Meine Beziehung mit Günter Grass begann vielversprechend.
In der zehnten Klasse besprachen wir im Deutschunterricht erstmals einen literarischen Text mit mehr als 100 Seiten. Bis dahin hatten wir lediglich Dramen gelesen. Wobei es irreführend wäre, von Dramen im Plural zu sprechen. Vielmehr haben wir mit zwei Lehrern drei Mal Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür (sechste, achte und neunte Klasse) durchgenommen.
Leider führte dies nicht zu einer besonders intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema, sondern eher zu einem bis heute andauernden Bedürfnis Plakate, die mit der Aufführung des Dramas werben, schwarz anmalen zu wollen.
Vor diesem Hintergrund kann man verstehen, warum ich mich sehr über die Aussicht freute, Günter Grass Novelle Katz und Maus im Deutschunterricht zu besprechen. Die Lektüre empfand ich als sehr angenehm, allerdings blieb mir außer der Onanierolympiade nicht viel im Gedächtnis. Aber mit der Novelle wurde Grass als positiv und unterhaltsam in meinem Gehirn abgespeichert.
Es vergingen die Jahre. Grass interessierte sich nicht für mich und ich interessierte mich nicht für Grass. Ab und an vernahm ich verwundert, dass der Mann der, diese erfrischende Novelle – jaja ich weiß, das war anders gemeint, aber in meinem jugendlichen Leichtsinn empfand ich das Erzählte nunmal als erfrischend – geschrieben hat, sich so verbittert und arrogant über jedes Thema, das ihm seiner Würdig schien, äußerte.
Günter Grass schien mir immer mehr ein böser, alter Mann, der den Zeiten hinterher trauert, in der man die Worte alter Menschen nicht hinterfragt, weil alte Menschen immer Recht haben. In der Tat findet und fand Herr Grass auch immer wieder ein Forum das seine, teils sicherlich sehr guten und richtigen Bemerkungen zum Weltgeschehen, nicht nur teilt, sondern auch in die Welt hinausträgt, Feuilletons damit befüllt und dafür sorgt, dass sie Diskussionsthemen von Altherrenrunden im Fernsehen werden.
Wenn Grass auftrat, dann nicht nur optisch wie ein Oberlehrer – Kleidung, die ausssieht, als würde sie nach Mottenpulver riechen und nicht gereinigt, sondern ausschließlich gelüftet werden, hängende Mundwinkel, ein Blick, der die Verachtung gegenüber den Unwissenden, also allen außer ihm, mit jedem Augenaufschlag verdeutlicht – sondern auch mit Worten. Grass verweigert sich einem Diskussionsideal, das besagt, jemanden mit Argumenten von seiner Meinung zu überzeugen und gegebenenfalls eine andere Meinung zu akzeptieren.
L’opinion c’est moi und wer damit nicht übereinstimmt, ist wider den Kaiser.
Dann erhielt Grass den Literaturnobelpreis, was ihn wohl noch mehr in seinem Größenwahn beflügelte. Vor allem Herr Grass schien nun vollkommen davon überzeugt, annähernd unfehlbar zu sein. Der Mund wurde noch verkniffener und er forderte einen persönlichen Duden an, in dem das Wort Selbstironie getilgt wurde.
Einige Jahre nach der Auszeichnung veröffentlichte er einen Gedichtband Letzte Tänze. Erotische Gedichte von einem Oberlehrer. Immerhin wurden in den Gedichten keinen jungen Schülerinnen der Hintern versohlt. Aber wenn es ganz ohne Ironie zu einem Wunder wird, dass der Pimmel steht, dann wünscht man sich, dass man ihm wegen der Nutzung von unerlaubten Potenzmitteln den Nobelpreis aberkennt.
Mit dem Gedichtband endete meine kleine Beziehung, die in der zehnten Klasse begonnen hatte, zu Günter dann endgültig mit einer Trennung.
Aber aus Höflichkeit möchte ich ihm zum Geburtstag beglückwünschen und ihm wünschen, dass er im nächsten Jahrzehnt nicht weiter an der Postmoderne, an Ironie, Pluralismus und der friedlichen Koexistenz von Gegensätzen scheitert. Wahrscheinlich würde es auch reichen, wenn er seinem Zustand gemäß, etwas altersmilde würde.
