In einer dieser Frauenzeitschriften, die einem immer wieder das Gefühl vermitteln, dass Frauen sehr wohl dümmer sind als Männer, denn warum sonst würden sie sich Zeitschriften mit dem intellektuellen Gehalt einer Klorolle kaufen, las ich heute eine „Sommer-Urlaubs-Buch-Empfehlung“ über eine Au-Pair-Buch.
Anscheinend ging es dabei um drei junge Frauen, die sich um Elite-Kinder an einem Edelurlaubsort kümmern. Zwischen Pool und Mutterschaft light haben sie viel Spaß und lernen darüber hinaus jeweils einen Prinzen kennen, mit dem sie dann nach dem Kunstgeschichts-Studium Elite-Kinder zeugen werden.
Nun gebe ich zu, dass mir Träume von Prinzen und Schlössern nicht fremd sind. Vor meinem Amerika-Aufenthalt sah ich mich mit einem braungebrannten Jüngling – siehe Jordan von den New Kids on the Block – auf einer Yacht unter der Golden Gate Bridge herumschippern.
Die Realität holte mich im tiefsten Süden der USA ein. Statt Yachten gab es Pick-up-Trucks, statt Prinzen rassistische und/oder religiös-fanatische Kerle, die ohne Gewehr schwerlich das Haus verließen.
Nach dem Abitur versuchte ich erneut, meine Jung-Mädchen-Träume zu verwirklichen und ging nach Florenz. Dort sah ich mich am Pool auf entzückende kleine Kinder aufpassen, während mir der schöne erwachsene Nachbarssohn die italienische Welt zu Füßen legt.
Wäre ich nicht tatsächlich ein Jahr dieser Tätigkeit nachgegangen, würde ich, wie die Autorin des obigen Buches, heute noch der verklärten Vorstellungen nachhängen, dass Au-Pair eine tolle Sache ist und keine milde Form der Sklaverei.
Au-Pair zu sein, bedeutete zunächst einmal, für 24 Stunden an 7 Tagen der Woche zur Verfügung zu stehen. Unter dem Deckmantel „Familienmitglied“ lässt sich jeder Sonderdienst geschickt kaschieren. Wenn man im gleichen Haus wohnt und zusammen mit der Familie isst, kann man keine Grenze zwischen Dienst und Freizeit ziehen und die Familie hat auch kein Interesse daran.
Meine Familie hatte drei Kinder, die damals im Alter von 6, 9 und 11 Jahren waren. Die Kinder sind grundsätzlich nicht das Problem. Das Problem sind die Eltern und ihre verschrobene Vorstellung, dass ein 19-jähriges Mädchen besser mit ihren Kindern umgehen könne als sie selber.
Jedenfalls erwarten Sie, dass du ihre Kinder beschäftigst, sie vom fernsehen abhälst, ihnen deine Muttersprache beibringst, dabei das Haus putzt, die Wäsche bügelst, das Essen vorbereitest, und zwar an 6 Tagen in der Woche zuzüglich diverser Abende – besonders gern am Wochenende – an denen Du die Kinder sittest, während die Eltern sich mit Freunden treffen. Das alles für 200 Euro im Monat, einen freien Tag (Sonntag), eine Woche Urlaub zu Weihnachten und erbettelte freie Tage zu Ostern – aber nur, weil die Eltern zu Besuch sind. Darüber hinaus bekommt man Restriktionsessen (denn auf die zubereiteten Speisen und Einkäufe hast du nur bedingt Einfluss, und der Parmesan ist nur zum Reiben da), sowie einem Zimmerlein neben dem Kinderzimmer, inklusive Weckservice um 6:30 (Mo-So).
Eine Freundin bekam sogar ein Zimmer im Keller zugewiesen. Der war feucht und dunkel, hatte aber immerhin eine Toilette und ein siffiges Waschbecken. Nebenan war die Tischtennisplatte des Hauses und als sich Carolin einmal weigerte, an ihrem freien Sonntag die Kinder um 9 Uhr durch ihr Zimmer laufen zu lassen, damit diese zur Tischtennisplatte gelangen konnten, wurde sie von den Eltern gerügt, wie könne sie nur so kleinlich sein, da hätte man mehr von ihr erwartet.
Tessa, die sich um zwei sehr extravagant erzogene Kinder kümmern musste, lebte im Bügelzimmer, dass durch ein Klappbett nun das Au-Pair-Familien-Mitglied-Zimmer wurde. Wegen der schlechten Luft – es gab nur ein kleines Deckenlicht – und wahrscheinlich auch aufgrund einer schlechten Veranlagung bekam sie bald eine Bronchitis. Die Erkrankung des Au-Pairs hielt die Hauschefin nicht davon ab, Tessa mit deutlichen Worten darum zu Bitten, den Abwasch und sonstige Arbeiten in der Küche nur mit kaltem Wasser durchzuführen. Warmes Wasser sei zu teuer und, wie sich später herausstellte, nur der Hauschefin vorbehalten.
Tessa wurde in Italien nicht mehr gesund und verließ nach 3 Monaten Florenz.
Ich hielt durch, weil die Kinder wirklich süß waren, weil die Fahrt mit dem – von meinen Eltern bezahlten – Motorino in die Innenstadt zu dem – von meinen Eltern bezahlten Sprachkurs – so unglaublich schön war, weil ich Italienisch lernen wollte, weil die Option, einen Scheiß-Job in Italien zu machen, besser war, als in Deutschland zu studieren.
Am Ende meines Aufenthaltes kam ich mit Läusen und der Hälfte meines Monatsgehaltes nach Hause. Die Läuse schenkten mir die Kinder. Ich wunderte mich, warum sie einmal im Monat eine Haarkur bekamen. Auf mehrmaliges Nachfragen erfuhr ich, dass es sich um ein Haarmittel gegen Läuse handelte. Anstatt mich im Vorfeld über die Läuseplage zu informieren und mir das Mittel zur Verfügung zu stellen, schrieb mir die Mutter der Kinder den Namen des Mittels auf und ich kaufte es mir in der Apotheke selber. Das Mittel half nicht und erst in Deutschland wurde ich die Viecher los.
Die Hälfte meines letzten Gehaltes wurde einbehalten, weil die Reinigung des Teppichs, der in meinem Zimmer lag, soviel gekostet habe. Offensichtlich stand in dem imaginären Arbeitsvertrag, dass die Beseitigung von Gebrauchsspuren vom Au-Pair zu zahlen seien.
Als ich das Haus verließ, war die Familie im Urlaub. Man hatte sich vorher von mir verabschiedet. Ich warf den Schlüssel bei den Großeltern in den Briefkasten und verließ das Grundstück, ohne ihm eine Träne nachzuweinen.
Zwei Dinge weiß ich seitdem: a) ich möchte Kinder haben und b) Ich habe es nicht bereut, aber ich würde es auch nie wieder tun.