Welche Blogs ich lese und warum: Haben auch Kinder

Muttiblogs haben in etwa den Coolness-Status einer Dauerwelle. Und zugegebnermaßen bin ich auch kein großer Freund der klassischen Muttiblogs. Maßgeblich liegt das wohl an meiner Abneigung für Kosenamen, vor allem in geschriebener Form.

Die Zugriffszahlen einiger Muttiblogs (Mama Miez’Blog zum Beispiel) sind allerdings ausgesprochen beeindruckend. Außerdem glaube ich, dass mehr Menschen/Frauen/Mütter durch Muttiblogs einen Zugang in die Blogosphäre finden, als durch die klassischen medien- und computeraffinen A-Blogs.

Mein Dilemma – einerseits als Mutter gern auch Blogeinträge rund um Kinderkacke, Trotzanfälle während der Weihnachtsmesse und Luftröhrenschnitte wegen verschluckter Legomännchen zu lesen und andererseits Blogs zu mögen, die einen ironisch-distanzierten Blick auf ihre Umwelt haben, die toll geschrieben und polythematisch sind – konnte ich glücklicherweise lösen:

Das Nuf las ich schon, als sie noch mit Hausstaub experimentierte. Und ja, ich bin ein Nuf-Fan, ich finde fast alles beklatschenswert was sie schreibt. Und dass sie Kinder im Alter meiner Kinder hat und darüber bloggt, ist ein glücklicher Zufall.

Die fröhlich absurde Darstellung von völlig harmlos wirkenden Alltagsgegenständen, wie zum Beispiel einer Whirlwanne, oder harmloser Themen, wie z.B. Katzen im Internet, kenne ich so nur vom Nuf.

Das Nuf beweist, dass der Alltag (mit Kindern) genauso spannend und aufregend ist, wie die Besteigung des Mount Everest oder die Überquerung des Atlantiks auf einem Drahtseil. Artikel über Kinderernährung oder ein Bericht über einen Familienausflug aufs Land würden ich beim Nuf auch lesen, wenn ich Kinder nicht leiden könnte.

Genauso wie sie die Tiefsinnigkeit des Alltags herausfiltert, kann sie im Tiefsinnigen auch das Alltägliche herauskitzeln und schreibt wunderschön über Glück oder über ihre schwere Internetsucht.

Die Tatsache, dass das Nuf dieses Jahr als Jurorin bei den BOBs ausgewählt wurde, ließ mich spontan eine Champagnerflasche öffnen (zugegebenermaßen bin ich stets dankbar für Gründe, dies zu tun).

Die Herzdamengeschichten von Maximilian Buddenbohm verfolge ich fast genauso lange wie das Nuf und auch seine Kinder sind ähnlich alt wie meine.

Bei Maximilian Buddenbohm bin ich immer wieder von der unglaublich hohen Qualität der Blogeinträge überrascht. Die Heterogenität der Blogosphäre macht in der Tat einen großen Reiz aus, sie führt aber auch öfter dazu, dass Menschen bloggen, deren Schreibstil nicht unbedingt schriftstellerisches Niveau hat (das ist keine Klage, sondern eine neutrale Feststellung).

Offenbar war ich nicht die Einzige, die das immer schon sehr beeindruckt hat, denn Herr Buddenbohm hat mittlerweile 4 Bücher geschrieben und veröffentlicht. (Und ich frage mich ständig etwas neidisch, wie viel Disziplin und wie wenige Schlaf man braucht, um das Pensum der Familie Buddenbohm durchzuziehen, naja anscheinend braucht es vor allem viel Empathie.)

Bei den vielen im Blog wiedergegebenen Dialogen mit der Herzdame beziehungsweise mit seinen Söhnen gehe ich davon aus, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis er auch Drehbücher schreibt.

Außerdem kenne ich kaum jemanden, der den lakonischen Pathos so perfektioniert hat wie er. Dafür nehme ich mir selbst in der Hektik des Alltags Zeit, um verhältnismäßig lange Blogeinträge zu lesen, wie diesen über das Mantelmännchen.

Dann lese ich regelmäßig noch das Blog von MckMama. Vieles in diesem Blog entspricht nicht meinen religösen oder politischen Vorstellungen, ich habe für mich festgelgt, keine Bilder der Gesichter meiner Kinder online zu stellen und kann mir Homeschooling unter keinen Umständen vorstellen.

Ich lese sie trotzdem sehr gern, denn für mich resultiert die Begeisterung fürs Internet daraus, dass ich Zugang zu Welten bekomme, die nicht unbedingt viel mit meiner eigenen Lebenswelt gemein haben, gleichwohl aber sehr spannend sind.

MckMama hat fünf Kinder und erlebt mit Ihrer Familie in einem Jahr mehr als ich in den letzten 15 Jahren meines Lebens. Sie missioniert in Afrika, reist mit ihrer Familie im Wohnmobil quer durch Amerika, lebt von Fotokursen und großangelegten Familienfotoshooting, kocht gern, bewohnte mit ihrer Familie eine zeitlang eine Farm und unterrichtete ihre großen Kinder anfangs zu Hause.

Das Ausmaß der Dramen ist nicht weniger groß, seitdem ich sie lese, hatten sie oder die Kinder diverse Krankheiten, ein Sohn litt an einem schlimmen Herzproblem und vor kurzer Zeit haben sie und ihr Mann sich getrennt.

Oft klingt vieles für mich zu dramatisch, zu gut, zu unglaublich oder einfach zu viel. Aber ich habe mich dazu entschieden, das Blog zu genießen wie eine Serie. Eine Serie bei ich mitfiebern kann, bei der ich mich zuweilen in die Hauptdarstellerin einfühlen kann, bei der ich zum Beispiel etwas über Großeinkäufe mit 5 Kindern im Schlepptau lerne und bei der ich mich nicht selten sehr amüsiere.

Weiter geht es dann in ein, zwei, drei Tagen, Wochen oder Monaten mit der nächsten Kategorie “Stil”.

Sammelmappe Köln

Statt eines langen Textes über mein Karnevals-Wochenende ohne Mann und Kinder in Köln, lieber ein paar instagram Fotos und Long-Tweets. Irgendwie trifft es das besser.

Es ist absurd, dass die ganzen Kölner Karnevals Lieder von ‘sonschingk’ (Sonnenschein) singen. In Köln ist es relativ warm (zum Beispiel im Gegensatz zu Hamburg oder Berlin) aber es scheint selten die Sonne und wenn, ist es ein matter Schein, nicht diese klare, kühle Sonne, die ich aus Hamburg kenne.

Köln ist so schmuddelig. Wahrscheinlich muss man das für die fröhliche Anarchie in Kauf nehmen.

Apropos Anarchie: ich wurde Zeugin wie eine Mutter eilig mit ihrer kleinen Tochter eine rote Ampel überquerte. Bei rot! Mit einem kleinen Kind!

Nach 6,5 Jahren in Hamburg hat mich fast der Schlag getroffen. Beinahe hätte ich mich vor Mutter und Tochter geworfen. Ferner habe ich darüber nachgedacht, hinter ihnen herzulaufen und ihnen eine Standpauke über korrektes Verhalten bei Ampelübergängen zu halten.

Ich habe mich stattdessen angepasst und bin direkt bei rot hinterher.

Das Hotel im Wasserturm hat mir gut gefallen, sehr unaufgeregt luxuriös. Gut, der zweite Fahrstuhl hätte schon funktionieren können.

Obwohl ich allein reisend war, hat man mir beim Frühstück immer einen schönen Platz angeboten. Und dann habe ich einem jungen, attraktiven Russen, der mir gegenüber saß, gezeigt, wie viel eine einzige Frau zum Frühstück essen kann.

Frühstück 1. Teil

Frühstück 2. Teil (man beachte den Bacon auf Ananas)

Frühstück 3. Teil

Die Freiheit meinen Tag selbst gestalten zu können war sehr befremdlich und führte dazu, dass ich gleichzeitig versuchte fern zu sehen, Musik zu hören, die Geo Epoche zu lesen, zu twittern und meine Nägel zu feilen. Das Resultat war eine völlige Überdrehtheit, der ich mit Schwimmbadbesuchen Einhalt gewähren wollte.

Bahnenschwimmen im Agrippa-Bad. Während ich mich beim Laufen fast zu Tode langweile, stört mich die Monotonie beim schwimmen überhaupt nicht. Es scheint mich geradezu zu beruhigen meinen Kopf unter Wasser zu tauchen.

Kaum war ich aufgetaucht, blickte ich zu einem älteren Herren mit einem hautfarbenen Stringtanga. Kein ästehtisches Highlight aber immerhin ein Beweis für ein sehr hohes Maß an Toleranz selbst in öffentlichen Kölner Schwimmbädern. Naja, und in der Sauna, die ich anschließend besuchte, konnte mich dann auch nichts mehr schockieren.

Um zu verhindern, dass ich mich an zuviel Schlaf gewöhne, weckten mich in meiner ersten Nacht die Idioten unter meinem Zimmer indem sie um 5 Uhr – wohl nach ihrer Rückkehr von einer Party – an ihre eigenen Fensterscheiben schlugen. Einer von den Herren hatte wohl wieder leere Flaschen auf den Balkon gestellt und seine Kumpels fanden es witzig ihn auszuschließen.

Die Schildergasse – in der ich mir sehr bunte T-Shirts kaufte, die in Hamburg sicher noch hohe Wellen schlagen werden – ist ein Prachtbeispiel dafür, dass Köln kein städtebauliches Kleinod ist, egal ob mit oder ohne Kostüm.

Aber man verknallt sich ja auch nicht immer in den schönsten, klügsten, und witzigsten Typen, sondern in den Typen, den man selbst am schönsten, klügsten und witzigsten findet.

Es gab sehr gute und schöne Gründe, weshalb aus mir und Köln nichts wurde und wahrscheinlich haben wir auch nicht so gut zusammen gepasst aber wenn ich da bin, werde ich nostalgisch und mir schießen selbst beim Anblick der Stadtbibliothek Tränen in die Augen.

Übrigens hat mich Köln auch immer sehr gemocht. Hamburg gibt mir oft das Gefühl zu laut und vulgär zu sein und flirtet nur bedingt mit mir, aber Köln kommt auf mich zu und sagt: Komm bei misch bei Mädsche!

Apropos laut und vulgär. Ja, auf einer Karnevalsparty tragen Menschen mehr oder weniger peinliche Kostüme, Alkohol – falls man das wässrige Kölsch als Alkohol bezeichnen kann – ist im Spiel, es wird geflirtet, man tanzt ausgelassen zu Mundartschlagern (Kölsches Liedgut) und feiert extatisch ein idealisiertes Lebensgefühl.

Das macht Spaß, tut keinem weh und am Aschermittwoch ist alles vorbei. Für mich sind das überzeugende Partyargumente.

Beeindruckt hat mich meine Selbstreferentialität. Mit 33 Tweets habe ich mein Quartalssoll an einem Wochenende erfüllt. Bei Instagram habe ich ständig Fotos von mir vor und nach dem Essen, vor und nach der Party eingestellt und auch sonst alles fotografiert, was sich mir vor die Linse drängte. Ich habe über tausend Blogtexte nachgedacht, aber keinen Gedanken wirklich zuende geführt. Auch wenn es auch mal wieder Spaß machte, ist dieses Schmoren im eigenen Saft auch sehr anstrengend und wenig produktiv.

Als ich wieder zu Hause war und mit dem Mann auf dem Sofa lag, war es ein schönes Gefühl wieder eine direkte Interaktion mit jemandem vertautem zu haben und zu merken, dass der Mann an genau den gleichen Stellen auflacht wie ich und sei es nur, weil eine Tabelle im Fernsehen absurd aussieht.

Man soll gehen, wenn es am schönsten ist und das habe ich Sonntag Mittag dann auch gemacht. Nicht ohne vorher ein Olchi-Furzkissen und ein Hello-Kitty-Telefon für die Kinder zu kaufen. Etwas Niveau musste an diesem Wochenende schließlich sein.

Aus der Norm wurde noch kein Held geboren

Helden in Computerspielen, Filmen oder Serien haben immer besondere Stärken aber auch spezielle Schwächen. Früher habe ich mich immer gefragt, warum es keinen Superhelden ohne Schwächen gibt.

Mal abgesehen davon, dass das Spiel wohl ziemlich langweilig würde, ist es einfach nicht realistisch. Wer das eine will, muss das andere mögen.

Ich kann beispielsweise in einer unglaublichen Geschwindigkeit abspülen. Dabei gehen zwar ein paar Teller kaputt oder werden nicht lupenrein sauber, aber im Zweifelsfall steigt man auf Plastik um und so ein kleiner Restkaffeerand hat noch niemandem geschadet.

In jedem Fall halte ich mich nicht lange mit dem Spülen auf und habe schnell Zeit mich andern Leidenschaften zu widmen, wie zum Beispiel dem Wäsche waschen.

Dieses Talent, das es mir ermöglicht, in Lichtgeschwindigkeit Hausarbeiten zu erledigen, hält mich auf der anderen Seite davon ab, irgendwo auf der Welt Bomben zu entschärfen. Ich würde mit meiner Husch-Husch-Mentalität sowohl doppelt so viele Bomben entschärfen als auch zehn Mal so viele Menschen versehentlich töten wie ein Koryphäe auf diesem Gebiet.

Es hat lange gebraucht, zu verstehen und einzusehen, dass ich für bestimmte Dinge nicht geeignet bin. Auf dem Weg zu dieser Erkenntnis habe ich viele Stunden meines Lebens in Yoga-Kursen vergeudet, von denen ich mir erhoffte, dass ich dort meine innere Ruhe finde und endlich die Fähigkeit erlerne, Dinge langsam zu tun.

Aber es gibt keine innere Ruhe für mich. Ich hasse Langsamkeit, Stillstand und Langeweile. Da können mir noch so viele Menschen von inspirirenden und lebensverändernden Aufenthalten in süddeutschen Schweigeklöstern, Tibet oder Indien erzählen.

Ich bin glücklich, wenn möglichst viele Reize um mich herum sind. Das ändert nichts daran, dass ich ruhige und ausgeglichene Personen sehr bewundere. Aber ich werde sie niemals nachahmen können. Und das ist auch gut so, denn es kommt ja nicht darauf an, dass jeder das Gleiche kann, sondern, dass jeder ein Talent oder eine Fähigkeit hat, die er mehr oder weniger für sich und/oder die Gemeinschaft nutzen kann.

Das Tragische ist, dass Abweichungen von der Norm immer weniger gewünscht sind.

In der Bunten gibt es eine Rubrik ‘Auf der Bunte-Waage’. Darin werden sowohl die Personen – meist Frauen – gebashed, die zu viel zugenommen haben, als auch die, die angeblich zu dünn sind. Es gibt nur eine ganz schmale Linie der für gut befundenen Figuren.

Genauso verhält es sich bei den Wunschcharakteren. Eltern werden panisch, sobald ihr Kind zu wild oder zu zurückhaltend ist. Alles wird gleich pathologisiert und tragischerweise gern vermeintlich einfach durch Medikamente gelöst.

Ich kenne die Ängste sehr gut und könnte gleichwohl oder gerade deshalb ohne Ende kotzen.

Mir geht es nicht darum, Ritalin zu verteufeln, ich denke, es hilft tatsächlich vielen Menschen. Ich finde es vielmehr beängstigend, wie viele Menschen glauben, dass ihre Lebhaftigkeit oder die Lebhaftigkeit ihrer Kinder ein Problem ist (man kann Lebhaftigkeit übrigens genauso gut durch Versponnenheit, Schüchternheit, Introvertiertheit, Wildheit, oder Ängstlichkeit ersetzen).

Ich habe das Gefühl, dass in unserer demokratischen und liberalen Gesellschaft eine unglaubliche Angst vor der Abweichung von der Norm besteht, die mit einem vorauseilenden Gehorsam einhergeht. Wer alles darf, muss sich wohl selbst rigorose Grenzen setzen.

Eine Norm im Übrigen, die nie richtig definiert wurde, aber irgendwo zwischen, nicht zu laut und nicht zu leise und bitte intelligent aber unter keinen Umständen aufmüpfig, liegt.

Das Absurde daran ist, dass die Abweichung von der Norm in der Menschheitsentwicklung immer von unglaublichem Wert war. Das fängt bei der Evolution an und zieht sich durch bis zu alle großen Veränderungen in der Menschheitsgeschichte.

Also anstatt eigenwilliges Verhalten in Krankheitsbilder einzusortieren und panisch vom Ende der Disziplin/des Abendlandes/der Zivilisation zu sprechen, ist es für alle Beteiligten sicherlich viel entspannter, wenn nicht die Norm, sondern die Individualität das Maß der Dinge ist.

Und somit sehe ich es zumindest als einen Anfang, zu akzeptieren, dass Yoga und ich nie Freunde werden und meine Glückseligkeit darin liegt, überall hektisch meine knubbelige Nase reinzustecken.

Spiderman nutzt seine Spinnenfäden und versucht nicht, sich Supermans Cape überzuziehen und Damagewoman verjagt Einbrecher durch versehentlich und am falschen Ende gezündete Tischfeuerwerke.

Welche Blogs ich lese und warum: Kluge Blogs

Ich halte eigentlich alle Blogger, die ich gern lese für kluge Menschen, daher ist meine Wortwahl wohl etwas misslungen. Da ich aus der Nummer aber ohnehin nicht mehr elegant rauskomme, belasse ich es dabei und konzentriere mich auf die zwei Blogs, von denen ich in diesem Zusammenhang besonders schwärmen möchte.

Auf das Blog von Antje Schrupp stieß ich vor circa 1,5 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt glaubte ich, mit dem Feminsmus und den diversen Gender-Gedöns abgeschlossenen zu haben.

Das waren Sachen aus dem Studium, die für mein aktuelles Dasein keine Relevanz hatten. Ich hatte Mann, Kinder, einen Job und irgendwie ein ganz schickes Leben, wofür sollte ich mich mit Emanzipation, Geschlechterdefintion und feministischen Theorien auseinandersetzten?

- Weil es wahnsinnig spannend und nach wie vor wichtig ist.

Wer in Frau Schrupps Blog mal gestöbert hat, wird feststellen, wie interessant, relevant und vor allem vielseitig das Thema ist. Darüber hinaus mag ich ihren menschenfreundlichen Ansatz.

Es geht ihr nicht um Ausgrenzung oder Differenzierung, sondern mir scheint, dass ihr gerade die Vereinbarkeit von Männlichkeit und Weiblichkeit, von Familie und Beruf, von Theorie und Praxis, von Profanem und Sakralem oder von Digitalem und Realem ein besonderes Anliegen ist.

Ich freue mich jedes Mal über die Leichtigkeit mit der sie die extrem komplexen Themen angeht und sie in ihren Texten so runterbricht, dass sie leicht verständlich und vor allem unterhaltsam sind. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass man am ehesten die Welt ändern oder verbessern kann, wenn man die Menschen dort abholt wo sie sind und nicht durch Zwang und Angst in die gewünschte Ecke treibt.

Ein wenig beängstigend finde ich indessen, dass Frau Schrupps Texte regelmäßig Anker in meinen Kopf setzen. Wenn meine Kinder krank sind, muss ich immer an den letzten Satz in diesem Text denken, vor allem weil ich nur schwer Arbeit und kranke Kinder verbinden kann.

Und auch der Text über den Tod von Cesaria Evora hallt mir immer wieder durch den Kopf und flüstert mir ins Ohr, doch mal etwas königinnenhafte Souveränität auszustrahlen.

Antje Schrupps Texte sind nachhaltig, über diese Buchrezension zum Thema Geborensein habe ich nicht nur viel nachgedacht, sondern ich hatte beim Lesen einen dieser Aha-Effekte. Schließlich war ich bis dahin auch eher der Meinung gewesen, dass Kinderaustragen ein notwendiges Übel ist.

Überhaupt bin ich ein großer Freund von Antje Schrupps Buchrezensionen. Ganz einfach, weil ich die Bücher nicht lesen würde, aus Zeitmangel aber auch aus Faulheit und zuweilen Desinteresse.

Umso mehr freue ich mich darüber, dass sich jemand die Mühe macht, die Quintessenz herauszuarbeiten und mich in manchen Fällen dann sogar doch noch dazu bewegt, eine Bücherbestellung zu tätigen.

Sehr empfehlenswert ist übrigens auch Antje Schrupps Zweitblog Über Liebe und Freiheit. Eine Sammlung.

In der Schule gab es so “Meine Besten Freunde” Bücher. Darin sollte man aufschreiben, welche Filme, Bücher, Lieder man besonders gern mochte. Je nach dem wer gerade Objekt meiner Euphorie war, schrieb ich dann gern Dinge wie “Alles von Madonna” oder “Alle Filme mit Keanu Reeves” oder “Alles von John Irving”.

Und würde ich heute nach meinem Lieblingsblog gefragt, würde ich wohl unter anderem schreiben: alles von Stefan Niggemeier. Und das ist viel, man findet ihn unter anderem hier, hier oder auch hier.

Besonders eigenwillig ist meine Begeisterung für Stefan Niggemeier sicherlich nicht, zählt der Gründer und Herausgeber des BILDblogs doch zu den bekanntesten und verehrtesten Bloggern von dem selbst einige meiner webfremden Freunde und Bekannten mal was gehört oder zumindestens was (gedrucktes) gelesen haben.

Der ausgesprochen flauschige und freundliche Herr Niggemeier wirkt zunächst als könnte er keiner Fliege etwas zuleide tun. Wahrscheinlich tötet er auch keine Fliegen, was ihn aber nicht davon abhält, ganz höflich und respektvoll und in wunderbar gepflegter Sprache die Dummheiten von einzelnen Menschen, Sendern und Medienanstalten oder Themenheften der Zeit zu sezieren.

Ganz besonders entzückt bin ich immer wieder davon, wie er mit einfachsten Mitteln, die Absurdität der Dinge aufzeigt. Zum Beispiel reicht die Transkription der Bushido-Dankesrede völlig aus, um die tiefe Idiotie dieses Menschen zu offenbaren.

Und die Tabellen erst. Herr Niggemeier ist das Gegenteil eines Zauberers. Er fasst und schreibt gründlich die Fakten zusammen und verblüfft dann mit den logischen Schlussfolgerungen viel mehr, als man es mit einem Taschenspielertrick könnte.

Naja und dann gibt es ja auch noch das Os-/Dus- und hoffentlich auch bald Bakulog, das Niggemeier zusammen Lukas Heinser macht.

Der Mann und ich haben uns jeden Abend darauf gefreut, es im Bett zusammen zu gucken. Ständig sind die Kinder aufgewacht, weil einer von uns laut losgelacht hat. Wegen der Kinder hören wir auch nach wie vor Rockefeller Street und noch mehr als ein Jahr später sehe ich vor meinem inneren Auge Lukas Heinser wild Fähnchen schwingend durch das Pressezentrum hopsen.

Irgendwie scheint es also egal zu sein, was Herr Niggemeier macht, es wird alles Gold oder zumindest gute und kluge Unterhaltung.

Weiter geht es dann in ein, zwei, drei Tagen, Wochen oder Monaten mit der nächsten Kategorie “Haben auch Kinder”.

Ich spiele nicht mit Kleidung

Bei Gesprächen über dramatische Familiengeschichten oder tragische Kindheiten werde ich immer ungewöhnlich still.

Ich kann zu dem Thema nichts beitragen. Meine Familie ist zwar etwas eigenwillig aber im Grunde ein lauter und freundlicher Haufen mit fröhlich-cholerischen Sprengseln. Es gibt nur eine einzige Sache, bei der ich wirklich rebelliert habe und anders geworden bin als meine Mutter: ich bin ein Kleidungsspießer.

Noch heute erwische ich meine Mutter ab und an, wie sie mich verblüfft und traurig anschaut und dabei wahrscheinlich denkt: “Warum trägt mein Kind nur so unglaublich langweilige Klamotten?”

Manchmal möchte ich mich dann mit einer Tasse Kaffee neben sie setzen und ihr sagen, dass sie nichts dafür kann, dass ich den Weg der spießigen Kleidung einfach gehen musste.

Anfang der 80er Jahre wurde ich eingeschult und viele Frauen trugen in New York, Paris und London eigenwillige Kleidung. Das galt aber nicht für eine kleine Ortschaft in der Voreifel.

Meine Mutter ging zu dieser Zeit mit besonderer Vorliebe auf Flohmärkte und kaufte dort alte Kleider. Das kleine Ankleidezimmer war vollgestopft mit Kleidern aus den 30er, 40er und 50er Jahren.

Zugegebenermaßen waren sie rückblickend sehr schön und vor allem äußerst vorteilhaft geschnitten. Außerdem hatten sie einen sehr eigenen, schönen Duft, nicht nach Mottenkugeln oder muffig wie es heute in Second-Hand-Läden riecht, sondern eher wie ein sonnendurchfluteter frisch gebohnerter Hausflur.

Die Mütter meiner Freundinnen trugen Hosen und T-Shirts.

Ich habe meine Mutter nie in der Öffentlichkeit in Hosen gesehen, nur zu Hause trägt sie bei der Hausarbeit Leggings und T-Shirt. Ihr Kleiderschrank könnte es mit dem von Imelda Marcos aufnehmen, aber ich würde eines meiner Kinder darauf verwetten, dass niemand darin eine Jeans finden würde.

Wie dem auch sei, ich hätte es toll gefunden, wenn meine Mutter Jeans getragen hätte oder wenigstens einen BH unter dem Kleid.

Überhaupt Unterwäsche. Wenn meine Mutter uns besucht, legt sie immer unsere Wäsche zusammen. Zuweilen wasche ich vorher extra viel, weil sie die Sachen so ordentlich faltet und weil es für mich ein wenig wie Urlaub ist, wenn sie das übernimmt. Heimlich beobachte ich sie dann immer wie sie den Kopf schüttelt, wenn sie meine weißen Baumwollschlüpfer zusammenlegt.

Ich bin durchaus im Besitz schöner Unterwäsche, aber ich mag meine weißen, warmen, gut sitzenden Schlüppis. Mir wird es nie in den Kopf gehen, warum man sich freiwillig einen String kaufen kann. Würde man die Logik des Strings auf eine Brille anwenden, würden die Bügel so geformt sein, dass sie in die Ohrmuschel stechen.

Wenn meine Mutter also im Unterwäscheberg eine schwarze oder rote hübsche Unterhose entdeckt und feststellt, dass wenigstens meine BHs allgemeinen ästhetischen Standards entsprechen, merke ich immer wie sie tief durchatmet und etwas entspannt. Das ist dann immer der Moment in der ihre Hoffnung aufkeimt, dass ich doch einen modebewussten Kern haben könnte. Ich möchte ihr diese Illusion nur ungern nehmen.

Zum Ende meiner Grundschulzeit zogen wir ins Niederrheinische. In ein 1000-Seelendorf mit der letzten Tankstelle vor der holländischen Grenze. Meine Mutter organisierte den Umbau unseres Hauses und stellte sich den Nachbarn vor.

Zu diesem Zeitpunkt trug meine Mutter ihre Lockenpracht in gepflegtem Lila. Ferner war sie von den alten Kleidern umgestiegen auf enge Oberteile und exaltierte Röcke.

Die Nachbarn waren irritiert und pressten das was sie sahen in ihre Realität. So wurde sich im Dorf erzählt, dass der Herr Doktor seine Frau verlassen hätte und nun mit einem Punk ins neue Haus ziehen würde.

Bis dahin hatten meine Mutter und ich einen relativ entspannten Weg gefunden, unsere Kleidungsgeschmäcker miteinander zu verbinden. Bis in die Grundschule hinein nähte sie mir schöne altmodisch wirkende Kleider oder kaufte alte franzöische Leinennachthemden, die sie für mich kürzte. Ich sah also oft aus, wie aus einem impressionistischen Gemälde, fand das aber auch selbst sehr schön.

Natürlich trug ich auch Hosen und Shirts wie meine Freunde, nur bei Overalls (zu moppelig, also ich, nicht der Overall) und Clogs (zu gefährlich) legte sie ihr Veto ein.

Mit der Pubertät und dem ländlichen Umfeld wurde das immer schwerer. Auf dem Gymnasium trugen meine Freunde Markenklamotten von Mexx, Esprit und Benetton. Allein aus politischen Gründen – die großen Ketten machen die kleinen Läden kaputt – und weil die Klamotten spießig sind, wurde dort nicht eingekauft.

Glücklicherweise machte zu diesem Zeitpunkt eine der ersten Filialen von H&M in Köln auf. Ohne H&M wäre meine Pubertät die Hölle gewesen. Denn dort durfte ich einkaufen. Hier wurden politische Gründe ausgesetzt, denn H&M war günstig.

Wahrscheinlich aufgrund ihrer protestantischen Herkunft kann meine Mutter ihre Sammelwut für Kleidung nur in Verbindung mit einer ebenso großen Leidenschaft für Sonderangebote ausleben.

Zu meinem 12. Geburtstag schenkte mir meine Mutter endlich ein heißersehntes Bustier. Wahrscheinlich waren eher die Brüste heißersehnt aber so lange die auf sie warten ließen, musste halt ein Bustier her.

Das Bustier das ich auspackte, war lila und rosa gestreift. Dazu gab es eine passende Unterhose und eine passende Leggings.

Ich rang um Fassung und fragte meine Mutter, ob sie diesen Scheiß wieder im Ausverkauf gekauft hätte. Als sie bejahte, brach ich heulend zusammen. Noch heute kaufe ich sehr ungern Sonderangebote und nur die adrett herausgeputzten Outletcenter lassen auch mich auf Schnäppchenjagd gehen.

(Meiner Meinung nach war meine Mutter der Ausschlag dafür, dass sich nur 15 km vom Haus meiner Eltern entfernt, ein riesiges Outletcenter angesiedelt hat.)

Abgesehen von H&M nahm mich meine Mutter auch in ihre Läden mit. So kaufte ich unter anderem (mit 14 Jahren) in einem Geschäft ein, dessen Hauptkundschaft aus Prostituierten bestand. Ich fand dort – selbstverständlich heruntergesetzt – eine schöne Jeans und ein T-Shirt mit Pailetten.

Mit den Jahren änderte sich der Stil meiner Mutter leicht. Die Haare wurden Henna-Rot und die Kleidung “eleganter”. Für Außenstehenden sind das Feinheiten, für mich waren es Meilensteine. Langsam fand ich die Kleidung meiner Mutter besser.

Ich trug weiterhin gern Jeans und mein Taschengeld zu Benetton und Esprit. Meine Mutter hielt sich zurück, konnte aber manchmal nicht mit ansehen, dass ich meine hübsche jugendliche Figur mit unvorteilhafter Kleidung verschandelte.

Ab und an versuchte sie mir Kleider und Röcke schmackhaft zu machen. Dafür kaufte sie mir dann runtergesetzte Designerkleidung, die ich in meiner Markenaffinität nur schwer zurückweisen konnte. Der Versace-Rock war damit eine Win-Win-Situation für uns beide.

Oder sie jubelte mir Accessoires unter. Bei Schuhen, Taschen oder Schmuck werde ich hemmungslos. Da sind mir auch Farben wie Giftgrün oder Orange egal.

Aggressiv wurde ich nur, wenn meine Mutter anfing an mir rumzuzuppeln.

Meine Mutter liebt es, an ihrer Kleidung rumzumodulieren. Beherzt nimmt sie eine Schere, um sich den Ausschnitt zurecht zu schneiden. Die Füße der Strumpfhosen – gern grün, lila, wild gemustert, halt alles was der Wolford-Ausverkauf so hergibt – werden grundsätzlich abgeschnitten weil sie stören und die Strumpfhosen so länger halten.

Oder sie trägt mehrere Lagen Röcke, die sie dann, mittels komplexer Konstruktionen, auf verschiedenen Höhen rafft. Die Röcke von Cancan-Tänzerinnen sind dageben vorevolutionär.

Wenn sie an mir rumfingerte, um meine Kleidung auch zu raffen oder zu schneiden, habe ich mich auf den Boden geschmissen und so laut geschrien, bis mein sehr adrett und zurückhaltend gekleideter Vater oder mein ausgleichender Bruder mir zur Hilfe gekommen sind.

Zugegebernmaßen hat mir das Wissen meiner Mutter geholfen, wenn ich Karnevalskostüme für mich geschnitten, getackert und mit der Heißklebepistole bearbeitet habe.

Mit dem Auszug und dem Ende der Pubertät hatte sich meine Mutter möglicherweise erhofft, dass ich doch noch den Weg zu etwas extravaganterer Kleidung finde.

Mein Weg war ein anderer, ich zog nach Hamburg und falle dort allein schon dadurch auf, dass ich gelbe Schuhe, farbstarke Taschen und keine dunkelblauen engen Hosen trage.

Und ihr bleibt die Hoffnung auf die nächste Generation. Vielleicht kann sie in 13 Jahren die Kleider meiner Tochter raffen und sie zu gelb-grünen Leggings überreden.

Bis dahin hoffe ich, dass sie mir bald wieder ein schönes Paar Schuhe aus dem Ausverkauf mitbringt, gern von Prada oder Miu Miu.