Journelle: Save the world – tell a story: Wie wir die Deutungshoheit im Internet zurückgewinnen und die Welt retten können

 

Auch dieses Jahr habe ich auf der re:publica einen Vortrag gehalten. Ursprünglich wollte ich darüber sprechen, wie Geschichten als Vorbilder für die eigene Lebensgestaltung dienen können. Also ganz allgemein. Dann aber beschloss eine dünne Mehrheit von Wählern in England, dass sie unbedingt wieder getrennt vom Rest der Menschheit leben wollten und in den USA wurde eine Person zum Präsidenten gewählt, die an gefährlicher und böser Dummdreistigkeit nicht überboten werden kann. Ich begann im Internet mit Menschen zu diskutieren, deren einzige Kommunikationsart eine diarrhoeische Wutentladung zu sein scheint. Während ich zwischen „Wir Menschen sind wirklich das Schlimmste, was diesem Planeten passieren konnte“ und „Können wir uns jetzt nicht alle mal zusammenreißen und einfach ein schönes Katzengif anschauen?“ hin und her verzweifelte, überlegte ich mir, wie man die Welt retten könnte. Selbstverständlich basiert meine Idee auf Selbstüberschätzung aber damit liege ich völlig im Trend. Kurzum: in 18 Minuten erkläre ich im Stakkato-Schnelldurchlauf, amüsant bebildert und mit lebensnahen Beispielen wie wir mit Geschichten die Welt retten können.

Und zum Schluss lache ich laut.

Lieber feiere ich eine schwarze Messe, als Muttertag

Muttertag hat sich mir nie erschlossen, weder als Tochter noch als Mutter. Je älter ich werde, desto wütender werde ich sogar. So als würde mich die Verlogenheit dieses Tages mit jedem Jahr dreckiger angrinsen.

Wenn mir irgendjemand als Mutter was Gutes tun will, dann fallen mir drei Millionen Dinge ein. Geschenke, Süßigkeiten, pathetische Liebeserklärungen und die penetrante mediale Erinnerung an Muttertag zähle ich nicht dazu. Ich glaube, ich spreche für einige Mütter wenn ich schreibe, dass wir ausschlafen, Oralsex und einen Tag allein oder mit Freundinnen, viel dankbarer annähmen, als bemühte Geschenke und billige Aufmerksamkeit.

Letztlich würden aber auch nicht die oben genannten Dinge, meine Empörung über diesen Tag abmildern können. Basiert er doch viel zu sehr auf dem Bild einer treusorgenden und aufopferungsbereiten Mutter, die an einem Tag im Jahr verehrt wird. Während beim Vatertag die Herren marodierend durch die Straßen ziehen, lächelt die Mutter am Muttertag artig und stopft sich die geschenkten Pralinen in den Mund.

Was für ein bescheuertes Mutterbild. Ich will nicht verehrt werden, mir würden ausreichend Kitaplätze, verständnisvolle Arbeitgeber, gleiche Bezahlung wie Männer, eine Frauenquote, Anerkennung von Care-Arbeit, gute Bildung für meine Kinder und keine bescheuerten Diskussionen darüber, ob eine Mutter besser mit den Kindern zu Hause bleibt oder arbeiten geht, vollkommen ausreichen. Mütter sind nämlich durchaus in der Lage, selbst zu entscheiden, was für sie und ihre Familien am besten ist. Von mir aus könnte auch endlich das Ehegattensplitting zum Muttertag abgeschafft werden. Eine Ehe kostet nämlich – außer Nerven – nicht viel. Kinder sind indessen ein Armutsrisiko.

Überhaupt dieser Mythos der Mutter. Er bringt mich jedes Mal in Rage. Selbstverständlich prägt es mich, Kinder zu haben. Aber ich bekomme davon keinen Heiligenschein. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich nach der Geburt meines Sohnes voller Sorge war. Ich hatte ihn per Notkaiserschnitt geboren und glaubte nun, ihm nicht die optimalen Startchancen gegeben zu haben. Über die Jahre verstand ich glücklicherweise, dass es weder optimale Startchancen gibt, noch dass ein Kaiserschnitt ernsthafte Auswirkungen auf irgendwas hat. Dieses elende Getue um die perfekte Geburt und das optimale Stillen sind beispielhafte Mythen, an denen wir nur scheitern können. Genauso wie wir nie dem Bild der guten Mutter entsprechend können.

Insofern ist der Muttertag sogar ganz besonders perfide. Er erinnert uns an den Mythos der stets liebenden, sorgenden und geduldigen Mutter. Ein Mythos an dem jede Mutter jeden Tag scheitert. Wir werden also am Muttertag an unsere Unzulänglichkeiten erinnert. Es sind vergiftete Pralinen, die wir brav mampfen, während wir wie eine weibliche Sysyphusa versuchen, unser Leben, unsere Bedürfnisse und die Bedürfnisse unserer Familie unter den Schirm des Mutter-Mythos zu packen.

Passend dazu las ich heute auf Twitter diesen Tweet:

*

Diese Veranstaltung ist Muttertag in a Nutshell. Es geht nicht darum, sich ernsthaft mit den realen Bedürfnissen von Frauen und Müttern auseinander zu setzen. Sie werden nicht einmal gefragt. Es geht darum, Frauen zu erklären, wie ihre Rolle aussieht. Das alles versüßt mit Schokolade (Muttertag) oder dem Anstrich einer gutmeinenden Diskussion.

____________
*Laut Aussage des Veranstalters haben mehrere Referentinnen abgesagt, weil sie nicht mit Prof. Ulrich Kutschera diskutieren wollten. Warum man sich nicht fragte, ob es womöglich gute Gründe gibt, warum niemand mit Kutschera diskutieren möchte, hat leider niemand beantwortet. Die Technisches Universität Braunschweig hat hier allerdings die Nennung des Namens und Logos untersagt.

Re:publica 17, Tag 3

Aufgrund einer Empfehlung hörte ich mir zunächst Maciej Ceglowskis „Notes from an Emergency“ an. Ceglowski ist sehr klug und sehr unterhaltsam. Im Grunde sagt er, dass sich die großen Firmeninhaber des Silicon Valleys lieber mit ihrer eigenen Unsterblichkeit beschäftigen, als an den wirklichen Problemen und Gefahren dieser Welt zu arbeiten. Sie nutzen ihre Möglichkeiten, ihr Geld und ihre Reichweite nicht und das hält er für fahrlässig. Sein Lösungsansatz ist, auf die Mitarbeiter und die technischen Spezialisten einzuwirken und außerdem „regulation, regulation, regulation“.
Video

Ich blieb dann einfach bei Stage 1 sitzen und schaute mir Lisa Winter und Joanne Pransky an: „A robot psychistrist and a battle-robot builder walk into a bar – and talk“. Winter saß vor Ort und Parnsky war über ein iPad auf einem kleinen Segway dazugeschaltet. Ich mochte das, weil es mich an The Good Wife erinnert, wo auch immer so ein iPadsegway durch das Büro fährt. Winter ist ganz wunderbar. Sie baute schon als Kind Kampfroboter und ich habe meinem Sohn – mit dem ich parallel chattete – gleich den Link zu ihrem YouTube-Channel geschickt.
Video

Später am Nachmittag schaute ich mir „Is Freedom the most expensive word? A journey to North Korea“ an. Maja Pelevic hatte in Nordkorea mit dem Handy unerlaubt gefilmt und unterhielt sich mit Renata Avila über unsere mediale Wahrnehmung von Nordkorea. Ich fand das Gespräch sehr interessant auch wenn mir an manchen Stellen der rote Faden fehlte. Ihr Kernaspekt – so schien mir – war aber, dass sie unsere Sicht auf Nordkorea kritisierten. Wir wissen so wenig über Nordkorea dass eine fundierte Kritik eigentlich nicht möglich ist. Ich mochte Pelevics Anmerkung über die rasante Veränderung in Osteuropa. Dort wurde von einem Tag auf dem anderen den Leuten gesagt: „Alles was du bisher geglaubt hast, ist falsch, hier ist das neue richtige System, pass Dich an.“ Ich finde das einen wirklich spannenden Aspekt, glaube aber eine andere Form des Panels und womöglich ein anderes Beispiel hätte das deutlicher machen können. Gleichwohl war ich sehr irritiert, als mitten im Panel Simon Menner, der Speaker der nächsten Session, etwas für mich Unverständliches in den Raum rief. Wie ich später akustisch verstehen konnte, kritisierte er angebliche Vergleiche der Situation in Deutschland und Nordkorea, die Pelevic und Avila gezogen hätten. Dies hatte ich z.B. gar nicht so verstanden. Alles in allem wirkte es wie ein gespielte Twitterperformance in der ein aufgebrachter Mann, zwei Frauen, die im Gespräch sind, die Welt erklärt und den ganzen Diskurs unhöflich stört. Insofern passte das dann als Negativbeispiel sehr gut zum diesjährigen Motto #loveoutloud.

Ich hatte danach wenig Lust mir Menners Vortrag anzuhören und suchte mir lieber einen guten Platz für Felix Schwenzels „Update: Die Kunst des Liebens“. Ich fürchte, ich bin bei Schwenzel immer voreingenommen. Wahrscheinlich würde ich mich auch königlich amüsieren, wenn er einfach nur 30 Minuten aus Brehms Tierleben vorlesen würde. Trotzdem bin ich überzeugt davon, dass der Vortrag wirklich ganz besonders gut war. Er schloss den insgesamt pastoral-mahnenden Ton dieser re:publica mit freundlich-fröhlicher aber auch ernsthafter ironischer Brechnung ab. Er versinnbildlicht für mich, wie ich mir wünsche, dass wir mit den aktuellen Themen und Krisen umgehen. Ernst aber nicht ängstlich, lustig aber nicht höhnisch, ausgelassen aber nicht rücksichtslos.
Video

Alles in allem fand ich überdurchschnittlich viele Vorträge in diesem Jahr inspirierend und begeisternd. Es hat Spaß gemacht, der Kopf ist voll und nächstes Jahr treffen wir uns wahrscheinlich wieder.

Re:publica 17, Tag 1

Zitat

Nach einem entspannten Vormittag im Hotel, wollte ich zum Vortrag von Carolin Emcke gegen 12 Uhr in der Station eintreffen. Die lange Schlange für die Speaker-Tickets machte mir da aber einen Strich durch die Rechnung. Während es um 12 Uhr also an den Ständen für die Gästeliste und Business-Tickets sowie bei der Presseakkreditierung gähnend leer war, warteten 20 Speaker auf ihre Bändchen. Ich hörte, früher am Vormittag war es umgekehrt gewesen. Es gibt da wohl unterschiedliche Antrittszeiten. Gleichwohl frage ich mich, warum man nicht einfach die anwesenden HelferInnen umschichtet.

Glücklicherweise verpasste ich nur 10 Minuten von Reflexion: Love out Loud. Auf eine unaufgeregt engagierte Art sprach Carolin Emcke darüber, dass wir uns vielleicht gar nicht so laut lieben müssen, sondern dass höfliche Gleichgültigkeit völlig ausreichend wäre. In der Tat halte ich den Ansatz einander zu ertragen für viel wichtiger als einander lieben zu müssen.
Video

Den Vortrag Digitale Tauchgänge in der Tiefsee von Antje Boetius hatte ich eher zufällig vor ein paar Tagen in der re:publica-App mit einem Sternchen markiert. Das Schlimmste an dem Vortrag war, dass knappe 30 Minuten viel zu kurz waren. Boetius Berichte aus der Tiefseeforschung waren so spannend, dass ich zu gern noch viel viel mehr erfahren hätte.

Direkt im Anschluss sah ich Elisabeth Wehligs Keynote Die Macht der Sprachbilder – Politisches Framing und neurokognitive Kampagnenführung. Wehling wies nach, wie sehr das Framing unsere Wahrnehmung der Fakten prägt und wie uns das ganz konkret in unserem Handeln beeinflusst. Wie vorher schon bei Emcke ging ich mit einem rauschenden Kopf voller spannender Gedanken aus dem Vortrag.
Video

Ich höre gern Friedemann Karigs Vorträge auf der re:publica. Dieses Jahr sprach er über Wie wir lieben. Die sexuelle Revolution 2.0. Das Thema interessiert mich natürlich sehr. Der Vortrag war angenehm kurzweilig und eine sehr gute Zusammenfassung interessanter aktueller Arbeiten (Sex at dawn, Eva Illouz) illustriert mit Geschichten von Paaren, die andere Beziehungswege ausprobieren.
Video

Zum Ende von Karigs Vortrag wurde es immer voller auf Stage 1. Ein sicheres Zeichen, dass Sascha Lobo gleich seinen Vortrag hält. Dieses Jahr sprach er Vom Reden im Netz. Bei seinen letzten beiden Vorträgen auf der re:publica habe ich nach knapp 30 Minuten vorgezogen, ein Bier im Hof zu trinken. Dieses Jahr blieb ich bis zum Ende sitzen. Lobo versuchte einen konstruktiven Weg für den Umgang mit Nazis – oder wen man aufgrund von entsprechenden Äußerungen dafür halten kann – zu finden.
Er sieht eine Lösung darin, respektvoll zu diskutieren und gleichzeitig aber auch klare Grenzen aufzuzeigen.

Alles in allem fand ich die Dichte spannender Vorträge so hoch wie lange nicht mehr. Der Trend zum Pastoralen wird wohl auch vom diesjährigen Motto Love Out Loud provoziert. Das merkte ich auch selbst bei den Vorbereitung für meinen Vortrag Save the world – tell a Story: wie wir die Deutungshoheit im Internet zurückgewinnen und die Welt retten können. Am 9. Mai um 18 Uhr werde ich dann wohl auch auf Stage 3 predigen.

**Ich werde die YouTube-Videos zu den oben genannten Vorträgen so bald wie möglich per Link hinzufügen.**

Womöglich macht viel Sex gar nicht traurig

Anfang April las ich über Blendle Ich zähl‘ bis 100. Darin geht es um Lotta (die nicht so heißt), die sich selbst zur Aufgabe gestellt hat, 100 Sexualpartner zu haben. Über ihre Erfahrungen führt sie seit ihrer Jugend relativ genau Buch und ist derzeit in den 80ern.

Ich fand das natürlich sehr spannend und kaufte gleich den Text. Oberflächlich ist der Text interessant und gut lesbar. Trotzdem hatte ich das Gefühl, das irgendwas nicht darin stimmt. Hinter der nidoschen Coolness sind die klassischen Elemente einer abstrusen Vorstellung von Frauen und Sexualität versteckt. Sie nerven mich seit Jahren – wofür der Text eigentlich nichts kann – so dass ich noch mitten in der Nacht unter anderem twitterte:

(Da es bereits auf Twitter zu Nachfragen kam: Mit „aggressiv“ meine ich forsch, einfordernd und nicht gewaltsam.)

Frauen, die eine ausgeprägte Sexualität haben, werden nach wie vor als außergewöhnlich wahrgenommen. Damit aber nicht genug, es findet immer auch eine indirekte Bewertung statt. Der Grund für viel abwechslungsreichen Sex kann nur die Kompensation anderer Defizite und der Wunsch nach Aufmerksamkeit und Bestätigung sein. Damit wird eine starke Libido gleich in die Ecke der psychischen Erkrankungen dirigiert. So kommt auch im Nido-Text unweigerlich die Frage auf, ob Lotta eventuell sexsüchtig ist.

Die zweite Bewertung findet dann auf der Ebene der wahren Liebe – im Gegensatz zum oberflächlichen Sexpartner – statt. Es wird angenommen, dass jede Person und insbesondere Frauen auf der Suche nach der großen Liebe sind. Damit aber nicht genug, die große Liebe kann in der Welt dieses Textes offenbar nur in der Monogamie gedeihen. Häufig werden in dem Text die Personen hervorgehoben, die für Lotta langfristige Partner hätten werden können und die Trennungen werden melancholisch kommentiert. Ganz wichtig ist auch die Frage, ob ein potentieller langfristiger männlicher Partner überhaupt damit klar käme, dass Lotta so viele Sexualpartner hatte.

Der größte Mist über Sexualität wird geschrieben, weil wir uns einfach nicht eingestehen können oder wollen, dass Frauen Lust haben. Frauen und Männer unterscheiden sich in ihren sexuellen Bedürfnissen kaum. Sicherlich haben Menschen unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse, aber das hat nichts mit ihrem Geschlecht zu tun. Männer und Frauen unterscheiden sich allerdings sehr wohl darin, wie sie damit umgehen. Ich habe meine Pubertät bis in die 20er hinein, damit verbracht, mich über mich zu wundern. Nichts von dem, was über weibliche Sexualität geschrieben wurde, stimmte mit dem was ich empfand, überrein. Ich konnte sehr gut Sexualität und Liebe voneinander trennen, ich brauchte keine Aufwärmphase und ich stellte fest, dass ich im Vergleich zu Männern deutlich ausdauernder war. Viele Freundinnen von mir teilten diese Erfahrung aber wir verhielten uns meist viel braver, als wir gewollt hätten.

Die Lust der Frau ist da. Das gesellschaftliche Narrativ ist falsch. Aber Frauen und Männer spielen trotzdem mit. Irgendwann wurde festgelegt, dass Frauen keine Lust haben und zum Sex überredet werden müssen und männliche Lust gleichzeitig unkontrollierbar ist. Würde diese Prämissen in Frage gestellt werden, würde das eine enorme Dynamik freisetzen und gleich auch unsere Vorstellungen und Definitionen von Beziehung,Partnerschaft und Familie in Frage stellen. Das ist den meisten dann doch zu viel und so wird das Thema öffentlich nur sehr behutsam angegeben.

Ich erinnere mich an eine sehr gute und empfehlenswerte Folge Scobel Die Lust der Frau. Susanne Schröter und Ann-Marlene Henning versuchen ein paar Mal zu sagen, dass weibliche Lust viel massiver ist, als gemeinhin geglaubt wird. Aber Ulrich Clement relativiert das sogleich und die Damen ziehen sie sich mild lächelnd zurück.

Die „Strafen“ für ausgelebte weibliche Lust sind eben relativ hoch. So wird Lotta wegen ihrer Sexualität gleich etwas Pathologisches, Trauriges, Neurotisches unterstellt. Solch eine Schlussfolgerung müsste ausgelacht werden. Es gibt viele Dinge, die mich traurig machen, Sex oder Orgasmen zählten nie dazu. Sexualität – auch mit Leuten, die man nicht heiratet – kann durchaus etwas verbindendes haben. Es nervt so, dass Sex ohne den Rahmen einer ernsthaft beabsichtigen Beziehung immer als leer und krankhaft dargestellt wird. Sexualität ist eine Form der Kommunikation. Wir interpretieren Smalltalk oder Gespräche mit Fremden doch auch nicht gleich als Persönlichkeitsstörung.

Nachdem Lotta aber deutlich macht, dass sie nicht sexsüchtig und dauerhaft traurig ist, folgt die 2. Druckstufe. Lotta wird es nämlich schwer haben, einen „richtigen“ Partner zu finden. Es ist unfassbar, mit welcher Selbstverständlichkeit davon ausgegangen wird, dass das Lebensziel jeder Frau ein männlicher Partner und eine Familie ist. Ich weiß natürlich nicht, wie gern Lotta wirklich eine langfristige Beziehung möchte, aber kommt denn niemand auf die Idee, dass es als Single auch sehr schön sein kann? Nicht jeder möchte eine Beziehung haben. Warum wird eine Frau, die sehr viel sexuelle Erfahrung hat, nicht nach ihren sexuellen Erfahrung gefragt, sondern danach, wann sie endlich monogam wird? Und warum wird bei Lotta – die auch Sex mit Frauen hat – so selbstverständlich von der Suche nach einem Mann ausgegangen?

Sollte eine Frau wie Lotta jedenfalls eine Beziehung wollen, dann wird das schwierig. Das suggeriert zumindest der Text. Männer – so wird klar vorausgesetzt – könnten von Frauen mit viel Erfahrung nämlich verunsichert werden und sich dann zurückziehen. Ja, wunderbar wer will denn auch schon einen Mann, der sich von sowas einschüchtern lässt? Dann passen Lotta und diese Person einfach nicht zusammen, ist doch großartig, wenn das gleich geklärt ist. Es ist vollkommen normal, dass man sich einen Partner sucht, der ähnliche Vorstellungen vom Leben haben, wie man selbst. Nur bei der Sexualität soll sich die Frau auf einmal verstellen? Sicherlich keine gute Basis für eine aufrichtige Beziehung.

Mit einem Partner, der nicht voller Angst ist, könnte man womöglich auch besprechen, wie man mit dem Thema innerhalb einer Beziehung umgeht. Der Nido-Text suggeriert wie selbstverständlich, dass eine Beziehung monogam sein muss. Lotta bleibt also gar nichts anderes übrig, als ihre Sexualität innerhalb einer Beziehung auf Jahre zu drosseln. Warum ist es so schwer, logisch zu denken und eine Beziehung auch mal anders als monogam zu definieren? Sicherlich wäre das nur mit einer Person möglich, ihre ihre Geschichte kennt, die sich davon angezogen fühlt, womöglich ähnliche Interessen hat und bereit ist, sich darauf einzulassen.

Dieses Herangehensweise ist dann aber wohl zu progressiv. Sie würde so vieles infrage stellen und womöglich dazu führen, dass Menschen beginnen, andere Lebens- und Liebeskonzepte auszuprobieren. Wer will das schon? Die Nido ganz offenbar nicht und auch sonst lächeln wir freundlich, wenn wieder jemand behauptet, dass Frauen ja nie Lust auf Sex hätten.

Trolle trollen – das gute Meta

Seit einiger Zeit trolle ich Trolle. Das heißt, ich widerspreche auf Facebook oder auf Twitter ein paar absurd-bösen Behauptungen oder frage bei Leuten nach, wieso sie hetzerische und böse Dinge schreiben. Einige Dinge habe ich dabei feststellen können.

Menschen, die sich für die den rechten Meinungsrand interessieren, haben selten einen richtigen Klarnamen oder nutzen Ihr Gesicht als Profilfoto. Meist sieht man eine historische Figur, ein Symbolbild (gern Kreuz, Kerze, Flagge oder das Logo der Lieblingspartei) oder das Bild einer hübschen jungen Frau (die selbst natürlich gar nicht weiß, wofür ihr Bild benutzt wird). Manchmal werden auch authentische Bilder online gestellt. Das sind dann meist freundlich aber auch ernst drein blickende Herren. Es gibt natürlich auch Frauen, die sich am rechten Rand tummeln aber – so mein Eindruck – sie beteiligen sich deutlich weniger an den Diskussionen und teilen weniger brutal aus. Der Anteil von Fake-Accounts scheint mir ebenfalls sehr hoch. Bei der letzten Facebook-Diskussion hatten die schlimmsten Kommentatoren, die auf meinen Post antworteten, keine oder nur sehr wenige Freunde außerdem waren die Accounts selten älter als zwei Monate.

Auffallend war, dass diese Accounts innerhalb der Diskussion sehr präsent waren, sowohl bei der Reaktion auf gemäßigte und kritische Kommentare als auch mit langen, provozierenden und sich wiederholenden Postings, die für sich standen. Das legt den Schluss nahe, dass diese Accounts die Funktion eins Capos haben, der die Stimmung einheizt für die relativ gemäßigten „besorgten Bürger“, die sich dann mehr also sonst zu absurdesten Aussagen hinreißen lassen. Hier bin ich der Meinung, dass die Gegenrede ganz besonders wichtig ist. Wie Anna-Mareike Krause bin ich der Meinung, dass Gegenrede hier ansetzen muss. Auf Facebook kann gehetzt und bedroht werden ohne jede Konsequenz. Die wenigsten Kommentare werden gemeldet, gelöscht oder gar angezeigt. Das alles führt dazu, dass manche Facebookseiten einem sadistischen Spielplatz des Grauens ähneln. Es wundert mich also nicht, dass diejenigen, die dort die Erfüllung Ihrer niederen Instinkte gefunden haben, von einer Meinungsdiktatur sprechen, wenn Ihnen Grenzen gesetzt werden. Und genau dort muss angesetzt werden. Man wird wohl nicht die erreichen, die ohnehin schon in der Parallelwelt des Joffrey Baratheon, angekommen sind und sich als Erbe des Eisernen Throns fühlen. Aber für die Unentschiedenen und Zweifler sollte sichtbar sein, dass es auch anderen Weltsichten gibt, dass es nicht nur dieses Paralleluniversum gibt und dass Hass und Vernichtung nicht die Antworten sein können.

Bei Twitter bin ich weniger persönlich angegriffen worden und es waren eher „Gespräche“ möglich. Hier interessiert mich die Motivation für Äußerungen gegen Flüchtlinge, gegen mehr Gleichberechtigung und für ein abgeschlossenes und konservativ konserviertes Deutschland der Einfalt. Ich erwartete etwas spannendes oder zumindest ein facettenreiches Psychogram. Am Ende war die Motivation überraschend eindimensional. Es waren immer gefühlte Kränkungen, die die Männer – ich stieß meist nur auf sehr massive Äußerungen von Männern zudem haben Frauen nicht auf meine Fragen reagiert – in die Arme der Exklusion trieb. Zum Beispiel der Mann, der sich im Unternehmen nicht mehr wertgeschätzt fühlte und der Meinung war, dass nur Frauen gefördert werden, der Mann der sich ärgerte, dass seine Frau komisch angeschaut wird, wenn sie mit den Kindern zu Hause bleibt. So banal die Gründe waren, die Reaktion war erschreckend. Sie lief immer darauf hinaus, dass sie anderen den Dreck unter den Nägeln nicht gönnten, weil weil sie meinten, dass es ihnen nicht gut genug geht. Dabei bezieht sich das gut gehen nicht auf Geld, Gesundheit oder ein angenehmes Leben, sondern auf den Verlust der Deutungshoheit. Im Grunde leben wir derzeit mit vielen Menschen zusammen, die lieber die Welt in den Abgrund reißen als auch nur ein Gramm Ihrer Privilegien zu teilen.

Leider habe ich keine perfekte Antwort darauf, wie wir damit umgehen sollen. Ich weigere mich aber, meine Ideale einer humanistischen und gleichberechtigten Welt mit Anstand und Respekt für alle aufzugeben, damit sich diese Leute wieder wohlfühlen. Deshalb finde ich die Diskussion um zu viel Political Correctness auch sowas von toxisch und falsch. Das wäre als würde man jemanden, der einen verprügelt hat, sagen: „Ok, ich bin jetzt ganz brav, dafür haust Du mich jetzt nicht mehr.“ Der Ansatz muss woanders liegen. Es ist müßig aber wir müssen weiter überzeugen. Wir müssen Ängste nehmen, für Anstand und gutes Miteinander plädieren und zeigen, dass es uns besser geht, wenn wir zusammen an einer besseren Gesellschaft arbeiten. Es wird sicher weiter die geben, die sich gekränkt fühlen, wenn sie nicht Macht, Privilegien und Deutungshoheit haben, aber für alle, die noch erreichbar sind, müssen wir eine Gegenmeinung darstellen, müssen wir präsent sein, müssen wir eine alternative bessere und anständigere Welt aufzeigen.

Ebenfalls interessante Texte zu dem Thema:
Wie der Rechtsterrorismus auf Facebook organisiert wird
Wie ich auszog, die AfD zu verstehen