Auch rosa Wolken sind grau

Nach meinem Vortrag auf der Re:publica 14 wurde ich gefragt, ob Pornos jungen Menschen nicht ein falsches Bild von Sexualität vermitteln würden. Seitdem habe ich immer wieder darüber nachgedacht und festgestellt, dass ich in meiner Adoleszenz ebenfalls ein völlig falsches Bild vermittelt bekommen habe. Ein absurdes Bild von Liebe und Beziehung Dank einer Vielzahl von (Hollywood-)Liebesfilmen.

Zum Glück hatte ich eine eher gefühls-rustikale Familie. Meine Mutter ist der Meinung, dass eine klare und ehrliche Einschätzung der Lage wichtiger sei, als der Glaube an den Weihnachtsmann. Ein älterer Bruder mit einem kruden Humor und ein Vater, der regelmäßig vom Abendbrotstisch gerufen wurde, um eine Sectio durchzuführen, taten ihr übriges.

Trotzdem träumte ich, lange bevor ich Brüste und Haarwuchs hatte, von einem Traumprinzen, der mich mit Pferd und Schloss vor den langweiligen Banalitäten des Lebens rettet.

Meine Mutter, eine begeisterte Kinogängerin, klärte mich früh auf. Sie sagte: “Weißt Du, in den Filmen kommen die Liebenden zusammen und dann ist der Film zuende. Das ist eine Lüge. Dann fängt es erst an.”

Ich stand weiterhin begeistert vor Brautgeschäften und suchte lange nach der Liebe meines Lebens. Für mich selbst wohl am Überraschendsten fand ich sie auch. Aber meine Mutter behielt Recht, so dass ich nach fast 10 Jahren Ehe und Familie ein wenig ungehalten werde, wenn ich sehe, wie massiv Jugendliche nach wie vor der Glorifizierung von romantischer und lebenslanger Liebe ausgesetzt sind.

Es macht mich wütend zu sehen, wie sich selbsterklärte Bewahrer von Kirche, Familie und Traditionen durch die Talkshows ranten und erzählen, dass wir quasi schon in Sodom leben, nur weil nun auch liebende Menschen des gleichen Geschlechts heiraten dürfen. Wie sie einen direkten Zusammenhang zwischen sexueller Liberalität und einem (vermeintlichen) Verschwinden der Moral sehen, wie sie deklarieren, dass Frauen selbst für sexuelle Nötigungen verantwortlichen seien, wenn sie leicht bekleidet vor die Tür gehen und wie sie Monogamie und Familie als einzigst wahre und gute Daseinsformen beschwören.

Genauso wütend machen mich Ratgeber, in denen Männer und Frauen als Wesen mit unterschiedlichen Bedürfnissen völlig unnötig polarisiert werden, in denen ein Geheimnis für ewig andauernde Leidenschaft und Liebe vorgegaultet wird und in denen alternative Ideen keinen Platz finden oder gleichgesetzt werden mit Scheitern und ewigen Trübsal.

Und auch liberale Zeitungen erklären uns, dass die große Auswahl sowie der Mangel an (konservativen) Vorbildern und an Beziehungsdisziplin dazu führen, dass wir uns nicht mehr “trauen” oder gleich trennen, wenn es schwierig wird.

Niemand kommt auf die Idee, nach der Wurzel zu graben. Niemand fragt, ob unsere Vorstellungen von romantischer Liebe, von Beziehung, von Ehe, von Partnerschaft womöglich nicht immer mit unseren Bedürfnissen als Mensch übereinstimmen.

Wir rennen der großen Liebe und der ewig lodernden monogamen Leidenschaft nach, wie dem perfekten Gewicht, der ewigen Jugend und der unerschütterlichen Gesundheit.

Neulich traf ich auf meine ehemalige Hebamme. Sie hat gerade zum 3. Mal geheiratet. Sie wirkte entspannt, glücklich und abgeklärt. Wir Menschen, meinte sie, seien nicht fürs Alleinsein gemacht. Ich bin da absolut ihrer Meinung, wir sind keine Inseln. Ich sehne mich aktuell immer nach Einsamkeit, so lange bis ich einen Nachmittag für mich habe und ich mich abends freue, wieder bei Mann und Kindern zu sein.

Der Punkt ist, ich bin ein Fan von Familie, Ehe, Freunden, Clans und Gruppen aber der ideologische und absolutistische Unterbau kotzt mich an.

Denn ich stelle oft fest, dass ich nicht die Frage danach stelle, ob es mir gut geht, ob ich zufrieden mit meiner Lebenssitution bin. Vielmehr evaluiere ich meine Beziehung nach den gängigen Partnerschaftsnormen. Ich frage mich, wie viel Sex in einer Beziehung normal ist, wie frisch verliebt ich mich dauerhaft fühlen muss, ob ich andere Männer gierig anschauen darf und überhaupt wo diese rosa Wolken der ewigen romantischen Liebe geblieben sind, die man mir als Jugendliche versprochen hat?

Das alles hat überhaupt nichts mit fehlender Liebe, mit fehlender Dispziplin oder einer genusssüchtigen Generation zu tun, die zu viel Auswahl hat, sondern damit, dass man uns Scheiße erzählt hat, dass wir den falschen Vorbildern und Mythen hinterherhängen. Und anstatt die Beziehungsmythen vielleicht mal zu hinterfragen und zu überarbeitet, doktern wir mit mentalem Tesafilm an uns rum und reden uns ein, dass es funktionieren muss, wir haben es schließlich von Beziehungs-Experten gehört und gelesen.

Was uns fehlt, sind neue Ideen und Vorbilder. Wenn ich die Generation der Eltern und Großeltern – bei denen angeblich alles viel besser und einfacher war – beobachte, habe ich nur sehr selten den Eindruck einer liebevolleren und klügeren oder gar vorbildlichen Beziehungsführung. Man kann sich natürlich wünschen, dass auch unsere Generation Dank einer deutlich verringerten Auswahl an Lebensstilen und engeren moralischen Normen länger in einer Beziehung verharrt, so dass wir alle zusammen im Korsett der Maßregelung nach Luft japsen. Aber der Trick der ängstlichen Kehrtwende ist langweilg, schnöde und feige.

Es gibt wenige Antworten aber die Fragen verdienen es, gestellt zu werden und bis dahin verweigere ich mich weiter romantischen Komödien oder Tragödien, in denen Abweichungen vom Pfad zu Tod und Verderben führen.

Links der letzten Monate

Seit Januar keine Links mehr kommentiert gepostet. In sofern heute gut abgehangene Links der letzten Monate.


Ist das Internet gut oder schlecht? Ja.
Ich liebe Essays. Ich finde, sie sind mit die freieste Form, um Meinung, Wissen und Ideen miteinander zu verbinden. So wie Zeynep Tufekci, die eine gewaltige geistige Piourette dreht in der Internet, Social Media, die Proteste im Gezi Park, Überwachung und einiges mehr miteinander verschmelzen.

Die Gleichsetzung von dicken Körpern mit Ungelenkigkeit und Unsportlichkeit ärgert mich oft. Das eine hat – genauso wenig wie bei schlankeren Menschen – nichts mit dem anderen zu tun. Wie auch Emma Haslam so wunderbar beweist.

Julia Scott hat bei einem Kosmetik-Test mitgemacht. Bakterien statt Seife. Im Grunde ist die Frage “warum nicht?”.

Die schönsten Modefotos der letzten Monate.

Ich habe es ja nicht so mit Tieren, aber Delfine und Schweine sind eine Ausnahme. Das heißt zwar noch nicht, dass ich bei einem Delfin einziehen würde, aber die Geschichte von Margaret Lovatt und Peter ist beeindruckend.

Ist Küssen wichtiger als Sex? Gute Fragen, gute Antworten, das hat man beim Thema Sex ja leider nicht so oft.

Bevor die WM zuende geht, am besten noch einmal die Last Week Tonight Show mit John Oliver zum Thema Fifa gucken.

Die große Anzahl von schlechten und bösen Texte zum Thema Inklusion zeigt immer wieder, wie beschränkt die Geister insbesonderer deren sind, die ungefragt ihren vermeintlich großen Intellekt präsentieren.
Empfehlen kann ich aber immerhin zwei wirklich gute, unaufgeregte und kluge Texte: Jawl: Inklusion und Dr. Mutti: Henrinklusionichtmöglichenrinklusw.

20 Things They’ll Never Tell You About Being a Sex Worker. Ich fand das hochinteressant und es zeigt auch wieder, wie weit die Debatten an den tatsächlichen Bedürfnissen und Schwierigkeiten von SexarbeiterInnen entfernt sind.

Gern wird der patriachiale Kapitalismus mit angeblichen Evolutionstheorien gerechtfertigt. Sobald man sich aber näher mit Evolution und Anthropologie beschäftigt, sieht man schnell, dass das Bild viel facettenreicher und vor allem komplexer ist. Robert Sapolskys Studie über ein Affenrudel in Kenia ist ein Beispiel dafür, dass alles auch ganz anders sein kann.

Und auch George Orwell kann man von einer anderen Perspektive sehen: When Orwell Was Propaganda.

Und manchmal versteht man sich auch wenn man sich nicht versteht. Fast Fisch. Kommunikation ist einfach eine lustige Wundertüte.

Who’s fucking (nsfw!) Real deep.

Frau Dinges über Google und Die falsche Debatte. Der beste und pointierteste Text zu diesem Thema.

Wenn ein Einkaufszentrum zu einem Fischteich wird.

Link-Empfehlunge des Mannes:

Wer ist Marine Le Pen? Wie so oft: der Feind meines Feindes ist mein Freund, das macht es moralisch aber nicht wirklich bessser.

Deutscher Rettungswagenfahrer in Saudi-Arabien: “Hör mal, dein Kind stirbt jetzt” auf so vielen Ebenen schrecklich.

Wikipediaeintrag Heim & Welt gnihihi

Udo Lindenbergs #panikparty – Anatomie eines Shitstorms

Babyschwimmkurs zur Sicherheit, sehr faszinierend.

Monatsabrechnung: Meine Twitter-Favs Juni 2014

It is vital to national security that everyone keep taking selfies
Victoria
@VictoriaHamburg
Was keiner weiß: In das Trikot des Kameruner Torwarts wurden gleichfarbige Hello Kittys eingewebt.
Nein.
@NeinQuarterly
The correct answer is:
A. B
B. A and B
C. A or B
D. D
katjaberlin
@katjaberlin
gesponserte tweets sind doch unnötig. man kann auch einfach über feminismus twittern, wenn man sich von unbekannten anpöbeln lassen will.
Mann vom Balkon
@MannvomBalkon
Im Handschuhfach des Autos stets einen frischen Goldhamster mitführen, falls die Scheiben poliert werden müssen.
Mann vom Balkon
@MannvomBalkon
Überhaupt! Autowaschanlagen mit Hamsterfellen! Das wäre es doch.
Was, die folgt nur 25 Leuten? Das dürfte doch wohl um einen 5- bis 7-stelligen Faktor untertrieben sein.
Mann vom Balkon
@MannvomBalkon
Raststätte. Ein Businesskasper mit Headset diktiert einem Gesprächspartner lauthals seine Nummer. Schicke ihm jetzt eine versaute SMS.
Hans Wurst
@Amaot
Sieh da, ein Bergtroll. In seinen behaarten Unterarmen spielen ein paar Kinder…
Gebbi Gibson
@GebbiGibson
Wir haben für die Kinder Möhren, Sesam-Stangen und Reiswaffeln dabei. Als Kind würde ich mich als Eltern hassen.
Une image vaut mille mots, disent-ils. pic.twitter.com/Sjq0mEwwEe
“Warum spielen nisch alle Deutschen mit?” #wm
Sad Finger
@SaddestFinger
called my mother and overheard “get your face out of my ass while i’m on the phone”

she was either talking to the dog or she’s dating again

Wondergirl
@Wondergirl
Belgien gegen Algerien ist doch auch sowas, was sich Leute nur aus Distinktionsgründen angucken.
Max. Buddenbohm
@Buddenbohm
Sohn II: “Morgen will ich zu Planten un Blomen.”
Ich: “Das ist in Hamburg. Wir sind auf Lanzarote.”
Sohn II: “Ist das jetzt ein Problem?”
Andreas
@astoehr
what if all this marvel & star wars shit is just somebody’s evil master plan to deprive the world of interesting movies
Julia Pühringer
@JuliaPuehringer
“Sexarbeit lebt auch von Selbstüberschätzung der Cis-Männer”. Thema: Flatrate. Allgemeines bruha. #FemCampWien
Max. Buddenbohm
@Buddenbohm
In Wahrheit bin ich noch wach, halte meinen angefeuchteten Finger in die Wohnzimmerluft und fühle, wie mein WLAN um ihn herum knistert.
godzella
@mizblossom
You know what, guys? To be perfectly frank? Literally, like, scientifically, cavemen probably treated women better than you do. Seriously.
Ian Deveney
@DeKroonCat
Changed the ‘Ready’ message on the office printer pic.twitter.com/a9L0rjMel6

Gesprächsnebelbomben

Während meines Studiums habe ich für Referate immer besonders schöne und besonders hohe Schuhe ausgewählt.

Mit 10cm Absatz bin ich 1,83m und Dank meiner ohnehin sehr massiven Erscheinung wirke ich sehr einschüchternd.

Genau das war meine Intention. Durch mein Auftreten habe ich im Vorfeld versucht, meine Kommilitonen und Professoren abzuschrecken. Ich wollte Autorität und Dominanz ausstrahlen und mich gleichzeitig attraktiv fühlen. Mein Ziel war es, unmissverständlich klar zu machen, dass es sich um mein Referat und um meine Show handelt.

Natürlich war ich nicht immer zufrieden aber mein Plan ging in der Regel auf. Meine Referate wurden selten unterbrochen und die Diskussionen im Anschluss wurden sachlich und respektvoll geführt.

Ich wollte schon lange einen Text darüber schreiben, dass High Heels und auffallend weibliche Kleidung für mich persönlich “Werkzeuge” sind, die ich bewusst und gern nutze, um mich stärker und selbstbewusster zu fühlen bzw. bestimmte Punkte meiner Ausstrahlung zu unterstreichen (bzw. andere zu verdecken).

Als ich neulich ein Interview mit Dita Von Teese sah, erinnerte ich mich wieder an mein Vorhaben.

Sie wird im Interview mehrfach und in verschiedenen Varianten gefragt, ob ihre Arbeit und ihr Auftreten nicht anti-feministisch seien.

Dita Von Teeses Reaktionen auf die unendliche Fragen vorbei am Wesentlichen des Feminismus sind klug und deutlich.

a) Niemand sollte einer Frau sagen, wie sie auszusehen hat, um sich im eigenen Körper wohl zu fühlen, b) sie sieht ihre Arbeit und die von ihr geschaffene Persönlichkeit als Kunst und c) das Bedürfnis (in sexueller Hinsicht) zuweilen objektifiziert werden zu wollen, ist legitim und kein Widerspruch zum Feminismus.

Hätte ich die Gelegenheit Dita Von Teese zu interviewen, ich würde es tatsächlich wagen, ihr Fragen in Hinblick auf ihr Werk, ihre Kunstphilosophie, ihre Inspirationen und ihre zukünftigen Pläne als Künstlerin und Unternehmerin zu stellen.

Stellen wir uns vor, Robbie Williams wäre interviewt worden. Ein Mann der ebenfalls seinen Status als Sexsymbol in seiner künstlerischen Arbeit aufgreift. Ein Mensch, der in der Tat kein einfaches Verhältnis mit der Regenbogenpresse hat/hatte. Aber in einem Interview mit the guardian würde er ganz sicher nicht gefragt werden, ob sein Outfit nicht zu maskulin sei, ob er überhaupt Kunst mache, und nicht “nur” halbnackt und aufreizend auf der Bühne steht, um sich so zu einem Sexobjekt für Frauen zu machen

Spätestens mit dieser Analogie sollte deutlich werden, dass wie so oft mit zweierlei Maß gemessen wird. Die Kleidungsaussage einer Frau wird umgehend auf ihre Teilhabe am oder ihre Verweigerung des Feminismus gewertet. Die Kleidungsauswahl eines Mannes wird als Mittel zur Hervorhebung seiner (künstlerischen/beruflichen) Persönlichkeit gesehen.

Die Objektifizierung findet also gar nicht in dem Moment statt, in dem eine Frau leicht bekleidet auf die Bühne tritt, um sich im Rahmen einer Show zu einem Sexobjekt zu stilisieren, sondern viel früher, in dem Moment in dem sie vor die Wahl gestellt wird, entweder Feministin zu sein oder optisch mit Bildern von Weiblichkeit zu spielen.

Absurderweise greifen hier Strömungen des Feminismus und patriarchalischen Strukturen wie ein Uhrwerk ineinander.

Denn die Kritik an Frauen, die ihre Weiblichkeit offen zu Schau stellen oder sie zur Show machen, kommt von beiden Seiten.

Als ich Judith Holofernes Liebeserklärung an Dolly Parton las, wurde mir erstmals klar, was für eine großartige Frau und emanzipierte Feministin Dolly Parton ist. Einfach weil auch in mir die Idee so fest verankert ist, dass Frauen, die sexualisierte, offenherzigen Weiblichkeit symbolisieren, keine Feministinnen sein können.

Damit sind wir wieder an einem Grundpfeiler, der die aktuelle Gesellschaftsordnung trägt und dabei ganz wunderbar einige Strömungen des Feminismus für sich arbeiten lässt.

Anstatt einfach zu akzeptieren, dass es Frauen gibt, die sich mit High Heels und Make-Up, in Pinup-Posen und Reizwäsche stark und wohl fühlen, wird ihnen unterstellt, das Patriarchat durch ihr Verhalten zu zementieren und das Wohl aller Frauen zu gefährden. Die Möglichkeit einer bewussten Entscheidung wird in Abrede gestellt, als würde es sich um dumme Kinder handeln.

Ich ertrage diese Stellvertreterdiskussionen nicht mehr, die dafür sorgen, dass die wesentlichen Themen nicht angesprochen werden, sondern statt dessen mit Plädoyers für Haare dran, Haare abrasieren oder Brazilian Waxing ablenkende Gesprächsnebelbomben geworfen werden.

Ich will Interviews mit großartigen KünstlerInnen sehen und lesen, in denen interessante Fragen gestellt werden, ich will mir Kleidung anziehen, in der ich mich wohl fühle und wenn ich objektifiziert werden möchte, will ich nicht an das Patriarchat denken müssen.

Wenn wir uns wirklich Gedanken machen wollen, wie wir als gleichberechtigte Menschen miteinander leben wollen, sollten wir das Diskussionsniveau einer QVC-Verkaufsshow verlassen. Es kann nur interessanter werden. Für alle.

Das böse Weib

Einige Tage nachdem Elliot Rodgers aus Hass auf die Welt und vor allem aus Hass auf Frauen, vor allem die, die ihn nicht wollten, sieben Menschen erschoss, ploppte ein Text aus 2010 in meiner Timeline auf.

Wolfgang Bergmann schreibt darin über das “schreckliche” Leben von Jungs in der heutigen Zeit: Jungs von heute – verweichlicht und verweiblicht

Dieser Text ist auf so vielen Ebenen falsch und zeigt unfreiwillig gleichzeitig auf, was das Kernproblem unserer Gesellschaft ist. Eine Gesellschaft, die im extremsten Fall Menschen wie Rodgers produziert. Menschen, die glauben, dass sie Frauen (und einigen Männern) überlegen sind und dass sie das Recht haben, über Frauen zu bestimmen. Wenn sie in ihrem angeblichen Recht beschnitten werden, steht es ihnen zu, ihren Hoheitsanspruch mit Waffengewalt zu verteidigen.

Schon der Titel von Bergmanns Text ist unsäglich dumm gewählt. Zum einen wird “verweichlicht” und “verweiblicht” in einen Satz gepackt. Im Grunde sagt er damit, dass alles Weibliche auch Verweichlicht ist. Wie kommt er auf die Idee? Weiblichkeit ist Weiblichkeit und Weichheit ist Weichheit, beides zusammen ergibt überhaupt keinen Sinn.

Und ein weiterer Aspekt stößt mir immer wieder auf: Was ist Schlimm an Weiblichkeit? Was ist Schlimm an Weichheit? Bergmann macht schon im Titel deutlich, dass diese beiden Charakteristika schlecht und für kleine Jungs schädlich sind. Ein what the fuck ist das Zurückhaltenste was ich zu so einer Aussage äußern kann.

Es widert mich zutiefst an, wie in unserer Gesellschaft Härte, Streitsucht, aggressives Auftreten, Angeberei, Skurpellosigkeit, Dominanz und Selbstdarstellung verherrlicht und vor allem grundsätzlich mit “Männlichkeit” asoziert werden. Ebenfalls wunderbar passend zu den Geschehnissen in den USA und ebenfalls in der Welt, diesem Onlinemagazine der selbstverliebten Dummheit, erschien von Frank Schmiechen ein Artkel über echte Männer.

Ohne Ironie, Witz oder nur einen Funken Selbstironie schreibt Schmiechen Schleicher, dass “echte” Männer eben Regeln brechen und verfassungswidrig doppelt wählen, zu schnell fahren oder öffentlich urinieren.

Ernsthaft? Echte Männer sind Personen, die Menschen gefährend, weil sie zu selbstgefällig sind, um sich an Verkehrsregeln zu halten? Menschen, die Gesetzte brechen, weil sie meinen, dass sie darüber stehen und ihre Wahlstimme doppelt zählt? Und “echte” Männer sind unappetiliche Idioten, die einfach irgendwo hinpissen?

Wenn ich meinen Sohn so erziehe, dass er als Erwachsener genau diese Dinge nicht macht, sondern zivlisiert seine Meinung äußert, mit Argumenten Regeln ändert, durch Sprache und Handeln Menschen überzeugt und wenn er demütig ist und sich nicht für das Zentrum der Welt hält, habe ich dann meinen Sohn verweiblicht und verweichlicht und zu einem unglücklichen Menschen erzogen? Ich wage das zu bezweifeln.

Aspekte wie Empathie, Wärme, Liebenswürdigkeit, Kompromissbereitschaft, Fleiß oder Sensibiltät werden grundsätzlich der Weiblichkeit zugeordnet. Und interessanterweise stets mit Schwäche und Minderwertigkeit in Verbindung gebracht. In unserer patriarchalen und kapitalistischen Welt werden diese Eigenschaften im besten Fall akzeptiert und bestimmten Lebensbereichen zugeordent: Erziehung, Umgang mit Pflegebedürftigen, Dienstleistung oder der Zuarbeit/Vorbereitung.

Bewundert oder gewertschätzt werden diese Eigenschaften eigentlich nie.

Und auch Bergmann findet nichts Gutes daran für einen zukünftigen Mann. Denn ein zukünftiger Mann – so Bergmann – braucht Wettbewerb, möchte der Bestimmer sein, Ängste überwinden, muss raufen, laut sein, bauen und gestalten.

Zwei Fragen drängen sich auf: warum müssen Jungs das und warum gilt das gleiche nicht auch für Mädchen?

Ich behaupte nicht einmal, dass es keine Unterschiede zwischen Frauen und Männern gibt. Aber die Bedürfnisse sind ähnlicher als einem ständig erzählt wird.

Als Kind – und zum Teil noch heute – wollte ich bestimmen, toben (es traut und traute sich nur keiner mit mir, außer meinem 8 Jahre älteren Bruder), Ängste überwinden, laut sein, bauen, gestalten und um die Wette rennen. Und als Mutter einer Tochter und eines Sohnes sehe ich trotz der Unterschiedlichkeit, dass beide Kinder im gleichen Maße wild, laut und neugierig sind.

Dass es heute eher unüblich ist, dass Kinder ganze Tage allein mit ihren Freunden im Wald verbringen, dass Schule viel zu viel Stillsitzen und viel zu wenig Freiraum bietet, dem stimme ich zu, aber darunter leiden Mädchen wie Jungen.

Anstatt zu erkennen, dass das Problem vielmehr in einer leistungsbezogenen Gesellschaft liegt, in der so viele Eltern unruhig werden, wenn ihre Kinder nicht früh genug Chinesisch und Englisch lernen, in der jeder ungerade Lebensweg der Kinder mehr Panik auslöst, als Bluemie oder Magersucht, macht Bergmann vermeintlich weibliche Aspekte* dafür verantwortlich.

Das ist gleichzeitig so böse, menschenverachtend und dumm, wie man es nur von einem Hassprediger erwarten kann. Meines Erachtens, waren es nicht Empathie, Wärme, Liebenswürdigkeit, Kompromissbereitschaft, Fleiß oder Sensibiltät, die Elliot dazu verleitet haben, sieben Menschen zu töten. Es war vielmehr das Gedankengut einer Gesellschaft, die immer wieder die Verantwortung für das Böse der “Weiblichkeit” zuordnet.

Frauen mögen mich nicht = ich habe das Recht sie zu erschießen
Weibliche Erziehung = Depressive, hyperaktive und kranke Jungen und Männer
Wahlbetrug, öffentliches Urinieren, Unfähigkeit Straßenregeln zu befolgen = echte Männer
Logik anyone?

*Absurderweise setzt Bergmann Leistungsdenken und weibliche Pädagogik ebenfalls in einen Sinnkontext. Dabei ist der Leistungsgedanke inklusive einer Leaderrolle sonst eindeutig der “Männlichkeit” zugeordent. Ich nehme an, er wollte seine Argumentation nicht durch Logik versauen.

Monatsabrechnung: Meine Twitter-Favs April und Mai 2014