Juli-Links

140 Sekunden ist ein Format, das auf ZDFinfo im Rahmen des Elektrischen Reporters läuft (zu eher ausgefallenen Sendezeiten). Dabei wird in 140 Sekunden die Geschichte eines Tweets erzählt – für gewöhnlich vom Twitterer selbst.

Vor eingen Wochen durfte ich im Due Baristi, in unserem Hausflur und an meinem Schreibtisch die Geschichte von #609060 erzählen. Das Resultat kann entweder hier ab Minute 5:43 oder bei youtube als Einzelclip angeschaut werden.

Nachdem die Krautreporter ja bereits für sich feststellten, dass die Auswahl an kompetenten Frauen im Journalismus einfach zu klein ist, stellte auch die brand eins in den Kommentaren – zu einem Hinweis über ein ziemlich unausgewogenes Geschlechterverhältnis im letzten Magazin – fest:

Wenn wir also viele Männer im Magazin haben, dann ist das ein Spiegelbild unserer Gesellschaft.

Felix Schwenzel hat die die besten Links und Tweets zusammengetragen, aufgearbeitet und klug geschlussfolgert:


vielleicht ist es auch zeit dafür, dass die brandeins mal wieder scheitert. sich radikal neu denkt, neu erfindet. von bequemlichkeit, selbstverliebtheit und arroganz befreit. und wieder mehr fragen stellt, als antworten zu geben und andere am erfahrungsschatz ihrer redakteure teilhaben zu lassen.

Anne Schüssler wiederum erläutert noch einmal sehr anschaulich Was Sie schon immer über Frauenzählen wissen wollten, aber nicht zu fragen wagten.

Gabriele Fischer hat sich übrigens in einem Interview ebenfalls zum Thema geäußert.

Das konsequente Paradox fand ich mit Abstand den besten Text zu Frank Schirrmacher nach seinem plötzlichen Tod.

Doch Schirrmacher war weder links noch radikal, sondern zutiefst konservativ. Er wollte die Privilegien der Elite retten, zu der er sich selbst zählte. Er stellte sich nur schlauer an als die anderen Besitzstandsbewahrer. Der Trick war so simpel wie wirkungsvoll: Da Schirrmacher stets „die Revolution“ ausrief, schien eine Reform überflüssig. Das Machbare in der Gegenwart wurde ignoriert, weil es angeblich von der Zukunft überholt war.

Ich habe mich immer gefragt, was Menschen zu Musikfestivals treibt. Warum sollte ich irgendwo in einem Zelt hausen, ohne ordentliche sanitäre Anlagen, um Musik zu hören, die ich viel gemütlicher zu Hause auf dem Sofa hören könnte. Stevan Paul hat es geschafft, dass ich erstmals ansatzweise verstanden habe, warum ein Festival toll sein könnte.

“Liebe Brigitte, ich hasse dich!” von Carolin Kebekus.


Our unrealistic views of death, through a doctor’s eyes
Das Alter, das Sterben, schlimme Krankheiten und der Umgang damit sind Themen, die viel zu selten aufkommen und einen dann kalt erwischen, wenn sie auf einmal da sind. Ich mochte diesen Text weil er gleichzeitig mitfühlend, warm und entlarvend ist. Außerdem wird endlich mit dem ewigen Mythos aufgeräumt, dass Menschen früher nicht alt wurden.

Die Dummheit der Diäten, quasi.

Wenn man an das Gute im Menschen glauben möchte, hilft es immer wieder Herzdamengeschichten zu lesen Der Krieg, das Wir und das Kind.

Ich habe ein tolles Modeblog entdeckt: Lu zieht an

Das Projekt What’s Underneath von stylelikeu finde ich allgemein großartig. Ganz besonders gut hat mir aber das Interview mit Meredith Graves gefallen.

Einfach mal die Welt retten.

Das Konzept der Polyamorie kann mich nach wie vor nicht wirklich überzeugen, aber ich mag diesen unaufgeregten Text darüber, warum sie gut sein kann.

Link-Empfehlunge des Mannes:

Jo

7 Things to Consider Before Choosing Sides in the Middle East Conflict

Warum wir nicht vergessen dürfen und warum Hitlervergleiche scheiße sind

In Köln arbeitete ich in einem Gebäude, in das beim Bau Hakenkreuze ins Gemäuer eingearbeitet worden waren. Man hatte die Backsteine zwar nach dem Krieg abgeschlagen aber wenn man genau hinschaut, sieht man anhand des Verwitterungsgrades noch heute die Schatten der Hakenkreuze.

Ich mag, dass die Spuren nicht verwischt werden können. denn die Zeit des Nationalsozialismus ist ein Teil unserer Geschichte.

Aus psychohygenischen Gründen lesen ich derzeit noch weniger Kommentare als ohnehin schon, aber ab und an spült mir meine Timeline Kommentare aus der Hölle an.

Kommentare in denen immer wieder gefordert wird, dass wir Deutschen endlich aufhören sollen, uns wegen unserer Vergangenheit schlecht zu fühlen und Kommentare, in denen Traurigkeit darüber geäußer wird, dass Hitler nicht alle Juden getötet hat und Kommentare, in denen Vergleiche zwischen Hitler und dem aktuellen Verhalten der Israelis gezogen werden.

Allein eine homöopathische Dosis dieser Aussagen lässt mich am Geisteszustand vieler Mitmenschen zweifeln. Womöglich stellen diese Kommentare und die absurden Diskussionen – zwischen beiden Lagern – auch nur eine Mikroebene des Krieges dar, die woanders in einer Markoebenen blutig ausgefochten wird.

Es ist wahrscheinlich nicht möglicht, zu erklären, aus welcher Motivation heraus Menschen so etwas schreiben, aber es ist einen Versuch wert, die Argumente zu widerlegen.

Geschichte

Unsere Kultur suhlt sich in einem Fetisch der Historie. Als Geisteswissenschaflterin bin ich ein großer Fan davon. In jeder Kleinstadt wird der Geburstag einer ansatzweise berühmten Person gefeiert und der Todestag gleich mit. Wir lieben es zu gedenken und uns an unserer gesellschaftlichen und persönlichen Geschichte zu laben.

Wenn wir uns also gesellschaftlich so sehr über unserer Vergangenheit, über unser jahrundertelang aufgebautes Image als Denker, Ingenieure, Fußballer usw. definieren, warum wird bei jeder Gelgenheit vehement dafür plädiert, endlich mal die Zeit des Nationalsozialismus zu vergessen?

Vor nicht einmal einem Jahrhundert wurden in dem Land, in dem wir leben, Millionen Menschen umgebracht. Einfach so. Frauen, Kinder, Männer. Sicherlich war der Kopf des ganzen ein Irrer aber so ein Großprojekt schafft man nur, wenn man genügend Helfer hat.

Und weil genau dies in diesem Land möglich war, haben wir auch Jahrzehnte später eine ganz besondere Verantwortung, dass es nie wieder passiert. Gräueltaten lassen sich nicht relativieren, indem man sagt: “aber die auch” oder “was habe ich damit zu tun?”.

“Die Juden”

Nach dem 11. September stellte ich immer wieder fest, wie von “Den Moslems” gesprochen wurde, als hätte eine komplette Religionsgruppe nichts anderes zu tun, als das Böse über die Menschheit zu bringen.

Genauso wie bei “Die Juden” bekam eine Relgion ein Pseudostigma. Eine neutrale Sicht auf den Glauben, oder die Tatsache, dass sich eine Gruppe aus unterschiedlichsten Individuen zusammensetzt, wurde komplett ignoriert.

Und daran haben Medien und Politik genauso schuld, wie die geistig faulen Menschen, die lieber in vorgekauten engen Schemen denken, statt etwas logisch durchdringen zu wollen.

Dabei ist es gar nicht so schwer. Moslems wie Juden sind vor allem erst einmal Menschen.

Das Problem bei Menschen ist, dass es ab und zu Entwicklungen gibt, die einzelne Individuen aggressiv, böse, manipulativ usw. machen. Diese Individuen nutzen alles was sie bekommen können u.a. auch gern Religion, um ihre Macht zu vergrößeren, ihren Sadismus auszuleben und Unruhe zu stiften. In extremen Fällen führt das zu Anschlägen, Krieg, Mord, Totschlag.

Kurzum, es gibt riesige Arschlöcher auf dieser Welt und einige davon haben so viel Macht und Möglichkeiten, dass sie viel Unheil stiften können. Außerdem gibt es viele Menschen, die den Arschlöchern gern helfen, obwohl sie im Grunde anständige Leute sind.

Korrupte Machtgeilheit hat nichts mit Religion zu tun, Religion wird nur sehr gern im Namen unehrenhafter Ziele benutzt.

Es ist also völllig absurd, eine Religion oder eine Nation/ein Volk für irgendwas verantwortlich zu machen. Eine Gruppe besteht aus Individuen und wer fordert, eine große Anzahl von Individuen müsse bestialisch getötet werden oder sich darüber freut, dass eine große Anzahl von Individuen mal getötet wurde, soll bitte einmal seine Empathie suchen und womöglich fehlt auch noch einiges andere.

Empathie ist eigentlich ganz einfach: Stellen Sie sich vor, sie sitzen zu Hause und vor Ihren Augen wird ihre Mutter, ihre Bruder und ihr Kind getötet. Danach werden sie vergewaltitgt (geht auch bei Männern) und verprügelt und dann blutend liegen gelassen.

Niemand hat das verdient.

Hitlerverlgeich

In Absurdistan ist nichts unmöglich. Zuerst kommt die Forderung, endlich den häßlichen Teil der Geschichte ignorieren zu dürfen, dann folgt der Wunsch, dass ein ganzes Volk vernichtet werden soll und zum großen Finale kommt der Hitlervergleich.

Wie kleine Kinder stehen sie da und krakelen, dass die einen jetzt auch dürfen, wofür die anderen mal geschimpft worden sind und überhaupt, alle sind Hitler.

Hitlervergleiche sind auf vielen Ebenen scheiße. Sie sind zum einen sehr unkreativ. Nach Hitler kommt nicht mehr viel und der ständige Gebrauch stumpf die Metapher ab. Das fällt dann leider auch auf die Zeit des Nationalsozialismus zurück, die damit auch eher zu einer stumpfen Vorlage für schlechte Witze wird.

Und Hitlervergleiche lenken ab. Sie lenken ab von der eigentlichen Situation. Jedes Krisengebiet ist nicht Deutschland in den 30er und 40er Jahren. Wenn ich sie aber mit dem Nationalsozialismus vergleiche, verbaue ich mir in dem Moment den Blick auf das, was tatsächlich passiert. Statt zu versuchen, zu begreifen, was vor Ort wirklich los ist, beruhige ich mich mit einem Meinungstemplate im Sinne von “been-there-done-that”. Ich gebe mich politisch, aber im Grunde interessiert es mich nicht.

Und dann dient der Hitlervergleich natürlich auch als Hintertür für die Bereinigung des schlechten Gewissens. Es ist ein wenig wie Straftäter-Mau-Mau, bei dem sich in jeder Runde gesagt wird, dass der anderen mehr Tote als man selbst zu verantworten hat. Das Problem ist, niemand wird von diesem Spiel wieder lebendig. Es ist nichts gewonnen außer Schuldzuweisung und Häme.

Ich kann verstehen, wie man ohnmächtig und verständnislos vor den Bildschirmen sitzt und sich fragt, was für ein Wahnsinn in diversen Teilen der Welt passiert. Ich kann Reaktionen wie Apathie, Ignoranz, Hoffnungslosigkeit und Wut verstehen.

Was ich nicht verstehen kann, ist Hass und der Wunsch, dass Menschen sterben. Wenn wir auf Gräuel mit (verbaler) Gräuel reagieren, sind wir Teil des Problems, nicht Teil der Lösung.

Twitter-Favs Juli 2014

Ode an die Gier

Als ich in Italien Au-Pair war, machte ich abends häufig das Abendessen. Die Mutter meiner Au-Pair Kinder ermahnte mich dabei immer, sehr sparsam mit dem Parmesan zu sein. Er sei zu intensiv und nicht dafür geeigent, ihn pur zu verzehren.

Seitdem esse ich regelmäßig – am liebsten im Stehen direkt neben dem Kühlschrank – ein großes Stück Parmesan. Denn ich liebe es, einfach so in der Beiläufigkeit, seinen kräftig-salzig-käsigen Geschmack zu genießen.

Wer gern isst und nie zierlich war, hat man mit Sicherheit schon das ein oder andere Mal gehört ‘Are you really going to eat that?’. Ich hörte darüber hinaus auch häufig, ich solle mehr kauen, langsamer essen, nicht schlingen, nicht immer zwischendurch essen und nicht so gierig sein.

Wer schlingt ist kein Genießer, wertschätzt nicht das Essen, lebt ungesund und hat einen rohen Charakter.

Ein Klassiker des verfehlten Fremd- und Selbstbildes, denn ich halte mich für eine Genießerin, ich liebe Essen, bin gesund und naja, womöglich ist der Charakter burschikos. Aber das kann auch auf eine hervorragendes Hirschgulasch zutreffen.

Ich glaube, der Gier wird viel Unrecht getan.

Im Englischen gibt es für Gier diverse Übersetzungen mit leicht variierenden Bedeutungen:

voracity: Gefräßigkeit, Unersättlichkeit
lust: Wollust
avidity: Begierde
esurience: Hunger

In der abendländlichen Kultur gibt eine große Begeisterung für die Trennung von Körper und Geist. Ziel eines glückseligen Lebens ist es, den Geist dazu zu bringen, den Körper zu dominieren. Die löbliche Hoffnung ist wohl die, dass rational denkende Menschen, mit hoher Frustationstoleranz und der Fähigkeit, Triebe zu unterdrücken, einfach besser miteinander auskommen und sich weniger abschlachten. Die Historie und die Gegenwart zeigen uns, dass der Plan nicht unbedingt aufgeht.

Und wahrscheinlich hat man sich in Zeiten, in denen das Essen knapp war, überlegt, dass langsames Essen mit viel Kauen gesünder ist. Meiner Mutter hat man in der Nachkriegszeit auch erzählt, dass frisches, warmes Brot unweigerlich zu schlimmen Magenschmerzen führt. So wurde das Brot natürlich auch noch einige Tage später hart und trocken verzehrt.

Aber Menschen können – sie müssen nicht – schlingen, es geht hervorragend und man bekommt auch keine Magenschmerzen davon. Im Gegenteil, wenn ich zwanzig Mal einen Bissen kauen muss, dann wird mir schlecht. Schlecht, weil ich ein Problem mit Konsistenz habe. Ich finde klebrig-schleimige Dinge ekelhaft. Ich verweigere mich auch jeder Form von Aspik. Ein Spuckebrei wird mit der Dauer des Kauens meist nicht leckerer, sondern vor allem glibberiger.

Am Essen genieße ich vor allem den Geruch, manchmal die Konsistenz, das Gefühl eines wohligen Gefüllt-Seins (die wahre Kunst ist, den perfekten Punkt der Sättigung zu erfühlen) und den Nachgeschmack (Zwiebeln und auch Knoblauch können mir unter Umständen nachträglich das ganze Essen versauen).

Dass ich die Nahrung dafür gierig in mich hineinschaufle, hat nichts mit fehlendem Genuss zu tun. Ich glaube einfach, dass Menschen sehr unterschielich an Dinge herangehen.

Als Kleinkind machten wir Urlaub in Lacanau. Ich erinnere mich an riesige Wellen. Ich hatte zunächst Angst und Respekt vor dem großen, tobenden Meer, aber meine Mutter und mein Bruder brachten mir bei, in die Wellen hineinzutauchen. Seitdem liebe ich es, zu tauchen. Wenn ich schwimmen gehe, überkommt mich der Moment des Glücks immer dann, wenn ich mit dem Gesicht unter Wasser den ersten Schwimmzug mache.

Wenn etwas Leckeres vor mir steht, dann tauche ich auch da schnell, konzentriert und – je nach Qualität – mit brachial wirkender Leidenschaft ein.

Meine Gier ist für andere Menschen so lange völlig irrelevant, bis sie sie betrifft. Wenn ich also die erste am Tisch bin, die fertig ist, nehme ich womöglich drei Mal Nachschlag, während andere noch am ersten Böhnchen nagen.

Insofern wird die Gier immer erst dann zum Problem, wenn andere Menschen ihretwegen zu kurz kommen. Sie deshalb per se zu veruteilen, finde ich ungerecht.

Ich finde Unersättlichkeit, Wollust und Begierde sind tolle Motoren des Lebens. Wir wissen ja nicht was danach kommt, wahrscheinlich nichts. Dem möchte ich dann wenigstens satt entgegentreten.

Ich bin diese unprofessionellen Anfragen so leid

Hallo,

Ich habe Ihre Webseite bei der Suche nach Portalen und Informationsquellen zum Thema Lifestyle gefunden und würde gerne wissen, ob Sie Gastbeiträge akzeptieren?

Wir haben ein kleines Team von Autoren und schreiben für verschiedenste Blogs und Webseiten Artikel zum Thema A. und -B. Der Beitrag wird natürlich auf Ihre Seite zugeschnitten und wir können gerne auch auf spezielle Wünsche eingehen. Der Artikel enthält einen Link zu einem C., der sich natürlich in den Kontext einfügt.

Ich denke, dass unsere Artikel gut auf Ihre Seite passen würden und ich schicke Ihnen gerne einen Beispielartikel, wenn Sie sich selbst ein Bild von unseren Beiträgen machen möchten.

Ich freue mich auf Ihre Rückmeldung und bespreche gerne alles weitere mit Ihnen.

Viele Grüße,

X.Y.

——-

Hallo Frau Y.,

vielen Dank für Ihre Mail und Anfrage. Leider würde ich auf meinem Blog nur dann kommerzielle Marketingtexte veröffentlichen, wenn diese sowohl hervorragend geschrieben als auch interessant für meine Leser sind.

Zudem erwähnen sie nirgendwo eine Bezahlung dafür, dass ich Texte Ihres Auftraggebers auf meinem Blog veröffentliche. Ich weiß zwar nicht, wann und wie der Eindruck entstehen konnte, dass Blogger ihr persönliches, oft langfristig aufgebautes und liebevoll gestaltetes Blog für kommerzielle Zwecke gern und kostenfrei zur Verfügung stellen, aber ich mache das nicht.

Wissen Sie, ich klebe auch nicht ohne finanziellen Ausgleich Reklamesticker auf mein Auto, auch nicht besonders hübsche oder besonders individuelle.

Wenn Sie oder Ihre Kollegen irgendwann einmal mit guten Ideen, einem guten Konzept, Transparenz, einer formal guten Mail inkl. Anrede und einer angemessenen Entlohnung an mich herantreten, stehe ich für Verhandlungen gern zur Verfügung.

Bis dahin wünsche ich Ihnen viel Erfolg mit anderen Lifestyle-Blogs und knaller Marketing-Ideen.

Herzliche Grüße
Journelle

Auch rosa Wolken sind grau

Nach meinem Vortrag auf der Re:publica 14 wurde ich gefragt, ob Pornos jungen Menschen nicht ein falsches Bild von Sexualität vermitteln würden. Seitdem habe ich immer wieder darüber nachgedacht und festgestellt, dass ich in meiner Adoleszenz ebenfalls ein völlig falsches Bild vermittelt bekommen habe. Ein absurdes Bild von Liebe und Beziehung Dank einer Vielzahl von (Hollywood-)Liebesfilmen.

Zum Glück hatte ich eine eher gefühls-rustikale Familie. Meine Mutter ist der Meinung, dass eine klare und ehrliche Einschätzung der Lage wichtiger sei, als der Glaube an den Weihnachtsmann. Ein älterer Bruder mit einem kruden Humor und ein Vater, der regelmäßig vom Abendbrotstisch gerufen wurde, um eine Sectio durchzuführen, taten ihr übriges.

Trotzdem träumte ich, lange bevor ich Brüste und Haarwuchs hatte, von einem Traumprinzen, der mich mit Pferd und Schloss vor den langweiligen Banalitäten des Lebens rettet.

Meine Mutter, eine begeisterte Kinogängerin, klärte mich früh auf. Sie sagte: “Weißt Du, in den Filmen kommen die Liebenden zusammen und dann ist der Film zuende. Das ist eine Lüge. Dann fängt es erst an.”

Ich stand weiterhin begeistert vor Brautgeschäften und suchte lange nach der Liebe meines Lebens. Für mich selbst wohl am Überraschendsten fand ich sie auch. Aber meine Mutter behielt Recht, so dass ich nach fast 10 Jahren Ehe und Familie ein wenig ungehalten werde, wenn ich sehe, wie massiv Jugendliche nach wie vor der Glorifizierung von romantischer und lebenslanger Liebe ausgesetzt sind.

Es macht mich wütend zu sehen, wie sich selbsterklärte Bewahrer von Kirche, Familie und Traditionen durch die Talkshows ranten und erzählen, dass wir quasi schon in Sodom leben, nur weil nun auch liebende Menschen des gleichen Geschlechts heiraten dürfen. Wie sie einen direkten Zusammenhang zwischen sexueller Liberalität und einem (vermeintlichen) Verschwinden der Moral sehen, wie sie deklarieren, dass Frauen selbst für sexuelle Nötigungen verantwortlichen seien, wenn sie leicht bekleidet vor die Tür gehen und wie sie Monogamie und Familie als einzigst wahre und gute Daseinsformen beschwören.

Genauso wütend machen mich Ratgeber, in denen Männer und Frauen als Wesen mit unterschiedlichen Bedürfnissen völlig unnötig polarisiert werden, in denen ein Geheimnis für ewig andauernde Leidenschaft und Liebe vorgegaultet wird und in denen alternative Ideen keinen Platz finden oder gleichgesetzt werden mit Scheitern und ewigen Trübsal.

Und auch liberale Zeitungen erklären uns, dass die große Auswahl sowie der Mangel an (konservativen) Vorbildern und an Beziehungsdisziplin dazu führen, dass wir uns nicht mehr “trauen” oder gleich trennen, wenn es schwierig wird.

Niemand kommt auf die Idee, nach der Wurzel zu graben. Niemand fragt, ob unsere Vorstellungen von romantischer Liebe, von Beziehung, von Ehe, von Partnerschaft womöglich nicht immer mit unseren Bedürfnissen als Mensch übereinstimmen.

Wir rennen der großen Liebe und der ewig lodernden monogamen Leidenschaft nach, wie dem perfekten Gewicht, der ewigen Jugend und der unerschütterlichen Gesundheit.

Neulich traf ich auf meine ehemalige Hebamme. Sie hat gerade zum 3. Mal geheiratet. Sie wirkte entspannt, glücklich und abgeklärt. Wir Menschen, meinte sie, seien nicht fürs Alleinsein gemacht. Ich bin da absolut ihrer Meinung, wir sind keine Inseln. Ich sehne mich aktuell immer nach Einsamkeit, so lange bis ich einen Nachmittag für mich habe und ich mich abends freue, wieder bei Mann und Kindern zu sein.

Der Punkt ist, ich bin ein Fan von Familie, Ehe, Freunden, Clans und Gruppen aber der ideologische und absolutistische Unterbau kotzt mich an.

Denn ich stelle oft fest, dass ich nicht die Frage danach stelle, ob es mir gut geht, ob ich zufrieden mit meiner Lebenssitution bin. Vielmehr evaluiere ich meine Beziehung nach den gängigen Partnerschaftsnormen. Ich frage mich, wie viel Sex in einer Beziehung normal ist, wie frisch verliebt ich mich dauerhaft fühlen muss, ob ich andere Männer gierig anschauen darf und überhaupt wo diese rosa Wolken der ewigen romantischen Liebe geblieben sind, die man mir als Jugendliche versprochen hat?

Das alles hat überhaupt nichts mit fehlender Liebe, mit fehlender Dispziplin oder einer genusssüchtigen Generation zu tun, die zu viel Auswahl hat, sondern damit, dass man uns Scheiße erzählt hat, dass wir den falschen Vorbildern und Mythen hinterherhängen. Und anstatt die Beziehungsmythen vielleicht mal zu hinterfragen und zu überarbeitet, doktern wir mit mentalem Tesafilm an uns rum und reden uns ein, dass es funktionieren muss, wir haben es schließlich von Beziehungs-Experten gehört und gelesen.

Was uns fehlt, sind neue Ideen und Vorbilder. Wenn ich die Generation der Eltern und Großeltern – bei denen angeblich alles viel besser und einfacher war – beobachte, habe ich nur sehr selten den Eindruck einer liebevolleren und klügeren oder gar vorbildlichen Beziehungsführung. Man kann sich natürlich wünschen, dass auch unsere Generation Dank einer deutlich verringerten Auswahl an Lebensstilen und engeren moralischen Normen länger in einer Beziehung verharrt, so dass wir alle zusammen im Korsett der Maßregelung nach Luft japsen. Aber der Trick der ängstlichen Kehrtwende ist langweilg, schnöde und feige.

Es gibt wenige Antworten aber die Fragen verdienen es, gestellt zu werden und bis dahin verweigere ich mich weiter romantischen Komödien oder Tragödien, in denen Abweichungen vom Pfad zu Tod und Verderben führen.