Twitter-Favs Spätsommer 2015

Unterlassene Hilfeleistung

Vor ein paar Jahren war ich mit einer Person unterwegs, die ich nicht besonders mochte. Während wir an einer Bushaltestelle warteten, fiel meine Begleitung um. Ich konnte ihn auffangen, so dass er nicht auf die Straße knallte und sich verletzte. Ich rief den Notarzt. Meine Begleitung kam bald wieder zu sich und erklärte, das würde ab und zu passieren. Letztlich schickten wir den Notarzt wieder weg.

Einige Wochen später erfuhr ich, dass die Person, die ich vor einem unangenehmen Aufprall geschützt hatte, hinter meinem Rücken intrigiert hatte. Seine Aussagen führten dazu, dass meine Kompetenz in einem bestimmten Gebiet massiv hinterfragt wurde. Mal mehr mal weniger ernst, dachte ich darüber nach, warum ich ihn nicht einfach wie einen nassen Sack auf den Boden hatte fallen lassen.

Seitdem immer mehr Menschen hilfesuchend nach Europa kommen, muss ich wieder häufiger an diese Geschichte denken.

Der Punkt ist nämlich der, es ist völlig irrelevant, ob wir jemanden mögen oder nicht, wenn es darum geht zu helfen. Es ist unsere menschliche Pflicht.

Wenn wir an einem verunglückten Auto vorbei fahren, sollten wir anhalten und wenn möglich helfen oder zumindest Hilfe rufen. Entsprechend wird im Strafgesetzbuch festgelegt:

㤠323c
Unterlassene Hilfeleistung

Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.“

Nun man kann einwenden, dass der Umstand, so viele Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen nicht zumutbar ist oder wir uns durch die Hilfe selbst in Gefahr begeben oder anderer Pflichten einfach wichtiger sind. Aber für wen ist das nicht zumutbar? Für mein Leben hatte der Zustrom der Flüchtlinge in den letzten Monaten überhaupt keine Relevanz. Außer dass wir endlich den alten Kinderwagen los sind und ab und zu Lebensmittel und Geld gespendet haben. Ich bin mir sicher, dass das Gleiche für 98% der deutschen Bevölkerung gilt. Geändert hat sich nur etwas für die vielen (freiwilligen) Helfer. Die versuchen unter tatsächlich unzumutbaren Umständen, die ankommenden Menschen so gut es geht zu unterstützen. Aber diese Menschen, die so viel leisten, sind nicht die, die schimpfen und Grenzzäune um Deutschland fordern.

Die Forderungen weniger Flüchtlinge ins Land zu lassen, „Anreize“ wie Bargeld zu streichen, schärfere Grenzkontrollen durchzuführen oder Transitzonen einzurichten hat ganz andere Hintergründe. Sie haben nichts mit Zumutbarkeit, eigener Gefahr oder anderen Pflichten zu tun. Es geht um Angst, Missgunst, Gier und Geiz.

Da niemand gern die genannten Motive für sich in Anspruch nimmt, lassen wir uns kreative Ausreden einfallen. Zum Beispiel, dass wir in einer homogenen Gesellschaftsordnung leben und die (muslimischen) Neuankömmlinge einfach nicht gut in unser Wertesystem passen.
Ich bin ständig umgeben von Menschen, die nicht in mein Wertesystem passen. Als Atheistin ist mir Religiosität wirklich sehr fremd. Ich versuche zu verstehen, warum Menschen sonntags in Kirchen gehen, warum sie glauben und warum sie ein Kreuz um den Hals tragen. Aber es gelingt mir selten. Daher versuche ich es einfach mit Respekt. Wenn meinen Freunden der Glaube etwas bedeutet, dann muss ich das akzeptieren und mich darüber freuen, dass sie etwas für sich Bedeutungsvolles gefunden haben. Es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen und ich nehme es einfach hin, dass sie in dieser Sache anders sind als ich. Genauso erwarte ich, dass sie meine Ungläubigkeit respektieren.

Ich stelle auch immer wieder fest, dass in der „homogenen“ Bevölkerung in Deutschland sehr wohl massive Unterschiede gibt. Mein Bild von einem Sozialstaat, meine kritische Einstellung zu patriarchalischen Strukturen und vom Umgang mit Gender und sexueller Vielfalt deckt sich wahrscheinlich nur mit einem sehr geringen Anteil der Bevölkerung. Wir leben nicht in einem homogenen Biotop. Wir leben in einer sehr heterogenen Gesellschaft, die – wenn man es positiv ausdrücken will – zumindest versucht, respektvoll mit der Meinungsvielfalt umzugehen. Wenn Neuankömmlinge das sofort zerstören können, dann ist unser freiheitliches-demokratisches Biotop wohl nicht besonders solide aufgestellt.

Im Glauben, einer besonders guten Gesellschaft anzugehören, entfaltet sich der Chauvinismus. Daraus leitet die CSU übrigens neuerdings das C ab. Dass wir in Deutschland geboren sind oder schon lange hier leben, halten wir für einen persönlichen Verdienst. So als hätte es einer eigenen Leistung bedurft, in Hamburg und nicht in Kabul geboren worden zu sein. Dank dieser Leistung kann selbst die kleinste Kerze auf der Torte für sich in Anspruch nehmen, aus einem Land der Denker, Ingenieure, Effizienz und Ordnung zu kommen. Es ist natürlich schön für den einzelnen, Selbstbewusstsein über Nationalismus zu finden. Man fällt dann halt nur in die Kategorie unangenehmer Mensch ohne moralische Integrität.

Wobei mir offener Chauvinismus und Rassismus fast lieber sind. Hier erkennt man immerhin gleich mit was man es zu tun hat. Denn was viele Medien und viele Politiker machen, ist eine ganz besonders perfide Form von Bösartigkeit. Gerade las ich ins der Zeit einen Artikel darüber, dass die Leute jetzt für Flüchtlinge spenden aber nicht für Obdachlose. Hier wird nichts anders gemacht, als die einen Schwachen gegen die anderen Schwachen auszuspielen. Das ist so bösartig, dumm und widerwärtig. Man sollte von reflektieren Menschen erwarten, dass sie es schaffen, den Brückenschlag zu eine jahrelang verfehlten Sozialpolitik zu finden.

Schön auch, das Gerede von Kapazitätengrenzen. Anstatt auf die viel beschworenen „deutschen“ Kompetenzen wie Effizienz und Ordnung wirklich mal zurückzugreifen, wird das Gespenst der Ressourcenknappheit aufgerufen. Auch versuchen nur wenige Politiker, die das Land „führen“ sollten, diese Führungsaufgabe umzusetzen. Statt Kompetenz, Weitsicht und ein humanitären Menschenbild zu vermitteln, schüren die meisten Angst und brandstiften mit Rassismus und Vorurteilen.

Wie schon bei der Aufnahme der Flüchtlinge, kommen das Engagement und die Stimmen der Vernunft meist nicht aus den offiziellen Kanälen. Glücklicherweise gibt es viele Menschen, die verinnerlicht haben, dass wir einander schützen müssen. Dass es nichts mit Sympathie oder Glaube oder Weltsicht zu tun hat, wen wir aus aus einem brennenden Auto retten, aus dem Meer ziehen oder vor Hunger, Kälte und Gewalt schützen.

Ich kann gut verstehen, dass so viele Neuankömmlinge Angst machen und dass man manchen Leuten nicht helfen mag. Es gab Situationen, in denen ich auch fantasierte, was passiert wäre, wenn ich jemanden nicht aufgefangen hätte. Wenn man aber ernsthaft ein humanes Wertesystem für sich in Anspruch nehmen möchte, dann muss die Basis sein, alle Menschen schützen zu wollen, sogar Horst Seehofer.

Twitter-Favs Sommer 2015

Christoph Kappes
@ChristophKappes
Schön, dass die Bordkarte „mobile Bordkarte“ heisst – hatte schon Angst, dass sie nicht mitkommt.
Mic Wright
@brokenbottleboy
I think we should give Donald Trump credit for his war heroism in the conflict against human decency.
Bastard Keith
@BastardKeith
when you slut shame on twitter dot com an angel loses sensitivity in its nipples
katjaberlin
@katjaberlin
„superior single“. meinen die das zimmer oder mich?
Danny Wylde
@dannywylde
Getting (literally) fucked for money is the only way capitalist degradation can be experienced as hot. Otherwise you „just“ have a job.
Klaus Uhunase
@HerrNoz
9 von 10 Rassisten sind gegen Rassismus.
mostly harmless
@NikSput
Jogger sind in der Selbstwahrnehmung Halbgötter in Schweiß.
Wondergirl
@Wondergirl
Bestimmt ist der einzige nette Mensch im Internet der Typ, der seinem Schwanz Arme und Gesicht malt und die Bilder auf Tumblr postet.
katia
@knetagabo
mich und den sohn für nen tanzkurs angemeldet. der sohn tanzt mit seiner freundin und ich mit der mutter seiner freundin (sie als mann)

Das englische Triple

Mit am meisten beeindruckt hat mich in unserem Urlaub in der Toskana wie viel Gepäck in den Kofferraum unseren gemieteten Fiat 500-Kombi passt. Zwei große und ein kleiner Koffer konnten fast achtlos und ohne eine Spur von Tetris hineingelegt werden.

Mit unserem fahrenden Raumwunder führen wir auf absurd engen und kurvigen Straßen zu unserem kleinen Bauernhäuschen am Hang, ohne WLAN und mit nur sehr maßvollem Empfang.

Zwei Wochen digitale Diät haben mich nicht mehr erholt als zwei Wochen mit WLAN. Und ich kann auch nicht darüber berichten, mich wegen fehlender Erreichbarkeit freier gefühlt zu haben, eher weniger informiert.

Allerdings habe ich so endlich mal wieder Bücher gelesen.

The Girl on the Train von Paula Hawkins

Ich liebe Thriller und Krimis. Leider gibt es einfach nicht besonders viele, die mir gut gefallen.

Vor einiger Zeit versuchte ich mich an Jo Nesbøs Headhunter. Ich bin nach einigen Kapiteln ausgestiegen. Die Liebe des Protagonisten zu seiner Frau wirkte als sei er ein verwirrter Geist, der sich in irgendeine Liebesprojektion verknallt hat, aber ganz sicher nicht in eine Person.

Wahrscheinlich hat mich das Internet versaut, aber ich ertrage es nicht mehr, mich literarischen (filmischen) Werken hinzugeben, in denen weiblichen Charaktere die Dimensionalität eines Pappaufstellers haben und vor allem zur Herausarbeitung der vielschichtigen Heldensaga des männlichen Protagonisten dienen.

An Thrillern und Krimis stört mich häufig auch die laffe Story und dass man schon früh die Struktur inklusive der Twists erkennen kann.

Das Girl on the Train ist Rachel. Sie ist Ende 30 und ihr Leben läuft nicht so wirklich rund. Jeden morgen pendelt sie von einer Vorstadt in die Londoner Innenstadt. Vom Zug aus beobachtet sie das Leben anderer Leute. Ganz besonders ans Herz gewachsen ist ihr dabei ein Paar. In das Leben dieser Leute projiziert Rachel ihre Träume von Liebe und Leben. Eines Tages ist die Frau verschwunden und Rachel beginnt auf eigene Faust zu suchen.

Abgesehen davon, dass ich den klaren Stil des Buches sehr mochte, fand ich den Plot angenehm überraschend. Keine Polizistin, keine Journalisten, keine geniale Wissenschaftlerin, sondern eine versoffene, dicke Stalkerin kümmert sich um den Fall.

Auch steht der Fall nicht permanent im Vordergrund. Ich mochte, wie unsere Sehnsucht nach Liebe, der Umgang mit Gewalt und traumatischen Erlebnissen in die Geschichte eingewebt wurden. Neben dem Verschwinden einer Person handelt die Geschichte von den vielfältigen Möglichkeiten als Frau in unserer Gesellschaft zu scheitern.

Meine Schwägerin empfahl mir dann Jacinta Nandis nichts gegen blasen

Große Teile des Buchs habe ich dem Mann laut vorgelesen und gut amüsiert stritten wir dann über Blasen oder Cunnilingus.

Nach einem fulminanten Blowjob mit viel Augenkontakt macht Nandi – ich würde das Buch als autobiografisch bezeichnen, wobei ich letztlich keinen blassen Schimmer habe, ob das stimmt – ihrem Freund einen Heiratsantrag und er macht Schluss. Im Groben beschreibt das Buch das Jahr nach der Trennung.

Nandis Sprache ist so klar, lakonisch und drastisch, dass ich von ihr selbst eine Abhandlung über die Fortpflanzung von Regenwürmern lesen würde.

Die großartige Geschichte bekommt man sozusagen als Bonustrack dazu. Ein wenig ist es wie eine Achterbahnfahrt durch den Wahnsinn, den man seit der Geburt ausgesetzt ist, wobei Nandis Achterbahn besonders viele Loopings hat.

Einmal durchgerüttelt hätte ich am Ende des Buchs am liebsten gleich wieder angefangen. Ein kleines Surrogat ist ihr Facebook-Profil, das ich jedem ans Herz legen kann inklusive der Kommentare und Nandis Reaktionen.

Für die letzten Tage des Urlaubs hatte ich mir das sperrigste Buch gelassen: Laurie Penny Unspeakable Things – Sex, Lies and Revolution.

Vor einigen Wochen war ich in Hamburg bei der Lesung von Laurie Penny. Wäre ich nicht ohnehin schon ein Fan von ihr gewesen, spätestens dort wäre ich es geworden.

Ich stimme mit Penny überein, dass viele gesellschaftlichen Probleme direkt auf unser kapitalistisch-patriarchischen System zurückzuführen sind.

Ich mag wie sie argumentiert, dass wir uns über unseren Wert in der Gesellschaft definieren. Dieser bemisst sich vor allem an der Arbeitskraft aber bei Frauen ist der Wert eben auch von Optik und Alter abhängig.

Interessant und ebenfalls teilweise bestätigten kann ich wie Penny analysiert, dass Frauen dazu erzogen werden, die vom Mann zu befreiende Prinzessin und dann seine helfende Begleiterin zu sein, während Männer dazu erzogen werden, die Helden ihrer eigenen Geschichte zu werden.

Wenn ich mir anschaue wie oft diese weiblichen und männlichen Lebensentwürfe medial wiederholt werden, weiß ich warum ich so viele Dinge nicht mehr lesen oder ansehen mag. Diese Geschichten langweilen mich mittlerweile sogar mehr als dass sie mich ärgern.

Sehr interessant fand ich auch Pennys Beobachtungen zu den Lost Boys. Sie widerlegt sehr gekonnt, dass die Männlichkeit in einer Krise steckt.

Der Schlüssel liegt schließlich nicht darin, sich auf alte Muster zu berufen, damit Männer – wenn sie sonst schon keine Macht haben – wenigstens Frauen gegenüber Dominanz ausüben können. Die Antwort kann doch – jetzt mal von ganz normalen Menschenverstand ausgehend – nur sein, dass sich alle Menschen auf Augenhöhe treffen. Wem das schwer fällt, sollte das lernen und sich nicht nach alten Zeiten sehnen.

Unspeakable Things hat mich oft wütend und häufig nachdenklich gemacht. Ein fluffiger Roman zu Abschied hätte dann gut gepasst. Aber der Urlaub war zuende und über Serpentinen ging es zurück ins WLAN.

„Nimm das Weißbrot, Du Luder“ oder als das Essen dreckig wurde

Eine meiner letzten Diäten versteckte sich unter dem Label „Detox“. Ich las ein Buch von Natalia Rose und glaubte, meinen Körper und vor allem meinen Darm jahrelang mit widerwärtigem Dreck gequält zu haben und ihn nun mit Gemüse(säften) und Einläufen wieder säubern zu müssen.

Ich beließ es bei grünen Drinks und verzichtete auf Getreide und Milch. Um das Resultat einiger Monate zusammen zu fassen: es bringt gar nichts, außer dass der Po wund wird, weil man ständig auf die Toilette muss.

Geblieben ist aber die Wut, die Wut darauf, dass Essen als ein Gift verkauft wird. Und zwar teuer. Auch wenn es mich freut, dass es Menschen gibt, die hier einen Weg gefunden haben, sich und ihre Familie mit Gemüseshakes zu ernähren, indem sie anderen Menschen überteuerte Produkte und abstruse Heilstheorien verkaufen, möchte ich spucken, wenn ich unter irgendeinem Gericht den Hashtag #healthy, #fit oder #clean lese.

Wem das zu wenig differenziert ist, ich gehe gern ins Detail.

#healthy

Gesundheit ist eine sehr feine Sache. Bereits eine Erkältung kann meine Lebensqualität beeinflussen. Das ändert nichts daran, dass ich eben manchmal krank bin. Manchmal sind auch die Kinder krank, das beeinflusst mich dann auch und trägt eigentlich auch nie zu meinem Wohlbefinden bei. Auch Krankheiten bei meinem Partner oder in meiner Familie stimmen mich nicht fröhlich.

Fakt ist, Menschen werden krank, manche werden sogar krank oder physisch eingeschränkt geboren. Ziemlich sicher ist auch: irgendwann sterben alle Menschen. Das ist oft sehr traurig für alle Beteiligten. Aber wer glaubt, dass ein grüner Drink oder ein Salat vor Krankheit, Tod und Verwesung schützt, muss entweder sehr naiv oder sehr ängstlich oder beides sein.

Wie naiv oder ängstlich man ist, um jedem zu glauben, der sich gekonnt als Heilsbringer verkauft, ist eine persönliche Sache. Darüber darf ich mir im Grunde kein Urteil erlauben.

Schwierig ist die damit einhergehende Ausgrenzung. Und die findet mit der Glorifizierung und zur Schaustellung eines vermeintlich gesunden „Lifestyles“ automatisch statt.

Was ist denn mit Menschen die krank sind? Verwirken die ihr Recht auf Empathie, Verständis, Dasein weil sie nicht gesund sind? Haben sie einfach nicht genug grüne Smothies getrunken und verdienen damit eine Krebserkrankung? Was ist mit behinderten Menschen? Sollen wir all denjenigen, die nicht #healthy leben oder #healthy sind die Gesundheitsversorgung kappen? Sollen wir sie aus der Gesellschaft ausgrenzen?

Eine Übertreibung ist das nicht. Auf Facebook wurde Tess Holliday öffentlich angegriffen. Dabei ist nicht einmal bekannt, dass sie krank wäre. Sie ist einfach nur sehr dick und daraus kann man ja nur schlussfolgern, dass sie krank ist oder bald krank sein und dem Gesundheitssystem bzw. der Gesellschaft auf der Tasche liegen wird. So jemand darf nicht zufrieden mit sich sein. So jemand darf auch keine öffentliche Figur sein. Sie soll sich in ein dunkles Loch verkriechen, dort hungern und erst wieder rauskommen wenn sie ein guter schlanker Mensch geworden ist.

#fit

Ganz besonders pervers finde ich, dass die durch Nahrungsprogramme erzielte Gesundheit nicht dem Selbstzweck dient. Vielmehr soll sie uns dienen erfolgreicher, stressresistenter und leistungsstärker zu werden.

So beschreibt Rose (und es könnte aus jedem anderen #detox, #raw, #health Blog stammen) unter anderem das Zielpublikum ihrer Programme mit folgenden Worten:

Anyone who has given birth multiple times and as a result, is not functioning as well as she did prior to pregnancy and birth.

„not functioning“ ist ein Problem in unserer Gesellschaft. Selbst in Pixar-Filmen wird das Hauptziel unserer Existenz deutlich: produktiv arbeiten. Nicht zu funktionieren ist ein Affront gegen eine Gesellschaft, die sich über die Arbeit definiert. Kein Wunder, dass es Menschen gibt, die depressiv werden, wenn sie ihren Job verlieren. Kaum etwas definiert uns so wie unsere Arbeit.

Mein sonst sehr geschätztes Magazin Edition F veröffentliches neulich einen Artikel über Essen, das Stress reduzieren kann. Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf. Gegen Stress hilft vor allem die Reduzierung von Stress. Das heißt in manchem Fällen eben auch die Verweigerung zu funktionieren. Ganz sicher reduziert sich mein Stress nicht, wenn ich grüne Säfte trinke oder mein Essen vorkoche. Im Gegenteil, die ständige Optimierung meiner Selbst z.B. durch Sport und Nahrung verursacht – zumindest bei mir – mehr Stress.

In diesem Artikel wird also auch nur an den Symptomen gekittelt aber nicht unsere allgemeine Stresskultur kritisiert. So zeigt sich ein weiteres Mal, dass es nicht um die Zufriedenheit eines Individuums geht, sondern ausschließlich darum, dass ein normiert-gesunder Mensch gut funktioniert.

#clean

Ungern würde ich hier eine Diskussion über gute und schlechte Lebensmittel beginnen. Es gibt eine schier unendliche Anzahl an Forschungsarbeiten, Büchern, Texten und Meinungen darüber, welche Nahrungsmittel gut sind, ob man mit Nahrung heilen kann, mit welcher Nahrung man heilen kann oder welche Nahrung Krebs/Herzinfarkt/Diabetis vorbeugt. Ich verfolge das nun schon gute 30 Jahre und habe festgestellt, dass ständig neueste Forschungen auf den Tisch kommen, die was ganz anderes sagen, als die neuesten Forschungen davor.

Wenn sich also die Wissenschaft nicht einig ist, ist das für mich ein Grund, einfach selbst zu denken. Wenn ich etwas zu mir nehme und mich dadurch (leicht) verändere, wie bei Alkohol, Kaffee oder Zucker, dann nehme ich davon nur maßvoll zu mir. Wenn ich den Eindruck habe, ich vertrage etwas nicht (Eier), dann esse ich wenig davon. Und wenn ich die Wahl habe, esse ich lieber frischen oder sehr jungen Knoblauch. Außerdem versuche ich mich nicht zu überfressen, da ich dieses gestopfte Gefühl nicht mag. Häufig halte ich mich nicht an meine Regeln.

In meinem Fall ist es also unkompliziert. Aber ich erwarte von Essen auch keine heilende Wirkung, sondern nur befriedigende Sättigung.

Essen ist für mich etwas sehr Wichtiges. Auch wenn ich schnell esse und zuweilen schlinge, genieße ich gutes Essen sehr. Ein Teil meines Gedächtnisses basiert auf kulinarischen Erlebnissen. Nahrungsmittel können entscheiden, ob ich einen Ort, eine Person, eine Situation mag.

Das Kernproblem einer jeden Dität, die ich jemals gemacht habe, war der Verzicht. Nicht der Verzicht einer Kalorie, sondern der Verzicht auf ein schönes geschmackliches Erlebnis. Diäten waren für mich ein Gefägnis. Statt durch die Welt reisen zu können, saß ich im Kerker meiner Essensreglementierung.

Clean eating ist da nicht anders. Im Gegenteil, die Welt der Nahrung wird aufgeteilt in schwarz und weiß oder besser in grün und alles andere. Und nur die weiße grüne Welt ist sauber. Der Rest ist dreckige Schlacke.

Insofern ist bei diesem Nahrungskonzept alles schlüssig. Wer Nahrung in sauber und Abschaum einteilt, der steht auch auf genormte, funktionierende Menschen.

Twitter Favs Juni 2015

Boxenlude®
@boxenlude
Die Apple Watch ist wirklich genial.
Ohne sie wüsste ich nicht, dass ich heute schon fünf Kilometer masturbiert habe.
Jil Phoenix
@JilPhoenix
Schade, keine deutsche Übersetzung. Ich hätt so gern gewusst ob Polyester drin ist. pic.twitter.com/LHcpr3iigA
silvestah
@silvestah
Als weißer, heterosexueller Mann habe ich es echt schwer. Besonders, seit es keine Kolonien mehr gibt und Frauen wählen dürfen. >:(
Herr Knebel
@HerrKnebel
Mir egal, ob jemand im öffentlichen Dienst Kopftuch trägt. Die können sich nen toten Igel auffen Kopp dübeln solang se ihren Job gut machen.
Pixie Apfelbaum
@morningpapergal
„…Ein Wein, der jung und in sich gekehrt wirkt, aber auf lange Sicht alle Trümpfe in der Hand hält.“

SAG MAL, BRENNT IHR?!

Mann vom Balkon
@MannvomBalkon
Sonntag. Schnell im Park noch einen Passanten reißen, um etwas zum Abendbrot zu haben.
TechnicallyRon
@TechnicallyRon
BRITAIN IS NOT USED TO THIS HEAT. THE SWANS HAVE MELTED. THE LAKES ARE ON FIRE. NO ONE CAN DRINK TEA BECAUSE IT EVAPORATES. CHAOS. SEND AID.
Emilia-Extra
@atteux
Wie Sie dieser Grafik entnehmen können, müssen wir dringend über den Linksextremismus in Leipzig sprechen. pic.twitter.com/boQjytKkrQ