Frühherbstlinks

An diesem Bild ist einfach alles richtig.

Meine größte Ängste in Hinblick auf den Tod sind, zu früh aus dem Leben gerissen zu werden oder qualvoll zu sterben. Boris Schumatsky schreibt über den Tod in Moskau und das ist nicht schön.

Momentan gucken wir die 2. Staffel Orange is the new Black. Abgesehen von der guten Story und den tollen Schauspielern bin ich begeistert von der Vielfalt. Ich habe noch nie eine Serie gesehen, in der so viele verschiedene Menschen (Hautfarben, Staturen, Geschlechtsidentäten usw.) zu sehen waren. Ich frage mich wirklich, warum nicht alle Filme und Serien auf die verschiedensten Farben, Formen und Wesen in der Menschheit zurückgreifen? Es ist großartig und wunderschön und interessant und überhaupt.

Ich schweife ab. Wie kam ich auf Orange is the new Black? Ach ja, von diesen schönen Frauenportraits (nsfw).

A letter to … the strangers on that Friday train – Menschen sind gut und manche auch bewunderswert hilfsbereit.

Ellyn Ruddick-Sunstei hat wunderschöne und sehr intime Bilder (nsfw) von Menschen mit Behinderung in deren Schlaf- und Badezimmern gemacht.

Die Finanzierung der Krautreporter hat sich mir immernoch nicht erschlossen. Ich bin sehr gespannt auf das was in den nächsten Wochen kommen wird, vielleicht bin ich hellauf begeistert und werde doch noch Mitglied. Bis dahin überzeugen mich eher skeptische Texte zu diesem Projekt.

Ich mag die Serie “Wir müssen reden” im Zeit Magazin. Auch War es wirklich nur Sex riss ein paar interessante Aspekte an. Was mir immer fehlt ist, dass einfach nicht konsequent weitergedacht wird, sondern die Serie an den gesellschaftlichen Standards scheitert, die sie nicht wagt zu überschreiten, oder auch nur in Frage zu stellen.

Frau Brüllen war mit ihrer Familie auf Island (Teil 1, Teil 2) und jetzt will ich da auch baldmöglichst mal hin.

Vor ein paar Monaten entdeckte ich Lu zieht an und bin seitdem völlig begeistert von Lu und ihrem Kleidungsstil. Mein Favorit der letzten Wochen: das Kleid von Remi Ray.

Mein Vorbild fürs Alter: “I got into doing gang bangs in 2008,” says Shirley, 78, in the NSFW clip above.

Wenn man in Köln Musikwissenschaft studiert hat, kam man an Karlheinz Stockhausen nicht vorbei. Ich konnte mit ihm nie etwas anfangen. Aus diesem Grund wollte ich zunächst auch nicht das Interview mit Mary Bauermeister lesen. Es wäre ein Schande gewesen. Nicht nur weil Stockhausen nur indirekt vorkommt, sondern weil Mary Baumeister eine ganz großartige Frau und Künstlerin ist, die mir leider bisher nicht bekannt war. Katia Kelm hat extra wegen ihr die Galerie 401 contemporary besucht und darüber – aber auch über die artweek – einen fulminanten Bericht geschrieben.

How Hunter-Gatherers Maintained Their Egalitarian Ways – der Text, der mich in den letzten Wochen am meisten inspiriert hat und von dem ich eigentlich jedem im meinem Umfeld ausführlich berichtet habe. Einfach weil ich wirklich glaube, dass Demut und Selbstironie die Welt verbessern könnten.

Jetzt mal was ganz Neues. Fotos, die man nicht auf dem Firmencomputer gucken sollte: Menschen und ihre sexuellen Fetische.

Vor ein paar Wochen war der Mann mit der Tochter neue Kleidung kaufen. Das Kind wächst ja unaufhörlich. Dabei stellte er fest, dass unserer Tochter bei H&M die Jungshosen in Größe 104 perfekt passen, die Mädchenhosen in Größe 116 an der Taille zu eng und an den Beinen zu lang waren. Auch sonst ist die Mädchenkleidung hautheng, die Jungskleidung bequem und lässig. Wenn ich die Kinder in meinem Umfeld anschaue, gibt es im Alter von 0-10 eigentlich keine geschlechtsspezifischen körperlichen Unterschiede. Es gibt kleine Jungs, große Jungs, kleine Mädchen, große Mädchen, das alles völlig unabhängig vom Geschlecht. Der Mann und ich könnten darüber kotzen, dass schon 4-jährigen durch die ihnen zugewiesene Mode eingeredet sind, dass ihr Körper falsch ist.

Patricia Cammarata war auch für ihre Kinder einkaufen und stellte fest, dass das Sortiment durch die Frage nach dem Geschlecht auf eine komplett irre Weise völlig eingeschränkt ist. Ich wünschte, sie würde wirklich einen Laden eröffnen, in dem man Kleidung nach Geschmack und nicht nach Geschlecht aussuchen kann.

Asa Akira über Feminismus: Whether you’re a male or female, black, white, Asian, whatever—if you’re a human being, you should be a fucking feminist!

Link-Empfehlungen des Mannes:

It’s like they know us haha

Vater-Kind-Foto gnihihi

How I Hacked My Own iCloud Account, for Just $200

Highway to Hell – Putin wird untergehen

Sonntagsspaziergang

Die Autorität der Gestrigkeit

Als der diesjährige August ein wenig abkühlte, brachte Die Zeit ein Dossier über Pornografie.

Im Limbo der Schmerzgrenzen arbeitete ich mich durch alle Texte und wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.

Zunächst einmal entschied ich mich für Ignoranz. Denn im Grunde muss man nur warten, bis die Leichen an einem vorüberziehen. Die Menschen, die sich vor ein paar Jahren noch für die 4. Macht im Land hielten, weil sie für ein großes Magazin oder eine überregionale Zeitung Texte schreiben, wissen wahrscheinlich selbst schon, dass ihre Autorität im besten Fall noch bis zur Rente reicht, dann werden die medialen Entwicklungen sie ins Nirwana der Belanglosigkeit katapultieren.

Ich verdrängte also zunächst Marie Schmidts Anleitung “Porno gucken“.

Aber das klappte nicht lang. Der Punkt ist, wenn man ironisch-böse über Pornos schreiben will, sollte man zumindest wissen, wovon man spricht (ich meine damit ganz expliziert, Pornos zum persönlichen Pläsier genutzt zu haben).

ft
@FuckTheory
Most of all I just want a theory of sexuality written by people who know how to fuck.

Man fragt ja auch keine Nonne nach einer kritischen Auseinandersetzung mit Oralsex. Wobei, wahrscheinlich wäre das unterhaltsamer und klüger gewesen. Und persönliche Meinung ist nur dann interessant, wenn sie einen neuen Blickwinkel einbringt. Zu analysieren, dass Pornos sexuelles Fastfood sind, ist so überraschend, wie der Beat auf einer Technoparty.

Bei Jens Jessens Anklageschrift “Die große Heuchlerei” bekam ich dann körperliche Schmerzen.

Fräulein Tessa hat es auf den Punkt gebracht:

teresa bücker
@fraeulein_tessa
„Jetzt wollen sie nicht nur das Binnen-I, sondern auch noch mehr von diesen Orgasmen.“

Jens Jessen wird das offensichtlich alles zu viel mit diesen Frauen, dem Feminismus und dem Sex. Aber statt die Kommentarfunktion zu nutzen, gibt ihm eine liberale Wochenzeitung mit einem ganzseitigen Text ein großes Forum. Manchmal kann mir der Untergang der großen Verlagshäusern einfach nicht schnell genug gehen.

Wobei Die Zeit immerhin vor ein paar Tagen einen Text von Christina Schildmann und Anna-Katharina Messmer veröffentlichte, in dem es um Trolle in den Kommentaren aber auch um Autoren-Trolle wie die Jessens, Fleischhauers und Matusseks des konservativen Feuilltons geht.

Ein fulminanter Verriss der Werke von “Zeitgeistkritikern”, die aus Panik vor dem Verlust der Meinungsautorität all ihre Allmachtafantasien bündeln und hoffen, die Welt durch ihre Texte zum Stillstand zu bringen.

Das dies aber nur ein einsamer Lichtblick war, zeigte dann wieder Anna Kempers Gesellschaftskritik “Heißt das nicht geliked?“.

Humor scheint bei der Zeit fast ausschließlich fehlzuschlagen. Anna Kemper versucht nämlich das unerlaubte Veröffentlichen von Nacktbildern, die aus der privaten iCloud von Jennifer Lawrence und anderen weibliche Stars gestohlen wurden, in einen Glossentext zu wursten.

Ihr Fazit: die Stars und Sternchen stehen doch drauf. Wann wurde Menschenverachtung in Der Zeit ein Trend?

Und während ich in anderen englischsprachigen (online)Magazinen kluge Analysen darüber lese, mit welcher Selbstverständlichkeit über (prominente) Frauenkörper verfügt wird und in denen das Hacken und Veröffentlichen von privaten Fotos ganz klar als kriminelle Handlung bezeichnet wird, geht die deutsche Medienszene den von Trollen und Dumpfbacken vorgetretenen Weg der Häme.

Denn nicht nur Anna Kämper, sondern auch die Tratschtüten in The European und der FAZ sind lieber dumm und böse als nachdenklich und human.

Wie gesagt, zuweilen ersehne ich den Untergang des Feuilltons oder zumindest den vollständigen Verlust der Autorität, mit der diese Leute ihre persönliche und gestrige Meinung reflektieren.

Denn solange Freunde und Familienmitglieder von mir diese Texte ernst nehmen, weil sie in einem Zusammenhang veröffentlicht werden, der noch vom alten Ruf der Liberalität und Seriosität sowie einem intellektuellen Anspruch lebt, werde ich doch irgendwann ungehalten. Da kann ich mir noch so oft vornehmen, mich in verachtender Ignoranz zu üben.

Neulich hätte ich beinahe einen Kommentar auf Facebook geschrieben. Auf Facebook hatte Zeitonline einen Text aus dem Guardian verlinkt. Selbstverständlich ohne kritische oder zumindest irgendwie eigenständige Bemerkung.

“Vergessen wir, wie Übergewicht aussieht? Ja, sagen US-Forscher. Amerikanische Frauen aus Haushalten mit Niedrigeinkommen nehmen ihr Körpergewicht falsch wahr, fanden die Wissenschaftler in einer Studie heraus. Die Teilnehmerinnen schätzten sich schlanker ein, als sie tatsächlich sind. Sie konnten nicht korrekt erkennen, welche Körperfülle als Übergewicht klassifiziert wird. (dgw)”

Ich stelle mir das so vor. Da sitzt jemand und liest sich durch die Onlinewelt. Die Aufgabe ist Trüffel zu finden und die Vielzahl der Texte im Sinne der Zeit-Idee für die interessieren Facebookabonnenten zu kuratieren.

Ein Text aus dem Guardian ploppt auf und ein gescheiter Mensch würde sich wundern und weiter recherchieren. Er würde rausfinden, dass der BMI 1832 von Adolphe Quetelet entwickelt wurde. Außerdem ist er im Grunde nicht aussagekräftig, denn er bezieht die Körpermasse auf das Quadrat der Körpergröße. Weder Statur, Geschlecht noch die individuelle Zusammensetzung der Körpermasse wird in die Betrachtung einbezogen.

Kurzum wenn wir so alte und ungenaue Berechnungen als Basis wissenschaftlicher Studien nehmen, dann sollten wir vielleicht auch wieder die Wettervorhersage aus einer Glaskugel ablesen.

Sehr schön veranschaulicht diese Idiotie auch dieses Flickr-Set (via Anke Gröner).

Und man könnte Texte finden, die wiederlegen, dass Dick-Sein auch Ungesund-Sein bedeutet. Die klarstellen, dass diese Dinge nichts miteinander zu tun haben.

Daraus könnte jemand, der an den Mehrwert seines Arbeitgebers glaubt, einen tollen kritischen Text machen und darauf hinweisen, dass diese Studie nicht nur auf falschen Annahmen basiert, sondern zudem rassistisch, Frauenverachtend, sozial stigmatisierend und absurd ist.

Aber nein, ein unkritisch wiederkäuender Linkdump ist alles, was die Onlinesparte einer renommieren Wochenzeitschrift hinbekommt.

Ich kann es wirklich nicht mehr erwarten, bis diese Autorität der Gestrigkeit Sang- und Klanglos untergeht.

Wege gehen

Seit dem 2. Schultag war ich Schlüsselkind. Bis zum Ende der Mittelstufe trug ich einen Schlüssel an einem Band um meinen Hals. Die Tatsache, dass ich mir meine Stempelkarte nach wie vor gern umhänge, ist wohl eine Spätfolge.

Ich möchte meine Kindheit nicht verklären. Meine Mutter galt damals sicher als Rabenmutter und ich selbst habe mir oft gewünscht, dass ich nach der Schule nach Hause komme und sie erwartet mich mit einem Gulasch gewürzt mit Maggifix.

Ich hatte zwei Strategien, um damit umzugehen, dass ich häufig von der Schule in ein leeres Haus kam. Ich suchte mir Freundinnen, deren Mütter Hausfrauen waren und genoss das umsorgt sein oder ich genoss die Freiheit, allein daheim zu sein und kümmerte mich um mich selbst. In beiden Fällen wurde ich belohnt.

Belohnt mit dem Hormonrausch, den der menschliche Körper selbst macht, wenn man eine Aufgabe meistert. Belohnt mit Selbstbewusstsein, das man nur bekommt, wenn man Aufgaben selbstständig löst.

Schon früh wusste ich, dass ich es schaffe, Freunde zu finden und dass ich mich in fremde (Familien)strukturen einpassen kann. Auch mein Glaube, dass Menschen im Grunde gut und hilfsbereit sind, resultiert aus dieser Zeit. Wenn wildfremde Leute regelmäßig ein (gefräßiges) 7jähriges Mädchen durchfüttern, kann die menschliche Spezies nicht schlecht sein.

Wenn nötig, konnte ich aber auch selbst einkaufen, kochen, backen, eine verstopfte Toilette entstopfen und nachher das Bad reinigen. Die Qualität war sicherlich ausbaubar aber es war ein tolles Gefühl zu wissen, dass ich alleine klarkommen könnte. Es gab mir die Freiheit, Bindungen freiwillig einzugehen.

In den letzten Wochen habe ich viel an meine Grundschulzeit gedacht. Vor ein paar Tagen wurde mein Sohn eingeschult und es bleibt nicht aus, dass ich viel vergleiche, mich viel erinnere und den Sohn mit Geschichten von früher langweile.

Aus organisatorischen Gründen und auch weil der Weg eigentlich einfach und relativ kurz ist, gingen der Mann und ich davon aus, dass der Sohn in ein paar Wochen oder wenigen Monaten seinen Schulweg allein geht. Jedes Mal, wenn ich dieses Vorgehen außerhalb der Familie – egal ob bei Erziehern, Eltern, Freunden – angesprochen habe, blickte ich in entsetzte Augen.

Und obwohl ich nach wie vor ein wenig verunsichtert bin, merke ich auch, wie ich anfange, mich aufzuregen.

Aufzuregen darüber, dass wir unsere Kinder zwingen, mehrere Stunden am Tag ruhig auf einem Stuhl zu sitzen, dass wir von ihnen gute schulische Leistung, Disziplin, musikalische und/oder sportliche Leistung erwarten. Wir wollen, dass sie sozial kompetent sind, besser Streierein schlichten als wir selbst, wir erzählen ihnen davon, dass mit der Schulzeit der Ernst des Lebens beginnt, aber die persönliche Eigenständigkeit verweigern wir ihnen.

Als ich in der Grundschule war, hatten mein 8 Jahre älterer Bruder und ich ein langes Gespräch. Ich fand es ungerecht, dass er viel mehr durfte als ich. Er erklärte mir, dass er älter sei und dadurch mehr Freiheiten genießen würde. Gleichzeitig hätte er aber auch mehr Pflichten und Aufgaben. Das klang für mich damals sehr plausibel.

Dieses Prinzip wird leider immer mehr pervertiert. Während einerseits die Pflichten für unsere Kinder bestehen bleiben oder immer größer werden, nehmen wir ihnen andererseits ihre Freiheiten sang und klanglos weg.

Aus einer protektiven Angst und wahrscheinlich auch aus einer Kontrollsucht heraus, verweigern wir unseren Kindern, ihr inneres Belohnungsssystem zu nutzen. Sicherlich gibt es Kinder, die aus akademischen Leistungen, aus dem Geigespiel oder einem Fußballpokal genau diese Zufriedenheit ziehen können. Aber für das Gros der normalbegabten Kinder würde der Nachhauseweg ohne Netz und doppelten Boden einen viel größeren Dienst tun.

Twitter-Favs August 2014

Bastard Keith
@BastardKeith
When I am very famous and respectable, my highest ambition will be to act in good porn.
katjaberlin
@katjaberlin
das netz wäre lustiger, wenn sich leute ohne ahnung nicht nur zum nahostkonflikt, sondern auch mal zu kamelen oder herzchirurgie äußerten.
Der Prolephet
@JakobKreuzfeld
Rassenunruhen,
Ost West Konflikt
Annektierung in Europa
Religionskriege
Massenexodus
Ebolaepidemie

Hab mich wohl in Jahrhundert geirrt.

Nice Hippo
@NicestHippo
Your hair turns white when you get old for evolutionary reasons. Predators leave you alone if they think you’re a wizard
Herr Rpunkt
@herrrpunkt
Immer wenn ich Sehnsucht nach Loriot habe, führe ich einfach ein längeres Gespräch mit jemanden im Reisezentrum der Deutschen Bahn.
Richard Wyatt
@wyattrich
Office milk issues have escalated. pic.twitter.com/9QVgLbcn1F
Michael W.
@sil3nz_FCB
+++Endlich+++
Das vereinfachte Formular für alle, die “ja keine Nazis sind, aber man wird ja wohl noch sagen dürfen”. pic.twitter.com/fdG5EwGALT
Christopher Ryan
@ChrisRyanPhD
I just got an email from a 19 year-old with the subject: “You are my favorite old person.” Thanks?
Max. Buddenbohm
@Buddenbohm
Sohn II: “Gott sieht dich.”
Ich: “Oh! Muss ich was beachten?”
Sohn II: “Nein. Er kommt nicht mehr runter.”
Fr. Dr. ohne Strumpf
@DrKampfstrumpf
Wenn Männer über Gefühle genauso frei reden könnten wie übers Kacken, wäre die Welt glücklicher.
Katie Nö
@FrauRosenberg
Ich möchte niemanden verunsichern, aber ich bin mir mittlerweile doch ziemlich sicher, dass Rhythmus kein Tänzer ist.
Der Prolephet
@JakobKreuzfeld
Dies ist eine rote Beete.
Jede Sexualisierung diese Fotos ist rein selbstverschuldet und unbeabsichtigt.
#gemüseporn pic.twitter.com/BNI816jTOB

Die Schwanzvariable

Hinweis zum Lesen: Nachdem ich den Text online gestellt habe, fiel mir auf, dass er am Anfang etwas wirr wirken könnte. Halten Sie durch, am Ende finden die Stränge zusammen.

Wenn in einem Text die Worte “cost per orgasm” enthalten sind, schaue ich zumindest einmal kurz nach, ob sich dahinter etwas Interessantes verbergen könnte.

Ich gehörte nie zu den Menschen, denen fluffig die multiplen Orgasmen entgegenflogen. Insofern erwartete ich etwas über die “Arbeit” bzw. Konzentration, die ein Orgasmus benötigt. Solche spannenden Themen werden leider viel zu selten beschrieben, wissenschaftlich untersucht oder diskutiert.

Aber statt die Menschheitsgeschichte mit irgendetwas Sinnvollem zu bereichern, fand ich eine schlechte Kritik über einen noch viel furchtbareren Blogeintrag in einem amerikanischen Männerblog.

Ich möchte nicht einmal den Urspungstext verlinken (ein Funken Hoffnung in mir glaubt immernoch, dass es sich um Satire handelt) aber das Fazit lässt sich so zusammenfassen: Beziehung sollte als eine wirtschaftliche Berechnung gesehen werden, in der die männliche Klimaxfrequenz ein Teil der Gleichung ist. Quasi ein Abendessen im schönen Restaurant für einmal Spermasekret ausscheiden inkl. Muskelentspannung. Die Grundvoraussetzung der Berechnung ist die Annahme, dass Frauen aus einer Beziehung/einem Date möglichst viel wirtschaftlichen Nutzen ziehen wollen, während Männer in einer Beziehung möglichst viel Sex haben möchten bzw. nur wegen des Sex daten.

Die Kritik des Independent setzt bei der Behauptung des Urspungstextes an, dass Beziehung etwas Ökonomisches sei und kramt Romantik, Liebe und den Mut zum Risiko als Gegenargumente raus.

Dabei wird die Chance vertan, die eigentliche Irrsinnigkeit und Mysogonie aufzuzeigen. Wenn selbst einer Autorin für den Independent nicht auffällt, dass der Wahnsinn in einem völlig bekloppten Männer- und Frauenbild liegt, dann ist davon auszugehen, dass dieser gesellschaftlich tief verankert ist.

Das macht es im übrigen nicht besser oder wahrer. Es gab auch Zeiten, in denen war die Idee einer Erdscheibe gesellschaftlich tief verankert.

Schon das Offensichtliche wird außer acht gelassen. Der Orgasmus. Ich habe eine Umfrage gemacht. 100% der von mir befragten Frauen sagte, sie schätzen den Höhepunkt im Rahmen eines Geschlechtsakts ebenfalls. Also ganz ohne höhere Mathematik wird die Gleichung des selbsternannten Alphabehighpotentialmännchens in dem Moment zerstört, in dem die Orgamsusrate der Frauen eine weitere Variable wird.

Ein Fakt, der anscheinend in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen wird, ist, dass Frauen Sex und Orgasmen und alles was damit zusammenhängt mögen. Wenn Frauen dies nicht so aggresiv einfordern wie Männer, liegt das vor allem an den unterschiedlichen Voraussetzungen.

Promiske und sexuell offensive Frauen werden nach wie vor im besten Fall kritisch beäugt. Das Ausleben vieler sexueller Beziehungen wird nicht vermieden, weil Frauen keine Lust dazu hätten, sondern weil es bedeutet, dass über sie getratscht würde oder sie problemorientierte Gespräche mit ihrem Umfeld führen müssten. Die Entscheidung liegt hier zwischen heimlichen Ausleben oder verzichten. Es sollte also nichts mit weiblichen Charakteristiken begründet werden, dass nicht auch aus sozialem Druck entstanden sein kann.

(Ich glaube übrigens, dass es sowohl Männer als auch Frauen gibt, die aus ihren persönlichen Vorlieben heraus kein Interesse an dergleichen haben, aber das lässt sich nicht auf das Geschlecht, sondern auf das Individuum zurückführen.)

Vor einiger Zeit las ich einen Tweet, den ich leider nicht mehr finden konnte, mit folgender Aussage: “Beim Onlinedaten haben Männer Angst, in der Realität eine dicke Frau zu treffen. Frauen haben Angst, auf einen Psychopathen zu stoßen.” (Dank Herrn Rpunkt und Ernst diesen und diesen Hinweis zur Quelle gefunden.)

Solange Frauen implizit und explizit die Schuld für eine Vergewaltigung gegeben wird, ist für sie Sex mit wechselnden und relativ fremden Partnern einfach viel gefährlicher, als für Männern. Natürlich gibt es auch durchgeknallte Frauen, aber trotzdem ist die Gefahr für einen Mann wohl immernoch größer von einem anderen Mann vergewaltigt zu werden, als von einer Frau. Rückblickend habe ich auf diverse One Night Stands verzichtet, weil ich mir nicht sicher war, ob ich wirklich Lust hatte und lieber an einem von mir kontrollierbaren Punkt aufgehört habe, als das Risiko einzugehen, dass ein “nein” von mir ignoriert wird. Klar kann man die weibliche Zurückhaltung als Keuschheit und sexueller Unlust interpretieren, viel näher an der Realität liegt aber die Sorge vieler Frauen, dass ihre Ansagen übergangen und sie am Ende als fahrlässige Schlampe hingestellt werden.

Im Gemengelage der Unfähigkeit Frauen zu befriedigen, bei gleichzeitiger Misinterpretation der Befürnisse von Frauen und dem daraus resultierenden Glauben, dass Frauen sexuell uninterssierte Wesen sind, muss eine Motivation konstruiert werden, die erklärt, warum Frauen überhaupt Sex haben. Diese darf natürlich nicht den Glanz und das Heldentum des Mannes beflecken. Die Idee, dass Frauen Geschlechtsverkehr dulden, damit sie materielle Güter erhalten, ist ein Alltime-Favorite.

Gern werden hier auch wieder die Steinzeitmenschen hervorgeholt. In der Wildniss vor zigtausend Jahren war es ja angeblich auch so, dass Frauen einen starken Beschützer brauchten, der Fleisch und andere Eiweißresourcen mit nach Hause brachte, während sie für Beeren sammeln und Kindererziehung zuständig waren und ihren Körper leidenschaftslos hergaben. Auf die viel näherliegende Erklärung, dass in der Wildniss eine ganze Gruppe gleichberechtiger und kompetenter Individuen der beste Schutz gegen Tiere, Wetter, Hunger usw. sein könnte, kommt keiner.

Die naiv-dümmliche aber geld- und juwelengierige Frau ist die perfekte Projektionsfläche, um auszublenden, dass Frauen deshalb sexuell viel vorsichter sind, weil sie größere physische und soziale Risiken eingehen als Männer. Verursacht wiederum von Männern, die nichts besseres zu tun haben, als ihren Schwanz in eine Gleichung einzubringen und zu ignorieren, dass zu einem Orgasmus auch zwei gehören können.

Freistilstaffel

Vor einiger Zeit fragte ich ganz harmlos in die Twitterrunde, ob es ein empfehlenswertes Schwimmblog gibt.

Ich wurde Zeugin einer beeindruckenden Dynamik, die darin endete, dass Herr Dentaku spontan ein Blog aufsetzte und jetzt einige meiner liebsten Blogger übers Schwimmen schreiben.

Wer also Texte von Frau Indica, Frau Kaltmamsell, Frau Donnerhallen, Kitty Koma, Liisa, Graf Typo, Frau Croco und anderen über das Schwimmen im Meer, im Fluss, im Pool, im Freibad oder in Mondseen lesen möchte, ist bei der Freistilstaffel bestens aufgehoben.

Ab und zu werde ich dort wohl auch Texte posten. Heute eine Variation eines alten Textes: Mit Delfinen schwimmen