Re:publica 17, Tag 3

Aufgrund einer Empfehlung hörte ich mir zunächst Maciej Ceglowskis „Notes from an Emergency“ an. Ceglowski ist sehr klug und sehr unterhaltsam. Im Grunde sagt er, dass sich die großen Firmeninhaber des Silicon Valleys lieber mit ihrer eigenen Unsterblichkeit beschäftigen, als an den wirklichen Problemen und Gefahren dieser Welt zu arbeiten. Sie nutzen ihre Möglichkeiten, ihr Geld und ihre Reichweite nicht und das hält er für fahrlässig. Sein Lösungsansatz ist, auf die Mitarbeiter und die technischen Spezialisten einzuwirken und außerdem „regulation, regulation, regulation“.
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Ich blieb dann einfach bei Stage 1 sitzen und schaute mir Lisa Winter und Joanne Pransky an: „A robot psychistrist and a battle-robot builder walk into a bar – and talk“. Winter saß vor Ort und Parnsky war über ein iPad auf einem kleinen Segway dazugeschaltet. Ich mochte das, weil es mich an The Good Wife erinnert, wo auch immer so ein iPadsegway durch das Büro fährt. Winter ist ganz wunderbar. Sie baute schon als Kind Kampfroboter und ich habe meinem Sohn – mit dem ich parallel chattete – gleich den Link zu ihrem YouTube-Channel geschickt.
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Später am Nachmittag schaute ich mir „Is Freedom the most expensive word? A journey to North Korea“ an. Maja Pelevic hatte in Nordkorea mit dem Handy unerlaubt gefilmt und unterhielt sich mit Renata Avila über unsere mediale Wahrnehmung von Nordkorea. Ich fand das Gespräch sehr interessant auch wenn mir an manchen Stellen der rote Faden fehlte. Ihr Kernaspekt – so schien mir – war aber, dass sie unsere Sicht auf Nordkorea kritisierten. Wir wissen so wenig über Nordkorea dass eine fundierte Kritik eigentlich nicht möglich ist. Ich mochte Pelevics Anmerkung über die rasante Veränderung in Osteuropa. Dort wurde von einem Tag auf dem anderen den Leuten gesagt: „Alles was du bisher geglaubt hast, ist falsch, hier ist das neue richtige System, pass Dich an.“ Ich finde das einen wirklich spannenden Aspekt, glaube aber eine andere Form des Panels und womöglich ein anderes Beispiel hätte das deutlicher machen können. Gleichwohl war ich sehr irritiert, als mitten im Panel Simon Menner, der Speaker der nächsten Session, etwas für mich Unverständliches in den Raum rief. Wie ich später akustisch verstehen konnte, kritisierte er angebliche Vergleiche der Situation in Deutschland und Nordkorea, die Pelevic und Avila gezogen hätten. Dies hatte ich z.B. gar nicht so verstanden. Alles in allem wirkte es wie ein gespielte Twitterperformance in der ein aufgebrachter Mann, zwei Frauen, die im Gespräch sind, die Welt erklärt und den ganzen Diskurs unhöflich stört. Insofern passte das dann als Negativbeispiel sehr gut zum diesjährigen Motto #loveoutloud.

Ich hatte danach wenig Lust mir Menners Vortrag anzuhören und suchte mir lieber einen guten Platz für Felix Schwenzels „Update: Die Kunst des Liebens“. Ich fürchte, ich bin bei Schwenzel immer voreingenommen. Wahrscheinlich würde ich mich auch königlich amüsieren, wenn er einfach nur 30 Minuten aus Brehms Tierleben vorlesen würde. Trotzdem bin ich überzeugt davon, dass der Vortrag wirklich ganz besonders gut war. Er schloss den insgesamt pastoral-mahnenden Ton dieser re:publica mit freundlich-fröhlicher aber auch ernsthafter ironischer Brechnung ab. Er versinnbildlicht für mich, wie ich mir wünsche, dass wir mit den aktuellen Themen und Krisen umgehen. Ernst aber nicht ängstlich, lustig aber nicht höhnisch, ausgelassen aber nicht rücksichtslos.
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Alles in allem fand ich überdurchschnittlich viele Vorträge in diesem Jahr inspirierend und begeisternd. Es hat Spaß gemacht, der Kopf ist voll und nächstes Jahr treffen wir uns wahrscheinlich wieder.

Die Autorität der Gestrigkeit

Als der diesjährige August ein wenig abkühlte, brachte Die Zeit ein Dossier über Pornografie.

Im Limbo der Schmerzgrenzen arbeitete ich mich durch alle Texte und wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.

Zunächst einmal entschied ich mich für Ignoranz. Denn im Grunde muss man nur warten, bis die Leichen an einem vorüberziehen. Die Menschen, die sich vor ein paar Jahren noch für die 4. Macht im Land hielten, weil sie für ein großes Magazin oder eine überregionale Zeitung Texte schreiben, wissen wahrscheinlich selbst schon, dass ihre Autorität im besten Fall noch bis zur Rente reicht, dann werden die medialen Entwicklungen sie ins Nirwana der Belanglosigkeit katapultieren.

Ich verdrängte also zunächst Marie Schmidts Anleitung „Porno gucken„.

Aber das klappte nicht lang. Der Punkt ist, wenn man ironisch-böse über Pornos schreiben will, sollte man zumindest wissen, wovon man spricht (ich meine damit ganz expliziert, Pornos zum persönlichen Pläsier genutzt zu haben).

ft

@FuckTheory
Most of all I just want a theory of sexuality written by people who know how to fuck.

Man fragt ja auch keine Nonne nach einer kritischen Auseinandersetzung mit Oralsex. Wobei, wahrscheinlich wäre das unterhaltsamer und klüger gewesen. Und persönliche Meinung ist nur dann interessant, wenn sie einen neuen Blickwinkel einbringt. Zu analysieren, dass Pornos sexuelles Fastfood sind, ist so überraschend, wie der Beat auf einer Technoparty.

Bei Jens Jessens Anklageschrift „Die große Heuchlerei“ bekam ich dann körperliche Schmerzen.

Fräulein Tessa hat es auf den Punkt gebracht:

teresa bücker

@fraeulein_tessa
„Jetzt wollen sie nicht nur das Binnen-I, sondern auch noch mehr von diesen Orgasmen.“

Jens Jessen wird das offensichtlich alles zu viel mit diesen Frauen, dem Feminismus und dem Sex. Aber statt die Kommentarfunktion zu nutzen, gibt ihm eine liberale Wochenzeitung mit einem ganzseitigen Text ein großes Forum. Manchmal kann mir der Untergang der großen Verlagshäusern einfach nicht schnell genug gehen.

Wobei Die Zeit immerhin vor ein paar Tagen einen Text von Christina Schildmann und Anna-Katharina Messmer veröffentlichte, in dem es um Trolle in den Kommentaren aber auch um Autoren-Trolle wie die Jessens, Fleischhauers und Matusseks des konservativen Feuilltons geht.

Ein fulminanter Verriss der Werke von „Zeitgeistkritikern“, die aus Panik vor dem Verlust der Meinungsautorität all ihre Allmachtafantasien bündeln und hoffen, die Welt durch ihre Texte zum Stillstand zu bringen.

Das dies aber nur ein einsamer Lichtblick war, zeigte dann wieder Anna Kempers Gesellschaftskritik „Heißt das nicht geliked?„.

Humor scheint bei der Zeit fast ausschließlich fehlzuschlagen. Anna Kemper versucht nämlich das unerlaubte Veröffentlichen von Nacktbildern, die aus der privaten iCloud von Jennifer Lawrence und anderen weibliche Stars gestohlen wurden, in einen Glossentext zu wursten.

Ihr Fazit: die Stars und Sternchen stehen doch drauf. Wann wurde Menschenverachtung in Der Zeit ein Trend?

Und während ich in anderen englischsprachigen (online)Magazinen kluge Analysen darüber lese, mit welcher Selbstverständlichkeit über (prominente) Frauenkörper verfügt wird und in denen das Hacken und Veröffentlichen von privaten Fotos ganz klar als kriminelle Handlung bezeichnet wird, geht die deutsche Medienszene den von Trollen und Dumpfbacken vorgetretenen Weg der Häme.

Denn nicht nur Anna Kämper, sondern auch die Tratschtüten in The European und der FAZ sind lieber dumm und böse als nachdenklich und human.

Wie gesagt, zuweilen ersehne ich den Untergang des Feuilltons oder zumindest den vollständigen Verlust der Autorität, mit der diese Leute ihre persönliche und gestrige Meinung reflektieren.

Denn solange Freunde und Familienmitglieder von mir diese Texte ernst nehmen, weil sie in einem Zusammenhang veröffentlicht werden, der noch vom alten Ruf der Liberalität und Seriosität sowie einem intellektuellen Anspruch lebt, werde ich doch irgendwann ungehalten. Da kann ich mir noch so oft vornehmen, mich in verachtender Ignoranz zu üben.

Neulich hätte ich beinahe einen Kommentar auf Facebook geschrieben. Auf Facebook hatte Zeitonline einen Text aus dem Guardian verlinkt. Selbstverständlich ohne kritische oder zumindest irgendwie eigenständige Bemerkung.

„Vergessen wir, wie Übergewicht aussieht? Ja, sagen US-Forscher. Amerikanische Frauen aus Haushalten mit Niedrigeinkommen nehmen ihr Körpergewicht falsch wahr, fanden die Wissenschaftler in einer Studie heraus. Die Teilnehmerinnen schätzten sich schlanker ein, als sie tatsächlich sind. Sie konnten nicht korrekt erkennen, welche Körperfülle als Übergewicht klassifiziert wird. (dgw)“

Ich stelle mir das so vor. Da sitzt jemand und liest sich durch die Onlinewelt. Die Aufgabe ist Trüffel zu finden und die Vielzahl der Texte im Sinne der Zeit-Idee für die interessieren Facebookabonnenten zu kuratieren.

Ein Text aus dem Guardian ploppt auf und ein gescheiter Mensch würde sich wundern und weiter recherchieren. Er würde rausfinden, dass der BMI 1832 von Adolphe Quetelet entwickelt wurde. Außerdem ist er im Grunde nicht aussagekräftig, denn er bezieht die Körpermasse auf das Quadrat der Körpergröße. Weder Statur, Geschlecht noch die individuelle Zusammensetzung der Körpermasse wird in die Betrachtung einbezogen.

Kurzum wenn wir so alte und ungenaue Berechnungen als Basis wissenschaftlicher Studien nehmen, dann sollten wir vielleicht auch wieder die Wettervorhersage aus einer Glaskugel ablesen.

Sehr schön veranschaulicht diese Idiotie auch dieses Flickr-Set (via Anke Gröner).

Und man könnte Texte finden, die wiederlegen, dass Dick-Sein auch Ungesund-Sein bedeutet. Die klarstellen, dass diese Dinge nichts miteinander zu tun haben.

Daraus könnte jemand, der an den Mehrwert seines Arbeitgebers glaubt, einen tollen kritischen Text machen und darauf hinweisen, dass diese Studie nicht nur auf falschen Annahmen basiert, sondern zudem rassistisch, Frauenverachtend, sozial stigmatisierend und absurd ist.

Aber nein, ein unkritisch wiederkäuender Linkdump ist alles, was die Onlinesparte einer renommieren Wochenzeitschrift hinbekommt.

Ich kann es wirklich nicht mehr erwarten, bis diese Autorität der Gestrigkeit Sang- und Klanglos untergeht.

Ich will keinen Medientrailerpark, ich will ein mediales Schlaraffenland

Vor vielen Jahren sah ich den Film Rosetta in einem kleinen Kunstfilm-Kino.

Es geht dabei um das triste Leben einer Adoleszenten, die mit ihrer Mutter irgendwo in Belgien auf einem Campingplatz wohnt. Im Film passiert nichts. Die Nicht-Handlung wird gekrönt durch die filmische Darstellung der Zubereitung eines gekochten Eies in Echtzeit.

Bis heute weiß ich nicht, ob die Regisseure eine Message hatten oder ihre Zuschauer einfach nur quälen wollten und ihren Sadismus als Kunst labelten.

Immer öfter fällt mir allerdings auf, dass mich Rosetta sehr an die aktuelle Medienlage erinnert.

Neulich wurde ein Papst gewählt. Mein Verhältnis zur Kirche geht nicht über den Genuss von Kulturgütern mit theologischem Hintergrund hinaus. Trotzdem glaube ich, dass die Papstwahl für viele Gläubige wichtig und auch von politischer Relevanz ist.

Das alles begründet aber nicht den geradezu lächerlichen Aufwand, den die Medien bei dieser Papstwahl betrieben haben. Es gab Live-Tickter, Live-Berichterstattung, Live-Sendungen aus allen Bereichen des Vatikans und Roms außerdem Live-Schaltungen aus Diezösen in Deutschland.

Das alles war genauso spannend wie die Darstellung eines kochenden Eies, denn niemand schien wirklich Ahnung zu haben oder dem Thema irgendwas hinzufügen zu können. Man wartete einfach lautstark und pausenlos redend auf weißen Rauch.

Ab und an stellte ich den Fernseher an, schaltete ein wenig hin und her und dachte mir, dass der Journalismus seine Krise verdient hat, wenn ich mit derart unprofessionellen, langweiligem und irrelevanten Kram als Zuschauer gequält werde.

Genauso wie ich damals das Kino vorzeitig verließ, stelle ich fest, dass ich immer weniger Zeitung lese, dass ich nur noch manchmal Fernsehnachrichten schaue und dass ich nur Magazine kaufe, wenn sie sowohl optisch wie inhaltlich hochwertig gemacht sind. Überraschenderweise entdecke ich das Radio immer mehr für mich. Aber das ist ein anderes Thema.

Theoretisch könnten mir die „alten“ Medien immer mehr egal werden, schließlich finde ich genug Substitution in Blogs, internationalen Online-Medien und dank meiner diversen Timelines, die immer wieder feine Sachen heranspülen.

Praktisch bin ich aber traurig, dass es nicht noch mehr Angebote gibt und dass so viele Medienschaffende nicht die Chancen am Schopfe packen, die sich gerade ergeben.

Ich bin keine Journalistin aber ich bin Heavy-Userin und ich weiß ziemlich genau, was ich möchte. Und wenn meine Medienbedürfnisse erfüllt werden, bin ich auch bereit, dafür zu zahlen. Vorausgesetzt, es handelt sich um ein einfaches, angemessenes und transparentes Zahlungssystem.

Stil

Ein Grund, weshalb ich die üblichen Frauen- und Gossipmagazine nicht mehr ertrage, ist der Schreibstil.

„Mary möchte nun schon seit Jahren ein weiteres Kinder. John ist noch nicht bereit. Wird sie doch noch ihren Traummann finden?“

„Bei Depression denken sie einfach mal an was anderes.“

„Machen sie mehr aus sich. Wie wäre es mit einem neuen Haarschnitt?“

Jede Phrasensau wird durchs Dorf getrieben und es scheint als gäbe es ein allgemeines Verbot für Relativsätze.

Bloß nicht zu viel sprachliche und intellektuelle Innovation. Wahrscheinlich möchte man damit Leser nicht abschrecken. Erreicht wird so aber vor allem Ödnis.

Der hysterische Stakkato-Ton vieler Frauenzeitschriften nervt dabei allerdings nicht mehr, als der pseudo-objektive Stil „seriöser“ Zeitungen oder der lehrmeisterliche Duktus in den Kolumnen älterlicher Herren zum Weltgeschehen.

Ehrlichkeit

Dabei will ich nicht unbedingt ein Magazin oder Kolumnen in lyrischer Form, mir reicht ein echte Sprache völlig aus.

Authentizität ist leider ein Begriff der viel zu inflationär verwendet wird, aber es im Grunde trifft. Warum soll jemand im Allgemeinen aber auch ein Journalist im Besonderen in einem durch das Medium vorgegebenen Stil schreiben?

Womöglich einem Stil, der gar nicht zur Person passt, den sie gar nicht mag. Würde die Nachricht oder die Geschichte nicht viel besser ankommen oder interessanter sein, wenn auch der Stil Teil der Nachricht ist?

Es ist für mich kein Wunder, dass Menschen wie Olli Schulz so erfrischend sind. Für den aktuellen Erfolg von Olli Schulz gibt es sicherlich viele Gründe aber seine hektische sich irgendwie immer überschlagende und extrem ehrliche Sprache ist sicherlich einer.

Mut

Als Person aus der Nachricht herauszutreten und sich damit auch zu exponieren, sich manchmal auch zum Affen zu machten, hat in gewisser Weise mit Mut zu tun.

Mut hat mich auch bei Journalisten immer besonders beeindruckt. Sei es, dass ich mich fragte, wer freiwillig in Krisengebiete fährt, um darüber zu berichten oder es mich sehr berührt, dass Roberto Saviano wegen eines Buchs über die Mafia, sein normales Leben aufgeben musste.

Leider scheint der Mut einer Handvoll Leute und die dazu gehörenden Hollywood Filme einen Mythos erschaffen zu haben, mit dem die Realität in vielen Reaktionen wenig gemein hat.

Chad Kultgen hat in der Huffington Post einen sehr schönen Artikel über Sex und darüber geschrieben, dass immer mehr Menschen an Texten unterhalb der hübschen Bonbon-Oberfläche interessiert sind, aber in den „alten Medien“ immernoch der Mut fehlt, sie zu veröffentlichen.

Reportagen und Hintergründe

Mut fehlt auch, wenn es darum geht, Aktualität zu ignorieren.

Maximilian Buddenbohm antwortete neulich sehr weise auf die Frage, was er am Netz am wenigsten mag:

Den Aktualitätsdruck. Es ist nichts mehr gültig oder gut, was älter als ein paar Tage ist. Eine furchtbare Entwicklung. Wir haben mehr Archivraum zur Verfügung als alle Generationen vor uns und nutzen ihn immer weniger.

Und Felix Schwenzel schrieb etwa zur gleichen Zeit:

ich finde übrigens, dass das was die zeit für mich vor 25 jahren war, heutzutage fast komplett fehlt; ein reflektierter, unhysterischer und verlässlicher rückblick auf die themen der letzten woche (und darüber hinaus). aktualität langweilt mich. ich will tiefe, vernünftige und abgehangene analysen.

Zwei Monate nach der Papstwahl eine ausführliche, sachkenntnisreiche und kritische Analyse über den Vatikan in Allgemeinen, die Hintergründe zum Abtritt, die Intrigen vor, nach und während der Wahl, mit der Ambition, auch heikle Themen anzusprechen: Ich wäre begeistert und würde sogar blinkende Werbebanner tolerieren, wenn dadurch die journalistische Arbeit bezahlt werden kann.

Interview

Apropos heikle Themen ansprechen. In habe schon lange kein kontroverses Interview mehr gelesen oder gesehen.

Im Gegenteil, Lars von Trier waren 2011 in Cannes die Pressekonferenzen wohl so derart zu lahm, dass er den Eklat selbst in die Hand genommen hat.

Ich mein, der Mann schreit doch geradezu nach einem Interviewpartner, der nicht die Vorlagen zur Promotion des aktuellen Films vorgibt, sondern eine Person, die ihn irgendwann eine Ohrfeige gibt und ihn fragt, ob er nicht ganz bei Trost ist. Die Antwort darauf würde mich interessieren.

Orientierung und Kuration

Nicht jedem liegt die Provokation. Sammeln und Kuratieren ist zum Beispiel auch ein Feld, das bisher nur ansatzweise beackert wird.

Vor einiger Zeit stellt ich mal Blogs vor, die ich als Informations- und Linkhubs bezeichnete. Damals habe ich leider die Serie Beifang aus dem Internet der Kaltmamsell und woanders von Herrn Buddenbohm unerwähnt gelassen.

Außerdem bin ich in den letzten Monaten auf zwei Blogs gestoßen, die sich hauptsächlich mit dem Suchen, Filtern und Kuratieren von Inhalten aus dem Internet beschäftigen.

Nessys Blog Messy Nessy Chic ist für mich in etwas das, was für meine Kinder der Besuch eines fantastischen Spieleparadieses ist. Ein wahrgewordener Traum und ein Blog in dem ich all die Dinge finde, für die ich keine Zeit und Lust habe, sie zu suchen, weil ich nicht weiß, wonach ich suchen soll und wo ich sie überhaupt finden könnte. Nach jedem Eintrag habe ich das Gefühl, eine weitere Perle des Netzes in meiner geistigen Hand zu halten.

Limpid Lech trägt spannende aber auch sehr komplexe und wissenschaftliche Texte, Bilder, Filme meist thematisch sortiert aus dem weitgefassen Bereich der Sexualtiät zusammen.

Sicherlich gibt es noch mehr Beispiele aber auch hier sehe ich noch lange keine Sättigung meiner Lese-, Hör-, oder Sehbedürfnisse. Zumal es ja auch noch unendlich viele Interessensgruppen gibt.

Das Filtern von Daten ist eine sehr schwere und ehrenvolle Aufgaben und wird von Menschen wie mir dankbar aufgenommen. Gute Datenkuratore, die mich wie ein Dealer mit dem Besten und Spannensten aus dem Internet belieferten, würden von mir viel Zuneigung, Loyalität und – vorausgesetzt es gibt ein einfache, angemessenes und transparentes Zahlungssystem – auch Geld bekommen.

Fazit

Hört auf kochende Eier zu filmen und mir das als Weltgeschehen zu verkaufen.

Die Drossel als Stellvertretervogel

Die Telekom behält sich seit dem 2.5.13 bei Neuverträgen vor, das Internet für Festnetze drosseln zu können. Das heißt, genauso wie jetzt auch schon bei den Handytarifen, kann „bald“ (eine technische Umsetzung ist wohl nicht vor 2016 möglich) das Internet ab einer bestimmten Datenmenge massiv verlangsamt werden.

Gegen Mitte des Monats surfen wir also wieder alle so langsam wie früher, als es in der Leitung piepte, während sich langsam Pixel für Pixel das Katzenbild entwickelte.

Wer mehr Datenvolumen wünscht, muss mehr zahlen oder surft die restliche Hälfte des Monats einfach langsamer oder auf den von der Telekom freigegebenen und promoteten Webseiten.

Soweit so ärgerlich. Es gibt nun also ein Deutsche Drosselkom Twitter Account, lustige Telekom-Fakewerbung, eine Kampagne gegen die DSL-Drosselung der Telekom und viel Meinung zum Thema.

Nun bin ich wahrlich kein Freund der Telekom. Jahrelang habe ich kein iPhone besessen, weil ich keinen Handyvertrag bei ihr haben wollte.

Aber ich verstehe die Aufregung über die Telekom nicht.

Soweit ich weiß, ist die Telekom ein privates Telekommunikationsunternehmen, dass – trotzdem die Bundesrepublik Deutschland 15% der Aktien hält – vor allem wirtschaftliche Interessen verfolgt.

Zu diskutieren, ob eine stets angestrebte Gewinnmaximierung wirklich mit ehrbaren Mitteln möglich ist und ob das ewige Wachstumsstreben vielleicht auch ein wenig irrsinnig ist, finde ich grundsätzlich berechtigt. Dann aber sprechen wir über Kapitalismuskritik und nicht über Datenvolumen.

Die Telekom möchte Geld verdienen und dies tut sie zum Beispiel, indem sie die Tarife ändert.

Die aktuelle Empörung ist so, als würde man sich bei Hermes darüber beschweren, dass das Paket von Amazon nicht verschickt wurde und dabei gleich mal ins Felde führen, dass es eine Unverschämtheit ist, mit Zustelldiensten Geld verdienen zu wollen.

Das Problem liegt ganz woanders. Unsere Gesellschaft ist (noch) datenfeindlich. Die Notwendigkeit eines offenen, gut ausgebauten und allgemein zugänglichen Netzes ist überhaupt noch nicht im Bewusstsein der allermeisten Menschen angekommen.

Und ich spreche hier von den 90% der Bevölkerung. Das sind die Arbeitskollegen, die morgens in der Bahn Zeitung und nicht Blogs oder Onlinemagazine lesen, Eltern und Großeltern, die kein Facebook Account haben, Menschen, die nicht mindestens alle 30 Minuten ihre privaten Mails checken.

Leute, die davon sprechen, wie ungesund die Strahlen, das Internet, die neue Kommunikation sind, die sich fragen, warum das alles, wo es bisher doch auch gut mit dem Fax geklappt hat. Unternehmen, die keine wirtschaftlichen Perspektiven im Netz sehen oder deren Horizont nicht über Google-Ads hinaus geht.

Wenn man auf der re:publica zwischen Handy-Aufladen und Vortrag einen Klönschnack hält, vergisst man schnell, dass man selbst noch die Minderheit ist.

Eine Minderheit, die zwar – zurecht – gegen Dateneinschränkung protestiert und sich Gehör verschaffen kann, aber letztlich noch fern von der Mitte der Gesellschaft ist.

Denn wäre es allen bewusst, wie wichtig das Internet und damit auch seine Infrastruktur ist, würde sich die Politik für den Ausbau und die Erweiterung der Hardware bemühen, es würden Gesetze erlassen oder geändert werden, zum Beispiel solche, die es für Restaurants, Cafes und Hotels rechtlich immernoch schwer machen, freies und offenes Wlan anzubieten.

Vor einiger Zeit war ich mal in Moskau und konnte an jeder Ecke freies Wlan nutzen. Als ich zurückkam, hatte ich das Gefühl, in einem digitalen Entwicklungsland zu leben.

Wären das Internet kulturell so verankert wie die Automobilindustrie, wäre ein Versuch der Telekom die Daten zu drosseln, so unwahrscheinlich wie eine Pkw-Maut. Es gäbe wahrscheinlich keine Telekom, sondern nur eine Datenautobahn und auf der könnte jeder so schnell fahren wie er möchte.

Möglicherweise ist die Telekom aber auch besser mit Stromkonzern zu vergleichen. Diese Unternehmen waren auch mal staatlich und sind wie die Telekom zu Unternehmen der freien Wirtschaft mit Beamtenmentalität und Monopolfetisch privatisiert worden.

Das ändert nichts daran, dass diese Unternehmen nach wie vor sehr eng am Puls der Regierung sind. Wenn es in Fukushima zu einer Kernschmelze kommt, können auf einmal ganz schnell alle deutschen Kernkraftwerke abgestellt werden, auch wenn es vorher (leider) jahrzehntelang nicht möglich war.

Wenn es also der Regierung wichtig wäre, dass alle Bürger Zugang zur Datenautobahn haben, wenn gesehen würde, dass das Internet im Grunde immer mehr die Basis unserer Wirtschaft wird bzw. werden sollte, wenn statt Zensur und Panik einfach mal mit gesundem Menschenverstand an einer Internetverkehrsordnung geschrieben würde, dann würde es Gespräche mit der Telekom geben und am Ende gäbe es einen kostengünstigen und flächendeckenden Datenzugang für alle Bürger. Sascha Lobo hat dieses fehlende Verständnis schon im Januar aufs Stilvollste beklagt.

Statt dessen findet eine Kopplung von Datenzugang und finanziellen Möglichkeiten statt und damit wird ein weiteres Mal die Chance verpasst, das Internet da zu platzieren wo es hingehört: in die Mitte der Gesellschaft.

Statt Kampagnen gegen die Telekom zu formulieren, wäre es doch wesentlich sinnvoller, staatlichen Instanzen die Wichtigkeit einer Datenautobahn zu erläutern, zu versuchen, die Wenignutzer des Netzes für die vielfältigen Möglichkeiten zu begeistern und dafür zu sorgen, dass das Internet nicht immer als etwas Separates, sondern als Teil des öffentlichen Raums gesehen wird.

Ein Stellvertreterkampf mit der Telekom mag zwar ganz unterhaltsam sein, ist aber so, als würde man mit einem Pflaster einen Armbruch heilen wollen.

Lieblingskindermedien 5 Plus 1 – Gemischte Auswahl

Kindermedium

Dasnuf hat mir vor einiger Zeit ein Stöckchen zugeworfen, auf das ich bzw. meine Kinder nun endlich reagieren möchten. Die schöne Idee kam von Percanta.

Ich habe das Stöckchen aus Gründen etwas abgewandelt und habe meinen Sohn (5 Jahre) und meine Tochter (3 Jahre) nicht nur jeweils nach ihrem Lieblingsbuch, sondern auch nach ihrer Lieblingsapp und nach ihrem Lieblingsfilm befragt.

Bücher

Nele Moost (Text) und Annet Rudolph (Zeichnung) Alles erlaubt? Oder immer brav sein – das schafft keiner!
Das Lieblingsbuch vom Sohn: Ich finde eine Stelle so lustig. Da sagt der Rabe ganz oft „Bitte-Danke“ und dann „Bitte-danke sonst knallt’s“. Und weil der Rabe sich in eine Schüssel mit Tomatensauce setzt.

Hans de Beer Kleiner Eisbär komm bald wieder!
Das Lieblingsbuch von der Tochter: Der Bär fährt ganz weit weg. Mit einem Schiff. Eine Katze ist sein Freund. Mhm, zwei Katzen. Also zwei Freunde.

Apps

Tom & seine Freunde und Unterwegs im Tomland
Lieblingsapp vom Sohn: Weil Tom so nett ist und ihm jeder helfen mag.
(Kleiner Hinweis der Mutter: weil Dirk Bach alle Rollen spricht und weil beide Apps unheimlich liebevoll gemacht sind.)

memory
Lieblingsapp von der Tochter: Mama, guck ich habe zwei Bobbycar.

Kinderfilme (im weitesten Sinne)

Wickie und die starken Männer: Der Wettlauf
Lieblingsserie vom Sohn: Wikie ist ganz schlau und ein Wikinger. Und er macht immer so (er zeigt das Nasereiben) wenn er nachdenkt. Ich mache das nicht aber ich kann auch gut denken.

Feuerwehrmann Sam – Die Kompeltte Staffel
Lieblingsserie von der Tochter: Ich will Sam gucken. Wikie ist langweilig. Nemo ist langweilig. Ich will Sam gucken.
(Kleiner Hinweis der Mutter: Es gibt eine Serie mit animierten Puppen und eine gezeichnete Version. Wir bevorzugen eindeutig die Puppenversion, sie ist irgendwie gemütlicher.)

Ich glaube alle kinderhabenden Blogger meiner Filterbubble sind bereits durch mit dem Stöckchen oder haben zumindest schon eins gefunden. Daher werfe ich nicht weiter, freue mich aber über jeden, der es aufgreift.