Es ist kompliziert

In den letzten Wochen habe ich mich optisch etwas mehr geöffnet. Zum einen wurde ich auf der rp14 gefilmt, es wurde ein kleines Fernsehinterview mit mir aufgenommen und ich habe begonnen, meine Bilder auf Instagram auch mit Gesicht aufzunehmen.

Immernoch bin ich sehr darum bemüht, meine verschiedenen Lebenssektoren getrennt zu halten aber eben jetzt mit Gesicht.

Als die Anfrage für das Interview kam und ich wusste, dass zumindest die theoretische Möglichkeit besteht, dass mein Vortrag auf der re:publica aufgenommen wird, überlegte ich kurz, eine Schnell-Diät zu machen. Eine Diät, damit mein Gesicht und mein Körper nicht zu dick wirken, angeblich machen Kameras ja nochmal 5kg mehr Eindruck.

Seitdem ich vor etwas mehr als einem Jahr aufgehört habe, mich zu wiegen und gleichzeitig angefangen habe, nach Hunger und Appetit zu essen, habe ich zugenommen.

Nicht massiv aber merklich. Wenn ich von mir als dick spreche, widerspricht keiner mehr.
Mein Mann war neulich beeindruckt von meinen Oberarmen, ich dachte zunächst er meint die Muskeln und meine Mutter fragte mich, wie ich es auf den #609060-Bildern immer wieder schaffe, so schlank zu wirken.

In Berlin traf ich kürzlich eine Freundin, die ich ca. ein Jahr lang nicht gesehen hatte und sie meinte, ich sähe gut aus aber hätte ganz schön zugelegt.

Der Punkt ist, jedes mal wenn ich sowas höre oder mitbekomme, merke ich, wie ich vollkommen panisch werde. Ich renne zum nächsten Spiegel und schaue mich an. Ich mache Selfies und wäge ab, ob ich eine attraktive Person bin.

Die Angst vor dem Fett hält mich fest umschlossen, obwohl ich all meine Willenskraft aufbringe, dieser völlig irrationalen und gesellschaftlich indoktriniere Panik zu kontrollieren.

Ich stelle auch immer wieder fest, wie ich als Reaktion auf entsprechende Äußerungen anfange zu erzählen, wie gesund ich seitdem bin, wie viel Sport ich treibe und wie wohl ich mich fühle.

Dann erzähle ich von den beiden letzten Malen, bei denen ich versuchte, abzunehmen. Vor drei Jahren landete ich – als jemand, der für seinen Kuhmagen bekannt ist – mit Blut im Stuhl in der Notaufnahme (soviel zum Thema gesundes Abnehmen mit einer eiweißreichen Diät) und vor zwei
Jahren mit einem heftigen Hexenschuss auf dem Wohnzimmerboden. Regelmäßiges joggen hatte eher einen destruktiven
Einfluss auf meinen unteren Rücken.

Und während ich rede, frage ich mich, warum ich das tue. Es geht niemanden etwas an, ob ich dick bin, wieviel Sport ich treibe oder wie gesund ich bin. Ich muss meinen Körper nicht rechtfertigen. Würde ich die Haare färben oder abschneiden, wäre ich nach einem Urlaub braun gebrannt, hätte ich ein Tattoo oder einen Nasenring, würden diese Äußerlichkeiten bestimmt auch kurz angesprochen werden aber keinerlei Panik oder Rechtfertigung bei mir auslösen.

Aber beim Fett verhält es sich anders. Die Frage ist warum?

Es ist zunächst einmal vor allem ein Problem von mir selbst. Ich könnte Kommentare über meinen Körper einfach hinnehmen wie Kommentare über meine Haarfarbe oder meine Augenfarbe. Aber ich tue es nicht, Kommentare über meine Figur treffen mitten in meine Persönlichkeit.

Und ich glaube, damit bin ich nicht allein. Denn die Obsession, die unserer Gesellschaft mit Körper und Körperkult hat zeigt, dass man über den Körper bei den meisten Menschen ganz schnell die gesamte Persönlichkeit treffen kann.

Der eigene Körper wird zum Abbild der Persönlichkeit stilisiert. Bist du außen nicht schön, so kannst du es innen auch nicht sein. Bist du außen dick, dann bist du innen faul und willensschwach. Wirkst du nicht wie ein Model einer Fitness-Zeitschrift kannst du nicht gesund sein. Isst du nicht paleo, bio oder clean, bist du auch innen schmutzig und stinkig.

So analysiere ich fröhlich vor mich hin aber schaffe es nicht, mich zu entscheiden, mich dem gesellschaftlichen Spiel der Körperkultur hinzugeben oder mich für die Rebellion in all ihren Konsequenzen zu entscheiden.

– Denn wenn man es mal konsequent durchdenkt, hat die Verweigerung von Schönheitsstandards wesentlich mehr mit Rebellion, Andersdenken und vor allen auch Willensstärke zu tun, als sich dem Diät- und Sportdiktat mit all seinen klaren Regeln und seinem saftigen Bonussystem zu unterwerfen. –

Bei der Überlegung, wovor ich Angst habe, welche Konsequenzen ich befürchte wenn ich dick bleibe oder (alas!) noch dicker werde, fallen mir vor allem folgende Gründe ein.

1. Ausschluss aus dem sozialen Umfeld.

Diese Grund ist für mich nur mittelmäßig relevant aber nicht von der Hand zu weisen.

Im gesellschaftlichen Umfeld in dem meine Familie, meine Freunde und ich mich bewegen, gilt immernoch “Fett ist nur die Unterschicht”. Je jünger die Menschen, desto weniger deutlich wird das gesagt aber im Grunde ist es dabei geblieben. Die gesellschaftliche Elite ist schlank, die Unterschicht dick. Die Panik vor dem gesellschaftlichen Abstieg manifestiert sich ganz wunderbar in der ewigen Essens- und Sportthematik auf die ich in meinem Winterhuder Umfeld regelmäßig stoße. Dicke Frauen – ich beispielsweise – fallen sofort auf. Mütter passen spätestens zwei Jahre nach der Geburt wieder in eine Größe 38 oder kleiner und holen gern in frisch geschwitztem Joggingdress ihre Kinder von der Kita ab.

Wenn man dauerhaft nicht in die Optik seiner Umgebung passt, stellt sich schon die Frage, was man selbst falsch macht.
Warum alle anderen das geheime Rezept der ewigen Schlankheit kennen und anwenden und man selbst so gnadenlos scheitert.

Kein passender Körper, keine Anerkennung und keine Zugehörigkeit.

2. Raus aus der Attraktivität

Dieser Punkt ist für mich sehr wichtig. Ich bin eitel und ich mag es, als attraktiv wahrgenommen zu werden. Ich war nie eine Schönheit aber ich galt immer als anziehend, zuweilen als sexy. Und mir gefällt das. Ich mag es mitzubekommen, dass es einige Männer gibt, die gern mit mir schlafen würden und Frauen, die mich um Haare oder die Beine beneiden.

Das kann man oberflächlich finden aber ich ziehe daraus Freude und Bestätigung.

Das Absurde ist, dass ich bisher bei jedem Gewicht Geschlechtspartner hätte finden können. Ich habe immer wieder festgestellt, dass mich Männer nicht trotz sondern wegen meines großen Pos gut finden und den ebenfalls vorhandenen Bauch offenbar in Kauf nahmen oder nähmen.

Die Tatsache, dass meine Freundinnen und ich noch nie wirklich den gleichen Männergeschmack hatten, zeigt ja, dass Attraktivität etwas sehr Persönliches ist. Ich bin zum Beispiel jedes mal erschüttert, wenn jemand Cary Agos nicht unendlich anziehend findet.

Entsprechend müssen wir einem totalen Hoax aufsitzen wenn uns immer wieder klar gemacht wird, es gibt ein einziges valides Schönheitsideal.

Hourglassshape (Frauen), breite Schultern (Männer),
markantes Gesicht (Männer), Kindchenschema (Frauen) oder Symmetrie (alle) my ass, ich habe alle (!) Männer in meinem Leben nach Ihrem Geruch ausgesucht.

3. Krankheit und Verwesung

Es gibt mittlerweile eine Vielzahl von Studien (bitte Links beachten), die widerlegen, dass dicke Menschen mehr gesundheitliche Probleme haben als schlanke.

Nachdem ich mit 28 Jahren einen kleinen Bandscheibenvorfall hatte, teilten mir dir Ärzte mit, ich müsse abnehmen, Kraft- und Ausdauertraining machen.

Seit zwei Jahren habe ich keine Rückenprobleme mehr. Womöglich hat die Tatsache, mich nicht mehr zu wiegen, dafür zu essen worauf ich Lust habe (und sogar Kohlenhydrate mit Eiweiß zu mischen) und ab und zu schwimmen zu gehen, deutlich mehr gebracht, als die Tipps diverser Ärzte in den 7 Jahren davor.

Und die Frage, die ich mir immer wieder stelle ist: wie gesund ist überhaupt eine Essstörung?

Warum wird von medizinischen Fachkräften nie gefragt, warum ich nicht intuitiv esse, sondern nach Diätplänen? Warum wird pathologisches Ess- und Sportverhalten gelobt während lustvolles Essverhalten einem Krankheitsbild zugeordnet wird?

Während meiner ersten Schwangerschaft wurde mein Gewicht genauestens protokolliert aber ich musste geradezu um eine Krankschreibung betteln, als mich eine heftige Migräne niederstreckte.

Das Ziel – ein zufriedener Mensch in einem gesunden Körper – wird völlig aus den Augen verloren, während Tabellen und Körperschablonen absolute Priorität haben.

Das alles aber eben auch die Tatsache, dass ich diese irrationale Lust auf einen schlanken Körper nicht abstreifen kann, sondern ich immernoch glaube, dass ich einfach nur nicht die richtige Methode und genügend Kraft gefunden habe, macht mich wütend.

Wütend auf mich selbst, auf die Leute, die die immer gleiche dumme Scheiße wieder und wieder repitieren und auf uns alle, die wir nichts Besseres zu tun haben als uns selbst und alle anderen streng zu beurteilen:

Victoria
@VictoriaHamburg
Die Strenge, mit der Frauen das Aussehen von sich und anderen Frauen beurteilen, ist nicht nur schade, sondern ganz einfach zum Kotzen.

Aber ich werde nicht wirklich klüger: Als ich neulich bei einer amerikanischen Freundin las, dass sie ca. 20 kg abgenommen hat, recherchiere ich gleich das Mittel, das ihr dabei geholfen hatte.

Kurz bevor ich alle Hebel in Bewegung setzen wollte, um es in den USA zu bestellen, überlegte ich mir, dass Nebenwirkungen wie Herzrhythmusstörungen oder Haarausfall womöglich kein guter Preis sind. Schließlich fühle ich mich derzeit so gesund und kraftvoll wie schon lange nicht mehr.

Älter werden

Langsam komme ich in das Alter, dass ich meine Mutter verstehen kann, die 10 Jahre lang jährlich ihren 42. Geburtstag gefeiert hat. Nachdem ich 28 Jahre meines Lebens darauf bedacht war, für älter gehalten zu werden als ich war, möchte ich jetzt, dass die Leute denken, ich wäre eine junge Mutter, die noch während des Studiums ihre Kinder bekommen hat. (Wenn man ein Leben lang ein Stein in meinem Brett haben möchte, fragt man mich, ob ich das Au-Pair der Kinder sei.)

Dann versuche ich mich an das Thema Würde zu erinnern und daran, dass es eben Dinge gibt, die unaufhaltsam sind. Zum Beispiel das Altern. Und da ich nicht enden möchte wie Ute Ohoven, sondern eher wie meine 91 jährige Tante, die zwar behauptet sie sei gebrechlich aber für ihre Haushälterin Reisen organisiert, den Kindern ihres Gärtners in Deutsch Nachhilfe gibt und sich bei meinem Auto vor allem nach den PS erkundigt.

Vor einiger Zeit habe ich ein – leider nicht mehr online verfügbares -Interview (Alternativvorschlag) mit Margarete Mitscherlich verlinkt. Hängen geblieben ist bei mir vor allem, dass man sich im Alter vieles verzeiht und wenn überhaupt nur traurig darüber ist, etwas nicht gemacht oder erlebt zu haben.

Während ich also mit dem Mann zusammen in der Küche stehe – er macht Suppe, ich backe Kuchen – frage ich mich, ob ich bisher das Gefühl hatte, etwas verpasst zu haben. Angenehm überrascht stelle ich fest, dass es Kleinigkeiten gibt, die ich anders gemacht hätte, aber Grunde stehe ich genau da, wo ich sein möchte.

Diese Gewissheit macht die Cellulite nicht weg, lässt mich nach einer durchzechten Nacht nicht frisch aus dem Bett hüpfen wie früher und junge Verehrer schlagen sich nicht mehr vor der Haustüre die Köpfe ein* aber im Grunde ist es auch egal.

Viel wichtiger ist es, dass ich mich auf meinen Geburtstag vorbereite. Die letzten zwei Jahre startete der Tag immer katastrophal. Vor zwei Jahren verbrachte ich den Vormittag meines Ehrentages mit diversen Lappen und wischte den Boden, letztes Jahr musste mein Sohn spontan unter Vollnarkose operiert werden und erschien mit dem Vater am Nachmittag leicht sediert zur Feier.

Dieses Jahr bin ich vorbereitet, ich habe heute Mittagsschlaf gemacht und gehe früh ins Bett, seit 24 Stunden habe ich keinen Alkohol getrunken, der Mann und ich haben soweit möglich schon alles für die Party vorbereitet, die Kinder stehen seit Wochen unter Quarantäne und ab morgen früh verlässt niemand das Haus.

Bis Montag halten wir durch. Soll noch einer sagen mit dem Alter wird man immer paranoider. Ich nicht.

*An dieser Stelle habe ich maßlos übertrieben, soetwas ist natürlich nie passiert.

Stadt, Land und kein Fluss

Vor einiger Zeit fragte mich die Mutter meiner Freundin M., ob ich denn wieder zurück in den westlichsten Zipfel Deutschlands ziehen würde.

Ich fand die Frage etwas irritierend, schließlich findet mein gesamtes Leben in Hamburg statt und es gibt keinen Grund für mich, dies ändern zu wollen.

Die Frage ging mir trotzdem nicht aus dem Kopf. Wie kam sie nur auf den Gedanken, dass man ich jemals zurück kommen würde oder wollte?

Ich habe mit dem Landleben abgeschlossen, ich bin auf der nächsten Stufe der Urbanisierungsevolution angelangt: ich bin Stadtbürgerin.

Zum Ende der Grundschulzeit landete ich auf dem – in jeder Hinsicht – platten Land. Wir waren Zugezogene und dazu noch Protestanten beziehungsweise Ungetaufte.

Durch die angesehene berufliche Position meines Vaters, wurden wir nicht nur geduldet, sondern herzlich geduldet. Ich wurde nicht gehänselt und auch nicht ausgeschlossen aber Teil der dörflichen Gemeinschaft wurde ich auch nicht.

Möchte man im Dorf dazugehören sollte man entweder in der katholischen Kirchengemeinde, im Schützenverein, im Musikverein (gesprochen: Mossikvrein) oder der Freiwilligen Feuerwehr Mitglied werden, am besten gleich in mehreren.

Ich bin nicht gläubig, außerdem Pazifistin, spiele kein tragbares Instrument und Feuer löschen ist auch nicht mein Ding.

Blieb also die Grundschule. Dort traf ich auf meine Freundin M. Als sie ein paar Tage krank war, brachte ich ihr die Hausaufgaben und blieb.

Also ab und an ging ich auch nach Hause aber die meiste Zeit meiner frühen Jugend verbrachte ich bei M. und ihrer Familie.

Das Leben von M. und ihrer Familie erschien mir exotisch. Die Eltern arbeiteten in einem Büro im Haus und waren immer da.

Zum Essen wurden köstliche Dinge wie Gulasch, Braten, Kartoffelpüree, leckere braune Saucen und Schwarzwurzeln in heller Sauce gereicht. Außerdem gab es immer Nachtisch wie zum Beispiel Vienetta.

Das Essen enthielt keine komischen exotischen Gewürze, die Speisen waren klar strukturiert und verlässlich lecker. Außerdem gab es nie Paprika wenn ich mitaß. Es schien mir wie ein Wunder, dass es Orte geben konnte, an denen man nicht essen muss, was auf den Tisch kommt, sondern meinen Befindlichkeiten Rechnung getragen wurde.

Nach der Grundschule gingen M. und ich auf das Gymnasium der Kreisstadt,fünf Kilometer vom Dorf entfernt. Im Sommer fuhren wir manchmal mit dem Rad aber meistens nahmen wir den Bus. Damals fuhr dieser wochentags noch alle 1-2 Stunden, derzeit fährt er nur noch zweimal am Tag und vormittags zu den Schulzeiten.

Neun Jahre lang trafen wir uns morgens müde unter der Bushaltestelle Friedhof setzen uns dann nebeneinander in den für Schulkinder gecharterten Reisebus und sahen zu, wie an jeder Gießkanne Kinder einstiegen.

Friedhof ist übrigens eine Ortsangabe in dem Dorf, aus dem ich komme. Die Gärtnerei gegenüber gibt tatsächlich auf ihrem Transporter an: “Schnitt und Topfblumen (gegenüber Friedhof)”.

Mit der Pubertät blieben M. und ich gut befreundet aber eröffneten uns jeweils andere sehr unterschiedliche Freundeskreise.

Ich versuchte mich mit den hippen Mädchen. Mit denen traf ich mich nachmittags in der Stadt und kichernd zogen wird durch die Hauptstraße: rechts die Boutique mit Benetton und Esprit im Angebot, dann am Plattenladen vorbei – der Sohn des Inhabers war eine begehrte Trophäe, durch ihn bekam man die teuren CDs deutlich günstiger – links rüber zum Woolworth (gesprochen: Wollwort) Kosmetik, Unterwäsche und Firlefanz kaufen, dann an der Boutique vorbei in der der wunderschöne Portugiese arbeitete und zum Schluss ins Eiscafé mit dem nach wie vor besten Spaghettieis weltweit.

Auf dem Land gab es zu meiner Zeit noch keine Figurprobleme beziehungsweise Probleme mit total normalen Figuren. Wir alle aßen Spaghettieis, immer.

Dass ich so gut organisieren kann, liegt daran, dass es ein enormer logistischer Aufwand war, an den Wochenenden in die Diskotheken zu kommen. Busse gab es keine oder kaum und Auto durften wir noch nicht fahren.

Ich tat alles um der Höchststrafe der samstagabendlichen Freizeitbeschäftigung zu entkommen: Jugendheim.

Ein Ort der Tristesse am Rande der Dorfkirche. 50m von meinem Elternhaus entfernt puckerte die Musik im Keller während die Dorfmädchen an einer Cola nippten. Jungs waren nie da, ich nehme an, sie nahmen lieber an Brandschutzübungen der Freiwilligen Feuerwehr teil.

Meine Eltern und mein Bruder fuhren uns glücklicherweise oft in die Abendetablissments des Kreises und gaben mir Taxigeld, andere Eltern holten uns ab, die Routen zum Drop-Down der Freundinnen mussten klug und ökonomisch geplant werden (Stichwort Taxigeld). Außerdem durfte nicht jede in die Disko und schon gar nicht so lange sie wollten also mussten Fluchtwege erarbeitet und vorbereitet werden.

Das war auch die Chance der pickligen Jungs, die zwar völlig indiskutabel als Freund waren aber ein Auto besaßen und sich damit abgefunden hatten, die Mädels zwar nicht anfassen zu können aber sie nachts, in ihren Kleinwagen mit 180 km/h über die Landstraße, nach Hause zu fahren.

Überhaupt die männliche Dorfjugend. Stil geht anders aber handfest waren sie.

So ist der junge Mann in braunen Mokassins mit Tennissocken und Vokuhila der bisher einzige Mann, der sich traute, mich beim Knutschen hochzuheben. Ich nehme an, als Dachdecker hatte er bereits mehrmals dem Tod ins Auge geblickt.

Nach dem Abitur machen M. und ich eine Reise durch Europa und danach verschwand ich vom Land.

Ich hatte damit abgeschlossen, ich wollte studieren, die Welt sehen, in einer Stadt leben, mit gut funktionierenden öffentlichen Transportmitteln, vielen Geschäften, mit Restaurants und Clubs, am Meer oder wenigstens am Fluß gelegen, mit Museen, Konzerthallen, mit Abgasen und nicht mit dem Geruch von Gülle und Schweinehof.

Ich wollte nicht mehr große Augen bekommen, ob des schier unendlichen Angebots der großen Städte, sondern es gelassen als völlig normal annehmen.

Im dörflichen Geschichtsunterricht hatte ich gelernt “Stadtluft macht frei”. Mittelalter hin oder her, ich wollte auch in die Stadt und frei werden.

Von nun an distanzierte ich mich noch mehr vom Westrand und seinen Bewohnern.

Die Sprache erschien mir tölpelhaft, warum sollte man Lecker (gesprochen: Läkkaa) als Substantiv für Süßigkeiten verwenden?

Ganz zu schweigen vom Baustil. Spaziert man durchs Dorf findet man neben den schönen alten Backsteinhäuser vor allem zwei Baustile: Die Generation der Eltern hatte einen Fetisch für Bungalows gehabt. Diese haben in etwa den Flair einer verlassenen Ferienanlage.

Der zweite Stil war geprägt von Landhäusern aber mit Backsteinen nachgebaut. Status und Prestige werden anhand der Größe des Hauses und dem Eingangsbereich – im besten Fall mit Säulen – manifestiert.

Aktuell haben sich zwei weitere Trends entwickelt: lackierte Dachziegel meist in dunkelblau und Steingärten.

Die Steingärten sind mir das größte Rätsel. Sie haben nichts mit Zen-Gärten und japanischer Ästhetik gemein, eher scheinen sie das Resultat einer groß angelegten PR-Aktion des Verbandes deutscher Grabsteinhersteller, der Innung rheinländischer Friedhofsgärtner und dem Unternehmerverein grenznaher Buxbaumschulen zu sein.

Mitleidig schaute ich auf die Dorfbewohner, die nicht wie ich den Absprung in die große weite Welt geschafft hatten.

Klassenkameradinnen die erst ein Haus bauen, bevor sie Kinder bekommen, die nach wie vor die Haupteinkaufsstraße hochlaufen, um dort Besorgungen zu machen. Die sich in Cafés mit WMF Kaffeemaschinen mit ihren Freundinnen treffen und glauben, dass Milchkaffee mit Sirup der neuste Trend ist.

Sie und mich verband nichts außer einem freundlichen Gruß wenn wir uns auf der Straße trafen und ich unauffällig auf meinen dort geparkten SUV mit Hamburger Kennzeichen zeigte.

Nur noch selten machte ich mich auf den Weg in die alte Heimat.

Mit den Kindern änderte sich das. Ein langes Wochenende im Grenzland war oft sehr entspannt. Ich ließ die Kinder bei meinen Eltern und besuchte alte Freundinnen. Oft in Köln aber immer auch M., mit der ich trotz der Landflucht nach wie vor befreundet bin.

Der Sohn lernte Fahrrad fahren auf mit Futtermais und Kuhfladen übersäten Feldstraßen.

Die Tochter klatsche wild mit, wenn der Schützenverein und der Musikverein durch die Straßen des Dorfs prozessierten und ich stopfte mich im Frühling mit Erdbeeren und Spargel voll, zwei Lebensmittel, die woanders nie so lecker schmecken.

Eines Nachmittags riss die Kette am Fahrrad des Sohns. Ich versuchte sie wieder aufzuziehen, beschädigte dabei die Schutzabdeckung und schmierte mir das schwarze Schmieröl auf Hand, Gesicht und Kleidung.

Der Bauer von gegenüber, dessen Platt ich nie verstanden habe, kam auf uns zu und sagte etwas, das ich nicht verstand.

Der Sohn und ich folgten ihm auf den Hof und ich hoffte, dass er mir angeboten hatte, die Kette zu reparieren und nicht mit dem Traktor über das Fahrrad zu fahren.

Kurze Zeit später unterhielten der Sohn und er sich ausführlich darüber, wie man Werkzeuge am besten sortiert und aufbewahrt und reparierten das Fahrrad.

Abends saß ich mit meinem Vater und einem Glas Wein im Garten. Es roch nach Schweinestall und Gülle. Der Kirchturm hörte nicht aus zu läuten – es sollte wohl auch der Letzte mitbekommen, dass Samstagabendandacht war – es war warm und die Sonne ging langsam unter.

Mein Vater berichtete davon, dass er neulich eine köstliche Lammkeule quasi direkt bei einem feinen und wohl auch bekannten Fleischversand gekauft hätte, die meine Mutter zudem ganz hervorragend zubereitet hätte.

Als er den Namen nannte, fiel mir ein, dass mein Hamburger Lieblingsrestaurant sein Fleisch von eben jenem Gourmet Versand bezieht, dass den Sitz in meiner ländlichen Heimat hat.

Als jemand, der in den Buchstaben und Zahlen von Autokennzeichen nach Sinn und Struktur sucht, erkannte ich die Verbindung sofort als ein Zeichen. Nun konnte ich endlich akzeptieren, dass sich Stadt und Land nicht ausschließen.

Dass es keinen Sinn macht, wenn sich deutschlandweit Zugezogene im Prenzlauer Berg, in der Südstadt, auf der Schanze oder wo auch immer ihren heimatlichen Zungenschlag abgewöhnen und versuchen, städtischer als die ursprünglichsten Städter zu werden.

Oder wie der Mann es immer sagt: Du kriegst die Frau aus dem Dorf aber das Dorf nicht aus der Frau. Und das ist gut so.

Langweilt Euch doch mit Eurer Internetphobie, wir zeigen uns derweil Fotos von normalen Körpern in Oberbekleidung

In den letzten Tagen habe ich mal wieder off- und online* einige Artikel gelesen beziehungsweise mit Menschen gesprochen, die Social Networks und überhaupt das Internet derart unwissend dämonisieren, dass ich am liebsten einen Wutschrift geschrieben hätte.

Aber man kann nicht ständig um sich selbst kreisen. Am Ende lesen es ohnehin vor allem diejenigen, die meine Meinung teilen und diejenigen die es betrifft, werden es nicht einmal mitbekommen.

Also werde ich das tun, was immer schon das Klügste war: warten bis die Leichen an einem vorüberziehen (und 6 Sätze schreiben).

Liebe Journalisten, lieber Verleger und Verlagshäuser: wenn ihr unfähig seid Links zu setzen oder einfach nur unter einen Print-Artikel eine URL zu drucken, wenn ihr immernoch glaubt, dass man als Special-Project-Redakteurin eines Lifestylemagazins schreiben kann “Mir ist das (Facebook) zu stressig. Deshalb fange ich gar nicht erst damit an.”** dann werdet ihr halt irgendwann irrelevant.

Liebe Freunde mit Internetphobie: es ist wirklich schade, dass ich bei einem Glas Wein mit Euch nicht alles, was mich umtreibt, von dem ich im Internet gelesen und entdeckt habe, teilen kann. Aber ich fand Missionieren immer schon nervig. Ich bin auch kein Verkäufer. Also warte ich einfach ab, bis Ihr ein Wischandy habt und ich Euch bei der Einrichtung Eures Feedreader helfen kann.

Bis dahin freue ich mich einfach über #609060.

Nachdem mir in meinem Eintrag Mehr auf den Leib geschneidert und weniger geschneiderter Leib ein Fauxpas passierte und ich statt “Idealkörper von 90-60-90″ geschrieben habe “Idealkörper von 60-90-60″, wurde #609060 zum offiziellen Hashtag bei Instagram für Bilder von “normalen Menschen in Oberbekleidung”.

Aktuell sind 114 Fotos damit gehashtagged und ca 20 Personen fotografieren sich regelmäßig (bekleidet) kopfabwärts. Ich freu mich jeden Morgen wie blöd und offensichtlich achte ich auch mehr auf meine Gaderobe. Auf jeden Fall hat der Mann sich schon lange nicht mehr so oft positiv über mein Styling geäußert.

Und gemäß des Titels “langweilt Euch doch” habe ich heute leider keine Pointe.

*Ich habe keine Lust diese Texte zu verlinken und außerdem bin ich technisch nicht in der Lage dazu.

**Zitat von Mieke Tasch, Seite 28, Magazin flair, Erstausgabe September 2012, Artikel: “Facebook: Sind wir nun gemeinsam oder einsam?”

Funny Barbie

(die Postkarte gibt es bei Graphiquedefrance)

Vor zwei Jahren schenkte mir unser Babysitter dieser Karte (damals noch ohne störenden Text) zu meinem Geburtstag. Als wäre mir das nicht schon klar gewesen, kommentierte sie die Karte damit, dass die Frau sie sehr an mich erinnern würde.

Mich erinnerte die Karte daran, dass meine Mutter mir einmal sagte: “Du hast wirklich viel Ähnlichkeit mit Bette Midler.” Sie meinte das voller Liebe und Anerkennung, aber ich bin damals ausgerastet.

Auf der re:publica sagte mir jemand, ich sei eine Rampensau. Das fand ich in dem Kontext ziemlich amsüsant, weil ich den Eindruck habe, dass ca 99,9% der Blogger Rampensäue sind, gleichwohl ist die Feststellung korrekt. Ich stehe gern im Mittelpunkt.

Wenn man sich die Fernsehlandschaft so anschaut, dann bekommt man den Eindruck, dass es für Frauen genau 2,5 Möglichkeiten gibt, im Mittelpunkt zu stehen und bewundert zu werden:

1. Gut aussehen,
2. gut aussehen und
2,5. vielleicht auch ein bisschen schauspielern/singen/modeln können.

Neulich las ich diesen großartigen Artikel, in dem dargelegt wird, dass für viele junge Frauen das Modeln auf einer Unterwäscheshow die Krönung der gesellschaftlichen Relevanz darstellt. Nun wer wäre ich mich über sie lustig zu machen, schließlich bin ich beim Bette-Midler-Vergleich ausgerastet.

Kurz, hätte ich eine Karte mit dem Abbild von Kate Moss erhalten mit dem Hinweis, dass ich optisch ihre Schwester sein könnte, dann wäre ich auf Toilette gegangen und hätte erst einmal eine Line gezogen hätte ich mich sehr gefreut.

Da meine innere Bette Midler eine deutlich gesundere Konstitution hat – kein Wunder sie isst regelmäßig – als meine innere Kate Moss, habe ich die Postkarte genommen und sie neben meinen Schreibtisch gehängt. Man muss der Realität auch mal ins Angesicht blicken.

Neben dem völlig unrealistischen Wunsch zu schauspielern/singen/modeln hatte ich auch eine Phase, in der ich der ich den ebenfalls unrealistischen Wunsch hegte, Stand-Up-Comedian zu werden.

Als ich Mid-Anfang der 90er Jahre in Amerika lebte, hockte ich nachts konzentriert, begeistert und mit weit aufgerissenen Augen vorm Fernseher. Dort standen Menschen vor schwarzen Vorhängen auf schäbbingen Bühnen mit einem Mikrophon in der Hand. Sie erzählten großartige, spontan wirkende Geschichten mit Pointen im Sekundentakt. Und dann gab es auch noch Whose Line Is It Anyway. Für diese Improvisations-Comedy-Show habe ich mir sogar den Wecker gestellt:

Aus dem deutschen Fernsehen kannte ich nur politisches Lehrerkabarett, bierschwangere Karnevalssitzungen und Diether Krebs oder Diddi Hallervorden, deren Skteche immer eine imense Vorlaufzeit bis zur Pointe brauchten. Ich war noch nie der Typ für Vorspiel.

Spätestens an der Uni wurde mir allerdings klar, dass ich für den Beruf des Komikers nicht geeigent bin. Meine Referate hatten durchaus einen gewissen Unterhaltungswert, wenn man Piet Klocke auf Speed lustig findet und ich einen guten Tag hatte. Aber professionell trägt sich das nicht. Vielleicht hätte ich mein komödiantisches Talent auch in einem anderen Rahmen testen sollen, die (deutsche) Universität hat ja durchaus den Anspruch, Seriösität durch Ernsthaftigkeit hart zu erarbeiten.

Und ich merkte auch in anderen Bereichen, dass Humor nicht unbedingt hilfreich ist. In meiner spätpubertären Welt Mitte der 90, ohne Twitter, Blogs und Youtube, wurden selbst die größten Deppen zu lustigen Typen stilisiert. Damals war der Humor-Adelstitel: “Der möchte später Werbetexter werden.” Die Mädels liebten die witzigen Typen. Offenbar hatten wir alle schlechten Sex, so dass ein witziger Typ wenigstens unterhaltsam dabei war.

Mein Problem war, dass ich die Typen nie lustig fand. Sie waren für mich schwitzige kleine Idioten, die ihre lahmen Sex- und Drogen-Pointen rammelten und dabei möglichst cool taten. Außerdem habe ich sowas wie einen Ödipalen-Humor-Komplex.

Mein Bruder und mein Vater sind einfach unsäglich unterhaltsam. Mein Vater schafft es, sein fast Jahrhunderte altes Repertoire an anzüglichen Herrenwitzen trotz ständiger Wiederholung und mittelmäßiger Qualität immer wieder so spontan und unerwartet vorzutragen, dass es brüllend komisch ist.

Er war es auch, der dafür sorgte, dass sein Hinweis “Journelle fährt nach München zum Hysterikerkongress” ein everlasting Bonmot wurde, das jedem in der Familie und im Freundes- und Bekanntenkreis bekannt ist und bei jeder sich bietenden Gelegenheit angewendet wird.

Der Humor meines Bruders ist eine Mischung aus Lakonie, Anarchie und Brutalität und wie mein Vater liebt er die Kontinuität und Wiederholung. Jahrelang kam ich zum Frühstück und seine Hand lag auf meinem Stuhl. Also setzte ich mich drauf, er zog sie einfach nicht weg und ich versuchte mit meinem Po, seine Hand zu zerquetschen (das tägliche Training brachte mir immerhin den Spitznamen Betonarsch ein), was natürlich nie gelang. Erst wenn ich ihn hysterisch (s.o.) anschrie, nahm er die Hand weg.

Mein Vater und er warfen sich weg vor Lachen, meine Mutter schaute uns an wie eine fremde Affenart und ich zementierte meinen Ruf als Hysterikerin.

Irgendwann einmal kam ich auf die Idee, mir ein Tatoo stechen zu lassen und erzählte es begeistert meinem Bruder. Er hat sich daraufhin 15 Minuten lang derart über Tatoos lustig gemacht und sich letztlich angeboten mir mit einer Gabel ein Branding zu machen “Ist doch viel individueller”, dass ich von meinem Vorhaben Abstand nahm und nun sehr glücklich bin, kein Arschgeweih, keine Schlange am Arm oder eine Blume am Knöchel für die Ewigkeit zu haben.

Mit diesem Gepäck suchte ich also einen Partner. Die Männer, die ich nach Hause brachte waren alles sehr nett, oft kreativ und hatten vielfältige Qualitäten. Aber sie waren nur mittelwitzig. Dafür gab mein Vater ihnen Spitznamen und nutze sie auch in ihrer Anwesenheit: Schneewittchen, der Feuerwehrmann usw.

Meine Männer mochten ebenfalls viele Dinge an mir, aber mein Humor zählte nur selten dazu. In irgendeiner Sendung hat Eckart von Hirschhausen mal gesagt, dass Frauen und Männer immer sagen, dass ihnen Humor beim Partner wichtig sei. Frauen meinen damit, dass sie einen lustigen Partner wollen und Männer, dass die Frau sie witzig finden soll.

Und hier liegt mein jahrelanges doppeltes Beziehungsdilemma. Ich fand meine Freunde nicht lustig und sie litten darunter und gleichzeitig runzelten sie verwundert ihre Stirn, wenn ich einen Witz machte. Damals gewöhnte ich mir an, nach meinen Pointen laut zu lachen, quasi als Wegweiser und für den Beziehungsfrieden. Im Zweifelsfall gönnte ich ihnen, dass sie mein Lachen auf ihre Bemerkung bezogen.

Bevor der Mann in mein Leben trat teilte ich meine Bedürfnisse einfach auf. Ich hatte mit Exfreunden oder Halbbeziehungen ernsthaften Sex und abends ging ich zu einem befreundeten Päarchen. Sie kochten für mich, wir tranken viel Wein und teilten unseren Humor.

Was mir fehlte, merkte ich erst als ich den Mann kennenlernte. Ich verliebte mich vor allem in ihn, weil ich ihn unglaublich witzig fand. Sein Humor ist lakonisch, böse und basiert auf Wiederholung. Und dann sagt er abends beim Fernsehen, wenn ich zum 10.000 Mal reinquatsche: “Du bist so lustig.” Wer braucht da schon Blumen, Schmuck und teuere Autos?

Aber nicht nur beziehungstechnisch sind die Zeiten besser geworden. Dank dieses Internet-Dings kommen wir langsam an den Punkt an dem humorvolle Frauen und Unattraktivität nicht mehr Synomyme sind. Wobei ich diesbezüglich auch Anke Engelke und Barbara Schöneberger sehr dankbar bin.

Davor gab es Evelyn Hamann und Ulknudeln. Dieses Wort allein sagt doch schon alles aus. Niemand will eine Ulknudel ficken, einen Komiker indessen wohl.

Ich erinnere mich auch noch gut daran, wie eine Freundin meiner Mutter mich darauf aufmerksam machte, dass ich zu viel Grimmasieren würde. Die Quintessenz ihrer Aussage war: “Wenn Du beim Erzählen lustige Grimassen machst, bist Du unattraktiv. Frauen sollten das nicht tun.” Das waren die Momente in der die halb-verhungerte innere Kate sich bei mir meldete und voller Genugtung den Ratgeber “Feengleich durch Nulldiät” auspackte.

Wobei wir hier auch erst am Anfang sind. Würde ich parallel ein Casting für Das Alster-Model und Die Alster-Humoristin machen, würden die Beauty-Anwärterinnen wohl in Scharen eintreffen, während bei den Humoristinnen wohl nur eine Handvoll einträfen.

Trotzdem, der früher unauflösbare Widerspruch lustige Frauen und attraktive Frauen verliert sich langsam.

So empfand ich es enorm befreiend und schön auf der re:publica den Poetry Spam zu sehen. Endlich gab es eine große Session von gut aussehenden, chic gekleideten Frauen, die aber nicht für Frauen war, die keine Frauenthemen behandelte, die vor einem großen Publikum stattfand, die sehr witzig war und sich außer der guten Unterhaltung keinem großen Thema verschrieben hatte, nicht die Welt retten wollte und überhaupt einfach gut war.

Bette Midler und Kate Moss sind kein Widerspruch und ich klebe jetzt die Postkarte noch fester an die Wand.

Weitere Bloggerinnen/Twitterinnen die offenbar humorvoll und attraktiv sind (es ist nach Mitternacht, also wahrlich kein Anspruch auf Vollständigkeit):

Katjaberlin auch hier
Wondergirl
Orbisclaudiae
Phonebitch
Annelinja
Dasnuf auch hier

Re:publica 2012: Unser Speednetworking

Am 3. Mai um 11 Uhr sollte das Speednetworking von dasnuf und mir stattfinden.

Leider wurde relativ viel dafür getan, unsere Session möglichst wenig präsent zu machen.

Zum einen wurden wir dem Open Space zugeordnet. Dort war vor allem ein … Open Space.

Im Vorfeld zur Re:publica konnte uns – trotz mehrfacher Nachfrage – niemand sagen, wie der Open Space und die Raumsituation für unsere Session konkret aussehen wird. Am Donnerstag vor Ort mussten wir uns dem Motto “action” gemäß unseren Raum dann selbst erstellen, Stühle und Tische besorgen, sowie mit einem jungen Mann um die Trennwand diskutieren.

Lustig war auch, dass wir bei der Akkreditierung gebeten wurden, uns 20 Minuten vor der Session am Empfang zu melden. Wir würden dann begleitet werden. Als es soweit war, wurden wir nach oben in den Open Space geschickt. Ohne Begleitung, die hätte uns ja womöglich bei den Aufbauarbeiten helfen können.

Darüber hinaus standen wir nicht im Zeitplan. Auf die Nachfrage warum, kam nur der Hinweis, dass unsere Session nicht in die Schedule-Übersicht gestellt werden kann und wir über die verschiedenen Kanäle wie Twitter etc. ja die Leute informieren könnten, außerdem hätten wir ja eh nur Platz für 20 Teilnehmer.

So kann man einem recht erfolgreich das Gefühl geben, eine Session 2. Klasse zu halten.

Unerwähnt möchte ich allerdings nicht lassen, dass es überhaupt kein Problem war, mich ausschließlich unter Pseudonym registrieren zu lassen und mein Klarname im Zusammenhang mit der re:publica nicht in Erscheinung getreten ist.
Danke dafür.

Zur Session fanden sich dann 14 Leute ein, wobei wir nachträglich noch ein paar Anfragen abweisen mussten, weil wir bereits begonnen hatten. Die Leute hatten leider nicht mitbekommen, wann und wo die Session stattfindet (s.o.).

Unser Ziel war es ja, die Diskussion um Frauen im Netz, Frauenquoten bei Veranstaltungen dieser Art etc. mal aus dem ernsthaft-dogmatischen Kontext zu nehmen und was zu machen, das unterhaltsam das Thema aufgreift.

Für große Diskussionen im Vorfeld sorgte die Frage nach dem Rotationsprinzip. Ein nicht unerheblicher Teil der Re:publica Teilnehmer hatte schon mittwochs darüber gerätselt.

Notiz an mich selbst, bei der nächsten Veranstaltung mit technik-begeisterten Menschen einfach eine schwierige mathematische Frage vorbereiten, das bricht jedes Eis.

Dank eines Kontakts von Patricia auf google+ bekamen wir die Lösung. Wenn alle alle kennenlernen wollen, muss eine Person sitzen bleiben, alle anderen rotieren nach jeder Runde um jeweils einen Platz.

Nachdem Patricia das System auf der Flipchart aufs Unterhaltsamste vorgestellt hatte, begannen 14 netzaffine Menschen (11 Frauen, 3 Männer) zu rotieren und sich zu unterhalten.

Ich pfiff nach 1,5 Minuten zur Redehalbzeit einmal und nach 3 Minuten zweimal mit meiner Trillerpfeife und kam mir vor, wie eine lebendige Peitschen-App.

Die Tatsache, dass nach dem Pfeifen stets ein “Was, ist die Zeit schon um?” kam, zeigte uns, dass die Session-Teilnehmer sich amüsierten. Sollten wir das Speednetworking wiederholen, stellen wir dann aber auch Getränke zur Verfügung.

Sehr gefreut hat es uns auch, dass fast alle Teilnehmer danach fragten, wie und wann wir die Daten aus den Fragebögen auswerten. Das zeigte uns, dass auch die Idee hinter der Aktion für spannend befunden wurde.

Danke also nochmal an alle Teilnehmer, die bei unserer Session mitgemacht haben!

Wir werden das Speednetworking baldmöglichst nachbereiten und die Ergebnisse in unseren Blogs vorstellen, uns bei Euch per Email melden und vielleicht sehen wir uns 2013 ja auch wieder.