Bewerbungsaktionismus

Erst vor kurzer Zeit erinnerte ich mich – anlässlich meiner fast einjährlichen Betriebszugehörigkeit – dass ich beim Bewerbungsgespräch auf die Ankündigung meines jetzigen Abteilungsleiters

Ich stelle Ihnen jetzt mal das Unternehmen vor

aufgesprungen bin und mich auf den Weg zur Tür gemacht habe. Er konnte mich gerade noch vor weiterem blinden Aktionismus retten und zeichnete mir dann die Unternehmensstruktur auf.

Im Angesicht der Männerpanik

Die Legende will es, dass Männer in Stress-Situationen bedachter reagieren als Frauen. Anders ausgedrückt, während wir heulend und wimmernd in der Ecke hocken, kämpft der starke Mann gegen das Böse.

Bislang glaubte ich, dass nur die stete Wehleidigkeit – aua hier, aua da und es ist so warm hier ich kann dich nicht anfassen – ein Widerspruch zu der Legende darstellen würde. Was die Männer in meinem Leben betrifft hatte ich offensichtlich Glück und war stets von kompetenten Notsituationshelfern umgeben.

Die Sommerzeit sollte mich eines Besseren belehren. Dank der stets geöffneten Fenster – deren Durchzug vor allem den Herren im Büro die Nackenmuskeln verspannte – kam das ein oder andere Tier zu Besuch. Das mitteleuropäische Tierreich bietet verhältnismäßig wenig Variation und so flog täglich die ein oder andere orientierungslose Wespe durch das Büro.

Ich mag keine Wespen. Das ist den Wespen für gewöhnlich egal, sie möchten den Ausgang zurück in die Freiheit finden. Also bleibe ich ruhig sitzen, spreche ich mit Ihnen und zeige ihnen mit meinem ausgestreckten Arm den Weg zum Fenster.

Meine Herren-Kollegen reagieren anders. Sobald eine Wespe am Horizont erscheint, springen sie wild zuckend von ihren Plätzen auf. Dann suchen sie nach Akten, um mit diesen durch die Luft zu wedeln und das Tier vollends wirr zu machen. Darüber hinaus versuchen sie witzige Dinge zu sagen, die davon ablenken sollen, dass in ihren Köpfen nur blinde Panik herrscht.

Als ich dieses Verhalten zum ersten Mal beobachtete dachte ich an einen Zufall, an eine besondere Reaktion, die durch die Hitze hervorgerufen worden war. Da sie sich aber ständig und auch bei 22 Grad wiederholte, konnte ich einen Zufall ausschließen. Ich habe mich also damit abgefunden einer weiteren Illusion beraut worden zu sein. Dafür gebe ich meinen Kollegen nun Asyl und während sie hinter meinem Stuhl hocken, geleite ich das Vieh zum Fenster.

Au-Pair zu sein bedarf es wenig, doch wer Au-Pair ist, ist sehr dämlich

In einer dieser Frauenzeitschriften, die einem immer wieder das Gefühl vermitteln, dass Frauen sehr wohl dümmer sind als Männer, denn warum sonst würden sie sich Zeitschriften mit dem intellektuellen Gehalt einer Klorolle kaufen, las ich heute eine „Sommer-Urlaubs-Buch-Empfehlung“ über eine Au-Pair-Buch.

Anscheinend ging es dabei um drei junge Frauen, die sich um Elite-Kinder an einem Edelurlaubsort kümmern. Zwischen Pool und Mutterschaft light haben sie viel Spaß und lernen darüber hinaus jeweils einen Prinzen kennen, mit dem sie dann nach dem Kunstgeschichts-Studium Elite-Kinder zeugen werden.

Nun gebe ich zu, dass mir Träume von Prinzen und Schlössern nicht fremd sind. Vor meinem Amerika-Aufenthalt sah ich mich mit einem braungebrannten Jüngling – siehe Jordan von den New Kids on the Block – auf einer Yacht unter der Golden Gate Bridge herumschippern.

Die Realität holte mich im tiefsten Süden der USA ein. Statt Yachten gab es Pick-up-Trucks, statt Prinzen rassistische und/oder religiös-fanatische Kerle, die ohne Gewehr schwerlich das Haus verließen.

Nach dem Abitur versuchte ich erneut, meine Jung-Mädchen-Träume zu verwirklichen und ging nach Florenz. Dort sah ich mich am Pool auf entzückende kleine Kinder aufpassen, während mir der schöne erwachsene Nachbarssohn die italienische Welt zu Füßen legt.

Wäre ich nicht tatsächlich ein Jahr dieser Tätigkeit nachgegangen, würde ich, wie die Autorin des obigen Buches, heute noch der verklärten Vorstellungen nachhängen, dass Au-Pair eine tolle Sache ist und keine milde Form der Sklaverei.

Au-Pair zu sein, bedeutete zunächst einmal, für 24 Stunden an 7 Tagen der Woche zur Verfügung zu stehen. Unter dem Deckmantel „Familienmitglied“ lässt sich jeder Sonderdienst geschickt kaschieren. Wenn man im gleichen Haus wohnt und zusammen mit der Familie isst, kann man keine Grenze zwischen Dienst und Freizeit ziehen und die Familie hat auch kein Interesse daran.

Meine Familie hatte drei Kinder, die damals im Alter von 6, 9 und 11 Jahren waren. Die Kinder sind grundsätzlich nicht das Problem. Das Problem sind die Eltern und ihre verschrobene Vorstellung, dass ein 19-jähriges Mädchen besser mit ihren Kindern umgehen könne als sie selber.

Jedenfalls erwarten Sie, dass du ihre Kinder beschäftigst, sie vom fernsehen abhälst, ihnen deine Muttersprache beibringst, dabei das Haus putzt, die Wäsche bügelst, das Essen vorbereitest, und zwar an 6 Tagen in der Woche zuzüglich diverser Abende – besonders gern am Wochenende – an denen Du die Kinder sittest, während die Eltern sich mit Freunden treffen. Das alles für 200 Euro im Monat, einen freien Tag (Sonntag), eine Woche Urlaub zu Weihnachten und erbettelte freie Tage zu Ostern – aber nur, weil die Eltern zu Besuch sind. Darüber hinaus bekommt man Restriktionsessen (denn auf die zubereiteten Speisen und Einkäufe hast du nur bedingt Einfluss, und der Parmesan ist nur zum Reiben da), sowie einem Zimmerlein neben dem Kinderzimmer, inklusive Weckservice um 6:30 (Mo-So).

Eine Freundin bekam sogar ein Zimmer im Keller zugewiesen. Der war feucht und dunkel, hatte aber immerhin eine Toilette und ein siffiges Waschbecken. Nebenan war die Tischtennisplatte des Hauses und als sich Carolin einmal weigerte, an ihrem freien Sonntag die Kinder um 9 Uhr durch ihr Zimmer laufen zu lassen, damit diese zur Tischtennisplatte gelangen konnten, wurde sie von den Eltern gerügt, wie könne sie nur so kleinlich sein, da hätte man mehr von ihr erwartet.

Tessa, die sich um zwei sehr extravagant erzogene Kinder kümmern musste, lebte im Bügelzimmer, dass durch ein Klappbett nun das Au-Pair-Familien-Mitglied-Zimmer wurde. Wegen der schlechten Luft – es gab nur ein kleines Deckenlicht – und wahrscheinlich auch aufgrund einer schlechten Veranlagung bekam sie bald eine Bronchitis. Die Erkrankung des Au-Pairs hielt die Hauschefin nicht davon ab, Tessa mit deutlichen Worten darum zu Bitten, den Abwasch und sonstige Arbeiten in der Küche nur mit kaltem Wasser durchzuführen. Warmes Wasser sei zu teuer und, wie sich später herausstellte, nur der Hauschefin vorbehalten.

Tessa wurde in Italien nicht mehr gesund und verließ nach 3 Monaten Florenz.

Ich hielt durch, weil die Kinder wirklich süß waren, weil die Fahrt mit dem – von meinen Eltern bezahlten – Motorino in die Innenstadt zu dem – von meinen Eltern bezahlten Sprachkurs – so unglaublich schön war, weil ich Italienisch lernen wollte, weil die Option, einen Scheiß-Job in Italien zu machen, besser war, als in Deutschland zu studieren.

Am Ende meines Aufenthaltes kam ich mit Läusen und der Hälfte meines Monatsgehaltes nach Hause. Die Läuse schenkten mir die Kinder. Ich wunderte mich, warum sie einmal im Monat eine Haarkur bekamen. Auf mehrmaliges Nachfragen erfuhr ich, dass es sich um ein Haarmittel gegen Läuse handelte. Anstatt mich im Vorfeld über die Läuseplage zu informieren und mir das Mittel zur Verfügung zu stellen, schrieb mir die Mutter der Kinder den Namen des Mittels auf und ich kaufte es mir in der Apotheke selber. Das Mittel half nicht und erst in Deutschland wurde ich die Viecher los.

Die Hälfte meines letzten Gehaltes wurde einbehalten, weil die Reinigung des Teppichs, der in meinem Zimmer lag, soviel gekostet habe. Offensichtlich stand in dem imaginären Arbeitsvertrag, dass die Beseitigung von Gebrauchsspuren vom Au-Pair zu zahlen seien.

Als ich das Haus verließ, war die Familie im Urlaub. Man hatte sich vorher von mir verabschiedet. Ich warf den Schlüssel bei den Großeltern in den Briefkasten und verließ das Grundstück, ohne ihm eine Träne nachzuweinen.

Zwei Dinge weiß ich seitdem: a) ich möchte Kinder haben und b) Ich habe es nicht bereut, aber ich würde es auch nie wieder tun.

Im Beruf Rehe ängstigen

Es gibt Frauen, die schweben über den Boden. Das sieht vielleicht gut aus, ist aber unpraktisch. Da mir physisch ohnehin nicht die Voraussetzungen für einen Damen-Schwebe-Gang gegeben sind, laufe ich sehr forsch. Rücken gerade, Hacken wird als als erstes aufgesetzt, der Ballen kurz abgerollt und das alles so schnell wie möglich. Die Kollegen in meinem und den umliegenden Büros haben sich mittlerweile an das Poltern und Stampfen gewöhnt.

Zur Toilette hatte ich es heute besonders eilig. Wie immer riss ich die Türe auf, wer schnell geht, kann sich schließlich nicht an der Türe stoppen. Kaum war die Tür geöffnet sah ich die neue Kollegin – eine, die nie lauter redet als im Wald die Blätter rascheln – in einem hinteren Winkel des Toiletten-Vorraums stehen. Sie schaute mich verängstigt an und ich meine mich auch zu erinnern, dass sie – als wäre ich die Polizei – kurz die Hände hochnahm.

Ich lächelte und sie sagte:

Ich habe es gewußt. Ich habe dich auf dem Gang gehört…

da brach sie ab. So wie sie mich ansah, konnte sie sich wohl gerade noch bremsen den Satz zu vollenden mit:

deshalb habe ich mich hier in dieser Ecke in Sicherheit gebracht und bitte tu mir nichts.

Ohne sich zu verabschieden huschte sie lautlos aus dem Toilettenvorzimmer, in dem ich nun wie angewurzelt stand und mich fragte, wie es kommen kann, dass ich – ungewollt – durch schieres Tür-öffnen Menschen in die Ecke drängen kann.

Begegnung mit der Vergangenheit

Zeit mag Wunden heilen, Menschen schöner macht sie nicht. Man kann das in vielen Augenblicken feststellen, am besten aber im Rahmen von Klassentreffen.

Ich wuchs in einer eher ländlichen Region auf. Wir fuhren in Bussen und auf Fahrrädern zur Schule und unser Taschengeld verdienten wir in Gärtnereien oder Schweineställen. Die Hackordnung auf dem Schulhof spiegelte den sozialen Status der Eltern wider.

Mein Vater war Chefarzt, ich konnte nicht klagen und verließ die Schule mit dem Titel „Schülerin mit der erotischsten Ausstrahlung des Jahrgangs“. Das liegt zehn Jahre zurück, hat an Aktualität aber nicht eingebüßt.

Es war, wie es bei solchen Klassentreffen eben immer so ist. Wenig Überraschung. Und wenn doch eine, dann meist wenig erbaulich.

Ich wohne ja nun seit einigen Jahren eher in Großstädten mit reichem Freizeitangebot. Die meisten Mitschüler von einst blieben auf dem Land. Mit geringerem Freizeitangebot. Sie haben jetzt Kinder.

Und während ich mich ins mittlere Management lächle, arbeiten die meisten Mädels von damals am zweiten oder dritten Sprössling, um das traute Heim nicht doch noch verlassen zu müssen, weil der Mann auf dem Weg durch die Gehaltsklassen grad stecken geblieben ist.

Nun ist am klassischen Familienmodell vielleicht gar nicht so viel auszusetzen. Und wahrscheinlich nicht mal daran, dass die coolen Mädchen von damals frag- und klaglos in eine Rolle gefunden haben, die eben in dieser Region seit einigen hundert Jahren den Frauen zugedacht ist. Gesellschaft braucht Rückgrat.

Trotzdem war mir nach der ersten Stunde nicht mehr so ganz klar, warum ich vor dem Treffen so aufgeregt durch die Gegend rannte. Im damenhaften Mein-Job-mein-Haus-mein-Auto-mein-Mann-Wettbewerb war ich ganz gut gerüstet. So gut, dass ich die meiste Munition gar nicht aus dem Rucksack holte.

Am meisten war ich auf Dörte gespannt. So ein Mädchen, das Freunde damals nach Nutzwert sortierte. Ich stand lange in ihrer Gunst und tat auch viel dafür. Bis mir nach Jahren klar wurde, wem ich meine Ergebenheit da schenkte. Danach verloren wir uns komplett aus den Augen.

Und nun saßen wir am selben Tisch, ignorierten uns, solange es ging. Und als das nicht mehr ging, wollte ich gerade loslegen. Ich gebe zu, ich hatte mich darauf gefreut, ihr in blühenden Farben von meinem Leben zu berichten.

Dazu kam es nicht, denn sie begann. Lallend berichtete sie davon, dass sie mit 26 alles erreicht hatte, was sie erreichen wollte. Erzählte vom Mann, vom Kind, vom Job, vom Leben im Dachgeschoss der Schwiegereltern. Stimme und Augen wirkten nicht so zufrieden wie die Worte und die Witze, die sie beim Erzählen machte, wirkten gar nicht witzig.

Da bekam ich Mitleid, lachte aus Höflichkeit wenigstens bei jedem zweiten Witz und sagte nichts von dem, was ich zu sagen geplant hatte.

Stattdessen hier ein bisschen Plaudern, da ein bisschen Smalltalk und am Ende landete ich mit den Mädels an der Bar, zu denen der Kontakt nie abgerissen war. Die eben, die sich weiterentwickelt hatten, etwas zu erzählen hatten. Die, mit denen ich reden und lachen konnte. Immer schon und auch in dieser Nacht.

Die anderen übten sich weiter in Kräftemessen und Seitenhieben, in der der präventiven Verteidigung ihrer Lebensentwürfe und dem provinziellen Wohlgefühl.

Als ich am frühen Morgen ins Bett fiel, war ich froh, dass es ein Gästebett war und mein Leben woanders wohnt.

Der Mann bot sich an, sich meinen Text während der langen Autofahrt nach Hause diktieren zu lassen. Nach zwei Minuten merkten wir, dass Diktieren keine Kernkompetenz von mir ist (Notiz an mich selbst: Bis zur ersten eigenen Sekretärin dringend Diktieren lernen). Ich schlug daraufhin vor, dass er meinen Text einfach selbst schreibt. Ich hatte ihm nachts schließlich alles erzählt und am Morgen musste er im ersten Stock mit anhören, was ich meiner Mutter im Erdgeschoss dazu ins Telefon brüllte. Der so entstandene Text entsprich in groben Zügen der Wahrheit, ist im Detail dramaturgisch geglättet und vieles davon würde ich so niemals behaupten. Schließlich würde ich mich öffentlich niemals so toll finden.