Dig deeper

Die schnödeste Form der Kulturkritik ist der Kulturpessimismus.

Letzte Woche stieß ich zunächst auf einen Film über The Japanese Love Industry und wurde dann durch einen Kommentar auf meinem Blog auf Why have young people in Japan stopped having sex? aufmerksam gemacht.

Beides kann ich sehr empfehlen.
Den Film sollte man allerdings nicht beim Essen gucken.

Obwohl ich Film und Text gleichermaßen spannend wie verstörend fand, bliebt bei mir ein schaler Nachgeschmack.

Nicht weil das dargestellte Verhalten der Japaner so schlimm fand, sondern weil ich mich schwer tat mit den dargebotenen Erklärungsansätzen.

Die Ausgangssituation ist die, dass immer weniger japanische Frauen und Männer zwischen 20 und 35 eine Beziehung oder gar Kinder wollen. Sie konzentrieren sich auf ihre Karriere, Konsum, digitale Kommunikation und Spiele, persönliches Vergnügen und scheinen keine Bedürfnisse nach (körperlicher) Nähe oder Sex zu haben. Wenn doch, befriedigen sie diese mithilfe anscheinend absurder Dienstleistungen. Es drängt sich der Eindruck auf, Japaner hätten alles Emotionale an neutrale Außenstehende ausgelagert wären gefühsgestörte Individuen.

Ein genannter Grund für die Beziehungs- und Familienverweigerung vieler Japaner sind die rigiden Gesellschaftsnormen, die stark patriarchalisch und ökonomisch geprägt sind.

Kurz: Frauen begeben sich mit der Hochzeit und mit Kindern in eine Art gesellschaftliches Grab. Karriere bzw. überhaupt arbeiten ist nicht mehr möglich, sie sind wirtschaftlich abhängig vom Mann und womöglich amüsiert der Gatte sich noch besser mit der Mätresse als mit ihnen.

Von den Männer indessen wird erwartet, dass sie sich für ihre Arbeit aufgeben, von der sie ökonomisch abhängig sind, weil Frau, Kind und Mätresse finanziert werden müssen.

Letztlich ist dieses Leben für Frauen wie Männer eine vorgegaukelte Tombola, bei der es für den Preis der Selbstaufgabe nur Nieten zu gewinnen gibt.

Hier bin ich mit der Analyse d’accord. In dem Moment, indem Menschen einen Ausweg aus dem Grab und der Enge des Lebens sehen, wählen viele genau diesen, auch wenn er nicht sehr verlockend wirkt.

In Mondsüchtig gibt es eine schöne Szene in der Loretta Castorini (Cher) „entlarvt“ dass Ronny Cammareri (Nicolas Cage) seine Hand in der Schneidemaschine verlor, um so einer ungewollten Verlobung und geplanten Ehe zu entfliehen.

Offensichtlich sind junge Japaner bereit, für ihre persönliche Freiheit andere essentielle Dinge aufzugeben. Ich finde das sehr beeindruckend und es stört mich, wenn ich den Eindruck habe, dass der Subtext das Verhalten eher negativ bewertet. So als handelte es sich um verrohte Menschen, die nur Spaß wollen, denen Beziehungspflege zu aufwändig ist und die sich von allem „Natürlichen“ entfernt haben.

Überhaupt dieses „natürliche“ Verhalten von dem man in letzter Zeit immer wieder hört. Auch wenn ich ein große Fan evolutionären Ansätzen wie die von Renz-Polster oder Christopher Ryan und Cacilda Jethá bin, so sehe ich auch hier ein unglaubliches Potential Bullshit-Ideologie als Wahrheit „natürliches“ menschliches Verhalten zu verkaufen.

Kaum eine Errungenschaft der letzten Jahrzehnte bietet eine so schöne Projektionsfläche für das Ende des „Natürlichen“ wie alles rund ums Digitale. Entsprechend muss die digitale Kultur sowohl im Film als auch im Text als (eine) Erklärung herhalten.

Wer lieber seit zwei Jahren in einem Computerspiele einen Süßigkeitenladen führt und mit seinen Freunden mehr über digitale Plattformen als im Café kommuniziert, den ödet natürlich Beziehung und Sex an, wird argumentiert.

Durch langjähriges Experimentieren mit mir selbst bewerte ich das anders. Die digitale Welt bietet einfach irre viel aber verringert ganz sicher nicht die Libido.

Vor einigen Jahre sah ich Rhythm Is It!. In dem Dokumentarfilm wird gezeigt, wie Royston Maldoom mit Jugendlichen aus Berliner Problemvierteln Igor Stravinskys Ballett Le sacre du printemps einstudiert, das dann zusammen mit den Berliner Philharmonikern aufgeführt wird.

Eine Schlüsselszene der Doku war für mich als die Lehrerin einer Schule den Filmern erklärte, wie toll sie das Projekt fände und wie froh sie sei, dass ihre Schüler daran partizipieren können. Allerdings hätte sie den Eindruck, dass von den Schülern zu viel abverlangt würde. Danach ein Schnitt und eine Schülerin wurde interviewt.

„Ich bin so froh, dass er uns so fordert und ich mich endlich beweisen kann.“

Wenn jemand also in einem Online-Spiel einen Süßigkeitenladen führt oder eine eigene digitale Identität aufbaut, könnte es vielleicht sein, dass dort die Möglichkeiten der Eigenständigkeit und Entwicklung größer sind, als im engen Lern- und Arbeitsumfeld der so gepriesenen analogen Realität?

Wenn ein digitaler Süßigkeitenladen so anziehend wirkt, dann sagt das vor allem viel Trauriges über die Entfaltungsmöglichkeiten in der analogen Welt aus.

Aber es gibt noch einen Trumpf: das Sex-Argument. Fast jeder findet Sex gut oder hätte gern Sex, der gut ist. Wenn Menschen im gebärfähigen Alter den Sex verweigert, dann muss das Ende wirklich nah sein.

Ich habe mich allerdings vor allem gefragt: welche Motivation haben die Gefragten die Wahrheit zu sagen und was würde ich erzählen?

Angenommen, das japanische Fernsehen käme zu mir und würde mich nach meinem Liebesleben fragen. Meine Antworten wären, wenn überhaupt, angelehnt an die Wahrheit. Über Sex zu sprechen fällt den meisten Menschen ohnehin schon schwer, ungleich potenziert ist diese Sprachlosigkeit wenn man öffentlich darüber spricht.

Wenn es in einer Gesellschaft verpönt ist, dass Frauen ungebunden mit (womöglich verschiedenen) Männern Sex haben, dann werden sie es ganz sicher nicht in einer Kamera posaunen oder einer Autorin in das Notizbuch diktieren. Und über Masturbation (ja, das ist auch Sexualität) wird selbst in Deutschland nicht mit Freundinnen und Freunden gesprochen. Ich gehe davon aus, dass Japaner ihre Masturbationsfrequenz und Fantasien auch nicht ins Mikrofon hauchen.

Und natürlich darf die Transferleistung bei solchen Filmen nicht fehlen. Denn die eigentliche Dramatik ist nicht, dass die gebärfähigen Japaner Partnerschaft, Kinder und Sex verweigern, sondern dass es bei uns bald auch soweit sein könnte.

Panik, Endzeitstimmung, Paranoia und Kulturpessimismus. Wir wollen doch alle nicht so komisch sein wie Japaner. Wir essen doch ganz natürlich und steinzeitlich roh-vegan (wobei Sushi da ja auch ganz vorn ist) wir wollen nicht ohne Liebe und Beziehung sein. Wir sind die besseren Menschen.

Und spätestens da fängt bei mir der schale Beigeschmack an. Die Leute sind nicht komisch, die Gesellschaft ist es und die einzelnen Personen versuchen nur eine Nische in der Enge zu finden, um sich wenigstens ein wenig entfalten zu können. Die Kreativität und die Opferbereitschaft, die sie dabei an den Tag legen, finde ich eher beeindruckend.

Einzelne Personen vorzuführen und sie als Negativ-Beispiel für unsere eigene Zukunft darzustellen, gefällt mir nicht, auch wenn es sicherlich nicht so von den Autoren gemeint war.

Insofern hätte ich gern mehr von Aussagen wie dieser gehabt:

She berates the government for „making it hard for single people to live however they want“ and for „whipping up fear about the falling birth rate“. Whipping up fear in people, she says, doesn’t help anyone. And that’s from a woman who knows a bit about whipping.

Da liegt sowohl in Japan als auch bei uns das eigentliche Problem.

Das rosa Ei in der Familie

Vor einiger Zeit schrieb ich, dass ich eine genderneutrale Erziehung nicht unbedingt das beste Mittel finde, um Kinder ohne Geschlechterzwänge aufzuziehen.

Unter anderem liegt das daran, dass ich sehr gern weiblich bin. Ich erfreue mich jeden Tag an meinem Dekolletee und bin sehr froh, dass meine Mutter mir süße Kleidchen angezogen hat.

Allerdings bin ich nicht weniger froh darüber, dass mein Bruder so viel mit mir getobt hat, dass ich den Mann selbst beim Aufstehen vom Sofa mit einer einzigen Bewegung schwer verletzen kann (möglicherweise liegt das aber auch an der fehlenden Feinmotorik).

Heute las ich Antje Schrupps Text Beim pinken Überraschungsei geht es nicht um Mädchen, sondern um Jungen und es fiel mir wie Schuppen von den Augen, dass ich beziehungsweise wir Frauen an dieser Stelle wirklich mal priviligiert sind.

Meine emanzipierte Mutter hatte mir nämlich nicht nur vermittelt, wie schön es ist Frau zu sein, sondern auch, dass ich mich – wenn ich das möchte – auch männlich verhalten kann, ohne dass dadurch meine Weiblichkeit in Frage gestellt wird.

Das funktioniert natürlich nicht immer, pupsende Frauen, Kugelstoßerinnen oder sexuell aggressiv auftretende Frauen finden nach wie vor wenig Akzeptanz. Aber ein bisschen „weibliche Männlichkeit“ ist gesellschaftlich ok. Beispielsweise beeindruckt es Frauen wie Männer gleichermaßen, wenn ich erzähle, dass ich mehrere Jahre viel mit LKWs zu tun hatte.

Wie wenig „männliche Weiblichkeit“ ok ist, merke ich allerdings jeden Tag: bei mir zu Hause, an meinem eigenen Verhalten.

Der Mann und ich halten und für sehr liberal, weltoffen, gleichberechtigt und gleichermaßen emanzipiert.

Als unser Sohn mit drei Jahren über einen mehrwöchigen Zeitraum mitteilte, er möchte später lieber eine Frau als ein Mann sein, mussten wir schlucken und bekamen leichte Panik. Nunja, eine Geschlechtsumwandlung ist auch kein Spaziergang.

Wie so oft bei Kindern war das nur eine Phase aber der Sohn, der sonst alle Features eines richtigen Jungen (sic!) aufweist – rumtoben, brüllen, hübsche Frauen auf der Straße ansprechen, Affengehabe, wenn diese mit ihm antworten – wollte nun immer geschminkt werden. Am liebsten wie ich, mit Lippenstift, Wimperntusche, Rouge und Puder.

Irgendwann kam das Thema in der Kita zur Sprache und uns wurde mitgeteilt, dass sei eine Phase die alle Kinder hätten. Meist ginge sie bei Jungs weg und wenn nicht, sollten wir froh sein, dass der Sohn so früh damit angefangen hat, denn dann kann er es schon, wenn es drauf ankommt.

Das erschien uns logisch und seitdem werden beide Kinder morgens gepudert, bekommen mein Haarzeug (Revlon Equave Hydro Nutritive Detangling Conditioner kann man ja nicht aussprechen) und zu Geburtstagen und Parties werden die Lippen geschminkt.

Aber ich würde lügen, wenn ich behauptete, mir fiele es leicht, meinen Sohn zu pudern.

Immerhin möchte mein Sohn später unter anderem Feuerwehrmann werden, daher spielt er ständig Feuerwehrmann Sam. Nebenbei teilte er mir mit, dass er in seinen Rollenspielen Penny – die einzige Frau im Feuerwehrteam von Pontypandy – mit den gelben Haaren verkörpert.

Auf meine besorgte Frage, warum er ausgerechnet Penny sei, antwortete er, sie wäre ihm am sympathischsten. Damit hat er recht, alle anderen Charaktere sind dümmlich und Sam ist ein Angeber.

Und dann kauften wir neulich Schwimmbrillen. Eine pinke für seine Schwester und eine blaue für ihn. Noch bevor die Brillen ausgepackt waren, tauschte er sie mit seiner Schwester. Er hat jetzt eine pinke und sie ein blaue Brille und beide sind glücklich damit.

Im Schwimmbad machten der Mann und ich uns darüber lustig, dass wir größere Probleme mit dem Anblick des pink bebrillten Sohns haben als mit dem Anblick der blau bebrillten Tochter. Wie gesagt, wir dachten wir seien sehr liberal und emanzipiert.

Wir versuchten uns nichts anmerken zu lassen, denn wir stellen immer wieder fest, wie groß unsere Vorbildfunktion ist.

Zum Beispiel hat der Mann keinen Führerschein. Autos werden der männlichen Sphäre zugeordnet und so ist mir immer ein unterhaltsamer Schockmoment sicher, wenn ich Leuten erzähle, dass ich bei uns die Steuerfrau bin.

Unsere Kinder kennen es allerdings nicht anders. Während wir neulich auf den Autozug nach Sylt warteten und die Kinder im Auto spielen ließen, war ganz klar, dass mein Sohn auf dem Beifahrersitz Platz nahm, seine Schwester auf den Fahrersitz drängte und ihr erklärte, wohin die Reise geht. Seit diesem Moment träume ich davon, dass die Kinder irgendwann zusammen die Ralley Paris-Dakar fahren, wobei die Tochter natürlich fährt und der Sohn navigiert.

Wissend wie groß die Vorbildrolle ist, war ich sehr beeindruckt von Nils Pickert, der für und mit seinem Sohn zusammen Röcke trägt. Umso mehr, wenn ich bedenke, dass mich bereits das Pudern des Sohns Überwindung kostet.

Somit ist es wohl eher eine leichte Aufgabe, wenn wir morgen im Edeka vier pinke Überraschungseier kaufen werden. Denn wenn wir ehrlich sind, mögen wir in unserer Familie alle Scholokade, Blingbling, Glamour, sympathische Charaktere und schöne Autos; geschlechterübergreifend.

Nachtrag 25.8.12: Das gleiche Thema betreffend und unbedingt lesenswert sind auch Das macht doch ein XY nicht vom Nuf und Zwischenspiel: Buben in Röcken von der Kaltmamsell.

Zu wissen, warum wir etwas machen, macht es irgendwie auch nicht einfacher

Vor einiger Zeit fuhr ich zum Karneval nach Köln. Nach meiner Rückkehr fragte mich eine meiner Mütter-Freundinnen, ob ich denn rumgeknutscht hätte. Ich riss vor Überraschung meine Basedow-Augen auf und sah für einen Moment wohl aus wie Mesut Özil.

Nicht, weil ich nicht selbst darüber nachgedacht hätte – allerdings habe ich den jungen sympathischen Herren, der mich auf der Karnevalsparty angesprochen hat, in die Flucht geschlagen, indem ich wild und verwirrt mit meiner rechten eheberingten Hand herumgewedelt habe – sondern weil ich nicht damit gerechnet habe, dass auch andere zufrieden liierte Menschen zumindestens mal über die theoretische Möglichkeit von Geschlechtskontakt mit anderen Menschen nachdenken.

Bisher hatte ich das Gefühl, dass nur im Internet Menschen mehr oder weniger offen über Fremdgehen, Polyamorie und alternative Beziehungskonzepte sprechen. In den gängigen Frauenzeitschriften wird einem jedenfalls neue Reizwäsche als der Höhepunkt eines sexuell ausschweifenden Lebens präsentiert. Und im Freundeskreis werden solche Themen ebenfalls ausgeklammert, was ich übrigens gut finde, manche Sachen sollten einfach nicht im Nahbereich die Runde machen.

Jedenfalls las ich vor einigen Tagen im Internet einen sehr interessanten Eintrag über Beziehung, Sex, Treue und Gesellschaft: Why we f*ck auf David Cains sehr empfehlenswertem Blog Raptitude.

Im Grunde finde ich Cains Text großartig und würde gute 85% sofort unterschreiben, aber ich glaube, dass hier das Bild des Menschen zu positiv und vor allem zu eindimensional gezeichnet wird:

We now know human beings have always been highly social creatures, and that that has been our species’ defining strength. We know humans were nomadic for nearly all of their existence, roaming in groups of between 50 and 150 individuals. Rather than stressed, violent and solitary, they were probably most often calm, peaceful and intensely social. […] Think about what it would be like to live your whole life in a social group of about a hundred people. You’d get to know everyone rather quickly, and would develop relationships with them over decades. Dissenters and troublemakers would be reformed quickly or shunned — jealous and possessive types would be too great a liability for the whole group.

Der Text hat meiner Meinung nach zwei Knackpunkte. Erstens wird der Umgang mit Sexualität in den Jäger- und Sammlerkulturen als sehr positiv dargestellt und damit impliziet zu einem Modell für eine erstrebenswerte Zukunft unserer Gesellschaft. Dabei ist die Frage, gab es überhaupt eine solche und eine einzige Steinzeitkultur und ist es sinnvoll die Vergangenheit zur Zukunft zu machen? Zweitens wird ein wesentlicher Aspekt des Menschen (bewusst) ignoriert: die Ambivalenz des menschliche Handelns.

Meiner Meinung nach ist es zu einfach, prehistorische Gesellschaften oder die wenigen noch intakten indigenen Völker als Vorbild für unsere Gesellschaft zu nehmen, denn es besteht beim Konzept des „edlen Wilden“ oder „edlen Steinzeitmenschen“ immer die Gefahr einer Verklärung, die letztlich niemanden was bringt.

Und mal ehrlich, in den Dokumentarfilmen über Nomadenvölker – wenn man davon ausgeht, dass diese prehistorischen Kulturen am nächsten stehen – die ich bisher gesehen habe, wirkten diese nicht wie eine glückselige, sexgierige Hippiekomune. Im Gegenteil, ich hatte das Gefühl, dass dort wesentlich strengere Normen galten und gelten, als in meiner von der Aufklärung beeinflussten christlich-abendländischen Kultur. Außerdem halte ich die Vergangenheit nicht für ein Zukunftsmodell, eher für einen Steinbruch aus dem man sich den ein oder anderen edlen Marmorbrocken brechen kann.

Ferner glaube ich, dass es nicht eine einzige ursprüngliche Kultur gab. Ähnlich vielleicht, aber nicht gleich, dafür hat der Mensch einfach zu viel Freude an der Individualität, auch als Gruppe.

Nach der Geburt meiner Tochter entdeckte ich das Buch „Kinder verstehen“ von Herbert Renz-Polster. Meiner Meinung nach handelt es sich hierbei um das mit Abstand beste Buch über Kinder, das ich bisher gelesen habe. Unter anderem weil darin so wunderbar aufgedröselt wird, wo die menschliche Ambivalenz ihren Ursprung hat.

Renz-Polster betrachtet das Verhalten von (Klein-)Kindern unter Berücksichtigung der Evolution beziehungsweise der steinzeitlichen Lebensweise des Menschen, die sich noch heute vielfach in unserem Verhalten manifestiert.

Von Anfang an wird klar, dass Renz-Polsters Defintion von Evolution nichts gemein hat mit den Fantasien mancher Vollpfosten, die gern ihre versimpelten Derrivate einer Evolutionsvorstellung hervorkramen, um ihre armselige Weltsicht zu begründen. In deren Weltbild gehen die Männer jagen, die Frau kümmert sich um das Lager und hat nach seiner Rückkehr – mit nem schäbbigen Kanickel im Gepäck – nichts anderes zu tun, als ihm die geschundenen Jägerfüße zu massieren.

Aus Renz-Polsters Buch habe ich für mich vor allem die Quintessenz gezogen, dass der Mensch die Fähigkeit hat, sich fast überall anzupassen. Das kann er deshalb so gut, weil er die geistigen Möglichkeiten hat, sich uns seine Kultur den Lebensumständen anzupassen. Wenn es auf Grönland keine Bananen gibt, isst der Mensch halt Robbenfleisch.

Das macht ihn nicht weniger gesund, auch wenn jede Nahrungspyramiede auf Obst und Gemüse aufgebaut zu sein scheint. Und genauso wie es lebensumstandsmäßig angepasst Nahrungskonzpete gibt und gab, gibt und gab es auch lebensumstandsmäßig angepasste Gesellschaftskonzepte, die leider nicht immer garantieren, dass es allen Mitgliedern der Gruppe auch gut geht.

Auf dem Weg zu dieser global funktionierenden Überlebensstrategie, die neben Ratten und Schaben, ihresgleichen sucht, hat sich wohl irgendwie die Verhaltsambivalenz eingeschlichen. So schreibt Renz-Polster in Menschenkinder: Plädoyer für eine artgerechte Erziehung (auch sehr empfehlenswert):

Homo sapiens hat ein indivudalistisches, aber gleichzeitig „soziales“ Gehirn. Im ursprünglichen Lebenskontext des Menschen war Überleben nur möglich, wenn diese beiden Seiten – das Ich und das Wir – austariert blieben. Nur in dieser Balance konnten Menschengruppen sich in einer extrem harten Welt behaupten, ein paar Hunderttausend Jahre lang. Das war der evolutionäre Gesellschaftsvertrag. Die frühen Völkerkundler staunten darüber, wie viel Energie in Jäger- und Sammlergemeinschaften aufgewendet wurde, um dieses Gleichgewicht zu halten. Wie viele Regeln und Rituale es gab, um Interessen auszugleichen und Konflikten vorzubeugen. […] Steckt dieses doppelgleisige Lebensmodell noch heute in uns? Eindeutig! […] Kinder wollen gleich sein, aber sie wollen auch besonders sein. […] Auch unser Erwachsenenleben schient dem Thema „Autonomie in Verbundenheit“ gewidmet zu sein.

Dass das stimmt sehen wir jeden Tag bei Twitter, überall <3 aber hauptsache man hat mehr Follower und Favs als die Twitter-Nachbarn.

Noch wach? Jetzt kommt nämlich der Sex-Teil.

Mein soziales Gehrin sagt, dass ich meinen Mann gern mit anderen teilen kann, ich werde ihn und er mich dadurch nicht weniger lieben. Mein individuelles Hirn aber sagt, dass er MEIN Mann ist und ich ausraste, wenn ich mitbekomme, dass ihn ein anderes Weib anfasst.

Mein individuelles Hirn empfindet Eifersucht, Neid und Missgunst (allgemein und oft, nicht nur auf Sex bezogen). Und mein soziales Gehirn sorgt dafür, dass ich diese Gefühle maximal im kleinen Kreis ausspreche aber nicht aufschreiben, damit sie nicht allzu viel Schaden anrichten.

Sicherlich lässt sich in unserer Gesellschaft noch einiges verbessern, was unser täglicher Kampf um Besitz (Menschen, Werte, Häuser, Yachten) angeht, aber es lässt sich einfach nicht ausmerzen. Und deshalb glaube ich auch nicht, dass – außerhalb von ein paar beeindruckenden Ausnahmen – das Konzept der Polyamorie funktioniert.

Das ändert nichts daran, dass es in der Biologie des Menschen zu liegen scheint, gern Sex zu haben, gern auch mit verschiedenen Partnern.

(Für diese Theorie brauche ich keine Beweise, dafür reicht das Erleben eines Eisprungs. Und ganz ehrlich, dieser Hormonrausch, den wir für ein paar Monate haben, wenn wir verknallt sind, auf den hat doch jeder irgendwann mal wieder Lust, egal wie großartig die Beziehung ist. And don’t tell me the bullshit you fall in love with your husband every other months over and over again.)

Glücklicherweise hat man als Mensch die Möglichkeit Entscheidungen zu treffen, was dazu führt, dass ich eben nicht jeden gut riechenden Mann anspringe. Aber unser Verhalten bleibt ambivalent und es gibt auch keine richtige Entscheidung. Nach wie vor müssen wir mit uns, unserem Partner, unserer Umwelt eine Balance finden, die im besten Fall dazu führt, dass möglichst wenige Leute verletzt werden.

Vielleicht ist es ein erster Schritt, sich einzugestehen, dass man sich wie blöd freut, beim Karneval angeschnackt zu werden und dass das menschliche Verhalten keine einfache Gleichung ist wie 1+1=2, sondern eher komplex wie (2×5) zum Quadrat hoch 10. Das macht unser Leben nicht unbedingt einfacher aber uns wahrscheinlich toleranter und offener gegenüber dem Verhalten anderer Leute. Aber die Liebe zu Klatsch und Tratsch ist irgendwie auch so ein menschliches Ding.

Welche Blogs ich lese und warum: salt’n’pepa

Nachdem ich die Einleitung vor mehr drei Wochen geschrieben habe und da auch den Titel des Eintrags erklärt habe, komme ich nun schon zum Hauptteil.

Vorab: es geht um Sex, wen das stört, der soll einfach nicht weiterlesen. Außerdem sollte man die Links nicht auf dem Firmencomputer anklicken.

Für diejenigen, die sich nicht durch das ganze Vorgeplänkel quälen möchten: ich habe geschrieben, dass ich gern Texte, Blogs usw. mit sexuellem Inhalt lese und meine Liebslingsblogs auf diesem Gebiet genauso vorstellen möchte, wie meine anderen Lieblingsblogs.

Ferner bin ich der Meinung, dass wir zwar ständig von halbnackten computergenerierten Körpern und inszenierten Kopulationen umgeben sind, aber das hat mit der sexuellen Realität der meisten Menschen so viel zu tun, wie der Ku-Klux-Klan mit Martin Luther King.

Und obwohl wir ständig Sex sehen und darüber in Platitüden sprechen, ist Ehrlichkeit in diesem Bereich ein seltenes Gut. Verständlicherweise, denn Ehrlichkeit in der Sexualität führt meist dazu, dass sich außenstehende Menschen dazu berufen fühlen, die Sachlage zu kommentieren, sich darüber lustig zu machen oder Belehrungen über ein vermeintlich richtiges Sexualleben zu äußern. Zu Recht möchten sich dem die wenigsten Menschen aussetzen.

Über die „alten“ Medien kommt man jedenfalls selten an interessante Berichte, Erzählungen, Tipps usw. Das Internet ist da wesentlich ergiebiger. Aufgrund der weitreichenden Vernetzung und der relativ großen Offenheit vieler Menschen – dank der möglichen Anonymität – stellt man beim Surfen, Lesen und Recherchieren schnell fest, dass es Liebhaber für eigentlich alles gibt und man selbst mit einer sexuellen Vorliebe für Meissner Porzellan nicht allein ist. Ich glaube, dass im Internet eine stille sexuelle Revolution stattfindet und schöner als es Noah Brand in Why I Love Weird Porn schreibt, kann man das nicht zusammenfassen.

Leider gibt es relativ wenige deutsche Foren, Blogs usw, die sich mit Sexualität befassen und die ich gerne lese. Vielleicht liegt es daran, dass es auf Englisch, eine Sprache die vom Sprachduktus her schon viel lakonischer ist, einfacher ist, unaufgeregte Worte für so ein aufgeblasenes Thema zu finden.

Aber es gibt Ausnahmen. Der lakonisch-drastische Sprachstil des deutschsprachigen Blogs Seite2 Wollen Sie das wirklich so genau wissen? jedenfalls begeistert mich immer wieder aufs Neue. Das fängt schon mit dem Impressum an, das so klar und gradlinig ist, wie ich kein anderes in der Blogosphäre kenne. Die Bloggerin WG erzählt auf Seite2 in unregelmäßigen Abständen von ihrem sadomasochistischen Sexualleben.

Da das Blog, meiner Meinung nach, auf mehreren Ebenen funktioniert, ist es überhaupt nicht notwendig, sich persönlich für Sadomasochismus zu begeistern, um es gern zu lesen.

Auf der einen Ebenen finde ich es einfach interessant, Dinge über sadomasochistischen Sex zu erfahren, die man beispielsweise in Zeitschriften nur gefiltert oder vage erfährt. In Frauenzeitschriften sind ja schon Puschelhandschellen die Krönung der Dominanz. Auch fragt man Bekannte oder Freunde – selbst wenn sie solche Vorlieben haben – nicht einfach bei einem Glas Wein, wie genau sie den Partner ans Bett fesseln und wie schmerzhaft denn nun so eine Gerte ist.

Die zweite Ebene, die ich an diesem Blog so schätze, ist die Kontinuität. Kontinuität im Sinne von Fortsetzung der Geschichten. WG kürzt die Namen ihrer Männer mit dem ersten Buchstaben ab und man kann im Laufe der Wochen und Monate mitverfolgen, wie sich die Beziehung entwickelt. Ich persönlich habe bei K sehr mitgefiebert. Diese Geschichten geben dem Blog jedenfalls eine Dramaturgie, die sich David Lynch auch nicht viel besser hätte ausdenken können.

Apropos Kino, auf einer dritten Ebene ist den Texten des Blogs eine sehr spezielle Amores-Perros-artige Atmosphäre zu eigen. Entsprechend gehen mir die Texte häufig sehr nah und beschäftigen mich deutlich mehr als vieles, was ich im Laufe eines Tages oder einer Woche sonst so lese.

Ganz anders, aber ebenfalls sehr spannend ist das englischsprachige Tumblr-Blog sex is not the enemy. Im Grunde handelt es sich bei dem Blog um eine gute Sammlung interessanter Texte und Bilder zum Thema Sex. Besonders schätze ich hierbei die enorm große Spannbreite. Ich würde mir einfach aus persönlichen Präferenzen normalerweise keine gleichgeschlechtlichen pornographischen Bilder anschauen, aber Dank sex is not the enemy bekomme ich schöne Einblicke.

Besonders begeistert bin ich aber von den vielen Bildern mit ‚echten‘ kräftigen, dünnen, alten, behinderten, haarigen oder schwangeren Körpern. Im Grunde ganz unaufdringlich und entspannt wird ein einziger Punkt klar gemacht: Sexualität macht vor allem Spaß, egal wie Du aussiehst, wie alt Du bist oder ob Du eine Behinderung hat.

Die verlinkten Texte sind ebenfalls zu 90% sehr lesenswert, wenngleich ich manchmal auch etwas entnervt bin, von der ewigen Rechtfertigung für eine Sexualtiät ohne Schuldgefühle. Wahrscheinlich liegt das vor allem an den vielen amerikanischen Texten, dort scheint die Verknüpfung von Sex und Schuld noch etwas ausgeprägter zu sein, als in Deutschland.

Via Frau Fragmente wurde ich auf das amerikanische Blog 25 things about my sexuality aufmerksam. Es gehört zu den Blogs, bei dem ich sogar im Archiv gestöbert habe. Ich halte es bei den meisten anderen Blogs, die ich neu entdecke, eher mit ‚Aufwärts immer, rückwärts nimmer!‘.

Das Prinzip des Blogs ist wie folgt: jeder kann an 25thingsaboutmysexuality@gmail.com eine Liste (auf Englisch) mit 25 Dingen über die eigenen Sexualität mailen. Diese wird dann anonym veröffentlicht. Ich habe das Gefühl, dass es kaum einen anderen Ort gibt, an dem so offen und facettenreich über Vorlieben, Ängste, Beziehungen und heimliche Leidenschaften geschrieben wird.

Meiner Meinung nach erfährt man in diesem Blog mehr über die extrem variantenreiche Sexualität des Menschen als in vielen wissenschaftlichen Arbeiten zum gleichen Thema. Eine systematische Auswertung des Blogs kann ich mir sehr spannend vorstellen, wobei dabei bedacht werden müsste, dass die meisten Einträge von 18-30 Jährigen Amerikanern stammen. Die alterstechnische und geographische Varianz ist (noch) nicht so hoch.

Die Listen selbst sind von sehr unterschiedlicher Qualität, was das Blog aber nicht weniger spannend macht. Außerdem bin ich immer wieder beeindruckt, wie die Autoren – Anonymität hin oder her – diesen sehr privaten Aspekt ihres Lebens mit anderen teilen. Ihre Motivation ist häufig, endlich ihre sexuellen Gedanken durch das Aufschreiben sortieren zu können. Man merkt den Texten förmlich an, wie ganze Steinbrüche von den Herzen fallen. Häufig wird auch geschrieben, dass sie sich von den anderen Einträgen inspiriert gefühlt haben und froh waren, zu lesen, dass sie nicht die einzigen mit einer eigenwilligen Sexualität sind.

Das Projekt ist jedenfalls großartig und ich hoffe, dass es noch viele weitere Zusendungen geben wird. Neulich erst haben die Herausgeber einen kleinen Aufruf gestartet, mit der Bitte, auf das Projekt aufmerksam zu machen und/oder selbst eine Liste zu erstellen und einzureichen. (Ich für meinen Teil mache nur Werbung, keine Liste.)

Weiter geht es dann in ein, zwei, drei Tagen, Wochen oder Monaten mit dem vorerst letzten Teil der Serie „Second-Hand“.

Statt einer kurzen Einleitung oder: viel Vorspiel

Eigentlich wollte ich eine kurze Einleitung für den nächsten Teil meiner Folge Welche Blogs ich lese und warum schreiben. Und dann schrieb ich einen langen Text darüber, warum ich im Internet gern Texte mit sexuellem Inhalt lese. Mir schien es etwas unpassend an den Ende des Textes dann noch meine „Lieblingssexblogs“ zu kleben.

Ergo: Liebe Familienangehörigen, liebe Freunde/Leser die keine Lust auf too much information haben, in diesem Blogeintrag geht es um Sex. Nicht im Sinne von, ich werde mich mal vor meinen Kindern deswegen schämen oder für Personen unter 18 Jahren total ungeeignet eher im Sinne von: dieses Thema und Journelles Meinung dazu interessieren wahrscheinlich nicht jeden.

Ich sag das nur, weil ich keine Lust auf Beschwerden habe und weil ich empfehle, die Links nicht unbedingt auf dem Firmencomputer anzuklicken.

Zugegeben ist mir diese verlängerte Einleitung nicht ganz leicht gefallen. Lange habe ich überlegt, was die Leute über mich, meinen Partner und mein Sexleben denken könnten, wenn sie erfahren, was ich gern lese oder dass mich der Themenbereich interessiert.

Bis mir irgendwann klar wurde, dass das Schlimmste was mir passieren kann ist, dass einige Leser ein wesentlich wilderes Sexleben bei mir annehmen könnten als ich jemals hatte, habe oder haben werde. Das Risiko gehe ich ein.

Anfang der 90er jedenfalls war ich ein großer Fan von salt’n’pepa und konnte ‚Let’s Talk About Sex‘ mitrappen. Ich habe mir sogar mit meinem Schulenglisch das Lied übersetzt, leider war das nichts, mit dem ich meine spröde Englischlehrerin beeindrucken konnte.

Sei es drum, in Zeiten vor dem Internet war es sehr befreiend zumindestens mal zum Thema mitzugrölen.

Familiär ist meine Begeisterung für das Thema allerdings kein Wunder. Meine Mutter schrieb ihre Examensarbeit über Behinderung und Sex und versprüht auch sonst einen großen Enthusiasmus für und ein großes Interesse an dem Thema.

Dass mein Vater – im übrigens diesbezüglich der zurückhaltenste in der Familie – Gynäkologe war, führte dazu, dass ich bereits mit 6 Jahren einer Freundin meiner Oma erklärte: ‚Meiner Mutter wurde vor einigen Tagen der Uterus entfernt.‘ Daraufhin schlug diese erst einmal den Begriff ‚Uterus‘ nach.

Mein Bruder indessen gab bei jeder sich bietenden Gelegenheit eine Geschichte zum besten, die ich selbst schon lange vergessen hätte. Jedenfalls erzählte er gern, wie er einmal in mein Zimmer kam, während meine Freundin und ich (damals 7 Jahre) aufeinander lagen und ihn baten wieder zu gehen, mit dem Hinweis: ‚wir bumsen gerade‘.

Und dann musste ich gefühlt 1000 Mal in meinem Leben erklären, warum mein Vater Gynäkologe geworden ist. Eine richtig gute Antwort habe ich bis heute nicht dazu, aber eigentlich ist das auch egal.

Fakt ist, er war sehr gut in seinem Job – gefühlt 1000 Mal wurde ich von mir unbekannten Frauen auf die tollen Fähigkeiten meines Vater angesprochen – aber ich habe damit einen weiteren Grund, weshalb ich mich schon früh mit dem Thema beschäftigen musste.

Nur außerhalb der Familie sah die Stimmung anders aus. Um hier mal Vorurteile auszuräumen: Frauen sprechen deutlich weniger über Sex als die männliche Psychologie zu glauben mag.

Frauen – jedenfalls in meiner Generation also ca. bis Jahrgang 1980 – machen sich auch untereinander glauben, dass sie nicht pupsen und unter gar keine Umständen masturbieren. Außerdem ist der Sex selbst mit dem letzten Deppen total super, was sie aber nicht davon abhält mit zunehmendem Alter immer häufiger zu behaupten, dass Männer stets viel mehr Lust haben als Frauen. Maximal im besoffenen Zustand, kurz vor dem Kollaps des Sprachsystems kommen lallend die amüsant bis tragischen Wahrheiten zu Tage.

Da der Großteil meiner Freundinnen also nicht dazu taugten, über Sex zu reden und ich das Thema familienintern als deplatziert empfinde, blieb mir in jungen Jahren nur der Stern.

Dort erfuhr ich, dass es Frauen gibt, die sich einen Harem halten. Mit 11 Jahren machte ich meine Mutter sehr stolz, als ich ihr mitteilte, ich wolle später einen Männerharem. Für mich machte das System Sinn, es scheiterte dann allerdings an der (emotionalen) Realität.

Außerdem las ich präpubertär von professionellen Dominas, die ihre Sklaven Sauerkrautfäden auf eine Wäscheleine aufhängen ließen. Der Text brannte bei mir in jedem Fall die Assotiation eines menschlichen Sauerkraut-Hotdogs auf Ewigkeiten ein.

Und dann blieb mir das Zitat einer Masochistin im Kopf, die meinte, sie würde sich von ihrem Mann schlagen lassen, aber das hieße nicht, dass sie sich von irgendjemand sonst irgendwas gefallen lassen würde, schon gar nicht von Busfahrern.

Wahrscheinlich wohnte die Frau in Berlin. In Berlin habe ich jedenfalls neulich einen Straßenbahn-Fahrer kennengelernt, der mich anpöbelte und den Kinderwagen inkl. Tochter rüde wegschupste. Da hätte ich gern zugeschlagen oder ihn wenigstens gezwungen, Sauerkrautfäden aufzuhängen.

Kurz, so richtig praktikabel für meine Realität war das, was ich im Stern las nicht.

Eine Jugend auf dem Land ist sexuell gesehen sicherlich nicht das Schlimmste. Meine Vorstellung von Fisten ist bis zum heutigen Tag stark von behandschuht besamenden Tierärzten geprägt. Außerdem kann es passieren, dass man mit Dachdeckern rumknutscht, die unter ’sich fein machen‘ verstehen, die besonders weißen Tennissocken in die braunen Slipper anzuziehen.

Die Nachteile liegen genauso auf der Hand. Katholizismus und Sex klingen deutlich perverser als die Realität in einer kleinen Grenzstadt. Auf den katholischen Campingfreizeiten wurden jedenfalls deutlich mehr Saufspiele veranstaltet und Pipi-Kacka-Witze gerissen als defloriert. Und Offenheit in einer Kleinstadt ist nur dann ein Thema, wenn man damit auf die Andersartigkeit einer Person aufmerksam machen kann.

Arno aus meiner Jahrgangstufe hatte damals versucht, seine Freundin zum Analsex zu überreden, was diese nach der Trennung wohl einer verschwiegenen Freundin erzählte. Bis zum Abitur hieß Arno jedenfalls nur noch Arno Arschficker und machte niemandem Mut, irgendjemanden etwas von sexuellen Vorlieben beyond Missionarsstellung zu erzählen. Es ist also auch nicht verwunderlich, dass es in unserer Stufe keine (bekennenden) Homosexuellen gab.

Ich glaube, mit dem Internet änderte sich vieles. Nicht immer zum Besten aber selbst im westlichsten Zipfel der Republik hätte Arno sich trösten können, dass emma546 aus Passau auf Analsex steht und eine Anleitung hätte er mit einem entsprechenden Search Request auch gefunden.

Überhaupt denke ich, dass das Internet ein stilles Potential für eine weitere sexuellen Revolution hat. Noch dominieren die grellen Stimmen, die dass das Internet vor allem für pornosüchtige Minderjährige und die Pervertierung der Gesellschaft verantwortlich machen. Außerdem wird jede Gelegenheit genutzt, auf die Unkontrollierbarkeit von Kindernschändern im Netz hinzuweisen, mit dem gleichzeitigen Fordern nach Zensur und Kontrolle.

Die positiven Entwicklungen plätschern leise in den abgelegenen Flüssen sexueller Subkulturen. Wahrscheinlich gab es noch nie eine so kreative und vor allem heterogene Pornoindustrie. Zur Zeit meiner Adoleszenz gab es den Playboy, kleine häßliche Magazine in Tankstellen und Schmuddelecken in Videotheken.

Heute gibt es Frauenpornos wie die von Liandra Dahl oder Tristan Taormino. Außerdem gibt es Fetisch-Pornoanbieter, die auf Beschwerden reflektiert reagieren (via Mädchenmannschaft).

Nicht selten erschütternd aber gleichwohl für manche hoffentlich hilfreich sind Foren wie gofeminin. Dort wird jedes erdenkliche Thema diskutiert wird und die Anonymität des Netzes fördert eine Mischung aus Tragik, Komik und Wahrheits-Ungenauigkeit bei gleichzeitigem Seelenstrip zu Tage.

Blogtechnisch gibt es meiner Meinung nach im deutschen Sprachraum leider wenig Beeindruckendes.

Als ich mit dem Bloggen begann, gab es eine deutsche belledejour, wobei ein Großteil der Popularität wohl aus der Frage nach dem oder der AutorIn resultierte. Dann verfolgte ich eine Zeitlang das Blog einer Swingerin, was dann von einem Moment auf den anderen verschwand. Streetgirl ist mittlerweile beruflich und blogtechnisch in Rente, was aber nicht bedeutet, dass die alten Texte nicht sehr lesenswert wären.

Wahrscheinlich sind (deutsche) Blogs doch noch zu sehr ein kleines Dorf in dem man Angst hat, zu viel von sich zu erzählen, weil man dann unangehnehme Spitznamen bekommen könnte. Vielleicht reden aber auch nur einfach nicht viele Menschen gern über Sex oder uns fehlen noch die entsprechenden Worte die das Thema aus der Schmuddelecke (‚Fick mich Du wilder Hengst‘) holen, ihr die Albernheit nehmen (‚Gib mir Tiernamen‘) und den überzogenen Pathos entfernen (‚Wir liebten uns wie Götter auf dem Olymp, es war transzendental‘).

Gelungene Blog-Beispiele dafür, sexuelle Themen in gut leserliche Worte zu fassen dann beim nächsten Mal: Welche Blogs ich lese und warum: salt’n’pepa.

Der Perverse ist immer der Böse

Wenn man bis Minute 60 (von insgesamt 90) beim Tatort den Mörder erraten möchte, helfen folgende Regeln:

Es ist nie der oder die erste Verdächtige.

Im Zweifelsfall war es der Perverse, man findet aber erst ab Minute 50 raus, wer abseitige sexuelle Vorlieben hat.

Frauen morden fast nur aus gut nachvollziehbaren Gründe und begehen vor der Festnahme Selbstmord oder versuchen es zumindest.

Kinder und Jugendliche die morden, haben immer einen sehr guten Grund (wobei es meiner Meinung nach eine Ausnahme gab) und werden immer von ihren Eltern und nicht selten von den Ermittlern gedeckt.

Diesen Sonntag war dann wieder der unsympathische Lüstling dran, der Frauen ans Bett fesselt.

wg schrieb neulich einen sehr klugen Text über den Film Shame, den ich allerdings noch nicht gesehen habe. Nach der Lektüre dachte ich, dass es sehr spannend sein könnte, die Darstellung von sexuell unkonventionellem Verhalten in den Medien mal systematisch zu untersuchen.

Aus dem Bauch heraus und ohne systematische Untersuchung halte ich die nämlich für ziemlichen Bullshit.

Genauso wie die andere Seite der Medaille, nämlich das Klagen einer Nina Pauer über die Schmerzmänner.

Ende der 90er Jahre lief der französischen Film Une liasion pornographique an. Es handelt sich dabei um einen schönen Liebesfilm, den ich durchaus empfehlen kann.

Ein Mann und eine Frau lernen sich über eine Annonce kennen, um gemeinsam irgendeine sexuelle Praktik auszuleben. Welche genau das ist, erfährt der Zuschauer nicht. Nachdem sie ihm ihre Liebe gesteht, haben sie das erste Mal „normalen“ Sex miteinander, an dem der Zuschauer dann auch optisch teilhaben darf.

Ich habe den Film bis zu diesem Punkt nachvollziehen können. Man trifft sich anfangs für Sex ohne emotionale Bindung und dann verknallt man sich doch. Aber warum um Himmels willen sollte man dann auf einmal normalen Sex haben? Wollen die beiden ein gemeinsames Kind?

Es ist doch so, wenn ich Sauerbraten total lecker finde und ich treffe jemanden, der köstlichen Sauerbraten machen kann und liebend gern dafür in der Küche steht, dann freue ich mich sehr und nutze das Angebot.

Und nur weil ich mich dann irgendwann in den Sauerbratenkoch verliebe, weil er ein toller Typ ist, sag ich doch nicht plötzlich: mach mir mal was leckeres Vegetarisches. Wenn ich vegetarisch essen will, dann hat das mit meinem Appetit zu tun, nicht mit meiner Liebe.

Der Film suggeriert also, dass die Verbindung von Liebe und Sex nur durch normalen Sex repräsentiert werden kann. In diese Kerbe schlagen meiner Meinung nach fast alle Filme und Serien, in denen die Hauptdarsteller einem unkonventionellen Sexual-Lebenstil pflegen (wobei das noch systematisch zu untersuchen wäre, s.o.).

Und während man sich über den promisken Charlie Sheen in Two and a Half Men lustig macht, schiebt man gleichzeitig Panik man könnte genauso sein, nur weil man eben auch mal Lust auf Sex mit einem wildfremden Menschen hat.

Und aus Angst heraus man könnte für beziehungsunfähig gehalten werden und deshalb nie die Liebe seines Lebens finden, hört man womöglich auf Dinge zu tun, die einem Spaß machen oder hat zumindest ein schlechtes Gewissen dabei.

Bis ich 28 wurde, war ich die meiste Zeit meines Lebens Single. Das war recht interessant, denn Singles sind per se suspekt. Man wird von wildfremden Männern, die einen überhaupt nicht kennen, für lesbisch gehalten oder auf seine biologische Uhr angesprochen, man erhält eine Menge schlechter Tipps und sitzt auf Hochzeiten an dem freundlosen Singlekatzentisch mit sechs Frauen und zwei häßlichen Männern.

Das Singleleben machte mir oft viel Spaß – ich erinnere mich sehr gern an die Sonntage allein in meinem Himmelbett (!) mit der aktuellen Ausgabe der FAS und einem leckeren Kaffee – aber eine Sehnsucht nach der (großen) Liebe war irgendwie immer latent da.

Nur war mir damals sehr bewusst, dass es einfach wenige Männer gibt, die mir gefallen und die ich gern dauerhaft um mich herum habe. Ich war mir aber ziemlich sicher, dass mein Verhalten weder im Guten noch im Schlechten dafür verantwortlich ist, ob ich einen tollen Mann treffe oder nicht. Es gibt nämlich keine Anständigkeitsbienchen, die auf eine Karte geklebt werden und sobald diese voll ist, steht der Traumpartner mit ner Schleife im Haar vor der Tür.

Und genauso wenig wie ich durch mein (Sexual-)Verhalten beeinflussen kann, ob und wann ich einen tollen Typen kennen lernen, kann ich die Gesellschaft dafür verantwortlich machen, dass es zu wenige anziehende Kerle gibt.

Anders als Nina Pauer ist mir doch egal, ob ein Typ ganz sanft ist und gern rumphilosophiert, niemand zwingt mich mit ihm zu schlafen. Aber irgendwann wird ihm in der Bibliothek die abgegriffene Ausgabe des Steppenwolfs runterfallen und ein entzückendes Mädchen mit Hornbrille wird ihm helfen, die rausgefallenen Seiten aufzusammeln.

Aber diesen Moment kann man nicht einfordern und schon gar nicht kann man irgendjemanden dafür verantwortlich machen, dass es zu wenige freundliche Mädchen mit Hornbrille gibt, die gern Taschenbuchseiten in Bibliotheken aufsammeln.

Wenn es also ohnehin nur wenige Menschen gibt, die wirklich gut zu einem passen, kann man auch aufhören, sich mit der Emopeitsche zu schlagen und sich einzureden, man sei ein Beziehungskrüppel.

Mir fallen partout keine logischen Gründe ein, weshalb ein ereignisreiches Sexualleben zu einer Beziehungsunfähigkeit führen sollte, auch wenn das in Filmen oder Serien so vermittelt wird. Aber genauso wenig kann man verlangen, dass bitteschön adäquate Menschen zum Verlieben zur Verfügung gestellt werden.

Und wenn ich mal einen Tatort drehe, rettet der Fesselkünstler die attraktive Mutter von 4 Kindern und Leiterin eines Busunternehmens aus den Händen eines freundlichen Busfahrers. Dieser hat sie als Geisel genommen hat, weil er Angst um seinen Job hat. Er begeht Selbstmord indem er sich mit dem Bus in die Elbe stürzt. Die Kommissare schauen die ganze Zeit tatenlos zu, verlieben sich aber am Ende ineinander, während die Busunternehmesgeschäftsführerin leicht erotisiert zu Mann und Kindern zurückkehrt.