Gesellige Kunst

Letztes Jahr feierten wir Ostern zusammen mit meinen Eltern und der Familie meines Bruders. Abends saßen also sieben Menschen mit mobilen Endgeräten um den Tisch beziehungsweise auf dem Sofa der Wohnküche.

Auf Außenstehende mag unser Starren auf Telefone und Pads gewirkt haben, wie ein Spot des Familienministeriums, der durch Horrorszenarien die Bürger vom übermäßigen Internetkonsum schützen möchte.

Aber das Gegenteil war der Fall. Wir lasen uns gegenseitig lustige und spannende Absätze vor, zeigten uns Bilder und Videos, richteten meiner Mutter Instagram ein, diskutieren und unterhielten uns.

Das Internet ist weder asozial noch vereinsamend. Im Gegenteil, das Internet ist gesellig. Und am meisten fällt mir das im künstlerischen Bereich auf.

Der rege Austausch im Internet von und über Kunst hat das eindimensionale Meta der Postmoderne zu Gunsten eines dreidimensionalen Megametas mit Partizipation abgelöst und ist damit wohl das, was unsere Generation zum Thema Innovation beiträgt.

Laut Tina Klopp in Ohne Ende Musik produzieren

schreiben die Musikjournalisten immer das Gleiche: Es sei noch nie so langweilig gewesen.

Mal abgesehen davon, dass die Musikkritiker das gleiche Problem zu haben scheinen, wie die, die sie kritisieren (langweilig sein), denke ich, dass das Revolutionäre unserer Zeit nicht nur in der künstlerischen Innovation, sondern vor allem in der Multiplikation der Austauschwege künstlerischer Güter liegt.

Wobei mit Multiplikation hier nicht nur die banale Weitergabe einer Kopie, sondern auch das gleichzeitige Spiel mit der Kopie gemeint ist.

Ausgehend von einem sehr weit gefassten Konzept von Kunst, nehme ich mehr denn je am kulturellen Leben teil.

Neulich verlinkte eine Freundin ein
Finger/Hand/Armtanzvideo.

Ich war entzückt von der Idee, der nahezu perfekten Umsetzung und dem lakonischem Blick der Tänzer.

Mit einem kleinen Text über dieses tänzerische Kammerspiel würde ich direkt ca. 1500 Leute (Twitterfollower, Facebookfollower, Feedabbonnenten usw.) erreichen.

Womöglich erhielte ich daraufhin spannende Kommentare, in denen ich die Tanzgeschichten anderer Menschen erführe. Möglicherweise würde ich auf andere Tanzvideos, Projekte oder Tanzblogs aufmerksam gemacht werden.

Vielleicht würde sich die Tänzerin (links im Bild) melden und mir mitteilen, dass sie sich über den Text gefreut hat.

Möglicherweise verlinken 6 Personen meinen Text, teilen das Video auf Facebook oder twittern inspiriert davon über ihr Zumba-Finger-Workout. Zu diesem Zeipunkt würden – allein durch den Text und seine Verlinkungen – ca. 3000 Leute die (theoretische) Gelegenheit gehabt haben, das Video zu sehen.

Vielleicht böte das Tanzvideo für einen Blogger den Aufhänger, endlich darüber zu schreiben, dass seine Eltern ihm den heißersehnten Ballettunterricht verweigert haben.

Noch während ich den Text schreibe, hätte ich ein einen Vine-Clip mit dem #fingertanz gemacht. Vielleicht fänden das ein paar Leute lustig und machen auch Fingertanzclips.

Irgendjemand schlüge daraufhin einen Fingertanzflashmop im Eingangsbereich des Berliner Fernsehturms vor, weil es dort so schöne Glasscheiben am Geländer gibt. Das ist klanglich vielleicht nicht optimal, sieht auf dem Video aber gut aus.

(Parallel würde es Diskussionen darüber geben, ob die Wortwahl #fingertanz wirklich korrekt ist, weil ja schließlich der ganze Arm bewegt wird. Außerdem würde sich bestimmt eine andere Person darüber echauffieren, dass solche Aktionen grundsätzlich Totgeburten sind und schlussendlich würde irgendwo im Feuillton ein Text über die Unerträglichkeit des Selbstbespiegelung im Internet geschrieben werden.)

Am Ende stünden wir also alle im Fernsehturm, würden Touristen mit der Aktion erschrecken, die Film- und Tonaufnahmen wären von minderer Qualität, die Glasabsperrung voller Fingerabdrücke.

Dann würden meine Familie und die Familie Nuf zusammen einen Kaffee trinken gehen. Zwischen Gesprächen und Kinder ermahnen fotografierten wir unseren Cappuccino und würden Kommentare unter dem überbelichteten Flashmobvideo lesen.

Früher ging ich allein ins Ballett – niemand wollte jemals mitgehen – und danach erzählte ich meiner Mutter davon. Damit war Schluss, die Rezeption der dargebotenen Kunst endete in einer Sackgasse.

Ich denke es ist Zeit, die großartigen Möglichkeiten des Internets mehr zu wertschätzen, zu nutzen und uns daran zu freuen.

Mögen sich die Kulturpessimisten weiter zwischen ihren ungelesenen Buchdeckeln geißeln und zusammen Weltuntergangquartett spielen, ich mag die gesellige Kunst meiner Zeit.

Nur weil ich mich darüber aufrege, dass es kaum gute Romane gibt, muss dieser Text noch lange keinen roten Faden haben

Je nach Lebensabschnitt war ich für eine Wahlberechtigung ab 16 Jahren, gegen Studiengebühren oder beklatschte freudig das Elterngeld.

Wahrscheinlich werde ich mit 50 Jahren Romantikresorts besuchen, in denen Kleinkinder verboten sind und mit 65 kämpfe ich für eine höhere Pflegestufe.

Und genauso wie ich die Politik und die Gesellschaft personalisiert wahrnehme, nehme ich auch Filme, Serien, Bücher, Magazine, Artikel, Blogs nach meinen Interessen und nach meiner Lebenssituation wahr.

Ich gebe gern zu, ich möchte Bücher lesen, wo ich wenigsten einen Charater finde, in den ich mich hineinversetzen oder in den ich mich verlieben kann.

Während es eine Menge hervorragender Serien, tolle Blogs, einige gute Filme gibt, hatte ich in letzter Zeit viel Pech mit (Hör-)Büchern.

Von den an Langweiligkeit, Unehrlichkeit und Trivialität nur so strotzenden (Frauen-)Magazinen möchte ich gar nicht sprechen. Das habe ich ja schon mal.

Abgesehen davon, dass ich immer einen Charakter brauche, dem ich mich nahe fühle, interessieren mich – wohl aufgrund meiner Lebenssituation – derzeit Geschichten, die zeigen was nach dem Happy End kommt.

Naja Blut, Gewalt, Sex und eine intelligente und spannende Geschichte wären auch nicht schlecht für einen spannenden Roman.

Heute – als ich bereits über den Text nachdachte – fand ich diese Buchrezension von Eheroman von Katrin Seddig bei Maximilian Buddenbohm. Das Buch klingt sehr vielversprechend, wobei es mich nicht so reizt, es scheint mir an Blut und Kriminalität und wenigstens ein bisschen Optimismus zu fehlen.

Aber Maximilian Buddenbohm fasst den Inhalt des Buchs so grandios zusammen, dass dieser Abschnitt eigentlich auch für (Teile) meines Lebens und des Lebens vieler Menschen, um mich herum stehen könnte:

‘Frau heiratet Mann, kriegt Kind, kriegt noch ein Kind, wird überraschenderweise auf der Strecke gar nicht vor Glück verrückt. Schlägt sexuell quer, grübelt herum, versucht zu verstehen. Sich, den Mann, die Liebe, das Leben, das Ganze. Kommt auch dabei nicht sehr weit, kommt auch nicht vorwärts, nicht vom Fleck und nirgendwo an. Wird älter, arbeitet die ganze Zeit irgendwas, macht keine glänzende Karriere und am Ende kommt kein Prinz. Vorhang.’

 

Wie gesagt, vielleicht etwas pessimistisch aber offenbar ehrlich. Das war übrigens auch ein Aspekt, der mir an Charlotte Roches ‘Schoßgebete’ so gut gefiel.

Aber all das scheinen rühmliche Ausnahmen.

Auf der Reise an die Mosel wollte ich mir die lange Autofahrt allein mit einem Hörbuch etwas kurzweiliger gestalten. An der Tankraststätte Dammer Berge hatte ich die Wahl zwischen einem Hörbuch von Thilo Sarrazin oder einer Folge der Hebammen-Historien-Saga. Ich dachte lange nach und wählte schließlich die Hebamme, immerhin kann ich selbst auf zwei Geburten zurückblicken.

Ich habe ungefähr die Hälfte der Geschichte geschafft und dabei ständig das Bedürfnis gehabt, mit meinem Kopf auf das Lenkrad zu knallen, was mir bei 170 km/h allerdings etwas gefährlich erschien. Ich fasse mal kurz zusammen was mich an den Rande des Wahnsinns getrieben hat:

Alles läuft immer glatt, jede Spannung wird im Keim erstickt, weil die Guten einfach so unglaublich gut und klug sind. Und wenn nichts mehr hilft, hat die Hebamme eine Vision.

Sobald eine Frau die Szene betritt hat sie auch Sex mit einem der anwesenden Männer. Nun weiß jeder, der dieses Blog öfter liest, dass ich eine Königin des anzüglichen Frauenwitzes bin, aber die Sexszenen sind so absehbar, dass ich unsäglich schläfrig davon wurde.

Die guten Frauen haben kastanienbraune Haare, eine zierliche Statur und sind sexuell passiv, immerhin genießen sie Sex. Die Männer sind liebevoll, wissen aber gekonnt die Frau zu nehmen, so dass sie am Ende spitze Schreie ausstößt.

Interessant sind da eher die bösen Charatere, natürlich schänden sie Frauen und genießen es, sie leiden zu sehen. Frauen, die gern und freiwillig mit den bösen Männern schlafen, sind Ehebrecherinnen und genießen den Sex mit den bösen Männern.

Wenn die Männer unter sich sind, kämpfen oder reden sie, wobei die Guten sowohl rhetorisch als auch kämpferisch überlegen sind. Das Einzige Makel der (jungen) guten Männern ist ihr zuweilen auftretender Hochmut.

Keiner der Charaktere ist spannender als die Geburtstagskarten meiner Hausbank und mit meinem Leben oder meiner Gefühlswelt hat das alles wenig zu tun, selbst wenn man meinem Leben etwas Blut, Action, Sex, Humor und Betrug hinzufügen würde.

Vor einiger Zeit habe ich es mit einem anderen Besteseller probiert: Jo Nesbøs Headhunter. Ich dachte, man könnte mit einem Krimi nicht viel falsch machen. Wie dumm von mir.

Dem Hauptcharakter Roger Brown wünschte ich bereits nach wenigen Seiten den sofortigen Tod. Wenn der Hauptcharakter seiner engelgleichen, hochsensiblen und ätherischen (kotz!) Frau eine Galerie schenkt, damit ihr Kinderwunsch verschwindet und er für immer ihr einziges Kind bleibt, dann kann die Geschichte nur spannend werden, wenn sie mit paranormalen Zwillingen schwanger wird.

Glücklicherweise stehe ich mit meiner Meinung nicht allein, wie man dieser Konversation mit Patricia Cammarata, Kai Biermann, Caro Buchheim und ronsens entnehmen kann:

Also habe ich mir A Game of Thrones gleich mal runtergeladen und die ersten 80 Seiten gelesen, während ich es genoss, ohne Familie im Romantikhotel Bellevue rumzugammeln. Soweit ist es vielversprechend, hat mich aber noch nicht total in den Bann gezogen.

So suche ich also nach wie vor nach einer wirklich guten Geschichte, die sich nicht hinter stilistischen Schi Schi versteckt, sondern spannend, vielschichtig und mitreißend ist. Und nach einer weiblichen Protagonistin, die nicht wählen muss zwischen schön, zart und perfekt oder attraktiv, kompliziert und alkoholkrank, sondern einfach die Tragik und Absurdität der Normalität lebt und lakonisch kommentiert.

Peter Breuer hat es im Interview mit Agent Dexter wunderbar ausgedrückt:

Gibt es Autoren, die Du für ihre Kreativität schätzt und besonders gern liest?

Was mir gefällt, ist die Lockerheit englischsprachiger Autoren. Diese Skrupellosigkeit, echte Geschichten zu erzählen oder einen klaren Plot zu verfolgen und dabei die pralle Handlung mit Humor zu füllen. So wie es Zadie Smith oder David Sedaris tun. In der deutschen Gegenwartsliteratur wird mir zu viel an der Erzählstruktur oder der Form herumgelitten – das langweilt mich zu Tode.

Bis dahin spiele ich einfach abends im Bett mein Siedlerspiel weiter.

Spielstagram oder Sammeln wie Pac-Man

Neulich unterhielt ich mich mit meinem Mann über Frauen, die sich “rar” machen. Frauen also die Männer erst reizen, um dann allein nach Hause zu gehen.

Diese Psychologie hat sich mir nie erschlossen. Entweder reize ich erst gar nicht und wenn doch dann bin ich wie Pac-Man, ich sacke alles ein was ich kriegen kann, bis die Gespenster kommen.

Ähnlich verhält es sich bei mir in fast allen anderen Lebensbereichen auch. Daher bin ich auch anfällig für alle möglichen Spielereien. Vor einigen Monaten hatte ich beispielsweise eine Formspring-Phase.

Irgendwann aber lagen mehr als 200 Fragen in meiner Inbox und 99% der Fragen mochte ich nicht beantworten und die, die ich gern beantwortet hätte, habe ich nicht mehr gefunden.

Mein Account habe ich dann auf “privat” gesetzt, einfach weil ich das Gefühl hatte, noch mehr als beim Bloggen, von mir und meinem alltäglichen Leben erzählt zu haben. In diesem Fall mache ich die Tür einfach lieber selbst auf.

Nichtsdesto trotz war Formspring einer der Initialzünder, um wieder mit dem Bloggen anzufangen. Lange hatte ich außer Emails nichts mehr geschrieben und so entdeckte ich den Spaß am Schreiben wieder neu.

Ein weiterer Auslöser dafür, dass ich das Bloggen wieder aufgegriffen habe, war die Nuf. Schließlich habe ich 1/3 weniger Kinder als sie. Damit ist meine Ausrede, “ich-bin-berufstätige-Mutter-und-habe-keine-Zeit-zum-Bloggen” nicht mehr wirklich aufrecht zu halten. Aber das ist ja eigentlich eine ganz andere Geschichte.

Formspring ist für mich also tot, mein Blog lebt wie ein alter Mann mit Diabetes vor sich hin und Dank meines iPhones und diplix bin ich nun leicht Instagram-süchtig.

Bevor ich hier gleich euphorisch werde, ich kenne die Nachteile von Instagram. Es ist etwas absurd, dass es keine ordentliche webapp von Instagram gibt und natürlich macht ein bischen Filtern hier und ein wenig Bluren da noch keinen Fotografen.

Aber es ist eine schöne, vergnügliche App und sie erinnert mich an ein Journal, das mir 1993 geschenkt wurde.

Ich war damals Austauschschülerin irgendwo in den Untiefen der amerikanischen Südstaaten. Ich lebte in einem kleinen Ort an dem die Eröffnung eines Tacobells gefeiert wurde wie die Einfahrt der Queen Mary in Hamburg. Die wichtigste kulturelle Veranstaltung war der wöchentliche Kirchenbesuch.

An einem Samstag nahm der Deutschleher der Schule zwei andere deutschsprachige Studenten und mich mit nach Memphis. Dort besuchten wir ein Theaterstück, an das ich mich nicht einmal mehr ansatzweise erinnern kann. Dafür gingen wir nachher lecker essen, selbstverständlich kann ich mich daran erinnern. Zuvor betraten wir einen Buch- und Zeitschriftenladen.

Als wäre ich mehrere Wochen mit wenige Wasser durch die Wüste gelaufen, genoss ich den Anblick der Bücher, Bildbänder, Zeitschriften und Journale.

Ganz besonders angetan war ich von vom “Photography Annual” der “Communication Arts”. Ich hatte keine Ahnung was genau ich da in der Hand hielt aber ich mochte die Fotos. 14$ waren für mich damals allerdings ein Vermögen und so stellte ich es wieder zurück.

Mein Lehrer, ein kaulquappenartiges Wesen, das noch bei seiner Mutter lebte, perfekt Deutsch sprach aber noch nie nach Deutschland gereist war, nahm das Heft, ging an die Kasse und drückte es mir dann freundlich in die Hand.

Den Rest des Jahres betrachtete ich immer wieder die Fotos, genoss die Farben, die Aufnahmewinkel, die verschiedenen fotografierten Orte, Menschen, Tiere. Dass es sich hier um Fotos handelte, die für Werbung genutzt wurden, war mir egal. Wenn sie gut sind, kann ich auch Werbebilder genießen, ganz besonders wenn der Blick sonst nur auf Tacobell fällt.

Noch heute kenne ich jede Seite des Buches, wie eine Playlist, die man immer wieder gehört hat.

Instagram erinnert mich sehr an dieses Buch. Man findet dort vielleicht keine große Kunst aber schöne Bilder von verschiedenen Orten, Menschen, Tieren, Lebensmitteln und Stränden aus interessanten Blickwinkeln in – Dank der Filter – teils absurden Farben.

Ich genieße es morgens in der Bahn Bilder anzugucken und “gefällt mir” zu klicken. Anders als bei Twitter oder Formspring folge ich mehr Leuten als mir gefolgt wird, ich bin geradezu wahllos. Wenn mir mehr als zwei Fotos eines Users gefallen, klicke ich “folgen”. Außerdem folge ich viel internationaler.

Ich lese wenige ausländische Blogs oder folge englischen Twitter-Accounts. Ich bin froh, wenn ich meinen, ohnhin viel zu wenig gefüllten Feedreader – mit hauptsächlich deutschen Bloggern – ausgelesen bekomme.

Aber bei Bildern verhält es sich bei mir anders. Ich habe erst einmal nach den Tags von Orten, die ich sehr gern mag, gesucht und habe gefühlt 20 Italiener, 10 Brasilianer und 5 Amerikaner meinem Instagram-Feed hinzugefügt.

Dabei fand ich unter #Brazil zufällig eine Kirche in Gramado, ein Ort den kaum jemand kennt und den ich im Rahmen einer Exkursion mit einem Klaus-Kinski-artigen Professor mal besucht habe.

Bei Instagram lösen die Bilder bei mir ständig Erinnerungen an Geschichten, Orte, Menschen aus. Flickr könnte das sicherlich auch, aber die Handhabung ist viel schwerer. Der Feed und die News bei Instagram sind einfach deutlich effizienter und brauchbarer.

Wie Pac-Man sammle ich momentan also Bilder bei Instagram ein. Mal sehen, wie lange es dauert bis das Gespennst mich holt und ich im nächsten Level was Neues sammle.

Random fun fact, die Katze der Instagrammer ist übrigens der Cappuccino mit Latte-Art.

Journelle bei Instagram.

Mit den Beinen ins Museum

In Matthias Schepps Gebrauchsanweisung Russland(ja, ich lese soetwas und je nach Autor kann ich die Reihe auch sehr empfehlen) las ich von einem privaten Russischen Museum Art4.ru.

Demnach handelt es sich um eins der spannendsten Museen für moderne russische Kunst. Nun habe ich weder viel Ahnung von moderner noch von russischer Kunst, aber für was Spannendes bin ich immer zu haben.

Um überhaupt rauszufinden wo das Museum ist und wann es geöffnet hat recherchierte ich im Internet und fand unter anderem einen Zeit-Artikel.

Oder kurz, das Museum befindet sich in der Chlynowskij Tupik 4, nahe dem Kreml. Laut Website ist es Freitag und Samstag von 11 bis 22 Uhr geöffnet.

Um kurz vor 12 war ich vor Ort. Die Tür war zu, innen kein Licht aber immerhin gab es vier riesige Kunstwerkschaufenster.

Es war kalt und ich ohne Alternativplan. Also bin ich in das nächste Café. Eine Sache, die ich an dieser Stadt grandios finde, sind die vielen offenen WLANs. Ich meine richtig offen ohne Anmeldung, ohne Zeitlimit, ohne Angabe irgendwelcher Daten.

Diverse Mails, SMS und Tweets später bin nochmal zum art4.ru.

Die Tür war immernoch zu aber das Licht war an. Nun habe ich nach knapp zwei Tagen in Moskau schon gelernt, dass hier eine verschlossene Tür gar nichts heißt.

Meist ist die Tür nämlich gar nicht verschlossen, man bekommt sie nur nicht mit einem normalen Maß an Kraft aus. Selbst wenn man aus der Metrostation hinaustreten möchte, muss man so stark gegen die Tür arbeiten, als wolle man den Stein vor Jesus Grab wegschieben.

Ich schaffte es hier nicht aus eigener Kraft, also klingelte ich.

Kürze Zeit später öffnete mir ein Mann der aussah, wie eine (nicht unbedingt unattraktive) junge Version des Rasputins. Dank meiner Recherche wusste ich, dass der Mann mit den vielen Haaren Igor Markin ist.

Ihm war wohl auch klar, dass ich keine Russin bin (die wissen ja, wie man solche Türen sprengt) und erklärte mir gleich auf Englisch, dass das Museum geschlossen sei.

Ich schaute betrübt und sagte was von ‘Schade’, woraufhin er sich meine Beine genau anschaute und sie wohl für würdig empfand sein Museum zu betreten.

‘Aber nur kurz. Wo kommen Sie her?’
-‘Aus Deutschland.’
‘Dann sollte es Ihnen ja nicht schwer fallen, sich die Sachen schnell anzusehen.’

Meine Beine und ich schauten und also die Werke an. Wie ich schon sagte, habe ich wenig Ahnung von Kunst und fasse mich kurz:

In chaotischer Atmosphäre kann man sich sehr viele sehr unterschiedliche Bilder, Fotos und Installationen ansehen. Vieles sagte mit nichts, einiges fand ich ziemlich beeindruckend. Von diesen Künstlern konnte ich mir wenn überhaupt nur die Vornamen (Alexander und Oleg) merken.

Als ich fertig war, war der Chef verschwunden. Ein farbloser junger Mann saß am Empfangstisch. Stellvertretend bedankte ich mich bei ihm überschwänglich.

Draußen suchte ich gleich nach dem nächsten Café der Kälte wegen und weil ich keinen anderen Plan hatte.

Ich habe dann mal einen Termin im Puff gemacht*

Feuchtgebiete habe ich nach einem Drittel des Buches weggelegt. Zu langweilig. Inneneinsichten einer End-Pubertierenden in der sexuellen Findungsphase interessierten mich einfach nicht, been there, done that, don’t wanna go back.

Aber bei Schoßgebete ahnte ich, dass es mir gefallen könnte.

Ich kaufte mir also Schoßgebete und las es in einer Woche durch. Für mich ist das schnell, denn seit langer Zeit ziehe ich das Lesen von Blogs, Twitter, Formspring-Antworten, Nido, Geo-Epoche und Geo-Kompakt – random fact: Charlotte Roche zitiert im Buch nicht selten die Geo-Kompakt zum Thema Liebe und Sex – dem Lesen von Büchern vor.

Das Buch ist großartig.

Ich mag die Schonungslosigkeit der Protagonistin, es ist, als wäre die innere Zensur ausgefallen. Viele der Gedanken sind mir nicht fremd, ich formuliere sie aber nicht einmal mir selbst gegenüber, schließlich bin ich nicht schwierig, neurotisch, aggressiv und schon gar nicht möchte ich meine wundesten Punkte nach Außen kehren.

Aber Elizabeth/Charlotte ist das egal, vielleicht handelt sie auch nach dem Motto, lieber ich zeige Euch meine Achilles-Ferse, als dass die Bild von meinen Puff-Besuchen berichtet. Egal warum, diese Schonungslosigkeit macht das Buch so spannend, man liest keine muffige Bouillon, sondern konzentrieten Jus.

Zuweilen wurde mir schlecht, insbesondere in den Abschnitten als es um den Tod der Brüder geht. Ich musste aufhören zu lesen und/oder stöhnte “ojeoje” so dass der Mann, der neben mir im Bett lag, sich um mich sorgte. Aber ich las (am nächsten Tag) weiter und freute mich wie schon lange nicht mehr auf die abendliche Lektüre.

Umso überraschter bin ich über die Kritiken, die dem Buch vorwerfen, keine Lösungen aufzuzeigen. So schreibt Alice Schwarzer in ihrem Blog

Okay, damit sollte eine starke Frau leben können. Eines allerdings wäre fatal: Wenn deine Leserinnen deine verruchte Heimatschnulze über Sex & Liebe für ein Rezept halten würden. Denn du hast nicht die Lösung, du hast das Problem.

Frau Schwarzer hat es erkannt, Elizabeth/Charlotte hat das Problem. Aber damit segelt sie schonungslos am Wesentlichen vorbei. Seit wann ist es bitte schön Hauptaufgabe der Literatur Antworten zu geben? Sollen Frauen jetzt nur noch Entwicklungsromane schreiben? Willkommen zurück bei Anne of Green Galbes.

Literatur hat für mich zuerst einmal die Aufgabe mich zu unterhalten, damit meine ich vor allem mich zu fesseln, mir Lust zu machen mehr davon zu lesen. Ferner finde ich Literatur spannend, wenn sie meine Lebenswelt auf interessante Art spieglt, ja so simpel bin ich.

Und das tut Schoßgebete. Natürlich möchte ich ökologisch super-korrekt sein, möchte ich eine super-Mutti sein, die dem Kind das Gemüse schmackhaft macht, ich bin emanzipiert und selbstständig, ich habe Panik, dass die Beziehung zu meinem Mann weniger sexuell wird oder ich ihn irgendwann verlieren könnte, wünsche mir gleichwohl das Gefühl von anderen Männern attraktiv gefunden zu werden und habe jahrelang sexuelle Praktiken verdrängt, weil man das als gleichberechtigte emanzipierte Frau nicht tut.

Ob das (geistig) gesund ist und wie man letztlich damit umgeht steht auf einem anderen Papier aber so zu tun, als hätte Elizabeth/Charlottes Lebenswelt keinen Bezug zur Lebenswelt vieler junger (Ehe-)Frauen/Mütter ist absurd.

Wenn ich mal Enkelkinder habe uns sie fragen, wie das Leben einer Frau so um 2011 war, werde ich ihnen das Schoßgebete in die Hand drücken und sagen:

“So ähnlich, nur bei den meisten weniger unterhaltsam und mit 60% weniger Drama”.

*Wer sich wundert, warum ich keinen Bezug auf den Titel dieses Blogeintrags nehme, dem sei gesagt, ich wollte in meinem Blog mal das stilistische Mittel der “sexuellen Provokation” ausprobieren.

Dachmusik

Neulich hörten der Mann und ich in einem Restaurant ein Lied von Eros Ramazzotti und als ich anfing leise mit zu singen fragte er mich entsetzt, seit wann ich denn auf Eros stehen würde.

Irgendwann einmal kümmerte ich mich in Italien um drei kleine Kinder und Dove c’è musica war gerade ein Hit. So lag ich nach getaner Arbeit in der Badewanne des grüngekachelten Kinderbadezimmers – wichtig war es sowohl Badewanne als auch Klobrille immer vor der Benutzung zu säubern, da es die beiden kleinen Jungs mit dem Kleckern bzw. dem Ort fürs Pinkeln nicht so genau nahmen – und hörte Radio. Um genau zu sein hörte ich Radio DJ, die haben den tollsten Claim One Nation One Station.

Ich lag also in der Badewanne und während ich darüber sinnierte, dass ich mir mein Au-Pair-Leben in meinen Mädchenträumen irgendwie anders vorgestellt hatte, entsprach wenigstens Eros Gesang meinem Bild von Italien.

Einige Jahre später war ich wieder für längere Zeit in Italien und auch die Musik wurde dieses Mal besser. Das ist aber nicht Radio DJ zu verdanken, sondern meiner Freundin Anke, die damals fast ausschließlich Sympathique von Pink Martini hörte.

Sie wohnte in einer kleinen Wohnung in Trastevere – das Ottensen von Rom – in einem Haus mit begehbaren Dach. Die anderen Hausbewohner nutzen das Dach wenn überhaupt als Stellplatz für ihre Antennen oder Wäscheständer. Aber wir schleppten an den Wochenenden oft Stühle, Tische und ein üppiges deutsches Frühstück mit Orangensaft und gutem italienischen Kaffee hoch und fühlten uns, auch im Frühjahr bei 15 Grad, beim Blick aufs Kolosseum wie die Könige von Rom.

Untermalt wurde das Ganze von Pink Martini, die aus Ankes tragbaren CD-Spieler mit Miniboxen Donde estas Yolanda, Amado mio oder Qué Sera Sera dudelten. Die schlechte Qualität der Boxen nervte gar nicht, sondern unterstrich das Altmodische der Musik.

Ehrlich gesagt nahm ich die Musik auch gar nicht so bewusst wahr, sie passte sich in die Atmosphäre ein und machte die Dachfrühstücke einfach nur noch zauberhafter. Lange Zeit hielt ich Pink Martini daher auch nur für ein kurzlebiges Projekt bei dem ein paar Ewigkeitshits mit südamerikanischen Flair von irgendwelchen Amerikanern neu aufgenommen wurden.

Bis ich vor einigen Monaten ein Konzertplakat von Pink Martini sah. Neugierig recherchierte ich im Internet und stellte fest, dass ich die Musik völlig unterschätzt hatte. Außerdem war gerade ein aktuelles Album Hey Eugene! erschienen. Dies wünschte ich mir vom Mann zu Weihnachten – meine Mutter hat mir früh beigebracht, dass Männer einem nur dann jeden Wunsch von den Lippen ablesen, wenn man ihn auch laut und deutlich formuliert.

Was soll ich sagen, ich bin zwar nicht in Italien, sondern im kalten Hamburg und zudem meist zu Hause, wo ich mich um ein Baby kümmere aber wenn ich abends in der Badewanne liege und City of Night höre, fühle ich mich wieder wie eine Königin, die morgens ihren Cappuccino über den Dächern von Rom trinkt.