Wie ich beinahe mal ein Buch schrieb

Vor gut einem Jahr sah ich mich als Bestsellerautorin. Wobei ich bei näherer Recherche feststellte, dass ich mit einem gut verkaufenden Buch wahrscheinlich im besten Fall einen oder zwei schöne Urlaube für meine Familie finanzieren könnte. Nach dem, was ich so mitbekam, kann man nur dann gut vom Bücher schreiben leben, wenn man regelmäßig Bestseller verkauft. Ansonsten scheint es eher ein angenehmens Zubrot zu sein und man sollte unbedingt ein weiteres finanzielles Standbein haben. Vielleicht wurde ich auch einfach nur falsch informiert.

Aber darum ging es mir ohnehin nicht. Eine Lektorin eines recht bekannten Verlages fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, ein Buch zu schreiben. Diese Frage würde ich genauso wenig mit „nein“ beantworten wie ich ein Törtchen mit flüssiger Schokolade ablehnen würde. Eine solche Anfrage befriedigt sowohl meine Eitelkeit als auch mein Bedürfnis nach Anerkennung. Das ist fast so toll, wie verknallt zu sein.

Unabhängig davon frage mich allerdings nach wie vor, was der Mehrwert eines Buches ist, wenn man bequem und kostenfrei ohnehin fast alles, was ich darin schreiben würde, im Blog lesen oder auf re:publica-Videos sehen könnte. Aber wahrscheinlich erreicht man mit gebundenen und bedruckten Seiten auch heute noch mehr Leute und eine andere Zielgruppe.

Die Vorstellung, mich einem Thema sehr ausführlich zu nähern, fand ich ebenfalls spannend und ich war mir sicher, dass mein Thema auch genug Stoff für 200 Seiten hergeben würde. Der Mann war ebenfalls begeistert von der Idee, sagte aber auch, dass ich die Langstrecke eines Buches nicht unterschätzen sollte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es schwieriger ist, ein Buch zu schreiben, als einen Blogtext pro Woche.

Nach ein paar Telefonaten machte ich mich an ein Exposé und ein vorläufiges Inhaltsverzeichnis. Ich schreibe grundsätzlich langsam und ohne Plan. Ich blogge ohne Navi, am Ende stehe ich vor irgendeinem Ziel und denke „Jo, kann man machen“. Bei meinen bisherigen re:publica-Vorträgen ging ich etwas strategischer vor, aber auch nur, weil ich einige Monate zuvor eine Zusammenfassung abgeben musste und es ja peinlich wäre, wenn ich am Ende über was ganz anderes spreche. Mein Exposé und mein Inhaltsverzeichnis sollten meine Zusammenfassung sein, die Struktur des Buches. Die Lektorin bemerkte, dass mein Ansatz eher einer Doktorarbeit gleiche und zu ausführlich sei. Sie strich die Hälfte des Inhaltsverzeichnisses. Wir telefonierten wieder und ich sollte anfangen zu schreiben und in ca. 2 Monaten die ersten 20 Seiten als Textprobe abgeben. Ich fühlte mich etwas verloren. Sie meinte, ich solle einfach mit einzelnen Passagen oder Kapiteln beginnen. Das alles müsse (noch) nicht zusammenhängen. Das kam mir sehr entgegen, da dies meiner bisherigen Vorgehensweise beim Bloggen ähnelte.

Der Mann half mir bei der Korrektur, was beide Seiten sehr viele Nerven kostete aber sinnvoll war. Er bemängelte, dass er noch keinen roten Faden erkennen würde und ich meinte, das sei noch kein Problem, wir hätten im Telefonat abgesprochen, dass ich gern nur einzelne Aspekte aufgreifen kann. Trotzdem bekam ich noch einen dünnen roten Schimmer in den Probetext und schickte ihn ab. Die Antwort kam einige Wochen später. Das Buch-Projekt müsse leider abgesagt werden. Man hätte lang diskutiert aber der rote Faden würde fehlen und sowieso sei alles gerade etwas kompliziert. Einige Monate später erfuhr ich, von jemand anderem, dass es strukturelle Veränderungen in dem Verlag gab. Das führte wohl auch dazu, dass einige Projekte gecancelt wurden. Womöglich war aber meine Textprobe auch einfach nicht gut genug gewesen oder passte nicht zu dem, was der Verlag gern wollte.

Fühlte ich mich also noch wenige Monate zuvor gebauchpinselt und kurz vor dem Start einer neuen Karriere, war ich nun die sitzen gelassene Teenagerin. Das Schreiben war für mich mit sehr viel Aufwand verbunden gewesen. Anders als gedacht, ist das Schreiben eines Buchs eben doch etwas anderes. Als jemand der unter Themen-ADHS leidet, musste ich sehr viel Selbstdisziplin aufbringen, immer über das Gleiche zu schreiben. Außerdem fehlte mir das schnelle Feedback, das ich von Blogtexten oder Vorträgen kenne. Dass diese Mühe nicht belohnt wurde, war natürlich sehr traurig. Aber ich ärgerte mich auch über mich selbst. Ich hätte auf ein persönliches Treffen bestehen sollen. So hätte sicher schneller und besser geklärt werden können, ob es passt und in welche Richtung der Verlag gehen will und ob ich die Vorstellung des Verlages auch umsetzen kann. Einfach mal machen (zu lassen) ist total unprofessionell. Bei einem persönlichen Treffen hätte man auch gleich mal die Grundlagen für einen Vertrag klären können. Darüber wurde nämlich nie gesprochen.

Ich hatte natürlich mit der Option gerechnet, dass meine Textprobe nicht angenommen wird. Hierfür hatte ich einen Plan b und c. Entweder einen anderen Verlag kontaktieren bzw. einen Agenten suchen oder das Buch selbst z.B. via Amazon veröffentlichen. Über einen engen Verwandten kam ich in Kontakt mit einem Literaturagenten. Wir trafen uns und ich übermittelte ihm alle Unterlagen. Er meldet sich noch einmal mit dem Hinweis, er sei gerade sehr eingespannt aber wir hätten es ja glücklicherweise nicht eilig. Und dann hörte ich nichts mehr von ihm. Sicherlich hätte ich nochmal nachfragen können, aber ganz offenbar hatten auch ihn mein Exposé und meine Textprobe nicht vom Hocker gehauen. Wahrscheinlich hatte er keine Lust oder nicht die passenden Worte, um mir abzusagen. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt genug von Leuten, die ganz offenbar andere Vorstellungen von Kommunikation, Zusammenarbeit und Verbindlichkeit haben als ich.

Nachdem ich den Ordner geschlossen habe, mochte ich auch nicht wieder bloggen. Schon bevor ich mit dem Buchprojekt begonnen hatte, langweilten mich meine Blogtexte. Da kam es mir sehr entgegen, wegen des neuen Projekts mit dem Schreiben ins Internet erstmal aus zeitlichen Gründen aufhören zu müssen. Langsam kommt die Lust am Schreiben aber wieder. Vielleicht setze ich auch meinen neuen Plan d um.
Plan d ist, dass ich mein Buch ins Internet schreibe. Kapitel für Kapitel, wann ich will und ohne roten Faden, einfach weil es die Form des Schreibens ist, die mir am meisten Spaß macht.

Es war nie so einfach, die Welt zu retten

In meinem kuscheligen Leben hatte ich nur sehr selten Jahre existenzielle Angst. Ich glaubte mich in einer sicheren Welt, die auch Terroranschläge (woanders) nicht wirklich erschütterte. Seit langem mal wieder panisch wurde ich, seitdem viele flüchtende Menschen nach Deutschland kommen.

Aus zwei Gründen:

Zum einen weil die Flucht dieser Menschen zeigt, dass meine Sicherheit und Freiheit örtlich sehr eingeschränkt ist. Ich lebe in einer analogen Filterbubble und bis jetzt konnte ich Berichte über moderne Sklaverei in Ländern, aus denen ich Kleidung und technische Geräte beziehe, verdrängen. Ich konnte auch verdrängen, dass unsere Reichtum zu einem erheblichen Teil darauf basiert, dass wir aktiv dafür sorgen, dass andere Länder nie den Frieden und die Möglichkeiten haben werden, eine Wirtschaft aufzubauen, die die Grundlage für ein lebenswertes Dasein schafft. Nun aber kommen Menschen zu uns und meine Blase ist geplatzt. Wenn ich an meiner Filterblase festhalten möchte, müsste ich in letzter Konsequenz dafür stimmen, Menschen an der Grenze durch Waffen von meinem Land fernzuhalten. Das möchte ich nicht. Und nach den ersten Momenten der Sorge, da ich ja nun aus meiner kuschligen Höhle gefallen war, konnte ich auch die Chance erkennen. Wenn wir es mit unseren freiheitlichen Werten ernst meinen, dann müssen wir die Grenzen öffnen und helfen. Noch nie war es so einfach, die Welt zu retten. Wir müssen nicht einmal nach Afrika reisen. Es reicht aus, sich im eigenen Land wie ein anständiger Mensch zu verhalten und denen, die zu uns kommen, das gleiche Recht auf Selbstbestimmung und Entwicklung zuzubilligen, das wir so vehement für uns einfordern. In Deutschland geboren zu sein ist Zufall, kein Verdienst.

Die eine Panik konnte ich also schnell umdeuten und darin eine Chance für mich und mein Land sehen. Die andere Panik resultiert aus dem Hass und der Missgunst in unserer Gesellschaft. Sie manifestiert sich überall. Bei Politikern, die das Rückgrat einer Qualle und den moralischen Kompass eines Charles Manson haben, in den Medien, die unabhängig von ihrer Position, Ressentiments schüren statt sich reflektiert und vernünftig zu äußern, in den täglichen Diskussionen mit Menschen um mich herum, in Postings und in Kommentaren.

Meine friedliche und freiheitliche Welt ist zerborsten. Nicht weil Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund zu uns kommen, sondern vor allem weil es in meinem Land so viele Menschen gibt, die alles humane aus ihrem Geist gestrichen haben und zu Geschöpfen des Hasses, der Missgunst und der Bösartigkeit werden.

Das Traurige ist, dass diese Leute – die ich nach wie vor für eine Minderheit halte – so laut sind und so viel Aufmerksamkeit bekommen. Sie sind quasi das Problemkind in der Klasse. Sie überstrahlen mit ihrem Geschrei und Gezeter all die anderen. Und wie die Problemkinder in der Schule sind sie am Ende wohl auch nur selbst ein Opfer. Das aber berechtigt sie nicht, den politischen Kurs in unserem Land zu bestimmen oder sich als die Stimme des Volks zu glorifizieren. Ich fürchte, es gibt nur einen Weg. Wir müssen uns klar gegen sie positionieren, ohne sie auszustoßen. Die Vernunft ist leise und meist nicht polemisch. Ich fürchte wir müssen laut werden, mehr Kommentare widerlegen, erschreckende Diskussionen führen, besonnen bleiben und keinen Zweifel daran lassen, wofür wir stehen. Es ist Kräfte zährend und so erschütternd immer wieder in den Abbiss des Hasses zu blicken. Aber wie gesagt, es war noch nie so einfach, die Welt zu retten, direkt bei uns zu Hause.

Call for Papers

Felix und Alex haben ihre Einreichungen für die #rpTEN veröffentlicht. Ich fand das eine gute Idee.

Das Internet hat mich dick gemacht

Die Gefahr, dass der Anteil dicker Menschen in der Bevölkerung zunimmt, ist real. Und das Internet hat seinen Anteil daran. Es bringt die Leute auf die Idee, dass Dick-Sein gar nicht so schlimm ist.

Oft fragte ich mich, woher die gesellschaftliche Obsession mit Diäten, Fitness und Gesundheit kommt. Und ob uns ein schlankerer Körper, eine Entgiftung mit grünen Säften und ein Runtastic-Lauf wirklich zufriedener macht.

Aber um mich herum wurde diätet, gesportelt und selbstoptimiert. Meine Zweifel mussten falsch sein, es können sich ja nicht alle irren.

Dann stieß ich im Internet auf Menschen, die wie ich hinterfragten, warum eine sehr eng definiere Körpermasse als erstrebenswert und ideal festgelegt wurde. Und die versuchen – häufig begleitet von wüsten Beschimpfungen -, die Mythen um unseren absurden Körper- und Gesundheitskult zu entlarven.

Eine gern genommene Beschimpfung ist jene, die Dicke zur Belastung des Gesundheitssystems degradiert. Dabei genügt ein wenig Recherche und schon stellt sich heraus, dass Übergewicht nur sehr bedingt ein Gesundheitsrisiko ist. Aber warum wird Gesundheit überhaupt als absoluter Wert gesehen? Ist der gesellschaftliche Werte eines Individuums an seiner Gesundheit bezifferbar?

Immer wieder gibt es jemanden, der einen Yeti gesehen hat. Ähnlich ist es bei Diäten. Immer mal wieder gibt es einen, der langfristig und total einfach mit einer Diät abgenommen hat. Online werden Diät-Konzepte wie eine Promotion von Guttenberg auseinandergenommen. Übrig bleibt der Mythos – wie beim Yeti.

Ästhetik ist kein Mythos, aber ein gesellschaftliches Konstrukt. Wenn nur lange genug behauptet wird, dass Schlaghosen schön sind, trägt sie am Ende jeder. Das ästhetische Empfinden lässt sich also beeinflussen. Es kann sich entsprechend wandeln zu einer Akzeptanz der Vielfalt bei Körpern, Figuren, Farben und Formen. Dank vieler direkter digitaler Kanäle, werden dafür nicht mehr die im Wandel langsamen klassischen Medien gebraucht.

Dank all der Informationen und ihres Rückhalt beschloss ich, endlich nach meinen Bedürfnissen zu essen und mich gleichzeitig nicht wegen meiner Optik einzuschränken. Ich verlor einiges an Eitelkeit und gewann an Gewicht. Das Internet hatte mich nachhaltig dick gemacht.

Twitter-Favs Spätsommer 2015

Unterlassene Hilfeleistung

Vor ein paar Jahren war ich mit einer Person unterwegs, die ich nicht besonders mochte. Während wir an einer Bushaltestelle warteten, fiel meine Begleitung um. Ich konnte ihn auffangen, so dass er nicht auf die Straße knallte und sich verletzte. Ich rief den Notarzt. Meine Begleitung kam bald wieder zu sich und erklärte, das würde ab und zu passieren. Letztlich schickten wir den Notarzt wieder weg.

Einige Wochen später erfuhr ich, dass die Person, die ich vor einem unangenehmen Aufprall geschützt hatte, hinter meinem Rücken intrigiert hatte. Seine Aussagen führten dazu, dass meine Kompetenz in einem bestimmten Gebiet massiv hinterfragt wurde. Mal mehr mal weniger ernst, dachte ich darüber nach, warum ich ihn nicht einfach wie einen nassen Sack auf den Boden hatte fallen lassen.

Seitdem immer mehr Menschen hilfesuchend nach Europa kommen, muss ich wieder häufiger an diese Geschichte denken.

Der Punkt ist nämlich der, es ist völlig irrelevant, ob wir jemanden mögen oder nicht, wenn es darum geht zu helfen. Es ist unsere menschliche Pflicht.

Wenn wir an einem verunglückten Auto vorbei fahren, sollten wir anhalten und wenn möglich helfen oder zumindest Hilfe rufen. Entsprechend wird im Strafgesetzbuch festgelegt:

㤠323c
Unterlassene Hilfeleistung

Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.“

Nun man kann einwenden, dass der Umstand, so viele Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen nicht zumutbar ist oder wir uns durch die Hilfe selbst in Gefahr begeben oder anderer Pflichten einfach wichtiger sind. Aber für wen ist das nicht zumutbar? Für mein Leben hatte der Zustrom der Flüchtlinge in den letzten Monaten überhaupt keine Relevanz. Außer dass wir endlich den alten Kinderwagen los sind und ab und zu Lebensmittel und Geld gespendet haben. Ich bin mir sicher, dass das Gleiche für 98% der deutschen Bevölkerung gilt. Geändert hat sich nur etwas für die vielen (freiwilligen) Helfer. Die versuchen unter tatsächlich unzumutbaren Umständen, die ankommenden Menschen so gut es geht zu unterstützen. Aber diese Menschen, die so viel leisten, sind nicht die, die schimpfen und Grenzzäune um Deutschland fordern.

Die Forderungen weniger Flüchtlinge ins Land zu lassen, „Anreize“ wie Bargeld zu streichen, schärfere Grenzkontrollen durchzuführen oder Transitzonen einzurichten hat ganz andere Hintergründe. Sie haben nichts mit Zumutbarkeit, eigener Gefahr oder anderen Pflichten zu tun. Es geht um Angst, Missgunst, Gier und Geiz.

Da niemand gern die genannten Motive für sich in Anspruch nimmt, lassen wir uns kreative Ausreden einfallen. Zum Beispiel, dass wir in einer homogenen Gesellschaftsordnung leben und die (muslimischen) Neuankömmlinge einfach nicht gut in unser Wertesystem passen.
Ich bin ständig umgeben von Menschen, die nicht in mein Wertesystem passen. Als Atheistin ist mir Religiosität wirklich sehr fremd. Ich versuche zu verstehen, warum Menschen sonntags in Kirchen gehen, warum sie glauben und warum sie ein Kreuz um den Hals tragen. Aber es gelingt mir selten. Daher versuche ich es einfach mit Respekt. Wenn meinen Freunden der Glaube etwas bedeutet, dann muss ich das akzeptieren und mich darüber freuen, dass sie etwas für sich Bedeutungsvolles gefunden haben. Es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen und ich nehme es einfach hin, dass sie in dieser Sache anders sind als ich. Genauso erwarte ich, dass sie meine Ungläubigkeit respektieren.

Ich stelle auch immer wieder fest, dass in der „homogenen“ Bevölkerung in Deutschland sehr wohl massive Unterschiede gibt. Mein Bild von einem Sozialstaat, meine kritische Einstellung zu patriarchalischen Strukturen und vom Umgang mit Gender und sexueller Vielfalt deckt sich wahrscheinlich nur mit einem sehr geringen Anteil der Bevölkerung. Wir leben nicht in einem homogenen Biotop. Wir leben in einer sehr heterogenen Gesellschaft, die – wenn man es positiv ausdrücken will – zumindest versucht, respektvoll mit der Meinungsvielfalt umzugehen. Wenn Neuankömmlinge das sofort zerstören können, dann ist unser freiheitliches-demokratisches Biotop wohl nicht besonders solide aufgestellt.

Im Glauben, einer besonders guten Gesellschaft anzugehören, entfaltet sich der Chauvinismus. Daraus leitet die CSU übrigens neuerdings das C ab. Dass wir in Deutschland geboren sind oder schon lange hier leben, halten wir für einen persönlichen Verdienst. So als hätte es einer eigenen Leistung bedurft, in Hamburg und nicht in Kabul geboren worden zu sein. Dank dieser Leistung kann selbst die kleinste Kerze auf der Torte für sich in Anspruch nehmen, aus einem Land der Denker, Ingenieure, Effizienz und Ordnung zu kommen. Es ist natürlich schön für den einzelnen, Selbstbewusstsein über Nationalismus zu finden. Man fällt dann halt nur in die Kategorie unangenehmer Mensch ohne moralische Integrität.

Wobei mir offener Chauvinismus und Rassismus fast lieber sind. Hier erkennt man immerhin gleich mit was man es zu tun hat. Denn was viele Medien und viele Politiker machen, ist eine ganz besonders perfide Form von Bösartigkeit. Gerade las ich ins der Zeit einen Artikel darüber, dass die Leute jetzt für Flüchtlinge spenden aber nicht für Obdachlose. Hier wird nichts anders gemacht, als die einen Schwachen gegen die anderen Schwachen auszuspielen. Das ist so bösartig, dumm und widerwärtig. Man sollte von reflektieren Menschen erwarten, dass sie es schaffen, den Brückenschlag zu eine jahrelang verfehlten Sozialpolitik zu finden.

Schön auch, das Gerede von Kapazitätengrenzen. Anstatt auf die viel beschworenen „deutschen“ Kompetenzen wie Effizienz und Ordnung wirklich mal zurückzugreifen, wird das Gespenst der Ressourcenknappheit aufgerufen. Auch versuchen nur wenige Politiker, die das Land „führen“ sollten, diese Führungsaufgabe umzusetzen. Statt Kompetenz, Weitsicht und ein humanitären Menschenbild zu vermitteln, schüren die meisten Angst und brandstiften mit Rassismus und Vorurteilen.

Wie schon bei der Aufnahme der Flüchtlinge, kommen das Engagement und die Stimmen der Vernunft meist nicht aus den offiziellen Kanälen. Glücklicherweise gibt es viele Menschen, die verinnerlicht haben, dass wir einander schützen müssen. Dass es nichts mit Sympathie oder Glaube oder Weltsicht zu tun hat, wen wir aus aus einem brennenden Auto retten, aus dem Meer ziehen oder vor Hunger, Kälte und Gewalt schützen.

Ich kann gut verstehen, dass so viele Neuankömmlinge Angst machen und dass man manchen Leuten nicht helfen mag. Es gab Situationen, in denen ich auch fantasierte, was passiert wäre, wenn ich jemanden nicht aufgefangen hätte. Wenn man aber ernsthaft ein humanes Wertesystem für sich in Anspruch nehmen möchte, dann muss die Basis sein, alle Menschen schützen zu wollen, sogar Horst Seehofer.

Twitter-Favs Sommer 2015

Christoph Kappes
@ChristophKappes
Schön, dass die Bordkarte „mobile Bordkarte“ heisst – hatte schon Angst, dass sie nicht mitkommt.
Mic Wright
@brokenbottleboy
I think we should give Donald Trump credit for his war heroism in the conflict against human decency.
Bastard Keith
@BastardKeith
when you slut shame on twitter dot com an angel loses sensitivity in its nipples
katjaberlin
@katjaberlin
„superior single“. meinen die das zimmer oder mich?
Danny Wylde
@dannywylde
Getting (literally) fucked for money is the only way capitalist degradation can be experienced as hot. Otherwise you „just“ have a job.
Klaus Uhunase
@HerrNoz
9 von 10 Rassisten sind gegen Rassismus.
mostly harmless
@NikSput
Jogger sind in der Selbstwahrnehmung Halbgötter in Schweiß.
Wondergirl
@Wondergirl
Bestimmt ist der einzige nette Mensch im Internet der Typ, der seinem Schwanz Arme und Gesicht malt und die Bilder auf Tumblr postet.
katia
@knetagabo
mich und den sohn für nen tanzkurs angemeldet. der sohn tanzt mit seiner freundin und ich mit der mutter seiner freundin (sie als mann)