Nur richtige Vergewaltigungen

Auf Twitter bemerkte neulich jemand, dass die Diskussion über #neinheißtnein von der Verhandlung um Gina-Lisa Lohfink vielleicht besser getrennt werden sollte. Hintergrund sei, dass man von außen nicht mehr sagen könnte, was nun passiert sei. Ich fand, dass das ein ziemlich erbärmlicher Ansatz ist. Wie oft kann man bitte schön von außen genau sagen, was passiert ist? Dürfen wir nur noch klare Situationen zur Grundlage von gesellschaftlichen Debatten machen?

Zweifelsohne ist die Diskussion um Frau Lohfink, Vergewaltigung und Strafrecht mittlerweile so komplex, dass sie nur schwer zu überblicken ist. Ich versuche trotzdem kurz anhand dessen, was ich bislang hierzu gelesen habe, die Rahmendaten zusammenzufassen. Ich fand hier vor allem einen Text aus dem Stern hilfreich.

Im Juni 2012 machen machen zwei Männer Videoaufnahmen von Frau Lohfink während sie Sex mit ihr haben. Frau Lohfink ist sichtbar betrunken, möglicherweise steht sie auch unter dem Einfluss von Drogen und/oder k.o.-Tropfen. Nachweisbar ist das allerdings nicht mehr. Im Laufe des Videos sagt Frau Lohfink drei mal „Hör auf!“.

Die Männer bieten das Video diversen Medien an. Es findet kaum Absatz, sie laden es hoch und das Video verbreitet sich schnell. Hierzu gibt es ein Gerichtsverfahren, bei dem einer der Männer zu einer Geldstrafe verurteilt wird. Für den anderen wird das Verfahren eingestellt, weil er wohl abgetaucht ist.

Jetzt steht Frau Lohfink wegen einer möglichen Falschaussage vor Gericht. Es ist zu klären, ob die Aussage von Frau Lohfink, dass sie in dem Zeitraum, in der auch die Videoaufnahmen gemacht wurden, vergewaltigt wurde, stimmt oder nicht. Wie mir Frau Modeste via Twitter erklärte, haben nicht die beiden Männer Frau Lohfink verklagt. § 164 ist ein Offizialdelikt. Basierend auf § 164 StGB ist es verboten, einen Dritten wissentlich einer Straftat zu bezichtigen, die er nicht begangen hat. Es reicht dem Gericht zur Feststellung einer Vergewaltigung wohl nicht aus, dass Frau Lohfink drei Mal „Hör auf“ gesagt hat. Begründet wird dies damit, dass sich das „Hör auf“ auch auf eine bestimmte sexuelle Praktik bezogen haben könnte und nicht auf den Geschlechtsverkehr im allgemeinen.

Hinzu kommt, dass Frau Lohfink vor der Nacht mit dem Video einvernehmlichen Sex mit einem der Männer hatte und danach weiterhin in Kontakt mit ihm stand und sich wohl auch mit ihm getroffen hat. Das alles mag nicht ganz einfach zu sortieren sein, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass andere Gerichtsverfahren viel weniger komplex sind. Ich kenne die genaue Gesetzeslage nicht, daher stelle ich mir folgende Fragen (wenn jemand dazu was sagen kann, freue ich mich über Kommentare):

A) Wie oft wird ein Verfahren wegen Falschaussage (von der Staatsanwaltschaft) angestrengt? Ist das ein übliches Prozedere?

B) Warum wird das Verfahren bei so einem sensiblen Thema öffentlich geführt?

C) Wenn Frau Lohfink hier jetzt wegen Falschaussage angeklagt ist, warum gilt nicht bei ihr „im Zweifel für den Angeklagten“? Immerhin beweist das Video zumindest, dass die Situation zweifelhaft war. Sie war offenbar nicht ganz bei sich, sie hat mehrmals darum gebeten, das aufgehört wird und die Aufnahmen wurden gegen ihren Willen online gestellt. Das sind drei Aspekte, die nicht wirklich zu einvernehmlichen Sex gehören.

D) Warum dürfen Zuschauer im Gerichtssaal Frau Lohfink anpöbeln und beschimpfen?

Wie im Januar die Vorfälle in Köln, wirft auch diese Verhandlung die Frage auf, ob und wie das aktuelle Sexualstrafrecht überarbeitet, angepasst oder verschärft werden soll. Ich habe den Text von Thomas Fischer dazu gelesen, aber unter all der Polemik leider keine sachlichen oder konstruktiven Aspekte gefunden. Offenbar ist die Gesetzgebung so, dass ein „nein“ beim Sex nicht ausreicht, um nachher von einer Vergewaltigung zu sprechen. Es müssen wohl auch Merkmale wie Drohung, Gewalt oder das Ausnutzen einer schutzlosen Lage gegeben sein.

Auch hier weiß ich nicht wie die aktuelle Lage genau aussieht, was genau geändert werden soll und wie dies dann in den konkreten Verhandlungen umgesetzt werden soll. Selbst wenn demnächst (vollkommen richtig!) juristisch ein „Nein“ ausreicht, wird es ja trotzdem weiterhin Fälle geben, in denen Aussage gegen Aussage steht und der Sachverhalt schwierig zu klären ist.
Ich freue mich über sachliche Kommentare, falls jemand genaueres dazu sagen kann.

Unabhängig von juristischen Fragen wird parallel eine öffentliche Diskussion geführt, die mich erschüttert. Und das meine ich formal wie inhaltlich. In den letzten Wochen habe ich auf Twitter an einigen kleineren Diskussionen beteiligt. Zum Glück waren diese insgesamt sehr respektvoll, ich versuche die Untiefen des Irrsinns zu vermeiden. Aber die Spitze des Eisbergs deutet ja auch trotzdem auf das hin, was sich in der Tiefe verbirgt.

Folgende Punkte scheinen vor allem bei Männern zu massiver Verstörung zu führen. Während zwar jeder sagt, dass ein Nein natürlich ein Nein bedeutet, will keiner, dass dies gesetzlich festgeschrieben wird. Die größte Sorge ist, dass die Anzahl von falschen Beschuldigungen zunimmt. Nun: nur weil ein Nein auf einmal auch Nein bedeutet, wird der Fall trotzdem noch regulär verhandelt werden. Das heißt, es gilt die Unschuldsvermutung, es gibt eine Beweisaufnahme und eine Verhandlung. Die Möglichkeit einer Falschaussage ist nicht kleiner oder größer als vorher. Der einzige wesentliche Unterschied ist eine Selbstverständlichkeit. Und im Grunde ist es super einfach: wenn jemand bei Sex nein sagt, einfach mal nachfragen und ggf. aufhören.

Im Feuilleton der Zeit erschien ein Text mit dem Titel Das Schlafzimmer als gefährlicher Ort. Hier steht, eine Verschärfung des Sexualstrafrechts kann dazu führen, dass eine Frau nach einer Nacht mit leidenschaftlichem Sex von Vergewaltigung spricht. Die Sorge ist: wir werden alle nie wieder geilen, hemmungslosen Sex haben. Das Sexualstrafrecht wird uns zu kastrierten Menschen ohne Freude machen. Auf die Panik vor dem Verlust der Leidenschaft würde ich gern mit Logik antworten. Wenn ich eine großartige Nacht mit leidenschaftlichen Sex hatte, werde ich mich die nächsten Wochen verträumt daran erinnern, ich würde versuchen, das Erlebnis baldmöglichst zu wiederholen und die Person, mit der ich die Nacht geteilt haben, wird einen Platz in meinem Herzen bekommen. Ich werde ganz sicher nicht zur Polizei gehen, dort eine Anzeige erstatten, mir einen Anwalt suchen, als Zeugin in einem Prozess aussagen und die Person, mit der ich kurz zuvor wunderbaren Sex hatte, ins Gesicht einen Vergewaltiger nennen. Als Teenager war ich Opfer und Zeugin in einem Sexualstrafprozess. Ich möchte allen versichern, das macht keinen Spaß. Diese Prozedur macht man nicht aus Jux und Dollerei mit. Frauen zu unterstellen, sie würden nach einer gesetzlichen Änderung diese „Chance“ nutzen, um Männern eins auszuwischen, grenzt an Bösartigkeit. Diese Behauptung ist zudem genauso dumm wie die, dass die Pille danach ohne Rezept, dazu führt, dass Frauen die Tabletten wie Smarties zu sich nehmen. Übrigens kenne ich genau 0 Männer, die Opfer einer falschen sexuellen Beschuldigung wurden, indessen haben fast alle Frauen in meinem Umfeld unterschiedlich starke Formen sexueller Gewalt kennen gelernt.

Der Fall von Frau Lohfink ist es in den Augen vieler nicht wert, als richtige Vergewaltigung behandelt zu werden. Dem einen ist die Welt der Frau Lohfink fremd. So als würde Vergewaltigung nur bestimmte Welten betreffen. In der Welt der Proleten und Vulgären ist sie einfach normaler Teil der Kommunikation und insofern nicht beachtenswert. Der nächste versteht nicht, wieso man erst mit jemanden einvernehmlichen Sex haben kann, dann vergewaltigt wird und sich trotzdem nochmal mit ihm trifft. An dieser Stelle möchte ich eigentlich immer weinen. Mir wird dann immer bewusst, wie wenig Ahnung die meisten Männer von sexueller Gewalt oder sexuellen Übergriffen haben und es ärgert mich umso mehr, wenn sie mir erklären wollen, was richtige und falsche Gesetze sind, wo sexuelle Gewalt beginnt und was ganz sicher keine sexuelle Gewalt ist.

Auf dem Gymnasium hatte ich einen Lehrer, der gegenüber uns Mädchen nicht nur anzügliche Bemerkungen machte, sondern uns auch Kreide in den Ausschnitt warf, sie teilweise auch selbst wieder rausholte. Gut sichtbar spielte er mit seinen Eiern in der Hosentasche oder rieb seinen Schritt an den Tischkanten. Dabei guckte er uns lasziv an und leckte mit seiner Zunge über seine Lippen. Soweit mir bekannt ist, hat der Lehrer nie Konsequenzen aus seinem Verhalten ziehen müssen. Er hat sich über Generationen von Schülerinnen so verhalten und war wohl schon relativ alt und ruhig geworden, als er uns unterrichtete. Wir Schülerinnen – in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihm – haben uns nie offiziell beschwert. Auch die Eltern haben keine Beschwerde eingereicht. Wenn sie es überhaupt von ihren Kindern erzählt bekommen haben, konnten die meisten Eltern sich nicht vorstellen, dass jemand wirklich sowas macht. Es gab zudem außer unserer Aussage keine Beweise. Unser Lehrer genoss Imunität und konnte machen, was er wollte. Und natürlich waren wir freundlich zu ihm, wir mussten uns damit arrangieren, dass wir ihm nicht aus dem Weg gehen konnten.

Was ich sagen will: es gibt Situationen, in denen ist es sehr schwer, sich zu wehren. Man weiß als Frau, dass einem nicht schnell geglaubt wird. Oft fragt man sich auch selbst, ist das jetzt wirklich so passiert? Ich mein, welcher klar denkende Mensch reibt seinen Pimmel an einem Tisch? Habe ich was falsch gemacht? Das kann doch nicht sein. Das wird doch niemand tun. Oft dauert es lange, bis man sich sicher ist, dass das was einem passiert ist, falsch ist.

Und die Diskussion um dem Fall Lohfink bestätigt mich darin, dass eine Vergewaltigung nur dann ernst genommen wird, wenn sie engen Kriterien entspricht, klar beweisbar ist oder ein Geständnis vorliegt. Mit engen Kriterien meine ich, dass das Opfer wirklich auch ein „richtiges“ Opfer ist und keine Frau mit sonst aggressiver Sexualität, Silikonbrüsten und einer grellen Stimme. Der Täter sollte aus dem Dunkeln kommen und überfallartig seinem Opfer in einer Unterführung auflauern. Sobald der Fall kompliziert ist, der Täter aus dem persönlichen Umfeld kommt und/oder das Opfer nicht dem gesellschaftlichem Opferschema entspricht, wird auf einmal alles in Frage gestellt. Wenn ich also lese, dass der Fall von Frau Lohfink sich wegen mangelnder Klarheit nicht als Beispiel eignet, dann kann ich nur entgegnen: wer aufgrund mangelnder Fähigkeit nicht in der Lage ist, sich in komplexe Sachverhalte hineinzudenken, sollte nicht den Erklärbär machen.

Insofern ist der Fall Lohfink genau richtig für die Diskussion #neinheißtnein. Er zeigt, dass es genau darum geht, zu überlegen, wo sexuelle Gewalt anfängt und welche Vielfalt und Facetten sie haben kann. Wir müssen über Konsens sprechen und uns immer wieder bewusst machen, dass Konsens wirklich für alle gilt. Darüber hinaus ist die Frage, warum eine panische Angstmache betrieben wird, nur weil eine Selbstverständlichkeit gesetzlich verankert werden soll.

Nachtrag: Der oben erwähnte Text aus der Zeit von Sabine Rückert ist nun online verfügbar.

Bitte kein Gulasch

Neulich habe ich dem Mann gestanden, dass ich kein Gulasch mag. Das ist nicht ganz korrekt, ich mag das Gulasch mit Spiralnudeln, das ich in meiner Kindheit und Jugend bei A. gegessen habe. Aber das ist auch kein klassisches Gulasch, sondern eher eine milde braune Maggi-Bratensauce mit zarten und kleinen Fleischstückchen. Der Mann kocht sehr gut, sehr oft und isst sehr gern Gulasch. Wenn er vorgeschlagen hat, uns ein leckeres Gulasch zu kochen, habe ich also stets Ausreden gesucht wie: „Gulasch ist ein Wintergericht, wir können es nicht im Mai essen“ oder „Vielleicht nächste Woche“ oder „Wir sollten nicht so viel Fleisch essen“. Als mir nach 11 Jahren die Ausreden ausgingen, beschloss ich, ihm ehrlich zu sagen, dass ich eines seiner Lieblingsgerichte einfach nicht mag.

Mein Verhältnis zu Gulasch bekam seinen Todesstoß während eines Urlaubs in Ungarn. Ich hatte mich sehr auf die ungarische Küche gefreut, nur um dann festzustellen, dass es meist knorpeliges Fleisch in roter Sauce gab. Der Plattensee und die Thermalbäder konnten die Mangelernährung auch nicht wett machen. In einem Text über Anthony Bourdain und Köln las ich neulich:

I often say that the places I go there’s a pheromonic decision made very, very quickly. You step outside the airport terminal and you go [breathes in through nose] and you know right away there’s something about this place that I think I’m going to like.

Ganz klar: damals in Budapest und am Plattensee behagten mir die Pheromone einfach nicht.

Essen ist für mich wie Partnerwahl. Wenn es schmeckt oder gut riecht, verknalle ich mich. Irgendwann erzählte ich jemanden von meinen Reisen. Während ich so vor mich her schwärmte unterbrach mich mein Gegenüber und meinte: „Du redest nur von Essen und Trinken“. Erst war mir das sehr unangenehm. Schließlich wird Essen gesellschaftlich nicht nur positiv gesehen. Die Völlerei ist eine der Todsünden, da sollte man ekstatische Begeisterung für Nahrung eher sparsam dosieren. Erst mit der Zeit wurde mir klar, dass ich mir die Welt zu einem großen Teil über Nahrung und Gerüche erschließe. Es gibt also keinen Grund, sich dafür zu schämen.

Es gibt nur wenig, das einem so nahe kommt und quasi jede Station des Körpers kennenlernt wie das, was wir zu uns nehmen. Es gibt kein besseres Mittel für mich fremde Länder kennenzulernen, als zu essen und zu trinken. Daher interessiere ich mich oft auch mehr für Supermärkte, Märkte, Cafés und Restaurants als für Museen. Im wahrsten Sinne des Wortes versuche ich, mir meine neue Umgebung einzuverleiben.

Aber auch in meiner alltäglichen Umgebung freue ich mich auf gutes Essen, einen leckeren Kaffee oder einen köstlichen Snack wie andere auf ein tolles Konzert. Mit Schreck geweiteten Augen las ich daher neulich einen Text über Soylent-Flüssignahrung. Sicherlich gibt es Menschen, die es entspannt, wenn sie nicht mehr über Essen nachdenken müssen, aber für mich wäre eine Ernährung, die hauptsächlich auf Flüssignahrung basiert, ein Albtraum. Alles in dem Text klingt wie eine freiwillige Nebenhöhlenentzündung, wegen der man eine Zeit lang nicht mehr riechen kann. Ich habe das leider öfter. Ich nehme meine Umgebung dann viel stumpfer und gedämpfter wahr. Sobald ich wieder riechen kann, freue ich mich sogar über den Geruch meiner Kacke. Die Vorstellung, jeden Tag nahrhaften Bauschaum zu mir zu nehmen, deprimiert mich zutiefst.

Das Wunderbare am Essen ist, dass es mehrere Ebenen der Befriedigung gibt. Ich finde es albern, wenn Essen als der Sex des Alters bezeichnet wird, so als wäre Essen eine Ersatzbefriedigung. Völlig unabhängig davon, dass beim Sex das Alter völlig irrelevant ist, sollte Essen als Befriedigung für sich selbst stehen. Zum einen auf der ganz persönlichen Ebene und zum anderen auch auf der Ebene des gemeinsamen Erlebens. Meine Erinnerung ist gefüllt mit schönen Stunden beim Essen mit Menschen, die mir was bedeuten. Was ich an italienischen Filmen mag ist, dass am Ende ganz oft eine Feier oder ein gemeinsames Abendessen stattfindet. Leute, die sich vorher noch fremd waren, die sich stritten und bekämpften, sitzen am Ende zusammen und genießen ein gutes Essen. Ein Mahl stiftet Frieden und Harmonie, es ist der Ausgangspunkt einer Art Zivilisation. Und insofern hat Essen dann auch viel mit Sex gemein. Es bringt die Menschen einander näher, schafft Intimität und Bindung.

Diese ganzheitliche Herangehensweise mag ich auch an der Netflix-Serie Chef’s Table. In dieser Doku-Serie wird pro Folge eine hervorragende Köchin oder Koch vorgestellt. Als der Mann die Serie vorschlug, willigte ich nur mäßig begeistert ein. Ich befürchtete, dass eine öde Kochsendung auf mich zukommen würde. Die erste Folge mit Massimo Bottura hat mich dann gleich so begeistert, dass ich mich morgens schon darauf freute, am Abend endlich die nächste Folge sehen zu können. In der Serie wird das Leben der KöchInnen anhand ihres Essens erzählt. Immer wieder wird deutlich, dass Essen eben nicht (nur) dazu dient, Vitamine,
Mineralstoffe und Energie in unseren Körper zu stopfen, sondern Nahrung ein Teil von uns ist. Ein Teil unsere Erinnerung, ein wesentlicher Schlüssel dazu, wie wir die Welt wahrnehmen und ein Bindemittel zwischen uns und anderen Menschen.

Die Folge über Francis Mallmann war für mich das Beste was ich seit Monaten gesehen habe. Mallmann ist vollkommen irre und scheint wirklich sehr konsequent das zu tun, was er will. Zusammen mit ein paar jungen Menschen kocht er in Erdlöchern, auf offenen Feuerstellen neben malerischen Seen oder hängt (tote) Schweine an Gerüsten übers Lagerfeuer. Ich habe nicht verstanden, wie er davon genau leben kann und ob seine jungen Angestellten angemessen entlohnt werden und tatsächlich so toll miteinander klar kommen. Aber es war mir in dem Moment auch egal. Was hier zum Vorschein kam, war ein Bild von Menschen, die versuchen, Freiheit, Abenteuer und Gemeinschaft miteinander zu verbinden. Das kann man pathetisch und absurd-idealistisch nennen aber ich finde es einen ganz angenehmen Gegenentwurf zu einer Gesellschaft, die sich über Gutmenschen lustig macht.

Auch in den anderen Folgen der Serie klingen Elemente von Freiheit, gegenseitiger Achtung und Abendteuer immer wieder an. Die Vorstellung, dass es Menschen gibt, die miteinander Essen zubereiten, die ausprobieren, welche mannigfaltigen Möglichkeiten es gibt, Essen zuzubereiten, die sich mit dem Reichtum dessen beschäftigen, was die Natur uns bietet und die das alles auch noch mit anderen teilen, lässt mich nach jeder Folge satt und zufrieden sein. Und selbstverständlich kann man einwerfen, dass das Essen in Restaurants nicht geteilt, sondern verkauft wird. Aber ganz ehrlich, ich habe in den wenigsten Fällen den Eindruck, dass sich das Geschäftsmodell „Restaurant“ als Gelddruckmaschine eignet. Ohne eine große Portion Idealismus wird man diesen kräftezehrenden Job ganz sicher nicht machen.

Ein Aspekt, der in Chef’s Table auch immer wieder aufgegriffen wird, ist die Frage, ob Kochen Kunst oder zumindest ein kreativer Akt sein kann. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass die Frage danach, was Kunst ist und was nicht, mehr zerstört als fördert. Eine Kanonisierung ist nichts anders als eine Vereinfachung. Wenn ich schon nicht in der Lage bin, die Welt zu begreifen, dann grenze ich sie einfach ein. Das macht es übersichtlich. Grenzen bedeuten aber eben immer auch, dass der Blick eingeengt wird, dass das was außerhalb der Grenzen passiert, nicht wahrgenommen wird und alles innerhalb der Grenzen zu einem lahmen Einheitsbrei verkommen kann. Die Frage nach der Kunst ist mir am Ende also eigentlich egal. Viel interessanter ist doch, dass wir hier einen Teil unserer Menschheitsgeschichte nachvollziehen können. Ich habe mich immer gefragt, wie die Leute an den unterschiedlichsten Orten, z.B. auf die Idee kamen, Getreidekörner zu sammeln, zu mahlen, mit Wasser zu vermischen und zu warten, bevor sie die Matschepatsche über Feuer zu einem Brot machten. Und natürlich kann man Molekularküche affig finden oder sich darüber lustig machen, dass einige Restaurants konsequent nur regionale Produkte nutzen. Aber dann übersieht man eben auch, dass das, was wir heute als gutbürgerliche Küche bezeichnen, auch irgendwann mal ausprobiert und entwickelt wurde. Das übrig gebliebene knorpelige Fleisch musste eben auch verwertet werden. Insofern sollte ich dem Gulasch einfach nochmal eine Chance geben. Aber erst, wenn es kälter wird, Gulasch ist schließlich ein Wintergericht.

Eine Handvoll Lieblingstweets

Kommentaroffensive

Heute morgen spülte mir Facebook die aktuelle Kolumne von Margarete Stokowski in die Timeline. Dieser Text ist unglaublich klug und sehr differenziert. Stokowski stellt zunächst erstmal dar, dass die meiste Gewalt gegen Frauen und Männer von Männern kommt. Sie stellt ebenfalls fest, dass es offenbar eine Form der Männlichkeit gibt, die auf Gewalt und Dominanz basiert und Gefühle nicht zulässt. Aus dieser resultiert womöglich die Gewalt, die für unsere gesamte Gesellschaft problematisch ist. Oder anders ausgedrückt: wenn vor allem Männer zu Gewalttätern werden, dann sollten wir uns überlegen, wieso das so ist. Margarete Stokowski schreibt nicht, dass Männer grundsätzlich Vergewaltiger und Schläger sind, sie schreibt auch nicht, dass es ein männliches Schicksal ist, gewälttätig zu werden. Sie ist lediglich der Meinung, dass ein bestimmtes gesellschaftlichen Bild von Männlichkeit, dazu führen könnte, dass Männer gewalttätig werden.

In einem Anfall von Irrsinn klickte ich auf die Kommentare. Es handelte sich nicht einmal um die Kommentare unter dem Originaltext, sondern um relativ moderate Kommentare unter einer Facebook-Verlinkungen. Seit einiger Zeit antworte ich sogar auf Kommentare. Es ist mein Versuch, Dinge nicht so stehen zu lassen. Ich schreibe Kommentare weil ich fnde, dass ein „das wird man ja wohl sagen dürfen“ kein Freifahrtschein für Pöbeleien, Anfeindungen oder Verunglimpfungen ist.

Dieser Kommentar fiel mir auf:

A: Oh man, nervt mich der permanente Gender Mist. Auf der einen Seite keinen Unterschied machen, aber auf der anderen Seite abgrenzen. Was wollt ihr denn machen? 100000 Jahre Evolution zurück drehen? Die ganze Natur ändern? Der größte Teil hält sich an die Gesetze. Umgekehrt gibt es genügend Frauen, die andere Straftaten begehen. Sprechen wir mal darüber!

Ich antwortete:

Journelle: Oh man, mich nerven diese Typen die permanent rumnöhlen. Auf der einen Seite beweisen die Statistiken, dass Männer gewalttätiger sind als Frauen aber auf der anderen Seite schimpfen die Männer wenn dieser Fakt klar benannt wird. Was wollt Ihr denn? Wollt Ihr Weiber verprügeln und vergewaltigen? Ist es das was ihr glaubt, das die Evolution Euch mitgegeben hat? (Abgesehen davon, wer sich jemals ernsthaft mit Anthropologie und Menschheitsgeschichte auseinander gesetzt hat, müsste wissen, dass aggressives männliches Verhalten wie im Text beschrieben, nicht naturgegeben ist). Was wollt Ihr? Zivilisation und Rechtsstaat wenn es Euch passt und sonst eine evolutionäre Erklärung für schlechtes Verhalten? Klar, hält sich der Großteil an Gesetze aber warum jammerst du rum, wenn gesagt wird, dass die, die sich nicht dran halten, vor allem Männer sind. Und welche Straftaten meinst Du? Statistiken bitte, wild rumbehaupten kann jeder. Ich verstehe es echt nicht, statt darüber nachzudenken, wie wir für uns alle und unsere Kinder die Welt besser machen können, ist Deine Reaktion Rumgejammere? Was für eine Trostlosigkeit!

Man kann sich immer sicher sein, dass geantwortet wird:

A: Was ich will? Solche dummen Sätze wie Ihr Männer nie wieder hören. Es geht mir auf den Sack. Und wenn das rumnöhlen/jammern was auch immer sein soll: jammert nicht rum ihr wisst doch wie die Welt ist. Das wäre ein genauso dämlicher Kommentar wie ihrer. Und ja wir sind gewalttätiger. Nennt sich dann Evolution. Sinn würde es machen sich darüber Gedanken zu machen wie man das nutzbar macht und nicht immer rummault, dass alle Männer sxheiße sind. Sorry, aber es nervt nur noch. Was wollt ihr von mir? Ich habe niemals eine Hand gegen eine Frau erhoben, ich habe immer alle Menschen mit einem Mindestmaß an Respekt behandelt. Trotzdem muss ich mir anhören ich sei gewalttätig und ein Vergewaltiger, per se. Weil ich ein Mann bin. Schon mal überlegt, dass das eine gewisse Form von Rassismus ist? Wahrscheinlich nicht. Die „Statistiken“ in diesem Artikel lassen einer Überprüfbarkeit übrigens missen. Daher kann ich ebenfalls sagen: Statistiken bitte. Können wir nicht langsam aber sicher mal auf Aufenhöhe diskutieren ohne dass sich Frauen moralisch überlegen und erhaben aufführen? Das sind meine Probleme. Trostlos ist mein Leben übrigens nicht, danke für den dummen Kommentar am Ende, könnten Sie sich wohl auch nicht verkneifen, oder? Können Sie ja auch nicht beurteilen, kennen mich ja nicht. Und eine bessere Welt für meine Kinder bedeutet eine bessere Welt ohne solche Artikel, ohne dass ich mir diesen blöden Mist wie ihren anhören muss. Den Fehler mal im System gesucht? Vllt ist Gewalt eine reflektorische Handlung? Ich habe keine Ahnung woran es liegt. Ach übrigens, dass will ich alles. Was andere Männer wollen, fragen Sie die bitte persönlich. Ich kann nur für mich sprechen. So blöde Verallgemeinerungen helfen niemanden. Das ist das selbe als wenn man: die Syrer oder sonst muss schreibt genauso unnötig und dumm.

Aber auch auf meine Antwort kann man sich verlassen. Sie hat allerdings etwas gedauert, weshalb in der Zwischenzeit 20 weitere Kommentare geschrieben wurden. Diese sind zwar auch sehr interessant, aber alle Kommentare zu zitieren, würde dazu führen, dass dieser Text das epische Ausmaß einer Folge Game of Thrones annehmen würde:

Journelle: Well, that escalated quickly.

Ich konzentrier mich mal auf Ihre Antwort, die sich konkret auf mich bezog. Allerdings werde ich sicherlich auch den ein oder anderen Kommentar in diesem Diskussionsverlauf aufgreifen.

Ganz offenbar ist Ihr Problem, dass Sie nicht mit Gewalttätern in einen Sack gepackt werden möchten. Sie sind ein guter Mann. Sie schlagen und vergewaltigen keine Frau. Und ich möchte sie dazu beglückwünschen, das machen sie gut. Wenn Sie den Text von Margarete Stokowski aufmerksam gelesen hätten, wäre Ihnen aufgefallen, dass Männer nicht angegriffen werden. Es wird von einem gesellschaftlichen Männerbild gesprochen, das toxisch ist. Ich zitiere aus dem Text:
„Im Englischen gibt es den Begriff der „toxic masculinity“, also einer Form von Männlichkeit, die auf Dominanz und Gewalt basiert und Gefühle nicht zulässt. Dazu gehört auch die Vorstellung einer gigantischen Ladung sexueller Triebhaftigkeit, die nur mit Mühe in zivilisierten Bahnen gehalten werden kann. Es ist ein Problem, wenn Jungs und Männern immer wieder erzählt wird, dass ein „richtiger Kerl“ nicht weine, eine ausschweifende und geradezu animalische Sexualität habe und alles, was sich ihm in den Weg stellt, eigenhändig beiseite räumen müsse – ein Problem für Frauen und Männer.
Es ist diese Form von Männlichkeit, die wir thematisieren müssen. Dass sie weit verbreitet ist, heißt nicht, dass sie in der „Natur“ von irgendwem liegt.“

Sie sehen, weder der Text noch ich haben Sie persönlich beleidigt oder einen Vergewaltiger genannt. Sie haben das einfach mal auf sich bezogen, um dann in einem perversen Twist sich selbst zum Opfer zu machen.

Und in diesem Zusammenhang würde ich auch gern auf den Widerspruch, der Ihren Kommentaren zu Grunde liegt, aufmerksam machen. Denn Sie behaupten einerseits, das Männer gewalttätiger sind und andererseits wollen Sie nicht als gewalttätiger Mann bezeichnet werden. Sie müssen sich da entscheiden, wenn Sie logisch argumentieren wollen.

Und das nennt man auch nicht Evolution. Evolution bedeutet nicht, dass der Stärkere siegt. Es bedeutet, dass die sich durchsetzen, die sich am besten Ihrer Umgebung anpassen. Nach der Heftigkeit Ihrer Reaktion zu urteilen, haben Sie große Probleme sich daran anzupassen, dass Frauen es nicht mehr reicht, von Männern beschützt zu werden, sondern sie (zu recht) fordern, nicht mehr (von Männern) angegriffen zu werden. Und dann würde ich gern noch darauf hinweisen, dass Evolution keine Prozess hin zu einem Optimum ist. Es ist ein Prozess der Veränderung, der durchaus auch zu Sackgassen führen kann. Ich sag das mal, bevor Sie auf die Idee kommen, irgendjemand wäre hier die Krönung der Evolution.

Was das Thema Verallgemeinerungen angeht, gebe ich Ihnen absolut Recht. Auch da liefern Sie ein gutes Beispiel bei der Behauptung Frauen wären auch in Straftaten involviert. Das ist korrekt, wie die Statistik* zeigt. Allerdings sind diese Straftaten in den meisten Fällen keine Gewalttaten. Das heißt nicht nur, dass Frauen allgemein weniger Verbrechen begehen, bei den Verbrechen handelt es sich dann auch meist um Sachen, die nichts mit Gewalt zu tun haben. In dem Text von Frau Stokowski ging es genau um Gewalt und nicht um Kriminalität im allgemeinen. Insofern erst lesen, dann pauschalisieren und reden.

Zum Schluss schreiben Sie viel wirres und wütendes. Ich erkläre Ihnen gern was ich mit meinem letzten Absatz meinte: wie schade ist es doch, dass wir hier solche erhitzten Diskussionen führen anstatt dafür zu sorgen, dass die Welt für uns und unserer Kinder lebenswerter wird. Und damit meine ich nicht die Rückbesinnung auf vermeintlich alte Werte, wie Männer die Frauen beschützen, sondern ich meine eine Welt in der es deutlich weniger Männer gibt, die Gewalttaten verüben.

Und last but not least. Sie sprechen mehrfach das Thema „Diskussion auf Augenhöhe“ an. Ich verstehe das so, dass Sie damit einen respektvollen Ton und den Austausch von klaren Argumenten und nicht Verallgemeinerungen, Defamierungen und Pöbeleien meinen. Leider sehe ich einen solchen Diskussionsstil nicht bei Ihnen. Sie diskutieren – wie ich ja schon oben angesprochen haben – ohne den Text gelesen oder verstanden zu haben oder sie schimpfen allgemein über den Gender Mist oder machen „witzige“ Sprüche darüber, dass sie joggen gegangen sind, um nicht zu vergewaltigen. Das alles sind für mich Indizien, dass Sie kein Interesse an einer Diskussion haben. Sie möchten pöbeln. Ich kenne Sie nicht, deshalb weiß ich nicht, woher Ihre Frustration und das Bedürfnis zu pöbeln kommt. Fakt ist, niemand hat Sie einen Vergewaltiger genannt. Es geht um ein gesellschaftliches Thema und die offene Frage, wie wir damit umgehen. Wenn Sie konstruktiv daran mitarbeiten würden, statt Ihren Unmut in Kommentaren loszuwerden, wäre schon viel gewonnen.

Nun erhielt ich auch von B. eine Antwort. B. war zuvor schon durch relativ differenziertes Pöbeln und Jammern aufgefallen:

B: Ich finde es schön, wie sie ihren Beitrag sachlich formuliert haben, ohne A. zu beleidigen und bin ihnen dankbar für die Klarstellung, dass sie nicht glauben, er sei ein Vergewaltiger.

Ich habe das gefühl, dass sie sein Problem nicht so recht nachvollziehen können, kein Problem, anderes Paar Schuhe etc. ich kann ihn hingegen gut verstehen, denn:

Der Text ist nicht sachlich, sondern stellt gewalt als männlich dar und argumentiert fortan subjektiv. Dass Männer gewalttätiger auftreten ist in gewisser Weise richtig, wer aber Gewalt nahezu synonym mit sexueller Gewalt verwendet, wie die Autorin (vorallem mit ihrem Ratschlag am Ende), schafft ein sehr binäres Gewaltbild. In diesem Bild ist Gewalt ein Junge und Leid ein Mädchen.
Irgendwo neigt diese diskussion abzudriften und plötzlich ist Gewalt nicht nur ein Synonym für Vergewaltigung, sondern Mann ein Synonym für Täter. Das ist eine ungerechtfertigte Stigmatisierung.
Gegen dieses Bild stehen wir friedvollen Männer.

Btw. zwar üben Frauen selten selbst körperliche Gewalt aus, treten aber nicht selten als Anstifterinnen auf. Ein schwacher Mann muss nicht zwangsläufig Butter in den Armen haben, sondern kann auch schwach im Geiste sein. Die Frage ist, ob Gewalt in diesem Fall nicht tatsächlich ein Mädchen ist.

Aber auch A. ließ sich nicht nehmen, mir zu antworten:

A: Danke für ihren langen und ausführlichen Kommentar.
Eines vor weg: durchgehende Unterstellungen wie zum Beispiel: ich hätte ein Problem damit, dass Frauen gleichberechtigt sind führen natürlich zu einer heftigen Reaktion. Sie haben keine Ahnung wer ich bin. Daher nehme ich Ihnen das nicht übel und erkläre Ihnen kurz meine Sichtweise zu der Sache, vllt verstehen Sie dann auch den Rest. Mir ist es unendlich egal ob Frauen jetzt meine Chefs werden oder Polizistinnen sind oder sonst was. Ist ein freies Land sollen sie machen. Mir ist das auch egal ob eine Frau auf mich angewiesen ist. Wenn sie es nicht ist, ist es umso besser kann ich mich mehr mit anderen Sachen beschäftigen und muss mir darum keine Gedanken mehr machen. Ich bin in einer Welt groß geworden in der Frauen schon gleichberechtigt waren als ich geboren wurde. Woran soll ich mich denn noch anpassen müssen? Sie wundern sich warum das eskaliert ist? Da packen Sie sich selbst bitte an die Nase ;-)
Zum Thema Evolution:
Evolution ist die Anpassung eines Individuums an seine Umwelt. Das Merkmal, dass sich als Überlebensvorteil herausstellt, wird weiter vererbt. Das andere geht mit dem Individuum unter. So hat sich über Jahrmillionen die Spezies herausgebildet die es heute gibt. Zu diesen Merkmalen gehören Nebens den üblichen Organen auch Hormone und Verhaltensweisen. Daher ist meine Annahme, dass die männliche Aggressionsbereitschaft im allgemeinen, unter der Rücksichtnahme der letzten 3000 Jahre Geschichte, absolut nicht abwegig, ganz im Gegenteil. Die modernen Statistiken sprechen dafür.
Noch ein paar Sätze zu ihren vermutlich gut gemeinten Ratschlägen. Ich reagiere auf Kommentare die auf mich losgelassen wurden, je nach Qualität der Kommentare. Auch da gilt: an die eigene Nase packen. Eine Ferndiagnose über Facebook wie ich denn nun sein solle, ist auch echt nicht ratsam. Mach ich bei Ihnen auch nicht, obwohl mir da ein paar Sachen einfallen würden, aber ich kenne Sie nicht. Gepöbelt wird, wenn man angepöbelt wird.

Ich beschloss, nicht mehr zu antworten. Die Reaktionen zeigten mir, dass sich zwar der Ton geändert hatte, aber nach wie vor eine sehr geringe Bereitschaft vorhanden war, sich argumentativ und konstruktiv mit dem Thema auseinander zu setzen.

Insofern möchte ich mit einem Facebook-Eintrag von Charlie Glickmann schließen:

*In einem anderen Kommentar wurde eine Statistik des BKA über Frauen und Kriminalität verlinkt.

Wie ich beinahe mal ein Buch schrieb

Vor gut einem Jahr sah ich mich als Bestsellerautorin. Wobei ich bei näherer Recherche feststellte, dass ich mit einem gut verkaufenden Buch wahrscheinlich im besten Fall einen oder zwei schöne Urlaube für meine Familie finanzieren könnte. Nach dem, was ich so mitbekam, kann man nur dann gut vom Bücher schreiben leben, wenn man regelmäßig Bestseller verkauft. Ansonsten scheint es eher ein angenehmens Zubrot zu sein und man sollte unbedingt ein weiteres finanzielles Standbein haben. Vielleicht wurde ich auch einfach nur falsch informiert.

Aber darum ging es mir ohnehin nicht. Eine Lektorin eines recht bekannten Verlages fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, ein Buch zu schreiben. Diese Frage würde ich genauso wenig mit „nein“ beantworten wie ich ein Törtchen mit flüssiger Schokolade ablehnen würde. Eine solche Anfrage befriedigt sowohl meine Eitelkeit als auch mein Bedürfnis nach Anerkennung. Das ist fast so toll, wie verknallt zu sein.

Unabhängig davon frage mich allerdings nach wie vor, was der Mehrwert eines Buches ist, wenn man bequem und kostenfrei ohnehin fast alles, was ich darin schreiben würde, im Blog lesen oder auf re:publica-Videos sehen könnte. Aber wahrscheinlich erreicht man mit gebundenen und bedruckten Seiten auch heute noch mehr Leute und eine andere Zielgruppe.

Die Vorstellung, mich einem Thema sehr ausführlich zu nähern, fand ich ebenfalls spannend und ich war mir sicher, dass mein Thema auch genug Stoff für 200 Seiten hergeben würde. Der Mann war ebenfalls begeistert von der Idee, sagte aber auch, dass ich die Langstrecke eines Buches nicht unterschätzen sollte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es schwieriger ist, ein Buch zu schreiben, als einen Blogtext pro Woche.

Nach ein paar Telefonaten machte ich mich an ein Exposé und ein vorläufiges Inhaltsverzeichnis. Ich schreibe grundsätzlich langsam und ohne Plan. Ich blogge ohne Navi, am Ende stehe ich vor irgendeinem Ziel und denke „Jo, kann man machen“. Bei meinen bisherigen re:publica-Vorträgen ging ich etwas strategischer vor, aber auch nur, weil ich einige Monate zuvor eine Zusammenfassung abgeben musste und es ja peinlich wäre, wenn ich am Ende über was ganz anderes spreche. Mein Exposé und mein Inhaltsverzeichnis sollten meine Zusammenfassung sein, die Struktur des Buches. Die Lektorin bemerkte, dass mein Ansatz eher einer Doktorarbeit gleiche und zu ausführlich sei. Sie strich die Hälfte des Inhaltsverzeichnisses. Wir telefonierten wieder und ich sollte anfangen zu schreiben und in ca. 2 Monaten die ersten 20 Seiten als Textprobe abgeben. Ich fühlte mich etwas verloren. Sie meinte, ich solle einfach mit einzelnen Passagen oder Kapiteln beginnen. Das alles müsse (noch) nicht zusammenhängen. Das kam mir sehr entgegen, da dies meiner bisherigen Vorgehensweise beim Bloggen ähnelte.

Der Mann half mir bei der Korrektur, was beide Seiten sehr viele Nerven kostete aber sinnvoll war. Er bemängelte, dass er noch keinen roten Faden erkennen würde und ich meinte, das sei noch kein Problem, wir hätten im Telefonat abgesprochen, dass ich gern nur einzelne Aspekte aufgreifen kann. Trotzdem bekam ich noch einen dünnen roten Schimmer in den Probetext und schickte ihn ab. Die Antwort kam einige Wochen später. Das Buch-Projekt müsse leider abgesagt werden. Man hätte lang diskutiert aber der rote Faden würde fehlen und sowieso sei alles gerade etwas kompliziert. Einige Monate später erfuhr ich, von jemand anderem, dass es strukturelle Veränderungen in dem Verlag gab. Das führte wohl auch dazu, dass einige Projekte gecancelt wurden. Womöglich war aber meine Textprobe auch einfach nicht gut genug gewesen oder passte nicht zu dem, was der Verlag gern wollte.

Fühlte ich mich also noch wenige Monate zuvor gebauchpinselt und kurz vor dem Start einer neuen Karriere, war ich nun die sitzen gelassene Teenagerin. Das Schreiben war für mich mit sehr viel Aufwand verbunden gewesen. Anders als gedacht, ist das Schreiben eines Buchs eben doch etwas anderes. Als jemand der unter Themen-ADHS leidet, musste ich sehr viel Selbstdisziplin aufbringen, immer über das Gleiche zu schreiben. Außerdem fehlte mir das schnelle Feedback, das ich von Blogtexten oder Vorträgen kenne. Dass diese Mühe nicht belohnt wurde, war natürlich sehr traurig. Aber ich ärgerte mich auch über mich selbst. Ich hätte auf ein persönliches Treffen bestehen sollen. So hätte sicher schneller und besser geklärt werden können, ob es passt und in welche Richtung der Verlag gehen will und ob ich die Vorstellung des Verlages auch umsetzen kann. Einfach mal machen (zu lassen) ist total unprofessionell. Bei einem persönlichen Treffen hätte man auch gleich mal die Grundlagen für einen Vertrag klären können. Darüber wurde nämlich nie gesprochen.

Ich hatte natürlich mit der Option gerechnet, dass meine Textprobe nicht angenommen wird. Hierfür hatte ich einen Plan b und c. Entweder einen anderen Verlag kontaktieren bzw. einen Agenten suchen oder das Buch selbst z.B. via Amazon veröffentlichen. Über einen engen Verwandten kam ich in Kontakt mit einem Literaturagenten. Wir trafen uns und ich übermittelte ihm alle Unterlagen. Er meldet sich noch einmal mit dem Hinweis, er sei gerade sehr eingespannt aber wir hätten es ja glücklicherweise nicht eilig. Und dann hörte ich nichts mehr von ihm. Sicherlich hätte ich nochmal nachfragen können, aber ganz offenbar hatten auch ihn mein Exposé und meine Textprobe nicht vom Hocker gehauen. Wahrscheinlich hatte er keine Lust oder nicht die passenden Worte, um mir abzusagen. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt genug von Leuten, die ganz offenbar andere Vorstellungen von Kommunikation, Zusammenarbeit und Verbindlichkeit haben als ich.

Nachdem ich den Ordner geschlossen habe, mochte ich auch nicht wieder bloggen. Schon bevor ich mit dem Buchprojekt begonnen hatte, langweilten mich meine Blogtexte. Da kam es mir sehr entgegen, wegen des neuen Projekts mit dem Schreiben ins Internet erstmal aus zeitlichen Gründen aufhören zu müssen. Langsam kommt die Lust am Schreiben aber wieder. Vielleicht setze ich auch meinen neuen Plan d um.
Plan d ist, dass ich mein Buch ins Internet schreibe. Kapitel für Kapitel, wann ich will und ohne roten Faden, einfach weil es die Form des Schreibens ist, die mir am meisten Spaß macht.

Es war nie so einfach, die Welt zu retten

In meinem kuscheligen Leben hatte ich nur sehr selten Jahre existenzielle Angst. Ich glaubte mich in einer sicheren Welt, die auch Terroranschläge (woanders) nicht wirklich erschütterte. Seit langem mal wieder panisch wurde ich, seitdem viele flüchtende Menschen nach Deutschland kommen.

Aus zwei Gründen:

Zum einen weil die Flucht dieser Menschen zeigt, dass meine Sicherheit und Freiheit örtlich sehr eingeschränkt ist. Ich lebe in einer analogen Filterbubble und bis jetzt konnte ich Berichte über moderne Sklaverei in Ländern, aus denen ich Kleidung und technische Geräte beziehe, verdrängen. Ich konnte auch verdrängen, dass unsere Reichtum zu einem erheblichen Teil darauf basiert, dass wir aktiv dafür sorgen, dass andere Länder nie den Frieden und die Möglichkeiten haben werden, eine Wirtschaft aufzubauen, die die Grundlage für ein lebenswertes Dasein schafft. Nun aber kommen Menschen zu uns und meine Blase ist geplatzt. Wenn ich an meiner Filterblase festhalten möchte, müsste ich in letzter Konsequenz dafür stimmen, Menschen an der Grenze durch Waffen von meinem Land fernzuhalten. Das möchte ich nicht. Und nach den ersten Momenten der Sorge, da ich ja nun aus meiner kuschligen Höhle gefallen war, konnte ich auch die Chance erkennen. Wenn wir es mit unseren freiheitlichen Werten ernst meinen, dann müssen wir die Grenzen öffnen und helfen. Noch nie war es so einfach, die Welt zu retten. Wir müssen nicht einmal nach Afrika reisen. Es reicht aus, sich im eigenen Land wie ein anständiger Mensch zu verhalten und denen, die zu uns kommen, das gleiche Recht auf Selbstbestimmung und Entwicklung zuzubilligen, das wir so vehement für uns einfordern. In Deutschland geboren zu sein ist Zufall, kein Verdienst.

Die eine Panik konnte ich also schnell umdeuten und darin eine Chance für mich und mein Land sehen. Die andere Panik resultiert aus dem Hass und der Missgunst in unserer Gesellschaft. Sie manifestiert sich überall. Bei Politikern, die das Rückgrat einer Qualle und den moralischen Kompass eines Charles Manson haben, in den Medien, die unabhängig von ihrer Position, Ressentiments schüren statt sich reflektiert und vernünftig zu äußern, in den täglichen Diskussionen mit Menschen um mich herum, in Postings und in Kommentaren.

Meine friedliche und freiheitliche Welt ist zerborsten. Nicht weil Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund zu uns kommen, sondern vor allem weil es in meinem Land so viele Menschen gibt, die alles humane aus ihrem Geist gestrichen haben und zu Geschöpfen des Hasses, der Missgunst und der Bösartigkeit werden.

Das Traurige ist, dass diese Leute – die ich nach wie vor für eine Minderheit halte – so laut sind und so viel Aufmerksamkeit bekommen. Sie sind quasi das Problemkind in der Klasse. Sie überstrahlen mit ihrem Geschrei und Gezeter all die anderen. Und wie die Problemkinder in der Schule sind sie am Ende wohl auch nur selbst ein Opfer. Das aber berechtigt sie nicht, den politischen Kurs in unserem Land zu bestimmen oder sich als die Stimme des Volks zu glorifizieren. Ich fürchte, es gibt nur einen Weg. Wir müssen uns klar gegen sie positionieren, ohne sie auszustoßen. Die Vernunft ist leise und meist nicht polemisch. Ich fürchte wir müssen laut werden, mehr Kommentare widerlegen, erschreckende Diskussionen führen, besonnen bleiben und keinen Zweifel daran lassen, wofür wir stehen. Es ist Kräfte zährend und so erschütternd immer wieder in den Abbiss des Hasses zu blicken. Aber wie gesagt, es war noch nie so einfach, die Welt zu retten, direkt bei uns zu Hause.