Monatsabrechnung: Meine Twitter-Favs April und Mai 2014

Es ist kompliziert

In den letzten Wochen habe ich mich optisch etwas mehr geöffnet. Zum einen wurde ich auf der rp14 gefilmt, es wurde ein kleines Fernsehinterview mit mir aufgenommen und ich habe begonnen, meine Bilder auf Instagram auch mit Gesicht aufzunehmen.

Immernoch bin ich sehr darum bemüht, meine verschiedenen Lebenssektoren getrennt zu halten aber eben jetzt mit Gesicht.

Als die Anfrage für das Interview kam und ich wusste, dass zumindest die theoretische Möglichkeit besteht, dass mein Vortrag auf der re:publica aufgenommen wird, überlegte ich kurz, eine Schnell-Diät zu machen. Eine Diät, damit mein Gesicht und mein Körper nicht zu dick wirken, angeblich machen Kameras ja nochmal 5kg mehr Eindruck.

Seitdem ich vor etwas mehr als einem Jahr aufgehört habe, mich zu wiegen und gleichzeitig angefangen habe, nach Hunger und Appetit zu essen, habe ich zugenommen.

Nicht massiv aber merklich. Wenn ich von mir als dick spreche, widerspricht keiner mehr.
Mein Mann war neulich beeindruckt von meinen Oberarmen, ich dachte zunächst er meint die Muskeln und meine Mutter fragte mich, wie ich es auf den #609060-Bildern immer wieder schaffe, so schlank zu wirken.

In Berlin traf ich kürzlich eine Freundin, die ich ca. ein Jahr lang nicht gesehen hatte und sie meinte, ich sähe gut aus aber hätte ganz schön zugelegt.

Der Punkt ist, jedes mal wenn ich sowas höre oder mitbekomme, merke ich, wie ich vollkommen panisch werde. Ich renne zum nächsten Spiegel und schaue mich an. Ich mache Selfies und wäge ab, ob ich eine attraktive Person bin.

Die Angst vor dem Fett hält mich fest umschlossen, obwohl ich all meine Willenskraft aufbringe, dieser völlig irrationalen und gesellschaftlich indoktriniere Panik zu kontrollieren.

Ich stelle auch immer wieder fest, wie ich als Reaktion auf entsprechende Äußerungen anfange zu erzählen, wie gesund ich seitdem bin, wie viel Sport ich treibe und wie wohl ich mich fühle.

Dann erzähle ich von den beiden letzten Malen, bei denen ich versuchte, abzunehmen. Vor drei Jahren landete ich – als jemand, der für seinen Kuhmagen bekannt ist – mit Blut im Stuhl in der Notaufnahme (soviel zum Thema gesundes Abnehmen mit einer eiweißreichen Diät) und vor zwei
Jahren mit einem heftigen Hexenschuss auf dem Wohnzimmerboden. Regelmäßiges joggen hatte eher einen destruktiven
Einfluss auf meinen unteren Rücken.

Und während ich rede, frage ich mich, warum ich das tue. Es geht niemanden etwas an, ob ich dick bin, wieviel Sport ich treibe oder wie gesund ich bin. Ich muss meinen Körper nicht rechtfertigen. Würde ich die Haare färben oder abschneiden, wäre ich nach einem Urlaub braun gebrannt, hätte ich ein Tattoo oder einen Nasenring, würden diese Äußerlichkeiten bestimmt auch kurz angesprochen werden aber keinerlei Panik oder Rechtfertigung bei mir auslösen.

Aber beim Fett verhält es sich anders. Die Frage ist warum?

Es ist zunächst einmal vor allem ein Problem von mir selbst. Ich könnte Kommentare über meinen Körper einfach hinnehmen wie Kommentare über meine Haarfarbe oder meine Augenfarbe. Aber ich tue es nicht, Kommentare über meine Figur treffen mitten in meine Persönlichkeit.

Und ich glaube, damit bin ich nicht allein. Denn die Obsession, die unserer Gesellschaft mit Körper und Körperkult hat zeigt, dass man über den Körper bei den meisten Menschen ganz schnell die gesamte Persönlichkeit treffen kann.

Der eigene Körper wird zum Abbild der Persönlichkeit stilisiert. Bist du außen nicht schön, so kannst du es innen auch nicht sein. Bist du außen dick, dann bist du innen faul und willensschwach. Wirkst du nicht wie ein Model einer Fitness-Zeitschrift kannst du nicht gesund sein. Isst du nicht paleo, bio oder clean, bist du auch innen schmutzig und stinkig.

So analysiere ich fröhlich vor mich hin aber schaffe es nicht, mich zu entscheiden, mich dem gesellschaftlichen Spiel der Körperkultur hinzugeben oder mich für die Rebellion in all ihren Konsequenzen zu entscheiden.

- Denn wenn man es mal konsequent durchdenkt, hat die Verweigerung von Schönheitsstandards wesentlich mehr mit Rebellion, Andersdenken und vor allen auch Willensstärke zu tun, als sich dem Diät- und Sportdiktat mit all seinen klaren Regeln und seinem saftigen Bonussystem zu unterwerfen. -

Bei der Überlegung, wovor ich Angst habe, welche Konsequenzen ich befürchte wenn ich dick bleibe oder (alas!) noch dicker werde, fallen mir vor allem folgende Gründe ein.

1. Ausschluss aus dem sozialen Umfeld.

Diese Grund ist für mich nur mittelmäßig relevant aber nicht von der Hand zu weisen.

Im gesellschaftlichen Umfeld in dem meine Familie, meine Freunde und ich mich bewegen, gilt immernoch “Fett ist nur die Unterschicht”. Je jünger die Menschen, desto weniger deutlich wird das gesagt aber im Grunde ist es dabei geblieben. Die gesellschaftliche Elite ist schlank, die Unterschicht dick. Die Panik vor dem gesellschaftlichen Abstieg manifestiert sich ganz wunderbar in der ewigen Essens- und Sportthematik auf die ich in meinem Winterhuder Umfeld regelmäßig stoße. Dicke Frauen – ich beispielsweise – fallen sofort auf. Mütter passen spätestens zwei Jahre nach der Geburt wieder in eine Größe 38 oder kleiner und holen gern in frisch geschwitztem Joggingdress ihre Kinder von der Kita ab.

Wenn man dauerhaft nicht in die Optik seiner Umgebung passt, stellt sich schon die Frage, was man selbst falsch macht.
Warum alle anderen das geheime Rezept der ewigen Schlankheit kennen und anwenden und man selbst so gnadenlos scheitert.

Kein passender Körper, keine Anerkennung und keine Zugehörigkeit.

2. Raus aus der Attraktivität

Dieser Punkt ist für mich sehr wichtig. Ich bin eitel und ich mag es, als attraktiv wahrgenommen zu werden. Ich war nie eine Schönheit aber ich galt immer als anziehend, zuweilen als sexy. Und mir gefällt das. Ich mag es mitzubekommen, dass es einige Männer gibt, die gern mit mir schlafen würden und Frauen, die mich um Haare oder die Beine beneiden.

Das kann man oberflächlich finden aber ich ziehe daraus Freude und Bestätigung.

Das Absurde ist, dass ich bisher bei jedem Gewicht Geschlechtspartner hätte finden können. Ich habe immer wieder festgestellt, dass mich Männer nicht trotz sondern wegen meines großen Pos gut finden und den ebenfalls vorhandenen Bauch offenbar in Kauf nahmen oder nähmen.

Die Tatsache, dass meine Freundinnen und ich noch nie wirklich den gleichen Männergeschmack hatten, zeigt ja, dass Attraktivität etwas sehr Persönliches ist. Ich bin zum Beispiel jedes mal erschüttert, wenn jemand Cary Agos nicht unendlich anziehend findet.

Entsprechend müssen wir einem totalen Hoax aufsitzen wenn uns immer wieder klar gemacht wird, es gibt ein einziges valides Schönheitsideal.

Hourglassshape (Frauen), breite Schultern (Männer),
markantes Gesicht (Männer), Kindchenschema (Frauen) oder Symmetrie (alle) my ass, ich habe alle (!) Männer in meinem Leben nach Ihrem Geruch ausgesucht.

3. Krankheit und Verwesung

Es gibt mittlerweile eine Vielzahl von Studien (bitte Links beachten), die widerlegen, dass dicke Menschen mehr gesundheitliche Probleme haben als schlanke.

Nachdem ich mit 28 Jahren einen kleinen Bandscheibenvorfall hatte, teilten mir dir Ärzte mit, ich müsse abnehmen, Kraft- und Ausdauertraining machen.

Seit zwei Jahren habe ich keine Rückenprobleme mehr. Womöglich hat die Tatsache, mich nicht mehr zu wiegen, dafür zu essen worauf ich Lust habe (und sogar Kohlenhydrate mit Eiweiß zu mischen) und ab und zu schwimmen zu gehen, deutlich mehr gebracht, als die Tipps diverser Ärzte in den 7 Jahren davor.

Und die Frage, die ich mir immer wieder stelle ist: wie gesund ist überhaupt eine Essstörung?

Warum wird von medizinischen Fachkräften nie gefragt, warum ich nicht intuitiv esse, sondern nach Diätplänen? Warum wird pathologisches Ess- und Sportverhalten gelobt während lustvolles Essverhalten einem Krankheitsbild zugeordnet wird?

Während meiner ersten Schwangerschaft wurde mein Gewicht genauestens protokolliert aber ich musste geradezu um eine Krankschreibung betteln, als mich eine heftige Migräne niederstreckte.

Das Ziel – ein zufriedener Mensch in einem gesunden Körper – wird völlig aus den Augen verloren, während Tabellen und Körperschablonen absolute Priorität haben.

Das alles aber eben auch die Tatsache, dass ich diese irrationale Lust auf einen schlanken Körper nicht abstreifen kann, sondern ich immernoch glaube, dass ich einfach nur nicht die richtige Methode und genügend Kraft gefunden habe, macht mich wütend.

Wütend auf mich selbst, auf die Leute, die die immer gleiche dumme Scheiße wieder und wieder repitieren und auf uns alle, die wir nichts Besseres zu tun haben als uns selbst und alle anderen streng zu beurteilen:

Victoria
@VictoriaHamburg
Die Strenge, mit der Frauen das Aussehen von sich und anderen Frauen beurteilen, ist nicht nur schade, sondern ganz einfach zum Kotzen.

Aber ich werde nicht wirklich klüger: Als ich neulich bei einer amerikanischen Freundin las, dass sie ca. 20 kg abgenommen hat, recherchiere ich gleich das Mittel, das ihr dabei geholfen hatte.

Kurz bevor ich alle Hebel in Bewegung setzen wollte, um es in den USA zu bestellen, überlegte ich mir, dass Nebenwirkungen wie Herzrhythmusstörungen oder Haarausfall womöglich kein guter Preis sind. Schließlich fühle ich mich derzeit so gesund und kraftvoll wie schon lange nicht mehr.

Vom Guten hat man nie genug

Als Kind hatte ich mal eine Eingebung. Ich glaubte kurz das Universum verstanden zu haben und teilte meiner Mutter sogleich meine Erkentnisse mit. Meine Mutter, eine sehr herzliche, liebenswürdige Frau, die ihre Kinder liebt und lobpreist wie sonst nichts auf der Welt, hörte mir zu, guckte mich komisch an und sagte: “Was Du sagst ist pathetisch.”

Ich ahnte, dass ich das Universum wohl eher nicht verstanden hatte oder einfach nur nicht fähig war, meine Erkentnisse rhetorisch in überzeugende Argumente umzuwandeln.

Seit Monaten hatte ich mich auf die Re:publica gefreut. Ich hatte einer Freundin erzählt, dass die Re:publica das ist, was ich mir an der Universität immer gewünscht habe. Ein Ort der Inspiration, des Nachdenkens, der Innovation. Die beiden letzten Jahre habe ich immer mindestens einen Vortrag gehört, der mir noch Monate später hinterherhing, der mein Denken beeinflusst hat, der mich inspiriert hat. (Ganz offensichtlich habe ich immernoch einen leichten Hang zum Pathos.)

Dieses Jahr gab es auch gute Vorträge, aber die Tatsache, dass ich einfach keine Lust hatte im Blog über die Re:publica zu berichten, deutete an, dass ich im Grunde sehr enttäuscht war. Nicht von der guten Organisation, den wunderbaren Menschen, die ich getroffen habe oder der tolle Atmosphäre, sondern von den Inhalten.

Es gab tolle Sessions aber die konnten nicht über meine allgemeine Enttäuschung hinwegtäuschen. Zu oft saß ich an einer Stage und hörte Blabla. Blabla von Leuten, die sich irre ernst nehmen und die in ihrer Erhabenheit das repitieren, was sie seit Jahren (ok Wochen, Monaten) auch sagen, schreiben, bloggen, twittern.

Der Punkt ist, ich halte mich nicht einmal für gut informiert. Ich sehe mich in der Welt der digital interessierten Menschen irgendwo im mittleren Informationsfeld. Trotzdem haben mich die meisten Vorträge über Medien oder Netzpolitik weder überrascht, noch neue Blickwinkel aufgezeigt, überhaupt keine waghalsigen Lösungen skizziert und nicht einmal eine neue Sprache für ein Thema gefunden.

Es war, als wäre die vielfältige, anarchistische und wilde neuen Medienwelt, die ich mir dank des Internets immer erhofft hatte, ganz hervorragend im Einheitsbrei des Mainstreams angekommen. Als wäre die Autonomie und das nonkonfrome Gehabe nur noch die Fassade für den gleichen langweiligen Kram. Vielleicht haben sie jetzt auch endlich das Verständnis des Universums erlangt und können es – wie ich damals – noch nicht rhetorisch plausibel machen. Womöglich ist es auch einfach nur pathetisch.

Insofern ist es umso erfreulicher, wenn es Projekte wie Krautreporter gibt, die einen spannenden und unabhängigen Journalismus machen möchten. Nun konnte man schnell erkennen, dass es sich um ein Projekt handelt, bei dem der Frauenanteil der Reporterinnen überschaubar ist.

Und das macht es für mich wieder ziemlich uninteressant. Denn das Internet hat schon längst die Büchse der Pandora für mich aufgemacht. Ich habe nämlich festgestellt, dass es Themen gibt, die bisher nie von irgendwelchen Medien aufgegriffen worden, mich aber brennend interessieren. Diese Themen werden häufig von Frauen aufgegriffen. Und je mehr ich mir meine Filter- und Informationsbubble aufbaute, desto mehr veränderte ich mich.

Ich habe einfach keine Lust mehr mir einen Film anzuschauen, in dem Leonardo di Caprio einen größenwahnsinnigen Wallstreet-Idioten spielt (wobei ich What’s eating Gilbert Grape toll fand), ich schaue keine Serien mehr, in der es nicht mindestens eine weibliche Hauptrolle gibt, mit der ich mich indentifizieren kann, ich habe ich keine Lust mehr auf Modemagazine, die lächerliche Fotostrecken machen.

Und das Tolle ist, ich werde für meine Ignoranz nicht einmal mehr mit Langeweile bestraft. Es gibt so viel spannenden Content, ich kann das alles ignorieren. Gleichzeitig verdiene ich Geld und wenn ich ein Projekt toll finde, dann helfe ich womöglich auch bei Crowdfunding. Kurzum, wenn jemand meine Aufmerksamkeit und mein Geld möchte, dann muss diese Person oder dieses Projekt mich interessieren und sich gefallen lassen, dass ich Frauen oder Erbsen oder sonstwas zähle.

Insofern könnte es mir natürlich egal sein, wenn ein Projekt einfach nicht genug Frauen aufweist, die es für mich spannend machen könnten. Aber es ist damit wohl so ähnlich wie mit der Re:publica in diesem Jahr. Es ist schade. Es ist schade, wenn etwas nicht so groß ist, wie es sein könnte. Mit Wissensdurst, Inspiration und Unterhaltung ist es wie mit Sex und Essen, wenn es richtig gut ist, kann man nie genug davon bekommen.

Linkliste: Beyond Porn oder Die digitale sexuelle Revolution

In meinem Vortrag Beyond Porn oder Die digitale sexuelle Revolution auf der re:publica 14 beziehe ich mich auf einige der unten angegebenen Texte, Quellen und Blogs. Wer Lust hat, im Nachgang diese Texte in Gänze zu lesen oder in den vorgestgellten Blogs zu stöbern oder sich allgemein für das Thema interessiert, dem möchte ich hiermit eine Linkliste zur Verfügung stellen.

Bitte beachten, dass nicht alle Links “safe for work” sind.

Einleitung

Sanft und Sorgfältig mit Jan Böhmermann und Olli Schulz vom 05.05.2013

Pornografie

In the tech world, porn quietly leads the way

Social porn: why people are sharing their sex lives online

Social Porn? Is it anything new???

Arlecchino Cinema Florence

Metasexualität

Liste griechischer Wortstämme in deutschen Fremdwörtern – M

The New Frontier: Sex Workers and Social Media

What I Want to Know Is Why You Hate Porn Stars?

Melissa Gira Grant: ‘I got into sex work to afford to be a writer’

Jeff Koons: Jeff and Ilona made in Heaven, 1990

Porn Studies

Sex At Dawn

Rewriting The Rules

Porn Studies: an introduction

Information, Beratung und Selbsthilfe

Bravo-Archiv

The Internal Clitoris

Betty Dodson with Carlin Ross – Better Orgasms. Better World.

Do Tell

Girlonthenet

Elisabeth Sheff

Purr Versality

Museum of Sex

Pucker up – Tristan Taormino’s Sex-Positive Salon

sex is not the enemy

Laci Green Sex+

Charlie Glickman

Deviant Dildos

Sexual Intelligence

e[lust]

Freidimensional

Seite2

courtisane

It Gets Better Project

Why are people into that?!

Erweiterung

Why we love, why we cheat

Shades of Grey

Supermarket

Tristan Taormino interviewed by Georgina Voss

Attendance Up 25% at 2014 Feminist Porn Conference, Organizers Call It The Largest International Gathering of Feminist Pornographers in the World

The Feminist Porn Conference

Eigentlich hatte ich darum gebeten, nicht gefilmt zu werden. Nun wurde doch gefilmt und der Clip hochgeladen. Zum Glück bin ich ganz zufrieden mit meinen Vortrag und sehe es fatalistisch. Wer mag, kann also gern hier den Vortrags nachhören und nachsehen.

Interviews habe ich auch gegeben:

Radio 1, Spezialsendung zur re:publica mit Katja Weber

freie-radios.net, re:publica – Die digitale sexuelle Revolution

Fritz, trackback vom 10.5.14

Monatsabrechnung: Meine Twitter-Favs März 2014

Von guten Eltern

Als mein Sohn ein paar Monate alt war, kam meine Mutter nach Hamburg, um mir zu helfen, weil der Mann ein paar Tage geschäftlich verreist war. Sie klingelte und ich öffnete ihr verheult und völlig aufgelöst die Tür.

Ich war an dem Tag beim Arzt gewesen. Mein Sohn hatte mal wieder einen Schnupfen, der bei Babys wesentlich dramatischer wirkt, als er ist. Ich fühlte mich bei jedem Sprühstoß Nasenspray wie eine Dealermutti, die ihr Kind für immer von abschwellenden Nasenspray abhängig macht.

Der Arzt hatte meine Panik nicht gemildert, sondern noch einmal darauf hingewiesen, dass ich keinesfalls das Kind in meinem Bett schlafen lassen soll und holte eine Vielzahl von Forschungsarbeiten zum Thema plötzlicher Kindstod und Schlafsituation raus.

Das Problem war, mein Sohn weinte, wenn er krank war, viel und hörte eigentlich immer erst dann auf, wenn er nah an meinem Körper wär – auch nachts.

Um es anders auszudrücken, ich hatte die Wahl zwischen Schreien, plötzlichem Kindstod oder dem Wechsel des Arztes. Nachdem ich mich beruhigt hatte, entschied ich mich für Letzteres.

Bevor ich Kinder bekam, hatte ich – abgesehen von meinem Dasein als Au-Pair von Schulkindern – weder Erfahrung noch Interesse an Kindern. Mein beruflicher Hintergrund ist nicht pädagogischer, entwicklungspsychplogischer oder medizinischer Art. Ich bekam Kinder, weil der Mann und ich Lust auf Familie hatten.

Bereits in der Schwangerschaft kaufte ich Ratgeber und nach der Geburt kaufte ich weiter. Ich wäre bestens über Stillen, schlafen, Ernährung, Erziehung, Phasen der Entwicklung, Toilettentraining, Störungen, Abnehmen nach der Schwangerschaft und vielem mehr informiert gewesen, wenn die Bücher sich nicht gegenseitig widersprochen hätten und vor allem immer weit an meiner Lebensrealität vorbeigeschliddert wären.

Es gibt ein einziges Buch über (kleine) Kinder, das ich empfehlen kann. Kinder verstehen von Herbert Renz-Polster. Leider habe ich es erst gelesen, als ich einige Jahre später meine Tochter bekam. Was ich an dem Buch so schätze ist folgender Ansatz: weltweit gibt so viele verschiedene Konzepte von der richtigen Erziehung, vielleicht sollte man sich mal von dem optimalen Konzept verabschieden und entspannen.

Keine Ahnung ob Renz-Polster mit meiner Interpretation seines Buchs einverstanden wäre, aber mir hat es sehr geholfen: Ich entspannte.

Ein Glück, denn nur so kann ich den Kampf der Erziehungs-, Ernährungs-, und Daseinsratgeber und Meinunghaber ertragen, der sich nach wie vor immer wieder ungefragt in mein Leben spült.

Aktuell ist es ganz besonders Trend die sogenannte Helikoptereltern zu bashen. Eltern, die ihren Kindern die ganze Arbeit abnehmen, sie von der Welt abschirmen und sie so zu unfähigen, abhängigen und unglücklichen Menschen heranziehen.

Aber das sind Details, sicherlich wird in den nächsten Jahren eine andere Erziehungssau durch das Dorf getrieben.

Hintergrund für die ewigen Tiraden gegen angeblich schlechte Eltern und angeblich gestörte und unglückliche Kinder scheint mir – neben einer ökonomischen Motivation der Autoren und Verlage – der sadistisch-arrogante Wille, den Menschen wenigstens ein schlechtes Gefühl zu geben, wenn sie schon nicht die gleichen Erziehungsideale haben, die eine selbst ernannte Erziehungsfachkraft deklariert hat.

In nun sechs Jahren mit Kindern habe ich festgestellt, dass Erziehung keine klare Sache ist. Kinder sind keine Automaten, bei denen man nach dem Geldeinwurf eine Nummer wählt und ein Mars in den Schacht fällt.

Kinder machen schon ab einem sehr frühen Zeitpunkt sehr oft was sie wollen und für richtig halten. Das ist nervig, wenn man sie zum 10. Mal darum bittet, sich anzuziehen, aber sehr gut zu wissen, wenn man sich fragt, ob man an ihrer Erziehung nicht gerade scheitert. Denn auch bei einer mittelmäßigen Kindheit haben sie so aus sich heraus die Möglichkeit, ganz wunderbare Leute zu werden.

In den letzten Monaten feierten wir mehrere Kindergeburtstagspartys mit 6-10 Kindern. Dabei fiel mir immer wieder auf, wie angenehm die Freunde meiner Kinder sind: höflich, lustig, selbstständig, mit überraschend guten Manieren am Tisch und gleichzeitig laut und anarchistisch wild.

Ich finde, die Kinder in meiner Umgebung alle ziemlich fein und habe den Eindruck, dass es sich um angenehme Menschen von guten Eltern handelt.

Eltern, die womöglich andere Ideale, Erziehungsstile und Ängste haben als ich. Aber auch Leute, die ihre Kinder lieben und ihnen helfen wollen, sich in der Welt zurecht zu finden.

Meines Erachtens ist das ziemlich viel und nicht schädlich.