Welche Blogs ich lese und warum: Stil wie in Mode

Wie man hier oder hier schon lesen konnte, habe ich ein recht ambivalentes Verhältnis zu Mode. Das ändert nichts daran, dass ich mich für Kleidung interessiere und mich Menschen mit einem eigenen interessanten Stil oft sehr beeindrucken (und mich manchmal sogar etwas neidisch machen).

Jedes Mal wenn ich mir aber eins der gehypten Mode- aka Fashionblog anschaute, war ich vor allem gelangweilt. Ich hatte immer den Eindruck, als würden sich junge, dürre Frauen und vereinzelt Männer in der aktuellen H&M-Kollektion fotografieren lassen. Genauso gut hätte ich mir auch die üblichen Mode-Magazin-Verdächtigen kaufen können.

Irgendwann stieß ich über diesen Blogeintrag über den Grimme Preis 2010 von NutriCulinary auf Smilla Dankerts Blog anders-anziehen.

Seitdem bin ich völlig hingerissen, von diesem unglaublich schönen, klugen, menschenfreundlichen und spannenden Blog.

Das Prinzip ist wie folgt: Frau Dankert sieht auf der Straßen eigenwillig – im wörtlichen und somit besten Sinne – gekleidete Menschen und verfolgt sie zum Beispiel mit dem Rad. Nebenbei bemerkt, habe ich den Eindruck, dass Frau Dankert den Menschen vor allem am Rudolfplatz oder bei St. Aposteln in Köln auflauert. Einmal angehalten unterhält sich mit ihnen und fotografiert sie. Daraus entstehen Blogeinträge, die wunderbare Einblicke in das Leben anderer Menschen geben.

Das Blog von Frau Dankert füllt die Lücke, die entsteht, wenn wir unsere Augen einen Moment länger als sonst auf einer Person ruhen lassen und uns für den Bruchteil einer Sekunde fragen, mit wem wir es da in der Bahn, auf der Straße, am Nachbartisch im Café oder an der Supermarktkasse zu tun haben, uns dann aber nicht trauen, die Person anzusprechen und kennenzulernen.

Frau Dankert jedenfalls schnackt die Leute einfach an und ihr Blog beweist, dass es sich lohnt.

Lustigerweise habe ich durch das Blog auch einen anderen Blick auf die Klamottenleidenschaft meiner Mutter gewonnnen. Den eigenartigen Kleidungsstil meiner Mutter habe ich oft belächelt. Durch anders-anziehen aber musste ich feststellen, dass Menschen, die ihren eigenen Stil entwicklen und zur Schau stellen, viel mehr Respekt gezollt werden sollte. Meist verbirgt sich dahinter eine spannende Person und zwischen Jeans und H&M sollte man ohnehin für jeden “Farbtupfer” dankbar sein.

Ebenfalls begeistern kann ich mich für Frau Dankerts Leidenschaft für rote Haare. Lange Jahre fand ich rote Haare vor allem bei Frauen wunderschön und begann mit 13 Jahren meine köterdunkelbraunen Haare rot zu färben. Seitdem der Mann mit seinen fünf Haarfarben, darunter kupfer, in mein Leben trat, entwickelte ich auch bei Männern eine heimliche Leidenschaft für fussiche Haare (sagen sie mal öffentlich, dass sie bei Männern auf rote Haare stehen, es ist unglaublich was einem da passiert).

Neben den Portraits kann man im Blog auch schöne Fotostrecken und Geschichten über Wäscheleinen, Istanbul, gekreuzte Beine oder den Alexanderplatz (wenngleich mir hier die Weltzeituhr fehlte, sie war – so versichert der Mann mir bei jedem Berlin-Besuch – schon in der DDR ein sehr beliebter Treffpunkt) lesen.

Das Blog ist übrigens auf Deutsch und Englisch. In Anbetracht der Tatsache, dass ich schon an einem deutschen Text kleine Ewigkeiten schreibe, möchte ich mir gar nicht die Mehrarbeit für ein zweisprachiges Blog vorstellen.

Und bevor ich es vergesse, anders-anziehen ist seit heute für the BOBs in der Kategorie “Best Blog German” nominiert. Jeder mit einem Twitter- oder Facebook-Account kann dort für Smilla Dankert abstimmen oder sich die anderen nominierten Blogs anschauen und dann zum Beispiel für anders-anziehen abstimmen.

Weiter geht es dann in ein, zwei, drei Tagen, Wochen oder Monaten mit der nächsten Kategorie “Salt ‘n’ Pepa”.

Meine Twitter-Favs März 2012

Meine erste Fav-Liste. 1,5 Tage zu früh und sie wird wahrscheinlich ein ähnlicher Hit wie meine Mischtapes. Sei es drum, ich habe jedes Mal laut gelacht.

Manchmal komme ich nur kurz zum Faven vorbei.
Zwiebelsuppe aus der Dose mit einer Scheiblette in der Mikrowelle überbacken.Ich liebe die französische Küche!
@quarkkalibur
Q. Kalibur
Gehen, Fahren und Fliegen sind sich so ähnlich. Wenn man jeweils „einen" davor und „lassen" dahinter setzt, ist der Unterschied ein Furz.
@peterbreuer
Peter Breuer
Jemand hat meinen "FUCK YOU VERY MUCH"-Aufkleber von meinem Auto geklaut! In was für einer verkommenen Welt lebe ich eigentlich?
@Schreyeisen
Sisyphos Potjomkin
Mother has started her Diamond Jubilee UK tour. Bit excited. King for a day.
@Charles_HRH
Prince Charles
Der Kollege und ich spielen "Schere, Stein, Papier" per Mail.Der ist so gut. Er gewinnt jedes Mal, egal was ich zuerst maile.
@RitaKasino
Rita Kasino
Kannst Du Deinen Gegner nicht überzeugen, verwirre ihn.
Und dann steht ein Typ dicht hinter mir an UBahn Tür und flüstert wiederholt 'Ich bin unsichtbar. Die können mich nicht sehen. Keine Angst."
@svensonsan
Sven Dietrich
geschäftsidee: eine digitale todo-liste, die an tischfeuerwerk gekoppelt ist. wieder was fertig, BÄMM!
Rückmeldungen wie "Ihr Vortrag war aber sehr mutig" irritieren mich immer. Was genau riskiere ich denn? Nicht gemocht zu werden? #fb
@antjeschrupp
Antje Schrupp
Verlieben ist leicht: Einfach auf einem Einhorn durch die Gegend reiten & mit Mettkugeln in deren Innern Nutellagläser sind, um sich werfen.
An Buffets gibt's 2 Arten von Leuten: solche, die sich 10 Fleischstücke auf einmal auftun und jene, die alles mitzählen was andere auftun.
@Starnightmelody
starnightmelody
Kita klärte Paulchens Gruppe heute über Recycling auf. Wir benutzen ab sofort das alte Vertu Handy als Türstopper. Der alte Knochen.
@EppendorfMutti
Eppendorf Mutti
Nirgendwo lese ich das Wort »präzise« so häufig wie im Zusammenhang mit künstlerischen Poetiken.
Maschmeyer und Ferres: das Böse des Banalen.
@Wondergirl
Wondergirl
Mann, entrüstet: "Die ist doch erst 15!" "Keine Sorge Schatz, wir sind so alt dass die, die wir für 15 halten schon 23 sind."
@dasnuf
dasnuf
Freue mich auf die ungläubigen Augen der Kinder, wenn wir erzählen, wie wir damals jeden Tag neu unter Schmerzen das Internet erklärt haben.
@fraeulein_tessa
teresa m. bücker
Jetzt live: Die Drei??? und das Rätsel der durch Verdödelung verschwundenen Abende.
@mbukowski
Michael Bukowski
Ich brauch ein geheimes Schlafzimmer. Ins offizielle lege ich mich bis die Kinder in mein Bett geschlichen sind, dann schleiche ich mich weg
@dasnuf
dasnuf
Eines Tages freust du dich im Schuppen, weil du dein einhundertstes Männchen geschnitzt hast. Geh nicht raus, draußen ist nicht Lönneberga.
@peterbreuer
Peter Breuer
Beim Lachen verschlucken is mein Unsichtbarwerden.
@kullerfieps
hopskuller

Authentizität me mal

Während des Studiums erzählte ich einem Kommilitonen, dass ich in Neapel in einem bürgerlichen Viertel gelebt hätte. Daraufhin blickte er mich abschätzig an und meinte, er würde immer da leben wollen, wo die Menschen authentisch seien.

Es erschien mir schon damals eigenartig, dass der Regionalwissenschaften-Lateinamerika-Student, der sich wohl schon als behütetes westfälisches Schulkind mit Befreiungstheologie beschäftigt hat, gerade mal den 50.000 Einwohnern von Vomero ihre Echtheit abgesprochen hat.

Die Kumpels meines ehemaligen Kommilitonen treffe ich am frühen Nachmittag immer mal wieder.

Zwischen Arbeit und Kinder abholen habe ich immer etwas Zeit, in der ich während des Essens 3sat oder arte schaue. Dabei stelle ich immer wieder fest, dass es sehr viele Journalisten geben muss, die ihren Beruf fürs Reisen und Essen gehen nutzen, sei es auf norwegischen Postschiffen, in afrikanischen Luxuszügen oder italienischen Kleinstädten voller kulinarischer Spezialitäten.

Es gibt aber auch viele Dokus von nach Authentizität suchenden Ethnomelodramatikern. Diese Filmemacher sind immernoch beflügelt vom Konzept des Edlen Wilden und reisen beseelt und und mit ernsthaftem Blick zu den Ureinwohnern dieser Erde.

Neulich stieß ich auf die Dokumentation Auf verwehten Spuren. Jochen Schliessler reist darin durch Südamerika entlang der Route, die sein Vater Martin Schliessler ein halbes Jahrhundert zuvor ebenfalls bereist hast. Das Konzept ist wirklich spannend, die Umsetzung ist es leider nicht.

Auch hier wird an Ethnomelodramatik nicht gespart. Am Titicaca-See werden die Bewohner bei der Darbietung ihrer traditionellen Tänze gezeigt und aus dem Off ertönt in pastoraler Stimme, dass man käme sich vorkäme wie bei einer Inszenierung in Disneyland. Das Ursprüngliche, das der Vater vor 50 Jahren noch erleben durfte ist verloren.

Und das ist der Moment in dem ich am liebsten in den Fernseher springen und die Jochens dieser Welt packen möchte. Wie borniert muss man bitte schön sein, an einen Ort zu fahren und sich daürber zu beschweren, dass er nicht mehr authentisch genug ist?

Grundsätzlich ist ja es völlig korrekt festzustellen, dass sich das Leben vieler Völker in den letzten Jahrhunderten stark bis massiv geändert hat. Ferner haben in den meisten Fällen die Ureinwohner deutlich mehr verloren als gewonnen und leiden nicht selten an den Folgen dieser Entwicklungen.

Aber ein Ethnomelodrama-Dokumentarfilmer der sich hinstellt und sagt, wie schlimm doch alles ist, hat weder das Problem erkannt noch trägt er zur Lösung bei. Dem Zuschauer wird nämlich suggeriert, dass früher alles besser (authentischer) war und daraus kann nur die Schlussfolgerung gezogen werden, dass alles rückgängig gemacht werden muss.

Kurz, nehmt den Ureinwohnern den Alkohol, den Fernseher und das Handy weg und dann regelt sich alles wieder.

Genausogut könnte man vorschlagen, das Internet zu schließen, um die Internetkriminalität zu bekämpfen. Auch diese Idee ist völlig absurd, nichtsdestoweniger gibt es nicht wenige Leute, die genau dies immer wieder vorschlagen.

Viel einfacher und hilfreicher wäre es indessen die Leute einfach mal ernst zu nehmen. Wenn die Bewohner des Titicaca-Sees Geld damit verdienen, ihre Traditionen vor einem Publikum zahlfreudiger fetter Amerikaner zur Schau zu stellen, dann leben sie davon, wie die Jochens dieser Welt davon leben, Filmmaterial zu sammeln und dies hübsch zusammen zu schneiden. Das nennt man Arbeit.

Indem man sich negativ über die Arbeit der Leute äußert, degradiert man ihre Kultur noch mehr, statt sie zu würdigen.

Vor 10 Jahren nahm ich mal an einer Exkursion nach Brasilien teil. Im Dabei reisten wir eine Weile zusammen mit einer Gruppe Indianer (Krahô und Xerente). Anfangs war es sehr interessant zu sehen, die Indianer uns genauso abschätzig beobachteten, wie wir sie.

Jeder kennt das, wenn man als Städter aufs Land fährt, denkt die Landbevölkerung man sei ein balsierter und unfähiger Stadtidiot und als Städter glaubt man, man habe es mit inzestuös-lebenden Dorftrotteln zu tun.

Einige Tage später hielten jedenfalls eine Kommilitonin und ein junger Xerente-Mann scheu Händchen und das Baby der Krahô-Familie wurde von allen bespielt. Wir reisten freundlich koexistierend miteinander, so wie es Menschen – getrennt durch eine Sprachbarriere – eben tun.

Das klingt denkbar unspektakulär, aber ich glaube, dass genau darin das Geheimnis liegt. Der Edle Wilde ist nämlich vor allem ein ganz normaler Mensch. Nichts desto weniger ist die Kultur in der er lebt nicht besser oder schlechter als unsere Kultur und man muss seiner Kultur zugestehen, dass sie sich genauso ändern kann, wie sich unserer Kultur in den letzten Jahrhunderten massiv geändert hat.

Das Geheimnis ist nicht zu sagen: “Verändere gar nichts, gehe zurück zu Los, ziehe keine 500 Euro ein” sondern, “Mach was Du willst, aber bewahr Dir Deine Wurzeln und verleugne Dich und Deine Kultur nicht.” Es geht hier um Selbstbewusstsein.

Dort müssen die ethnomelodramtischen Dokumentarfilmer ansetzten. Ich will keinen verklärten Ethnokulturkram sehen, ich möchte unvoreingenommen einen andere Kultur kennenlernen.

Warum drückt man den Leuten nicht einfach eine Kamera in die Hand und bittet sie das zu filmen, was ihnen an ihrem Leben oder ihrer Kultur wichtig erscheint. Woher soll ein dahergelaufener Journalist wissen, was die Kultur eines Volkes ausmacht, das er aus den Erzählungen seines vor 50 Jahren mal kurz vorbeigereisten Vaters kennt?

Den Kreis kann man deutlich ausweiten. Während meines Studiums habe ich mich immer gefragt, warum es die Ethnologie überhaupt gibt.

Bis zu meinem Abschluss habe ich das Rätsel nicht vollständig lösen können, warum sich Menschen wissenschaftlich mit einer Kultur auseinander setzten, der sie überhaupt nicht angehören und deren Sprache sie zum Teil nur marginal beherrschen. Vielleicht ist der Blickpunkt von außen ganz spannend und bringt tolle Impulse aber eigentlich können nur Mitglieder einer Kultur auch wirklich was darüber sagen.

Entsprechend fand ich es eine großartige Idee von Julio Mendívil in seiner Promotion Ein musikalisches Stück Heimat. Ethnologische Beobachtungen zum deutschen Schlager den Spieß umzudrehen, und als Peruaner den deutschen Schlager mit musikethnologischen Methoden zu untersuchen.

Das Authentische am deutschen Volk hat Mendívil durch seine Arbeit sicher nicht gefunden. Wir alle würden uns auch verbitten, nur über unsere Schlagermusik definiert zu werden.

Unsere Kultur ist nicht nur Schlagermusik, die Peruaner spielen nicht nur Panflöte und Neapel ist nicht nur das Spanische Viertel(sagt ja auch schon der Name).

Die Suche nach Authentizität ist der feuchte Traum von Wissenschafts- oder Journalismusdarstellern, die mit der Komplexität ihrer Welt überfordert sind und einfache Antworten im Busch suchen. Und während sie glauben, die armen Ureinwohner mit ihren Filmen und wissenschaftlichen Arbeiten zu retten, zementieren sie das Bild des freundlich-unfähigen Edlen Wilden.

Da zahle ich doch lieber GEZ-Gebühren für den Musikantenstadl.

Welche Blogs ich lese und warum: Haben auch Kinder

Muttiblogs haben in etwa den Coolness-Status einer Dauerwelle. Und zugegebnermaßen bin ich auch kein großer Freund der klassischen Muttiblogs. Maßgeblich liegt das wohl an meiner Abneigung für Kosenamen, vor allem in geschriebener Form.

Die Zugriffszahlen einiger Muttiblogs (Mama Miez’Blog zum Beispiel) sind allerdings ausgesprochen beeindruckend. Außerdem glaube ich, dass mehr Menschen/Frauen/Mütter durch Muttiblogs einen Zugang in die Blogosphäre finden, als durch die klassischen medien- und computeraffinen A-Blogs.

Mein Dilemma – einerseits als Mutter gern auch Blogeinträge rund um Kinderkacke, Trotzanfälle während der Weihnachtsmesse und Luftröhrenschnitte wegen verschluckter Legomännchen zu lesen und andererseits Blogs zu mögen, die einen ironisch-distanzierten Blick auf ihre Umwelt haben, die toll geschrieben und polythematisch sind – konnte ich glücklicherweise lösen:

Das Nuf las ich schon, als sie noch mit Hausstaub experimentierte. Und ja, ich bin ein Nuf-Fan, ich finde fast alles beklatschenswert was sie schreibt. Und dass sie Kinder im Alter meiner Kinder hat und darüber bloggt, ist ein glücklicher Zufall.

Die fröhlich absurde Darstellung von völlig harmlos wirkenden Alltagsgegenständen, wie zum Beispiel einer Whirlwanne, oder harmloser Themen, wie z.B. Katzen im Internet, kenne ich so nur vom Nuf.

Das Nuf beweist, dass der Alltag (mit Kindern) genauso spannend und aufregend ist, wie die Besteigung des Mount Everest oder die Überquerung des Atlantiks auf einem Drahtseil. Artikel über Kinderernährung oder ein Bericht über einen Familienausflug aufs Land würden ich beim Nuf auch lesen, wenn ich Kinder nicht leiden könnte.

Genauso wie sie die Tiefsinnigkeit des Alltags herausfiltert, kann sie im Tiefsinnigen auch das Alltägliche herauskitzeln und schreibt wunderschön über Glück oder über ihre schwere Internetsucht.

Die Tatsache, dass das Nuf dieses Jahr als Jurorin bei den BOBs ausgewählt wurde, ließ mich spontan eine Champagnerflasche öffnen (zugegebenermaßen bin ich stets dankbar für Gründe, dies zu tun).

Die Herzdamengeschichten von Maximilian Buddenbohm verfolge ich fast genauso lange wie das Nuf und auch seine Kinder sind ähnlich alt wie meine.

Bei Maximilian Buddenbohm bin ich immer wieder von der unglaublich hohen Qualität der Blogeinträge überrascht. Die Heterogenität der Blogosphäre macht in der Tat einen großen Reiz aus, sie führt aber auch öfter dazu, dass Menschen bloggen, deren Schreibstil nicht unbedingt schriftstellerisches Niveau hat (das ist keine Klage, sondern eine neutrale Feststellung).

Offenbar war ich nicht die Einzige, die das immer schon sehr beeindruckt hat, denn Herr Buddenbohm hat mittlerweile 4 Bücher geschrieben und veröffentlicht. (Und ich frage mich ständig etwas neidisch, wie viel Disziplin und wie wenige Schlaf man braucht, um das Pensum der Familie Buddenbohm durchzuziehen, naja anscheinend braucht es vor allem viel Empathie.)

Bei den vielen im Blog wiedergegebenen Dialogen mit der Herzdame beziehungsweise mit seinen Söhnen gehe ich davon aus, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis er auch Drehbücher schreibt.

Außerdem kenne ich kaum jemanden, der den lakonischen Pathos so perfektioniert hat wie er. Dafür nehme ich mir selbst in der Hektik des Alltags Zeit, um verhältnismäßig lange Blogeinträge zu lesen, wie diesen über das Mantelmännchen.

Dann lese ich regelmäßig noch das Blog von MckMama. Vieles in diesem Blog entspricht nicht meinen religösen oder politischen Vorstellungen, ich habe für mich festgelgt, keine Bilder der Gesichter meiner Kinder online zu stellen und kann mir Homeschooling unter keinen Umständen vorstellen.

Ich lese sie trotzdem sehr gern, denn für mich resultiert die Begeisterung fürs Internet daraus, dass ich Zugang zu Welten bekomme, die nicht unbedingt viel mit meiner eigenen Lebenswelt gemein haben, gleichwohl aber sehr spannend sind.

MckMama hat fünf Kinder und erlebt mit Ihrer Familie in einem Jahr mehr als ich in den letzten 15 Jahren meines Lebens. Sie missioniert in Afrika, reist mit ihrer Familie im Wohnmobil quer durch Amerika, lebt von Fotokursen und großangelegten Familienfotoshooting, kocht gern, bewohnte mit ihrer Familie eine zeitlang eine Farm und unterrichtete ihre großen Kinder anfangs zu Hause.

Das Ausmaß der Dramen ist nicht weniger groß, seitdem ich sie lese, hatten sie oder die Kinder diverse Krankheiten, ein Sohn litt an einem schlimmen Herzproblem und vor kurzer Zeit haben sie und ihr Mann sich getrennt.

Oft klingt vieles für mich zu dramatisch, zu gut, zu unglaublich oder einfach zu viel. Aber ich habe mich dazu entschieden, das Blog zu genießen wie eine Serie. Eine Serie bei ich mitfiebern kann, bei der ich mich zuweilen in die Hauptdarstellerin einfühlen kann, bei der ich zum Beispiel etwas über Großeinkäufe mit 5 Kindern im Schlepptau lerne und bei der ich mich nicht selten sehr amüsiere.

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Sammelmappe Köln

Statt eines langen Textes über mein Karnevals-Wochenende ohne Mann und Kinder in Köln, lieber ein paar instagram Fotos und Long-Tweets. Irgendwie trifft es das besser.

Es ist absurd, dass die ganzen Kölner Karnevals Lieder von ‘sonschingk’ (Sonnenschein) singen. In Köln ist es relativ warm (zum Beispiel im Gegensatz zu Hamburg oder Berlin) aber es scheint selten die Sonne und wenn, ist es ein matter Schein, nicht diese klare, kühle Sonne, die ich aus Hamburg kenne.

Köln ist so schmuddelig. Wahrscheinlich muss man das für die fröhliche Anarchie in Kauf nehmen.

Apropos Anarchie: ich wurde Zeugin wie eine Mutter eilig mit ihrer kleinen Tochter eine rote Ampel überquerte. Bei rot! Mit einem kleinen Kind!

Nach 6,5 Jahren in Hamburg hat mich fast der Schlag getroffen. Beinahe hätte ich mich vor Mutter und Tochter geworfen. Ferner habe ich darüber nachgedacht, hinter ihnen herzulaufen und ihnen eine Standpauke über korrektes Verhalten bei Ampelübergängen zu halten.

Ich habe mich stattdessen angepasst und bin direkt bei rot hinterher.

Das Hotel im Wasserturm hat mir gut gefallen, sehr unaufgeregt luxuriös. Gut, der zweite Fahrstuhl hätte schon funktionieren können.

Obwohl ich allein reisend war, hat man mir beim Frühstück immer einen schönen Platz angeboten. Und dann habe ich einem jungen, attraktiven Russen, der mir gegenüber saß, gezeigt, wie viel eine einzige Frau zum Frühstück essen kann.

Frühstück 1. Teil

Frühstück 2. Teil (man beachte den Bacon auf Ananas)

Frühstück 3. Teil

Die Freiheit meinen Tag selbst gestalten zu können war sehr befremdlich und führte dazu, dass ich gleichzeitig versuchte fern zu sehen, Musik zu hören, die Geo Epoche zu lesen, zu twittern und meine Nägel zu feilen. Das Resultat war eine völlige Überdrehtheit, der ich mit Schwimmbadbesuchen Einhalt gewähren wollte.

Bahnenschwimmen im Agrippa-Bad. Während ich mich beim Laufen fast zu Tode langweile, stört mich die Monotonie beim schwimmen überhaupt nicht. Es scheint mich geradezu zu beruhigen meinen Kopf unter Wasser zu tauchen.

Kaum war ich aufgetaucht, blickte ich zu einem älteren Herren mit einem hautfarbenen Stringtanga. Kein ästehtisches Highlight aber immerhin ein Beweis für ein sehr hohes Maß an Toleranz selbst in öffentlichen Kölner Schwimmbädern. Naja, und in der Sauna, die ich anschließend besuchte, konnte mich dann auch nichts mehr schockieren.

Um zu verhindern, dass ich mich an zuviel Schlaf gewöhne, weckten mich in meiner ersten Nacht die Idioten unter meinem Zimmer indem sie um 5 Uhr – wohl nach ihrer Rückkehr von einer Party – an ihre eigenen Fensterscheiben schlugen. Einer von den Herren hatte wohl wieder leere Flaschen auf den Balkon gestellt und seine Kumpels fanden es witzig ihn auszuschließen.

Die Schildergasse – in der ich mir sehr bunte T-Shirts kaufte, die in Hamburg sicher noch hohe Wellen schlagen werden – ist ein Prachtbeispiel dafür, dass Köln kein städtebauliches Kleinod ist, egal ob mit oder ohne Kostüm.

Aber man verknallt sich ja auch nicht immer in den schönsten, klügsten, und witzigsten Typen, sondern in den Typen, den man selbst am schönsten, klügsten und witzigsten findet.

Es gab sehr gute und schöne Gründe, weshalb aus mir und Köln nichts wurde und wahrscheinlich haben wir auch nicht so gut zusammen gepasst aber wenn ich da bin, werde ich nostalgisch und mir schießen selbst beim Anblick der Stadtbibliothek Tränen in die Augen.

Übrigens hat mich Köln auch immer sehr gemocht. Hamburg gibt mir oft das Gefühl zu laut und vulgär zu sein und flirtet nur bedingt mit mir, aber Köln kommt auf mich zu und sagt: Komm bei misch bei Mädsche!

Apropos laut und vulgär. Ja, auf einer Karnevalsparty tragen Menschen mehr oder weniger peinliche Kostüme, Alkohol – falls man das wässrige Kölsch als Alkohol bezeichnen kann – ist im Spiel, es wird geflirtet, man tanzt ausgelassen zu Mundartschlagern (Kölsches Liedgut) und feiert extatisch ein idealisiertes Lebensgefühl.

Das macht Spaß, tut keinem weh und am Aschermittwoch ist alles vorbei. Für mich sind das überzeugende Partyargumente.

Beeindruckt hat mich meine Selbstreferentialität. Mit 33 Tweets habe ich mein Quartalssoll an einem Wochenende erfüllt. Bei Instagram habe ich ständig Fotos von mir vor und nach dem Essen, vor und nach der Party eingestellt und auch sonst alles fotografiert, was sich mir vor die Linse drängte. Ich habe über tausend Blogtexte nachgedacht, aber keinen Gedanken wirklich zuende geführt. Auch wenn es auch mal wieder Spaß machte, ist dieses Schmoren im eigenen Saft auch sehr anstrengend und wenig produktiv.

Als ich wieder zu Hause war und mit dem Mann auf dem Sofa lag, war es ein schönes Gefühl wieder eine direkte Interaktion mit jemandem vertautem zu haben und zu merken, dass der Mann an genau den gleichen Stellen auflacht wie ich und sei es nur, weil eine Tabelle im Fernsehen absurd aussieht.

Man soll gehen, wenn es am schönsten ist und das habe ich Sonntag Mittag dann auch gemacht. Nicht ohne vorher ein Olchi-Furzkissen und ein Hello-Kitty-Telefon für die Kinder zu kaufen. Etwas Niveau musste an diesem Wochenende schließlich sein.

Aus der Norm wurde noch kein Held geboren

Helden in Computerspielen, Filmen oder Serien haben immer besondere Stärken aber auch spezielle Schwächen. Früher habe ich mich immer gefragt, warum es keinen Superhelden ohne Schwächen gibt.

Mal abgesehen davon, dass das Spiel wohl ziemlich langweilig würde, ist es einfach nicht realistisch. Wer das eine will, muss das andere mögen.

Ich kann beispielsweise in einer unglaublichen Geschwindigkeit abspülen. Dabei gehen zwar ein paar Teller kaputt oder werden nicht lupenrein sauber, aber im Zweifelsfall steigt man auf Plastik um und so ein kleiner Restkaffeerand hat noch niemandem geschadet.

In jedem Fall halte ich mich nicht lange mit dem Spülen auf und habe schnell Zeit mich andern Leidenschaften zu widmen, wie zum Beispiel dem Wäsche waschen.

Dieses Talent, das es mir ermöglicht, in Lichtgeschwindigkeit Hausarbeiten zu erledigen, hält mich auf der anderen Seite davon ab, irgendwo auf der Welt Bomben zu entschärfen. Ich würde mit meiner Husch-Husch-Mentalität sowohl doppelt so viele Bomben entschärfen als auch zehn Mal so viele Menschen versehentlich töten wie ein Koryphäe auf diesem Gebiet.

Es hat lange gebraucht, zu verstehen und einzusehen, dass ich für bestimmte Dinge nicht geeignet bin. Auf dem Weg zu dieser Erkenntnis habe ich viele Stunden meines Lebens in Yoga-Kursen vergeudet, von denen ich mir erhoffte, dass ich dort meine innere Ruhe finde und endlich die Fähigkeit erlerne, Dinge langsam zu tun.

Aber es gibt keine innere Ruhe für mich. Ich hasse Langsamkeit, Stillstand und Langeweile. Da können mir noch so viele Menschen von inspirirenden und lebensverändernden Aufenthalten in süddeutschen Schweigeklöstern, Tibet oder Indien erzählen.

Ich bin glücklich, wenn möglichst viele Reize um mich herum sind. Das ändert nichts daran, dass ich ruhige und ausgeglichene Personen sehr bewundere. Aber ich werde sie niemals nachahmen können. Und das ist auch gut so, denn es kommt ja nicht darauf an, dass jeder das Gleiche kann, sondern, dass jeder ein Talent oder eine Fähigkeit hat, die er mehr oder weniger für sich und/oder die Gemeinschaft nutzen kann.

Das Tragische ist, dass Abweichungen von der Norm immer weniger gewünscht sind.

In der Bunten gibt es eine Rubrik ‘Auf der Bunte-Waage’. Darin werden sowohl die Personen – meist Frauen – gebashed, die zu viel zugenommen haben, als auch die, die angeblich zu dünn sind. Es gibt nur eine ganz schmale Linie der für gut befundenen Figuren.

Genauso verhält es sich bei den Wunschcharakteren. Eltern werden panisch, sobald ihr Kind zu wild oder zu zurückhaltend ist. Alles wird gleich pathologisiert und tragischerweise gern vermeintlich einfach durch Medikamente gelöst.

Ich kenne die Ängste sehr gut und könnte gleichwohl oder gerade deshalb ohne Ende kotzen.

Mir geht es nicht darum, Ritalin zu verteufeln, ich denke, es hilft tatsächlich vielen Menschen. Ich finde es vielmehr beängstigend, wie viele Menschen glauben, dass ihre Lebhaftigkeit oder die Lebhaftigkeit ihrer Kinder ein Problem ist (man kann Lebhaftigkeit übrigens genauso gut durch Versponnenheit, Schüchternheit, Introvertiertheit, Wildheit, oder Ängstlichkeit ersetzen).

Ich habe das Gefühl, dass in unserer demokratischen und liberalen Gesellschaft eine unglaubliche Angst vor der Abweichung von der Norm besteht, die mit einem vorauseilenden Gehorsam einhergeht. Wer alles darf, muss sich wohl selbst rigorose Grenzen setzen.

Eine Norm im Übrigen, die nie richtig definiert wurde, aber irgendwo zwischen, nicht zu laut und nicht zu leise und bitte intelligent aber unter keinen Umständen aufmüpfig, liegt.

Das Absurde daran ist, dass die Abweichung von der Norm in der Menschheitsentwicklung immer von unglaublichem Wert war. Das fängt bei der Evolution an und zieht sich durch bis zu alle großen Veränderungen in der Menschheitsgeschichte.

Also anstatt eigenwilliges Verhalten in Krankheitsbilder einzusortieren und panisch vom Ende der Disziplin/des Abendlandes/der Zivilisation zu sprechen, ist es für alle Beteiligten sicherlich viel entspannter, wenn nicht die Norm, sondern die Individualität das Maß der Dinge ist.

Und somit sehe ich es zumindest als einen Anfang, zu akzeptieren, dass Yoga und ich nie Freunde werden und meine Glückseligkeit darin liegt, überall hektisch meine knubbelige Nase reinzustecken.

Spiderman nutzt seine Spinnenfäden und versucht nicht, sich Supermans Cape überzuziehen und Damagewoman verjagt Einbrecher durch versehentlich und am falschen Ende gezündete Tischfeuerwerke.