Wege gehen

Seit dem 2. Schultag war ich Schlüsselkind. Bis zum Ende der Mittelstufe trug ich einen Schlüssel an einem Band um meinen Hals. Die Tatsache, dass ich mir meine Stempelkarte nach wie vor gern umhänge, ist wohl eine Spätfolge.

Ich möchte meine Kindheit nicht verklären. Meine Mutter galt damals sicher als Rabenmutter und ich selbst habe mir oft gewünscht, dass ich nach der Schule nach Hause komme und sie erwartet mich mit einem Gulasch gewürzt mit Maggifix.

Ich hatte zwei Strategien, um damit umzugehen, dass ich häufig von der Schule in ein leeres Haus kam. Ich suchte mir Freundinnen, deren Mütter Hausfrauen waren und genoss das umsorgt sein oder ich genoss die Freiheit, allein daheim zu sein und kümmerte mich um mich selbst. In beiden Fällen wurde ich belohnt.

Belohnt mit dem Hormonrausch, den der menschliche Körper selbst macht, wenn man eine Aufgabe meistert. Belohnt mit Selbstbewusstsein, das man nur bekommt, wenn man Aufgaben selbstständig löst.

Schon früh wusste ich, dass ich es schaffe, Freunde zu finden und dass ich mich in fremde (Familien)strukturen einpassen kann. Auch mein Glaube, dass Menschen im Grunde gut und hilfsbereit sind, resultiert aus dieser Zeit. Wenn wildfremde Leute regelmäßig ein (gefräßiges) 7jähriges Mädchen durchfüttern, kann die menschliche Spezies nicht schlecht sein.

Wenn nötig, konnte ich aber auch selbst einkaufen, kochen, backen, eine verstopfte Toilette entstopfen und nachher das Bad reinigen. Die Qualität war sicherlich ausbaubar aber es war ein tolles Gefühl zu wissen, dass ich alleine klarkommen könnte. Es gab mir die Freiheit, Bindungen freiwillig einzugehen.

In den letzten Wochen habe ich viel an meine Grundschulzeit gedacht. Vor ein paar Tagen wurde mein Sohn eingeschult und es bleibt nicht aus, dass ich viel vergleiche, mich viel erinnere und den Sohn mit Geschichten von früher langweile.

Aus organisatorischen Gründen und auch weil der Weg eigentlich einfach und relativ kurz ist, gingen der Mann und ich davon aus, dass der Sohn in ein paar Wochen oder wenigen Monaten seinen Schulweg allein geht. Jedes Mal, wenn ich dieses Vorgehen außerhalb der Familie – egal ob bei Erziehern, Eltern, Freunden – angesprochen habe, blickte ich in entsetzte Augen.

Und obwohl ich nach wie vor ein wenig verunsichtert bin, merke ich auch, wie ich anfange, mich aufzuregen.

Aufzuregen darüber, dass wir unsere Kinder zwingen, mehrere Stunden am Tag ruhig auf einem Stuhl zu sitzen, dass wir von ihnen gute schulische Leistung, Disziplin, musikalische und/oder sportliche Leistung erwarten. Wir wollen, dass sie sozial kompetent sind, besser Streierein schlichten als wir selbst, wir erzählen ihnen davon, dass mit der Schulzeit der Ernst des Lebens beginnt, aber die persönliche Eigenständigkeit verweigern wir ihnen.

Als ich in der Grundschule war, hatten mein 8 Jahre älterer Bruder und ich ein langes Gespräch. Ich fand es ungerecht, dass er viel mehr durfte als ich. Er erklärte mir, dass er älter sei und dadurch mehr Freiheiten genießen würde. Gleichzeitig hätte er aber auch mehr Pflichten und Aufgaben. Das klang für mich damals sehr plausibel.

Dieses Prinzip wird leider immer mehr pervertiert. Während einerseits die Pflichten für unsere Kinder bestehen bleiben oder immer größer werden, nehmen wir ihnen andererseits ihre Freiheiten sang und klanglos weg.

Aus einer protektiven Angst und wahrscheinlich auch aus einer Kontrollsucht heraus, verweigern wir unseren Kindern, ihr inneres Belohnungsssystem zu nutzen. Sicherlich gibt es Kinder, die aus akademischen Leistungen, aus dem Geigespiel oder einem Fußballpokal genau diese Zufriedenheit ziehen können. Aber für das Gros der normalbegabten Kinder würde der Nachhauseweg ohne Netz und doppelten Boden einen viel größeren Dienst tun.

Von guten Eltern

Als mein Sohn ein paar Monate alt war, kam meine Mutter nach Hamburg, um mir zu helfen, weil der Mann ein paar Tage geschäftlich verreist war. Sie klingelte und ich öffnete ihr verheult und völlig aufgelöst die Tür.

Ich war an dem Tag beim Arzt gewesen. Mein Sohn hatte mal wieder einen Schnupfen, der bei Babys wesentlich dramatischer wirkt, als er ist. Ich fühlte mich bei jedem Sprühstoß Nasenspray wie eine Dealermutti, die ihr Kind für immer von abschwellenden Nasenspray abhängig macht.

Der Arzt hatte meine Panik nicht gemildert, sondern noch einmal darauf hingewiesen, dass ich keinesfalls das Kind in meinem Bett schlafen lassen soll und holte eine Vielzahl von Forschungsarbeiten zum Thema plötzlicher Kindstod und Schlafsituation raus.

Das Problem war, mein Sohn weinte, wenn er krank war, viel und hörte eigentlich immer erst dann auf, wenn er nah an meinem Körper wär – auch nachts.

Um es anders auszudrücken, ich hatte die Wahl zwischen Schreien, plötzlichem Kindstod oder dem Wechsel des Arztes. Nachdem ich mich beruhigt hatte, entschied ich mich für Letzteres.

Bevor ich Kinder bekam, hatte ich – abgesehen von meinem Dasein als Au-Pair von Schulkindern – weder Erfahrung noch Interesse an Kindern. Mein beruflicher Hintergrund ist nicht pädagogischer, entwicklungspsychplogischer oder medizinischer Art. Ich bekam Kinder, weil der Mann und ich Lust auf Familie hatten.

Bereits in der Schwangerschaft kaufte ich Ratgeber und nach der Geburt kaufte ich weiter. Ich wäre bestens über Stillen, schlafen, Ernährung, Erziehung, Phasen der Entwicklung, Toilettentraining, Störungen, Abnehmen nach der Schwangerschaft und vielem mehr informiert gewesen, wenn die Bücher sich nicht gegenseitig widersprochen hätten und vor allem immer weit an meiner Lebensrealität vorbeigeschliddert wären.

Es gibt ein einziges Buch über (kleine) Kinder, das ich empfehlen kann. Kinder verstehen von Herbert Renz-Polster. Leider habe ich es erst gelesen, als ich einige Jahre später meine Tochter bekam. Was ich an dem Buch so schätze ist folgender Ansatz: weltweit gibt so viele verschiedene Konzepte von der richtigen Erziehung, vielleicht sollte man sich mal von dem optimalen Konzept verabschieden und entspannen.

Keine Ahnung ob Renz-Polster mit meiner Interpretation seines Buchs einverstanden wäre, aber mir hat es sehr geholfen: Ich entspannte.

Ein Glück, denn nur so kann ich den Kampf der Erziehungs-, Ernährungs-, und Daseinsratgeber und Meinunghaber ertragen, der sich nach wie vor immer wieder ungefragt in mein Leben spült.

Aktuell ist es ganz besonders Trend die sogenannte Helikoptereltern zu bashen. Eltern, die ihren Kindern die ganze Arbeit abnehmen, sie von der Welt abschirmen und sie so zu unfähigen, abhängigen und unglücklichen Menschen heranziehen.

Aber das sind Details, sicherlich wird in den nächsten Jahren eine andere Erziehungssau durch das Dorf getrieben.

Hintergrund für die ewigen Tiraden gegen angeblich schlechte Eltern und angeblich gestörte und unglückliche Kinder scheint mir – neben einer ökonomischen Motivation der Autoren und Verlage – der sadistisch-arrogante Wille, den Menschen wenigstens ein schlechtes Gefühl zu geben, wenn sie schon nicht die gleichen Erziehungsideale haben, die eine selbst ernannte Erziehungsfachkraft deklariert hat.

In nun sechs Jahren mit Kindern habe ich festgestellt, dass Erziehung keine klare Sache ist. Kinder sind keine Automaten, bei denen man nach dem Geldeinwurf eine Nummer wählt und ein Mars in den Schacht fällt.

Kinder machen schon ab einem sehr frühen Zeitpunkt sehr oft was sie wollen und für richtig halten. Das ist nervig, wenn man sie zum 10. Mal darum bittet, sich anzuziehen, aber sehr gut zu wissen, wenn man sich fragt, ob man an ihrer Erziehung nicht gerade scheitert. Denn auch bei einer mittelmäßigen Kindheit haben sie so aus sich heraus die Möglichkeit, ganz wunderbare Leute zu werden.

In den letzten Monaten feierten wir mehrere Kindergeburtstagspartys mit 6-10 Kindern. Dabei fiel mir immer wieder auf, wie angenehm die Freunde meiner Kinder sind: höflich, lustig, selbstständig, mit überraschend guten Manieren am Tisch und gleichzeitig laut und anarchistisch wild.

Ich finde, die Kinder in meiner Umgebung alle ziemlich fein und habe den Eindruck, dass es sich um angenehme Menschen von guten Eltern handelt.

Eltern, die womöglich andere Ideale, Erziehungsstile und Ängste haben als ich. Aber auch Leute, die ihre Kinder lieben und ihnen helfen wollen, sich in der Welt zurecht zu finden.

Meines Erachtens ist das ziemlich viel und nicht schädlich.

Lieblingskindermedien 5 Plus 1 – Gemischte Auswahl

Kindermedium

Dasnuf hat mir vor einiger Zeit ein Stöckchen zugeworfen, auf das ich bzw. meine Kinder nun endlich reagieren möchten. Die schöne Idee kam von Percanta.

Ich habe das Stöckchen aus Gründen etwas abgewandelt und habe meinen Sohn (5 Jahre) und meine Tochter (3 Jahre) nicht nur jeweils nach ihrem Lieblingsbuch, sondern auch nach ihrer Lieblingsapp und nach ihrem Lieblingsfilm befragt.

Bücher

Nele Moost (Text) und Annet Rudolph (Zeichnung) Alles erlaubt? Oder immer brav sein – das schafft keiner!
Das Lieblingsbuch vom Sohn: Ich finde eine Stelle so lustig. Da sagt der Rabe ganz oft „Bitte-Danke“ und dann „Bitte-danke sonst knallt’s“. Und weil der Rabe sich in eine Schüssel mit Tomatensauce setzt.

Hans de Beer Kleiner Eisbär komm bald wieder!
Das Lieblingsbuch von der Tochter: Der Bär fährt ganz weit weg. Mit einem Schiff. Eine Katze ist sein Freund. Mhm, zwei Katzen. Also zwei Freunde.

Apps

Tom & seine Freunde und Unterwegs im Tomland
Lieblingsapp vom Sohn: Weil Tom so nett ist und ihm jeder helfen mag.
(Kleiner Hinweis der Mutter: weil Dirk Bach alle Rollen spricht und weil beide Apps unheimlich liebevoll gemacht sind.)

memory
Lieblingsapp von der Tochter: Mama, guck ich habe zwei Bobbycar.

Kinderfilme (im weitesten Sinne)

Wickie und die starken Männer: Der Wettlauf
Lieblingsserie vom Sohn: Wikie ist ganz schlau und ein Wikinger. Und er macht immer so (er zeigt das Nasereiben) wenn er nachdenkt. Ich mache das nicht aber ich kann auch gut denken.

Feuerwehrmann Sam – Die Kompeltte Staffel
Lieblingsserie von der Tochter: Ich will Sam gucken. Wikie ist langweilig. Nemo ist langweilig. Ich will Sam gucken.
(Kleiner Hinweis der Mutter: Es gibt eine Serie mit animierten Puppen und eine gezeichnete Version. Wir bevorzugen eindeutig die Puppenversion, sie ist irgendwie gemütlicher.)

Ich glaube alle kinderhabenden Blogger meiner Filterbubble sind bereits durch mit dem Stöckchen oder haben zumindest schon eins gefunden. Daher werfe ich nicht weiter, freue mich aber über jeden, der es aufgreift.

Vielfalt ist keine Hierarchie

Im Gegensatz zum Mann bin ich ein Fernsehanalphabet. Wenn wir zusammen Filme, Serien oder Shows gucken, erkennt er die gealtersten und operiertesten Schauspieler wieder. Er weiß, mit welchen Serien oder Filmen ihre Karriere begann und kann sogar noch die Titelmelodie des jeweiligen Formats singen. Zuweilen kann er sogar ausführlich über Entstehung, Anzahl der Staffeln, Zuschauerzahlen, Skandale oder Spin-Offs dieser Sendungen berichten.

Hätte ich nicht auch Bereiche, in denen ich mit unnötigem Fachwissen glänzen könnte, wäre ich eingeschüchtert. So bin ich meist beeindruckt und manchmal auch interessiert.

Ich bin fernseharm aufgewachsen. Den ersten Fernseher hatten wir, als ich bereits in der Schule war. Unsere Untermieterin war gestorben und vermachte uns einen Schwarz-Weiß-Fernseher. Den bekam mein 8 Jahre älterer Bruder und verschleppte ihn in eine kleine Kammer unterm Dach. Dort nutze er ihn hauptsächlich als Monitor für seinen C64 (meine Eltern fanden Fernsehen zwar unwichtig, hatten aber eine Faible für Computertechnik und Kinofilme). Wenn überhaupt, konnte ich den Fernseher nutzen wenn mein Bruder nicht da war. Es kostete mich also einige Überwindung, als 8jährige die Treppen hoch zum dunklen und zugigen Dachbodenkämmerchen hochzuklettern, um Tom und Jerry zu gucken.

In der vierten Klasse zogen wir um und bekamen einen neuen Fernseher. Dieser war immernoch in den hintersten Teil des Hauses verbannt worden aber immerhin jederzeit zugänglich. Außer um 19 Uhr, da bestand mein Vater auf die Nachrichten. Zudem hatten wir nur drei deutsche, ein belgisches und zwei holländische Programme. Privatfernsehen lernte ich erst mit Mitte zwangig kennen, als mir ein Exfreund seinen alten Fernseher schenkte.

Einerseits habe ich damals nicht wirklich was vermisst, andererseits fehlt mir im fernsehkulturellen Bereich unglaublich viel Wissen.

Man kann natürlich sagen, dass es darum nun wirklich nicht schade sei. Dallas und Denver seien ohnehin der letzte Mist gewesen, von Tutti Frutti mal ganz zu schweigen aber ich habe nie viel von kulturellen Kanonisierung und Wertung gehalten.

Das Schlimmste an meinem musikwissenschaftlichen Studium fand ich die Borniertheit vieler Dozenten und Kommillitonen gegenüber sogenannter Unterhaltungsmusik, die im Gegensatz zur ernsten Musik nicht weiter zu beachten oder wertzuschätzen sei. Nicht selten saß ich in den Vorlesungen und dachte bei mir, dass es dem Fach nur Recht geschieht, wenn es irgendwann aus dem Fächerkatalog der Universität verschwindet, weil es mit dem ewigen Elfenbeinturmgehabe völlig an der kulturellen Realität vorbeiforscht.

Viel sinnvoller erschien mir ein Brückenschlag zwischen den heterogenen musikalischen Strömungen und keine verächtliche Wertung sogenannter profaner Musik.

Aber ich schweife ab.

Kanonisierung und Wertung von Kultur und unterschiedlichen Medien mag hilfreich sein, wenn man sein Leben als „1 Haus, 1 Frau, 2 Kinder und 1 Job“, „10 Autos die ich gefahren haben muss“, „10 Mal muss ich auf Mallorca gewesen sein“, „20 Mal auf Sylt“, „10 Klassiker der Literatur, die ich gelesen haben muss“, „Ich jogge jeden Tag um die Alster“ und „Am liebsten höre ich Klassikradio“ versteht.

Ansonsten empfehle ich vor allem das zu lesen, zu sehen und zu hören, was einem gefällt und vor allem wie es einem gefällt.

Denn das wie wird seit der Digitalisierung offenbar auch kanonisiert. Neulich las ich in der Kantine auf meinem iPhone ein Buch.

Kollege 1: Was ihr immer auf diesen iPhones spielt.
Ich: Ich lese.
Kollege 1: Ach so.
Kollegin 2: Auf dem iPhone lesen?!
Ich: Ja. Ein Buch.
Kollegin 2: Das könnte ich nicht. Das ist doch dann kein richtiges Buch.

Natürlich ist es eine persönliche Entscheidung, ob man seine Papierbibliothek auflöst, weil die letzten 20 Bücher ohnehin nur digital gelesen wurden oder ob man es sich mit einem Taschenbuch im Bett bequem macht. Aber die Fläche, auf der die Buchstaben stehen, verändert weder die Geschichte noch die Sprache.

Abgesehen davon, fragte ich mich, was daran schlimm gewesen wäre, wenn ich Bridge oder Tetris auf meinem iPhone gespielt hätte. Spielen ist nichts Böses. Meine Kinder spielen den ganzen Tag und entwickeln sich zu ganz wunderbaren Menschen.

Wenn ich über die aktuelle Wirtschaftkrise lese, habe ich das Gefühl, dass es besser gewesen wäre, wenn viele Beteiligte an ihrem iPhone Monopolie gespielt hätten, anstatt ganz real das Geld anderer Leute, Firmen und Staaten zu verzocken.

Jedenfalls ist bei uns nicht nur spielen sondern auch Computerspielen erlaubt.

Am Wochenende liegen die Kinder und ich morgens oft eine Weile auf dem Sofa. Die Kinder spielen auf dem iPad und ich lese auf meinem iPhone. Sie wissen welche Apps sie nutzen dürfen und teilen sich gern über neu gemalte Bilder, neue Spielstrategien, neu entdeckte Features eines Spiels usw. mit und aus. In diesen Situationen möchte ich immer die Kulturpessimisten zu uns einladen, die behaupten, man würde heutzutage nur noch stumm und stumpf vor dem Bildschirm hocken.

Zwar schimpfen die gleichen Kulturpessimisten heute weniger auf das Fernsehen – zuweilen habe ich das Gefühl, Fersehen würde sogar in bisher ungekannte Höhen gebeamt, weil es so viel weniger beängstigend qualitätsjournalistischer ist als dieses Internet – aber in den Köpfen vieler Eltern erscheint immernoch ein großes P beim Gedanken, die Kinder vor das Fersehgerät zu setzten.

Unser Sohn musste sehr früh sehr viel inhalieren. Dies ging allerdings nur, während die Teletubbies liefen. So wurde das abendliche Fernsehen zu einer Gewohnheit.

Wenn der Mann oder ich davon erzählten, schalteten wir immer automatisch den Erklärmodus ein. Zum einen weil wir selber unsicher waren, ob wir dem Kind nicht damit schaden und zum anderen weil wir oft genug in Schreck geweitete Augen blickten, in denen zu lesen war, dass wir uns so ADHS-Kinder im Quadrat züchten.

Oft wurden wir auch gefragt, warum wir ihm nicht ein Buch vorlesen. Als Eltern bekommt man viele unbrauchbare Ratschläge. Statt zu sagen, dass Vorlesen leider nicht funktionierte, hätte ich viel öfter sagen sollen:

Weil wir Bücher als schädlich für die Entwicklung unseres Kindes erachten.

Ich hätte wieder eine Bekanntschaft weniger aber auch einen gelungenen Spaß gehabt.

Bücher sind nämlich ganz oben auf der Kindererziehungspunkteskala. Mit Bücher kaufen, Bücher vorlesen, Bücher nacherzählen oder Bücher anmalen ist man immer auf der richtigen Seite der Kindererziehung.

Zuweilen habe ich den Eindruck, dass es nicht mehr lange dauert, bis man Bücher in die Gebärmutter schwangerer Frauen pflanzt, damit das gedeihende Kind beim Hören der klassischen Musik durch die Bauchdecke was zum Lesen hat.

Bücher sind toll aber eben auch nur eine Facette der medialen Vielfalt, die uns umgibt. Ich möchte, dass meine Kinder nicht nur kulturelle Haute-Cuisine, sondern alles von der Bratwurst bis zum Souffleé probieren. Etwas mehr Obst vielleicht als Schokolade aber vor allem ausgewogen und unterschiedlich.

Genitalien sind keine Schminkköpfe

Als Kind habe ich leider nie einen Schminkkopf bekommen. Meiner Mutter meinte, das sei ein sexistisches Spielzeug. Auch für meine Barbiepuppen musste ich hart kämpfen. Die Erste habe ich mir von erspartem Taschengeld gekauft und es reichte nur für eine unspektakulär gekleidete Basic-Version. Kaum war ich in Besitz einer Barbiepuppe, begann ich auch sogleich Ihre Haare zu schneiden, zu färben und zu frisieren. Letztlich sah das vor allem ziemlich scheiße aus. Immerhin habe ich daraus die richtigen Schlussfolgerungen gezogen und bin nicht Visagistin oder Friseurin geworden.

Außerdem bin ich der Meinung, dass man nirgendwo wild rumschnippeln sollte.

Aber diese Erkentnis habe ich erst mit 35 Jahren gewonnen.

Kurz bevor unser Sohn geboren wurde, schlug ich dem Mann vor, ihn doch direkt nach seiner Geburt beschneiden zu lassen. Dafür gab es meiner Meinung nach viele gute Gründe. Unter anderem gibt es sowohl auf väterlicher als auch auf mütterlicher Seite Personen mit Phimose außerdem hatte ich gelesen, dass beschnittene Männer weniger häufig HP-Viren übertragen. Und überhaupt, stellte ich mir vor, dass es sich um eine Operation handelt, die am ehesten mit Fingernägelschneiden zu vergleichen ist, schließlich (werden) wurden in den USA fast alle Neugeborenen beschnitten.

Erst durch eine Folge Sex and the City habe ich überhaupt mitbekommen, dass in den USA der unbeschnittene Penis als geradezu eklig befunden wird. Soweit ich mich erinnere, hat Charlotte ihren unbeschnittenen Liebhaber sogar gezwungen sich die Vorhaut entfernen zu lassen. Random Detail: ich hatte offenbar mit 17 Jahren keinen Unterschied zwischen einem unbeschnittenen deutschen und einem beschnittenen amerikanischen Penis entdecken können, so groß kann der Unterschied also nicht sein.

Jedenfalls wirken die beschnittenen Personen in meinem Nahbereich alle sehr normal, zufrieden und ausgeglichen. Es gab für mich also keinen Grund, warum wir unseren (noch) ungeborenen Sohn nach der Geburt nicht gleich beschneiden lassen sollten.

Nach meiner Äußerung lief der Mann puterrot an und machte mit klaren Worten deutlich, dass eine prophylaktische Zirkumzision nicht in die Tüte käme, schließlich sei die Vorhaut Teil des Kindes und hätte durchaus ihre Daseinsberechtigung. Er äußerte zudem die Sorge, dass die Eichel dadruch weniger empfindsam werden und somit das sexuelle Empfinden des Sohnes möglicherweise einschränken könnte.

Kurzerhand verwarf ich den Gedanken, schließlich bin ich eine Frau und weiß nicht wie sich ein Penis anfühlt, aber innerlich machte ich mich etwas lustig über den Mann, ich hatte noch nie etwas von beschnittenen Männer gehört, die über eine eingeschränkte sexuelle Empfindung klagen.

Bereits im Baby- und Kleinkindalter des Sohns zeichnete sich allerdings ab, dass seine Vorhaut sehr eng am Penis anlag. Bei jeder Pflichtuntersuchung runzelte die Kinderärztin die Stirn aber verwies darauf, dass sich das durchaus noch auswachsen könnte.

Bei der Untersuchung, die kurz vor dem 4. Lebensjahr stattfand, wurde aber klar, dass sich da nichts mehr auswächst, außerdem hatte der Sohn zu diesem Zeitpunkt bereits zwei kleine Infektionen am Penis gehabt, die auf die Vorhautverengung zurückzuführen waren. Wir wurden also auf eine Kinderchirugische Praxis verwiesen. Dort wurde uns bestätigt, dass eine Phimose vorliegt und eine Beschneidung empfohlen wird. Zur Wahl standen eine Teil- und eine Ganzbeschneidung. Wir entschieden uns für eine komplette Beschneidung, da wir unserem Kind mögliche weitere Vollnarkosen und Operationen ersparen wollten.

Der Sohn ist ein ziemlich tapferes Kerlchen. Das Thema Vollnarkose kannte er bereits durch eine Zahn-OP bei der ihm (Überraschung) ein Zahn gezogen wurde. Die Operation verlief derart unkompliziert, dass ich auch wenig Angst vor der anstehenden Behandlung hatte. Die Kinderchirurgische Praxis war toll, die Stimmung gut, der Sohn und seine Eltern wenig aufgeregt.

Die OP verlief komplikationsfrei, wobei die Vorhaut so eng an der Eichel des Sohnes lag, dass die Haut geradezu abgeschält werden musste. Der Arzt wieß uns darauf hin, dass die nächsten Tage für den Sohn sehr schmerzhaft sein könnten.

Er behielt recht. Glücklicherweise konzentrierten sich die Schmerzen auf die Toilettengänge, aber die waren furchtbar. Mir fiel noch ein, dass es mir nach den Entbindungen geholfen hatte, während des Urinierens warmes Wasser über die Genitalien laufen zu lassen, so konnte das Brennen deutlich verringert werden. Und so saß unser Sohn mit schmerzverzerrten Blick auf der Toilette und rief nach Wasser.

Schlimmer war aber noch das Wechseln der Verbände, die aus einer Mullbinde, auf die viel Creme aufgetragen wurde, bestanden. Wir packten Tonnen von Bepanten auf die Mullbinde, aber trotzdem mussten wir sie oft wie ein Pflaster vom Penis ziehen, und dem Sohn schossen die Tränen in die Augen. Er entwickelte geradezu eine Panik vor Toilettengängen und versuchte sie so lange wie möglich hinauszuziehen.

Die Angst vor der Toilette hielt lange an, obwohl der Penis längst verheilt war. Bemerkenswert war, dass der Sohn gern bestimmte, wer ihn auf Toilette begleiten und die Mullwindel wechseln sollte. Am liebsten war ihm mein Vater. Die Tatsache, dass mein Vater Arzt ist, beruhigte meinen Sohn ungemein und mein Vater war es auch, dem mein Sohn als Einzigem erlaubte, seinen Penis anzuschauen und den Stand der Genesung zu beurteilen.

Überhaupt Anschauen; der Sohn weigerte sich mehr als zwei Monate lang seinen Penis anzuschauen. Wir haben in dieser Zeit einen Uralsee an Badezusatz verbraucht, weil mein Sohn darauf bestand, dass beim Baden immer ein Haufen Schaum seinen Penis verdeckt. Auch anfassen wollte mein Sohn seinen Penis nicht mehr, außerdem deklarierte er stets, dass sein Penis nun häßlich und kaputt sei.

Sechs Wochen nach der OP sprach ich mit der Kinderärztin darüber. Eines ihrer Kinder war auch beschnitten und sie meinte, dass diese Zeitspanne sehr normal sei, wir müssten Geduld haben.

Ich machte einen Freudensprung an dem Tag, als mein Sohn mich – quasi als seine Vertretung – bat, seinen Penis ganz sanft mit einem Finger anzufassen. Kurz darauf begann er ihn zögerlich wieder anzufassen und irgendwann auch endlich wieder anzusehen. Nach circa drei Monaten hatte sich die Lage normalisiert. Der Sohn fasste wieder gern seinen Pimmel an aber ihm war und ist nach wie vor bewusst, dass sein Penis anders aussieht als der der meisten anderen Kinder und er war sehr lange der Meinung, dass sein Pimmel durch die Operation häßlich geworden sei.

Wir würden trotz allem die Operation wieder vornehmen, schließlich lag eine starke Vorhautverengung vor, aber die Leichtfertigkeit mit der ich dieses Thema vorher behandelt habe, ist weg.

Genitalien sind keine Schminkköpfe an denen man einfach mal so rumschnippeln kann. Es handelt sich um eine Operation, mit oft schmerzhaften Folgen. Nicht nur körperlich, sondern offenbar auch seelisch. Zugegebenermaßen verflüchtigt sich vieles mit der Zeit, aber dieser Eingriff ist kein Spaß und man sollte überlegen, ob Religion, Tradition, fehlgeleitetes Hygieneempfinden oder was sonst noch alles die hohen Kosten rechtfertigen.

Kindsglücklich

Irgendwie bin ich in letzter zeit ständig über die Frage gestolpert, ob Kinder glücklich machen. In der vorvorletzten Nido zum Beispiel (wobei die Frage dort als Aussage mit Ausrufezeichen gestellt wurde).

Neulich meinte ich zum Mann, dass die Frage doch völlig am Thema vorbei sei. Der Mann, der deutlich wohlwollender der Menschheit gegenübersteht als ich, meinte, dass ich zwar Recht hätte, er gleichwohl die Frage danach gut verstehen kann.

Am Anfang meines Kinderwunsches stand jedenfalls das Bedürfnis nach Reproduktion.

Daher finde ich auch immer das Argument, Kinderlose seien egoistisch total absurd. Kinder bekommen ist genauso egoistisch.

Wenn man sich unsere kleine Erde mal anschaut ist es wohl das Letzte, was sie braucht mehr Menschen und wenn wir aussterben, wird sie wohl maximal einmal laut rülpsen. Von der Relevanz des Menschen in Hinblick auf das Weltall möchte ich gar nicht erst sprechen.

Kinder in die Welt zu setzen ist ein einziger Egotrip. ‚Krönung unserer Liebe‘ bedeutet doch nichts anderes als ‚wir finden uns so geil, wir wollen die Welt mit unseren Genen bevölkern‘.

Die Frage nach dem Glück stellt sich meist aber erst, wenn sie da sind. Der Reproduktionsteil ist am Einfachsten.

Dieses Erziehungsdings und die Hilfestellungen, die zu leisten sind, damit die kleinen Nacktmolche zu freundlichen, reflektierenden, lustigen Menschen mit (Selbst)Ironie werden, machen am meisten Arbeit.

Und da kommt Paul Watzlawick ins Spiel. Meine Mutter, die ein großer Fan von ihm ist, erzählte mir mal, dass er sich sehr über das amerikanische Schulsystem aufgeregt habe. Dort würde den Schülern nämlich verkauft, dass Schule Spaß machen würde.

Wenn sie nun in der Schule sind und feststellen, dass Schule zur Vermittlung von Wissen aber nicht zur Unterhaltung und zum Amüsement da ist, sind sie enttäuscht. Viel ehrlicher wäre es doch gleich klar zu machen, dass Schule etwas ist, was sich vor allem einmal nicht vermeiden lässt. Diese Einstellung ist deutlich weniger enttäuschend.

Früher ließen sich Kinder nicht vermeiden. Sie kamen oder sie kamen nicht. Die Frage nach dem persönlichen Glück durch Kinder wurde nicht gestellt, Kinder galten höchstens als Segen.

Heute kann man wenigen Menschen glaubhaft vermitteln, dass man aus Versehen ein Kind bekommen hat. Das heißt, ab dem Moment in dem man schwanger ist oder zur Schwangerschaft beigetragen hat, ist man in einer Rechtfertigungsposion. Die Schwangerschaft ist heute das Statement, dass man sich bewusst für ein Kind entschieden hat.

Und Voilà sind wir in der Spaß/Glück/Fun/Happyness-Bullshitfalle. Denn wenn ich bekomme, was ich mir gewünscht habe, muss ich auch glücklich sein. Freu Dich Du Sau!

Dabei ist nicht unbedingt die Umwelt das Problem, wir selber sind es genauso, schließlich wollten wir ja das Kind und auf einmal hat man Schwangerschaftstreifen, einen Wabbelbauch, ein brüllendes Kind, einen genervten Ehemann, ein minimales Sexualleben und das Nervenkostüm von Mariah Carey.

Und das wird auch erstmal nicht besser. Irgendwann können die Kinder zwar laufen und sprechen, dann brüllen sie nicht mehr aber sie finden andere Wege weiterhin große Mengen Energie, Nerven und Geld aus ihren Eltern zu saugen.

Und während man also wie ein ausgesaugter Zombie zur Arbeit trottet, die Augenringe mit Concealer verbirgt, teure Vitamine schluckt in der Hoffnung, sie würden wenigstens ein wenig der Energie zurückgeben, sich übernächtigt mit Problemen rumschlägt, vor denen man sich bestens erholt gefürchtet hätte, verlangen wir auch noch von uns, gefälligst glücklich zu sein.

Und da das meist nicht klappt, sind wir enttäuscht.

Fakt ist, ich renne nicht wie ein Honigkuchenpferd durch die Gegend und kreische vor Glück aber ich bereue meine Entscheidung auch nicht, Kinder in die Welt gesetzt zu haben. Und das nicht weil Sie mir so viel geben, oder weil sie so niedlich sind wenn sie schlafen, sondern einfach, weil ich Lust auf die Erfahrung habe, mit dem Mann zusammen Kinder großzuziehen.

Vor vielen Jahren war ich einmal in einen Brasilianer verliebt. Als dieser mit einem Stipendium für einige Monate nach Taiwan ging, brachte ich mein gesammeltes Kleingeld zur Bank, nutze meine Dispo und buchte einen Flug nach Taipeh.

Ich verbrachte zwei Wochen mit ihm, war danach unsäglich verliebt und malte mir aus, wie er nach Deutschland kommt und mir jeden Tag was vortrommelt (kein Schmuddelwitz hier, er war Perkussionist). Er blieb natürlich bei Frau und Kind in Brasilien und ich hatte wohl den größten Liebeskummer meines Lebens. Irgendwann kam ich natürlich darüber hinweg, aber diese Erfahrung hat mich nicht zum besseren, härteren, schöneren, klügeren oder weiseren Menschen gemacht. Es war einfach nur ein spannendes Erlebnis und darauf möchte ich nicht verzichten.

Neulich habe ich ein Interview mit Margarete Mitscherlich gelesen. Für mich war die Quintessenz dieses wirklich wunderbaren Interviews, dass man sich im Alter alles verzeiht und höchstens traurig darüber ist, etwas nicht gemacht oder erlebt zu haben.

Irgendwann habe ich die Entscheidung getroffen, ‚Kinder haben‘ zu erleben.

Nicht mehr, nicht weniger, keine Pointe.