Spielstagram oder Sammeln wie Pac-Man

Neulich unterhielt ich mich mit meinem Mann über Frauen, die sich “rar” machen. Frauen also die Männer erst reizen, um dann allein nach Hause zu gehen.

Diese Psychologie hat sich mir nie erschlossen. Entweder reize ich erst gar nicht und wenn doch dann bin ich wie Pac-Man, ich sacke alles ein was ich kriegen kann, bis die Gespenster kommen.

Ähnlich verhält es sich bei mir in fast allen anderen Lebensbereichen auch. Daher bin ich auch anfällig für alle möglichen Spielereien. Vor einigen Monaten hatte ich beispielsweise eine Formspring-Phase.

Irgendwann aber lagen mehr als 200 Fragen in meiner Inbox und 99% der Fragen mochte ich nicht beantworten und die, die ich gern beantwortet hätte, habe ich nicht mehr gefunden.

Mein Account habe ich dann auf “privat” gesetzt, einfach weil ich das Gefühl hatte, noch mehr als beim Bloggen, von mir und meinem alltäglichen Leben erzählt zu haben. In diesem Fall mache ich die Tür einfach lieber selbst auf.

Nichtsdesto trotz war Formspring einer der Initialzünder, um wieder mit dem Bloggen anzufangen. Lange hatte ich außer Emails nichts mehr geschrieben und so entdeckte ich den Spaß am Schreiben wieder neu.

Ein weiterer Auslöser dafür, dass ich das Bloggen wieder aufgegriffen habe, war die Nuf. Schließlich habe ich 1/3 weniger Kinder als sie. Damit ist meine Ausrede, “ich-bin-berufstätige-Mutter-und-habe-keine-Zeit-zum-Bloggen” nicht mehr wirklich aufrecht zu halten. Aber das ist ja eigentlich eine ganz andere Geschichte.

Formspring ist für mich also tot, mein Blog lebt wie ein alter Mann mit Diabetes vor sich hin und Dank meines iPhones und diplix bin ich nun leicht Instagram-süchtig.

Bevor ich hier gleich euphorisch werde, ich kenne die Nachteile von Instagram. Es ist etwas absurd, dass es keine ordentliche webapp von Instagram gibt und natürlich macht ein bischen Filtern hier und ein wenig Bluren da noch keinen Fotografen.

Aber es ist eine schöne, vergnügliche App und sie erinnert mich an ein Journal, das mir 1993 geschenkt wurde.

Ich war damals Austauschschülerin irgendwo in den Untiefen der amerikanischen Südstaaten. Ich lebte in einem kleinen Ort an dem die Eröffnung eines Tacobells gefeiert wurde wie die Einfahrt der Queen Mary in Hamburg. Die wichtigste kulturelle Veranstaltung war der wöchentliche Kirchenbesuch.

An einem Samstag nahm der Deutschleher der Schule zwei andere deutschsprachige Studenten und mich mit nach Memphis. Dort besuchten wir ein Theaterstück, an das ich mich nicht einmal mehr ansatzweise erinnern kann. Dafür gingen wir nachher lecker essen, selbstverständlich kann ich mich daran erinnern. Zuvor betraten wir einen Buch- und Zeitschriftenladen.

Als wäre ich mehrere Wochen mit wenige Wasser durch die Wüste gelaufen, genoss ich den Anblick der Bücher, Bildbänder, Zeitschriften und Journale.

Ganz besonders angetan war ich von vom “Photography Annual” der “Communication Arts”. Ich hatte keine Ahnung was genau ich da in der Hand hielt aber ich mochte die Fotos. 14$ waren für mich damals allerdings ein Vermögen und so stellte ich es wieder zurück.

Mein Lehrer, ein kaulquappenartiges Wesen, das noch bei seiner Mutter lebte, perfekt Deutsch sprach aber noch nie nach Deutschland gereist war, nahm das Heft, ging an die Kasse und drückte es mir dann freundlich in die Hand.

Den Rest des Jahres betrachtete ich immer wieder die Fotos, genoss die Farben, die Aufnahmewinkel, die verschiedenen fotografierten Orte, Menschen, Tiere. Dass es sich hier um Fotos handelte, die für Werbung genutzt wurden, war mir egal. Wenn sie gut sind, kann ich auch Werbebilder genießen, ganz besonders wenn der Blick sonst nur auf Tacobell fällt.

Noch heute kenne ich jede Seite des Buches, wie eine Playlist, die man immer wieder gehört hat.

Instagram erinnert mich sehr an dieses Buch. Man findet dort vielleicht keine große Kunst aber schöne Bilder von verschiedenen Orten, Menschen, Tieren, Lebensmitteln und Stränden aus interessanten Blickwinkeln in – Dank der Filter – teils absurden Farben.

Ich genieße es morgens in der Bahn Bilder anzugucken und “gefällt mir” zu klicken. Anders als bei Twitter oder Formspring folge ich mehr Leuten als mir gefolgt wird, ich bin geradezu wahllos. Wenn mir mehr als zwei Fotos eines Users gefallen, klicke ich “folgen”. Außerdem folge ich viel internationaler.

Ich lese wenige ausländische Blogs oder folge englischen Twitter-Accounts. Ich bin froh, wenn ich meinen, ohnhin viel zu wenig gefüllten Feedreader – mit hauptsächlich deutschen Bloggern – ausgelesen bekomme.

Aber bei Bildern verhält es sich bei mir anders. Ich habe erst einmal nach den Tags von Orten, die ich sehr gern mag, gesucht und habe gefühlt 20 Italiener, 10 Brasilianer und 5 Amerikaner meinem Instagram-Feed hinzugefügt.

Dabei fand ich unter #Brazil zufällig eine Kirche in Gramado, ein Ort den kaum jemand kennt und den ich im Rahmen einer Exkursion mit einem Klaus-Kinski-artigen Professor mal besucht habe.

Bei Instagram lösen die Bilder bei mir ständig Erinnerungen an Geschichten, Orte, Menschen aus. Flickr könnte das sicherlich auch, aber die Handhabung ist viel schwerer. Der Feed und die News bei Instagram sind einfach deutlich effizienter und brauchbarer.

Wie Pac-Man sammle ich momentan also Bilder bei Instagram ein. Mal sehen, wie lange es dauert bis das Gespennst mich holt und ich im nächsten Level was Neues sammle.

Random fun fact, die Katze der Instagrammer ist übrigens der Cappuccino mit Latte-Art.

Journelle bei Instagram.

Mit den Beinen ins Museum

In Matthias Schepps Gebrauchsanweisung Russland(ja, ich lese soetwas und je nach Autor kann ich die Reihe auch sehr empfehlen) las ich von einem privaten Russischen Museum Art4.ru.

Demnach handelt es sich um eins der spannendsten Museen für moderne russische Kunst. Nun habe ich weder viel Ahnung von moderner noch von russischer Kunst, aber für was Spannendes bin ich immer zu haben.

Um überhaupt rauszufinden wo das Museum ist und wann es geöffnet hat recherchierte ich im Internet und fand unter anderem einen Zeit-Artikel.

Oder kurz, das Museum befindet sich in der Chlynowskij Tupik 4, nahe dem Kreml. Laut Website ist es Freitag und Samstag von 11 bis 22 Uhr geöffnet.

Um kurz vor 12 war ich vor Ort. Die Tür war zu, innen kein Licht aber immerhin gab es vier riesige Kunstwerkschaufenster.

Es war kalt und ich ohne Alternativplan. Also bin ich in das nächste Café. Eine Sache, die ich an dieser Stadt grandios finde, sind die vielen offenen WLANs. Ich meine richtig offen ohne Anmeldung, ohne Zeitlimit, ohne Angabe irgendwelcher Daten.

Diverse Mails, SMS und Tweets später bin nochmal zum art4.ru.

Die Tür war immernoch zu aber das Licht war an. Nun habe ich nach knapp zwei Tagen in Moskau schon gelernt, dass hier eine verschlossene Tür gar nichts heißt.

Meist ist die Tür nämlich gar nicht verschlossen, man bekommt sie nur nicht mit einem normalen Maß an Kraft aus. Selbst wenn man aus der Metrostation hinaustreten möchte, muss man so stark gegen die Tür arbeiten, als wolle man den Stein vor Jesus Grab wegschieben.

Ich schaffte es hier nicht aus eigener Kraft, also klingelte ich.

Kürze Zeit später öffnete mir ein Mann der aussah, wie eine (nicht unbedingt unattraktive) junge Version des Rasputins. Dank meiner Recherche wusste ich, dass der Mann mit den vielen Haaren Igor Markin ist.

Ihm war wohl auch klar, dass ich keine Russin bin (die wissen ja, wie man solche Türen sprengt) und erklärte mir gleich auf Englisch, dass das Museum geschlossen sei.

Ich schaute betrübt und sagte was von ‘Schade’, woraufhin er sich meine Beine genau anschaute und sie wohl für würdig empfand sein Museum zu betreten.

‘Aber nur kurz. Wo kommen Sie her?’
-’Aus Deutschland.’
‘Dann sollte es Ihnen ja nicht schwer fallen, sich die Sachen schnell anzusehen.’

Meine Beine und ich schauten und also die Werke an. Wie ich schon sagte, habe ich wenig Ahnung von Kunst und fasse mich kurz:

In chaotischer Atmosphäre kann man sich sehr viele sehr unterschiedliche Bilder, Fotos und Installationen ansehen. Vieles sagte mit nichts, einiges fand ich ziemlich beeindruckend. Von diesen Künstlern konnte ich mir wenn überhaupt nur die Vornamen (Alexander und Oleg) merken.

Als ich fertig war, war der Chef verschwunden. Ein farbloser junger Mann saß am Empfangstisch. Stellvertretend bedankte ich mich bei ihm überschwänglich.

Draußen suchte ich gleich nach dem nächsten Café der Kälte wegen und weil ich keinen anderen Plan hatte.

Ich habe dann mal einen Termin im Puff gemacht*

Feuchtgebiete habe ich nach einem Drittel des Buches weggelegt. Zu langweilig. Inneneinsichten einer End-Pubertierenden in der sexuellen Findungsphase interessierten mich einfach nicht, been there, done that, don’t wanna go back.

Aber bei Schoßgebete ahnte ich, dass es mir gefallen könnte.

Ich kaufte mir also Schoßgebete und las es in einer Woche durch. Für mich ist das schnell, denn seit langer Zeit ziehe ich das Lesen von Blogs, Twitter, Formspring-Antworten, Nido, Geo-Epoche und Geo-Kompakt – random fact: Charlotte Roche zitiert im Buch nicht selten die Geo-Kompakt zum Thema Liebe und Sex – dem Lesen von Büchern vor.

Das Buch ist großartig.

Ich mag die Schonungslosigkeit der Protagonistin, es ist, als wäre die innere Zensur ausgefallen. Viele der Gedanken sind mir nicht fremd, ich formuliere sie aber nicht einmal mir selbst gegenüber, schließlich bin ich nicht schwierig, neurotisch, aggressiv und schon gar nicht möchte ich meine wundesten Punkte nach Außen kehren.

Aber Elizabeth/Charlotte ist das egal, vielleicht handelt sie auch nach dem Motto, lieber ich zeige Euch meine Achilles-Ferse, als dass die Bild von meinen Puff-Besuchen berichtet. Egal warum, diese Schonungslosigkeit macht das Buch so spannend, man liest keine muffige Bouillon, sondern konzentrieten Jus.

Zuweilen wurde mir schlecht, insbesondere in den Abschnitten als es um den Tod der Brüder geht. Ich musste aufhören zu lesen und/oder stöhnte “ojeoje” so dass der Mann, der neben mir im Bett lag, sich um mich sorgte. Aber ich las (am nächsten Tag) weiter und freute mich wie schon lange nicht mehr auf die abendliche Lektüre.

Umso überraschter bin ich über die Kritiken, die dem Buch vorwerfen, keine Lösungen aufzuzeigen. So schreibt Alice Schwarzer in ihrem Blog

Okay, damit sollte eine starke Frau leben können. Eines allerdings wäre fatal: Wenn deine Leserinnen deine verruchte Heimatschnulze über Sex & Liebe für ein Rezept halten würden. Denn du hast nicht die Lösung, du hast das Problem.

Frau Schwarzer hat es erkannt, Elizabeth/Charlotte hat das Problem. Aber damit segelt sie schonungslos am Wesentlichen vorbei. Seit wann ist es bitte schön Hauptaufgabe der Literatur Antworten zu geben? Sollen Frauen jetzt nur noch Entwicklungsromane schreiben? Willkommen zurück bei Anne of Green Galbes.

Literatur hat für mich zuerst einmal die Aufgabe mich zu unterhalten, damit meine ich vor allem mich zu fesseln, mir Lust zu machen mehr davon zu lesen. Ferner finde ich Literatur spannend, wenn sie meine Lebenswelt auf interessante Art spieglt, ja so simpel bin ich.

Und das tut Schoßgebete. Natürlich möchte ich ökologisch super-korrekt sein, möchte ich eine super-Mutti sein, die dem Kind das Gemüse schmackhaft macht, ich bin emanzipiert und selbstständig, ich habe Panik, dass die Beziehung zu meinem Mann weniger sexuell wird oder ich ihn irgendwann verlieren könnte, wünsche mir gleichwohl das Gefühl von anderen Männern attraktiv gefunden zu werden und habe jahrelang sexuelle Praktiken verdrängt, weil man das als gleichberechtigte emanzipierte Frau nicht tut.

Ob das (geistig) gesund ist und wie man letztlich damit umgeht steht auf einem anderen Papier aber so zu tun, als hätte Elizabeth/Charlottes Lebenswelt keinen Bezug zur Lebenswelt vieler junger (Ehe-)Frauen/Mütter ist absurd.

Wenn ich mal Enkelkinder habe uns sie fragen, wie das Leben einer Frau so um 2011 war, werde ich ihnen das Schoßgebete in die Hand drücken und sagen:

“So ähnlich, nur bei den meisten weniger unterhaltsam und mit 60% weniger Drama”.

*Wer sich wundert, warum ich keinen Bezug auf den Titel dieses Blogeintrags nehme, dem sei gesagt, ich wollte in meinem Blog mal das stilistische Mittel der “sexuellen Provokation” ausprobieren.

Dachmusik

Neulich hörten der Mann und ich in einem Restaurant ein Lied von Eros Ramazzotti und als ich anfing leise mit zu singen fragte er mich entsetzt, seit wann ich denn auf Eros stehen würde.

Irgendwann einmal kümmerte ich mich in Italien um drei kleine Kinder und Dove c’è musica war gerade ein Hit. So lag ich nach getaner Arbeit in der Badewanne des grüngekachelten Kinderbadezimmers – wichtig war es sowohl Badewanne als auch Klobrille immer vor der Benutzung zu säubern, da es die beiden kleinen Jungs mit dem Kleckern bzw. dem Ort fürs Pinkeln nicht so genau nahmen – und hörte Radio. Um genau zu sein hörte ich Radio DJ, die haben den tollsten Claim One Nation One Station.

Ich lag also in der Badewanne und während ich darüber sinnierte, dass ich mir mein Au-Pair-Leben in meinen Mädchenträumen irgendwie anders vorgestellt hatte, entsprach wenigstens Eros Gesang meinem Bild von Italien.

Einige Jahre später war ich wieder für längere Zeit in Italien und auch die Musik wurde dieses Mal besser. Das ist aber nicht Radio DJ zu verdanken, sondern meiner Freundin Anke, die damals fast ausschließlich Sympathique von Pink Martini hörte.

Sie wohnte in einer kleinen Wohnung in Trastevere – das Ottensen von Rom – in einem Haus mit begehbaren Dach. Die anderen Hausbewohner nutzen das Dach wenn überhaupt als Stellplatz für ihre Antennen oder Wäscheständer. Aber wir schleppten an den Wochenenden oft Stühle, Tische und ein üppiges deutsches Frühstück mit Orangensaft und gutem italienischen Kaffee hoch und fühlten uns, auch im Frühjahr bei 15 Grad, beim Blick aufs Kolosseum wie die Könige von Rom.

Untermalt wurde das Ganze von Pink Martini, die aus Ankes tragbaren CD-Spieler mit Miniboxen Donde estas Yolanda, Amado mio oder Qué Sera Sera dudelten. Die schlechte Qualität der Boxen nervte gar nicht, sondern unterstrich das Altmodische der Musik.

Ehrlich gesagt nahm ich die Musik auch gar nicht so bewusst wahr, sie passte sich in die Atmosphäre ein und machte die Dachfrühstücke einfach nur noch zauberhafter. Lange Zeit hielt ich Pink Martini daher auch nur für ein kurzlebiges Projekt bei dem ein paar Ewigkeitshits mit südamerikanischen Flair von irgendwelchen Amerikanern neu aufgenommen wurden.

Bis ich vor einigen Monaten ein Konzertplakat von Pink Martini sah. Neugierig recherchierte ich im Internet und stellte fest, dass ich die Musik völlig unterschätzt hatte. Außerdem war gerade ein aktuelles Album Hey Eugene! erschienen. Dies wünschte ich mir vom Mann zu Weihnachten – meine Mutter hat mir früh beigebracht, dass Männer einem nur dann jeden Wunsch von den Lippen ablesen, wenn man ihn auch laut und deutlich formuliert.

Was soll ich sagen, ich bin zwar nicht in Italien, sondern im kalten Hamburg und zudem meist zu Hause, wo ich mich um ein Baby kümmere aber wenn ich abends in der Badewanne liege und City of Night höre, fühle ich mich wieder wie eine Königin, die morgens ihren Cappuccino über den Dächern von Rom trinkt.

Sonntagsprogramm

Ich habe Freunde, die verweigern den Aufenthalt in geschlossenen Räumen wenn die Sonne scheint und es dabei wärmer als 20 Grad ist. Dabei gehe ich persönlich sehr gern nachmittags bei gutem Wetter ins Kino. Die Kinos sind im Sommer immer so schön leer und der Kontrast zwischen dem kühlen dunklen Kinosaal und der hellen warmen Straße hat fast etwas Surreales.

Am Sonntag wird das Wetter bestimmt hervorragend werden, aber wer dann geschlossene Räume verweigert, wird etwas Großartiges verpassen: Kaffee.Satz.Lesen mit dem wunderbaren Toni Mahoni und seiner Band.

Aber auch Frischluftfanatiker werden Ihre Freude haben, denn die Baderanstalt liegt im gefühlten 7. Stock und ist sehr luftig und hell. Wenn man dort ein Tässchen Kaffee und ein Stück Kuchen isst, kann man sich mit etwas Fantasie vorstellen, man sitze in einem Gartencafé.