Die Schwanzvariable

Hinweis zum Lesen: Nachdem ich den Text online gestellt habe, fiel mir auf, dass er am Anfang etwas wirr wirken könnte. Halten Sie durch, am Ende finden die Stränge zusammen.

Wenn in einem Text die Worte „cost per orgasm“ enthalten sind, schaue ich zumindest einmal kurz nach, ob sich dahinter etwas Interessantes verbergen könnte.

Ich gehörte nie zu den Menschen, denen fluffig die multiplen Orgasmen entgegenflogen. Insofern erwartete ich etwas über die „Arbeit“ bzw. Konzentration, die ein Orgasmus benötigt. Solche spannenden Themen werden leider viel zu selten beschrieben, wissenschaftlich untersucht oder diskutiert.

Aber statt die Menschheitsgeschichte mit irgendetwas Sinnvollem zu bereichern, fand ich eine schlechte Kritik über einen noch viel furchtbareren Blogeintrag in einem amerikanischen Männerblog.

Ich möchte nicht einmal den Urspungstext verlinken (ein Funken Hoffnung in mir glaubt immernoch, dass es sich um Satire handelt) aber das Fazit lässt sich so zusammenfassen: Beziehung sollte als eine wirtschaftliche Berechnung gesehen werden, in der die männliche Klimaxfrequenz ein Teil der Gleichung ist. Quasi ein Abendessen im schönen Restaurant für einmal Spermasekret ausscheiden inkl. Muskelentspannung. Die Grundvoraussetzung der Berechnung ist die Annahme, dass Frauen aus einer Beziehung/einem Date möglichst viel wirtschaftlichen Nutzen ziehen wollen, während Männer in einer Beziehung möglichst viel Sex haben möchten bzw. nur wegen des Sex daten.

Die Kritik des Independent setzt bei der Behauptung des Urspungstextes an, dass Beziehung etwas Ökonomisches sei und kramt Romantik, Liebe und den Mut zum Risiko als Gegenargumente raus.

Dabei wird die Chance vertan, die eigentliche Irrsinnigkeit und Mysogonie aufzuzeigen. Wenn selbst einer Autorin für den Independent nicht auffällt, dass der Wahnsinn in einem völlig bekloppten Männer- und Frauenbild liegt, dann ist davon auszugehen, dass dieser gesellschaftlich tief verankert ist.

Das macht es im übrigen nicht besser oder wahrer. Es gab auch Zeiten, in denen war die Idee einer Erdscheibe gesellschaftlich tief verankert.

Schon das Offensichtliche wird außer acht gelassen. Der Orgasmus. Ich habe eine Umfrage gemacht. 100% der von mir befragten Frauen sagte, sie schätzen den Höhepunkt im Rahmen eines Geschlechtsakts ebenfalls. Also ganz ohne höhere Mathematik wird die Gleichung des selbsternannten Alphabehighpotentialmännchens in dem Moment zerstört, in dem die Orgamsusrate der Frauen eine weitere Variable wird.

Ein Fakt, der anscheinend in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen wird, ist, dass Frauen Sex und Orgasmen und alles was damit zusammenhängt mögen. Wenn Frauen dies nicht so aggresiv einfordern wie Männer, liegt das vor allem an den unterschiedlichen Voraussetzungen.

Promiske und sexuell offensive Frauen werden nach wie vor im besten Fall kritisch beäugt. Das Ausleben vieler sexueller Beziehungen wird nicht vermieden, weil Frauen keine Lust dazu hätten, sondern weil es bedeutet, dass über sie getratscht würde oder sie problemorientierte Gespräche mit ihrem Umfeld führen müssten. Die Entscheidung liegt hier zwischen heimlichen Ausleben oder verzichten. Es sollte also nichts mit weiblichen Charakteristiken begründet werden, dass nicht auch aus sozialem Druck entstanden sein kann.

(Ich glaube übrigens, dass es sowohl Männer als auch Frauen gibt, die aus ihren persönlichen Vorlieben heraus kein Interesse an dergleichen haben, aber das lässt sich nicht auf das Geschlecht, sondern auf das Individuum zurückführen.)

Vor einiger Zeit las ich einen Tweet, den ich leider nicht mehr finden konnte, mit folgender Aussage: „Beim Onlinedaten haben Männer Angst, in der Realität eine dicke Frau zu treffen. Frauen haben Angst, auf einen Psychopathen zu stoßen.“ (Dank Herrn Rpunkt und Ernst diesen und diesen Hinweis zur Quelle gefunden.)

Solange Frauen implizit und explizit die Schuld für eine Vergewaltigung gegeben wird, ist für sie Sex mit wechselnden und relativ fremden Partnern einfach viel gefährlicher, als für Männern. Natürlich gibt es auch durchgeknallte Frauen, aber trotzdem ist die Gefahr für einen Mann wohl immernoch größer von einem anderen Mann vergewaltigt zu werden, als von einer Frau. Rückblickend habe ich auf diverse One Night Stands verzichtet, weil ich mir nicht sicher war, ob ich wirklich Lust hatte und lieber an einem von mir kontrollierbaren Punkt aufgehört habe, als das Risiko einzugehen, dass ein „nein“ von mir ignoriert wird. Klar kann man die weibliche Zurückhaltung als Keuschheit und sexueller Unlust interpretieren, viel näher an der Realität liegt aber die Sorge vieler Frauen, dass ihre Ansagen übergangen und sie am Ende als fahrlässige Schlampe hingestellt werden.

Im Gemengelage der Unfähigkeit Frauen zu befriedigen, bei gleichzeitiger Misinterpretation der Befürnisse von Frauen und dem daraus resultierenden Glauben, dass Frauen sexuell uninterssierte Wesen sind, muss eine Motivation konstruiert werden, die erklärt, warum Frauen überhaupt Sex haben. Diese darf natürlich nicht den Glanz und das Heldentum des Mannes beflecken. Die Idee, dass Frauen Geschlechtsverkehr dulden, damit sie materielle Güter erhalten, ist ein Alltime-Favorite.

Gern werden hier auch wieder die Steinzeitmenschen hervorgeholt. In der Wildniss vor zigtausend Jahren war es ja angeblich auch so, dass Frauen einen starken Beschützer brauchten, der Fleisch und andere Eiweißresourcen mit nach Hause brachte, während sie für Beeren sammeln und Kindererziehung zuständig waren und ihren Körper leidenschaftslos hergaben. Auf die viel näherliegende Erklärung, dass in der Wildniss eine ganze Gruppe gleichberechtiger und kompetenter Individuen der beste Schutz gegen Tiere, Wetter, Hunger usw. sein könnte, kommt keiner.

Die naiv-dümmliche aber geld- und juwelengierige Frau ist die perfekte Projektionsfläche, um auszublenden, dass Frauen deshalb sexuell viel vorsichter sind, weil sie größere physische und soziale Risiken eingehen als Männer. Verursacht wiederum von Männern, die nichts besseres zu tun haben, als ihren Schwanz in eine Gleichung einzubringen und zu ignorieren, dass zu einem Orgasmus auch zwei gehören können.

Zu wissen, warum wir etwas machen, macht es irgendwie auch nicht einfacher

Vor einiger Zeit fuhr ich zum Karneval nach Köln. Nach meiner Rückkehr fragte mich eine meiner Mütter-Freundinnen, ob ich denn rumgeknutscht hätte. Ich riss vor Überraschung meine Basedow-Augen auf und sah für einen Moment wohl aus wie Mesut Özil.

Nicht, weil ich nicht selbst darüber nachgedacht hätte – allerdings habe ich den jungen sympathischen Herren, der mich auf der Karnevalsparty angesprochen hat, in die Flucht geschlagen, indem ich wild und verwirrt mit meiner rechten eheberingten Hand herumgewedelt habe – sondern weil ich nicht damit gerechnet habe, dass auch andere zufrieden liierte Menschen zumindestens mal über die theoretische Möglichkeit von Geschlechtskontakt mit anderen Menschen nachdenken.

Bisher hatte ich das Gefühl, dass nur im Internet Menschen mehr oder weniger offen über Fremdgehen, Polyamorie und alternative Beziehungskonzepte sprechen. In den gängigen Frauenzeitschriften wird einem jedenfalls neue Reizwäsche als der Höhepunkt eines sexuell ausschweifenden Lebens präsentiert. Und im Freundeskreis werden solche Themen ebenfalls ausgeklammert, was ich übrigens gut finde, manche Sachen sollten einfach nicht im Nahbereich die Runde machen.

Jedenfalls las ich vor einigen Tagen im Internet einen sehr interessanten Eintrag über Beziehung, Sex, Treue und Gesellschaft: Why we f*ck auf David Cains sehr empfehlenswertem Blog Raptitude.

Im Grunde finde ich Cains Text großartig und würde gute 85% sofort unterschreiben, aber ich glaube, dass hier das Bild des Menschen zu positiv und vor allem zu eindimensional gezeichnet wird:

We now know human beings have always been highly social creatures, and that that has been our species’ defining strength. We know humans were nomadic for nearly all of their existence, roaming in groups of between 50 and 150 individuals. Rather than stressed, violent and solitary, they were probably most often calm, peaceful and intensely social. […] Think about what it would be like to live your whole life in a social group of about a hundred people. You’d get to know everyone rather quickly, and would develop relationships with them over decades. Dissenters and troublemakers would be reformed quickly or shunned — jealous and possessive types would be too great a liability for the whole group.

Der Text hat meiner Meinung nach zwei Knackpunkte. Erstens wird der Umgang mit Sexualität in den Jäger- und Sammlerkulturen als sehr positiv dargestellt und damit impliziet zu einem Modell für eine erstrebenswerte Zukunft unserer Gesellschaft. Dabei ist die Frage, gab es überhaupt eine solche und eine einzige Steinzeitkultur und ist es sinnvoll die Vergangenheit zur Zukunft zu machen? Zweitens wird ein wesentlicher Aspekt des Menschen (bewusst) ignoriert: die Ambivalenz des menschliche Handelns.

Meiner Meinung nach ist es zu einfach, prehistorische Gesellschaften oder die wenigen noch intakten indigenen Völker als Vorbild für unsere Gesellschaft zu nehmen, denn es besteht beim Konzept des „edlen Wilden“ oder „edlen Steinzeitmenschen“ immer die Gefahr einer Verklärung, die letztlich niemanden was bringt.

Und mal ehrlich, in den Dokumentarfilmen über Nomadenvölker – wenn man davon ausgeht, dass diese prehistorischen Kulturen am nächsten stehen – die ich bisher gesehen habe, wirkten diese nicht wie eine glückselige, sexgierige Hippiekomune. Im Gegenteil, ich hatte das Gefühl, dass dort wesentlich strengere Normen galten und gelten, als in meiner von der Aufklärung beeinflussten christlich-abendländischen Kultur. Außerdem halte ich die Vergangenheit nicht für ein Zukunftsmodell, eher für einen Steinbruch aus dem man sich den ein oder anderen edlen Marmorbrocken brechen kann.

Ferner glaube ich, dass es nicht eine einzige ursprüngliche Kultur gab. Ähnlich vielleicht, aber nicht gleich, dafür hat der Mensch einfach zu viel Freude an der Individualität, auch als Gruppe.

Nach der Geburt meiner Tochter entdeckte ich das Buch „Kinder verstehen“ von Herbert Renz-Polster. Meiner Meinung nach handelt es sich hierbei um das mit Abstand beste Buch über Kinder, das ich bisher gelesen habe. Unter anderem weil darin so wunderbar aufgedröselt wird, wo die menschliche Ambivalenz ihren Ursprung hat.

Renz-Polster betrachtet das Verhalten von (Klein-)Kindern unter Berücksichtigung der Evolution beziehungsweise der steinzeitlichen Lebensweise des Menschen, die sich noch heute vielfach in unserem Verhalten manifestiert.

Von Anfang an wird klar, dass Renz-Polsters Defintion von Evolution nichts gemein hat mit den Fantasien mancher Vollpfosten, die gern ihre versimpelten Derrivate einer Evolutionsvorstellung hervorkramen, um ihre armselige Weltsicht zu begründen. In deren Weltbild gehen die Männer jagen, die Frau kümmert sich um das Lager und hat nach seiner Rückkehr – mit nem schäbbigen Kanickel im Gepäck – nichts anderes zu tun, als ihm die geschundenen Jägerfüße zu massieren.

Aus Renz-Polsters Buch habe ich für mich vor allem die Quintessenz gezogen, dass der Mensch die Fähigkeit hat, sich fast überall anzupassen. Das kann er deshalb so gut, weil er die geistigen Möglichkeiten hat, sich uns seine Kultur den Lebensumständen anzupassen. Wenn es auf Grönland keine Bananen gibt, isst der Mensch halt Robbenfleisch.

Das macht ihn nicht weniger gesund, auch wenn jede Nahrungspyramiede auf Obst und Gemüse aufgebaut zu sein scheint. Und genauso wie es lebensumstandsmäßig angepasst Nahrungskonzpete gibt und gab, gibt und gab es auch lebensumstandsmäßig angepasste Gesellschaftskonzepte, die leider nicht immer garantieren, dass es allen Mitgliedern der Gruppe auch gut geht.

Auf dem Weg zu dieser global funktionierenden Überlebensstrategie, die neben Ratten und Schaben, ihresgleichen sucht, hat sich wohl irgendwie die Verhaltsambivalenz eingeschlichen. So schreibt Renz-Polster in Menschenkinder: Plädoyer für eine artgerechte Erziehung (auch sehr empfehlenswert):

Homo sapiens hat ein indivudalistisches, aber gleichzeitig „soziales“ Gehirn. Im ursprünglichen Lebenskontext des Menschen war Überleben nur möglich, wenn diese beiden Seiten – das Ich und das Wir – austariert blieben. Nur in dieser Balance konnten Menschengruppen sich in einer extrem harten Welt behaupten, ein paar Hunderttausend Jahre lang. Das war der evolutionäre Gesellschaftsvertrag. Die frühen Völkerkundler staunten darüber, wie viel Energie in Jäger- und Sammlergemeinschaften aufgewendet wurde, um dieses Gleichgewicht zu halten. Wie viele Regeln und Rituale es gab, um Interessen auszugleichen und Konflikten vorzubeugen. […] Steckt dieses doppelgleisige Lebensmodell noch heute in uns? Eindeutig! […] Kinder wollen gleich sein, aber sie wollen auch besonders sein. […] Auch unser Erwachsenenleben schient dem Thema „Autonomie in Verbundenheit“ gewidmet zu sein.

Dass das stimmt sehen wir jeden Tag bei Twitter, überall <3 aber hauptsache man hat mehr Follower und Favs als die Twitter-Nachbarn.

Noch wach? Jetzt kommt nämlich der Sex-Teil.

Mein soziales Gehrin sagt, dass ich meinen Mann gern mit anderen teilen kann, ich werde ihn und er mich dadurch nicht weniger lieben. Mein individuelles Hirn aber sagt, dass er MEIN Mann ist und ich ausraste, wenn ich mitbekomme, dass ihn ein anderes Weib anfasst.

Mein individuelles Hirn empfindet Eifersucht, Neid und Missgunst (allgemein und oft, nicht nur auf Sex bezogen). Und mein soziales Gehirn sorgt dafür, dass ich diese Gefühle maximal im kleinen Kreis ausspreche aber nicht aufschreiben, damit sie nicht allzu viel Schaden anrichten.

Sicherlich lässt sich in unserer Gesellschaft noch einiges verbessern, was unser täglicher Kampf um Besitz (Menschen, Werte, Häuser, Yachten) angeht, aber es lässt sich einfach nicht ausmerzen. Und deshalb glaube ich auch nicht, dass – außerhalb von ein paar beeindruckenden Ausnahmen – das Konzept der Polyamorie funktioniert.

Das ändert nichts daran, dass es in der Biologie des Menschen zu liegen scheint, gern Sex zu haben, gern auch mit verschiedenen Partnern.

(Für diese Theorie brauche ich keine Beweise, dafür reicht das Erleben eines Eisprungs. Und ganz ehrlich, dieser Hormonrausch, den wir für ein paar Monate haben, wenn wir verknallt sind, auf den hat doch jeder irgendwann mal wieder Lust, egal wie großartig die Beziehung ist. And don’t tell me the bullshit you fall in love with your husband every other months over and over again.)

Glücklicherweise hat man als Mensch die Möglichkeit Entscheidungen zu treffen, was dazu führt, dass ich eben nicht jeden gut riechenden Mann anspringe. Aber unser Verhalten bleibt ambivalent und es gibt auch keine richtige Entscheidung. Nach wie vor müssen wir mit uns, unserem Partner, unserer Umwelt eine Balance finden, die im besten Fall dazu führt, dass möglichst wenige Leute verletzt werden.

Vielleicht ist es ein erster Schritt, sich einzugestehen, dass man sich wie blöd freut, beim Karneval angeschnackt zu werden und dass das menschliche Verhalten keine einfache Gleichung ist wie 1+1=2, sondern eher komplex wie (2×5) zum Quadrat hoch 10. Das macht unser Leben nicht unbedingt einfacher aber uns wahrscheinlich toleranter und offener gegenüber dem Verhalten anderer Leute. Aber die Liebe zu Klatsch und Tratsch ist irgendwie auch so ein menschliches Ding.

Statt einer kurzen Einleitung oder: viel Vorspiel

Eigentlich wollte ich eine kurze Einleitung für den nächsten Teil meiner Folge Welche Blogs ich lese und warum schreiben. Und dann schrieb ich einen langen Text darüber, warum ich im Internet gern Texte mit sexuellem Inhalt lese. Mir schien es etwas unpassend an den Ende des Textes dann noch meine „Lieblingssexblogs“ zu kleben.

Ergo: Liebe Familienangehörigen, liebe Freunde/Leser die keine Lust auf too much information haben, in diesem Blogeintrag geht es um Sex. Nicht im Sinne von, ich werde mich mal vor meinen Kindern deswegen schämen oder für Personen unter 18 Jahren total ungeeignet eher im Sinne von: dieses Thema und Journelles Meinung dazu interessieren wahrscheinlich nicht jeden.

Ich sag das nur, weil ich keine Lust auf Beschwerden habe und weil ich empfehle, die Links nicht unbedingt auf dem Firmencomputer anzuklicken.

Zugegeben ist mir diese verlängerte Einleitung nicht ganz leicht gefallen. Lange habe ich überlegt, was die Leute über mich, meinen Partner und mein Sexleben denken könnten, wenn sie erfahren, was ich gern lese oder dass mich der Themenbereich interessiert.

Bis mir irgendwann klar wurde, dass das Schlimmste was mir passieren kann ist, dass einige Leser ein wesentlich wilderes Sexleben bei mir annehmen könnten als ich jemals hatte, habe oder haben werde. Das Risiko gehe ich ein.

Anfang der 90er jedenfalls war ich ein großer Fan von salt’n’pepa und konnte ‚Let’s Talk About Sex‘ mitrappen. Ich habe mir sogar mit meinem Schulenglisch das Lied übersetzt, leider war das nichts, mit dem ich meine spröde Englischlehrerin beeindrucken konnte.

Sei es drum, in Zeiten vor dem Internet war es sehr befreiend zumindestens mal zum Thema mitzugrölen.

Familiär ist meine Begeisterung für das Thema allerdings kein Wunder. Meine Mutter schrieb ihre Examensarbeit über Behinderung und Sex und versprüht auch sonst einen großen Enthusiasmus für und ein großes Interesse an dem Thema.

Dass mein Vater – im übrigens diesbezüglich der zurückhaltenste in der Familie – Gynäkologe war, führte dazu, dass ich bereits mit 6 Jahren einer Freundin meiner Oma erklärte: ‚Meiner Mutter wurde vor einigen Tagen der Uterus entfernt.‘ Daraufhin schlug diese erst einmal den Begriff ‚Uterus‘ nach.

Mein Bruder indessen gab bei jeder sich bietenden Gelegenheit eine Geschichte zum besten, die ich selbst schon lange vergessen hätte. Jedenfalls erzählte er gern, wie er einmal in mein Zimmer kam, während meine Freundin und ich (damals 7 Jahre) aufeinander lagen und ihn baten wieder zu gehen, mit dem Hinweis: ‚wir bumsen gerade‘.

Und dann musste ich gefühlt 1000 Mal in meinem Leben erklären, warum mein Vater Gynäkologe geworden ist. Eine richtig gute Antwort habe ich bis heute nicht dazu, aber eigentlich ist das auch egal.

Fakt ist, er war sehr gut in seinem Job – gefühlt 1000 Mal wurde ich von mir unbekannten Frauen auf die tollen Fähigkeiten meines Vater angesprochen – aber ich habe damit einen weiteren Grund, weshalb ich mich schon früh mit dem Thema beschäftigen musste.

Nur außerhalb der Familie sah die Stimmung anders aus. Um hier mal Vorurteile auszuräumen: Frauen sprechen deutlich weniger über Sex als die männliche Psychologie zu glauben mag.

Frauen – jedenfalls in meiner Generation also ca. bis Jahrgang 1980 – machen sich auch untereinander glauben, dass sie nicht pupsen und unter gar keine Umständen masturbieren. Außerdem ist der Sex selbst mit dem letzten Deppen total super, was sie aber nicht davon abhält mit zunehmendem Alter immer häufiger zu behaupten, dass Männer stets viel mehr Lust haben als Frauen. Maximal im besoffenen Zustand, kurz vor dem Kollaps des Sprachsystems kommen lallend die amüsant bis tragischen Wahrheiten zu Tage.

Da der Großteil meiner Freundinnen also nicht dazu taugten, über Sex zu reden und ich das Thema familienintern als deplatziert empfinde, blieb mir in jungen Jahren nur der Stern.

Dort erfuhr ich, dass es Frauen gibt, die sich einen Harem halten. Mit 11 Jahren machte ich meine Mutter sehr stolz, als ich ihr mitteilte, ich wolle später einen Männerharem. Für mich machte das System Sinn, es scheiterte dann allerdings an der (emotionalen) Realität.

Außerdem las ich präpubertär von professionellen Dominas, die ihre Sklaven Sauerkrautfäden auf eine Wäscheleine aufhängen ließen. Der Text brannte bei mir in jedem Fall die Assotiation eines menschlichen Sauerkraut-Hotdogs auf Ewigkeiten ein.

Und dann blieb mir das Zitat einer Masochistin im Kopf, die meinte, sie würde sich von ihrem Mann schlagen lassen, aber das hieße nicht, dass sie sich von irgendjemand sonst irgendwas gefallen lassen würde, schon gar nicht von Busfahrern.

Wahrscheinlich wohnte die Frau in Berlin. In Berlin habe ich jedenfalls neulich einen Straßenbahn-Fahrer kennengelernt, der mich anpöbelte und den Kinderwagen inkl. Tochter rüde wegschupste. Da hätte ich gern zugeschlagen oder ihn wenigstens gezwungen, Sauerkrautfäden aufzuhängen.

Kurz, so richtig praktikabel für meine Realität war das, was ich im Stern las nicht.

Eine Jugend auf dem Land ist sexuell gesehen sicherlich nicht das Schlimmste. Meine Vorstellung von Fisten ist bis zum heutigen Tag stark von behandschuht besamenden Tierärzten geprägt. Außerdem kann es passieren, dass man mit Dachdeckern rumknutscht, die unter ’sich fein machen‘ verstehen, die besonders weißen Tennissocken in die braunen Slipper anzuziehen.

Die Nachteile liegen genauso auf der Hand. Katholizismus und Sex klingen deutlich perverser als die Realität in einer kleinen Grenzstadt. Auf den katholischen Campingfreizeiten wurden jedenfalls deutlich mehr Saufspiele veranstaltet und Pipi-Kacka-Witze gerissen als defloriert. Und Offenheit in einer Kleinstadt ist nur dann ein Thema, wenn man damit auf die Andersartigkeit einer Person aufmerksam machen kann.

Arno aus meiner Jahrgangstufe hatte damals versucht, seine Freundin zum Analsex zu überreden, was diese nach der Trennung wohl einer verschwiegenen Freundin erzählte. Bis zum Abitur hieß Arno jedenfalls nur noch Arno Arschficker und machte niemandem Mut, irgendjemanden etwas von sexuellen Vorlieben beyond Missionarsstellung zu erzählen. Es ist also auch nicht verwunderlich, dass es in unserer Stufe keine (bekennenden) Homosexuellen gab.

Ich glaube, mit dem Internet änderte sich vieles. Nicht immer zum Besten aber selbst im westlichsten Zipfel der Republik hätte Arno sich trösten können, dass emma546 aus Passau auf Analsex steht und eine Anleitung hätte er mit einem entsprechenden Search Request auch gefunden.

Überhaupt denke ich, dass das Internet ein stilles Potential für eine weitere sexuellen Revolution hat. Noch dominieren die grellen Stimmen, die dass das Internet vor allem für pornosüchtige Minderjährige und die Pervertierung der Gesellschaft verantwortlich machen. Außerdem wird jede Gelegenheit genutzt, auf die Unkontrollierbarkeit von Kindernschändern im Netz hinzuweisen, mit dem gleichzeitigen Fordern nach Zensur und Kontrolle.

Die positiven Entwicklungen plätschern leise in den abgelegenen Flüssen sexueller Subkulturen. Wahrscheinlich gab es noch nie eine so kreative und vor allem heterogene Pornoindustrie. Zur Zeit meiner Adoleszenz gab es den Playboy, kleine häßliche Magazine in Tankstellen und Schmuddelecken in Videotheken.

Heute gibt es Frauenpornos wie die von Liandra Dahl oder Tristan Taormino. Außerdem gibt es Fetisch-Pornoanbieter, die auf Beschwerden reflektiert reagieren (via Mädchenmannschaft).

Nicht selten erschütternd aber gleichwohl für manche hoffentlich hilfreich sind Foren wie gofeminin. Dort wird jedes erdenkliche Thema diskutiert wird und die Anonymität des Netzes fördert eine Mischung aus Tragik, Komik und Wahrheits-Ungenauigkeit bei gleichzeitigem Seelenstrip zu Tage.

Blogtechnisch gibt es meiner Meinung nach im deutschen Sprachraum leider wenig Beeindruckendes.

Als ich mit dem Bloggen begann, gab es eine deutsche belledejour, wobei ein Großteil der Popularität wohl aus der Frage nach dem oder der AutorIn resultierte. Dann verfolgte ich eine Zeitlang das Blog einer Swingerin, was dann von einem Moment auf den anderen verschwand. Streetgirl ist mittlerweile beruflich und blogtechnisch in Rente, was aber nicht bedeutet, dass die alten Texte nicht sehr lesenswert wären.

Wahrscheinlich sind (deutsche) Blogs doch noch zu sehr ein kleines Dorf in dem man Angst hat, zu viel von sich zu erzählen, weil man dann unangehnehme Spitznamen bekommen könnte. Vielleicht reden aber auch nur einfach nicht viele Menschen gern über Sex oder uns fehlen noch die entsprechenden Worte die das Thema aus der Schmuddelecke (‚Fick mich Du wilder Hengst‘) holen, ihr die Albernheit nehmen (‚Gib mir Tiernamen‘) und den überzogenen Pathos entfernen (‚Wir liebten uns wie Götter auf dem Olymp, es war transzendental‘).

Gelungene Blog-Beispiele dafür, sexuelle Themen in gut leserliche Worte zu fassen dann beim nächsten Mal: Welche Blogs ich lese und warum: salt’n’pepa.

Der Perverse ist immer der Böse

Wenn man bis Minute 60 (von insgesamt 90) beim Tatort den Mörder erraten möchte, helfen folgende Regeln:

Es ist nie der oder die erste Verdächtige.

Im Zweifelsfall war es der Perverse, man findet aber erst ab Minute 50 raus, wer abseitige sexuelle Vorlieben hat.

Frauen morden fast nur aus gut nachvollziehbaren Gründe und begehen vor der Festnahme Selbstmord oder versuchen es zumindest.

Kinder und Jugendliche die morden, haben immer einen sehr guten Grund (wobei es meiner Meinung nach eine Ausnahme gab) und werden immer von ihren Eltern und nicht selten von den Ermittlern gedeckt.

Diesen Sonntag war dann wieder der unsympathische Lüstling dran, der Frauen ans Bett fesselt.

wg schrieb neulich einen sehr klugen Text über den Film Shame, den ich allerdings noch nicht gesehen habe. Nach der Lektüre dachte ich, dass es sehr spannend sein könnte, die Darstellung von sexuell unkonventionellem Verhalten in den Medien mal systematisch zu untersuchen.

Aus dem Bauch heraus und ohne systematische Untersuchung halte ich die nämlich für ziemlichen Bullshit.

Genauso wie die andere Seite der Medaille, nämlich das Klagen einer Nina Pauer über die Schmerzmänner.

Ende der 90er Jahre lief der französischen Film Une liasion pornographique an. Es handelt sich dabei um einen schönen Liebesfilm, den ich durchaus empfehlen kann.

Ein Mann und eine Frau lernen sich über eine Annonce kennen, um gemeinsam irgendeine sexuelle Praktik auszuleben. Welche genau das ist, erfährt der Zuschauer nicht. Nachdem sie ihm ihre Liebe gesteht, haben sie das erste Mal „normalen“ Sex miteinander, an dem der Zuschauer dann auch optisch teilhaben darf.

Ich habe den Film bis zu diesem Punkt nachvollziehen können. Man trifft sich anfangs für Sex ohne emotionale Bindung und dann verknallt man sich doch. Aber warum um Himmels willen sollte man dann auf einmal normalen Sex haben? Wollen die beiden ein gemeinsames Kind?

Es ist doch so, wenn ich Sauerbraten total lecker finde und ich treffe jemanden, der köstlichen Sauerbraten machen kann und liebend gern dafür in der Küche steht, dann freue ich mich sehr und nutze das Angebot.

Und nur weil ich mich dann irgendwann in den Sauerbratenkoch verliebe, weil er ein toller Typ ist, sag ich doch nicht plötzlich: mach mir mal was leckeres Vegetarisches. Wenn ich vegetarisch essen will, dann hat das mit meinem Appetit zu tun, nicht mit meiner Liebe.

Der Film suggeriert also, dass die Verbindung von Liebe und Sex nur durch normalen Sex repräsentiert werden kann. In diese Kerbe schlagen meiner Meinung nach fast alle Filme und Serien, in denen die Hauptdarsteller einem unkonventionellen Sexual-Lebenstil pflegen (wobei das noch systematisch zu untersuchen wäre, s.o.).

Und während man sich über den promisken Charlie Sheen in Two and a Half Men lustig macht, schiebt man gleichzeitig Panik man könnte genauso sein, nur weil man eben auch mal Lust auf Sex mit einem wildfremden Menschen hat.

Und aus Angst heraus man könnte für beziehungsunfähig gehalten werden und deshalb nie die Liebe seines Lebens finden, hört man womöglich auf Dinge zu tun, die einem Spaß machen oder hat zumindest ein schlechtes Gewissen dabei.

Bis ich 28 wurde, war ich die meiste Zeit meines Lebens Single. Das war recht interessant, denn Singles sind per se suspekt. Man wird von wildfremden Männern, die einen überhaupt nicht kennen, für lesbisch gehalten oder auf seine biologische Uhr angesprochen, man erhält eine Menge schlechter Tipps und sitzt auf Hochzeiten an dem freundlosen Singlekatzentisch mit sechs Frauen und zwei häßlichen Männern.

Das Singleleben machte mir oft viel Spaß – ich erinnere mich sehr gern an die Sonntage allein in meinem Himmelbett (!) mit der aktuellen Ausgabe der FAS und einem leckeren Kaffee – aber eine Sehnsucht nach der (großen) Liebe war irgendwie immer latent da.

Nur war mir damals sehr bewusst, dass es einfach wenige Männer gibt, die mir gefallen und die ich gern dauerhaft um mich herum habe. Ich war mir aber ziemlich sicher, dass mein Verhalten weder im Guten noch im Schlechten dafür verantwortlich ist, ob ich einen tollen Mann treffe oder nicht. Es gibt nämlich keine Anständigkeitsbienchen, die auf eine Karte geklebt werden und sobald diese voll ist, steht der Traumpartner mit ner Schleife im Haar vor der Tür.

Und genauso wenig wie ich durch mein (Sexual-)Verhalten beeinflussen kann, ob und wann ich einen tollen Typen kennen lernen, kann ich die Gesellschaft dafür verantwortlich machen, dass es zu wenige anziehende Kerle gibt.

Anders als Nina Pauer ist mir doch egal, ob ein Typ ganz sanft ist und gern rumphilosophiert, niemand zwingt mich mit ihm zu schlafen. Aber irgendwann wird ihm in der Bibliothek die abgegriffene Ausgabe des Steppenwolfs runterfallen und ein entzückendes Mädchen mit Hornbrille wird ihm helfen, die rausgefallenen Seiten aufzusammeln.

Aber diesen Moment kann man nicht einfordern und schon gar nicht kann man irgendjemanden dafür verantwortlich machen, dass es zu wenige freundliche Mädchen mit Hornbrille gibt, die gern Taschenbuchseiten in Bibliotheken aufsammeln.

Wenn es also ohnehin nur wenige Menschen gibt, die wirklich gut zu einem passen, kann man auch aufhören, sich mit der Emopeitsche zu schlagen und sich einzureden, man sei ein Beziehungskrüppel.

Mir fallen partout keine logischen Gründe ein, weshalb ein ereignisreiches Sexualleben zu einer Beziehungsunfähigkeit führen sollte, auch wenn das in Filmen oder Serien so vermittelt wird. Aber genauso wenig kann man verlangen, dass bitteschön adäquate Menschen zum Verlieben zur Verfügung gestellt werden.

Und wenn ich mal einen Tatort drehe, rettet der Fesselkünstler die attraktive Mutter von 4 Kindern und Leiterin eines Busunternehmens aus den Händen eines freundlichen Busfahrers. Dieser hat sie als Geisel genommen hat, weil er Angst um seinen Job hat. Er begeht Selbstmord indem er sich mit dem Bus in die Elbe stürzt. Die Kommissare schauen die ganze Zeit tatenlos zu, verlieben sich aber am Ende ineinander, während die Busunternehmesgeschäftsführerin leicht erotisiert zu Mann und Kindern zurückkehrt.

Steuerfrau

Neulich unterhielt ich mich mit dem Sohn über Cabrios.

Sohn: Mama, ich möchte ein Cabrio.

Ich: Dann kannst du dir ja später eins kaufen.

Sohn: Warum kauft du dir keins?

Ich: Weil ich Cabrios nicht so gern mag.

Sohn: Warum?

Ich: Ich mag lieber große Autos, Transporter oder LKWs, notfalls Busse.

Sohn: Aber ich mag Cabrios.

Ich: Wie gesagt, in 12 Jahren machst du den Führerschein und dann kaufst du dir ein Cabrio in dem du so viel fahren kannst, wie du willst.

Sohn: Ich habe eine bessere Idee. In 12 Jahren kaufe ich ein Cabrio, meine Schwester macht den Führerschein und fährt das Auto. Ich sitze dann neben ihr auf Papas Platz.

Was für den Sohn selbstverständlich ist, führt bei einem nicht geringen Anteil von Gesprächspartnern zu Schnappatmung, epileptischen Anfällen und ungläubigen Ausrufen, die man sonst nur hört, wenn in Japan ein Tsunami, ein Super-GAU und ein Erdbeben gleichzeitig das Land verwüsten.

Für einen nicht unwesentlichen Teil der Bevölkerung – männlich wie weiblich – ist es schier unglaublich, dass in einer Familie eine Frau für das Fahren zuständig ist und der Mann nicht einmal einen Führerschein hat. Es fallen Schlagworte wie „Freiheit, Männlichkeit, Kastration…“ und jedes Mal fühle ich mich, als wäre ich ein verirrter Hippie bei der Jahreshauptversammlung der NRA.

Für mich ist das umso eigenartiger, als dass es nie ein großes Thema für mich war. Denn auch ich habe eine weibliche Autosozialisierung hinter mir. Irgendwann in den 60ern sagte mein Vater zu meiner Mutter, dass es an der Zeit wäre, ein Auto zu kaufen. Sie solle doch bitte einen Führerschein machen und könne ihn dann zu seiner Arbeit ins Krankenhaus fahren und abends wieder abholen.

Einige Jahre später machte mein Vater zwar auch den Führerschein, aber meine Mutter behielt den Posten als Familienautofahrerin. Noch heute fährt meine Mutter im Sommer große Strecken durch Europa zum Standwohnwagen, während sich mein Vater einfliegen lässt.

Mein erster Freund konnte sich keinen Führerschein leisten, weshalb ich ihn – schließlich kannte ich es von zu Hause nicht anders – im alten weißen Ford Granada meiner Mutter durch den westlichesten Kreis Deutschlands schaukelte.

Das hinderte ihn allerdings nicht daran, meinen Fahrstil – den Führerschein hatte ich in Amerika gemacht und musste mir auf Deutschlands Straßen alles Wesentliche selbst aneigenen, um niemanden zu gefährden fuhr ich stets sehr langsam – zu kritisieren.

In Anschluss an unsere Beziehung beschloss ich, zukünftig darauf zu achten, dass mein Partner einen Führerschein und ein Auto hat, damit ich mir das Gemotze nie wieder anhören muss. In Italien fügte ich meinem Bild vom Idealmann noch einen Motorradführerschein hinzu.

So fuhr ich auf einer Vespa mit einem Geologen im Frühling quer durch Rom (zum Vögeln im Appartment, das er mit seiner Mutter teilte, die aber gerade an der See war), ließ mich von meinem Exfreund auf einer Suzuki bei Hagel zu meinen Eltern aufs Land fahren (so nah an SM-Praktiken war ich seitdem nicht wieder) und lehnte stets ab, wenn mich ein Mann fragte, ob ich sein Auto fahren wolle.

Dann lernte ich den Mann kennen und wie selbstverständlich nahmen wir ein Taxi zu unserem One-Night-Stand in seiner Wohnung. Bald erfuhr ich, dass er keinen Führerschein aber ein Auto zur Verfügung hatte und so wurde ich zur Fahrerin.

Zugegebenermaßen bin ich nie eine passionierte Autofahrerin gewesen aber ich finde die Arbeitsteilung gut: er hat das schöne Auto und ich darf es fahren. Wer die Autos meiner Kindheit kennt (alter grüner Ford Granada, alter oranger Opel Kadett D, alter weißer Ford Granada Kombi), kann sich vorstellen, welche Magie Neuwagen für mich ausstrahlen.

Wie bei so vielen in unserem Leben, haben wir uns also auch hier die Aufgaben aufgeteilt und achten streng darauf, dass der andere uns nicht ins Handwerk pfuscht. Weil Auto kaufen aber – zeitlich gesehen – nicht so aufwändig wie Auto fahren ist, ist der Mann zudem für die Navigation und die Unterhaltung zuständig. Während die Kinder schlafen, liest er mir aus dem Spiegel, seiner Twitter Timeline oder Blogs interessante Artikel, Tweets oder Passagen vor.

Und bei den besagten Gesprächen tue ich, was ein Hippie bei der Jahreshauptversammlung der NRA auch tun würde, ich lächle freundlich und hoffe darauf, dass die Idioten sich einfach irgendwann selbst erschießen überfahren.

Ich habe dann mal einen Termin im Puff gemacht*

Feuchtgebiete habe ich nach einem Drittel des Buches weggelegt. Zu langweilig. Inneneinsichten einer End-Pubertierenden in der sexuellen Findungsphase interessierten mich einfach nicht, been there, done that, don’t wanna go back.

Aber bei Schoßgebete ahnte ich, dass es mir gefallen könnte.

Ich kaufte mir also Schoßgebete und las es in einer Woche durch. Für mich ist das schnell, denn seit langer Zeit ziehe ich das Lesen von Blogs, Twitter, Formspring-Antworten, Nido, Geo-Epoche und Geo-Kompakt – random fact: Charlotte Roche zitiert im Buch nicht selten die Geo-Kompakt zum Thema Liebe und Sex – dem Lesen von Büchern vor.

Das Buch ist großartig.

Ich mag die Schonungslosigkeit der Protagonistin, es ist, als wäre die innere Zensur ausgefallen. Viele der Gedanken sind mir nicht fremd, ich formuliere sie aber nicht einmal mir selbst gegenüber, schließlich bin ich nicht schwierig, neurotisch, aggressiv und schon gar nicht möchte ich meine wundesten Punkte nach Außen kehren.

Aber Elizabeth/Charlotte ist das egal, vielleicht handelt sie auch nach dem Motto, lieber ich zeige Euch meine Achilles-Ferse, als dass die Bild von meinen Puff-Besuchen berichtet. Egal warum, diese Schonungslosigkeit macht das Buch so spannend, man liest keine muffige Bouillon, sondern konzentrieten Jus.

Zuweilen wurde mir schlecht, insbesondere in den Abschnitten als es um den Tod der Brüder geht. Ich musste aufhören zu lesen und/oder stöhnte „ojeoje“ so dass der Mann, der neben mir im Bett lag, sich um mich sorgte. Aber ich las (am nächsten Tag) weiter und freute mich wie schon lange nicht mehr auf die abendliche Lektüre.

Umso überraschter bin ich über die Kritiken, die dem Buch vorwerfen, keine Lösungen aufzuzeigen. So schreibt Alice Schwarzer in ihrem Blog

Okay, damit sollte eine starke Frau leben können. Eines allerdings wäre fatal: Wenn deine Leserinnen deine verruchte Heimatschnulze über Sex & Liebe für ein Rezept halten würden. Denn du hast nicht die Lösung, du hast das Problem.

Frau Schwarzer hat es erkannt, Elizabeth/Charlotte hat das Problem. Aber damit segelt sie schonungslos am Wesentlichen vorbei. Seit wann ist es bitte schön Hauptaufgabe der Literatur Antworten zu geben? Sollen Frauen jetzt nur noch Entwicklungsromane schreiben? Willkommen zurück bei Anne of Green Galbes.

Literatur hat für mich zuerst einmal die Aufgabe mich zu unterhalten, damit meine ich vor allem mich zu fesseln, mir Lust zu machen mehr davon zu lesen. Ferner finde ich Literatur spannend, wenn sie meine Lebenswelt auf interessante Art spieglt, ja so simpel bin ich.

Und das tut Schoßgebete. Natürlich möchte ich ökologisch super-korrekt sein, möchte ich eine super-Mutti sein, die dem Kind das Gemüse schmackhaft macht, ich bin emanzipiert und selbstständig, ich habe Panik, dass die Beziehung zu meinem Mann weniger sexuell wird oder ich ihn irgendwann verlieren könnte, wünsche mir gleichwohl das Gefühl von anderen Männern attraktiv gefunden zu werden und habe jahrelang sexuelle Praktiken verdrängt, weil man das als gleichberechtigte emanzipierte Frau nicht tut.

Ob das (geistig) gesund ist und wie man letztlich damit umgeht steht auf einem anderen Papier aber so zu tun, als hätte Elizabeth/Charlottes Lebenswelt keinen Bezug zur Lebenswelt vieler junger (Ehe-)Frauen/Mütter ist absurd.

Wenn ich mal Enkelkinder habe uns sie fragen, wie das Leben einer Frau so um 2011 war, werde ich ihnen das Schoßgebete in die Hand drücken und sagen:

„So ähnlich, nur bei den meisten weniger unterhaltsam und mit 60% weniger Drama“.

*Wer sich wundert, warum ich keinen Bezug auf den Titel dieses Blogeintrags nehme, dem sei gesagt, ich wollte in meinem Blog mal das stilistische Mittel der „sexuellen Provokation“ ausprobieren.