Vor ein paar Tagen verdeckte ich meinen aktuellen Arbeitsvertrag – verkürzte Stundenanzahl nach Elternzeit – unter anderen Papieren, damit ihn unser Babysitter nicht sieht und darüber nachdenkt, was man mit Mitte 30 alles so nicht erreicht haben kann.
Dieser Vertrag spiegelt offenbar mein berufliches Selbstbild wieder und darum scheint es nicht besonders gut bestellt.
Aber fangen wir mal vorne an. Ich habe einen geisteswissenschaftlichen Universitätsabschluss, spreche zwei Fremdsprachen fließend, habe Arbeitserfahrung in den Bereichen Dienstleistung und Controlling, liebe es Fehler und unergonomische Strukturen zu finden und zu ändern. Ich arbeite wirklich schnell und strukturiert. Außerdem kenne ich mich im Bereich Social Media aus und kann viele Menschen rhetorisch in Grund und Boden schreiben und reden.
Kurz, ich halte mich qualifiziert für Führungs- und Entscheidungsaufgaben. Ich gehöre zu den gut ausgebildeten Frauen, von denen man manchmal hört, weil sie karrierelos verschwinden.
Ich bin sozusagen eine Ausfallfrau. Eine, die Kinder bekommt und/oder einfach so aus dem gerade Lebenslauf aussteigt.
Die Ausfallfrauen sind ein großes Phänomen über das aber irgendwie keiner was sagen kann und möchte. Bei Karrierefrauen und Hausfrauen ist das Bild und damit die Diskussion klar und einfach. Beschrieben werden immer nur die zwei Pole, das Gros in der Mitte wird oft ignoriert.
Karriere klingt toll nach Unabhängigkeit und Anerkennung und nach Abgrenzung zum antiquierten und tristen Bild der Hausfrau und der Übermutter. Alles dazwischen ist undefiniert, erscheint unabgeschlossen und unbefriedigend.
Und während also alle darüber diskutieren, warum Frauen keine Karriere machen, machen sich die Wenigsten Gedanken darüber, was Karriere ist und was sie vor allem für den, der sie macht, bedeutet.
Karriere scheint per se ein Wert und schmückt die Person, die sie macht automatisch mit Attributen wie Intelligenz, Kompetenz und Stärke.
Dabei weiß jeder, der einmal einen Chef hatte, dass Vorgesetzte nicht immer aufgrund dieser Qualifikationen ihren Job bekommen haben. Karriere machen für gewöhnlich die, die am lautesten “hier, ich kann das” brüllen und am meisten Spaß daran haben, in verkrusteten Strukturen Allianzen zu schmieden.
Es gibt Ausnahmen, Chefs die tatsächlich Visionen, Entscheidungsfreude und Rückgrat haben, Unternehmen mit flexiblen Strukturen, die eben auch solche Menschen einbinden und fördern, aber das ist eben nicht die Regel.
Aber selbst wenn ich mir das vor Augen führe, kann ich mich nicht wirklich der Anerkennung und der Bewunderung für die, die es geschafft haben, entziehen.
Bei jedem Artikel oder Bericht über Karrierefrauen, die es gegen jede Wahrscheinlichkeit geschafft haben und nun anderen Frauen erzählen, wie es mit ein wenig Organisation und viel Disziplin, Durchsetzungsvermögen und Kompetenz super klappt, erfolgreich zu sein, dabei drei Kinder groß zu ziehen, attraktiv und schlank zu bleiben (wie schaffen die es imomer zum Friseur und zur Mani-/Pediküre?), auf Augenhöhe mit einem erfolgreichen Ehemann zu leben und um die Welt zu jetten*, möchte ich mich für meine Faulheit und Disziplinlosigkeit wie ein guter Piusbruder kasteien.
In solchen Momenten treffe ich oft auf Mütter die sich entspannt die Striemen der Sebstgeißlung auf meinem Rücken anschauen und sagen, dass diese Frauen eh alles falsch machen, denn warum bekommt (eben nicht Mann sondern) eine Frau Kinder, wenn sie sich nicht drum kümmert.
Und während ich überlege, in welchem Kapitel von Kafkas “Der Process” ich gelandet bin, frage ich mich, ob ich das Problem bin.
Von mir aus kann die eine Karriere machen und die andere zu Hause bleiben. Ich will das beides nicht. Ich sehe keine Mehrwert für mich darin, nach 16 Uhr an Meetings teilzunehmen. Um diese Uhrzeit haben bereits alle eine unangenehme Bürokaffeefahne und selten eine zündende Idee.
Genauso wenig sehe mich als Alleinunterhalterin meiner Kinder. Ich möchte nicht den ganzen Tag zu Hause sein und mir köstliche Kochrezepte und Bastelarbeiten ausdenken.
Ich möchte einer spannenden Arbeit nachgehen, Zeit mit meinen Kindern verbringen, mal was alleine mit dem Mann unternehmen, lesen, Serien und Filme gucken, schreiben, mich mit Freunden treffen und wenn dann noch Zeit ist, gern auch mal eine Runde schwimmen.
Vor kurzem las ich eine Sammlung von Interviews mit Topmanagern über ihre Arbeitszeiten. Wenngleich jeder von ihnen den Eindruck vermitteln wollte, den großartigsten Job der Welt zu haben, hatte ich eher das Gefühl, dass sie einer gut bezahlten Versklavung nachgehen.
Privatsphäre, eine eigene Zeiteinteilung überhaupt ein Leben neben der Firma waren nur marginal vorhanden. Sicherlich ist der Gestaltungsspielraum dieser Topmanager sehr spannend und auch der finanzielle Ausgleich könnte mich verlocken, aber in letzter Konsequenz ist das kein Leben, wie ich es führen möchte.
Ich bin nämlich faul. Faul insofern als dass ich eigentlich nicht die notwendige Energie in eine Karriere investieren möchte. Ich führe lange Pro- und Contra-Listen in meinem Kopf und stelle immer wieder fest, dass eine Konzentration auf das berufliche Fortkommen nicht in einem ausreichenden Maß meine persönlichen Bedürfnisse befriedigen würde.
Trotzdem verstecke ich meinen Arbeitsvertrag, denn meine Verweigerung eine “Leistungsträgerin der Gesellschaft” nach den herkömmlichen Regeln zu werden, ist mir selbst etwas unangenehm.
Es ist schließlich gesellschaftlich anerkannter, seine Gesundheit für die Karriere zu ruinieren (stressbedingte Krankheiten oder Doping im Sport, Job und Studium) als mit diversen Lebensmittelpunkten so zu jonglieren, dass ein zufriedenes Ganzes daraus wird.
Und wer faul ist, darf auch keine Ansprüche stellen. “Wie, Du willst nur Teilzeit arbeiten? Dann habe ich keine Aufstiegschancen für Dich.” oder “Du möchtest Anerkennung und Verantwortung? Dann musst Du auch mehr leisten. Wenn Du weniger als 40 Stunden arbeitest, ist das nicht möglich.”
Und dann ist auch klar, warum viele große Unternehmen Angst vor einer Frauenquote haben, sie werden nämlich gezwungen sein umzudenken.
Frauen scheinen sich nämlich schneller die Frage (via Anke Gröner) zu stellen, ob die berufliche Selbstaufgabe wirklich der Weisheit letzter Schluss ist.
Eine Quote würde – neben vielem anderen – nämlich auch bedeuten, dass Unternehmen viel häufiger gezwungen sein werden, auf die Bedürfnisse ihrer (weiblichen) Mitarbeiter einzugehen.
Die Frauen, die bisher nach der Elternzeit zähneknirschend die Abteilungsleitung aufgegeben haben, die irgendwann genervt aufgegeben haben und ein Geschäft mit Schnuckenhuck oder einen Dawanda-Account oder ein Bed and Breakfast eröffnet haben, würden vielleicht bessere und verlockendere Angebote von ihren Firmen unterbreitet bekommen.
Mit einer Quote wäre es vielleicht doch möglich, Teilzeit mit Verantwortung und Führung zu verbinden.
Und bevor die Gegner der Quote diesen Text ausdrucken und verteilen, um zu zeigen, dass Frauen nur Freizeit wollen und das Abendland wirklich untergehen wird, wenn die Quote kommt, möchte ich kurz darauf hinweisen, dass sich ein Umdenken vielleicht auch postiv auf das Leben der Skeptiker auswirken könnte. Ein abwechslungsreicheres Leben, eine angenehme Work-Life-Balance, mehr Zeit mit der Familie und eine bessere Gesundheit, sind nicht die unangenehmsten Dinge, die einem passieren können.
Statt also weiter Überstunden durch unnötige Präsenz zu kloppen, ist es doch viel sinnvoller, Konzepte zu erarbeiten, wie wir die Arbeit besser aufteilen, die Produktivität erhalten oder vielleicht sogar erhöhen. Dann geht auch kein Abendland unter.
*Sehr viel lieber schaue ich mir Borgen an. Eine Serie, die generell sehr empfehlenswert ist, nicht nur weil das Thema Frauen und Karriere so entspannt und beiläufig thematisiert wird.