Nicht glauben können

Antje Schrupp fragte via Twitter und dann per Post und Nachklapp nach wer und warum Atheist ist und ob es sich um eine Weltanschauung oder eben keine Weltanschauung handelt.

Außerdem las ich vor kurzem diesen Zeitartikel von Tanja Dückers in dem ein Trend (zurück?) zur Religiösität ausgemacht wird.

Schon seit einiger Zeit wollte ich einen Text darüber schreiben, wie ich mich mit Religion und Glauben auseinander gesetzt habe und schließlich feststellte, dass ich Atheistin bin. Abgesehen davon, dass ich wohl einen Aufhänger dafür brauchte, fiel es mir aus zwei weiteren Gründen etwas schwer darüber zu schreiben: a) Ich möchte Religion und Religiösität nicht negativ darstellen. Viele meine Freunde finden dort Kraft und Antworten. Nicht selten beneide ich sie dafür, trotzdem merke ich immer wieder, dass ich hier anders funktioniere. b) Ich will nicht, dass mir jemand erzählt, warum ich etwas glauben soll und entsprechend erwarte ich von niemanden, dass er sich meiner Weltanschauung anschließt. Den richtigen Ton zu finden, indem man die eigene Glaubensphilosophie erklärt, ohne die anderen in einem schlechten Licht darzustellen, stellt für mich eine Herausforderung dar.

Wenngleich es in meiner Familie väterlich wie mütterlicherseits bis vor zwei Generationen eine nicht unerhebliche Anzahl an evangelischen Pfarrern und Diakonissinnen gab, bin ich fast religonsfrei ausgewachsen.

Meine Mutter wurde in den 40er Jahren nicht getauft und sah bis heute keine Grund das nachzuholen. Mein Vater und mein Bruder sind evangelisch getauft aber auch bei ihnen spielt Religion keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Ich blieb bis kurz vor der Konfirmation ungetauft, wurde aber schultechnisch als evangelisch eingestuft und entsprechend beim Religionsunterricht mit den anderen Protestanten meiner Jahrgangsstufe zusammengepackt.

Was mich aber nicht daran hinderte, an katholischen Messen – bei uns auf dem Land gab es ja sonst nichts – teilzunehmen. Bis auf einmal blieb ich beim Abendmahl immer sitzen. Als ich einmal doch auch eine Oblate nahm, fauchte mich eine Klassenkameradin an, als Ungetaufte hätte ich kein Recht dazu. Etwas neidisch war ich auch auf meine Klassenkameradinnen, als sie zur Kommunion hübsche weiße Kleidchen trugen und mit Geschenken und Geld nur so überhäuft wurden.

Ich entschied mich mich mit 12 oder 13 Jahren bewusst dafür, am Konfirmationsunterricht teilzunehmen und vor der Konfirmation getauft zu werden. Ich fand Religion exotisch und spannend und hoffte auf Antworten.

Der Unterricht und die wöchentlichen Gottesdienste, die wir besuchen mussten, waren nichtssagend und langweilig.

Lediglich eine Geschichte die der Pastor erzählte, blieb mir seitdem im Kopf. Er berichtete aus Markus 6:32-44. Dort teilt Jesus Brot und Fisch und 5.000 Leute werden satt. Die Moral der Geschichte ist, wenn man teilt ist für alle genug da. Das gefiel mir gut und hat bis heute – dann und wann – Einfluss auf mein Verhalten.

Das mit der Konfirmation zog ich durch, allein wegen der Geschenke und der Feier und weil ich ungern auf halben Weg aufhöre.

Aber eine Epiphanie war es nicht.

Mit 16 ging ich dann ein Jahr in die Staaten und setze mich gezwungenermaßen sehr viel mit Religion auseinander.

Ich kam nach Tennessee in den Bible Belt. Meine Gastfamilie ging drei mal wöchentlich in die Kirche und es war klar, dass ich mitgehen sollte.

Nun ist es in den USA so, dass es unter den vielen protestantischen Richtungen viele Strömungen gibt. Das geht von sehr liberalen Gruppierungen die u.a. auch homosexuelle Ehen befürworten bis hin zu Gemeinden, die in Europa wohl als Sekten gelten würden.

Die Free Will Baptist Church zu der meine Familie ging, gehört zum sehr konservativen rechten Spektrum.

Interessant war auch, dass die Kirchen für gewöhnlich entweder nur von Weißen oder nur von Schwarzen besucht wurden. Es gibt also in einem kleinen Ort zwei Baptistenkirchen eine für die weißen und eine für die schwarzen Gläubige.

Ich war sehr irritiert. Für mich war Kirche der Ort an dem für Kinder in armen Ländern gesammelt wird, in dem Versöhnung, friedliches Miteinander zumindestens gepredigt aber im besten Fall auch gelebt wird.

Ich lernte nun Leute kennen, die offen zu ihrem Rassismus standen – und ihre Töchter zusammenschlugen weil sie sie knutschend mit einem Schwarzen erwischt hatten – die Waffen besaßen und sich nicht scheuen würden, diese auch gegen Personen anzuwenden. Leute, die nicht an die Evolution glaubten, weil es so nicht in der Bibel steht und die Homosexualität für eine Perversion halten, die man (mit dem Glauben) kurieren kann. Aber gleichzeitig hielten sie sich für sehr gute Christen.

Die absolute Weltsicht vieler Menschen, auf die ich dort traf und ihr Glaube der keine Facetten erlaubte, dessen oberstes Gesetz war, an Gott und Jesus zu glauben und dann erst die anderen Gebote zu befolgen, bedrückte mich. Auch weil die Hölle nicht symbolisch, sondern oft ganz real als Drohung für jede Form der kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema genutzt wurde.

Ich hatte Glaube immer mit einem bestimmten moralischen Kodex in Verbindung gebracht insbesondere der: “Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg’ auch keinem andern zu!” (gemäß Buch Tobit im 4. Kapitel Vers 16: “Was du verabscheust, tu keinem anderen an!”) bzw. einem entwaffnendem Pazifismus “Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel; sondern, so dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar.” (Matthäus 5:39)

Hier wurden auf einmal Rassismus, Patriachat und Angst vor allem Fremden durch Religion begründet und untermauert. Die mannigfaltigen Möglichkeiten des Missbrauchs von Relgion wurden mir in diesem Jahr ganz besonders bewusst.

Das Positive daran war, dass ich genug Zeit, Gelegenheit und Muße fand, mich mit Glauben und insbesondere dem Christentum zu beschäftigen und festzustellen, dass Religion nichts für mich ist.

Zum einen fragte ich mich, woher der Absolutheitsanspruch vieler Religionen kommt. Jetzt mal im Ernst, wird es im Jenseits eine große Battle der Religionen geben, wer nun Recht hatte? Kommen dann die Verlierer-Religionen oder Gläubiger in die Hölle oder sonst welchen Ort, der für Falschreligiöse vorgesehen ist?

Das ist natürlich absurd und für mich einer der wesentlichen Punkte, warum ich nicht glauben kann. Wenn es so viele verschiedene Religionen und Glaubensrichtungen gibt, kann das – nach meiner ganz persönlichen Logik – nur dafür sprechen, dass Religion ein metaphysisches Abbild der Gesellschaft ist, in der man lebt. Religion kann somit – nach wie vor entspricht das meiner ganz persönlichen Logik – keine allumfassende Wahrheit sein.

Ferner habe ich ein großes Problem mit der Verantwortungsfrage. Und zwar in zweierlei Hinsicht:

Im Christentum gilt die Vergebung als ein zentrales Element.

Ich bin ein großer Freund von Vergeben und Verzeihen, es macht das Zusammenleben einfacher und freundlicher. Meine Kinder versöhnen sich jeden Tag ca. 25 Mal, der Mann und ich ca. 10 Mal, Vergebung ist ein wesentliches Element unseres Familienlebens.

Gott vergibt uns ebenfalls unsere Sünden (“Und vergib uns unsere Schuld, wie wir unseren Schuldigern vergeben.” Matthäus 6:12). Grundsätzlich ist der Gedanke sehr schön aber Gott ist für mich nicht greifbar, womit ich mich wohl im Wesentlichen von gläubigen Menschen unterscheide. Ich stehe nicht in einem Dialog mit ihm. Das heißt, es wäre absurd, wenn er meine Schuld vergeben würde, auch weil er und ich sehr unterschiedliche Auffassungen von Sünde haben.

Das fängt schon bei Eva an. Ehrlich gesagt halte ich es tendenziell für eine Heldentat, den Apfel gegen den Willen Gottes zu kosten. Im Grunde ist das was im Christentum als Sündenfall negativ konnotiert ist, eine Emanzipierung von Gott oder im übertragenen Sinne einer Loslösung von den Eltern zu einer eigenständigen Person.

Ich persönlich bin ein großer Fan von freiem Denken und Handeln. Ich finde es toll, dass Eva den Apfel probiert hat, natürlich ist die Welt nicht perfekt, aber immernoch besser als ein langweiliges Paradies.

Die Bibel und ich sind also schon von Anfang an unterschiedlicher Meinung, ich möchte nicht zurück ins Paradies und entsprechend ist der Erlöserteil für mich dann auch irrelevant.

Zurück zur Vergebung. So wichtig Vergebung für den gesellschaftliche Umgang ist, so finde in es trotzdem bedrückend, wenn das Wissen, dass Gott schon vergeben wird, quasi jedes Fehlverhalten relativiert.

Ferner habe ich (zu) oft erlebt, wie die Verantwortung für das eigene Verhalten in die metaphysische Hände von Göttern, Teufeln und Dämonen geschoben wird.

Ich reagiere immer sehr ungehalten, bei der Verschiebung von Verantwortung. Ich merke zum Beispiel an mir selbst zyklus, müdigkeits- oder krankheitsbedingt Verhaltensänderungen. Gleichwohl halte ich es für eine billige Ausrede mein Verhalten mit Hormonen, einer Krankheit, meinem Geschlecht oder auch dem Verweis auf evolutionäre Entwicklungen oder was auch immer zu begründen.

Ich fühle mich letzten Endes immer für mein Verhalten verantwortlich. Ich kann es mir herleiten, wieso ich mich so oder so fühle oder ich kann nachvollziehen, warum ich etwas wie getan habe, aber für die Handlung bin ich verantwortlich. Götter und Dämonen haben – meiner Meinung nach – nichts damit zu tun.

Natürlich liegt vieles in meinem Leben nicht in meiner Hand und nicht in meiner Verantwortung. Von mir geliebte Menschen oder ich selbst können schwer krank werden, ihre Lebensgrundlage durch Jobverlust verlieren, es können Unfälle, Todesfälle, Überfälle und was es sonst noch an tragischen Lebenswendungen passieren, die nicht beeinflussbar sind.

Hier ist der Punkt an dem ich gläubige Menschen häufig beneide. Denn – so habe ich den Eindruck – sie konnten diese Schicksalsschläge viel besser akzeptieren und damit umgehen. Gott wird schon seinen Grund haben und einem nichts aufbürden, das man nicht auch tragen kann. Diese Idee gefällt mir.

Im Laufe des Aufenthalts in den USA bin ich zur relativ liberalen methodistischen Kirche einer Freundin gewechselt. Ihr Vater war dort “Preacher” und in dieser Kirche fand ich einen Großteil meiner moralischen Werte repräsentiert. Meine Gastfamilie akzeptierte, dass ich lieber mit meinen Freundinnen zur Kirche ging (so lange ich ging) und ich fand in der Tat das Gemeindeleben spannend und schön.

Eine weitere gemeinsame Freundin besuchte diese Kirche auch und ihr und ihrer Familie ging es eine Zeit lang nicht gut. Eines Sonntags sah ich sie vor dem Altar knien und beten. Danach schien sie deutlich ruhiger, gefasster, so als wäre ihr eine Last von der Seele genommen worden.

Ich bewundertere und beneidete sie in diesem Moment für ihren Glauben und die innere Ruhe die dieser ihr schenkt.

Zu gern, dachte ich damals, würde ich auch gern glauben können aber gleichzeitig wurde mir klar, dass ich es nicht kann. Ich muss andere Wege für mich finden.

Zum 80. Geburtstag

Meine Beziehung mit Günter Grass begann vielversprechend.

In der zehnten Klasse besprachen wir im Deutschunterricht erstmals einen literarischen Text mit mehr als 100 Seiten. Bis dahin hatten wir lediglich Dramen gelesen. Wobei es irreführend wäre, von Dramen im Plural zu sprechen. Vielmehr haben wir mit zwei Lehrern drei Mal Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür (sechste, achte und neunte Klasse) durchgenommen.

Leider führte dies nicht zu einer besonders intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema, sondern eher zu einem bis heute andauernden Bedürfnis Plakate, die mit der Aufführung des Dramas werben, schwarz anmalen zu wollen.

Vor diesem Hintergrund kann man verstehen, warum ich mich sehr über die Aussicht freute, Günter Grass Novelle Katz und Maus im Deutschunterricht zu besprechen. Die Lektüre empfand ich als sehr angenehm, allerdings blieb mir außer der Onanierolympiade nicht viel im Gedächtnis. Aber mit der Novelle wurde Grass als positiv und unterhaltsam in meinem Gehirn abgespeichert.

Es vergingen die Jahre. Grass interessierte sich nicht für mich und ich interessierte mich nicht für Grass. Ab und an vernahm ich verwundert, dass der Mann der, diese erfrischende Novelle – jaja ich weiß, das war anders gemeint, aber in meinem jugendlichen Leichtsinn empfand ich das Erzählte nunmal als erfrischend – geschrieben hat, sich so verbittert und arrogant über jedes Thema, das ihm seiner Würdig schien, äußerte.

Günter Grass schien mir immer mehr ein böser, alter Mann, der den Zeiten hinterher trauert, in der man die Worte alter Menschen nicht hinterfragt, weil alte Menschen immer Recht haben. In der Tat findet und fand Herr Grass auch immer wieder ein Forum das seine, teils sicherlich sehr guten und richtigen Bemerkungen zum Weltgeschehen, nicht nur teilt, sondern auch in die Welt hinausträgt, Feuilletons damit befüllt und dafür sorgt, dass sie Diskussionsthemen von Altherrenrunden im Fernsehen werden.

Wenn Grass auftrat, dann nicht nur optisch wie ein Oberlehrer – Kleidung, die ausssieht, als würde sie nach Mottenpulver riechen und nicht gereinigt, sondern ausschließlich gelüftet werden, hängende Mundwinkel, ein Blick, der die Verachtung gegenüber den Unwissenden, also allen außer ihm, mit jedem Augenaufschlag verdeutlicht – sondern auch mit Worten. Grass verweigert sich einem Diskussionsideal, das besagt, jemanden mit Argumenten von seiner Meinung zu überzeugen und gegebenenfalls eine andere Meinung zu akzeptieren.

L’opinion c’est moi und wer damit nicht übereinstimmt, ist wider den Kaiser.

Dann erhielt Grass den Literaturnobelpreis, was ihn wohl noch mehr in seinem Größenwahn beflügelte. Vor allem Herr Grass schien nun vollkommen davon überzeugt, annähernd unfehlbar zu sein. Der Mund wurde noch verkniffener und er forderte einen persönlichen Duden an, in dem das Wort Selbstironie getilgt wurde.

Einige Jahre nach der Auszeichnung veröffentlichte er einen Gedichtband Letzte Tänze. Erotische Gedichte von einem Oberlehrer. Immerhin wurden in den Gedichten keinen jungen Schülerinnen der Hintern versohlt. Aber wenn es ganz ohne Ironie zu einem Wunder wird, dass der Pimmel steht, dann wünscht man sich, dass man ihm wegen der Nutzung von unerlaubten Potenzmitteln den Nobelpreis aberkennt.

Mit dem Gedichtband endete meine kleine Beziehung, die in der zehnten Klasse begonnen hatte, zu Günter dann endgültig mit einer Trennung.

Aber aus Höflichkeit möchte ich ihm zum Geburtstag beglückwünschen und ihm wünschen, dass er im nächsten Jahrzehnt nicht weiter an der Postmoderne, an Ironie, Pluralismus und der friedlichen Koexistenz von Gegensätzen scheitert. Wahrscheinlich würde es auch reichen, wenn er seinem Zustand gemäß, etwas altersmilde würde.

Ode an den Buch-Gutschein

Geschenke zu bekommen, ist eine wunderbare Sache. Hätte man mich vor meinem Geburtstag gefragt, ob mir Geschenke wichtig seien, hätte ich geantwortet:

Nein, nein, nicht wirklich, mir ist es Geschenk genug, wenn alle meine Familienmitglieder und Freunde da sind.

Nach meinem Geburtstag kann ich sagen: Toll, dass alle da waren und ebenfalls toll, dass ich so viele Geschenke bekommen habe.

Neben den Bildern, Büchern und der Kosmetik (Stichwort: Badebombe und Dr. Hauschka) habe ich Gutscheine bekommen. Bevor nun wieder einer ausruft:

Gutscheine finde ich doof, die sind so unpersönlich!

möchte ich darauf hinweisen, dass ich mir Gutscheine für Thalia ausdrücklich gewünscht habe und dies hier eine Ode an den Buch-Gutschein ist.

Denn gleich am nächsten Tag machte ich mich auf in die Thalia-Buchhandlung in der Europa-Passage. Ist da jemand, der mich für das Product-Placement z.B. mit Gutscheinen bezahlen möchte?

Ich fühlte mich voller Tatendrang. Ich wusste, ich würde keine Möglichkeit haben, das Geld zu sparen oder es sinnvoll – z.B. für Schuhe – auszugeben. Ich musste es in Bücher umsetzten und es würde darüber hinaus keinen Unterschied machen, ob heute, morgen oder im nächsten Jahr.

Und ich wählte aus. Ich fühlte mich wie Ivana Trump, wenn sie eine Boutique betritt. Für einen späten Nachmittag konnte ich dank der Gutscheine dem Gefühl nachgeben, mir eine schier unendliche Menge an Büchern kaufen zu wollen. Ich lief durch die Regale und packte mir selbst Hardcoverbücher auf den Stapel. Dann rechnete ich den Berg an ausgewählten Büchern zusammen und sortierte die Hardcover wieder ins Regal ein.

Am Ende trug ich eine stattliche Beute nach Hause. Liebevoll griff ich jedes einzelne Buch aus der Tüte heraus, drehte und wendete es, schrieb meinen Namen und das Datum rein und verstaute sie im Regal.

Eins nach dem anderen werde ich sie herausnehmen, in meine Tasche packen und jeden Morgen und jeden Abend auf dem Arbeitsweg ein Stück von ihnen lesen.

Wen es interessiert, welche Bücher in den nächsten Wochen und Monaten hier erwähnen werden:

Extremely Loud & Incredibly Close von Jonathan Safran Foer. Ich habe es hauptsächlich wegen des Titels ausgewählt und weil ich wissen wollte, warum so viele Bilder und rot umkringelte Textstellen im Buch sind.

A Short History of Tractors in Ukrainian von Marina Lewycka, weil es sehr, sehr lustig beginnt und ich gerne Kurzweiliges lese.

Rot ist mein Name von Orhan Pamuk, weil ich historische Romane und Krimis mag und am Ende des Urlaubs behaupten kann, ich hätte etwas vom diesjährigen Literatur-Nobelpreisträger gelesen.

Apropos Urlaub. Wo mag es wohl hingehen wenn ich mir Merian Dubai und Reise Know-How Emirat Dubai kaufe?

Nach Tutti giù per terra fand ich kein Buch von Giuseppe Culicchia mehr annähernd so gut. Aber ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, daher landete Il Paese delle Meraviglie ebenfalls auf dem Stapel.

Dann war die Ivana-Trump-Show vorbei.

Willkommen beim Sonntags-Wunschkonzert

Ich lese viel zu wenige Bücher und viel zu wenige Blogs. Aber für Menschen wie mich gibt es Lesungen. Dumm nur, dass ich nur zu sehr wenigen Lesungen gehe.

Umso erfreulicher, dass ich in Hamburg wohne und der Aufwand zum allmonatlichen Kaffee.Satz.Lesen zu gehen, verhältnismäßig klein ist. Zugegeben, ich war gestern zum zweiten Mal da. Aber ein Schnitt von zwei von zwei vergnüglichen Nachmittagen kann nur zu der Schlussfolgerung führen, dass Kaffee.Satz.Lesen eine hervorragende und absolut empfehlenswerte Veranstaltung ist.

Wenn man zu Kaffe.Satz.Lesen kommt, dann ist das manchmal so wie ein Bloggerklassentreffen nur viel schöner. Ich glaube, die gesamte erste Reihe war ausschließlich mit Bloggern (vergleiche hierzu die Aufzählung im dritten Absatz von Herrn Paulsen) besetzt, in der zweite Reihe saß der Kulturverein Hannover, dahinter folgten tausende weitere zum bersten gefüllte Ränge.

Merlix, der mit Content angereist war, las als Erster. Der Erste zu sein ist bei einer Lesung keine Pole Position. Aber Merlix, der seine Texte in einer perfekt auf sein Bloglayout abgestimmten Kladde transportiert hatte, brachte die schwitzenden, eng beieinander sitzenden – in meinem Fall sogar hungrigen – und nach Luft japsenden Zuschauer in diesen entspannt-erregete Aufmerksamkeitsmodus, den ich am ehesten im Kino erlebe.

Nach Kaffee, Kuchen und Wasser las Matthias Keidtel. Schon als sich Herr Keidtel hinsetzte sagte ich zum Mann

Guck mal der hat ein schönes changierendes Hemd an, der ist bestimmt gut

und ich behielt recht. Die Ausschnitte aus seinem Buch Ein Mann wie Holm waren brüllend komisch, wunderschön formuliert und so beschloss ich – entgegen meiner Prinzipien – ein Hardcover-Buch zu kaufen. Kaum sah mein (Fast-)Mann das Buch in meinem Besitz fragte er mich, ob das sein Weihnachtsgeschenk sei und auch der nahe Verwandte guckte mich mit Hundeblick an und meinte, er würde zu Weihnachten auch das bereits gelesene und mit Eselsohren versehene Buch als Geschenk akzeptieren. Keiner kam wohl auf die Idee, dass ich es für mich gekauft hatte.

Zum Schluss wurde das Leben dann zu einem Wunschkonzert. Bov Bjerg las vor. Es ging um Schinkennudeln, aber das sagt nichts über den Text, der gleichzeitig rührend, weise und so unglaublich komisch war, dass ich vor Lachen fast vom Hocker gefallen wäre. Für solche Texte sollte man sich wirklich bedanken, sie bereichern das Leben. (Also Danke Bov.)

Je schöner eine Veranstaltung ist, desto schwieriger ist es, sie gekonnt abzurunden. Man hat die Möglichkeiten des sofortigen Rückzugs, also ab nach Hause zum Tatort. Das ist die Wahl der Angsthasen. Oder aber – wenn man mutiger ist – man sammelt die Leute, die noch 45 Minuten nach Beendigung der Veranstaltung rumstehen, presst sie in 4er bis 5er-Packungen auf die Rücksitze einiger weniger Fahrzeuge und fährt zum Dionysos. Zu Letzterem animierte der wunderbare Herr Paulsen und so saßen der Mann und ich inmitten vieler wunderbarer Menschen, aßen köstliche Dinge, tranken guten Wein und ich sinnierte – für einige wenige Sekunden in mich gekehrt – darüber, dass ich ein Glückpilz bin, in Hamburg zu leben.

Fliegen durch Shanghai

Wenn einem nichts mehr einfällt, rezensiert man das Werk anderer Leute. Sollte jemanden auffallen, dass ich derzeit viel rezensiere und beurteile, dem sei gesagt, dass sich das bestimmt wieder ändern wird. Bis dahin einfach tapfer durchhalten.

Meine Mutter brachte mir bei Ihrem letzten Besuch wieder ein paar Bücher mit. Sie selbst kauft sich viele Bücher bei Sonderaktion von Buchhandlungen oder bei Zweitausendeins. Ab und an lässt sie sich auch Bücher-Überraschungskisten schicken. 90% dieser Bücher liest sie. Nicht alle sind gut aber häufig sind sie viel besser als ein Sonderpreis von 1,5 Euro bis 7 Euro erwarten lassen würde. Die wirklich guten Bücher gibt sie dann an mich weiter.

Ich bin ein sehr dankbares Publikum. Während des Studiums habe ich wöchentlich ein bis sechs Bücher gekauft und im besten Fall eins davon gelesen. Nach zwei Umzügen innerhalb von wenigen Jahren habe ich beschlossen, keine Bücher mehr anzuschaffen, bis ich mir zum nächsten Umzug eine Spedition leisten kann. Trotzdem benötige ich Lesestoff, denn jeden Tag verbringe ich mehr als eine Stunde in der Bahn und wenn ich mich auf eins am Tage freue, dann ist es das Lesen vor und nach der Arbeit.

Zuweilen verstecke ich mich sogar vor meinen Kollegen. Nach neun Stunden Büro lege ich wenig Wert auf Gespräche. Ich will meine Ruhe und die finde ich nur im Lesen. Also verpasse ich Bahnen oder verstecke mich hinter Pfeilern, um dann urplötzlich und schnell wie ein Pfeil aus meiner Deckung in die Bahn zu hüpfen.

Mein letztes Bahnbuch empfohlen von meiner Mutter war Shanghai Baby von Wei Hui erschienen bei Ullstein Taschenbuch. Kurz zusammengefasst geht es um eine junge Frau, die in Shanghai lebt und ihren ersten Roman schreibt. Nebenher hat sie einen entzückenden aber labilen Freund und einen potenten sowie weniger labilen Liebhaber.

Das mag platt klingen, ist aber beim Lesen ausgesprochen spannend. Zum einen wegen der ein oder anderen „erotischen“ Passage. Es ist ja so, dass es zu den schwierigsten Dingen überhaupt gehört über Sex zu schreiben, ohne platt zu klingen. Der Mann hat mir zum Geburtstag mal eine CD mit Sexgeschichten geschenkt – wohlwissend, dass ich theoretisch ideales Zielpublikum für dieses Produkt bin – die allerdings so unglaublich schlecht war, dass wir den CD-Spieler schnellstens ausgemacht haben und sexlos eingeschlafen sind.

Das alles ändert aber nichts an der Tatsache, dass ein Markt für niveauvolle Erotik besteht. Dabei hat Niveau in keinster Weise etwas mit verschwommenen Bildern, langatmigen Geschichten, Kerzenschein, Kuscheln oder dem Vorenthalten von Geschlechtsteilen zu tun.

Es verhält sich hier ähnlich wie mit Dildos. Die Tatsache, dass Frauen davor zurückschrecken sich Dildos oder Vibratoren zu kaufen liegt nicht daran, dass sie keine gebrauchen könnten, sondern vielmehr daran, dass keine Frau freiwillig etwas benutzt, das nach billigem Plastik riecht und bei dem sie Angst haben muss, dass es wegen schlechter Verarbeitung in Ihrer Vagina explodiert (wobei es dafür sicherlich auch Interessentinnen gäbe).

Aber ich schweife ab. Wei Hui tingelt sich von Party zu Party, liebt ihren Freund, versucht sich an ihrem Roman, erzählt von den Menschen in Shanghai und lernt einen deutschen Unternehmensberater kennen. Während ich bislang vor allem Bücher gelesen habe, in den „weiße“ Frauen und vor allem Männer sich in „exotische“ Damen und Herren verlieben, freue ich mich diebisch daran, wie in diesem Fall der Europäer zum exotischen Sexobjekt wird.

Während am Anfang das „Besondere“ nur durch behaarte Hände und helle Haare deutlich wird, sind es 50 Seiten weiter schon die germanischen blauen Augen inklusive der damit einhergehenden faschistischen Assoziationen. Zugegeben an dieser Stelle musste ich schlucken, denn Wei Hui verbindet den Faschismus mit Erotik. Leidenschaftlich brutaler Sex hätte mich nicht hinter dem Ofen hervorgelockt aber die Verbindung dieser beiden Dinge, in einem vermeintlich seicht daherkommenen Buch, konnte mich durchaus schockieren.

Trotzdem schien es mir in gewisser Weise gut und recht, wenn eine Chinesin auf diese Art den Habitus der westlichen Welt – inklusive ihrer westlichen Männer – dekonstruiert und sie als (hervorragendes) Lustobjekt verniedlicht.

Nach den ereignisreichen ersten 80 Seiten verlangsamt sich das Tempo etwas. Allerdings nicht zu Ungunsten des Lesevergnügens. Vielmehr entwickelt das Buch immer mehr dokumentarischen Charakter, der gleichzeitig den Leser als Teil des Romans einverleibt. Und so schwebte ich eine Woche lang morgens und abends über Shanghai und konnte in die hell erleuchteten Fenster einiger Menschen blicken.

Der geschichtliche Kontext von Notfreunden

Es gibt Leute mit denen befreundet man sich aus der Not heraus. Meine Notfreundin war Christine. Ich lernte Christine in Italien kennen, weil die Familien, für die wir als Au-Pair arbeiteten, miteinander befreundet waren, weil wir beide kein Italienisch beherrschten und weil wir niemanden in Florenz kannten.

Unter anderen Umständen hätte ich niemals ein Gespräch mit dieser porösen Person begonnen, die affektiert über Kunst und Leben sprach und auch sie hätte mich burschikosen, leicht vulgären Trampel keines Blickes gewürdigt. Aber die Tatsache, dass wir zwei alleine und gleichsam verängstigt im selben Boot auf dem Fluss der Fremde trieben, ließ uns Ansätze von Freundschaft entwickeln.

Letztlich war die Freundschaft nicht von Dauer, aber bis heute bin ich Christine dafür dankbar, dass sie mir Stefan Zweigs Roman Ungeduld des Herzens ausgeliehen hat.

Ohne ihre Empfehlung hätte ich nie ein Buch von Zweig in die Hand genommen. Der Titel seines einzigen zu Lebzeiten veröffentlichten Romans klingt viel zu schwülstig, als dass ich ihn mir freiwillig gekauft oder gar ausgeliehen hätte. Auch die Titel seiner Biografien hätten mich in einer Buchhandlung nicht zum Kauf animiert. Eine Auswahl:

Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam

Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters

Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt

Stets hätte ich Romane über die erste Päpstin oder einen großen Medicus möglicherweise auch eine historische Liebesgeschichte mit vielen Säbeln und Knappen vorgezogen.

Es kam anders. Christine lieh mir das Buch und ich verehre seit diesem Tag Stefan Zweig. Sein Roman aber mehr noch seine Biografien sind edel. Edel wie ein Schmuckkästchen, dass auf den ersten Blick ein rechteckiges Kistlein mit Verschluss ist, von dem aber eine ganz besondere Ausstrahlung ausgeht.

Es ist handwerklich perfekt gearbeitet, es ist schlicht, auf den ersten Blick vielleicht sogar langweilig, aber streicht man darüber so findet man keine Unebenheiten, keine Spliter oder ungeschliffenen Kanten, die kaum auffälligen Einlegearbeiten passen sich organisch in die gesamte Arbeit ein. Nichts ist überflüssig, nichts wurde nachlässig gearbeitet, das Verhältnis vom Detail zum Gesamtwerk ist perfekt. Wenn man das Kästchen zurücklegt, weiß man, dass man soeben etwas ganz Besonderes in der Hand gehabt hatte.

Gern wählt Zweig die Underdogs der Geschichte aus, wie Maria Stuart oder Erasmus von Rotterdam. Menschen, die an den Aufgaben, die sie sich selbst auferlegt haben oder die ihnen durch ihre Herkunft mitgegeben wurden, gescheitert sind. Bei der Beleuchtung der Geschichten gibt er sich nicht damit zufrieden, nachzuerzählen, wie es zu den Ereignissen A, B und C kam. Genauso wenig übernimmt er die geläufigen Deutungen und Erklärungen.

Zweigs Biografien scheinen so, als hätte er aus einem tiefen Bedürfnis und großem Interesse heraus aus dem großen Pool der historisch bedeutenden Personen eben diese Persönlichkeiten ausgewählt. Als habe er über die von ihm erwählte Person gewissenhaft und mit bedachter Ernsthaftigkeit alles zusammengetragen, jede Behauptung geprüft, um keine falschen Schlüsse zu ziehen, sich versucht von aller Bösartigkeit und Arglist freizumachen, um dann in einer klaren schönen Sprache und voller Empathie und Sympathie über die Person und ihren geschichtlichen Kontext zu schreiben.

So streichle ich am Ende einer Biografie von Zweig stets sanft über den Buchrücken, sortiere sie sorgsam unter Z im Bücherregal ein und kann Christine, die sich später nur noch meldete, wenn sie erfuhr, dass ich mich an Orten aufhielt, an denen sie immer schon günstig Urlaub machen wollte, nicht mehr böse sein.