Ich bin diese unprofessionellen Anfragen so leid

Hallo,

Ich habe Ihre Webseite bei der Suche nach Portalen und Informationsquellen zum Thema Lifestyle gefunden und würde gerne wissen, ob Sie Gastbeiträge akzeptieren?

Wir haben ein kleines Team von Autoren und schreiben für verschiedenste Blogs und Webseiten Artikel zum Thema A. und -B. Der Beitrag wird natürlich auf Ihre Seite zugeschnitten und wir können gerne auch auf spezielle Wünsche eingehen. Der Artikel enthält einen Link zu einem C., der sich natürlich in den Kontext einfügt.

Ich denke, dass unsere Artikel gut auf Ihre Seite passen würden und ich schicke Ihnen gerne einen Beispielartikel, wenn Sie sich selbst ein Bild von unseren Beiträgen machen möchten.

Ich freue mich auf Ihre Rückmeldung und bespreche gerne alles weitere mit Ihnen.

Viele Grüße,

X.Y.

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Hallo Frau Y.,

vielen Dank für Ihre Mail und Anfrage. Leider würde ich auf meinem Blog nur dann kommerzielle Marketingtexte veröffentlichen, wenn diese sowohl hervorragend geschrieben als auch interessant für meine Leser sind.

Zudem erwähnen sie nirgendwo eine Bezahlung dafür, dass ich Texte Ihres Auftraggebers auf meinem Blog veröffentliche. Ich weiß zwar nicht, wann und wie der Eindruck entstehen konnte, dass Blogger ihr persönliches, oft langfristig aufgebautes und liebevoll gestaltetes Blog für kommerzielle Zwecke gern und kostenfrei zur Verfügung stellen, aber ich mache das nicht.

Wissen Sie, ich klebe auch nicht ohne finanziellen Ausgleich Reklamesticker auf mein Auto, auch nicht besonders hübsche oder besonders individuelle.

Wenn Sie oder Ihre Kollegen irgendwann einmal mit guten Ideen, einem guten Konzept, Transparenz, einer formal guten Mail inkl. Anrede und einer angemessenen Entlohnung an mich herantreten, stehe ich für Verhandlungen gern zur Verfügung.

Bis dahin wünsche ich Ihnen viel Erfolg mit anderen Lifestyle-Blogs und knaller Marketing-Ideen.

Herzliche Grüße
Journelle

Das zweckdienliche Mittel als Surrogat für Sicherheit

Viele Thriller haben einen Protagonisten, der im Laufe des Films ein starkes Schuld-Verantwortungsgefühl entwickelt.

Dabei fühlt sich die Figur verantwortlich für den Tod von einem oder mehreren Menschen und glaubt, dass sie die Tat durch ein anderes Verhalten oder eine anderer Entscheidung hätte verhindern können.

Diese Reaktion ist für den Zuschauer für gewöhnlich nachvollziehbar und macht die Hauptfigur nicht nur heroisch sondern verletzt-heroisch und damit noch interessanter. Außerdem wird so ein inneres Motiv konstruiert, dass den Eifer der Figur im Filmverlauf erklärt.

Das Absurde an dieser Verantwortung ist allerdings, dass die Heldenfigur eigentlich niemanden getötet oder verletzt hat, sie fühlt sich verantwortlich und damit auch schuldig ausschließlich auf Basis der Nicht-Verhinderung.

Manchmal würde ich also gern die liebevoll aufgebaute Dramaturgie des Films zerstören und den Polizei/Geheimdienst/Ermittlercharakter zum Gespräch bitten: “Wissen Sie,” würde ich sagen “die Schuld trägt der Täter. Sie sind für das Vergehen weder schuldig noch verantwortlich. Ihre Aufgabe ist es, den Täter zu finden und einem Gericht für die Schuldentscheidung zu übergeben.”

Damit wäre der Film etwas langweiliger, denn er lebt ja nunmal davon, dass die Figur Ermittler, Ankläger und Vollstrecker in Personalunion ist. Das Rechtsverständnis des James Bond widerspricht im Grunde allem was ich von einem Rechtsstaat erwarte. James Bond ist zwar sexy aber eigentliches ein Arschloch.

Damit das nicht so auffällt, sind seine Gegner noch größere Arschlöcher und damit siegt der Zweck dreckig lächelnd wieder über die Mittel.*

Was bleibt, ist ein schales Gefühl.

Denn die Motivation des zweckdienlichen Mittels ist selten Mut, sondern meist Angst. Angst vor einer Entscheidung, die keine sichere Nummer ist. Viel zu viele verweigern die Annahme von Verantwortung und werfen sie lieber wie eine heiße Kartoffel weiter bis die auf dem Boden liegt oder abgekühlt ist.

Am besten kühlt man eine heiße Kartoffel ab, indem man sie gleich in den Eisschrank packt. Danach mag sie nicht mehr schmecken und hart und kalt sein aber sie ist nicht mehr heiß.

Die Verantwortungsverweigerung und die sichere Nummer sind beste Freunde.

Und die sicherste Nummer ist für viele die totale Überwachung. Das Schlimmste daran ist aber, dass es Menschen gibt, die glauben, dass diese Form der Kontrolle anständig bleiben könnte.

Das ist so, als würde mir ein Fremder stets folgen, auch zum Kacken aufs Klo oder zum Schlafen und Vögeln ins Bett und vom Türrahmen aus immer wieder beteuern, dass all seine Beobachtungen nicht gegen mich verwendet werden, es sei denn ich plane einen Anschlag. Ich frage mich, wer da entspannt weitervögelt.**

Offenbar macht sich niemand, der per Amt oder Position verantwortlich ist, diese Gedanken.

Sie lieben indessen die Heilsversprechungen, die ihnen für die totale Kontrolle oder besser noch die voreilige Prävention gemacht werden. Denn hier können sie sich am Ende immer darauf berufen, dass sie alles in ihrer Macht Stehende getan haben, um die Sicherheit der Bürger zu garantieren.

Die wenigsten haben den Mut, die Verantwortung für einen Rechtsstaat zu übernehmen.

Eigentlich bin ich ein Freund von Prävention aber wie in diesem wunderbaren Gespräch zwischen Ranga Yogeshwar und Dietmar Dath analysiert wird, müssen wir wohl immer mehr mit einer pervertierten Form der Prävention leben.

Die voreilige Prävention sieht so aus: Anhand von Mustern wie wir sie von Amazon kennen (wer “Lost in Translation” kaufte, kaufte auch ein Wörterbuch), wird – mal ein plakatives Beispiel – nach Leuten gesucht, die sich für privaten Flugunterricht interessieren. Wenn sie dann auch noch einen Bart haben, steht schon bald ein Sonderkommando im Norwegen vor dem Haus eines Wikingers, der eigentlich nur regelmäßig mit einer Cessna von seiner Fjordinsel zum Festland fliegen wollte.

Es werden (zukünftig) also Leute festgenommen, die noch gar nichts gemacht haben und mit großer Wahrscheinlichkeit auch gar nichts tun wollten. Das ist allerdings keine Prävention, das sind Methoden eines Terrorregimes nur verpackt in einem hübschen Karton mit Schleife.

Prävention wäre nicht zu überlegen, wer als nächstes Täter werden könnte, sondern zu überlegen, warum Menschen Täter werden.

Warum gibt es ein paar Muslime, die die westliche Kultur so hassen, dass sie sie zerstören möchten? Und wie kann man mit ihnen in einen Dialog treten?

Zugegebenermaßen ist das der mühseligere und langwierigere Weg aber er ist es wert, denn dann hätten wir eine wirkliche Freiheit, die es zu verteidigen gäbe.

*Pia Ziefle hat in Überwachung praktizieren wir selbst. Jeden Tag. einige interessante Aspekte zum Thema Film/Serien und Überwachung angesprochen.

**Und bevor hier der Einwand kommt, dass so viele Menschen doch auf Twitter und Facebook vom Kacken, Schlafen und Vögeln schreiben. Es gibt einen Unterschied, ob ich mich persönlich dafür entscheide darüber zu berichten oder ob jemand anders entscheidet, wobei ich beobachtet werde und welche Schlüsse aus den Beobachtungen gezogen werden.

Danke #aufschrei

Am 24. Januar schrieb @vonhorst nachts ein paar Tweets auf, in denen sie auf kleine sexistische Momente des Alltags aufmerksam machte.

Der aufdringliche Typ, der mich Bitch nannte, nachdem ich lange mit ihm rumhing und in einer Pause von einem anderen Typ angesprochen wurde.

Inspiriert wurde dieser sicherlich durch die aktuelle Debatte um Rainer Brüderle, die Mina so vortrefflich kommentiert hat und vor allem von @ruheplus Text Normal ist das nicht!

@marthadear machte gleich mit und Schlug das Hashtag #aufschrei vor.

anne wizorek
@marthadear
@ wir sollten diese erfahrungen unter einem hashtag sammeln. ich schlage #aufschrei vor.

Seitdem wimmelt es in meiner Timeline von traurigen Anekdoten des sexistischen Alltags, von Männern, die sich auf den Schlips getreten fühlen und mit ihren Äußerungen nicht besser dafür argumentieren könnten, dass es nach wie vor ein Sexismusproblem gibt.

Diverse Texte zum Thema – Wahnsinn wie schnell manche Leute reagieren und schreiben können – wie zum Beispiel von Antje Schrupp, Happyschnitzel, die Mutti, Little Jamie, Kiki, Natalie, der Kaltmamsell. Hanhaiwen, Anne Schüssler oder auch sehr pointiert Mein später Aufschrei von Dr. Mutti folgten darauf.

Innerherhalb von ein paar Stunden wurde das Thema auch von den ‘klassischen Medien’ wie beispielsweise der Tagesschau, dem Handelsblatt oder Spiegel Online aufgegriffen und jawl richtete eine Sammelstelle auf Tumblr ein.

Lange habe ich meine Twittertimeline und die daran angrenzenden Diskussionen nicht mehr so interessiert und beeindruckt verfolgt wie heute.

Ein großes Thema war die Diskussion nach der Opferhaltung. Oder überspitzt gesagt, Frauen sind selbst Schuld, wenn sie sich nicht wehren.

Als ich 12 Jahre alt war musste ich einmal wegen eines kaputten Fahrrads zu Fuß von der Kreisstadt ins Dorf gehen. Der Weg führte durch einen Wald. Eigentlich waren viele Leute auf der Strecke unterwegs – es war Sommer – aber dennoch war ich allein, als ein Mann vom Fahrrad abstieg, sich an den Wegesrand stellte und die Hose runterzog als ich an ihm vorbei gehen musste.

Meine Mutter hatte immer allergrößten Wert darauf gelegt, dass ich schon früh begriff, dass mein Körper ausschließlich mir gehört. Außerdem war klar, dass sie mir im Zweifel immer glauben und für mich kämpfen würde, wenn ich das Gefühl hätte, dass jemand etwas mit mir tut, das ich nicht möchte oder mir unangenehm ist. Sie hatte mir erklärt, dass sich Exhibitionisten meist nur zeigen wollen und einem nichts tun. Ich bewahrte also Ruhe und ging an ihm vorbei. Dann folgte er mir, drehte mich um, und ich griff ihm in die Eier. Auch hier gilt der Dank meiner Mutter, die mit mir schnelle Grifftechniken übte und mich darin bestärkte, dass ich mich jederzeit hemmungslos verteidigen darf. Der Mann war völlig überrascht und ließ mich los. Ich drehte mich um und ging nach Hause.*

Voller Adrenalin war ich sehr stolz auf mich, ich hatte Ruhe bewahrt und mich zur Wehr gesetzt. Der positive Ausgang dieser Situation hat mein Leben in sofern beeinflusst, als dass ich keine Angst mehr hatte. Ich wusste, dass ich eine Chance habe und mich wehren kann.

Gleichwohl darf man aber nicht vergessen, dass ich eine großartige und vorausschauende Mutter habe, die den Grundstein für dieses Selbstbewusstsein gelegt hat und Glück hatte, dass es sich offenbar um keinen allzu aggressiven Sexualtäter handelte.

Sich zu wehren ist natürlich wünschenswert und häufig zielführend aber das kann nicht die Antwort auf das Fehlverhalten anderer sein. Zu schnell geht das in die Argumentationsschiene der Waffenlobby. Wenn jeder eine Waffe hat, dann passieren auch keine Amokläufe mehr.

Gute Erziehung, Training, Selbstbewusstsein ist toll aber die Ursachen liegen woanders und da sollte auch angesetzt werden.

Zumal viele der getwittereten Anekdoten sozusagen zum “Minisexismus” zählen. Dieser ist einfach nicht greifbar und darauf angesprochen, können die Verursacher das auch wunderbar runterspielen. Gegenwehr fürht hier auch häufig zu Verspottung, womit wir dann wieder bei #aufschrei wären.

Ein weiterer Aspekt der mir auffiel, war der stete Hinweis – kommt gern von Männern – dass Frauen sich zuweilen auch sexistisch benehmen. Ich bin mir sicher, dass 10 Männer zusammen innerhalb eines Jahres weniger sexistische Erlebnisse hatten als ich im gleichen Zeitraum.

Männern mögen es auch schwer im Leben haben, aber laut rumzukrakehlen, sie würden auch ständig objektifiziert und Opfer anzüglicher Bemerkungen und Handlungen ist lächerlich.

Und ja, ich schaue mir gern hübsche Männerärsche an und erfreue mich an großen Männern mit breiten Schultern und langen Beinen aber ich fasse ihnen nicht auf den Po und in den Schritt. Ich bitte sie nicht, über ihre Brusthaare streicheln zu dürfen. Selbst besoffen habe ich mich so gut im Griff, dass ich nicht meinen Unterleib beim Tanzen an Männern reiben muss.

Anatol Stefanowitsch twitterte

Anatol Stefanowitsch
@astefanowitsch
Und wir Männer fragen uns bitte, wie oft wir selbst schon Anlass für einen #Aufschrei waren.
und so sehr ich diesen Tweet mag, umso mehr glaube ich eben auch, dass sich die Majorität der Männer nicht sexistisch benehmen. Vielmehr gibt es einfach ein paar Idioten, die den gesellschaftlich tolerierten Sexismus nutzen. Sexismus ist ein Kavaliersdelikt wie Steuerhinterziehung. Nur die wenigsten müssen Repressalien fürchten, wenn sie einer Frau an den Po fassen oder im Club mit biergeschwängerten Atem behaupten, man wolle es doch auch. Selbst nach einer Abfuhr oder einem dummen Spruch von Seiten der Frau werden sie beklatscht von ihren Kumpels und manchmal auch von den Mädels, die noch rumstehen.

Sexismus doof zu finden, ist in etwa so populär, wie sich auf Twitter als Katzenhasser zu outen. Die relativ wenigen, die sich schlecht benehmen, werden gebilligt und bestätigt mit dem Resultat, dass ihr schlechtes Bild auf die gesamte männliche Population projeziert wird. Und damit ist keinem geholfen.

Gleichzeitig wirft das Verhalten einiger die Frage auf, wie sich denn nun Frauen zu nähern sei. Ich selbst habe mich oft bei den Debatten um Political Correctness gefragt, wo am Ende der Spaß an Ironie, Sarkasmus, bösem Witz, Flirterei, Gewitzel bleiben soll, wenn man jedes Wort im eigenen Mund umdrehen muss.

Neulich ging ich die Straße entlang. Mir kam ein Mann entgegen, der mich freundlich anlächelte und als ich an ihm vorbei ging sagte er: “Sie sind sehr hübsch.” Mich hat das sehr gefreut und ich habe zurückgelächtelt. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass es viele Leute gibt, denen die Situation unangenehm gewesen und das Verhalten unangemessen erschienen wäre. So etwas zu ächten oder zu verbieten würde allerdings zu nichts – außer einer allgemeinen Tristesse – führen. Die für mich einzigst richtige Weg wäre im Grunde Toleranz und Respekt von beiden Seiten.

Wenn ich den Eindruck habe, mit meinem Verhalten andere in Verlegenheit zu bringen – und sei es mir noch so unverständlich – liegt es doch nur nahe, dass ich a) damit aufhöre und b) mich ggf. entschuldige und die Entschuldigung hoffentlich angenommen wird. Damit ist der Situation der Wind aus den Segeln genommen.

Und zu guter Letzt gibt es natürlich auch noch die Mythen der Geschlechter. Mit voller Wucht spülten sie sich heute in meine Timeline. Es war die Sprache von richtigen Männern, als ob es falsche gäbe, und damit impliziet von einem Regelwerk wie sich Männer beziehungweise auch richtige Frauen zu verhalten haben.

Diese Orientierung an Regelwerken fürs geschlechteradäquate Verhalten halte ich für eine der Wurzeln für Sexismus. Es gelten nämlich immer noch unterschiedliche Regeln.

Amanda Todds Mobbinggeschichte beginnt mit einem Bild ihrer nackten Brüsten. Bisher kenne ich keine Geschichten von heterosexuellen Männern, deren Penisbilder zu einem Selbstmord führten. Im Gegenteil, Schwanzbilder werden häufig auch unaufgefordert verschickt. Die Frage ist, warum können Brustbilder eine weibliche Existenz zerstören, Schwanzbilder aber nicht?

Warum prahlen Frauen selbst im Freundinnenkreis kaum von ihren Bettgeschichten, für Männer gehört es indessen zum guten Ton? Warum werden nach wie nur Frauen im Bewerbungsgespräch nach ihren Familienplänen gefragt, Männer aber so gut wie nie? Warum wird Spielzeug, dass Jahrzehnte geschlechtsneutral funktionierte, auf einmal geschlechtsspezifisch?

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Frauen und Männern aber das Regelwerk der Geschlechter, in dem wir immer noch verharren, geht weit darüber hinaus. Mit dem Resultat, dass es wirklich Menschen gibt, die glauben, dass eine Frau “Ja” meint, wenn sie “Nein” sagt. Womöglich ist das in der Menschheitsgeschichte schon einmal vorgekommen aber vor 2.000 Jahren gab es auch mal jemand der über Wasser gehen konnte, seitdem hat das allerdings niemand mehr geschafft.

Oder der Verweis auf die männliche Triebhaftigkeit. Abgesehen davon, dass meiner Erfahrung nach die Triefhaftigkeit nichts mit dem Geschlecht, sondern geschlechtsneutral indidviduell ist, ist das doch keine Rechtfertigung. Wenn ich mich nicht im Griff habe, handelt es sich nicht um das genetisches Erbe, sondern um ein Armutszeugnis. Penisse müssen nicht aus der Hose genommen werden, keine Hand muss auf einer großen, hübschen Brust landen, Pos in gut sitzenden Hosen müssen nicht anzüglich kommentiert werden.

Ebenfalls nicht totzukriegen ist der anscheinden krampfhafte Mechnismus Frauen, die keinen Beifall beim dritten Herrenwitz spenden, als häßliche, sexuelle verklemmte und beziehungsunwillige Männerhasserinnen darzustellen, die nur durch einen guten Fick wieder in die Spur zu bringen sind. Eine Argumentationslinie, die noch unter jedem Hitler-Vergleich angesiedelt ist.

Wie dem auch sei, Dank #aufschrei bzw. international #outcry ist endlich mal auf den Tisch gekommen, was zu sagen war. Und als nächsten kommt dann hoffentlich bald ein sexismusarmes Zusammenleben. Im Grunde ist es einfach:
entschuldigen, wenn man das Gefühl hat, eine Grenze überschritten zu haben, ein “Nein” für ein “Nein” nehmen und einfach mal nicht anfassen.

Update: Meike Lobo hat in ihrem Text Das Schreien der Lämmer einige Punkte aufgeworfen, die stark diskutiert werden. Sehr zu empfehlen sind hierzu beispielsweise die Blogeinträge von Sue und dem Haltungsturner.

Frau Meike stellt sich die Frage, ob sich Frauen durch das #aufschrei-Mem zu hilflosen Lämmern stilisieren, ob man bei der Diskussion nicht noch mehr zwischen Sexismus und sexuellen Übergriffen unterscheiden muss, ob das was als Sexismus verstanden wird, nicht eher aus einer unglücklichen Kommunikation resultierte (und vom Sender gar nicht so gemeint war) und ob Frauen nicht einfach mal ihre Opferhaltung aufgeben und sich wehren statt beschweren sollen. Auch Sibylle Berg legt in Frauen, wehrt Euch den Fokus auf eine wehrhaftes Verhalten der Frauen als Reaktion auf sexistische Situationen.

So sehr ich der Meinung bin, dass Frauen sich unbedingt wehren sollen, finde ich, dass das Mem eine ganz andere Aufgabe hat. Es zeigt den alltäglichen – subjektiv empfundenen – Sexismus sehr vieler Frauen auf und in der Masse wird deutlich, dass es ein Problem gibt, das bisher immer runtergespielt wurde.

Die beiden Texte relativieren das Mem, wie Äußerungen von Wissenschaftlern die sagen, dass es das Ozonloch gibt, es aber eigentlich ganz klein ist. Daraus ziehen viele den gemütlichen Schluss, dass man dann auch weitermachen kann wie bisher, viele Kommentare auf Twitter und unter den Texten bestätigen das.

Eine gute Kommunikation setzt – meiner Meinung nach – in einem ersten Schritt voraus, dass auf das Grundproblem hingewiesen wird. Eine konstruktive Kommunikation zwischen allen Beteiligten – und da sind Meike und ich wieder im gleichen Boot – sollte unbedingt folgen und ist im Grunde auch der einzige Weg für ein angenehmes Miteinander. Vorwürfe, Relativierung, Gesetze, Verunsicherung, Bagatellisierung und gegenseitiges Schuldzuschieben haben bei der Lösung des Problems nichts zu suchen.

Patricia Cammarata hat auch Keine Lösung, aber viele Fragen aber fügt der Debatte noch einige spannende Aspekte hinzu.

Daniela Warndorf, die in Frau Meikes Text zitiert wurde, geht in Wir sind keine Lämmer ausführlich auf ihr Zitat im Detail und die Sexisumus-Debatte allgemein ein.

*Die Geschichte endete wie folgt: Der Mann hatte an dem Tag noch mehr Mädchen aus meinem Dorf belästigt. Wir erstatteten alle Anzeige. Einige Tage später war ich mit einer Freundin unterwegs. Wir sahen zufällig den Mann in der Nähe des “Tatorts” und riefen die Polizei. Er wurde festgenommen und einge Monate später war die Verhandlung. Ich musste als einziges “Opfer” aussagen. Laut meiner Mutter schaute er mich dabei die ganze Zeit völlig verstört und verängstigt an. Das Strafmaß belief sich auf 3 Monate auf Bewährung, weil er Ersttäter war und an dem Tag wohl seinen Job verloren hatte.

Offener Brief ähm Rant

Liebe Kitakläger, Hospizverweigerer, Wohnprojektverhinderer und überhaupt Freunde und Anhänger des aseptischen Lebensumfelds,

ich möchte Ihnen hier mit meine umfassende Verachtung mitteilen und Sie darauf hinweisen, dass Ihr Karmakonto wohl den Tiefstand des Marianengrabens erreicht hat.

Vor ein paar Jahren haben ein paar von Ihnen versucht, die Kita meiner Kinder wegzuklagen, derzeit stören sich ein paar andere aus Ihrem Team an Kinderlärm und Sandstaubentwicklung in St. Georg.

Vor einiger Zeit hatten sie Angst vor einem Wohnprojekt für Kinder mit biografischen Belastungen. Warum sollte man ein Projekt starten, um Kinder und Jugendliche zu helfen? Wenn sie später auffällig und gewalttätig werden, kann man sie doch ganz einfach wegsperren, aber bitte irgendwo auf eine Insel in der Nordsee.

Ganz zu schweigen davon, dass ein Hospiz einfach nicht ins Wohngebiet gehört. Das verstehe ich, was sucht der Tod schon im urbanen Raum. Der kann schön raus ins Industriegebiet.

Das alles sind nur ein paar Fälle von vielen in Hamburg, deutschlandweit werden es wohl noch Tausende mehr sein.

Manchmal frage ich mich, wieso meine Kinder auf komische Ideen kommen.
Zum Beispiel, wenn sie ihr Bett mit Paniniaufklebern von der WM 2010 bekleben möchten, wenn sie anscheinend motivationslos einfach anfangen, um die Wette zu schreien oder sich gegenseitig so lange schupsen, bis einer weint.

Ich finde ihr Verhalten dann nervig bis saublöd, aber dann erinnere ich mich, dass ich manchmal auch das Bedürfnis habe, Menschen einfach eine Ohrfeige oder einen ordentlichen Schlag in dem Nacken zu verpassen.

Und da kommen Sie wieder ins Spiel. Das würde ich nämlich gern bei Ihnen machen.

Glücklicherweise funktionierten meine Regulationsmechanismen oft besser als die meiner Kinder und wenn ich doch mal laut werde, dann schäme ich mich nachher und entschuldige mich.

Also schlage ich Sie nicht, auch wenn ich genau dieses Bedürfnis in mir fühle, wenn ich von Ihnen lese.

Offensichtlich haben Sie keine Regulationsmechanismen. Ihnen gefällt der Lärm von Kindern nicht.

Warum eigentlich? Sie müssen den Streit doch gar nicht schlichten, keine kleinen Wunden verarzten, keine Kinder auf Schaukeln heben oder die vollgekackte Windel wechseln. Sie können ganz entspannt zusehen wie kleine Menschen aufwachsen. Im Zoo müssten Sie dafür viel Geld bezahlen und die Tiere sind oft lauter und geruchsstärker.

Aber zurück zu Ihren Regulationsmechanismen. Sie mögen den Lärm nicht und ihre Fenster werden von dem Staub dreckig – haben sie eigentlich auch schon die Bäume verklagt, die ihr Auto mit klebrigen Harz volltropfen? – und anstatt sich mal gehörig zu ärgern, es dann aber als gegeben hinzunehmen und sich lieber zu fragen, was das Leben aus Ihnen gemacht hat, dass Sie von Kinderlärm genervt sind (und nicht von Ihrem Chef, Ihrem Partner, der Supermarktkasse, den vielen Baustellen, den Touristen im Viertel, der Ampelschaltung, um mal das Störungsspektrum zu erweitern) verklagen Sie eine Kita?

Sie nutzen Ihre kostbare Zeit und Ihr Geld, um einen Anwalt aufzusuchen, damit dieser eine Kita für Sie verklagt? Sie möchten Zeit in einem Gerichtssaal verbringen, damit Kinder zukünftig am besten neben einem Hafenterminal betreut werden?

Gestatten sie mir die Frage, fühlen Sie sich dabei nicht ein wenig armselig?

Ihnen fehlt offenbar genau die Fähigkeit, die Sie bei Jugendlichen, die wahllos Menschen in der Ubahn zusammenschlagen, so empörend finden.

Sie können Ihren ersten Impuls nicht unterdrücken. Kinder laut, Jugendliche böse, Totgeweihte eklig, Behinderte verstörend, Ihnen gefällt das nicht.

Eine reifer, erwachsener Menschen würde sich überlegen, ob die Empörung, der Ärger und die Angst gerechtfertigt sind und dann in 99% der Fälle feststellen, dass man gerade überreagiert hat und es dabei belassen.

Sie aber können sich nicht selbst in Schach halten, Sie klagen alles, was nicht in ihr Weltbild passt, weg.

Und traurigerweise sind Sie womöglich auch noch stolz darauf. So können Sie es den Kindern, den Behörden und überhaupt allen geben und zeigen. Sie Hecht Sie!

Eine weitere Frage stellt sich mir. Warum leben sie in der Stadt? Der kulturellen Vielfalt wegen? Damit Sie am Wochenende ins Museum, in ein gutes Restaurant, ins Theater und anschließend in eine Bar gehen können? Das alles befindet sich für Sie fußläufig oder zumindest nur ein paar Ubahn-Stationen entfernt.

Weil Sie dort alles auf kleinem Raum finden, was Sie brauchen? Ihren Obstspezialisten, den orthopädischen Fachhandel, den Hauptbahnhof, das Krankenhaus und den Antiquitätenhandel?

Die Vielfalt einer Stadt ist ihr Kapital, das sehen Sie genauso, wenn es um Ihre Interessen geht.

Aber Vielfalt ist eben nicht nur das was Sie mögen, sondern Vielfalt bedeutet auch Menschen die anders sind als Sie, die andere Bedürfnisse haben als Sie. Klingt komisch, ist aber so.

Die Vielfalt der alten Menschen mit Rolatoren in meinem Edeka zum Beispiel nervt mich zuweilen. Sie versperren alles, sie sind langsam, nehmen das Fachpersonal so lange in Anspruch, dass ich selbst nach Arganöl suchen muss und zählen ihr Geld an der Kasse langsam und bedächtig ab.

Aber sie gehören dazu. Wer das Eine will muss das Andere mögen. Und deshalb rege ich mich an guten Tagen nicht auf, sondern helfe den Damen und Herren, ihre Einkäufe in die Tüte zu packen. So bin ich schneller dran und die Herrschaften bedanken sich für die Hilfe.

Verrückt, wie einfach friedliche Koexistenz manchmal sein kann, nicht wahr?

Mir wäre es auch unangenehm, wenn ich feststellen müsste, dass ich mich selbst nicht kontrollieren kann und wenn mir von einem
Moment auf den anderen klar wird, dass Medaillen meist zwei Seiten haben.

Aber wissen Sie, wir vergessen das Ganze einfach. Es geht schließlich um respektvolles Miteinander. Ich muss Sie ertragen und Sie mich.

Also verliere ich kein Wort mehr darüber wenn Sie die Klage zurückziehen, sich alle paar Monate einen Fensterputzer bestellen, um die Sandverwehungen zu entfernen und im Privaten gern weiter bestimmte Menschengruppen doof finden.

Man muss nicht alle und alles mögen, aber als Teil einer Gruppe – die Bevölkerung einer Stadt, eines Dorfes usw. – muss man sich arrangieren, nicht klagen.

Genauso wie Sie im Winter eben auch eine dicke Jacke tragen, statt den Wetterbericht vor Gericht zu zerren.

Wenn sie sich partout nicht damit anfreunden können, dass die Welt anders ist als Sie sich nachts in ihrem warmen, ruhigen Bett erträumen, sehe ich nur eine einzige Lösung: kaufen Sie sich auf dem Land ein Grundstück – bitte nicht im Dorf, da gibt es auch eine Gemeinschaft, mit der Sie zurecht kommen müssten – bauen Sie darauf ein Haus und umfassen dieses mit einem Stacheldrahtzaun, einer Mauer und kontrollieren von Ihrer Schaltzentrale im Panic Room Ihr Anwesen. Seien Sie eine kleine, triste und einsame Insel.

Klingt ziemlich bekloppt?

Hm, ziehen Sie einfach die Klage zurück.