Womöglich macht viel Sex gar nicht traurig

Anfang April las ich über Blendle Ich zähl‘ bis 100. Darin geht es um Lotta (die nicht so heißt), die sich selbst zur Aufgabe gestellt hat, 100 Sexualpartner zu haben. Über ihre Erfahrungen führt sie seit ihrer Jugend relativ genau Buch und ist derzeit in den 80ern.

Ich fand das natürlich sehr spannend und kaufte gleich den Text. Oberflächlich ist der Text interessant und gut lesbar. Trotzdem hatte ich das Gefühl, das irgendwas nicht darin stimmt. Hinter der nidoschen Coolness sind die klassischen Elemente einer abstrusen Vorstellung von Frauen und Sexualität versteckt. Sie nerven mich seit Jahren – wofür der Text eigentlich nichts kann – so dass ich noch mitten in der Nacht unter anderem twitterte:

(Da es bereits auf Twitter zu Nachfragen kam: Mit „aggressiv“ meine ich forsch, einfordernd und nicht gewaltsam.)

Frauen, die eine ausgeprägte Sexualität haben, werden nach wie vor als außergewöhnlich wahrgenommen. Damit aber nicht genug, es findet immer auch eine indirekte Bewertung statt. Der Grund für viel abwechslungsreichen Sex kann nur die Kompensation anderer Defizite und der Wunsch nach Aufmerksamkeit und Bestätigung sein. Damit wird eine starke Libido gleich in die Ecke der psychischen Erkrankungen dirigiert. So kommt auch im Nido-Text unweigerlich die Frage auf, ob Lotta eventuell sexsüchtig ist.

Die zweite Bewertung findet dann auf der Ebene der wahren Liebe – im Gegensatz zum oberflächlichen Sexpartner – statt. Es wird angenommen, dass jede Person und insbesondere Frauen auf der Suche nach der großen Liebe sind. Damit aber nicht genug, die große Liebe kann in der Welt dieses Textes offenbar nur in der Monogamie gedeihen. Häufig werden in dem Text die Personen hervorgehoben, die für Lotta langfristige Partner hätten werden können und die Trennungen werden melancholisch kommentiert. Ganz wichtig ist auch die Frage, ob ein potentieller langfristiger männlicher Partner überhaupt damit klar käme, dass Lotta so viele Sexualpartner hatte.

Der größte Mist über Sexualität wird geschrieben, weil wir uns einfach nicht eingestehen können oder wollen, dass Frauen Lust haben. Frauen und Männer unterscheiden sich in ihren sexuellen Bedürfnissen kaum. Sicherlich haben Menschen unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse, aber das hat nichts mit ihrem Geschlecht zu tun. Männer und Frauen unterscheiden sich allerdings sehr wohl darin, wie sie damit umgehen. Ich habe meine Pubertät bis in die 20er hinein, damit verbracht, mich über mich zu wundern. Nichts von dem, was über weibliche Sexualität geschrieben wurde, stimmte mit dem was ich empfand, überrein. Ich konnte sehr gut Sexualität und Liebe voneinander trennen, ich brauchte keine Aufwärmphase und ich stellte fest, dass ich im Vergleich zu Männern deutlich ausdauernder war. Viele Freundinnen von mir teilten diese Erfahrung aber wir verhielten uns meist viel braver, als wir gewollt hätten.

Die Lust der Frau ist da. Das gesellschaftliche Narrativ ist falsch. Aber Frauen und Männer spielen trotzdem mit. Irgendwann wurde festgelegt, dass Frauen keine Lust haben und zum Sex überredet werden müssen und männliche Lust gleichzeitig unkontrollierbar ist. Würde diese Prämissen in Frage gestellt werden, würde das eine enorme Dynamik freisetzen und gleich auch unsere Vorstellungen und Definitionen von Beziehung,Partnerschaft und Familie in Frage stellen. Das ist den meisten dann doch zu viel und so wird das Thema öffentlich nur sehr behutsam angegeben.

Ich erinnere mich an eine sehr gute und empfehlenswerte Folge Scobel Die Lust der Frau. Susanne Schröter und Ann-Marlene Henning versuchen ein paar Mal zu sagen, dass weibliche Lust viel massiver ist, als gemeinhin geglaubt wird. Aber Ulrich Clement relativiert das sogleich und die Damen ziehen sie sich mild lächelnd zurück.

Die „Strafen“ für ausgelebte weibliche Lust sind eben relativ hoch. So wird Lotta wegen ihrer Sexualität gleich etwas Pathologisches, Trauriges, Neurotisches unterstellt. Solch eine Schlussfolgerung müsste ausgelacht werden. Es gibt viele Dinge, die mich traurig machen, Sex oder Orgasmen zählten nie dazu. Sexualität – auch mit Leuten, die man nicht heiratet – kann durchaus etwas verbindendes haben. Es nervt so, dass Sex ohne den Rahmen einer ernsthaft beabsichtigen Beziehung immer als leer und krankhaft dargestellt wird. Sexualität ist eine Form der Kommunikation. Wir interpretieren Smalltalk oder Gespräche mit Fremden doch auch nicht gleich als Persönlichkeitsstörung.

Nachdem Lotta aber deutlich macht, dass sie nicht sexsüchtig und dauerhaft traurig ist, folgt die 2. Druckstufe. Lotta wird es nämlich schwer haben, einen „richtigen“ Partner zu finden. Es ist unfassbar, mit welcher Selbstverständlichkeit davon ausgegangen wird, dass das Lebensziel jeder Frau ein männlicher Partner und eine Familie ist. Ich weiß natürlich nicht, wie gern Lotta wirklich eine langfristige Beziehung möchte, aber kommt denn niemand auf die Idee, dass es als Single auch sehr schön sein kann? Nicht jeder möchte eine Beziehung haben. Warum wird eine Frau, die sehr viel sexuelle Erfahrung hat, nicht nach ihren sexuellen Erfahrung gefragt, sondern danach, wann sie endlich monogam wird? Und warum wird bei Lotta – die auch Sex mit Frauen hat – so selbstverständlich von der Suche nach einem Mann ausgegangen?

Sollte eine Frau wie Lotta jedenfalls eine Beziehung wollen, dann wird das schwierig. Das suggeriert zumindest der Text. Männer – so wird klar vorausgesetzt – könnten von Frauen mit viel Erfahrung nämlich verunsichert werden und sich dann zurückziehen. Ja, wunderbar wer will denn auch schon einen Mann, der sich von sowas einschüchtern lässt? Dann passen Lotta und diese Person einfach nicht zusammen, ist doch großartig, wenn das gleich geklärt ist. Es ist vollkommen normal, dass man sich einen Partner sucht, der ähnliche Vorstellungen vom Leben haben, wie man selbst. Nur bei der Sexualität soll sich die Frau auf einmal verstellen? Sicherlich keine gute Basis für eine aufrichtige Beziehung.

Mit einem Partner, der nicht voller Angst ist, könnte man womöglich auch besprechen, wie man mit dem Thema innerhalb einer Beziehung umgeht. Der Nido-Text suggeriert wie selbstverständlich, dass eine Beziehung monogam sein muss. Lotta bleibt also gar nichts anderes übrig, als ihre Sexualität innerhalb einer Beziehung auf Jahre zu drosseln. Warum ist es so schwer, logisch zu denken und eine Beziehung auch mal anders als monogam zu definieren? Sicherlich wäre das nur mit einer Person möglich, ihre ihre Geschichte kennt, die sich davon angezogen fühlt, womöglich ähnliche Interessen hat und bereit ist, sich darauf einzulassen.

Dieses Herangehensweise ist dann aber wohl zu progressiv. Sie würde so vieles infrage stellen und womöglich dazu führen, dass Menschen beginnen, andere Lebens- und Liebeskonzepte auszuprobieren. Wer will das schon? Die Nido ganz offenbar nicht und auch sonst lächeln wir freundlich, wenn wieder jemand behauptet, dass Frauen ja nie Lust auf Sex hätten.

Trolle trollen – das gute Meta

Seit einiger Zeit trolle ich Trolle. Das heißt, ich widerspreche auf Facebook oder auf Twitter ein paar absurd-bösen Behauptungen oder frage bei Leuten nach, wieso sie hetzerische und böse Dinge schreiben. Einige Dinge habe ich dabei feststellen können.

Menschen, die sich für die den rechten Meinungsrand interessieren, haben selten einen richtigen Klarnamen oder nutzen Ihr Gesicht als Profilfoto. Meist sieht man eine historische Figur, ein Symbolbild (gern Kreuz, Kerze, Flagge oder das Logo der Lieblingspartei) oder das Bild einer hübschen jungen Frau (die selbst natürlich gar nicht weiß, wofür ihr Bild benutzt wird). Manchmal werden auch authentische Bilder online gestellt. Das sind dann meist freundlich aber auch ernst drein blickende Herren. Es gibt natürlich auch Frauen, die sich am rechten Rand tummeln aber – so mein Eindruck – sie beteiligen sich deutlich weniger an den Diskussionen und teilen weniger brutal aus. Der Anteil von Fake-Accounts scheint mir ebenfalls sehr hoch. Bei der letzten Facebook-Diskussion hatten die schlimmsten Kommentatoren, die auf meinen Post antworteten, keine oder nur sehr wenige Freunde außerdem waren die Accounts selten älter als zwei Monate.

Auffallend war, dass diese Accounts innerhalb der Diskussion sehr präsent waren, sowohl bei der Reaktion auf gemäßigte und kritische Kommentare als auch mit langen, provozierenden und sich wiederholenden Postings, die für sich standen. Das legt den Schluss nahe, dass diese Accounts die Funktion eins Capos haben, der die Stimmung einheizt für die relativ gemäßigten „besorgten Bürger“, die sich dann mehr also sonst zu absurdesten Aussagen hinreißen lassen. Hier bin ich der Meinung, dass die Gegenrede ganz besonders wichtig ist. Wie Anna-Mareike Krause bin ich der Meinung, dass Gegenrede hier ansetzen muss. Auf Facebook kann gehetzt und bedroht werden ohne jede Konsequenz. Die wenigsten Kommentare werden gemeldet, gelöscht oder gar angezeigt. Das alles führt dazu, dass manche Facebookseiten einem sadistischen Spielplatz des Grauens ähneln. Es wundert mich also nicht, dass diejenigen, die dort die Erfüllung Ihrer niederen Instinkte gefunden haben, von einer Meinungsdiktatur sprechen, wenn Ihnen Grenzen gesetzt werden. Und genau dort muss angesetzt werden. Man wird wohl nicht die erreichen, die ohnehin schon in der Parallelwelt des Joffrey Baratheon, angekommen sind und sich als Erbe des Eisernen Throns fühlen. Aber für die Unentschiedenen und Zweifler sollte sichtbar sein, dass es auch anderen Weltsichten gibt, dass es nicht nur dieses Paralleluniversum gibt und dass Hass und Vernichtung nicht die Antworten sein können.

Bei Twitter bin ich weniger persönlich angegriffen worden und es waren eher „Gespräche“ möglich. Hier interessiert mich die Motivation für Äußerungen gegen Flüchtlinge, gegen mehr Gleichberechtigung und für ein abgeschlossenes und konservativ konserviertes Deutschland der Einfalt. Ich erwartete etwas spannendes oder zumindest ein facettenreiches Psychogram. Am Ende war die Motivation überraschend eindimensional. Es waren immer gefühlte Kränkungen, die die Männer – ich stieß meist nur auf sehr massive Äußerungen von Männern zudem haben Frauen nicht auf meine Fragen reagiert – in die Arme der Exklusion trieb. Zum Beispiel der Mann, der sich im Unternehmen nicht mehr wertgeschätzt fühlte und der Meinung war, dass nur Frauen gefördert werden, der Mann der sich ärgerte, dass seine Frau komisch angeschaut wird, wenn sie mit den Kindern zu Hause bleibt. So banal die Gründe waren, die Reaktion war erschreckend. Sie lief immer darauf hinaus, dass sie anderen den Dreck unter den Nägeln nicht gönnten, weil weil sie meinten, dass es ihnen nicht gut genug geht. Dabei bezieht sich das gut gehen nicht auf Geld, Gesundheit oder ein angenehmes Leben, sondern auf den Verlust der Deutungshoheit. Im Grunde leben wir derzeit mit vielen Menschen zusammen, die lieber die Welt in den Abgrund reißen als auch nur ein Gramm Ihrer Privilegien zu teilen.

Leider habe ich keine perfekte Antwort darauf, wie wir damit umgehen sollen. Ich weigere mich aber, meine Ideale einer humanistischen und gleichberechtigten Welt mit Anstand und Respekt für alle aufzugeben, damit sich diese Leute wieder wohlfühlen. Deshalb finde ich die Diskussion um zu viel Political Correctness auch sowas von toxisch und falsch. Das wäre als würde man jemanden, der einen verprügelt hat, sagen: „Ok, ich bin jetzt ganz brav, dafür haust Du mich jetzt nicht mehr.“ Der Ansatz muss woanders liegen. Es ist müßig aber wir müssen weiter überzeugen. Wir müssen Ängste nehmen, für Anstand und gutes Miteinander plädieren und zeigen, dass es uns besser geht, wenn wir zusammen an einer besseren Gesellschaft arbeiten. Es wird sicher weiter die geben, die sich gekränkt fühlen, wenn sie nicht Macht, Privilegien und Deutungshoheit haben, aber für alle, die noch erreichbar sind, müssen wir eine Gegenmeinung darstellen, müssen wir präsent sein, müssen wir eine alternative bessere und anständigere Welt aufzeigen.

Ebenfalls interessante Texte zu dem Thema:
Wie der Rechtsterrorismus auf Facebook organisiert wird
Wie ich auszog, die AfD zu verstehen

Vom Glück, eine dicke Frau zu sein

Ein Grund für mein Bloggen war und ist, dass ich mich häufig nicht repräsentiert fühle. Ich lese Texte oder Bücher, sehe Filme oder Serien und denke, dass das nichts mit mir zu tun hat. So geht es mir auch mit Abmehm- Erfolgsgeschichten. Ich habe nie erfolgreich und zufrieden abgenommen. Abnehmen war bei mir immer mit Mundgeruch, Hunger und Kampf verbunden. Wenn ich ein Wunschgewicht erreicht habe, war ich zwar schlanker aber nicht glücklicher.
Meist ist war ich auch schnell wieder dicker. Ich habe niemals mehr Energie gehabt, weil ich weniger wog oder mich auf eine bestimmte Art und Weise ernährt habe. Wenn ich nicht hungrig bin und genug geschlafen habe, fühle ich mich immer sehr energiegeladen, völlig unabhängig davon, wie hoch oder wie niedrig mein Gewicht ist. Ich verstehe durchaus Menschen, die ihr Essen umstellen, die abnehmen möchten, die Sport treiben und sich über das Ergebnis freuen. Ich finde, wer in dem Körper steckt, hat das Recht damit zu tun was sie oder er für richtig hält. Wenn das auch noch zu mehr Zufriedenheit führt, ist alles bestens.
Was mir aber fehlt, ist ein Gegengewicht (Kalauer) zur Glorifizierungen des Abnehmens. Ein Gegengewicht zu Tischgesprächen, in denen es um aktuelle Ernährungsweisheiten geht, zu Runtastic-Kalorien-Angaben, zu Konversationen darüber, ob man sich das Törtchen gönnen darf oder nicht, zu Heulereien wegen zuviel Bauchspeck, zu Diätwerbung und Bildern von sauberen Essen auf Instagram und zu Erfolgsberichten mit ultimativen Diäten und Glücksgarantie.

Als ich angefangen habe, so zu essen, wie ich Hunger habe und entsprechend zunahm, hat niemand zu mir gesagt: „Du hast ja toll zugenommen. Du siehst ja super und gesund aus.“ Dabei sah ich super und gesund aus. Immerhin hatte ich kein Blut mehr im Stuhl, das die eiweißreiche und kohlenhydratarme Diät verursacht hatte. Ich hatte auch keinen Durchfall mehr, zu dem das clean eating geführt hatte. Statt dessen hatte ich wieder mit dem Schwimmen begonnen. Mein Muskelaufbau arbeitet ähnlich wie mein Fettaufbau: schnell und effizient. Entsprechend hatte ich bald ein großes fleischiges Kreuz mit massigen Armen, einen riesigen muskulösen Hintern und eine Körbchengröße mehr. Manche Leute sagten mir, dass ich dick geworden wäre, andere nahmen es nur mit hochgezogener Augenbraue wahr und natürlich war es vielen auch total egal. Lob oder Anerkennung – so wie ich es kannte, wenn ich abgenommen habe – erhielt ich nicht. Dabei sah ich erstmals in meinem Leben so aus wie ich mich immer gefühlt habe: massig, kraftvoll und satt.

Damit spiegelte dieses Verhalten wieder, was mir über Jahrzehnte immer wieder deutlich gemacht wurde: mein dicker, massiger und vitaler Körper ist nicht Ordnung. Als Kind stellten Ärzte anhand von Tabellen fest, dass ich übergewichtig bin. Ich war weder krank noch hätte ich sonst irgendwelche Probleme aber die Tabelle hat mich dick genannt und so musste mit mir ja was nicht stimmen. Meine Mutter bekam ein Heftchen mit Ernährungstipps, was etwas lustig war, denn wir ernährten uns bereits mit viel Obst, Gemüse, Vollkornbrot und wenig Süßigkeiten und ich trieb regelmäßig Sport. Auf der re:publica 2016 hielt ich einen Vortrag darüber, wie ich mich entschied, dick zu werden. Nachher (ca Minute 43) wurde ich gefragt, wie ich ein Kinderbuchprojekt einschätzen würde, mit dessen Hilfe adipösen Kindern und ihren Eltern gute Ernährung näher gebracht werden soll. Mich ärgert, dass meine Antwort relativ schwammig ausfiel. Je mehr ich darüber nachdenke, desto grilliger werde ich. Was hat gute Ernährung mit Dick-sein zu tun? Jeder Mensch profitiert von einer vielseitigen Ernährung mit wenig Zucker oder Zusatzstoffen. Warum wird schlanken Kindern und ihren Eltern dieses Wissen vorenthalten? Wie dumm ist es, ausschließlich den Indikator Körpermasse zu nehmen und daraus zu schlußfolgern, dass etwas nicht stimmt? Nur weil ein Kind das Pech hat, trotz Süßigkeiten und Fast Food schlank zu bleiben, kommt es nicht in den Genuss, etwas über gute Ernährung zu lernen? Und das dicke Kind wird ein weiteres Mal stigmatisiert? Solange irgendwelche Experten nicht in der Lage sind, außerhalb von Tabellen zu denken und sich nicht freimachen können von einem fast irrsinnigen Körperwahn, der sich nur auf das Körperfett beschränkt, sollten sie keinesfalls auf Kinder losgelassen werden.

Denn was ich viel bedrohlicher finde als ein moppeliges Kind, ist, dass meine – übrigens normschlanke – Tochter von 6 Jahren bereits mehrfach von anderen Mädchen auf ihre „dicken“ Arme angesprochen wurde. Sechs Jahre! Für so eine Scheiße sollte es ein Kinderbuch von Ernährungsexperten geben. Als ich in den 90er Jahren pubertierte gab es schon Ess-Störungen. Warum auch immer, legte ich mir nur eine milde Form zu. Ich war zwar immer unzufrieden mit meinem Körper aber nie in einem Maße, dass ich angefangen hätte zu spucken, richtig zu hungern oder übertrieben viel Sport zu treiben. Aber rückblickend hätte ich viel früher entscheiden sollen, aus diesem Irrsinn aus Selbsthass, falsch verstandener Gesundheit und dem Bedürfnis zu gefallen, auszusteigen. Wie oft wurde mir suggeriert oder gesagt, dass ich schlank und schön sein muss und dass meine Aufgaben darin besteht, beides so lange wir möglich beizubehalten. Ich muss nicht schön oder schlank sein. Diese Attribute haben nur einen Wert in einer Welt, in der der Marktwert von Frauen von ihrer Attraktivität abhängt. Wir leben in so einer Welt aber ich will das nicht für mich und nicht für meine Tochter. Und meine Rebellion ist, mich dem zu verweigern. Ich steige quasi aus. Ich fordere mit dem mir gegebenen massigen Körper ein, als Person wahrgenommen zu werden. Es ist nicht immer leicht dick zu sein. Schöne und passende Kleidung zu finden ist schwer. Außerdem finde ich meinen Bauch und mein Doppelkinn nicht wirklich schön. Aber die Vorteile überwiegen. Ich habe keinen Hunger mehr, ich fühle mich vital und zufrieden, ich fordere und bekomme mehr Raum und ab und zu küsse ich meine dicken Arme, weil sie mir das Gefühl vermitteln, alles stemmen zu können.

Winterlicher Frauenteich

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„Ich frage mich: Sind sie als Freundinnen hergekommen oder haben sie sich im Teich angefreundet? Wie lange sind sie schon in dem eiskalten Wasser? Werde ich je eine Freundin haben, die mit mir in eiskalten Teichen schwimmt?“

(Leanne Shapton, Bahnen ziehen)

Im Spätsommer schenkte mir meine Mutter Bahnen ziehen von Leanne Shapton. Die Frau des Sohnes der besten Freundin meiner Mutter hatte es ihr für mich empfohlen und ich bin ihr unglaublich dankbar dafür. Das Buch ist ein poetischer Schatz. Ich wollte jede Seite streicheln und las extra langsam und mit vielen Pausen, um es nicht zu schnell durchzulesen. Shapton erzählt in Bahnen ziehen unter anderem von diversen Schwimmorten, die sie besucht hat. Im Kapitel „Wäsche“ schreibt sie über den Hampstead Heath Ladies‘ Pond. Ich habe gleich nach dem Teich gegoogelt und als sich abzeichnete, dass mein Mann und ich im November nach London reisen würden, beschloss ich, den Ladies Pond zu besuchen.

Der Teich liegt in einem großen Park. Der Pond ist ganzjährig geöffnet und fast täglich werden die aktuellen Wasser-Temperaturen online aktualisiert. Besorgt sah ich, dass das Wasser Anfang November nur noch 7-8 Grad hatte. Ich gehe zwar regelmäßig schwimmen aber der Pool ist 26-27 Grad warm. In Cascais lag die Meeres-Temperatur bei immerhin 18 Grad und fühlte sich trotzdem sehr kalt an. Ich hatte gelesen, dass man sich am besten an kalte Wassertemperaturen gewöhnt, wenn man nach dem Sommer einfach nicht aufhört, in freien und ungewärmten Gewässern zu schwimmen.

Allerdings schwimme ich nicht allein in unbeaufsichtigten, offenen Gewässern und ich habe auch keine Freunde, die meine Begeisterung fürs Schwimmen in dieser Form teilen. Etwas unsicher überlegte ich immer wieder mein Vorhaben zu stornieren und statt dessen ein paar Bahnen im Londoner Olympiapool zu ziehen. Außerdem nahm ich meinen Neoprenanzug mit. Vielleicht würde ich mich mit ihm eher ins Wasser trauen.

Am Tag unserer Abreise nahm ich am Vormittag die Overgroundbahn. Wegen Reparaturarbeiten konnte ich zwei Stationen fahren und musste dann in einen Schienenersatzverkehr umsteigen. Ich hatte mich bei der Suche verzettelt und den Bus gerade verpasst. Zwei Männer zeigten mir die richtige Bushaltestelle und trösteten mich, dass der nächste Bus in 15 Minuten käme.

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Im kalten Nieselregen brach mein Handy zusammen. Der Bus kam pünktlich und mein Handy wärmte sich auf, so dass ich die Distanz zwischen Bus und Hampstead Heath auf der Karte verfolgen konnte. Die Fahrt durch den Londoner Norden dauerte ewig. Ich überlegte abzubrechen und mit der nächsten aktiven Undergroundlinie zurück ins Hotel zu fahren. In einigen Stunden ging unser Flug und ich hatte keine Ahnung wie ich zeitnah wieder zurück kommen sollte. Der Mann schrieb, er würde mir ein Taxi bezahlen ich solle jetzt keinesfalls die Mission abbrechen. Ich blieb also im Bus sitzen, der wiederum ganz andere Probleme hatte. Laut Busfahrer war das Fahrzeug nämlich nicht für die Straßen im Norden Londons geeignet, weil es zu tief lag. Dies führte dazu, dass der Bus bei jedem Drempel und jedem Loch in der Straße aufsetzte. Das Aufsetzen war so stark, dass ich befürchtete, dass die gesamte Front abfallen und auf den engen Straßen liegen bleiben würde. Außer mir schien niemand besorgt zu sein, nachdem der Busfahrer versichert hatte, dass die Aufsetzer kein Problem darstellen.

In Hampstead Heath stieg ich aus. Ich befand mich nun in einem sehr lieblichen Stadtteil und machte mich auf dem Weg zum Park.

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Anhand der im Park aushängenden Karte stellte ich fest, dass der Ladies Pond noch einen ordentlichen Fußmarsch entfernt war. Außerdem sah ich, dass er – anders als der Herrenteich – etwas versteckt lag. Eiligen Schrittes lief ich durch den Park.

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Als ich am Herrenteich vorbei kam, sah ich einen Schwimmer im Wasser. Ich bereitete mich auf eine sehr einsame Zeit im Teich vor. Am Tor zum Frauenteich kamen mir allerdings gleich eine Frau und ihre Teenagertochter entgegen. Ich trat durch das Tor.

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Einige Meter weiter standen zwei Automaten, die wie Parkuhren funktionierten. Hier zahlte ich den Eintritt von 2 Pfund. Dann sah ich den Teich.

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Das Wasser war dunkel und voller Laub. Ich sah niemanden schwimmen. Dafür gefiel mir das Ponton auf dem mehrere kleine Hütten standen. Ein Hinweisschild teilte mir mit, dass ich nicht nackt ins Wasser gehen dürfe. In der Tat hatte ich es für möglich gehalten, dass Frauen in einem Frauenteich nackt baden. Aber so war es mir auch Recht. Ich folgte den Stimmen und stand auf einmal in einer nach oben hin offenen Umkleide. Die Frau neben mir bestätigte, dass ich mir einen Haken suchen könne und mir um meine Sachen keine Sorgen machen solle. Sie hatte einen Badeanzug an, ihre Haut war feuerrot und sie zog gerade Handschuhe und Schuhe aus Neopren aus. Sie erzählte, dass ein Badeanzug völlig ausreicht aber Schuhe und Handschuhe bei der Kälte etwas helfen würden. Ich sagte, dass ich das zum ersten Mal machen würde, es ein Traum von mir wäre und ich sehr gespannt sei. Sie wünschte mir viel Spaß und viel Glück.

Im Badeanzug ging ich zum Teich.
Auf einem Schild war die aktuellen Wassertemperatur angegeben: 7 Grad. Immerhin regnete es nicht mehr. In einem kleinen Raum auf dem Ponton saßen zwei Rettungsschwimmer und beobachteten den Teich (und mich). Vom Ponton führen drei Leitern ins Wasser. Zwei direkt nebeneinander und eine einige Meter entfernt. Eine junge Frau schwamm die Strecke zwischen den entfernten Leitern, schaute mich lächelnd an und meinte, sie würde es heute nur von einer Leiter zur nächsten schaffen. Ich stieg im Badeanzug ins Wasser und während ich noch dachte „Ist ja gar nicht so schlimm“ stand ich mit krebsrotem Körper wieder auf dem Ponton. Die Rettungsschwimmer beobachteten mich. Ich wärmte mich auf und stieg dann wieder ins Wasser. Dieses Mal schwamm ich einige Züge bis zu einem Rettungs-Surfbrett dass im Wasser ankerte. Ich war mir nicht sicher, ob durch das kalte Wasser eher meine Atmung oder eher mein Herz aussetzen würde. Eine Ente schwamm an mir vorbei und sah mich freundlich-mitleidig an. Dann stand ich wieder auf dem Ponton und wärmte mich auf. Die Rettungsschwimmer hatten mich weiterhin im Blick. Eine große, sehnige Frau von etwa 60 Jahren hüpfte über den Ponton, stieg ins Wasser und kraulte quer durch den Teich zu dort ankernden Ringen. Schwer beeindruckt sah ich ihr zu.

Genauso zügig und lässig aber dieses Mal in Brustlage schwamm sie auf mich zu. Wir kamen ins Gespräch und sie meinte, dass ein winterlicher Einstieg ins Kaltwasserschwimmen nicht optimal wäre. Ich erzählte, dass ich in Hamburg leider keine Möglichkeit hätte, sicher in offenen Gewässern zu schwimmen. Sie empfahl mir, es nicht zu übertreiben und wenn ich die Distanz zwischen den entfernten Leitern schwimmen möchte, sollte ich langsam schwimmen fast gleiten und dabei tief ausatmen. Es wären gut acht Züge. Sie schwamm weiter und ich brach auf zur „weit“ entfernten Leiter. Ich versuchte zu gleiten. Mein Rumpf fühlte sich eigentlich ganz gut an, mein Herz und meine Lunge hatten nicht mehr so viel Panik aber dafür fühlten sich Arme, Hände, Beine und Füße wie kalte Betonklötze an. Ich erreichte die Leiter, stieg zufrieden aus dem Wasser und beschloss, es dabei zu belassen.

Hinter dem offenen Umkleideraum gab es einen geschlossenen Raum mit Duschen und ebenfalls Möglichkeiten zum umziehen. Vier Frauen unterschiedlichsten Alters unterhielten sich und lachten als würden sie sich schon lange kennen. Die furchtlose Wasserfrau, mit der ich mich unterhalten hatte, war auch fertig und duschte sich neben mir. Das Wasser aus der Dusche war nur marginal wärmer als das Wasser im See. Ich wusch trotzdem Körper und Haare. Dabei unterhielt ich mich weiter mit der Frau. Sie hatte vor einigen Monaten den Rettungsschwimmer gemacht und arbeitete ehrenamtlich beim Ladies Pond. Es war offensichtlich, dass sie diesen Ort liebte und ich konnte sie verstehen. Ich fragte sie, ob sie häufig Leute aus dem Wasser holen müssten aber sie meinte, die Hauptaufgabe der Lifeguards wäre eher Prävention.

Ich ging wieder raus und zog mich an. Zwei Frauen – eine jung und eine alt – mit dicken Jacken und Wollmützen traten ein. Sie grüßten freundlich und unterhielten sich dann weiter über eine Weihnachtsfeier. Als die Jüngere meinte, sie wäre schon zwei Wochen nicht mehr schwimmen gewesen und würde sich gar nicht richtig trauen, begann die Ältere zu singen. Das Lied war nicht schön oder wurde nicht schön gesungen aber es handelte von Freunden die einander Mut machen (hätte also auch ein Kölner Karnevalslied sein können). Die Frauen gingen zum See und ich schaute in den Himmel. Ich fühlte mich sehr aufgehoben.

Es gab keinen Föhn und so zog ich die Kapuze über den Kopf und ging los.

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Auf dem Ponton stieg gerade eine Schwimmerin aus dem Wasser, zwei anderen begrüßten Sie mit einem lauten Geburtstagsständchen. Ich schaute nochmal auf den Teich und genoß diese besondere Leichtigkeit und Zufriedenheit, bevor ich mich auf den Weg zum Hotel und dann zum Flughafen machte.

Ein kleiner Film von Hanna Aqvilin über das Winterschwimmen in Hampstead Heath.

Verständnis ist keine Option

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Heute war ich mit meiner Familie in Berlin im Holocaustmahnmal.
Ich habe mich früher oft gefragt, wie Menschen dazu kommen, anderen Menschen so etwas anzutun, wie eine ganze Nation einem grausamen Sadismus verfallen kann. Die Wahl in den USA zeigt, wie viele Menschen willig sind, andere Menschen zu verachten und zu quälen. Sie genießen es, sich über anders aussehende, anders denkende, anders glaubende und anders liebende zu erheben und ihnen immer wieder zu sagen und zu zeigen, wie abartig sie sie finden und ihnen immer wieder die Gleichberechtigung abzusprechen.

Wer glaubt, dass sei ein Problem, dass sich nur auf die USA beschränkt, ist naiv. Bei uns ist das Thema genauso aktuell. Die AfD zieht fröhlich in die Landtage ein und die Antwort vieler Parteien, Politiker und Medien ist, sich diesen Menschen anzunähern, sie zu verstehen oder gar ihre Ideen und ihre Rhetorik zu übernehmen. Gern wird die politische Korrektheit gar als Ursache gesehen dafür, dass immer mehr Menschen marodierend umherziehen,
Flüchtlingskinder zum heulen bringen, Menschen mit Gewalt drohen oder gar angreifen oder Leute im Internet mit Hassparolen belästigen und bedrohen.

Aber wer das alles mal logisch durchdenkt, muss zu dem Schluss kommen, dass die politische Korrektheit nichts damit zu tun hat. Anstand und Respekt können nicht das Problem sein. Keine Diskussion wird durch Beschimpfung und Beleidigung besser. Es geht hier ausschließlich um die Freude an der Verachtung, an der Demonstranz der eigenen Überlegenheit und des Machtanspruchs. Wer sich so verhält, ist nicht intellektuell oder gesellschaftlich abgehängt worden. Wer sich so verhält, hat einfach keine gesellschaftliche Integrität. So eine Person möchte nicht abgeholt werden, so eine Person möchte ohne die Gefahr der Konsequenz anderen das Leben zur Hölle machen.

Deshalb ist die Behauptung, man dürfe ja nichts mehr sagen, so irre ironisch. Dieses Gejammer derjenigen, die ohnehin schon mehr Gehör finden als alle anderen, die Angst und Schrecken verbreiten, die andere beleidigen, möchte ich nicht mehr akzeptieren. Nur dass ich nicht falsch verstanden werde, ich habe kein Problem mit der Äußerung von Meinung. Ich kämpfe sogar gern mit dafür, dass die vermeintlich unterdrückte „Mehrheit“ weiter rassistische, sexistische und homophone Dinge sagen darf. Zensur – da sind wir uns einig – ist keine Option. Aber was ich ihnen nicht zugestehen werde, ist eine Berechtigung oder gar eine Entschuldigung. Es gibt keine rassistische Äußerung, die besser wird, wenn man ein „Ich bin kein Rassist, aber…“ davorsetzt. Es gibt keinen Grund andere Menschen wegen Hautfarbe, Geschlecht, Religion oder Sexualität zu degradieren. Menschlichkeit und Humanismus können nicht relativiert werden.

Das kann man anders sehen, aber dann muss man sich eben auch fragen lassen, welche niederen Instinkte dahinter stehen. Nach der Wahl von Trump halte ich fast alles für möglich. Aus diesem Grunde ist es wichtiger denn je, Dinge zu benennen, statt sie zu entschuldigen.

Politische Korrektheit ist nicht das Problem

Am Mittwoch dem 26.10.16 war ich Gast beim 27. EuropaAbend in Hamburg. Dort hielt Günther Oettinger eine Rede über Wirtschaft und Solidarität im digitalen Zeitalter – wie sichern wir Europas Zukunft?.

An meinem Tisch saßen überwiegend Männer geschätzt zwischen 40 und 70 Jahren und ein paar Frauen zwischen 35 und 60 Jahren. Das Tischgespräch war etwas langweilig, der Gesprächseinstieg lief über die Frage, was für ein Unternehmen man hat. Einige kannten sich wohl schon länger und tauschten sich über Sport, Urlaubsreisen oder die Auslandserfahrungen ihrer Kinder aus. Mit einer Anwältin sprach ich über Strategien in der Zusammenarbeit mit Männern. Der Abend mit gutem Wein und leckerem Essen zwischen wohl situierten Menschen mit hohem Bildungsniveau hätte unspektakulär nach dem Dessert enden können.

Dann aber kam Oettingers Rede. Vor einigen Jahren hatte ich im gleichen Rahmen eine Rede von Wolfgang Schäuble gehört. Ich war damals überraschend begeistert gewesen. Es besteht für mich nicht die Notwendigkeit, politisch mit jemandem übereinzustimmen, um beeindruckt und bewegt zu sein. Schäubles Rede war ein intelligenter Ritt durch die Historie Europas, ein Plädoyer für Frieden, Einigkeit und Respekt. Auf dieser Ebene finden wir einen gemeinsamen Nenner. Einen Nenner, der essentiell ist, für ein Europa, in dem ich leben möchte.

Oettinger muss man lassen, dass auch er hinter einer gemeinsamen europäischen Idee steht. Dann aber lässt er alles missen, was ich von einem Politiker erwarte, der auf einer hohen Position mit der Umsetzung dieser Idee betraut ist.

Kompetenz (in digitalen Themen, seinem Ressort):

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Respektvoller Umgang mit Menschen und das Wissen darüber, dass rassistische, sexistische und homophobe Witze nicht witzig sind und Menschen verachten und kränken:

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Als ich darüber twitterte, gab es einiges an Feedback aber nichts Weitreichendes. Glücklicherweise wurden Teile der Rede auch von Sebastian Marquardt gefilmt und als YouTube-Video online gestellt. Dies führte dann tatsächlich dazu, dass das Thema medial aufgegriffen wurde. Und auch Oettinger reagierte endlich. Seine Erklärung zeigt aber vor allem sein fehlendes Problembewusstsein. Auch hiermit beweist er, eine Fehlbesetzung in der europäischen Spitzenpolitik zu sein.

Aber Oettingers Rede war nicht das, was mich an diesem Abend am meisten verzweifeln ließ:

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Während der Rede wurde – nicht von allen und anfangs auch noch zurückhaltend – viel gelacht und geklatscht. Und zwar genau an den Stellen, an denen Oettinger die Grenzen von Anstand und Respekt überschritt. Insofern stimmt es, wenn er gegenüber der Welt sagt:

„Auf der Veranstaltung habe ich viel positiven Zuspruch bekommen.“

Am Tisch kam es nach der Rede zu einer Diskussion. Viele am Tisch hatten sich bestens amüsiert über die Witze Oettingers, einige schwiegen betreten oder äußerten ihre Kritik nur im direkten Gespräch. Ich kritisierte, – gerichtet an die ganze Tischrunde – dass ich einen großen Widerspruch in der Rede sehe. Wie können wir als Europa für ein humanistisches Weltbild christlich-jüdischer Prägung stehen, wenn dieses die Verhöhnung diverser Gruppen beinhaltet? Das europäische Weltbild, das ich meinen Kindern vermitteln möchte, beinhaltet Anstand, Toleranz und Respekt. All das war nicht Bestandteil der Rede Oettingers.
Gleich kamen relativierende Reaktionen: „Wie kann man sich nur so über ein paar Worte aufregen?!“ oder „Ist doch toll, wenn jemand mit so einer kontroversen Rede die Grundlage für eine Diskussion legt.“ Ich verließ irgendwann den Tisch und wusste, dass die meisten mich für eine wirre Spinnerin hielten.

Auch später im Fahrstuhl meinten ein paar Gäste, sie wären positiv überrascht gewesen, dass Oettinger eine so kurzweilige Rede gehalten hätte. Als meine Begleitung und ich darauf hinwiesen, dass diese Kurzweiligkeit auf rassistischen und homophoben Witzen basierte, schienen sie dies überhaupt erstmals wahr zu nehmen. Anders als bei einige Herren an meinem Tisch folgte hier immerhin keine absolute Abwehrhaltung.

An all das fühlte ich mich erinnert, als ich Claus Klebers Kommentar zu dem Thema auf Twitter las:

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Unabhängig davon, dass ich gerade von Kleber keine Ignoranz fleischhauerigen Ausmaßes erwartet hätte, bin ich an dem Punkt angekommen, an dem ich einfach kein Verständnis mehr habe.

Ich erkläre gern warum:

Der Abend mit Oettinger hat mir gezeigt, dass wir kein Problem mit zu viel politischer Korrektheit, sondern mit zu wenig politischer Korrektheit haben. Wir können nicht die AfD und ihre Freunde als politische Brandstifter bezeichnen und dann die gleiche Sprache benutzen. Nicht die politisch korrekte Sprache ist das Problem. Das Problem sind diejenigen, die nicht in der Lage sind, eine unterhaltsame Rede zu halten, die ohne Beleidigung und Degradierung auskommt. Wie bei der Kindererziehung geht es auch in der Politik um Vorbildfunktion. Die Welt lässt sich nicht verbessern, indem wir die Sprache der Ignoranz, Separation und Bösartigkeit übernehmen, sondern indem wir die von uns proklamierten humanistischen Werte leben und so auch sprechen. Sprache ist keine leere Hülle, sie repräsentiert unser Tun. Ein Medien-Mann wie Kleber sollte die Macht der Sprache kennen.

Ich fürchte, das Kernproblem ist ein anderes. Es geht um die hegemoniale Deutungsmacht. Wenn man jahrzehntelang gewohnt ist, dass man ohne Konsequenz tun und sagen kann, was man will, dann irritiert einen dauerhafte Kritik. Dann wirken diejenigen, die einen auffordern, das eigene Handeln zu überdenken wie eine Bedrohung. Man wünscht sich zurück in eine Zeit, in der ein weißer Mann nur durch einen anderen weißen Mann kritisiert werden konnte. Politische Korrektheit ist eine Reißzwecke auf den Stühlen der Klebers, Fleischhauers, Oettingers, Martensteins und Matusseks, klein aber nervig. Inhaltlich können sie nicht dagegen argumentierten. Also nutzen sie die Strategie der Verharmlosung, sie machen sich darüber lustig, sie verunglimpfen und setzten den Kontext einer albernen Hysterie oder sehen sich als Opfer von Shitstorms.

Meine Damen, aber vor allem meine Herren, Sie sind nicht die Opfer. Sie sind die Ursache und es ist mir eine Ehre die nervige und hysterische Reißzwecke auf Ihrem Stuhl zu sein.