Zum 80. Geburtstag

Meine Beziehung mit Günter Grass begann vielversprechend.

In der zehnten Klasse besprachen wir im Deutschunterricht erstmals einen literarischen Text mit mehr als 100 Seiten. Bis dahin hatten wir lediglich Dramen gelesen. Wobei es irreführend wäre, von Dramen im Plural zu sprechen. Vielmehr haben wir mit zwei Lehrern drei Mal Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür (sechste, achte und neunte Klasse) durchgenommen.

Leider führte dies nicht zu einer besonders intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema, sondern eher zu einem bis heute andauernden Bedürfnis Plakate, die mit der Aufführung des Dramas werben, schwarz anmalen zu wollen.

Vor diesem Hintergrund kann man verstehen, warum ich mich sehr über die Aussicht freute, Günter Grass Novelle Katz und Maus im Deutschunterricht zu besprechen. Die Lektüre empfand ich als sehr angenehm, allerdings blieb mir außer der Onanierolympiade nicht viel im Gedächtnis. Aber mit der Novelle wurde Grass als positiv und unterhaltsam in meinem Gehirn abgespeichert.

Es vergingen die Jahre. Grass interessierte sich nicht für mich und ich interessierte mich nicht für Grass. Ab und an vernahm ich verwundert, dass der Mann der, diese erfrischende Novelle – jaja ich weiß, das war anders gemeint, aber in meinem jugendlichen Leichtsinn empfand ich das Erzählte nunmal als erfrischend – geschrieben hat, sich so verbittert und arrogant über jedes Thema, das ihm seiner Würdig schien, äußerte.

Günter Grass schien mir immer mehr ein böser, alter Mann, der den Zeiten hinterher trauert, in der man die Worte alter Menschen nicht hinterfragt, weil alte Menschen immer Recht haben. In der Tat findet und fand Herr Grass auch immer wieder ein Forum das seine, teils sicherlich sehr guten und richtigen Bemerkungen zum Weltgeschehen, nicht nur teilt, sondern auch in die Welt hinausträgt, Feuilletons damit befüllt und dafür sorgt, dass sie Diskussionsthemen von Altherrenrunden im Fernsehen werden.

Wenn Grass auftrat, dann nicht nur optisch wie ein Oberlehrer – Kleidung, die ausssieht, als würde sie nach Mottenpulver riechen und nicht gereinigt, sondern ausschließlich gelüftet werden, hängende Mundwinkel, ein Blick, der die Verachtung gegenüber den Unwissenden, also allen außer ihm, mit jedem Augenaufschlag verdeutlicht – sondern auch mit Worten. Grass verweigert sich einem Diskussionsideal, das besagt, jemanden mit Argumenten von seiner Meinung zu überzeugen und gegebenenfalls eine andere Meinung zu akzeptieren.

L’opinion c’est moi und wer damit nicht übereinstimmt, ist wider den Kaiser.

Dann erhielt Grass den Literaturnobelpreis, was ihn wohl noch mehr in seinem Größenwahn beflügelte. Vor allem Herr Grass schien nun vollkommen davon überzeugt, annähernd unfehlbar zu sein. Der Mund wurde noch verkniffener und er forderte einen persönlichen Duden an, in dem das Wort Selbstironie getilgt wurde.

Einige Jahre nach der Auszeichnung veröffentlichte er einen Gedichtband Letzte Tänze. Erotische Gedichte von einem Oberlehrer. Immerhin wurden in den Gedichten keinen jungen Schülerinnen der Hintern versohlt. Aber wenn es ganz ohne Ironie zu einem Wunder wird, dass der Pimmel steht, dann wünscht man sich, dass man ihm wegen der Nutzung von unerlaubten Potenzmitteln den Nobelpreis aberkennt.

Mit dem Gedichtband endete meine kleine Beziehung, die in der zehnten Klasse begonnen hatte, zu Günter dann endgültig mit einer Trennung.

Aber aus Höflichkeit möchte ich ihm zum Geburtstag beglückwünschen und ihm wünschen, dass er im nächsten Jahrzehnt nicht weiter an der Postmoderne, an Ironie, Pluralismus und der friedlichen Koexistenz von Gegensätzen scheitert. Wahrscheinlich würde es auch reichen, wenn er seinem Zustand gemäß, etwas altersmilde würde.

Ode an den Buch-Gutschein

Geschenke zu bekommen, ist eine wunderbare Sache. Hätte man mich vor meinem Geburtstag gefragt, ob mir Geschenke wichtig seien, hätte ich geantwortet:

Nein, nein, nicht wirklich, mir ist es Geschenk genug, wenn alle meine Familienmitglieder und Freunde da sind.

Nach meinem Geburtstag kann ich sagen: Toll, dass alle da waren und ebenfalls toll, dass ich so viele Geschenke bekommen habe.

Neben den Bildern, Büchern und der Kosmetik (Stichwort: Badebombe und Dr. Hauschka) habe ich Gutscheine bekommen. Bevor nun wieder einer ausruft:

Gutscheine finde ich doof, die sind so unpersönlich!

möchte ich darauf hinweisen, dass ich mir Gutscheine für Thalia ausdrücklich gewünscht habe und dies hier eine Ode an den Buch-Gutschein ist.

Denn gleich am nächsten Tag machte ich mich auf in die Thalia-Buchhandlung in der Europa-Passage. Ist da jemand, der mich für das Product-Placement z.B. mit Gutscheinen bezahlen möchte?

Ich fühlte mich voller Tatendrang. Ich wusste, ich würde keine Möglichkeit haben, das Geld zu sparen oder es sinnvoll – z.B. für Schuhe – auszugeben. Ich musste es in Bücher umsetzten und es würde darüber hinaus keinen Unterschied machen, ob heute, morgen oder im nächsten Jahr.

Und ich wählte aus. Ich fühlte mich wie Ivana Trump, wenn sie eine Boutique betritt. Für einen späten Nachmittag konnte ich dank der Gutscheine dem Gefühl nachgeben, mir eine schier unendliche Menge an Büchern kaufen zu wollen. Ich lief durch die Regale und packte mir selbst Hardcoverbücher auf den Stapel. Dann rechnete ich den Berg an ausgewählten Büchern zusammen und sortierte die Hardcover wieder ins Regal ein.

Am Ende trug ich eine stattliche Beute nach Hause. Liebevoll griff ich jedes einzelne Buch aus der Tüte heraus, drehte und wendete es, schrieb meinen Namen und das Datum rein und verstaute sie im Regal.

Eins nach dem anderen werde ich sie herausnehmen, in meine Tasche packen und jeden Morgen und jeden Abend auf dem Arbeitsweg ein Stück von ihnen lesen.

Wen es interessiert, welche Bücher in den nächsten Wochen und Monaten hier erwähnen werden:

Extremely Loud & Incredibly Close von Jonathan Safran Foer. Ich habe es hauptsächlich wegen des Titels ausgewählt und weil ich wissen wollte, warum so viele Bilder und rot umkringelte Textstellen im Buch sind.

A Short History of Tractors in Ukrainian von Marina Lewycka, weil es sehr, sehr lustig beginnt und ich gerne Kurzweiliges lese.

Rot ist mein Name von Orhan Pamuk, weil ich historische Romane und Krimis mag und am Ende des Urlaubs behaupten kann, ich hätte etwas vom diesjährigen Literatur-Nobelpreisträger gelesen.

Apropos Urlaub. Wo mag es wohl hingehen wenn ich mir Merian Dubai und Reise Know-How Emirat Dubai kaufe?

Nach Tutti giù per terra fand ich kein Buch von Giuseppe Culicchia mehr annähernd so gut. Aber ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, daher landete Il Paese delle Meraviglie ebenfalls auf dem Stapel.

Dann war die Ivana-Trump-Show vorbei.

Willkommen beim Sonntags-Wunschkonzert

Ich lese viel zu wenige Bücher und viel zu wenige Blogs. Aber für Menschen wie mich gibt es Lesungen. Dumm nur, dass ich nur zu sehr wenigen Lesungen gehe.

Umso erfreulicher, dass ich in Hamburg wohne und der Aufwand zum allmonatlichen Kaffee.Satz.Lesen zu gehen, verhältnismäßig klein ist. Zugegeben, ich war gestern zum zweiten Mal da. Aber ein Schnitt von zwei von zwei vergnüglichen Nachmittagen kann nur zu der Schlussfolgerung führen, dass Kaffee.Satz.Lesen eine hervorragende und absolut empfehlenswerte Veranstaltung ist.

Wenn man zu Kaffe.Satz.Lesen kommt, dann ist das manchmal so wie ein Bloggerklassentreffen nur viel schöner. Ich glaube, die gesamte erste Reihe war ausschließlich mit Bloggern (vergleiche hierzu die Aufzählung im dritten Absatz von Herrn Paulsen) besetzt, in der zweite Reihe saß der Kulturverein Hannover, dahinter folgten tausende weitere zum bersten gefüllte Ränge.

Merlix, der mit Content angereist war, las als Erster. Der Erste zu sein ist bei einer Lesung keine Pole Position. Aber Merlix, der seine Texte in einer perfekt auf sein Bloglayout abgestimmten Kladde transportiert hatte, brachte die schwitzenden, eng beieinander sitzenden – in meinem Fall sogar hungrigen – und nach Luft japsenden Zuschauer in diesen entspannt-erregete Aufmerksamkeitsmodus, den ich am ehesten im Kino erlebe.

Nach Kaffee, Kuchen und Wasser las Matthias Keidtel. Schon als sich Herr Keidtel hinsetzte sagte ich zum Mann

Guck mal der hat ein schönes changierendes Hemd an, der ist bestimmt gut

und ich behielt recht. Die Ausschnitte aus seinem Buch Ein Mann wie Holm waren brüllend komisch, wunderschön formuliert und so beschloss ich – entgegen meiner Prinzipien – ein Hardcover-Buch zu kaufen. Kaum sah mein (Fast-)Mann das Buch in meinem Besitz fragte er mich, ob das sein Weihnachtsgeschenk sei und auch der nahe Verwandte guckte mich mit Hundeblick an und meinte, er würde zu Weihnachten auch das bereits gelesene und mit Eselsohren versehene Buch als Geschenk akzeptieren. Keiner kam wohl auf die Idee, dass ich es für mich gekauft hatte.

Zum Schluss wurde das Leben dann zu einem Wunschkonzert. Bov Bjerg las vor. Es ging um Schinkennudeln, aber das sagt nichts über den Text, der gleichzeitig rührend, weise und so unglaublich komisch war, dass ich vor Lachen fast vom Hocker gefallen wäre. Für solche Texte sollte man sich wirklich bedanken, sie bereichern das Leben. (Also Danke Bov.)

Je schöner eine Veranstaltung ist, desto schwieriger ist es, sie gekonnt abzurunden. Man hat die Möglichkeiten des sofortigen Rückzugs, also ab nach Hause zum Tatort. Das ist die Wahl der Angsthasen. Oder aber – wenn man mutiger ist – man sammelt die Leute, die noch 45 Minuten nach Beendigung der Veranstaltung rumstehen, presst sie in 4er bis 5er-Packungen auf die Rücksitze einiger weniger Fahrzeuge und fährt zum Dionysos. Zu Letzterem animierte der wunderbare Herr Paulsen und so saßen der Mann und ich inmitten vieler wunderbarer Menschen, aßen köstliche Dinge, tranken guten Wein und ich sinnierte – für einige wenige Sekunden in mich gekehrt – darüber, dass ich ein Glückpilz bin, in Hamburg zu leben.

Fliegen durch Shanghai

Wenn einem nichts mehr einfällt, rezensiert man das Werk anderer Leute. Sollte jemanden auffallen, dass ich derzeit viel rezensiere und beurteile, dem sei gesagt, dass sich das bestimmt wieder ändern wird. Bis dahin einfach tapfer durchhalten.

Meine Mutter brachte mir bei Ihrem letzten Besuch wieder ein paar Bücher mit. Sie selbst kauft sich viele Bücher bei Sonderaktion von Buchhandlungen oder bei Zweitausendeins. Ab und an lässt sie sich auch Bücher-Überraschungskisten schicken. 90% dieser Bücher liest sie. Nicht alle sind gut aber häufig sind sie viel besser als ein Sonderpreis von 1,5 Euro bis 7 Euro erwarten lassen würde. Die wirklich guten Bücher gibt sie dann an mich weiter.

Ich bin ein sehr dankbares Publikum. Während des Studiums habe ich wöchentlich ein bis sechs Bücher gekauft und im besten Fall eins davon gelesen. Nach zwei Umzügen innerhalb von wenigen Jahren habe ich beschlossen, keine Bücher mehr anzuschaffen, bis ich mir zum nächsten Umzug eine Spedition leisten kann. Trotzdem benötige ich Lesestoff, denn jeden Tag verbringe ich mehr als eine Stunde in der Bahn und wenn ich mich auf eins am Tage freue, dann ist es das Lesen vor und nach der Arbeit.

Zuweilen verstecke ich mich sogar vor meinen Kollegen. Nach neun Stunden Büro lege ich wenig Wert auf Gespräche. Ich will meine Ruhe und die finde ich nur im Lesen. Also verpasse ich Bahnen oder verstecke mich hinter Pfeilern, um dann urplötzlich und schnell wie ein Pfeil aus meiner Deckung in die Bahn zu hüpfen.

Mein letztes Bahnbuch empfohlen von meiner Mutter war Shanghai Baby von Wei Hui erschienen bei Ullstein Taschenbuch. Kurz zusammengefasst geht es um eine junge Frau, die in Shanghai lebt und ihren ersten Roman schreibt. Nebenher hat sie einen entzückenden aber labilen Freund und einen potenten sowie weniger labilen Liebhaber.

Das mag platt klingen, ist aber beim Lesen ausgesprochen spannend. Zum einen wegen der ein oder anderen „erotischen“ Passage. Es ist ja so, dass es zu den schwierigsten Dingen überhaupt gehört über Sex zu schreiben, ohne platt zu klingen. Der Mann hat mir zum Geburtstag mal eine CD mit Sexgeschichten geschenkt – wohlwissend, dass ich theoretisch ideales Zielpublikum für dieses Produkt bin – die allerdings so unglaublich schlecht war, dass wir den CD-Spieler schnellstens ausgemacht haben und sexlos eingeschlafen sind.

Das alles ändert aber nichts an der Tatsache, dass ein Markt für niveauvolle Erotik besteht. Dabei hat Niveau in keinster Weise etwas mit verschwommenen Bildern, langatmigen Geschichten, Kerzenschein, Kuscheln oder dem Vorenthalten von Geschlechtsteilen zu tun.

Es verhält sich hier ähnlich wie mit Dildos. Die Tatsache, dass Frauen davor zurückschrecken sich Dildos oder Vibratoren zu kaufen liegt nicht daran, dass sie keine gebrauchen könnten, sondern vielmehr daran, dass keine Frau freiwillig etwas benutzt, das nach billigem Plastik riecht und bei dem sie Angst haben muss, dass es wegen schlechter Verarbeitung in Ihrer Vagina explodiert (wobei es dafür sicherlich auch Interessentinnen gäbe).

Aber ich schweife ab. Wei Hui tingelt sich von Party zu Party, liebt ihren Freund, versucht sich an ihrem Roman, erzählt von den Menschen in Shanghai und lernt einen deutschen Unternehmensberater kennen. Während ich bislang vor allem Bücher gelesen habe, in den „weiße“ Frauen und vor allem Männer sich in „exotische“ Damen und Herren verlieben, freue ich mich diebisch daran, wie in diesem Fall der Europäer zum exotischen Sexobjekt wird.

Während am Anfang das „Besondere“ nur durch behaarte Hände und helle Haare deutlich wird, sind es 50 Seiten weiter schon die germanischen blauen Augen inklusive der damit einhergehenden faschistischen Assoziationen. Zugegeben an dieser Stelle musste ich schlucken, denn Wei Hui verbindet den Faschismus mit Erotik. Leidenschaftlich brutaler Sex hätte mich nicht hinter dem Ofen hervorgelockt aber die Verbindung dieser beiden Dinge, in einem vermeintlich seicht daherkommenen Buch, konnte mich durchaus schockieren.

Trotzdem schien es mir in gewisser Weise gut und recht, wenn eine Chinesin auf diese Art den Habitus der westlichen Welt – inklusive ihrer westlichen Männer – dekonstruiert und sie als (hervorragendes) Lustobjekt verniedlicht.

Nach den ereignisreichen ersten 80 Seiten verlangsamt sich das Tempo etwas. Allerdings nicht zu Ungunsten des Lesevergnügens. Vielmehr entwickelt das Buch immer mehr dokumentarischen Charakter, der gleichzeitig den Leser als Teil des Romans einverleibt. Und so schwebte ich eine Woche lang morgens und abends über Shanghai und konnte in die hell erleuchteten Fenster einiger Menschen blicken.

Der geschichtliche Kontext von Notfreunden

Es gibt Leute mit denen befreundet man sich aus der Not heraus. Meine Notfreundin war Christine. Ich lernte Christine in Italien kennen, weil die Familien, für die wir als Au-Pair arbeiteten, miteinander befreundet waren, weil wir beide kein Italienisch beherrschten und weil wir niemanden in Florenz kannten.

Unter anderen Umständen hätte ich niemals ein Gespräch mit dieser porösen Person begonnen, die affektiert über Kunst und Leben sprach und auch sie hätte mich burschikosen, leicht vulgären Trampel keines Blickes gewürdigt. Aber die Tatsache, dass wir zwei alleine und gleichsam verängstigt im selben Boot auf dem Fluss der Fremde trieben, ließ uns Ansätze von Freundschaft entwickeln.

Letztlich war die Freundschaft nicht von Dauer, aber bis heute bin ich Christine dafür dankbar, dass sie mir Stefan Zweigs Roman Ungeduld des Herzens ausgeliehen hat.

Ohne ihre Empfehlung hätte ich nie ein Buch von Zweig in die Hand genommen. Der Titel seines einzigen zu Lebzeiten veröffentlichten Romans klingt viel zu schwülstig, als dass ich ihn mir freiwillig gekauft oder gar ausgeliehen hätte. Auch die Titel seiner Biografien hätten mich in einer Buchhandlung nicht zum Kauf animiert. Eine Auswahl:

Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam

Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters

Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt

Stets hätte ich Romane über die erste Päpstin oder einen großen Medicus möglicherweise auch eine historische Liebesgeschichte mit vielen Säbeln und Knappen vorgezogen.

Es kam anders. Christine lieh mir das Buch und ich verehre seit diesem Tag Stefan Zweig. Sein Roman aber mehr noch seine Biografien sind edel. Edel wie ein Schmuckkästchen, dass auf den ersten Blick ein rechteckiges Kistlein mit Verschluss ist, von dem aber eine ganz besondere Ausstrahlung ausgeht.

Es ist handwerklich perfekt gearbeitet, es ist schlicht, auf den ersten Blick vielleicht sogar langweilig, aber streicht man darüber so findet man keine Unebenheiten, keine Spliter oder ungeschliffenen Kanten, die kaum auffälligen Einlegearbeiten passen sich organisch in die gesamte Arbeit ein. Nichts ist überflüssig, nichts wurde nachlässig gearbeitet, das Verhältnis vom Detail zum Gesamtwerk ist perfekt. Wenn man das Kästchen zurücklegt, weiß man, dass man soeben etwas ganz Besonderes in der Hand gehabt hatte.

Gern wählt Zweig die Underdogs der Geschichte aus, wie Maria Stuart oder Erasmus von Rotterdam. Menschen, die an den Aufgaben, die sie sich selbst auferlegt haben oder die ihnen durch ihre Herkunft mitgegeben wurden, gescheitert sind. Bei der Beleuchtung der Geschichten gibt er sich nicht damit zufrieden, nachzuerzählen, wie es zu den Ereignissen A, B und C kam. Genauso wenig übernimmt er die geläufigen Deutungen und Erklärungen.

Zweigs Biografien scheinen so, als hätte er aus einem tiefen Bedürfnis und großem Interesse heraus aus dem großen Pool der historisch bedeutenden Personen eben diese Persönlichkeiten ausgewählt. Als habe er über die von ihm erwählte Person gewissenhaft und mit bedachter Ernsthaftigkeit alles zusammengetragen, jede Behauptung geprüft, um keine falschen Schlüsse zu ziehen, sich versucht von aller Bösartigkeit und Arglist freizumachen, um dann in einer klaren schönen Sprache und voller Empathie und Sympathie über die Person und ihren geschichtlichen Kontext zu schreiben.

So streichle ich am Ende einer Biografie von Zweig stets sanft über den Buchrücken, sortiere sie sorgsam unter Z im Bücherregal ein und kann Christine, die sich später nur noch meldete, wenn sie erfuhr, dass ich mich an Orten aufhielt, an denen sie immer schon günstig Urlaub machen wollte, nicht mehr böse sein.

Bekenntnis einer aufrichtigen Liebe für das Werk von Haruki Murakami

Kafka

Ich habe Haruki Murakami nicht besonders früh entdeckt. Ich bin also kein Fan der ersten Stunde, keine Person die sagen kann:

Als ich 1985 in Japan war, da traf ich diesen Autoren und ich wusste er würde einer der ganz Großen werden.

Ich weiß auch nicht, ob Murakami vor Haruki oder Haruki vor Murakami kommt.*

Ist mir aber auch egal. Denn irgendwann griff ich in der wohl kommerziellsten Buchhandlung Kölns zu „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“. Ich mag lange Titel. Ich liebe Untertitel und ich mochte die magenta-farbene Schrift.

Ich setzte mich also in die Bahn auf den Weg zur Arbeit und hätte die Haltestelle beinahe verpasst. Kaum hatte ich eine Zeile des Buches gelesen, war ich eingenommen. Von der komplett abstrusen Geschichten, die daher kommt als sei es das normalste der Welt, dass man unter Tokio durch Wasser schwimmt, dass Schatten ein Eigenleben führen und dass Schädel, Lauren Becall und eine Stadtbücherei in ein und demselben Kapitel vorkommen. Von dem lakonischen Stil, für den ich meinen kleinen verknorpelten Zeh geben würde. Von den Spannungsbögen, die dazu führen, dass ich eine Ausgabe der Gala vollkommen ignoriere.

Nach Hard-boiled Wonderland kam Mister Aufziehvogel, Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah, Wilde Schafsjagd und Tanz mit dem Schafsmann. Jedes Mal wurde das Lesen zur Sucht, die Bahnfahrten waren zu kurz, nachts träumte ich wirres Zeug und ständig hatte ich bizarr-schöne Bilder vor meinen Augen. Es war wie Erlebnisurlaub.

Ich kaufte die Bücher immer sehr wohldosiert, aus Angst ich könnte ihnen irgendwann überdrüssig werden. Nichts ist unangenehmer als jahrelang für etwas schwärmen und dann festzustellen, dass es doch nicht so toll ist. Es ist wie mit der Liebe, wenn man einmal verknallt ist, dann wünscht man sich, dass dieses Gefühl einer Person (oder in diesem Fall einem Buch) gegenüber immer anhält.

Dann aber kaufte ich mir Naokos Lächeln. Ich machte drei Versuche, aber der Funke mochte einfach nicht überspringen. Da war er also der Moment, vor dem ich immer Angst gehabt hatte. Haruki ging mir auf die Nerven. Ich wusste nicht mehr, was ich mal an ihm gefunden hatte. Wir hatten uns voneinander wegentwickelt. Ich legte Naoko also weg und mied den Autor.

Vor zwei Wochen stand ich mit dem Mann im Buchladen. Er lugte debil lächelnd auf das Buch einer MTV-Tussi und ich holte mit Haruki – meiner alten Liebe – zum Gegenschlag aus. Kafka am Strand kaufte ich mir. Einige Tage schlich ich um das Buch, dann schlug ich es auf, las die ersten Sätze und da war sie wieder: die alte, große Liebe.

Entschuldigen Sie mich bitte, ich muss weiterlesen.

*Einer der Namen ist der Vorname der andere der Nachname. Ich kann sie nicht unterscheiden. Außerdem gibt es im Japanischen besondere Regeln – so sagte man mir – was die Stellungen des Vor- und Nachnamens angehen. Das heißt, selbst wenn ich wüsste was Vor- und was Nachname ist, weiß ich noch lange nicht in welche Reihenfolge sie gehören.