Anschauen aber nicht anfassen

Im Alsterhaus wurde die Kosmetikabteilung neu eröffnet. Dort gibt es neben den üblichen Verdächtigen der Kaufhauskosmetik jetzt auch Kiehl’s und Dr. Hauschka und weitere mehr oder weniger biologische Edelmarken.

Da ich zu dem Personenkreis gehöre, der sich 30-60 Minuten in einem Drogeriemarkt aufhalten kann, ohne sich auch nur ansatzweise zu langweilen, war mein Interesse geweckt.

Kaum trat ich ein, wurde mir mit einem Schlag wieder bewusst, warum ich diese Pafümösenstände im Kaufhau immer gemieden habe. Ein optischer Relaunch und drei Biomarken schaffen nämlich noch lange keine angenehme Kaufatmosphäre.

Zum einen kann man die Produkte nicht in Ruhe studieren. Sobald man sich dem Stand mehr als 1,5m nähert, baut sich vor einem eine Wand auf. Dann beginnt das Käufer-Domina-Spiel mit der Frage:

Kann ich Ihnen helfen?

Wenn man – wie ich – nicht die passende Antwortparole kennt, sondern sagt, man möchte sich nur umschauen, lächelt die geschminkte Parfüm-Domina einen so kalt an, dass man sich flugs in der Rolle des mittellosen, für den Diebstahl prädestinierte, schwänzenden Schulmädchens versetzt fühlt.

Dabei möchte ich mir doch nur die Produkte ansehen, sie in der Hand halten, mir auf die Hände schmieren, überlegen, ob das Preis-Leistungsverhältnis stimmt, mir vorstellen, wie sie mich verschönern und das ein oder andere Produkt am Ende des Entscheidungsprozesses vielleicht in mein Einkaufskörbchen legen.

Aber dazu kommt es nicht, denn die Parfüm-und-Schmink-Domina sieht sich als Fachkraft, die viel mehr kann als die Kassiererin von Budni. Sie lenkt das Kaufverhalten des Kunden, sie berät und verkauft, sie ist die Hüterin der Produkte und hält nur die Produkte vor die Augen des Kunden, die sie für angemessen erachtet. Wer das Spiel nicht mitspielen will, der braucht dem Stand auch nicht näher als 1,5m zu kommen.

Da ich offenbar nicht die einzige Kundin bin, die beim Einkauf die Produkte gern selbst auswählt – wobei ich gegen die Beratung durch eine freundliche und kompetente Mitarbeiterin überhaupt nichts einzuwenden habe, vorausgesetzt, ich, der Kunde, bitte darum – ist es in den Kosmetikabteilungen großer Kaufhäuser stets sehr leer. Nur vor Weihnachten verlaufen sich ein paar Herren hierhin. Männer mögen es offensichtlich, wenn überzeichnete schlanke Damen Ihnen sagen, welche Produkte Ihre Frau mag und braucht.

Aber bis zur nächsten Weihnachtssaison können die Kosmetik-Stand-Damen sich ja weiterhin untereinander unterhalten, da scheint es ja immer viel Gesprächsbedarf zu geben. Vielleicht wird aber auch ein Wunder geschehen und die Damen und Herren der ausstellenden Kosmetikfirmen sehen ein, dass man auch Gewinn machen kann, wenn zwischen der Produktprobe und dem Käufer keine Parfüm-Domina steht.

Nageleinsichtig

Im Gegensatz zu Ansätzen von Cellulite kann man Nägel leider nur schlecht verstecken. Meine Fingernägel liegen ästhetisch zwischen Frankensteins Patschern und Elefantennägeln. Zum einen ist das mir vererbte genetische Material nur mittelmäßig. Eine kreisrunde Form mit einer Nagelhaut, die gern auf dem Nagel wächst und die behornten Fingerspitzen dadurch noch kleiner erscheinen lässt. Zum anderen nage ich – je nach Nervositätsgrad mal mehr mal weniger – sehr gern an der Nagelhaut, die sich mit einem ausgesprochen unästhetischen Äußeren dafür bedankt.

Glücklicherweise brachte der Mann ein Familienmitglied in die Familie, die sich aus professionellen Gründen mit Nägeln auskennt und sofort erkannte, dass bei mir ein großes Verbesserungspotential vorhanden ist. Sie nahm sich meiner umgehend an. Zunächst bläute sie mir ein, dass ich meine Nägel wachsen lassen solle und den Knipser, mit dem ich sie bislang abschnitt, sobald sich etwas weißes oberhalb des hautfarbenen Nagels zeigte, wegwerfen solle. Statt dessen legte sie mir eine Feile vor. Dieses Instrument ist das einzige, mit dem ich fortan meine Nägel kürzen durfte.

Der nächste Schritt war die Maniküre. Sie feilte und pflegte meine Nägel und als Finish erhielt ich eine Lackierung, bei der der oberer Teil der Nägel weiß lackiert, der untere Teil durchsichtig lackiert wurde (heißt in der Fachsprache French Manicure). Erstmals in Ihrem Leben sahen meine Nägel ordentlich aus.

Stolz zeigte ich meine Nägel und versteckte sie nicht, wie früher, in meinem Handballen. Das zufriedene Körpergefühl hielt bis zum nächsten Wohnungsputz an. Kaum hatte ich meine Hände in Seifenwasser, Scheuermilch und OxiAction getunkt, blätterte der Lack ab und die Nagelhaut bildete Krater. Mir wurde schlagartig klar, wer schöne Nägel hat, hat entweder eine Putzfrau oder reinigt mit Handschuhen.

Als nächstes schlug meine Nagelrettung vor, eine Nagelmodellage vorzunehmen. Dabei werden einem Plastiknägel auf die Fingerkuppen geklebt. Da die Plastiknägel ca. 5 cm lang sind, kann man sie auf die gewünschte Länge zurechtschneiden. Es folgen Stunden harter Arbeit. Zunächst wird der aufgeklebte Plastiknagel in den natürlichen Nagel hineingefeilt. Dann folgen diverse Schichten Gel, die jeweils mehrere Minuten in besonderem Licht ausgehärtet werden müssen. Wenn der Nagel und der Plastiknagel eins geworden sind, folgt die Bemalung. Ich kannte das von den Kolleginnen am Empfang. Sie haben jeden Monat neue Motive auf Ihrem Nagel. Für mich war weiß und Glitter vorgesehen.

Die Bemalung der Nägel dauert sogar noch etwas länger als das Auftragen der Gelschichten , da jeder Finger einzeln gehärtet werden muss, um Schmierereien zu vermeiden. Am Ende folgen weitere zwei bis drei Schichten Gel und schon haben die Fingernägel ihr Volumen verdoppelt, haben eine neue Form und sehen aus wie Vorzeigenägel. Man kann wunderbare Geräusche damit machen und fühlt sich sehr sexy. Aber wer glaubt, dass man mit langen Platiknägel dem liebsten den Rücken beim Sex zerkratzen kann, dem sei gesagt, dass die nicht-natürlichen Nägel erheblich weicher und somit zum wirklichen Kratzen deutlich unbrauchbarer sind, als echte Nägel. Mit meinen kurzen Stumpen habe ich den Mann jedenfalls schon schmerzhafter verletzt.

Bereits nach einigen Stunden merkte ich, wie unpraktisch lange Nägel sind. In der Nase popeln ist beispielsweise überhaupt nicht mehr möglich. Schwer wird es auch Hosen oder BHs zu verschließen. Ständig lebt man in der Angst die Nägel abzubrechen. Diese Angst ist allerdings unbegründet, die künstlichenNägel brechen nicht, eher reißt man mit einem versehentlichen Ruck den gesamten natürlichen Nagel samt Nagelbett raus.

Wirklich schwierig wurde es in dem Moment als ich erstmals mit langen Nägeln vor dem Computer saß. Eine Tastatur ist nicht mehr zu benutzten, wenn man mit mehr als 10 Anschlägen pro Minute tippen möchte. Mir wurde schlagartig bewusst, die Nägel müssen ab. Da ich die Tendenz habe sehr leichtfertig wichtige Entscheidungen zu treffen und mich dann und wann über meinen voreiligen Übereifer ärgere verschrieb ich mir eine Nacht darüber schlafen. Um 8h wachte ich auf, ging ins Badezimmer, suchte den Fußnagelknipster und kürzte die Nägel bis zu den Fingerkuppen. Dann feilte ich nach, und setzte mich an den Computer um diesen Text zu schreiben. Mit gefühlten 1000 Anschlägen pro Minute.

Blut an der Reißleine

Meine Mutter ist ein Freund der Alternative:

Warum sollte ich viel Geld für ein Hotel bezahlen wenn ich alternativ im Auto auf dem Campingplatz übernachten kann?

Man könnte den Rock mit dem schönen Muster aber dem scheußlichen Schnitt kaufen, ihn um die Brust knoten und alternativ als Bustier tragen.

Den Kerl braucht man doch nicht, der ist doch viel zu langweilig und passt nicht, man könnte alternativ Schluss machen und warten bis was Besseres kommt.

Die sprudelnde Quelle für die Alternativ-Ideen meiner Mutter sind Bücher, Magazine, die ein oder andere Tageszeitung und vor allem Unterhaltungen.

Die Taktik meiner Mutter ist es, Menschen viel von sich zu erzählen. Das wiegt ihr Gegenüber in Sicherheit und führt dazu, dass der Gesprächspartner auf kurz oder lang selbst beginnt vieles von sich preis zu geben. Die meisten Menschen unterliegen nämlich dem Irrtum, zu glauben, dass Leute, die viel reden, nicht zuhören könnten. Sie beginnen die pikantesten Details aus Ihrem Leben zu erzählen und meine Mutter saugt sie auf wie ein Schwamm.

Wobei wir beim Thema wären. Eine ökologisch sehr korrekte Freundin meiner Mutter erzählte ihr einmal, dass sie statt Tampons Schwämmchen benutzen würde. Kurze Zeit später schlug meine Mutter mir vor, ich solle doch mal Schwämmchen alternativ zu meinen Tampons benutzen.

Wenn es sich bei der Regelblutung um eine Sache handeln würde, bei der zwei Mikro-Milliliter Blut innerhalb einer Stunde ausfließen würde, wäre es sicherlich möglich, einen kleinen Schwamm zu benutzen. Aber die Vorstellung auf der Toilette meiner Arbeitsstätte nach einem Naturschwamm zu popeln, diesen dann auszuwaschen – es wird bestimmt das ein oder andere darin hängen geblieben sein – und ihn erneut einzuführen, ließ mich meiner Mutter den Vogel zeigen und erklären, sie solle doch bitte andere Menschen mit dem Schwamm missionieren. Für mich kämen nur Tampons in Frage.

Wobei wir beim Thema wären. Ökotest hat Tampons getestet. Bei Aldi Nord, Schlecker, Müller Drogeriemarkt und Norma sollte man keine Hausmarken-Tampons kaufen, wenn man die Vorstellung Formaldehyd in die Vagina einzuführen unappetitlich findet. Die gefundenen Mengen Formaldehyd lagen zwar unter dem Grenzwerte, aber die Stelle macht die Musik.

Alle anderen Tampon-Sorten, inklusive der getesteten Ökosorte Natracare Organic All Cotton Tampons Regular – ein Name so lang wie die Regel selbst – nehmen sich nicht viel und liegen im Notenmittelfeld. Die nur mittelguten Noten kommen wohl daher, dass sich in fast allen Produkten halogenorganische Verbindungen befunden haben. Saugfähigkeits- und reißfestigkeitstechnisch schneiden alle Tampons bestens ab.

Das Aufnahmevermögen wurde übrigens mit der Syngina-Methode getestet. Syngina steht für synthetische Vagina. Für all diejenigen, die bereits über ein 1:1-Vaginamodell zum Upgraden des Onanierens nachdachten, sicherlich eine kostengünstige Alternative.

Kostengünstig ist auch, dass o.b. – Dreiviertel der Frauen in Deutschland nutzen diese Tampons – nicht besser abschneidet als die No-Name-Produkte von Rossmann, Lidl oder dm. Das habe ich immer schon gewusst und angeblich einfacheres Einführen war für mich nie ein Grund das Doppelte zu zahlen. Und die ein oder andere halogenorganische Verbindung kann mich auch nicht davon abhalten, mich weiterhin fern zu halten von Schwämmchen. Da muss mir meine Mutter schon mit besseren Alternativvorschlägen kommen.