Verständnis ist keine Option

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Heute war ich mit meiner Familie in Berlin im Holocaustmahnmal.
Ich habe mich früher oft gefragt, wie Menschen dazu kommen, anderen Menschen so etwas anzutun, wie eine ganze Nation einem grausamen Sadismus verfallen kann. Die Wahl in den USA zeigt, wie viele Menschen willig sind, andere Menschen zu verachten und zu quälen. Sie genießen es, sich über anders aussehende, anders denkende, anders glaubende und anders liebende zu erheben und ihnen immer wieder zu sagen und zu zeigen, wie abartig sie sie finden und ihnen immer wieder die Gleichberechtigung abzusprechen.

Wer glaubt, dass sei ein Problem, dass sich nur auf die USA beschränkt, ist naiv. Bei uns ist das Thema genauso aktuell. Die AfD zieht fröhlich in die Landtage ein und die Antwort vieler Parteien, Politiker und Medien ist, sich diesen Menschen anzunähern, sie zu verstehen oder gar ihre Ideen und ihre Rhetorik zu übernehmen. Gern wird die politische Korrektheit gar als Ursache gesehen dafür, dass immer mehr Menschen marodierend umherziehen,
Flüchtlingskinder zum heulen bringen, Menschen mit Gewalt drohen oder gar angreifen oder Leute im Internet mit Hassparolen belästigen und bedrohen.

Aber wer das alles mal logisch durchdenkt, muss zu dem Schluss kommen, dass die politische Korrektheit nichts damit zu tun hat. Anstand und Respekt können nicht das Problem sein. Keine Diskussion wird durch Beschimpfung und Beleidigung besser. Es geht hier ausschließlich um die Freude an der Verachtung, an der Demonstranz der eigenen Überlegenheit und des Machtanspruchs. Wer sich so verhält, ist nicht intellektuell oder gesellschaftlich abgehängt worden. Wer sich so verhält, hat einfach keine gesellschaftliche Integrität. So eine Person möchte nicht abgeholt werden, so eine Person möchte ohne die Gefahr der Konsequenz anderen das Leben zur Hölle machen.

Deshalb ist die Behauptung, man dürfe ja nichts mehr sagen, so irre ironisch. Dieses Gejammer derjenigen, die ohnehin schon mehr Gehör finden als alle anderen, die Angst und Schrecken verbreiten, die andere beleidigen, möchte ich nicht mehr akzeptieren. Nur dass ich nicht falsch verstanden werde, ich habe kein Problem mit der Äußerung von Meinung. Ich kämpfe sogar gern mit dafür, dass die vermeintlich unterdrückte „Mehrheit“ weiter rassistische, sexistische und homophone Dinge sagen darf. Zensur – da sind wir uns einig – ist keine Option. Aber was ich ihnen nicht zugestehen werde, ist eine Berechtigung oder gar eine Entschuldigung. Es gibt keine rassistische Äußerung, die besser wird, wenn man ein „Ich bin kein Rassist, aber…“ davorsetzt. Es gibt keinen Grund andere Menschen wegen Hautfarbe, Geschlecht, Religion oder Sexualität zu degradieren. Menschlichkeit und Humanismus können nicht relativiert werden.

Das kann man anders sehen, aber dann muss man sich eben auch fragen lassen, welche niederen Instinkte dahinter stehen. Nach der Wahl von Trump halte ich fast alles für möglich. Aus diesem Grunde ist es wichtiger denn je, Dinge zu benennen, statt sie zu entschuldigen.

Politische Korrektheit ist nicht das Problem

Am Mittwoch dem 26.10.16 war ich Gast beim 27. EuropaAbend in Hamburg. Dort hielt Günther Oettinger eine Rede über Wirtschaft und Solidarität im digitalen Zeitalter – wie sichern wir Europas Zukunft?.

An meinem Tisch saßen überwiegend Männer geschätzt zwischen 40 und 70 Jahren und ein paar Frauen zwischen 35 und 60 Jahren. Das Tischgespräch war etwas langweilig, der Gesprächseinstieg lief über die Frage, was für ein Unternehmen man hat. Einige kannten sich wohl schon länger und tauschten sich über Sport, Urlaubsreisen oder die Auslandserfahrungen ihrer Kinder aus. Mit einer Anwältin sprach ich über Strategien in der Zusammenarbeit mit Männern. Der Abend mit gutem Wein und leckerem Essen zwischen wohl situierten Menschen mit hohem Bildungsniveau hätte unspektakulär nach dem Dessert enden können.

Dann aber kam Oettingers Rede. Vor einigen Jahren hatte ich im gleichen Rahmen eine Rede von Wolfgang Schäuble gehört. Ich war damals überraschend begeistert gewesen. Es besteht für mich nicht die Notwendigkeit, politisch mit jemandem übereinzustimmen, um beeindruckt und bewegt zu sein. Schäubles Rede war ein intelligenter Ritt durch die Historie Europas, ein Plädoyer für Frieden, Einigkeit und Respekt. Auf dieser Ebene finden wir einen gemeinsamen Nenner. Einen Nenner, der essentiell ist, für ein Europa, in dem ich leben möchte.

Oettinger muss man lassen, dass auch er hinter einer gemeinsamen europäischen Idee steht. Dann aber lässt er alles missen, was ich von einem Politiker erwarte, der auf einer hohen Position mit der Umsetzung dieser Idee betraut ist.

Kompetenz (in digitalen Themen, seinem Ressort):

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Respektvoller Umgang mit Menschen und das Wissen darüber, dass rassistische, sexistische und homophobe Witze nicht witzig sind und Menschen verachten und kränken:

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Als ich darüber twitterte, gab es einiges an Feedback aber nichts Weitreichendes. Glücklicherweise wurden Teile der Rede auch von Sebastian Marquardt gefilmt und als YouTube-Video online gestellt. Dies führte dann tatsächlich dazu, dass das Thema medial aufgegriffen wurde. Und auch Oettinger reagierte endlich. Seine Erklärung zeigt aber vor allem sein fehlendes Problembewusstsein. Auch hiermit beweist er, eine Fehlbesetzung in der europäischen Spitzenpolitik zu sein.

Aber Oettingers Rede war nicht das, was mich an diesem Abend am meisten verzweifeln ließ:

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Während der Rede wurde – nicht von allen und anfangs auch noch zurückhaltend – viel gelacht und geklatscht. Und zwar genau an den Stellen, an denen Oettinger die Grenzen von Anstand und Respekt überschritt. Insofern stimmt es, wenn er gegenüber der Welt sagt:

„Auf der Veranstaltung habe ich viel positiven Zuspruch bekommen.“

Am Tisch kam es nach der Rede zu einer Diskussion. Viele am Tisch hatten sich bestens amüsiert über die Witze Oettingers, einige schwiegen betreten oder äußerten ihre Kritik nur im direkten Gespräch. Ich kritisierte, – gerichtet an die ganze Tischrunde – dass ich einen großen Widerspruch in der Rede sehe. Wie können wir als Europa für ein humanistisches Weltbild christlich-jüdischer Prägung stehen, wenn dieses die Verhöhnung diverser Gruppen beinhaltet? Das europäische Weltbild, das ich meinen Kindern vermitteln möchte, beinhaltet Anstand, Toleranz und Respekt. All das war nicht Bestandteil der Rede Oettingers.
Gleich kamen relativierende Reaktionen: „Wie kann man sich nur so über ein paar Worte aufregen?!“ oder „Ist doch toll, wenn jemand mit so einer kontroversen Rede die Grundlage für eine Diskussion legt.“ Ich verließ irgendwann den Tisch und wusste, dass die meisten mich für eine wirre Spinnerin hielten.

Auch später im Fahrstuhl meinten ein paar Gäste, sie wären positiv überrascht gewesen, dass Oettinger eine so kurzweilige Rede gehalten hätte. Als meine Begleitung und ich darauf hinwiesen, dass diese Kurzweiligkeit auf rassistischen und homophoben Witzen basierte, schienen sie dies überhaupt erstmals wahr zu nehmen. Anders als bei einige Herren an meinem Tisch folgte hier immerhin keine absolute Abwehrhaltung.

An all das fühlte ich mich erinnert, als ich Claus Klebers Kommentar zu dem Thema auf Twitter las:

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Unabhängig davon, dass ich gerade von Kleber keine Ignoranz fleischhauerigen Ausmaßes erwartet hätte, bin ich an dem Punkt angekommen, an dem ich einfach kein Verständnis mehr habe.

Ich erkläre gern warum:

Der Abend mit Oettinger hat mir gezeigt, dass wir kein Problem mit zu viel politischer Korrektheit, sondern mit zu wenig politischer Korrektheit haben. Wir können nicht die AfD und ihre Freunde als politische Brandstifter bezeichnen und dann die gleiche Sprache benutzen. Nicht die politisch korrekte Sprache ist das Problem. Das Problem sind diejenigen, die nicht in der Lage sind, eine unterhaltsame Rede zu halten, die ohne Beleidigung und Degradierung auskommt. Wie bei der Kindererziehung geht es auch in der Politik um Vorbildfunktion. Die Welt lässt sich nicht verbessern, indem wir die Sprache der Ignoranz, Separation und Bösartigkeit übernehmen, sondern indem wir die von uns proklamierten humanistischen Werte leben und so auch sprechen. Sprache ist keine leere Hülle, sie repräsentiert unser Tun. Ein Medien-Mann wie Kleber sollte die Macht der Sprache kennen.

Ich fürchte, das Kernproblem ist ein anderes. Es geht um die hegemoniale Deutungsmacht. Wenn man jahrzehntelang gewohnt ist, dass man ohne Konsequenz tun und sagen kann, was man will, dann irritiert einen dauerhafte Kritik. Dann wirken diejenigen, die einen auffordern, das eigene Handeln zu überdenken wie eine Bedrohung. Man wünscht sich zurück in eine Zeit, in der ein weißer Mann nur durch einen anderen weißen Mann kritisiert werden konnte. Politische Korrektheit ist eine Reißzwecke auf den Stühlen der Klebers, Fleischhauers, Oettingers, Martensteins und Matusseks, klein aber nervig. Inhaltlich können sie nicht dagegen argumentierten. Also nutzen sie die Strategie der Verharmlosung, sie machen sich darüber lustig, sie verunglimpfen und setzten den Kontext einer albernen Hysterie oder sehen sich als Opfer von Shitstorms.

Meine Damen, aber vor allem meine Herren, Sie sind nicht die Opfer. Sie sind die Ursache und es ist mir eine Ehre die nervige und hysterische Reißzwecke auf Ihrem Stuhl zu sein.

Wie ich meiner Tochter was vorlas und dann einen feministischen Rant schrieb

Ich habe der Tochter neulich vor einer Reise ein Heft von Sofia, die Erste gekauft. Weil sie gerade erst lesen lernt, habe ich ihr Teile daraus vorgelesen. In dem Hauptcomic geht es um Sofias Stiefschwester Amber. Amber hat einen Zwillingsbruder namens James. Sie findet es doof, dass sie immer zusammen Geburtstag feiern müssen und will ihn zwei Monate jünger zaubern lassen. Der Zauberer macht einen Fehler und James ist nun zwei Jahre alt. Kaum ist der Bruder zum Kleinkind geworden, tapert er los und ist auf einmal verschwunden. Besorgt suchen Sofia und Amber nun nach dem verlorenen Kleinkind. Am Ende singt Amber ein Lied, dass sie früher zusammen mit ihren Bruder gesungen hat und der kleine Junge wird davon angelockt und taucht wieder auf. Voller Reue bittet Sofias Freundin nun den Zauberer, ihren Bruder wieder groß zu zaubern. Alle haben sich lieb.

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Obgleich ich ein großer Freund von Harmonie, Friedlichkeit und miteinander klar kommen bin, hat mich dieser Comic total wütend gemacht. Warum in aller Welt können kleine Mädchen nicht mal was Spannendes erleben? Warum müssen sie sich um (klein gezauberte) Brüder kümmern? Warum ist das Aufregendste im Leben einer Prinzessin eine Geburtstagsparty? Neulich las ich einen Text über Hörspielhelden wie Bibi Blocksberg, TKKG oder Benjamin Blümchen. Dabei musste ich daran denken, dass Conny, Prinzessin Lillifee und Bibi Blockberg Figuren sind, die auch das Wahlprogramm der CSU vermarkten könnten. Spießig, brav, angepasst, konservativ, salonfähig xenophob, und immer voller Reue, wenn mittels der eigenen besonderen Fähigkeit die Kompetenzrichtlinien überschritten wurden. Gerade bei Bibi Blocksberg ärgert mich immer wieder ihre Verweigerung zu hexen. Sie könnte viel Gutes, Schlechtes, Spannendes oder Unheimliches tun und erleben, aber statt dessen ist ihr Fernziel die gesellschaftliche Anpassung trotz ihrer Hexenfähigkeiten. Das spannendste weibliche Rollenmodell für Kinder in der Mainstreamkultur ist Pippi Langstrumpf. Das heißt seit 71 Jahren ist nicht groß was Neues und Aufregendes hinzugekommen. In den Geschichten mit vorrangig männlichen Figuren wie Ninjago, Nexo Knights oder Pokémon geht es indessen um kämpfen, reisen, Prüfungen bestehen und oft um nichts Geringeres als die Rettung der Welt.

Während ich meiner Tochter aus der Cliché-Welt von Sofia vorlas, musste ich an Orna Donaths Buch Regretting Motherhood – Wenn Mütter bereuen denken. Man muss seine Mutterschaft nicht bereuen, um nachvollziehen zu können, dass Mutterschaft in unserer Gesellschaft mythisch überhöht wird und wenig mit der Realität zu tun hat. Ich erinnere mich gut, wie ich mich gefreut hatte, endlich ein Kind zu bekommen. Als mein Sohn da war, fühlte ich mich, als wäre ich mit ihm auf einer einsamen Insel ausgesetzt worden. Ich hatte das Gefühl geistig zu veröden und gleichzeitig musste ich 24 Stunden am Tag zur Verfügung stehen. Fühlte ich mich schon während der Schwangerschaft und der Geburt kontrolliert und überwacht (Gewicht, Herztöne, Nahrung), so fühlte ich mich nach der Geburt allein gelassen mit dem Kind, wurde aber gleichzeitig von den Standards der „guten Mutter“ überwacht. Ich habe in den Monaten der Elternzeit Wege für mich gefunden, gut damit umzugehen. Aber ich verstehe jetzt jede Frau mit einer postnatalen Depression oder dem Gefühl, die Mutterschaft zu bereuen. In unserer Gesellschaft ist Mutterschaft sehr eng verbunden mit der Erwartung an eine weibliche Selbstaufgabe.

Herbert Renz Polster hat in seinem wirklich sehr empfehlenswerten Buch Kinder verstehen analysiert, dass unser gesellschaftliches Konstrukt der Kleinfamilie (die Idee von Mutter-Vater-Kind ist nämlich mitnichten natürlich oder gottgegeben) häufig dazu führt, dass Schwangere und Mütter vom gesellschaftlichen Leben isoliert werden oder sich isoliert fühlen. In Gesellschaften mit Clanstrukturen ändert sich durch eine Schwangerschaft oder die Mutterschaft wenig für die Frauen. Sie gewinnen ggf. an Ansehen, verlieren aber nicht ihre Aufgaben oder gesellschaftliche Stellung. Durch die Anwesenheit vieler Bezugspersonen wird die Mutter zudem entlastet und nicht durch die Monopolstellung als Mutter-Bezugsperson überlastet.
Bei uns wird die Frau mit Kind zur Mutti. Jemand der sich kümmert und arbeitet aber gleichzeitig nicht besonders ernst genommen wird. Muttis kommen nicht ins Feuilleton, sie schreiben Blogs und Bücher für andere Muttis. Sie sind eng mit dem Privaten verbunden und sobald es politisch wird, sind sie nur als Zaungäste geladen. Ich möchte mich jedes Mal übergeben, wenn Männer z.B. Entscheidungen über Abtreibung fällen. Ich denke da immer: kein Uterus, keine Ahnung. Wenn die Frau nicht zeitnah wieder Vollzeit arbeitet, wird sich ihre berufliche Stellung stark ändern. Beruflich wird sie eine Teilzeitmutti ohne Karrierechancen, dafür mit kleinerem Gehalt und mit einem dauerhaft schlechtem Gewissen gegenüber der Arbeit und der Familie sein. Oder sie bleibt Hausfrau und wird belächelt. Das Berufsbild der Hausfrau hat in etwa den gesellschaftlichen Status eines Opel Corsas: fährt aber ist nicht erstrebenswert. Steven Nelms hat errechnet, was die Arbeit einer Hausfrau kosten würde, wenn diese von Dienstleistern übernommen werden würde. Eine Hausfrau käme damit auf ein (konservativ geschätztes) jährliches Gehalt von 67.800$ (ca 60.000€).

Das heißt, die wirtschaftliche Kraft der Arbeit einer Hausfrau entspricht einem mittleren Managementgehalt. Dagegen ist das Gehalt in der Elternzeit (maximal 21.600€ jährlich aber auch nur für einen begrenzten Zeitraum) ein Trostpflaster. Wie ist es also möglich, dass Frauen willig diese Carearbeit machen und keinen Cent dafür erwarten? Es gibt genug Leute, die behaupten, die Pflege und Sorge für Kinder und Angehörige läge in den Genen der Frau. Die Reaktionen auf Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen, offenbaren beängstigend deutlich, wie tief verankert die
Vorstellung ist, das Frauen von Natur aus Mutter sein wollen und können. Einer Frau, so wird es vermittelt, ist die mütterliche Selbstaufgabe in die Wiege gelegt. Nach zwei Kindern und 39 Jahren auf der Welt kann ich nur annehmen, dass ich entweder einen Gendefekt habe oder dass es sich dabei um eine absurde Behauptung handelt. Eine Behauptung, die dazu führt, dass Frauen oft nicht nur Lohnsteuer zahlen, sondern auch kostenlos die Pflegearbeit in der Gesellschaft übernehmen. Dass diese Arbeit im konkreten gern belächelt und kleingeredet wird, setzt dem ganzen ein Krönchen auf. Ich merke immer wieder wie selbstverständlich über die mütterliche Arbeitskraft verfügt wird, wenn ich mich nicht für Kuchenbüffets oder Dienste bei Schulfesten melde. Neulich wurde mir drei Mal eine Liste gereicht, weil ich mich noch nicht eingetragen hatte. Beim vierten Mal wäre ich vielleicht eingeknickt. Gleiches gilt für Putzdienste. In der Kita einer Freundin müssen die Eltern alle paar Wochen samstags putzen. Ich habe dort noch nie einen Mann gesehen. Offenbar zählt putzen nur bei Frauen zur Freizeitgestaltung.

Wobei wir wieder bei Sofia der Ersten wären. Denn auch sie organisiert am liebsten Geburtstagsfeiern oder Übernachtungspartys. Sie ist eine Augenweide, sie vermittelt, vergibt, hat Verständnis, kuschelt und liebt. Sie ist Prinzessin aber sie regiert nicht und trifft nur Entscheidungen im privaten Bereich. Meine Tochter schaut sich also bereits mit 6 Jahren ein Heft (oder eine Serie) an, mit der sie auf ihre gesellschaftliche Rolle vorbereitet wird. Der Mythos der selbstlos-sorgenden Frau wird so aufrecht erhalten und soll wohl dafür sorgen, dass meine Tochter auch in 20 Jahren nicht auf die Idee kommt, dass irgendwas falsch läuft, wenn von ihr erwartet wird, ohne Geld und Anerkennung ein Maximum an Pflegearbeit zu leisten. Sie kann sich dann auf den jährlichen pathosbeladenen Muttertag freuen und sich die 363 restlichen Tage des Jahres erklären lassen, wofür eine Frau von Natur aus gemacht ist.

Das Jammern der Don Quijotes

Dave Hon hat vor kurzem geschrieben, warum er keine Feministin zur Freundin haben möchte. Von all der digitalen und analogen Trollerei sind es solche Äußerungen, die mich tatsächlich mal amüsieren.

Welche Motivation hat ein Mann, wenn er sich an den Computer setzt und schreibt, dass er keine Feministin heiraten würde? Was für eine Idee liegt den Kommentaren zugrunde, in denen Feministinnen als schlechte Partnerinnen dargestellt werden? Hintergrund kann ja nur sein, Frauen durch den Entzug von Liebe, Sex oder der Aussicht auf eine Beziehung zu bestrafen. Damit diese Strafe (ich ficke keine Feministin) oder Drohung (wenn du Feministin bist, ficke ich dich nicht) funktionieren kann, müssen zwei Voraussetzungen gegeben sein:
A) Frauen sehnen sich nach Beziehungen und Sex mit Männern. Diese Sehnsucht ist groß, denn die Beziehungslosigkeit stellt ein Stigma dar. Dieses Stigma ist so enorm, dass Beziehungslosigkeit als Strafe empfunden wird. Ergo setzt eine Frau alles daran, eine Beziehung mit einem Mann zu haben. Im Zweifel schwört sie sogar dem Feminismus ab, um ihrem Lebensziel näher zu kommen.
B) Männer, die oben genannte Aussagen tätigen, halten sich für Hauptgewinne. Der Entzug ihrer Liebe oder ihrer Aufmerksamkeit führt bei Frauen zu schierer Verzweiflung, weshalb Frauen alles für den Mann tun werden, um ihn (zurück) zu erobern.

Rückenwind erhalten diese theoretischen Voraussetzungen z.B. von Frauenmagazinen. Darin steht nach wie vor, was eine Frau zu tun hat, um einen Mann für sich zu gewinnen. Auch das Rollenmodell der Prinzessin, die untätig im Schloss auf ihren aktiven Prinzen wartet, ist nicht tot zu bekommen. Das ändert aber nichts an der Realität. Es gibt Frauen, die ganz wunderbar ohne Beziehung leben können und wollen. Es gibt zudem Frauen, die einfach kein Interesse an Männern haben. Außerdem gibt es keine Knappheit der „Ressource Mann“. Seit meiner frühen Adoleszenz konnte ich viel Erfahrung darin sammeln, mir Typen vom Hals zu halten, die ich nicht wollte. Natürlich wurde auch ich zuweilen abgewiesen aber als Frau stellt man schnell fest: Männer sind ausreichend vorhanden.

Weil es trotzdem nicht so einfach ist – mit Liebe und Partnerschaft – wird viel hin und her analysiert. Alle paar Monate behauptet jemand, dass Frauen nur richtige, maskuline Kerle haben wollen und die ganzen „weichen“ Männer übrig bleiben. Ich halte diese Aussage für verkürzt und falsch. Ein Problem ist unter anderem, dass sich die Falschen für richtige Kerle halten. Ein Mann wird durch respektloses und dummes Verhalten nicht anziehender, sondern offenbart vielmehr den Grad seiner Arschlochigkeit. Die Frustration darüber, dass die, die sich für „ganze Kerle“ halten, im Männerangebot untergehen und alleine bleiben, wird gern umgemünzt in eine Dämonisierung des Feminismus. Womit wir wieder bei Dave Hon und seinen Freunden angekommen wären.

Sie sind die Don Quijotes unserer Gesellschaft. Ihre Windmühle ist der Feminismus. Indem sie ihn dämonisieren, machen sie sich zu Witzfiguren in einer Welt, die ganz hervorragend ohne sie zurecht kommt.

Das ist kein Feminismus, das ist Scheiß-Werbung

H&M hat für die Herbstsaison ein Video produziert und alle überschlagen sich mit Euphorie. Endlich wird die dicke, dünne, androgyne, haarige und multiethnische Frau gehuldigt, endlich bekennt sich auch H&M zum Feminismus, zur Selbstliebe und einem facettenreicheren Frauenbild.

What the fuck. Das ist kein feministisches Manifest, das ist Werbung. Ich habe selbst auch schon Werbung verlinkt, die ich tolle fand und auch ich hätte dem Clip gern euphorisch zugejubelt. Aber H&M für einen Clip zu loben, der mal nicht total beliebig und trivial ist und kein beknacktes Frauen- und Körperbild transportiert, ist als würde man Blatter dafür loben, nur die Hälfte an Schmiergeldern angenommen zu haben.

Während im Clip also in den ersten Sekunden eine dralle Frau in Unterwäsche durchs Bild läuft, schließt H&M fröhlich die Plus-Size Abteilungen in diversen Filialen. Vor kurzem erst versuchte ich, in Hamburg in der Filiale Jungfernstieg, eine Jeans in meiner großen Größe zu kaufen. Die Abteilung gab es nicht mehr. Auf meine Twitter-Nachfrage hin wurde ich auf den Filialenfinder auf der Website hingewiesen, der auf dem Handy aber nicht funktioniert. Was doof ist, wenn man beim Shopping kein WLAN-fähiges Laptop dabei hat.

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An diesem Tag bestellte ich online zum letzten Mal zwei Paar Jeans bei H&M und suche jetzt nach gut passenden Alternativen.

Als Antwort auf meinen Eintrag bei Facebook wurde mir erklärt, dass ich mit der App auch auf dem Handy Filialen mit Plus Size raussuchen kann. Ich habe das mal probiert. Leider gibt es keinen entsprechenden Filter.

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Entweder hat H&M in jeder Filiale nun auch Kleidung für Frauen mit Größe 44/46 und drüber oder sie haben diese Größen nun komplett rausgenommen, möchten dies aber nicht so klar kommunizieren. Letzteres ist mein Verdacht. Immerhin kann man noch online große Größen bestellen. Fakt ist, H&M hat in New York City alle großen Größen aus den Geschäften genommen. Das ist umso absurder, als dass die durchschnittliche Amerikanerin Größe 46/48 trägt. Ich kann mir für diese Strategie nur zwei Gründe vorstellen:

1) H&M ist nicht am Verkauf ihrer Ware an möglichst viele Menschen interessiert. Wenn ich online einkaufe, bin ich viel preisbewusster als im Geschäft. Besonders interessant ist die Verkaufsverweigerung wenn man in Betracht zieht, dass H&M schon lange nicht mehr konkurrenzlos ist. Möglicherweise glauben die entsprechenden Manager mit weniger verkaufter Ware mehr Gewinn zu machen. Das wäre dann mal eine interessante antikapitalistische Strategie.

2) H&M hat Angst, ihr Image zu verlieren, wenn sich auf einmal viele dicke Menschen in ihren Filialen rumtreiben und ihre Kleidung tragen. In diesem Fall müsste das Image mehr Wert sein, als 30% mehr verkaufte Ware (Schätzwert von mir).

Was auch immer hinter der Verweigerung von H&M steht, dicken und fetten Menschen Kleidung zu verkaufen, der Werbespot wirkt in diesem Licht wie eine höhnische und bösartige Verarschung.

H&M entdeckt den Feminismus also nur für Frauen bis Größe 44 und auch nur für Mädchen mit einem schmalen Körperbau. Meine sehr schlanke Tochter passt hervorragend in die „Jungs-Kleidung“ Größe 124 aber die Röhrenjeans und knappen T-Shirts der „Mädchen-Kleidung“ Größe 124 sitzen eng und unbequem. Was für eine verkackte Form von Feminismus ist das bitteschön, wenn schon 6jährigen das Gefühl vermittelt wird, dass sie zu breit und zu kräftig für ihre Kleidung sind? Was für kranke Idioten mit Lolita-Fantasien entscheiden bei H&M darüber, in was für einen Schnitt ein 6jähriges Mädchen passt? Das ist kein Feminismus, das ist frühkindliche Prägung für ein schlechtes Körpergefühlt. Interessanterweise passen die Kindersachen in der gleichen Größe bei C&A deutlich besser.

Und bei all der Euphorie, dass jetzt auch H&M entdeckt, dass Feminismus Trending Topic ist, vergessen wir nur zu schnell, für was für einen kleinen Kreis diese Emanzipation gilt. Nämlich nur für die Frau der reichen, westlichen Welt. Einen Dreck geben wir und gibt H&M für die Näherinnen, die dafür sorgen, dass wir die Stoff gewordenen Coolness des Feminismus an unseren hippen normschönen Körper tragen. Sehr schön hat Josefine Schummeck dazu geschrieben: Liebes H&M, auch mit langen Achselhaaren gewinnst du mich nicht zurück

Alles in allem hat mir der Clip nochmal vor Augen geführt, warum H&M scheiße ist und warum ich keinesfalls mehr dort einkaufen sollte, weder analog noch digital.

Swim Challenge Cascais

Einmal im Jahr gehe ich für ein paar Tage Wellen reiten. Oder besser: ich nehme Unterricht, versuche mich auf dem Brett zu halten oder im besten Fall ein paar Sekunden darauf zu stehen. Bei der Terminwahl in diesem Jahr recherchierte ich in der Openwaterpedia, ob nicht zufällig zur gleichen Zeit auch ein Freiwasserschwimmwettbewerb in Portugal stattfindet. So stieß ich auf den Swim Challenge Cascais, nach eigenen Aussagen der größte Freiwasserschwimmwettbewerb in Portugal.

Angeboten wurden die Strecken 1.9km (offen), 3.8km (offen) und eine Meile (nur für bestimmte Schwimmer). Zudem gab es noch zwei Kinderwettbewerbe (200m und 400m). Ich modifizierte meine geplanten Reisetermine ein wenig – der Mann überredete mich, lieber die Termine zu verschieben, als bis zum nächsten Jahr zu warten – und meldete mich für die 1.9km für eine Startgebühr von 15€ an.

Da ich mich im Juli schon angemeldet hatte, nutzte ich den Urlaub im August am Mittelmeer, um zu trainieren. Morgens gegen 8 Uhr stieg ich ins klare und spiegelglatte Mittelmeer. Ich hatte mir zuvor Trainingsflossen gekauft. Hauptgrund war meine Angst vor dem offenen Meer gewesen. Mit Flossen – so meine Überlegung – würde ich viel schneller vor möglichen Quallen oder Raubfischen flüchten können. Dass ich auf giftige Quallen und Raubfische stoßen würde war genauso unrealistisch, wie der Glaube daran, mit den Flossen schneller als ein Hai zu sein. Aber als psychologischer Trick funktionierte es. Ich ging ins Wasser, schwamm 30-40 Meter raus aufs Meer und dann ca. 400 m an der Küste entlang und zurück. Je nach Laune schwamm ich das Stück ein zweites Mal, dann oft ohne Flossen. Ich konnte immer gut auf den 3-10 Meter tiefen Grund sehen. Nach einigen Bädern wusste ich, wo ich die roten kleinen Fische treffen würde, wo die Verankerungen diverser Bojen lagen, ich fand eine Gartentür aus Metall, die auf dem Grund des Bodens lag und wusste, an welchen Stellen das Seegras besonders gut wächst.

Als ich nach dem Urlaub wieder in der Alsterschwimmhalle trainierte, bemerkte ich, wie stark sich mein Beinschlag durch die Trainingsflossen verbessert hatte. Das Schwimmen fiel mir plötzlich deutlich leichter, jetzt wo meine Beine mehr Kraftarbeit übernahmen. Ich trainierte jetzt gezielt, 2km am Stück zu schwimmen. Ich brauchte dafür 51-54 Minuten. Ich wusste, dass dies nur eine mittelmäßige Zeit war aber ich wusste auch, dass ich es gut schaffen und problemlos ankommen würde.

In Portugal fielen kurzfristig meine beiden Surfstunden am ersten Tag aus. Ich nutzte die Gelegenheit und fuhr nach Cascais. Die Registrierung würde morgens von 7 bis 9 45 stattfinden, da wollte ich ungefährt wissen, wie lange ich mit dem Auto von Baleal brauchen würde. Die Strandpromenade von Cascais und Estoril erinnerte mich an die Côte d’Azur. Viele teure Hotel, viele schöne Menschen, viele Bars, Cafés und Restaurants.
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Am Praia da Duquesa war aber nichts vom Swim Challenge zu sehen, keine Plakate, keine Fahnen (jedes Surfschule, jedes Café hatte eine Werbefahne aufgestellt), keine Absperrungen. Ich suchte das Veranstaltungsbüro, einfach nur um sicher zu gehen, dass es die Veranstaltung auch geben würde. Als ich das Büro fand, schrieb ich dem Mann, dass jemand von meinen 15€ wenigstens eine Fahne gekauft hatte und ich die Hoffnung noch nicht aufgeben würde.

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Als nächstes wollte ich das Wasser testen, um zu entscheiden, ob ich mit Badeanzug oder Swimshorty schwimmen würde. Warum gibt es an großen Stadt-Stränden keine Spinde, die man mieten kann, um seine Wertsachen abzulegen? Wenn ich alleine reise, kann ich nie lange und konzentriert im Meer schwimmen gehen, da meine ganzen Sachen unbeaufsichtigt am Strand liegen. In Cascais fand ich ein wunderbares Becken.

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Es war eine kleine Bucht, die durch eine Wand (unterhalb der Wasseroberfläche) vom Meer getrennt war. Auf der Wand waren schmale Stangen eingelassen, die optisch die Grenze markierten. Über diese Wand schwappte das Meer, trotzdem fühlte man sich im Becken kuschelig-geschützt. Außerdem konnte ich meine Sachen auf eine der Treppen stellen, wo sie sicher vor dem Wasser waren. Vom Meer aus konnte ich jederzeit nachschauen, ob mein Rucksack noch da war. Das Wasser war sehr kalt. Nachher googelt ich und stellte fest, dass die Temperatur bei 18 Grad lag. Ich entschied mich, am nächsten Tag den Shorty zu tragen. Obwohl der Pool geschützt war, merkte ich die Wellenkraft des Atlantiks. Ich musste an Lynne Cox denken, die in ihrem „Open Water Swimming Manual“ schrieb:

„You are immediately lifted by the water, bounced by the waves, and massaged by the movement of your body through the water.“

Die Sicht unter Wasser war auch nicht vergleichbar mit dem sizilianischen Mittelmeer, ich konnte maximal einen Meter weit sehen. Ab und zu sah ich kleine Fische und kleine Plastikteile an mir vorbei schwimmen. Ich begann mich, auf den nächsten Tag zu freuen aber bekam auch Angst, ob ich die Strecke im kalten, salzigen Meer wirklich schaffen würde.

Am nächsten Morgen fuhr ich durch eine wunderschöne Nebellandschaft nach Cascais. Die Registrierung lief schnell und unkompliziert.
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Überhaupt war die gesamte Veranstaltung sehr gut organisiert, die freiwilligen Helfer waren alle ausgesprochen nett und es gab immer jemanden der im Notfall auf englisch aushelfen konnte. Mittlerweile sah ich auch die Bojen. Anders als in Hamburg gab es wirklich nur drei einzelne große Bojen und dann ein Zweierpaar durch das man zum Ziel schwamm.

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Um 8 30 hatte bereits der 3.8km Wettbewerb begonnen, bzw. er begann verspätet gegen 9 Uhr und war für mich beruhigend. Menschen, die ins Wasser gingen und wieder rauskamen, alles lief nach Plan. Ich besorgte mir ein leichtes Frühstück ging zum Strand, wurde mit meiner Nummer beschriftet und zog mich um.

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Meine Sachen konnte ich abgeben aber ich hatte noch einen Zettel in der Hand. Damit würde ich nach der Einweisung meinen Chip erhalten. Mit dem Zettel in der Hand ging ich ins Wasser. Ich wollte mich an die Kälte gewöhnen und wäre gern ein paar Züge geschwommen. Das ging aber wegen des Papiers nicht. So tauchte ich hockend ein, während ich den Zettel aus dem Wasser hielt. Andere Schwimmer wärmten sich mit schnellen Kraulzügen und ausgedehnten Runden auf. Die meisten waren in Begleitung, entweder ihrer Familien oder ihrer Trainingsgruppe. Ich wurde immer eingeschüchterter. Mit 174 Schwimmern, war alles viel größer aber die Vielfalt meines ersten Wettbewerbs gab es hier nicht. Die meisten Schwimmer trugen Ganzkörperneoprenanzüge, wirkten sehr trainiert und professionell. Wahrscheinlich würden sie nach dem Wettbewerb quer durchs Land nach Hause radeln oder laufen. Der Frauenanteil lag bei weniger als einem Viertel. Es gab ein paar dickere Frauen aber wir gehörten zur Minderheit. Ich wollte nicht die dicke Frau sein, die als Letzte in Ziel kommt. Der Wettbewerb sollte um 10 30 starten. Das Briefing begann kurz vor 11.

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Uns wurde gezeigt, dass wir zwei Runden (bzw. Rechtecke) um die Bojen drehen sollten. Nach der ersten Runde sollten wir ein kurzes Stück über den Strand laufen und dann wieder für die zweite Runde ins Wasser eintauchen. Die Unterweisung war auf Portugiesisch, das ich etwas verstehen kann, wenn ich mich konzentriere. Am Ende wurde gefragt, ob jemand eine englische Übersetzung braucht. Ich überlegte noch, als alle losgingen, um ihre Chips zu holen und ins Starterfeld zu gehen. Eine Portugiesin in Badeanzug fragte mich auf perfektem Englisch, ob ich noch Hilfe bräuchte. Ich fragte nach ein paar Dingen, bei denen ich mir nicht sicher war, ob ich sie richtig verstanden hatte. Sie war die einzige Mitbewerberin, mit der ich sprach. Ich stand irgendwo in der Mitte als es los ging und wir alle zum Meer liefen.

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Das Meer fühlte sich schön an und ich freute mich. Ich fühlte mich fit und ausgeschlafen und wollte losschwimmen. Obwohl der Platz viel größer war als in der Dove-Elbe ging es in Cascais deutlich aggressiver zu. Ständig hatte ich Beine und Arme auf meinem Körper. Ich war froh, dass mich niemand unter Wasser drückte, sondern nur schwimmend anrempelte. Ich ließ mich nach hinten fallen und versuchte, an den Rand des Schwimmfeldes zu gelangen. Offensichtlich war ich hier eine der wenigen, denen es um den Spaß am Schwimmen im offenen Meer ging.

Hinter der ersten Boje hatten sich die ambitionierten Kämpfer abgesetzt und ich fand eine Rinne in der ich versuchte, meinen Rhythmus zu finden. Die Orientierung klappte schon deutlich besser als beim ersten Mal. Ich atme am liebsten nach rechts, hatte aber in den letzten Monaten trainiert, auch nach links zu atmen und beim Kraulen zwischendurch nach vorn zu schauen, um die Orientierung zu behalten. All das half mir zwar aber dennoch wechselte ich öfter ins Brustschwimmen. Ich fühle mich in der Brustlage einfach am sichersten. Aber immerhin wechselte ich dieses Mal seltener und schwamm lange Strecken in der Kraullage. Ich brauche einfach noch mehr Selbstbewusstsein, ein bewussteres Atmen und die Sicherheit auch wirklich geradeaus schwimmen zu können. Ferner stellte ich fest, dass man sich keinesfalls an anderen Schwimmern orientieren durfte, den meisten fehlte selbst die Orientierung. Einige wurden von den Helfern in Kanus und auf Paddelsurfbrettern wieder in die Schranken gewiesen.

Am längsten und anstrengensten war der Weg von Boje eins zu Boje zwei, der Weg zum Strand war kurzweilig. Den Weg durch die beiden Zielbojen konnte man nicht verfehlen. Ich kam gut aus dem Wasser, lief über den Strand, überholte sogar eine Schwimmerin und brach dann im Wasser fast zusammen. Das Laufen hatte mich völlig rausgebracht. Hatte ich mich im Wasser noch gut gefühlt, hoffte ich nun, es überhaupt bis zur nächsten Boje zu schaffen. Meine Ehrfurcht vor Triathleten wuchs ins unermessliche. Mit ruhigen Brustzügen schaffte ich es zur Boje und zurück in ein schönes und entspanntes schwimmen. Der Weg zu Boje zwei war nicht nur der längste, sondern auch der welligste. Je weiter ich aus der Bucht schwamm, desto stärker merkte ich, dass ich wirklich in einem Ozean war. Die Wellen schaukelten mich und mir gefiel das sehr. An mir schwamm ein großer Fisch vorbei und ich bekam Hunger und dachte daran, dass ich so einen Fisch gern mit Kartoffeln und Sauce essen würde. Nach der zweiten Boje merkte ich, dass ich mich noch sehr fit fühlte. Ich überholte ein paar Schwimmer und zählte die Züge. Nach der Ziel-Doppelboje dauerte es doch noch ganz schön lange bis zum Strand. Angekommen ging ich langsam zum Ziel. Die Helferinnen am Ziel feuerten mich an und meinten ich solle mal hin machen. Außerdem sollte ich für das Foto lächeln. Noch sind die Bilder nicht online, aber ich weiß auch nicht, ob ich das sehen will. Ich bekam eine Flasche Wasser und eine Medaille. Als ich mich bückte, um den Chip, vom Fuß abzumachen, fiel ich fast hin. Routiniert – ich war offenbar nicht die erste – hielt mich eine Frau aus der Crew fest und nahm gleichzeitig den Chip ab.

Ich duschte mich ab, holte meinen Rucksack, setze mich auf eine Liege und machte Sieger-Fotos mit Selbstauslöser.

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Angezogen wartete ich auf die Ergebnisse, die an die Tür des Wettkampfbüros gepinnt wurden. Mit einer Zeit von 52:34 Minuten wurde ich 147. von 174 Schwimmern beziehungsweise 34. von 42 Frauen. Ich wäre gern unter 50 Minuten geschwommen aber ich freute mich, dass ich es geschafft hatte.

Ich aß zu Mittag und fuhr zurück in mein kleines beschauliches Baleal voller Vorfreude auf meine Surfstunden am Abend.

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