Ich rolle mein Geschlecht

Eigentlich hatte ich vor einiger Zeit beschlossen, mich auf den Boden zu werfen und hin und her zu rollen, wenn irgendjemand wieder von Geschlechterrollen spricht. Aber dann war ich immer zu schüchtern und der Boden zu dreckig.

Mikael Krogerus hat im Freitag eine kleines Essay über die schwedische Sicht auf die deutsche Sexismusdebatte geschrieben. Männer baggern wie blöde ist lesenswert und spannend. Der letzte Abschnitt Der Bestseller „Min Kamp“ (nicht zu verwechseln mit der deutschen Version des Buchtitels) hat mich allerdings etwas verstört.

Nachdem er zwei Drittel des Textes dafür verwendet hat, zu berichten, wie entspannt das Geschlechterverhältnis in Skandinavien ist, liest man im letzten Abschnitt, dass die schwedischen Männer eigentlich total frustriert sind und Karl Ove Knausgårds Min Kamp, deutsche Version: Sterben wie eine Bibel lesen.

Nach der Beschreibung Krogerus geht es in dem Buch – es ist eigentlich ein Zyklus von 6 Büchern – um die Sehnsucht nach Freiheit und um die Angst, kein wilder Mann sein zu können oder zu dürfen.

Zunächst einmal fand ich es amüsant, dass Knausgårds Buch wohl das männliche Pendant zu 50 Shades of Grey ist. Als Tragisch könnte man interpretieren, dass sich Frauen anscheinden danach sehnen, sich Hals über Kopf in einen psychopathischen Typen zu verlieben, der sie manchmal ordentlich verprügelt und Männer allein irgendwo in der Wildnis sich selbst finden möchten.

Letztlich scheinen aber Frauen und Männer das gleiche Problem zu haben. Sie wollen was erleben, am liebsten Extase und Exzess.

Offenbar sind die Herangehensweisen unterschiedlich aber wie so oft sind sich Frauen und Männer ähnlicher, als es zunächst den Anschein hat. Denn das Bedürfnis ist das gleiche: Der Ausbruch aus den Zwängen der Alltäglichkeit.

Insofern kann ich das Gerede über die Rollen von Männern und Frauen nicht mehr hören. Wir alle haben unser Päckchen zu tragen und manchmal einfach keinen Bock mehr um 19 50 zwei kleinen Kindern die Zähne zu putzen. Nur weil ich eine Frau bin, mache ich das nicht lieber. Und wenn ein Mann diese Arbeit übernimmt, ist er kein Weichei.

Das Problem liegt woanders. Vielleicht in der Gesellschaft, die wenig Raum für persönliche Freiheit lässt. Vielleicht in der Illusion, dass man eine bestimmte Rolle auszufüllen hat, die irgendwie irgendwann mal so definiert wurde oder vielleicht daran, dass wir eine Sellvertreterdiskussion führen, anstatt uns einfach mal mit der Möglichkeit oder der Unmöglichkeit unserer Bedürfnisse befassen.

Insofern: geh in den Wald, schieß ein Reh, lass Dich fesseln, geh zur Pediküre oder betrink Dich eine Woche lang auf Mallorca aber schieb es nicht auf Deine Geschlechterrolle.

Karriere und irgendwas dazwischen

Vor ein paar Tagen verdeckte ich meinen aktuellen Arbeitsvertrag – verkürzte Stundenanzahl nach Elternzeit – unter anderen Papieren, damit ihn unser Babysitter nicht sieht und darüber nachdenkt, was man mit Mitte 30 alles so nicht erreicht haben kann.

Dieser Vertrag spiegelt offenbar mein berufliches Selbstbild wieder und darum scheint es nicht besonders gut bestellt.

Aber fangen wir mal vorne an. Ich habe einen geisteswissenschaftlichen Universitätsabschluss, spreche zwei Fremdsprachen fließend, habe Arbeitserfahrung in den Bereichen Dienstleistung und Controlling, liebe es Fehler und unergonomische Strukturen zu finden und zu ändern. Ich arbeite wirklich schnell und strukturiert. Außerdem kenne ich mich im Bereich Social Media aus und kann viele Menschen rhetorisch in Grund und Boden schreiben und reden.

Kurz, ich halte mich qualifiziert für Führungs- und Entscheidungsaufgaben. Ich gehöre zu den gut ausgebildeten Frauen, von denen man manchmal hört, weil sie karrierelos verschwinden.

Ich bin sozusagen eine Ausfallfrau. Eine, die Kinder bekommt und/oder einfach so aus dem gerade Lebenslauf aussteigt.

Die Ausfallfrauen sind ein großes Phänomen über das aber irgendwie keiner was sagen kann und möchte. Bei Karrierefrauen und Hausfrauen ist das Bild und damit die Diskussion klar und einfach. Beschrieben werden immer nur die zwei Pole, das Gros in der Mitte wird oft ignoriert.

Karriere klingt toll nach Unabhängigkeit und Anerkennung und nach Abgrenzung zum antiquierten und tristen Bild der Hausfrau und der Übermutter. Alles dazwischen ist undefiniert, erscheint unabgeschlossen und unbefriedigend.

Und während also alle darüber diskutieren, warum Frauen keine Karriere machen, machen sich die Wenigsten Gedanken darüber, was Karriere ist und was sie vor allem für den, der sie macht, bedeutet.

Karriere scheint per se ein Wert und schmückt die Person, die sie macht automatisch mit Attributen wie Intelligenz, Kompetenz und Stärke.

Dabei weiß jeder, der einmal einen Chef hatte, dass Vorgesetzte nicht immer aufgrund dieser Qualifikationen ihren Job bekommen haben. Karriere machen für gewöhnlich die, die am lautesten “hier, ich kann das” brüllen und am meisten Spaß daran haben, in verkrusteten Strukturen Allianzen zu schmieden.

Es gibt Ausnahmen, Chefs die tatsächlich Visionen, Entscheidungsfreude und Rückgrat haben, Unternehmen mit flexiblen Strukturen, die eben auch solche Menschen einbinden und fördern, aber das ist eben nicht die Regel.

Aber selbst wenn ich mir das vor Augen führe, kann ich mich nicht wirklich der Anerkennung und der Bewunderung für die, die es geschafft haben, entziehen.

Bei jedem Artikel oder Bericht über Karrierefrauen, die es gegen jede Wahrscheinlichkeit geschafft haben und nun anderen Frauen erzählen, wie es mit ein wenig Organisation und viel Disziplin, Durchsetzungsvermögen und Kompetenz super klappt, erfolgreich zu sein, dabei drei Kinder groß zu ziehen, attraktiv und schlank zu bleiben (wie schaffen die es imomer zum Friseur und zur Mani-/Pediküre?), auf Augenhöhe mit einem erfolgreichen Ehemann zu leben und um die Welt zu jetten*, möchte ich mich für meine Faulheit und Disziplinlosigkeit wie ein guter Piusbruder kasteien.

In solchen Momenten treffe ich oft auf Mütter die sich entspannt die Striemen der Sebstgeißlung auf meinem Rücken anschauen und sagen, dass diese Frauen eh alles falsch machen, denn warum bekommt (eben nicht Mann sondern) eine Frau Kinder, wenn sie sich nicht drum kümmert.

Und während ich überlege, in welchem Kapitel von Kafkas “Der Process” ich gelandet bin, frage ich mich, ob ich das Problem bin.

Von mir aus kann die eine Karriere machen und die andere zu Hause bleiben. Ich will das beides nicht. Ich sehe keine Mehrwert für mich darin, nach 16 Uhr an Meetings teilzunehmen. Um diese Uhrzeit haben bereits alle eine unangenehme Bürokaffeefahne und selten eine zündende Idee.

Genauso wenig sehe mich als Alleinunterhalterin meiner Kinder. Ich möchte nicht den ganzen Tag zu Hause sein und mir köstliche Kochrezepte und Bastelarbeiten ausdenken.

Ich möchte einer spannenden Arbeit nachgehen, Zeit mit meinen Kindern verbringen, mal was alleine mit dem Mann unternehmen, lesen, Serien und Filme gucken, schreiben, mich mit Freunden treffen und wenn dann noch Zeit ist, gern auch mal eine Runde schwimmen.

Vor kurzem las ich eine Sammlung von Interviews mit Topmanagern über ihre Arbeitszeiten. Wenngleich jeder von ihnen den Eindruck vermitteln wollte, den großartigsten Job der Welt zu haben, hatte ich eher das Gefühl, dass sie einer gut bezahlten Versklavung nachgehen.

Privatsphäre, eine eigene Zeiteinteilung überhaupt ein Leben neben der Firma waren nur marginal vorhanden. Sicherlich ist der Gestaltungsspielraum dieser Topmanager sehr spannend und auch der finanzielle Ausgleich könnte mich verlocken, aber in letzter Konsequenz ist das kein Leben, wie ich es führen möchte.

Ich bin nämlich faul. Faul insofern als dass ich eigentlich nicht die notwendige Energie in eine Karriere investieren möchte. Ich führe lange Pro- und Contra-Listen in meinem Kopf und stelle immer wieder fest, dass eine Konzentration auf das berufliche Fortkommen nicht in einem ausreichenden Maß meine persönlichen Bedürfnisse befriedigen würde.

Trotzdem verstecke ich meinen Arbeitsvertrag, denn meine Verweigerung eine “Leistungsträgerin der Gesellschaft” nach den herkömmlichen Regeln zu werden, ist mir selbst etwas unangenehm.

Es ist schließlich gesellschaftlich anerkannter, seine Gesundheit für die Karriere zu ruinieren (stressbedingte Krankheiten oder Doping im Sport, Job und Studium) als mit diversen Lebensmittelpunkten so zu jonglieren, dass ein zufriedenes Ganzes daraus wird.

Und wer faul ist, darf auch keine Ansprüche stellen. “Wie, Du willst nur Teilzeit arbeiten? Dann habe ich keine Aufstiegschancen für Dich.” oder “Du möchtest Anerkennung und Verantwortung? Dann musst Du auch mehr leisten. Wenn Du weniger als 40 Stunden arbeitest, ist das nicht möglich.”

Und dann ist auch klar, warum viele große Unternehmen Angst vor einer Frauenquote haben, sie werden nämlich gezwungen sein umzudenken.

Frauen scheinen sich nämlich schneller die Frage (via Anke Gröner) zu stellen, ob die berufliche Selbstaufgabe wirklich der Weisheit letzter Schluss ist.

Eine Quote würde – neben vielem anderen – nämlich auch bedeuten, dass Unternehmen viel häufiger gezwungen sein werden, auf die Bedürfnisse ihrer (weiblichen) Mitarbeiter einzugehen.

Die Frauen, die bisher nach der Elternzeit zähneknirschend die Abteilungsleitung aufgegeben haben, die irgendwann genervt aufgegeben haben und ein Geschäft mit Schnuckenhuck oder einen Dawanda-Account oder ein Bed and Breakfast eröffnet haben, würden vielleicht bessere und verlockendere Angebote von ihren Firmen unterbreitet bekommen.

Mit einer Quote wäre es vielleicht doch möglich, Teilzeit mit Verantwortung und Führung zu verbinden.

Und bevor die Gegner der Quote diesen Text ausdrucken und verteilen, um zu zeigen, dass Frauen nur Freizeit wollen und das Abendland wirklich untergehen wird, wenn die Quote kommt, möchte ich kurz darauf hinweisen, dass sich ein Umdenken vielleicht auch postiv auf das Leben der Skeptiker auswirken könnte. Ein abwechslungsreicheres Leben, eine angenehme Work-Life-Balance, mehr Zeit mit der Familie und eine bessere Gesundheit, sind nicht die unangenehmsten Dinge, die einem passieren können.

Statt also weiter Überstunden durch unnötige Präsenz zu kloppen, ist es doch viel sinnvoller, Konzepte zu erarbeiten, wie wir die Arbeit besser aufteilen, die Produktivität erhalten oder vielleicht sogar erhöhen. Dann geht auch kein Abendland unter.

*Sehr viel lieber schaue ich mir Borgen an. Eine Serie, die generell sehr empfehlenswert ist, nicht nur weil das Thema Frauen und Karriere so entspannt und beiläufig thematisiert wird.

Lieblingskindermedien 5 Plus 1 – Gemischte Auswahl

Kindermedium

Dasnuf hat mir vor einiger Zeit ein Stöckchen zugeworfen, auf das ich bzw. meine Kinder nun endlich reagieren möchten. Die schöne Idee kam von Percanta.

Ich habe das Stöckchen aus Gründen etwas abgewandelt und habe meinen Sohn (5 Jahre) und meine Tochter (3 Jahre) nicht nur jeweils nach ihrem Lieblingsbuch, sondern auch nach ihrer Lieblingsapp und nach ihrem Lieblingsfilm befragt.

Bücher

Nele Moost (Text) und Annet Rudolph (Zeichnung) Alles erlaubt? Oder immer brav sein – das schafft keiner!
Das Lieblingsbuch vom Sohn: Ich finde eine Stelle so lustig. Da sagt der Rabe ganz oft “Bitte-Danke” und dann “Bitte-danke sonst knallt’s”. Und weil der Rabe sich in eine Schüssel mit Tomatensauce setzt.

Hans de Beer Kleiner Eisbär komm bald wieder!
Das Lieblingsbuch von der Tochter: Der Bär fährt ganz weit weg. Mit einem Schiff. Eine Katze ist sein Freund. Mhm, zwei Katzen. Also zwei Freunde.

Apps

Tom & seine Freunde und Unterwegs im Tomland
Lieblingsapp vom Sohn: Weil Tom so nett ist und ihm jeder helfen mag.
(Kleiner Hinweis der Mutter: weil Dirk Bach alle Rollen spricht und weil beide Apps unheimlich liebevoll gemacht sind.)

memory
Lieblingsapp von der Tochter: Mama, guck ich habe zwei Bobbycar.

Kinderfilme (im weitesten Sinne)

Wickie und die starken Männer: Der Wettlauf
Lieblingsserie vom Sohn: Wikie ist ganz schlau und ein Wikinger. Und er macht immer so (er zeigt das Nasereiben) wenn er nachdenkt. Ich mache das nicht aber ich kann auch gut denken.

Feuerwehrmann Sam – Die Kompeltte Staffel
Lieblingsserie von der Tochter: Ich will Sam gucken. Wikie ist langweilig. Nemo ist langweilig. Ich will Sam gucken.
(Kleiner Hinweis der Mutter: Es gibt eine Serie mit animierten Puppen und eine gezeichnete Version. Wir bevorzugen eindeutig die Puppenversion, sie ist irgendwie gemütlicher.)

Ich glaube alle kinderhabenden Blogger meiner Filterbubble sind bereits durch mit dem Stöckchen oder haben zumindest schon eins gefunden. Daher werfe ich nicht weiter, freue mich aber über jeden, der es aufgreift.

Vielfalt ist keine Hierarchie

Im Gegensatz zum Mann bin ich ein Fernsehanalphabet. Wenn wir zusammen Filme, Serien oder Shows gucken, erkennt er die gealtersten und operiertesten Schauspieler wieder. Er weiß, mit welchen Serien oder Filmen ihre Karriere begann und kann sogar noch die Titelmelodie des jeweiligen Formats singen. Zuweilen kann er sogar ausführlich über Entstehung, Anzahl der Staffeln, Zuschauerzahlen, Skandale oder Spin-Offs dieser Sendungen berichten.

Hätte ich nicht auch Bereiche, in denen ich mit unnötigem Fachwissen glänzen könnte, wäre ich eingeschüchtert. So bin ich meist beeindruckt und manchmal auch interessiert.

Ich bin fernseharm aufgewachsen. Den ersten Fernseher hatten wir, als ich bereits in der Schule war. Unsere Untermieterin war gestorben und vermachte uns einen Schwarz-Weiß-Fernseher. Den bekam mein 8 Jahre älterer Bruder und verschleppte ihn in eine kleine Kammer unterm Dach. Dort nutze er ihn hauptsächlich als Monitor für seinen C64 (meine Eltern fanden Fernsehen zwar unwichtig, hatten aber eine Faible für Computertechnik und Kinofilme). Wenn überhaupt, konnte ich den Fernseher nutzen wenn mein Bruder nicht da war. Es kostete mich also einige Überwindung, als 8jährige die Treppen hoch zum dunklen und zugigen Dachbodenkämmerchen hochzuklettern, um Tom und Jerry zu gucken.

In der vierten Klasse zogen wir um und bekamen einen neuen Fernseher. Dieser war immernoch in den hintersten Teil des Hauses verbannt worden aber immerhin jederzeit zugänglich. Außer um 19 Uhr, da bestand mein Vater auf die Nachrichten. Zudem hatten wir nur drei deutsche, ein belgisches und zwei holländische Programme. Privatfernsehen lernte ich erst mit Mitte zwangig kennen, als mir ein Exfreund seinen alten Fernseher schenkte.

Einerseits habe ich damals nicht wirklich was vermisst, andererseits fehlt mir im fernsehkulturellen Bereich unglaublich viel Wissen.

Man kann natürlich sagen, dass es darum nun wirklich nicht schade sei. Dallas und Denver seien ohnehin der letzte Mist gewesen, von Tutti Frutti mal ganz zu schweigen aber ich habe nie viel von kulturellen Kanonisierung und Wertung gehalten.

Das Schlimmste an meinem musikwissenschaftlichen Studium fand ich die Borniertheit vieler Dozenten und Kommillitonen gegenüber sogenannter Unterhaltungsmusik, die im Gegensatz zur ernsten Musik nicht weiter zu beachten oder wertzuschätzen sei. Nicht selten saß ich in den Vorlesungen und dachte bei mir, dass es dem Fach nur Recht geschieht, wenn es irgendwann aus dem Fächerkatalog der Universität verschwindet, weil es mit dem ewigen Elfenbeinturmgehabe völlig an der kulturellen Realität vorbeiforscht.

Viel sinnvoller erschien mir ein Brückenschlag zwischen den heterogenen musikalischen Strömungen und keine verächtliche Wertung sogenannter profaner Musik.

Aber ich schweife ab.

Kanonisierung und Wertung von Kultur und unterschiedlichen Medien mag hilfreich sein, wenn man sein Leben als “1 Haus, 1 Frau, 2 Kinder und 1 Job”, “10 Autos die ich gefahren haben muss”, “10 Mal muss ich auf Mallorca gewesen sein”, “20 Mal auf Sylt”, “10 Klassiker der Literatur, die ich gelesen haben muss”, “Ich jogge jeden Tag um die Alster” und “Am liebsten höre ich Klassikradio” versteht.

Ansonsten empfehle ich vor allem das zu lesen, zu sehen und zu hören, was einem gefällt und vor allem wie es einem gefällt.

Denn das wie wird seit der Digitalisierung offenbar auch kanonisiert. Neulich las ich in der Kantine auf meinem iPhone ein Buch.

Kollege 1: Was ihr immer auf diesen iPhones spielt.
Ich: Ich lese.
Kollege 1: Ach so.
Kollegin 2: Auf dem iPhone lesen?!
Ich: Ja. Ein Buch.
Kollegin 2: Das könnte ich nicht. Das ist doch dann kein richtiges Buch.

Natürlich ist es eine persönliche Entscheidung, ob man seine Papierbibliothek auflöst, weil die letzten 20 Bücher ohnehin nur digital gelesen wurden oder ob man es sich mit einem Taschenbuch im Bett bequem macht. Aber die Fläche, auf der die Buchstaben stehen, verändert weder die Geschichte noch die Sprache.

Abgesehen davon, fragte ich mich, was daran schlimm gewesen wäre, wenn ich Bridge oder Tetris auf meinem iPhone gespielt hätte. Spielen ist nichts Böses. Meine Kinder spielen den ganzen Tag und entwickeln sich zu ganz wunderbaren Menschen.

Wenn ich über die aktuelle Wirtschaftkrise lese, habe ich das Gefühl, dass es besser gewesen wäre, wenn viele Beteiligte an ihrem iPhone Monopolie gespielt hätten, anstatt ganz real das Geld anderer Leute, Firmen und Staaten zu verzocken.

Jedenfalls ist bei uns nicht nur spielen sondern auch Computerspielen erlaubt.

Am Wochenende liegen die Kinder und ich morgens oft eine Weile auf dem Sofa. Die Kinder spielen auf dem iPad und ich lese auf meinem iPhone. Sie wissen welche Apps sie nutzen dürfen und teilen sich gern über neu gemalte Bilder, neue Spielstrategien, neu entdeckte Features eines Spiels usw. mit und aus. In diesen Situationen möchte ich immer die Kulturpessimisten zu uns einladen, die behaupten, man würde heutzutage nur noch stumm und stumpf vor dem Bildschirm hocken.

Zwar schimpfen die gleichen Kulturpessimisten heute weniger auf das Fernsehen – zuweilen habe ich das Gefühl, Fersehen würde sogar in bisher ungekannte Höhen gebeamt, weil es so viel weniger beängstigend qualitätsjournalistischer ist als dieses Internet – aber in den Köpfen vieler Eltern erscheint immernoch ein großes P beim Gedanken, die Kinder vor das Fersehgerät zu setzten.

Unser Sohn musste sehr früh sehr viel inhalieren. Dies ging allerdings nur, während die Teletubbies liefen. So wurde das abendliche Fernsehen zu einer Gewohnheit.

Wenn der Mann oder ich davon erzählten, schalteten wir immer automatisch den Erklärmodus ein. Zum einen weil wir selber unsicher waren, ob wir dem Kind nicht damit schaden und zum anderen weil wir oft genug in Schreck geweitete Augen blickten, in denen zu lesen war, dass wir uns so ADHS-Kinder im Quadrat züchten.

Oft wurden wir auch gefragt, warum wir ihm nicht ein Buch vorlesen. Als Eltern bekommt man viele unbrauchbare Ratschläge. Statt zu sagen, dass Vorlesen leider nicht funktionierte, hätte ich viel öfter sagen sollen:

Weil wir Bücher als schädlich für die Entwicklung unseres Kindes erachten.

Ich hätte wieder eine Bekanntschaft weniger aber auch einen gelungenen Spaß gehabt.

Bücher sind nämlich ganz oben auf der Kindererziehungspunkteskala. Mit Bücher kaufen, Bücher vorlesen, Bücher nacherzählen oder Bücher anmalen ist man immer auf der richtigen Seite der Kindererziehung.

Zuweilen habe ich den Eindruck, dass es nicht mehr lange dauert, bis man Bücher in die Gebärmutter schwangerer Frauen pflanzt, damit das gedeihende Kind beim Hören der klassischen Musik durch die Bauchdecke was zum Lesen hat.

Bücher sind toll aber eben auch nur eine Facette der medialen Vielfalt, die uns umgibt. Ich möchte, dass meine Kinder nicht nur kulturelle Haute-Cuisine, sondern alles von der Bratwurst bis zum Souffleé probieren. Etwas mehr Obst vielleicht als Schokolade aber vor allem ausgewogen und unterschiedlich.

Monatsabrechnung: Monatslinks März 2013

Den März möchte ich, aus Zeitgründen, mit einer kleineren Auswahl an Links als üblich abschließen.

Als Freund der Logik begreife ich einfach nicht, warum Homosexuelle nicht die gleichen Rechte bei Eheschließung und Adoption haben sollen wie Heterosexuelle. Eine wunderschöne Geschichte darüber, wie zwei Männer ihren Sohn in der Ubahn fanden, veranschaulicht worauf es eigentlich ankommt, wenn man – wie auch immer – ein Kind bekommt.

Glutamat ist nicht böse und die unglaubliche Anzahl von Favs und Retweets meiner Verlinkung auf Twitter zeigt, dass das Thema mehr Menschen zu interessieren scheint, als Sex.

Wo sie gerade sagen Sex. Frauen und Pornos ist ja nach wie vor ein eher heikles Thema, bei dem irgendwie keiner zu wissen scheint, was Frauen wirklich mögen, inklusive der meisten Frauen. Insofern fand ich sowohl das Interview mit Tristan Taormino als auch den Rant von WG und nicht zuletzt das Interview mit der BBW Porn Performerin April Floris spannend.

Karneval, ein attraktiver Mann, tolle Fotos und ein schöner Text, das muss ich verlinken.

Ebenfalls attraktiv ist dieser Mann, der seine Freundin mit einem selbstgemachten Kalender überracht hat. Dank an dieser Stelle an Sue Reindke für die vielen großartigen Links, wie auch diesen hier, mit Tipps für Hochzeitsfotos.

Patricia Cammarata war in der Kita ihrer Kinder und hat einen Vortrag gehalten. Wenn es nach mir ginge, könnte sie von nunan ihren Lebensunterhalt damit bestreiten, durch Deutschland zu reisen und in Kindergärten und Schulen Vorträge von Italien über Internet bis Perfektionismus zu halten.

Neuchlich hörte ich zum ersten Mal vom Bechdel-Test. In dem Zusammenhang fand ich es auch spannend, dass Geena Davis ein Institut on Gender in Media gegründet hat. Wenig überraschend ist der Status quo – See Jane – mit einer unterdurchschnittlichen Darstellung von Frauen und Mädchen in den Medien und der Tatsache, dass weibliche Charaktere noch mehr als männliche Charaktere vor allem Sterotypen entsprechen.

Auch Anne Schüssler zählt Frauen in den Medien und woanders und kommt zu eher dürftigen Quoten.

Wunderbar versinnbildlicht wird dies auch bei the bobs in diesem Jahr. Ich habe 10 männliche und 5 weibliche Jury-Mitglieder gezählt. Die Auswahl der nominieren deutschen Blogs hat ein Verhältnis 5 zu 3 (Publikative.org und Verfassungsblog habe ich nicht mitgezählt) zu Gunsten der von Männern betriebenen Blogs. Best Person to follow Germany hat sogar ein Verhältnis von 8 zu 1 zu Gunsten von Männern (LobbyControl habe ich als genderneutral gewertet).

Ganz ehrlich, das kann ich weder ernst nehmen. Es scheint als habe jemand seine Arbeit nicht gemacht und/oder nicht ernst genommen. Insofern verweigere ich dieses Jahr meine Partizipation an den Wahlen.

Ich verlinke auch nicht mehr zu Jan Fleischhauer, der wirft mir nachher nur Sexismus vor, während er rumheult, dass man Frauen jetzt gar nicht mehr anfassen darf. Aber ich verlinke gern Felix Schwenzel der schreibt fleischhauer korrigiert seine quellen lieber, als sie anzugeben.

Aurelies Blogeintrag Sex und das Internet klingt wesentlich fluffiger, als das was den Leser dann erwartet. Persönlich habe ich bisher sehr gute Erfahrungen mit der deutschen Polizei und dem deutschen Rechtssystem gemacht, aber hier muss etwas unglaublich falsch gelaufen sein. Anders kann ich mir nicht erklären, warum hier die entsprechenden Polizeibeamten ein Opfer zum Täter gemacht haben und völlig unnötig einer jungen Frau massive Probleme bereiten.

Kathrin Passig schreibt nun monatlich für zeit.de und startet fulminant mit Nachrichten an niemand Bestimmten.

Monatsabrechnung: Meine Twitter-Favs März 2013

Wirklich JEDES Kind weiß, dass John Lennon seinem Mörder ein Autogramm gegeben hat.
@frauenfuss
♛Michaela Aichberger
Nach dem ital. Vormittag mit mir, werden die Kindergartenkinder nie mehr "Nudeln" sondern Fisarmoniche, Orecchiette & Conchiglie verlangen.
@dasnuf
Patricia Cammarata
„Wenn du irgendwelchen Trivialitäten Bedeutung verleihen willst, deklariere sie als alte indianische Weisheit.“(Alte indianische Weisheit)
@GebbiGibson
Gebbi Gibson
Tragt Ihr eigentlich schon Eure Übergangsbommelmützen, oder ist das noch zu früh?
@Amaot
Hans Wurst
ich glaube, ich kippe ab jetzt immer ein paar gramm glitter in alle briefe, die ich verschicke. auch an bank, uni, versicherung und so.
@phraselnd
daniel doublevé
"Shareconomy" ist das Motto der CeBIT dieses Jahr. Das WLAN kostet 9 Euro für 1 Stunde. /jk
@SocialMediaMagz
Social Media Magazin
Oh, Heino und Frei.wild sind beide für Echos nominiert. Vielleicht sollte man doch noch die Kategorie "Supernational" einrichten?
@Nilzenburger
Nilz Bokelberg
wenn jetzt der ätna ausbricht, bin ich "das unbekannte opfer in smartphonestellung (um 2000 n. chr.)".
@katjaberlin
katjaberlin
Ich hab meine Disziplin verloren. Sie ist klein, dünn, hässlich und stinkt aus dem Mund, wer sie findet, darf sie behalten.
@Larenzow
Madame de Larenzow
die für geheimdienste sicherste art, mit ihren mitarbeitern ohne unerwünschte mitleser zu kommunzieren, sind qr-codes auf werbeplakaten.
@katjaberlin
katjaberlin
frau: der läuft aber komisch. ich: der kann nich schauspielen, der kann nich reden, warum sollte er laufen können. frau: grmpf. #tatort.
@jawl
Christian Fischer
Bei der Paarung Maschmeyer und Ferres frage ich mich, wer da wessen Strafe ist.
@GebbiGibson
Gebbi Gibson
Es macht mich so unendlich traurig, dass es Leute gibt, die von D! sexy gemacht werden wollen.
@Natollie
Natalie Springhart
Maischi heute zu "Alkohol im Alter" und ausgerechnet Karasek ist nicht eingeladen. Ich prangere das an.
@Wondergirl
Wondergirl
#wasfehlt Amazon-Kaufoption "Some Day Delivery" ("es eilt wirklich nicht, bitte lassen Sie Ihre Mitarbeiter alles in Ruhe erledigen").
@kathrinpassig
Kathrin Passig
Charmant und gleichzeitig humoresk, wenn dir ein Gentleman dir instinktiv die Tür aufhält- wohlgemerkt die zur Herrentoilette.
Baby-Knuddeln ist wie Delfintherapie. Und so ein Delfin weckt dich nicht 6 Uhr dafür auf!
@GebbiGibson
Gebbi Gibson
Ein klein bisschen bewundere ich ja z. B. Fahrkartenkontrolleure oder Schäuble, dass sie es aushalten, dermaßen unbeliebt zu sein.
@Larenzow
Madame de Larenzow
»Gibt es eigentlich Hitler-Pornos?« »Wer würde sich sowas ernsthaft ansehen?« »Vielleicht ironisch?« »Klar, ich masturbiere immer ironisch!«
@Lobot
Lore Frost
Da sind Pinguine am Vogelhäuschen.
@Buddenbohm
Max. Buddenbohm
Und dann sagt der, der für das ganze Elend verantwortlich ist: "Ich bin dein Vater, Jesus." The Roman Empire Strikes Back
@maltewelding
Malte Welding
Um die # Ostergeschichte zu verbildlichen sendet Sat.1 STIRB LANGSAM
@JanJosefLiefers
Jan Josef Liefers
Scheiß auf die Titanic, kann mal bitte irgendein Milliardär Hogwarts nachbauen.
@rzwodezwo
Vertrauensschüler!

Und wie immer sammelt Anne Schüssler die Lieblingstweets der anderen Blogger.