Mai trainierte ich nun regelmäßig zwei Mal wöchentlich. An meinem freien Vormittag schwamm ich nicht mehr in der Alsterschwimmhalle, sondern im Kaifufreibad. Das Kaifubad in Eimsbüttel ist wunderschön. Neben Sauna, Solebad, einem Innenbecken und einem beheizten Außenbecken (25m) gibt es von Mai bis September noch ein Freibad mit Sprungbecken und einem großen ungeheiztem 50m-Becken. Die Wasser-Temperatur lag im Mai und Juni bei 19-22 Grad. Für jemanden, der wie ich, bei ca. 45 Grad duscht, ist es eigentlich vollkommen undenkbar in dieses Wasser zu steigen. Mit dem Shorty ging es aber. Trotzdem kribbelte die Kälte am ganzen Körper und wenn das Wasser beim einatmen seitlich in die Ohren floss, fragte ich mich, warum ich mir das antue. Gleichzeitig war es wunderschön. Meist waren mit mir nur 3-5 andere Leute in dem riesigen Becken. Mehr oder weniger allein im Freien zu schwimmen finde ich grandios, egal ob die Sonne scheint oder Regentropfen auf das Wasser prasseln. Meine bislang schnellste Zeit (49 Sekunden für 50m) schwamm ich ebenfalls in diesem Becken.

Nach einigen Wochen und leichter Erhöhung der Wassertemperatur auf 21 Grad zog ich erstmals im Badeanzug meine Außenbahnen. Ich fühle mich im Badeanzug wohler als im Neoprenanzug. Am liebsten würde ich ja nackt schwimmen, aber das ist eine andere Geschichte. Die Kälte prickelte nur ein bisschen mehr ohne Shorty, wenn man sich dran gewöhnt hat und keine Pausen macht. Nun schaffte ich auch die 1.000m durchgängig in Kraullage zu schwimmen, ohne zwischendurch Brust zu schwimmen. Allerdings machte ich den Fehler, zu wenig zu atmen, so dass ich am Ende häufig Kopfschmerzen durch den Sauerstoffmangel hatte. Mit meinen Zeiten war ich einigermaßen zufrieden. Als ich mit dem schwimmen anfing, brauchte ich für 1.000m zwischen 28 und 30 Minuten, jetzt waren es zwischen 23 und 26 Minuten. Mein Ziel für den Kilometer im See war es, unter 25 Minuten zu bleiben, mein Traum wäre eine Zeit um die 20 Minuten.

Per Mail erhielt ich die Information, dass man an zwei Tagen – in jeweils einem Zeitfenster von drei Stunden – in der Dove-Elbe trainieren kann. Also fuhr ich einmal quer durch Hamburg, um den See (die Dove-Elbe ist ein ruhiger seeartiger Nebenarm der Elbe) kennenzulernen. Ich wusste nicht wie er riecht, ob und wie weit man darin sehen würde, wie kalt das Wasser sein würde und ob ich mich darin wohl fühlen würde.

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Ich war vorbereitet, hatte nur das Wesentliche mit und musste mich nur noch ausziehen aber nicht mehr den Badeanzug anziehen. Mein Jedermann-Wettbewerb fand im Rahmen der deutschen Meisterschaften im Freiwasserschwimmern statt. Als ich ankam, sah ich einen Steg auf dem sich einige junge Schwimmer tummelten. Sie sprangen ins Wasser als wären 20 Grad für sie eine Badewanne und schwammen in atemberaubender Geschwindigkeit. Außerdem verstanden sie offenbar das System aus kleinen und großen Bojen. Für mich sahen das Wasser und die Bojen aus wie ein Schaltbrett. Verschüchtert drehte ich mich um und fuhr in mein Hallenbad.

Mein Erlebnis an der Dove-Elbe verringerte nicht meine Aufregung für den Wettkampf. Am Samstag – dem Wettkampftag – war ich zu nichts zu gebrauchen. Ich hatte Mann und Kinder gebeten mitzukommen aber ich wusste nicht, ob es ein Rahmenprogramm gibt und das Wetter war hanseatisch-durchwachsen. Die Außentemperatur lag so bei 19/20 Grad, es gab immer wieder Schauer, die Möglichkeit eines Gewitters und der Boden war durch den Regen der letzten Wochen aufgeweicht und schlammig.

Wir kamen relativ pünktlich an und hatten wenigstens keine Parkplatzprobleme. Außer den Schwimmern und ihren Familien und Freuden gab es kaum Zuschauer. Die Akkreditierung war kompliziert. Meine Startunterlagen – und auch die von drei anderen Mitschwimmern – waren schon anderen Leuten gegeben worden. Nach drei Durchsagen und 30 Minuten erhielt ich eine neue Starternummer. So bin ich gleich zwei Mal geschwommen und meine Doppelgängerin war sogar etwas schneller als ich. Während ich auf meine Startnummer wartete, versuchte ich mich zwischen Badeanzug und Shorty zu entscheiden. Die Entscheidung fiel von selbst, nachdem ich im Badeanzug vollgestempelt wurde und man mir sagte, ich solle mich jetzt nicht mehr umziehen. Jeweils zwei Mal auf jeder Seite (Arm und Schulter) sowie auf meiner Badekappe prangte nun meine vierstellige Nummer in handflächengroßen Ziffern.

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Ein sehr euphorischer freiwillige Helfer erklärte mir und einer anderen Frau, dass man die Farbe am besten mit Babytüchern entfernen kann. Ich kann das bestätigen. Mit Wasser und Seife kann man sich die ganze Haut abreiben und die Nummer ist noch drauf, mit einem Feuchttuch ist alles sofort weg. Keine Ahnung was das für Rückschlüsse auf Feuchttücher zulässt.

Nach der Beschriftung sollten wir uns im Starterzelt einfinden. Dort dürfen nur die Schwimmer des jeweiligen Wettkampfes rein. Am Eingang wird kontrolliert. Dort kann man auch seine Sachen ablegen und sich ausziehen. Es war angenehm warm und trocken im Zelt. Auffällig fand ich, wie viele Frauen dabei waren (bei den Ergebnissen sah ich, dass der Frauenanteil bei über 50% lag). Außerdem war jedes Alter vertreten. Die älteste Schwimmerin war 87 Jahre alt und wurde von Ihren Enkeln begleitet. Auch figürlich war die Vielfalt groß. Von gestählten Körpern über Bierbäuche, von schmalen Frauen bis üppigen Presswürsten wie mich. Die Stimmung war sehr entspannt und enorm freundlich. Insbesondere unter den Frauen fiel mir das auf, so als wollten wir uns sagen: „Ich nehme Rücksicht auf dich, es geht mir ums Ankommen in meiner persönlichen Bestzeit und nicht ums gewinnen.“ Während des gesamten Wettbewerbs waren tatsächlich alle Beteiligten enorm rücksichtsvoll. Überholt wurde meistens links mit Abstand. Wer langsam war, machte Platz und es gab ganze Gruppen und Familien, die aufeinander warteten und wirklich gemeinsam schwammen. Auch der euphorische Helfer hatte uns geraten: nach dem Startschuss erst ein paar Mal ein- und auszuatmen und dann loszuschwimmen. So kann man den ambitionierten Schwimmern den Vorrang lassen.

Dann wurden wir einzeln aufgerufen und mussten mit unserem Transponder einchecken. Die knapp 100 Schwimmer wurden in zwei Gruppen aufgeteilt und starteten zeitversetzt. Ich war in der ersten Gruppe. Mit 50 anderen Leuten stand ich auf dem Steg und überlegte, wann es sinnvoll ist, ins Wasser zu steigen.

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Ich war eine der ersten und sehr froh, dass das Wasser sich schön weich anfühlte und lecker nach feuchtem Wald roch. Zum Start waren alle im Wasser.

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Ich atmete ein und aus und schwamm los. Im gelb-braunen Wasser hatte ich eine Sicht von maximal 1m. Das Schaltbrett der Bojen war uns zwar erklärt worden aber aus der Wasserperspektive war mir alles wieder fremd. Immer wieder musste ich Brust schwimmen, um mich zu orientieren. Selbst beim geradeaus kraulen stieß ich ständig gegen die Bojen oder hatte Angst am falschen Ende des Sees anzukommen. Die zweite Runde des Parcours lief etwas besser, aber ich fand einfach nicht in meinen Rhythmus. Als ich an der Tafel im Wasser anschlug freute ich mich, war aber auch etwas enttäuscht von mir.

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Auf dem Steg angekommen, stürzte ein Kind auf mich und gab mir eine Medaille. Einen Becher süßen, heißen Tee gab es auch. Das perfekte Getränk in dieser Situation.

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Meine Zeit konnte ich nirgendwo direkt ablesen aber ich wollte sie auch erstmal nicht wissen. Der Mann und die Kinder wirkten sehr beeindruckt und umarmten mich. Allein dafür hatte es sich gelohnt. Ich ging im Landesleistungszentrum Rudern und Kanusport duschen und vergaß dort meinen Badeanzug.

Einige Tage später fand der Mann zwar nicht den Badeanzug aber dafür eine Liste mit den Zeiten. Ich war 23:41 Minuten geschwommen und als 67. von 97. Schwimmern ins Ziel gekommen. Für den nächsten Freiwasserwettbewerb habe ich mich bereits angemeldet.

Hinweis: In dem Text nenne ich diverse Produkte und Geschäfte. Kein Produkt oder Geschäft habe ich aus Werbezwecken geschenkt bekommen oder aufgesucht.

Keine Euphorie, sondern Verärgerung

Im Urlaub habe ich Lily Kings Buch „Euphoria“ gelesen. Wer den Roman noch lesen möchte, besser nicht weiterlesen, ich verrate einiges aus der Handlung.
Das Buch spielt in den 30er Jahren des 20. Jahrhundert auf Papua-Neuguinea. Ein Anthropologen-Paar (Nell und Fen) treffen während ihrer Arbeit bei verschiedenen Stämmen in der Region auf einen englischen Anthropologen (Bankson). Dabei kommt es zu einer Ménage-à-trois sowohl auf freundschaftlicher, beruflicher und sexueller Ebene. Das Buch ist wirklich spannend geschrieben, es enthält viele Informationen sowohl über die Menschen auf Papua-Neuguinea als auch über die Methodik und Geschichte der Ethnologie und Anthropologie.
Während des Lesens habe ich mich bereits gefragt, ob das Buch auf realen Personen und Kulturen basiert. Umso mehr freute ich mich über die „Auflösung“ am Ende des Buchs. Es handelt sich um eine fiktionale Geschichte, die inspiriert ist, von der einige Monate dauernden Zusammenarbeit von Margaret Mead, Reo Fortune und Gregory Bateson am Sepik Fluss im Jahr 1933.

Ich recherchierte also nach Margaret Mead, von der ich bis dahin noch nie etwas gehört hatte und war begeistert. Mead war eine erfolgreiche und berühmte Anthropologin mit einer sehr interessanten Lebensgeschichte. In „Euphoria“ wird aus einer realen
Figur, die sich in ihrer Forschung u.a. auf Sexualität und die Konstruktion von Geschlechterrollen konzentriert hat, die ganz offenbar ihr Leben stark selbst bestimmt hat und drei Mal verheiratet war, ein Opfer. In der Geschichte ist ihr Ehemann (Fen) gewalttätig und eifersüchtig auf ihren Erfolg. Dem gegenüber ist ihr Liebhaber und Verehrer Bankson verständnisvoll aber auch nicht stark genug, um sie zu retten. Am Ende stirbt die schwangere Nell an Blutungen, die wahrscheinlich durch ihren Ehemann verursacht wurden. Aus ihren Manuskripten jedenfalls geht hervor, dass sie sich trennen wollte. Die Geschichte selbst wird aber nicht von Nell, sondern von ihrem Geliebten Bankson erzählt. Lediglich Fragmente aus ihren Notizbüchern lassen direkte Rückschlüsse auf Nells Perspektive zu.

2015 hielt ich auf der re:publica einen Vortrag über das Fremdgehen. Darin stellte ich die These auf, dass in Filmen und Büchern Frauen, die fremd gehen, immer oder zumindest sehr häufig sterben müssen. Ich könnte mich darüber freuen, dass meine These in einem Buch, das 2014 erschien,
bestätigt wird. Ehrlich gesagt aber ärgere ich mich. Darüber, dass spannende, weibliche Persönlichkeiten nach wie vor in kulturellen Werken zurechtgestutzt werden, damit sie auf keinen Fall ein Rollenmodell werden, sondern ein Mahnmal dafür, was mit selbstbestimmten Frauen passiert.

Nur richtige Vergewaltigungen

Auf Twitter bemerkte neulich jemand, dass die Diskussion über #neinheißtnein von der Verhandlung um Gina-Lisa Lohfink vielleicht besser getrennt werden sollte. Hintergrund sei, dass man von außen nicht mehr sagen könnte, was nun passiert sei. Ich fand, dass das ein ziemlich erbärmlicher Ansatz ist. Wie oft kann man bitte schön von außen genau sagen, was passiert ist? Dürfen wir nur noch klare Situationen zur Grundlage von gesellschaftlichen Debatten machen?

Zweifelsohne ist die Diskussion um Frau Lohfink, Vergewaltigung und Strafrecht mittlerweile so komplex, dass sie nur schwer zu überblicken ist. Ich versuche trotzdem kurz anhand dessen, was ich bislang hierzu gelesen habe, die Rahmendaten zusammenzufassen. Ich fand hier vor allem einen Text aus dem Stern hilfreich.

Im Juni 2012 machen machen zwei Männer Videoaufnahmen von Frau Lohfink während sie Sex mit ihr haben. Frau Lohfink ist sichtbar betrunken, möglicherweise steht sie auch unter dem Einfluss von Drogen und/oder k.o.-Tropfen. Nachweisbar ist das allerdings nicht mehr. Im Laufe des Videos sagt Frau Lohfink drei mal „Hör auf!“.

Die Männer bieten das Video diversen Medien an. Es findet kaum Absatz, sie laden es hoch und das Video verbreitet sich schnell. Hierzu gibt es ein Gerichtsverfahren, bei dem einer der Männer zu einer Geldstrafe verurteilt wird. Für den anderen wird das Verfahren eingestellt, weil er wohl abgetaucht ist.

Jetzt steht Frau Lohfink wegen einer möglichen Falschaussage vor Gericht. Es ist zu klären, ob die Aussage von Frau Lohfink, dass sie in dem Zeitraum, in der auch die Videoaufnahmen gemacht wurden, vergewaltigt wurde, stimmt oder nicht. Wie mir Frau Modeste via Twitter erklärte, haben nicht die beiden Männer Frau Lohfink verklagt. § 164 ist ein Offizialdelikt. Basierend auf § 164 StGB ist es verboten, einen Dritten wissentlich einer Straftat zu bezichtigen, die er nicht begangen hat. Es reicht dem Gericht zur Feststellung einer Vergewaltigung wohl nicht aus, dass Frau Lohfink drei Mal „Hör auf“ gesagt hat. Begründet wird dies damit, dass sich das „Hör auf“ auch auf eine bestimmte sexuelle Praktik bezogen haben könnte und nicht auf den Geschlechtsverkehr im allgemeinen.

Hinzu kommt, dass Frau Lohfink vor der Nacht mit dem Video einvernehmlichen Sex mit einem der Männer hatte und danach weiterhin in Kontakt mit ihm stand und sich wohl auch mit ihm getroffen hat. Das alles mag nicht ganz einfach zu sortieren sein, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass andere Gerichtsverfahren viel weniger komplex sind. Ich kenne die genaue Gesetzeslage nicht, daher stelle ich mir folgende Fragen (wenn jemand dazu was sagen kann, freue ich mich über Kommentare):

A) Wie oft wird ein Verfahren wegen Falschaussage (von der Staatsanwaltschaft) angestrengt? Ist das ein übliches Prozedere?

B) Warum wird das Verfahren bei so einem sensiblen Thema öffentlich geführt?

C) Wenn Frau Lohfink hier jetzt wegen Falschaussage angeklagt ist, warum gilt nicht bei ihr „im Zweifel für den Angeklagten“? Immerhin beweist das Video zumindest, dass die Situation zweifelhaft war. Sie war offenbar nicht ganz bei sich, sie hat mehrmals darum gebeten, das aufgehört wird und die Aufnahmen wurden gegen ihren Willen online gestellt. Das sind drei Aspekte, die nicht wirklich zu einvernehmlichen Sex gehören.

D) Warum dürfen Zuschauer im Gerichtssaal Frau Lohfink anpöbeln und beschimpfen?

Wie im Januar die Vorfälle in Köln, wirft auch diese Verhandlung die Frage auf, ob und wie das aktuelle Sexualstrafrecht überarbeitet, angepasst oder verschärft werden soll. Ich habe den Text von Thomas Fischer dazu gelesen, aber unter all der Polemik leider keine sachlichen oder konstruktiven Aspekte gefunden. Offenbar ist die Gesetzgebung so, dass ein „nein“ beim Sex nicht ausreicht, um nachher von einer Vergewaltigung zu sprechen. Es müssen wohl auch Merkmale wie Drohung, Gewalt oder das Ausnutzen einer schutzlosen Lage gegeben sein.

Auch hier weiß ich nicht wie die aktuelle Lage genau aussieht, was genau geändert werden soll und wie dies dann in den konkreten Verhandlungen umgesetzt werden soll. Selbst wenn demnächst (vollkommen richtig!) juristisch ein „Nein“ ausreicht, wird es ja trotzdem weiterhin Fälle geben, in denen Aussage gegen Aussage steht und der Sachverhalt schwierig zu klären ist.
Ich freue mich über sachliche Kommentare, falls jemand genaueres dazu sagen kann.

Unabhängig von juristischen Fragen wird parallel eine öffentliche Diskussion geführt, die mich erschüttert. Und das meine ich formal wie inhaltlich. In den letzten Wochen habe ich auf Twitter an einigen kleineren Diskussionen beteiligt. Zum Glück waren diese insgesamt sehr respektvoll, ich versuche die Untiefen des Irrsinns zu vermeiden. Aber die Spitze des Eisbergs deutet ja auch trotzdem auf das hin, was sich in der Tiefe verbirgt.

Folgende Punkte scheinen vor allem bei Männern zu massiver Verstörung zu führen. Während zwar jeder sagt, dass ein Nein natürlich ein Nein bedeutet, will keiner, dass dies gesetzlich festgeschrieben wird. Die größte Sorge ist, dass die Anzahl von falschen Beschuldigungen zunimmt. Nun: nur weil ein Nein auf einmal auch Nein bedeutet, wird der Fall trotzdem noch regulär verhandelt werden. Das heißt, es gilt die Unschuldsvermutung, es gibt eine Beweisaufnahme und eine Verhandlung. Die Möglichkeit einer Falschaussage ist nicht kleiner oder größer als vorher. Der einzige wesentliche Unterschied ist eine Selbstverständlichkeit. Und im Grunde ist es super einfach: wenn jemand bei Sex nein sagt, einfach mal nachfragen und ggf. aufhören.

Im Feuilleton der Zeit erschien ein Text mit dem Titel Das Schlafzimmer als gefährlicher Ort. Hier steht, eine Verschärfung des Sexualstrafrechts kann dazu führen, dass eine Frau nach einer Nacht mit leidenschaftlichem Sex von Vergewaltigung spricht. Die Sorge ist: wir werden alle nie wieder geilen, hemmungslosen Sex haben. Das Sexualstrafrecht wird uns zu kastrierten Menschen ohne Freude machen. Auf die Panik vor dem Verlust der Leidenschaft würde ich gern mit Logik antworten. Wenn ich eine großartige Nacht mit leidenschaftlichen Sex hatte, werde ich mich die nächsten Wochen verträumt daran erinnern, ich würde versuchen, das Erlebnis baldmöglichst zu wiederholen und die Person, mit der ich die Nacht geteilt haben, wird einen Platz in meinem Herzen bekommen. Ich werde ganz sicher nicht zur Polizei gehen, dort eine Anzeige erstatten, mir einen Anwalt suchen, als Zeugin in einem Prozess aussagen und die Person, mit der ich kurz zuvor wunderbaren Sex hatte, ins Gesicht einen Vergewaltiger nennen. Als Teenager war ich Opfer und Zeugin in einem Sexualstrafprozess. Ich möchte allen versichern, das macht keinen Spaß. Diese Prozedur macht man nicht aus Jux und Dollerei mit. Frauen zu unterstellen, sie würden nach einer gesetzlichen Änderung diese „Chance“ nutzen, um Männern eins auszuwischen, grenzt an Bösartigkeit. Diese Behauptung ist zudem genauso dumm wie die, dass die Pille danach ohne Rezept, dazu führt, dass Frauen die Tabletten wie Smarties zu sich nehmen. Übrigens kenne ich genau 0 Männer, die Opfer einer falschen sexuellen Beschuldigung wurden, indessen haben fast alle Frauen in meinem Umfeld unterschiedlich starke Formen sexueller Gewalt kennen gelernt.

Der Fall von Frau Lohfink ist es in den Augen vieler nicht wert, als richtige Vergewaltigung behandelt zu werden. Dem einen ist die Welt der Frau Lohfink fremd. So als würde Vergewaltigung nur bestimmte Welten betreffen. In der Welt der Proleten und Vulgären ist sie einfach normaler Teil der Kommunikation und insofern nicht beachtenswert. Der nächste versteht nicht, wieso man erst mit jemanden einvernehmlichen Sex haben kann, dann vergewaltigt wird und sich trotzdem nochmal mit ihm trifft. An dieser Stelle möchte ich eigentlich immer weinen. Mir wird dann immer bewusst, wie wenig Ahnung die meisten Männer von sexueller Gewalt oder sexuellen Übergriffen haben und es ärgert mich umso mehr, wenn sie mir erklären wollen, was richtige und falsche Gesetze sind, wo sexuelle Gewalt beginnt und was ganz sicher keine sexuelle Gewalt ist.

Auf dem Gymnasium hatte ich einen Lehrer, der gegenüber uns Mädchen nicht nur anzügliche Bemerkungen machte, sondern uns auch Kreide in den Ausschnitt warf, sie teilweise auch selbst wieder rausholte. Gut sichtbar spielte er mit seinen Eiern in der Hosentasche oder rieb seinen Schritt an den Tischkanten. Dabei guckte er uns lasziv an und leckte mit seiner Zunge über seine Lippen. Soweit mir bekannt ist, hat der Lehrer nie Konsequenzen aus seinem Verhalten ziehen müssen. Er hat sich über Generationen von Schülerinnen so verhalten und war wohl schon relativ alt und ruhig geworden, als er uns unterrichtete. Wir Schülerinnen – in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihm – haben uns nie offiziell beschwert. Auch die Eltern haben keine Beschwerde eingereicht. Wenn sie es überhaupt von ihren Kindern erzählt bekommen haben, konnten die meisten Eltern sich nicht vorstellen, dass jemand wirklich sowas macht. Es gab zudem außer unserer Aussage keine Beweise. Unser Lehrer genoss Imunität und konnte machen, was er wollte. Und natürlich waren wir freundlich zu ihm, wir mussten uns damit arrangieren, dass wir ihm nicht aus dem Weg gehen konnten.

Was ich sagen will: es gibt Situationen, in denen ist es sehr schwer, sich zu wehren. Man weiß als Frau, dass einem nicht schnell geglaubt wird. Oft fragt man sich auch selbst, ist das jetzt wirklich so passiert? Ich mein, welcher klar denkende Mensch reibt seinen Pimmel an einem Tisch? Habe ich was falsch gemacht? Das kann doch nicht sein. Das wird doch niemand tun. Oft dauert es lange, bis man sich sicher ist, dass das was einem passiert ist, falsch ist.

Und die Diskussion um dem Fall Lohfink bestätigt mich darin, dass eine Vergewaltigung nur dann ernst genommen wird, wenn sie engen Kriterien entspricht, klar beweisbar ist oder ein Geständnis vorliegt. Mit engen Kriterien meine ich, dass das Opfer wirklich auch ein „richtiges“ Opfer ist und keine Frau mit sonst aggressiver Sexualität, Silikonbrüsten und einer grellen Stimme. Der Täter sollte aus dem Dunkeln kommen und überfallartig seinem Opfer in einer Unterführung auflauern. Sobald der Fall kompliziert ist, der Täter aus dem persönlichen Umfeld kommt und/oder das Opfer nicht dem gesellschaftlichem Opferschema entspricht, wird auf einmal alles in Frage gestellt. Wenn ich also lese, dass der Fall von Frau Lohfink sich wegen mangelnder Klarheit nicht als Beispiel eignet, dann kann ich nur entgegnen: wer aufgrund mangelnder Fähigkeit nicht in der Lage ist, sich in komplexe Sachverhalte hineinzudenken, sollte nicht den Erklärbär machen.

Insofern ist der Fall Lohfink genau richtig für die Diskussion #neinheißtnein. Er zeigt, dass es genau darum geht, zu überlegen, wo sexuelle Gewalt anfängt und welche Vielfalt und Facetten sie haben kann. Wir müssen über Konsens sprechen und uns immer wieder bewusst machen, dass Konsens wirklich für alle gilt. Darüber hinaus ist die Frage, warum eine panische Angstmache betrieben wird, nur weil eine Selbstverständlichkeit gesetzlich verankert werden soll.

Nachtrag: Der oben erwähnte Text aus der Zeit von Sabine Rückert ist nun online verfügbar.

Bitte kein Gulasch

Neulich habe ich dem Mann gestanden, dass ich kein Gulasch mag. Das ist nicht ganz korrekt, ich mag das Gulasch mit Spiralnudeln, das ich in meiner Kindheit und Jugend bei A. gegessen habe. Aber das ist auch kein klassisches Gulasch, sondern eher eine milde braune Maggi-Bratensauce mit zarten und kleinen Fleischstückchen. Der Mann kocht sehr gut, sehr oft und isst sehr gern Gulasch. Wenn er vorgeschlagen hat, uns ein leckeres Gulasch zu kochen, habe ich also stets Ausreden gesucht wie: „Gulasch ist ein Wintergericht, wir können es nicht im Mai essen“ oder „Vielleicht nächste Woche“ oder „Wir sollten nicht so viel Fleisch essen“. Als mir nach 11 Jahren die Ausreden ausgingen, beschloss ich, ihm ehrlich zu sagen, dass ich eines seiner Lieblingsgerichte einfach nicht mag.

Mein Verhältnis zu Gulasch bekam seinen Todesstoß während eines Urlaubs in Ungarn. Ich hatte mich sehr auf die ungarische Küche gefreut, nur um dann festzustellen, dass es meist knorpeliges Fleisch in roter Sauce gab. Der Plattensee und die Thermalbäder konnten die Mangelernährung auch nicht wett machen. In einem Text über Anthony Bourdain und Köln las ich neulich:

I often say that the places I go there’s a pheromonic decision made very, very quickly. You step outside the airport terminal and you go [breathes in through nose] and you know right away there’s something about this place that I think I’m going to like.

Ganz klar: damals in Budapest und am Plattensee behagten mir die Pheromone einfach nicht.

Essen ist für mich wie Partnerwahl. Wenn es schmeckt oder gut riecht, verknalle ich mich. Irgendwann erzählte ich jemanden von meinen Reisen. Während ich so vor mich her schwärmte unterbrach mich mein Gegenüber und meinte: „Du redest nur von Essen und Trinken“. Erst war mir das sehr unangenehm. Schließlich wird Essen gesellschaftlich nicht nur positiv gesehen. Die Völlerei ist eine der Todsünden, da sollte man ekstatische Begeisterung für Nahrung eher sparsam dosieren. Erst mit der Zeit wurde mir klar, dass ich mir die Welt zu einem großen Teil über Nahrung und Gerüche erschließe. Es gibt also keinen Grund, sich dafür zu schämen.

Es gibt nur wenig, das einem so nahe kommt und quasi jede Station des Körpers kennenlernt wie das, was wir zu uns nehmen. Es gibt kein besseres Mittel für mich fremde Länder kennenzulernen, als zu essen und zu trinken. Daher interessiere ich mich oft auch mehr für Supermärkte, Märkte, Cafés und Restaurants als für Museen. Im wahrsten Sinne des Wortes versuche ich, mir meine neue Umgebung einzuverleiben.

Aber auch in meiner alltäglichen Umgebung freue ich mich auf gutes Essen, einen leckeren Kaffee oder einen köstlichen Snack wie andere auf ein tolles Konzert. Mit Schreck geweiteten Augen las ich daher neulich einen Text über Soylent-Flüssignahrung. Sicherlich gibt es Menschen, die es entspannt, wenn sie nicht mehr über Essen nachdenken müssen, aber für mich wäre eine Ernährung, die hauptsächlich auf Flüssignahrung basiert, ein Albtraum. Alles in dem Text klingt wie eine freiwillige Nebenhöhlenentzündung, wegen der man eine Zeit lang nicht mehr riechen kann. Ich habe das leider öfter. Ich nehme meine Umgebung dann viel stumpfer und gedämpfter wahr. Sobald ich wieder riechen kann, freue ich mich sogar über den Geruch meiner Kacke. Die Vorstellung, jeden Tag nahrhaften Bauschaum zu mir zu nehmen, deprimiert mich zutiefst.

Das Wunderbare am Essen ist, dass es mehrere Ebenen der Befriedigung gibt. Ich finde es albern, wenn Essen als der Sex des Alters bezeichnet wird, so als wäre Essen eine Ersatzbefriedigung. Völlig unabhängig davon, dass beim Sex das Alter völlig irrelevant ist, sollte Essen als Befriedigung für sich selbst stehen. Zum einen auf der ganz persönlichen Ebene und zum anderen auch auf der Ebene des gemeinsamen Erlebens. Meine Erinnerung ist gefüllt mit schönen Stunden beim Essen mit Menschen, die mir was bedeuten. Was ich an italienischen Filmen mag ist, dass am Ende ganz oft eine Feier oder ein gemeinsames Abendessen stattfindet. Leute, die sich vorher noch fremd waren, die sich stritten und bekämpften, sitzen am Ende zusammen und genießen ein gutes Essen. Ein Mahl stiftet Frieden und Harmonie, es ist der Ausgangspunkt einer Art Zivilisation. Und insofern hat Essen dann auch viel mit Sex gemein. Es bringt die Menschen einander näher, schafft Intimität und Bindung.

Diese ganzheitliche Herangehensweise mag ich auch an der Netflix-Serie Chef’s Table. In dieser Doku-Serie wird pro Folge eine hervorragende Köchin oder Koch vorgestellt. Als der Mann die Serie vorschlug, willigte ich nur mäßig begeistert ein. Ich befürchtete, dass eine öde Kochsendung auf mich zukommen würde. Die erste Folge mit Massimo Bottura hat mich dann gleich so begeistert, dass ich mich morgens schon darauf freute, am Abend endlich die nächste Folge sehen zu können. In der Serie wird das Leben der KöchInnen anhand ihres Essens erzählt. Immer wieder wird deutlich, dass Essen eben nicht (nur) dazu dient, Vitamine,
Mineralstoffe und Energie in unseren Körper zu stopfen, sondern Nahrung ein Teil von uns ist. Ein Teil unsere Erinnerung, ein wesentlicher Schlüssel dazu, wie wir die Welt wahrnehmen und ein Bindemittel zwischen uns und anderen Menschen.

Die Folge über Francis Mallmann war für mich das Beste was ich seit Monaten gesehen habe. Mallmann ist vollkommen irre und scheint wirklich sehr konsequent das zu tun, was er will. Zusammen mit ein paar jungen Menschen kocht er in Erdlöchern, auf offenen Feuerstellen neben malerischen Seen oder hängt (tote) Schweine an Gerüsten übers Lagerfeuer. Ich habe nicht verstanden, wie er davon genau leben kann und ob seine jungen Angestellten angemessen entlohnt werden und tatsächlich so toll miteinander klar kommen. Aber es war mir in dem Moment auch egal. Was hier zum Vorschein kam, war ein Bild von Menschen, die versuchen, Freiheit, Abenteuer und Gemeinschaft miteinander zu verbinden. Das kann man pathetisch und absurd-idealistisch nennen aber ich finde es einen ganz angenehmen Gegenentwurf zu einer Gesellschaft, die sich über Gutmenschen lustig macht.

Auch in den anderen Folgen der Serie klingen Elemente von Freiheit, gegenseitiger Achtung und Abendteuer immer wieder an. Die Vorstellung, dass es Menschen gibt, die miteinander Essen zubereiten, die ausprobieren, welche mannigfaltigen Möglichkeiten es gibt, Essen zuzubereiten, die sich mit dem Reichtum dessen beschäftigen, was die Natur uns bietet und die das alles auch noch mit anderen teilen, lässt mich nach jeder Folge satt und zufrieden sein. Und selbstverständlich kann man einwerfen, dass das Essen in Restaurants nicht geteilt, sondern verkauft wird. Aber ganz ehrlich, ich habe in den wenigsten Fällen den Eindruck, dass sich das Geschäftsmodell „Restaurant“ als Gelddruckmaschine eignet. Ohne eine große Portion Idealismus wird man diesen kräftezehrenden Job ganz sicher nicht machen.

Ein Aspekt, der in Chef’s Table auch immer wieder aufgegriffen wird, ist die Frage, ob Kochen Kunst oder zumindest ein kreativer Akt sein kann. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass die Frage danach, was Kunst ist und was nicht, mehr zerstört als fördert. Eine Kanonisierung ist nichts anders als eine Vereinfachung. Wenn ich schon nicht in der Lage bin, die Welt zu begreifen, dann grenze ich sie einfach ein. Das macht es übersichtlich. Grenzen bedeuten aber eben immer auch, dass der Blick eingeengt wird, dass das was außerhalb der Grenzen passiert, nicht wahrgenommen wird und alles innerhalb der Grenzen zu einem lahmen Einheitsbrei verkommen kann. Die Frage nach der Kunst ist mir am Ende also eigentlich egal. Viel interessanter ist doch, dass wir hier einen Teil unserer Menschheitsgeschichte nachvollziehen können. Ich habe mich immer gefragt, wie die Leute an den unterschiedlichsten Orten, z.B. auf die Idee kamen, Getreidekörner zu sammeln, zu mahlen, mit Wasser zu vermischen und zu warten, bevor sie die Matschepatsche über Feuer zu einem Brot machten. Und natürlich kann man Molekularküche affig finden oder sich darüber lustig machen, dass einige Restaurants konsequent nur regionale Produkte nutzen. Aber dann übersieht man eben auch, dass das, was wir heute als gutbürgerliche Küche bezeichnen, auch irgendwann mal ausprobiert und entwickelt wurde. Das übrig gebliebene knorpelige Fleisch musste eben auch verwertet werden. Insofern sollte ich dem Gulasch einfach nochmal eine Chance geben. Aber erst, wenn es kälter wird, Gulasch ist schließlich ein Wintergericht.