Lieber feiere ich eine schwarze Messe, als Muttertag

Muttertag hat sich mir nie erschlossen, weder als Tochter noch als Mutter. Je älter ich werde, desto wütender werde ich sogar. So als würde mich die Verlogenheit dieses Tages mit jedem Jahr dreckiger angrinsen.

Wenn mir irgendjemand als Mutter was Gutes tun will, dann fallen mir drei Millionen Dinge ein. Geschenke, Süßigkeiten, pathetische Liebeserklärungen und die penetrante mediale Erinnerung an Muttertag zähle ich nicht dazu. Ich glaube, ich spreche für einige Mütter wenn ich schreibe, dass wir ausschlafen, Oralsex und einen Tag allein oder mit Freundinnen, viel dankbarer annähmen, als bemühte Geschenke und billige Aufmerksamkeit.

Letztlich würden aber auch nicht die oben genannten Dinge, meine Empörung über diesen Tag abmildern können. Basiert er doch viel zu sehr auf dem Bild einer treusorgenden und aufopferungsbereiten Mutter, die an einem Tag im Jahr verehrt wird. Während beim Vatertag die Herren marodierend durch die Straßen ziehen, lächelt die Mutter am Muttertag artig und stopft sich die geschenkten Pralinen in den Mund.

Was für ein bescheuertes Mutterbild. Ich will nicht verehrt werden, mir würden ausreichend Kitaplätze, verständnisvolle Arbeitgeber, gleiche Bezahlung wie Männer, eine Frauenquote, Anerkennung von Care-Arbeit, gute Bildung für meine Kinder und keine bescheuerten Diskussionen darüber, ob eine Mutter besser mit den Kindern zu Hause bleibt oder arbeiten geht, vollkommen ausreichen. Mütter sind nämlich durchaus in der Lage, selbst zu entscheiden, was für sie und ihre Familien am besten ist. Von mir aus könnte auch endlich das Ehegattensplitting zum Muttertag abgeschafft werden. Eine Ehe kostet nämlich – außer Nerven – nicht viel. Kinder sind indessen ein Armutsrisiko.

Überhaupt dieser Mythos der Mutter. Er bringt mich jedes Mal in Rage. Selbstverständlich prägt es mich, Kinder zu haben. Aber ich bekomme davon keinen Heiligenschein. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich nach der Geburt meines Sohnes voller Sorge war. Ich hatte ihn per Notkaiserschnitt geboren und glaubte nun, ihm nicht die optimalen Startchancen gegeben zu haben. Über die Jahre verstand ich glücklicherweise, dass es weder optimale Startchancen gibt, noch dass ein Kaiserschnitt ernsthafte Auswirkungen auf irgendwas hat. Dieses elende Getue um die perfekte Geburt und das optimale Stillen sind beispielhafte Mythen, an denen wir nur scheitern können. Genauso wie wir nie dem Bild der guten Mutter entsprechend können.

Insofern ist der Muttertag sogar ganz besonders perfide. Er erinnert uns an den Mythos der stets liebenden, sorgenden und geduldigen Mutter. Ein Mythos an dem jede Mutter jeden Tag scheitert. Wir werden also am Muttertag an unsere Unzulänglichkeiten erinnert. Es sind vergiftete Pralinen, die wir brav mampfen, während wir wie eine weibliche Sysyphusa versuchen, unser Leben, unsere Bedürfnisse und die Bedürfnisse unserer Familie unter den Schirm des Mutter-Mythos zu packen.

Passend dazu las ich heute auf Twitter diesen Tweet:

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Diese Veranstaltung ist Muttertag in a Nutshell. Es geht nicht darum, sich ernsthaft mit den realen Bedürfnissen von Frauen und Müttern auseinander zu setzen. Sie werden nicht einmal gefragt. Es geht darum, Frauen zu erklären, wie ihre Rolle aussieht. Das alles versüßt mit Schokolade (Muttertag) oder dem Anstrich einer gutmeinenden Diskussion.

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*Laut Aussage des Veranstalters haben mehrere Referentinnen abgesagt, weil sie nicht mit Prof. Ulrich Kutschera diskutieren wollten. Warum man sich nicht fragte, ob es womöglich gute Gründe gibt, warum niemand mit Kutschera diskutieren möchte, hat leider niemand beantwortet. Die Technisches Universität Braunschweig hat hier allerdings die Nennung des Namens und Logos untersagt.

Re:publica 17, Tag 3

Aufgrund einer Empfehlung hörte ich mir zunächst Maciej Ceglowskis „Notes from an Emergency“ an. Ceglowski ist sehr klug und sehr unterhaltsam. Im Grunde sagt er, dass sich die großen Firmeninhaber des Silicon Valleys lieber mit ihrer eigenen Unsterblichkeit beschäftigen, als an den wirklichen Problemen und Gefahren dieser Welt zu arbeiten. Sie nutzen ihre Möglichkeiten, ihr Geld und ihre Reichweite nicht und das hält er für fahrlässig. Sein Lösungsansatz ist, auf die Mitarbeiter und die technischen Spezialisten einzuwirken und außerdem „regulation, regulation, regulation“.
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Ich blieb dann einfach bei Stage 1 sitzen und schaute mir Lisa Winter und Joanne Pransky an: „A robot psychistrist and a battle-robot builder walk into a bar – and talk“. Winter saß vor Ort und Parnsky war über ein iPad auf einem kleinen Segway dazugeschaltet. Ich mochte das, weil es mich an The Good Wife erinnert, wo auch immer so ein iPadsegway durch das Büro fährt. Winter ist ganz wunderbar. Sie baute schon als Kind Kampfroboter und ich habe meinem Sohn – mit dem ich parallel chattete – gleich den Link zu ihrem YouTube-Channel geschickt.
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Später am Nachmittag schaute ich mir „Is Freedom the most expensive word? A journey to North Korea“ an. Maja Pelevic hatte in Nordkorea mit dem Handy unerlaubt gefilmt und unterhielt sich mit Renata Avila über unsere mediale Wahrnehmung von Nordkorea. Ich fand das Gespräch sehr interessant auch wenn mir an manchen Stellen der rote Faden fehlte. Ihr Kernaspekt – so schien mir – war aber, dass sie unsere Sicht auf Nordkorea kritisierten. Wir wissen so wenig über Nordkorea dass eine fundierte Kritik eigentlich nicht möglich ist. Ich mochte Pelevics Anmerkung über die rasante Veränderung in Osteuropa. Dort wurde von einem Tag auf dem anderen den Leuten gesagt: „Alles was du bisher geglaubt hast, ist falsch, hier ist das neue richtige System, pass Dich an.“ Ich finde das einen wirklich spannenden Aspekt, glaube aber eine andere Form des Panels und womöglich ein anderes Beispiel hätte das deutlicher machen können. Gleichwohl war ich sehr irritiert, als mitten im Panel Simon Menner, der Speaker der nächsten Session, etwas für mich Unverständliches in den Raum rief. Wie ich später akustisch verstehen konnte, kritisierte er angebliche Vergleiche der Situation in Deutschland und Nordkorea, die Pelevic und Avila gezogen hätten. Dies hatte ich z.B. gar nicht so verstanden. Alles in allem wirkte es wie ein gespielte Twitterperformance in der ein aufgebrachter Mann, zwei Frauen, die im Gespräch sind, die Welt erklärt und den ganzen Diskurs unhöflich stört. Insofern passte das dann als Negativbeispiel sehr gut zum diesjährigen Motto #loveoutloud.

Ich hatte danach wenig Lust mir Menners Vortrag anzuhören und suchte mir lieber einen guten Platz für Felix Schwenzels „Update: Die Kunst des Liebens“. Ich fürchte, ich bin bei Schwenzel immer voreingenommen. Wahrscheinlich würde ich mich auch königlich amüsieren, wenn er einfach nur 30 Minuten aus Brehms Tierleben vorlesen würde. Trotzdem bin ich überzeugt davon, dass der Vortrag wirklich ganz besonders gut war. Er schloss den insgesamt pastoral-mahnenden Ton dieser re:publica mit freundlich-fröhlicher aber auch ernsthafter ironischer Brechnung ab. Er versinnbildlicht für mich, wie ich mir wünsche, dass wir mit den aktuellen Themen und Krisen umgehen. Ernst aber nicht ängstlich, lustig aber nicht höhnisch, ausgelassen aber nicht rücksichtslos.
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Alles in allem fand ich überdurchschnittlich viele Vorträge in diesem Jahr inspirierend und begeisternd. Es hat Spaß gemacht, der Kopf ist voll und nächstes Jahr treffen wir uns wahrscheinlich wieder.

Re:publica 17, Tag 1

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Nach einem entspannten Vormittag im Hotel, wollte ich zum Vortrag von Carolin Emcke gegen 12 Uhr in der Station eintreffen. Die lange Schlange für die Speaker-Tickets machte mir da aber einen Strich durch die Rechnung. Während es um 12 Uhr also an den Ständen für die Gästeliste und Business-Tickets sowie bei der Presseakkreditierung gähnend leer war, warteten 20 Speaker auf ihre Bändchen. Ich hörte, früher am Vormittag war es umgekehrt gewesen. Es gibt da wohl unterschiedliche Antrittszeiten. Gleichwohl frage ich mich, warum man nicht einfach die anwesenden HelferInnen umschichtet.

Glücklicherweise verpasste ich nur 10 Minuten von Reflexion: Love out Loud. Auf eine unaufgeregt engagierte Art sprach Carolin Emcke darüber, dass wir uns vielleicht gar nicht so laut lieben müssen, sondern dass höfliche Gleichgültigkeit völlig ausreichend wäre. In der Tat halte ich den Ansatz einander zu ertragen für viel wichtiger als einander lieben zu müssen.
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Den Vortrag Digitale Tauchgänge in der Tiefsee von Antje Boetius hatte ich eher zufällig vor ein paar Tagen in der re:publica-App mit einem Sternchen markiert. Das Schlimmste an dem Vortrag war, dass knappe 30 Minuten viel zu kurz waren. Boetius Berichte aus der Tiefseeforschung waren so spannend, dass ich zu gern noch viel viel mehr erfahren hätte.

Direkt im Anschluss sah ich Elisabeth Wehligs Keynote Die Macht der Sprachbilder – Politisches Framing und neurokognitive Kampagnenführung. Wehling wies nach, wie sehr das Framing unsere Wahrnehmung der Fakten prägt und wie uns das ganz konkret in unserem Handeln beeinflusst. Wie vorher schon bei Emcke ging ich mit einem rauschenden Kopf voller spannender Gedanken aus dem Vortrag.
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Ich höre gern Friedemann Karigs Vorträge auf der re:publica. Dieses Jahr sprach er über Wie wir lieben. Die sexuelle Revolution 2.0. Das Thema interessiert mich natürlich sehr. Der Vortrag war angenehm kurzweilig und eine sehr gute Zusammenfassung interessanter aktueller Arbeiten (Sex at dawn, Eva Illouz) illustriert mit Geschichten von Paaren, die andere Beziehungswege ausprobieren.
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Zum Ende von Karigs Vortrag wurde es immer voller auf Stage 1. Ein sicheres Zeichen, dass Sascha Lobo gleich seinen Vortrag hält. Dieses Jahr sprach er Vom Reden im Netz. Bei seinen letzten beiden Vorträgen auf der re:publica habe ich nach knapp 30 Minuten vorgezogen, ein Bier im Hof zu trinken. Dieses Jahr blieb ich bis zum Ende sitzen. Lobo versuchte einen konstruktiven Weg für den Umgang mit Nazis – oder wen man aufgrund von entsprechenden Äußerungen dafür halten kann – zu finden.
Er sieht eine Lösung darin, respektvoll zu diskutieren und gleichzeitig aber auch klare Grenzen aufzuzeigen.

Alles in allem fand ich die Dichte spannender Vorträge so hoch wie lange nicht mehr. Der Trend zum Pastoralen wird wohl auch vom diesjährigen Motto Love Out Loud provoziert. Das merkte ich auch selbst bei den Vorbereitung für meinen Vortrag Save the world – tell a Story: wie wir die Deutungshoheit im Internet zurückgewinnen und die Welt retten können. Am 9. Mai um 18 Uhr werde ich dann wohl auch auf Stage 3 predigen.

**Ich werde die YouTube-Videos zu den oben genannten Vorträgen so bald wie möglich per Link hinzufügen.**

Finnisch baden – Teil 2

Für den zweiten Tag in Helsinki hatte ich die Itäkeskuksen uimahalli ausgesucht. Praktischerweise lag diese nur zwei Stationen von unserem Hotel entfernt.

Auf der Suche nach bezahlbaren Schlafraum in Helsinki stieß ich auf Forenom. Die betreiben einige Hostels und Miniappartments Helsinki. So buchte ich für meine Mutter und mich zwei Zimmer in Herttoniemi. Mit der Ubahn erreicht man von dort innerhalb von 20 Minuten die Innenstadt. Die Distanzen sind in Helsinki sehr überschaubar, so dass ich empfehlen kann, ein Hotel etwas außerhalb zu buchen. Unsere Zimmer waren wirklich sehr klein und einigermaßen sauber.

Die Rezeption ist nur sporadisch besetzt, Buchung und Kommunikation laufen digital ab. Am Anreisetag erhielten wir per Mail die 6stelligen Codes, mit denen wir die Haustür und unsere Zimmer öffnen konnten. Dank der beiden Supermärkte in direkter Umgebung sowie Mikrowelle, Kühlschrank und Besteck im Zimmer kann man sich hervorragend selbst versorgen.

Samstag früh fuhren wir also zwei Stationen weiter stadtauswärts bis Itäkeskuksen. Nach einem kurzen Fußweg erreichten wir das Bad.

Ich hatte gelesen, dass die Halle in einen Felsen hineingebaut gebaut worden war, konnte mir aber nicht vorstellen, wie das aussehen sollte. Vor dem Bad sieht man einen größeren Felsen. In diesen geht man dann durch den Eingang hinein und läuft weiter abwärts.

Dann erreicht man das Schwimmbadkaffee und die Schwimmbadkasse.

Tatsächlich ist alles um einen herum aus weiß gekalktem Stein. Im Itäkeskuksen-Bad gibt es nur Sammelumkleiden. Ich war gleich begeistert von den Schließfächern mit Einteilungen. Viel praktischer als das was ich bis jetzt kannte.

Auch hier waren die Duschräume eher von spröden Charakter und mit vorgegebener Einheitstemperatur. Die Sauna war mit den bereits bekannten weißen Kacheln ausgekleidet.
Mit uns duschte eine Gruppe junger Mädchen, die offenbar zum Training da waren. Und in der Tat war ein Teil des großen Beckens für Vereinstraining abgesperrt.

Neben dem 50m-Becken gab es noch zwei große Kinderbecken und ein kaltes kleines Becken, sowie einige Rutschen. Auf der Karte habe ich einen weiteren kleinen Pool gesehen. Im großen Becken gibt es einen Bereich für Aquajogger – das dafür benötigte Material steht kostenlos neben dem Becken zur Verfügung – und diverse Schwimmbahnen. Ich nahm an, dass der Schwimmverein drei Bahnen in Anspruch nahm und stieg daher ganz außen ins Wasser. Etwas verwundert war ich über das relativ schlechte Niveau der Mitschwimmer. Aus Hamburg weiß ich, dass Samstag früh die Stunde der TriathletInnen ist, die zackig und effizient ihre Bahnen ziehen. Auf meiner Bahn waren nur Herren, die sich knapp über Wasser halten konnten.

Erst später stellte ich fest, dass es auch eine öffentliche schnelle Bahn gab. Allerdings war diese sehr eng und es schien, als würden die SchwimmerInnen aus jedem Zug einen Wettbewerb machen. Ich blieb bei meinen Herrn und da sich jeder an die Regel „rechts hoch, links runter“ hielt, konnte ich gegebenenfalls entspannt überholen. Auch in Hamburg schwimme ich eigentlich nie auf der schnellen Bahn. Ich finde dort nie meine Geschwindigkeit und meine Atmung ist viel zu hektisch, weil ich mich selbst so hetze. Während ich also auch in Helsinki gemächlich durchs Becken kraulte, beobachtete ich die Vereinsschwimmer. Es hatte etwas Meditatives dabei zuzusehen, wie die Mädchen und Jungs zügig, konzentriert und anscheinend ohne Anstrengung in allen Schwimmlagen durch das Wasser zogen. Nach eineinhalb Kilometern hatte ich genug. Keine besondere Leistung aber ich hatte Hunger und wollte mehr von Helsinki sehen. Der erste Tag war bereits so schön gewesen, dass ich es kaum erwarten konnte, wieder in die Stadt zu fahren.

Finnisch baden – Teil 1

Seit vielen Jahren möchte ich nach Finnland reisen. Ich kaufte Ende der 90er einen Sampler mit finnischer Tangomusik, den ich rauf und runter hörte. Ich fühlte mich verstanden und war mir sicher, dieses Land würde mir gut gefallen.

Als ich neulich mit meiner Mutter über finnischen Tango sprach, beschlossen wir, im Frühling zusammen nach Helsinki zu fahren. Leider fanden wir kein Festival, keinen Club und keine Hinweise zu Veranstaltungen und die beiden finnischen Bekannten, die ich fragte, konnten auch nicht helfen. Die Tango-Zeit ist wohl eher im Sommer, da wird der insbesondere auf dem Land gespielt.

Nun da der Flug gebucht war, tat ich was ich immer mache, wenn ich irgendwo hinreise, ich erkundige mich nach der Schwimm- und Badesituation. Dabei fielen mir vor allem zwei Schwimmbäder auf. Meine Mutter kann sehr schnell von derartigen Projekten überzeugt werden. Wir planten also für zwei Vormittag einen Badebesuch ein.

Wir starteten mit der Yrjönkadun uimahalli.

Das Schwimmbad liegt etwas versteckt in dem Hinterhaus in der Innenstadt von Helsinki. Trotzdem ist es nicht ganz leicht zu finden, insofern war ich froh, als ich das große Schild „Simhall“ sah und wusste, dass wir richtig waren. Im Bad zieht man direkt am Eingang die Schuhe und die Jacken aus.

Wir erhielten jeder einen Schlüssel für eine Kabine. Dort konnten wir uns ausziehen. Man kann sich auch am Beckenrand ausziehen und die Wertsachen in einem Locker einschließen aber ich glaube, diese Möglichkeit besteht nur für Dauerkartenbesitzer. Ich mochte meine kleine Kabine, die allerdings auch etwas von einer Gefängniszelle hatte.

Das Yrjönkadun-Bad ist aus zwei Gründen bemerkenswert. Zum einen ist es ein wunderschöner klassizistischer Bau. Als das Bad 1928 gebaut wurde, war es das erste – und lange Zeit einzige – öffentliche Schwimmbad in Finnland. Zum anderen kann man noch heute darin nackt baden. Aus diesem Grund gibt es für Frauen und Männer unterschiedliche Badetage.

Ich liebe es nackt zu baden. Als Kind reisten wir oft nach Korsika, wo wir dann mit Freunden meiner Eltern einen Nacktbadestrand bevölkerten. Ich hasste es am Strand nackt zu sein und lief immer mit einer Badehose über die Dünen. Nur wenn ich Schwimmen ging, zog ich die Badehose aus. Nackt im Wasser zu sein ist für mich seitdem das Schönste. Kein Sand in der Hose, kein Kleidung die kneift und das Gefühl einer großen Freiheit.

Noch heute suche ich nach einem Saunagang in den Claudius-Thermen den kleinen Pool im hinteren Teil des Geländes auf. Das Wasser ist frisch und klar und meist kann ich ganz für mich allein nackt tauchen und schwimmen.

Obwohl es erlaubt ist, auch in Badekleidung zu schwimmen, waren die meisten Frauen nackt. Interessant fand ich, dass eher Frauen bis 40 in Badekleidung schwammen. Die vielen älteren Frauen machten den Eindruck als wäre das Schwimmen ohne Kleidung die einzige sinnvolle Option. Überhaupt wurde wenig Aufhebens um irgendwas gemacht. Ich passte mich an und obwohl ich mit sehr vielen ausgezogenen Frauen gebadet habe, weiß ich trotzdem nicht, was in Finnland der aktuelle Trend beim Schamhaar ist.

Es gibt drei abgetrennte Bahnen. Auf der einen trainieren die Aquajogger – eine Sportart, deren Faszination sich mir noch nicht erschlossen hat. Die Gürtel und andere Geräte konnten kostenfrei ausgeliehen werden. Die mittlere Bahn war für die schnellen Schwimmer reserviert. Darauf schwamm ich einen Kilometer. Die meisten Frauen schwammen auch hier eher gemächlich aber es der Platz reichte zum Überholen aus. Außerdem hatte ich auch wenig Lust auf Tempo, sondern glitt lieber von Seite zu Seite. Auf der dritten Bahn wird langsam und gemächlich geschwommen und leise gequatscht.

Nach dem Schwimmen wuschen wir uns in den eher spartanischen Duschen. Dabei fielen mir die beiden Saunas (Sauni, Saunata?) auf, die neben den Duschen lagen. Diese wirkten wie Schulkantinen und waren nicht mit Holz, sondern weißen Fliese ausgekleidet. Ich verzichtete auf einen Saunagang, auch weil ich Sorge hatte, danach viel zu müde zu sein, um mit meiner Mutter Helsinki zu entdecken.

Ich machte ein letztes Selfie in meiner Kabine und freute mich auf meinen ersten Tag in Helsinki. Eine Stadt mit so einem so schönen Schwimmbad kann nur großartig sein.

Womöglich macht viel Sex gar nicht traurig

Anfang April las ich über Blendle Ich zähl‘ bis 100. Darin geht es um Lotta (die nicht so heißt), die sich selbst zur Aufgabe gestellt hat, 100 Sexualpartner zu haben. Über ihre Erfahrungen führt sie seit ihrer Jugend relativ genau Buch und ist derzeit in den 80ern.

Ich fand das natürlich sehr spannend und kaufte gleich den Text. Oberflächlich ist der Text interessant und gut lesbar. Trotzdem hatte ich das Gefühl, das irgendwas nicht darin stimmt. Hinter der nidoschen Coolness sind die klassischen Elemente einer abstrusen Vorstellung von Frauen und Sexualität versteckt. Sie nerven mich seit Jahren – wofür der Text eigentlich nichts kann – so dass ich noch mitten in der Nacht unter anderem twitterte:

(Da es bereits auf Twitter zu Nachfragen kam: Mit „aggressiv“ meine ich forsch, einfordernd und nicht gewaltsam.)

Frauen, die eine ausgeprägte Sexualität haben, werden nach wie vor als außergewöhnlich wahrgenommen. Damit aber nicht genug, es findet immer auch eine indirekte Bewertung statt. Der Grund für viel abwechslungsreichen Sex kann nur die Kompensation anderer Defizite und der Wunsch nach Aufmerksamkeit und Bestätigung sein. Damit wird eine starke Libido gleich in die Ecke der psychischen Erkrankungen dirigiert. So kommt auch im Nido-Text unweigerlich die Frage auf, ob Lotta eventuell sexsüchtig ist.

Die zweite Bewertung findet dann auf der Ebene der wahren Liebe – im Gegensatz zum oberflächlichen Sexpartner – statt. Es wird angenommen, dass jede Person und insbesondere Frauen auf der Suche nach der großen Liebe sind. Damit aber nicht genug, die große Liebe kann in der Welt dieses Textes offenbar nur in der Monogamie gedeihen. Häufig werden in dem Text die Personen hervorgehoben, die für Lotta langfristige Partner hätten werden können und die Trennungen werden melancholisch kommentiert. Ganz wichtig ist auch die Frage, ob ein potentieller langfristiger männlicher Partner überhaupt damit klar käme, dass Lotta so viele Sexualpartner hatte.

Der größte Mist über Sexualität wird geschrieben, weil wir uns einfach nicht eingestehen können oder wollen, dass Frauen Lust haben. Frauen und Männer unterscheiden sich in ihren sexuellen Bedürfnissen kaum. Sicherlich haben Menschen unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse, aber das hat nichts mit ihrem Geschlecht zu tun. Männer und Frauen unterscheiden sich allerdings sehr wohl darin, wie sie damit umgehen. Ich habe meine Pubertät bis in die 20er hinein, damit verbracht, mich über mich zu wundern. Nichts von dem, was über weibliche Sexualität geschrieben wurde, stimmte mit dem was ich empfand, überrein. Ich konnte sehr gut Sexualität und Liebe voneinander trennen, ich brauchte keine Aufwärmphase und ich stellte fest, dass ich im Vergleich zu Männern deutlich ausdauernder war. Viele Freundinnen von mir teilten diese Erfahrung aber wir verhielten uns meist viel braver, als wir gewollt hätten.

Die Lust der Frau ist da. Das gesellschaftliche Narrativ ist falsch. Aber Frauen und Männer spielen trotzdem mit. Irgendwann wurde festgelegt, dass Frauen keine Lust haben und zum Sex überredet werden müssen und männliche Lust gleichzeitig unkontrollierbar ist. Würde diese Prämissen in Frage gestellt werden, würde das eine enorme Dynamik freisetzen und gleich auch unsere Vorstellungen und Definitionen von Beziehung,Partnerschaft und Familie in Frage stellen. Das ist den meisten dann doch zu viel und so wird das Thema öffentlich nur sehr behutsam angegeben.

Ich erinnere mich an eine sehr gute und empfehlenswerte Folge Scobel Die Lust der Frau. Susanne Schröter und Ann-Marlene Henning versuchen ein paar Mal zu sagen, dass weibliche Lust viel massiver ist, als gemeinhin geglaubt wird. Aber Ulrich Clement relativiert das sogleich und die Damen ziehen sie sich mild lächelnd zurück.

Die „Strafen“ für ausgelebte weibliche Lust sind eben relativ hoch. So wird Lotta wegen ihrer Sexualität gleich etwas Pathologisches, Trauriges, Neurotisches unterstellt. Solch eine Schlussfolgerung müsste ausgelacht werden. Es gibt viele Dinge, die mich traurig machen, Sex oder Orgasmen zählten nie dazu. Sexualität – auch mit Leuten, die man nicht heiratet – kann durchaus etwas verbindendes haben. Es nervt so, dass Sex ohne den Rahmen einer ernsthaft beabsichtigen Beziehung immer als leer und krankhaft dargestellt wird. Sexualität ist eine Form der Kommunikation. Wir interpretieren Smalltalk oder Gespräche mit Fremden doch auch nicht gleich als Persönlichkeitsstörung.

Nachdem Lotta aber deutlich macht, dass sie nicht sexsüchtig und dauerhaft traurig ist, folgt die 2. Druckstufe. Lotta wird es nämlich schwer haben, einen „richtigen“ Partner zu finden. Es ist unfassbar, mit welcher Selbstverständlichkeit davon ausgegangen wird, dass das Lebensziel jeder Frau ein männlicher Partner und eine Familie ist. Ich weiß natürlich nicht, wie gern Lotta wirklich eine langfristige Beziehung möchte, aber kommt denn niemand auf die Idee, dass es als Single auch sehr schön sein kann? Nicht jeder möchte eine Beziehung haben. Warum wird eine Frau, die sehr viel sexuelle Erfahrung hat, nicht nach ihren sexuellen Erfahrung gefragt, sondern danach, wann sie endlich monogam wird? Und warum wird bei Lotta – die auch Sex mit Frauen hat – so selbstverständlich von der Suche nach einem Mann ausgegangen?

Sollte eine Frau wie Lotta jedenfalls eine Beziehung wollen, dann wird das schwierig. Das suggeriert zumindest der Text. Männer – so wird klar vorausgesetzt – könnten von Frauen mit viel Erfahrung nämlich verunsichert werden und sich dann zurückziehen. Ja, wunderbar wer will denn auch schon einen Mann, der sich von sowas einschüchtern lässt? Dann passen Lotta und diese Person einfach nicht zusammen, ist doch großartig, wenn das gleich geklärt ist. Es ist vollkommen normal, dass man sich einen Partner sucht, der ähnliche Vorstellungen vom Leben haben, wie man selbst. Nur bei der Sexualität soll sich die Frau auf einmal verstellen? Sicherlich keine gute Basis für eine aufrichtige Beziehung.

Mit einem Partner, der nicht voller Angst ist, könnte man womöglich auch besprechen, wie man mit dem Thema innerhalb einer Beziehung umgeht. Der Nido-Text suggeriert wie selbstverständlich, dass eine Beziehung monogam sein muss. Lotta bleibt also gar nichts anderes übrig, als ihre Sexualität innerhalb einer Beziehung auf Jahre zu drosseln. Warum ist es so schwer, logisch zu denken und eine Beziehung auch mal anders als monogam zu definieren? Sicherlich wäre das nur mit einer Person möglich, ihre ihre Geschichte kennt, die sich davon angezogen fühlt, womöglich ähnliche Interessen hat und bereit ist, sich darauf einzulassen.

Dieses Herangehensweise ist dann aber wohl zu progressiv. Sie würde so vieles infrage stellen und womöglich dazu führen, dass Menschen beginnen, andere Lebens- und Liebeskonzepte auszuprobieren. Wer will das schon? Die Nido ganz offenbar nicht und auch sonst lächeln wir freundlich, wenn wieder jemand behauptet, dass Frauen ja nie Lust auf Sex hätten.