Polemik zur Nacht

Gerade habe ich dieses Interview mit Anthony Vaccarello gelesen und mir wurde wieder schlagartig bewusst, was mir an der Modewelt nicht gefällt.

Nach der Schwangerschaft mit meinem Sohn wollte ich unbedingt abnehmen. Ich habe monatelang keine neue Kleidung gekauft, weil ich hoffte, dass ich irgendwann ein Gewicht X habe, um dann endlich in die Klamotten der Eppendorfer Modeläden zu passen.

Lange Geschichte kurz: ich habe nicht abgenommen und am Ende habe ich einfach wieder Größe 42 bestellt bzw. in großen Warenhausketten, wo man nicht beschämt nach Größe 40 oder 42 fragen muss, passende Kleidung gekauft.

Ich kann mich immernoch nicht wirklich von dem Gedanken lösen, dass gutes Aussehen und schöne Kleidung ausschließlich mit einer Größe 36 oder maximal 38 funktionieren. Aber das oben genannte Interview hat mir noch einmal die Augen über den Irrsinn der Modewelt geöffnet, wobei meiner Meinung nach Vaccarello nur einer von vielen ist, den ich mir hier gerade in meiner mitternächtlichen Empörung rauspicke.

Vaccarello: Ich mache keine Mode, sagen wir, für gut gebaute Frauen. Kurven, wie sie in den Neunzigerjahren als Ideal galten, sind nicht so mein Ding. Ich finde es moderner, ein sexy Outfit an einem androgynen Körper zu sehen.

Aha, dachte ich mir. Aktuell sollen sich die Frauen für die Mode von Herrn Vaccarello runterhungern. Möglicherweise ist in 10 Jahren wieder die “runde” Frau modern und dann müssen die für die Mode von Richard Piccorello – 2022 Shooting-Star der Modewelt – androgyne Frauen eine Ovomaltine-Kur machen?

Und überhaupt, warum sollte ich Kleidung von jemandem kaufen, für den Kurven kein Ding sind? Und warum macht er nicht gleich Mode für Männer oder Hunde, die haben von sich aus weniger Kurven?

Und warum ist androgyn modern? Ich kann sehr gut verstehen, wenn jemand sagt, ich stehe auf androgyne oder runde Frauen oder Männer aber dabei handelt es sich um persönliche Präferenzen. Persönliche Präferenzen sind persönliche Präferenzen sie sind nicht modern oder altmodisch oder aktuell oder hip.

Vaccarello: Mein Ziel ist es nicht, möglichst viel Haut zu zeigen. Es geht nicht einfach nur um ein sexy Kleid. Ich will den Körper kunstvoll verzieren, es geht in erster Linie um die Konstruktion. Ich bin mir bewusst, dass viele Frauen noch nicht bereit dafür sind. Für meine Mode braucht man einen starken Körper und Willen.

Ein Moment, der dafür geboren ist mit dem Kopf gegen den Bettpfosten zu schlagen.

Konstruktion????? Es handelt sich um Stoff for God’s sake.

Zu Karneval habe ich früher mit Heißklebepistole und Tacker Kostüme konstruiert, das hat Spaß gemacht aber ich habe sie nicht Konstruktion genannt und schon gar nicht habe ich den Freunden, für die ich sie getackert und geklebt habe erzählt, sie müssten noch ein Jahr oder zwei warten, weil sie noch nicht für meine Werke bereit sind.

Natürlich kann man argumentieren, es handle sich bei Mode um Kunst und somit ist die Idee des Konstrukts schon ok. In dem Fall würde ich Herrrn Vaccarello allerdings auch bitten, seine Konstrukte auf Puppen aus der H&M Kinderabteilung zu drapieren und diese im Museum für Kunst und Gewerbe auszustellen.

In meine kleinen Welt ist Mode nach wie vor eine Art Dienstleistung. Ich zahle Geld, damit ich mir eine geschneiderte Bahn Stoff kaufe, die an mir möglichst gut aussehen soll.

Und es wäre einfach mal schön, wenn es kreative Menschen geben würde, die mir nicht erzählen würden, dass ich für ihre genähten Stoffbahnen einfach einen stärkeren Körper und Willen brauche, sondern die Mode machen, mit der sie die Menschen – egal ob rund, androgyn, sportlich, alt, jung, herb oder feenhaft – und damit vielleicht auch die Welt etwas verschönern.

Wenn Herr Vaccarello nur androgyne Klamotten nähen kann, wunderbar, aber dann soll er bitte die Welt mit seinem blasierten und dämlichen Gelaber verschonen.

Herr Vaccarello, ich habe nicht auf Ihre Klamotten gewartet, um meinen Körper daran anzupassen!

Ich wünsche seinem Modelabel sehr, dass er bald von einem der großen Luxuskonzerne aufgekauft wird und er dann nur noch mit seiner selbstherrlichen Modevorstellung unabhängig ist.

Von verlorenen Fäden und guten Süchten

Während der frühen Adoleszenz verbrachte ich viel Zeit mit meiner Freundin Sonja. Sonja war buchsüchtig. Ich habe vorher aber auch seitdem keine Person kennengelernt, die so viele Bücher gelesen hat. Sie las eigentlich immer. Das machte mir nicht so viel aus, weil ich auch gern viel las und weil wir meisten bei ihr zu Hause waren.

Sie hatte nämlich drei Geschwister, zwei Katzen und auch die Haushälterin und die Mutter waren sehr nett. Regelmäßig kam Besuch und es gab viele Süßigkeiten. Wenn ich also nicht mehr lesen mochte, amüsierte ich mich andersweitig.

Unsere Freundschaft litt also nicht unter ihrer Buchsucht und auch die Eltern störten sich nicht allzu sehr daran, dass ihre Tochter am literarischen Tropf hing, solange sie beim Essen die Lektüre weglegte. War die Haushälterin da, durfte sie allerdings auch während des Essens lesen.

Ihre Lehrer waren natürlich auch sehr beeindruckt und soweit ich weiß – unser Kontakt verlor sich aus verschiedenen undramatischen Gründen in der späten Adoleszenz – machte sie einen guten Schulabschluss, lebte mehrere Jahre im Ausland und ist heute Ärztin und mehrfache Mutter.

Sonjas Buchsucht hatte also keinen negativen Einfluss auf ihr gesellschaftliches Leben.

Neulich saß ich – bekennend internetsüchtig – auf dem Spielplatz, die Kinder spielten ruhig und entspannt und ich nutzte die Zeit, um auf meinem Handy meiner neuesten Leidenschaft zu fröhnen und Quote.fm zu durchstöbern.

Es war unglaublich, welche bösen Blicke mich trafen. Hätte ich dort mit einem dicken russischen Roman gesessen, die Situation wäre eine andere gewesen aber so blickten mich die Mütter kopfschüttelnd an.

„Tz, diese Mütter, die immer auf ihren Smartphones rumspielen, dem Jugendamt sollte man das melden!“

Ich erwartete jeden Moment, dass mir jemand eine Plastikschaufel über den Kopf zieht.

Es wundert mich immer wieder, wie – besonders von Eltern – Medienkonsum je nach Medium ganz unterschiedlich bewertet wird. Und wenn es direkt ihre Kinder betrifft, würden sie am liebsten alles ab- und ausschalten. Lediglich bei Büchern bekommen sie einen verklärten Blick, wenn die Kleinen konzentriert Feuerwehr- oder Ponyliteratur studieren.

Auch ich glaube, dass es einen Unterschied gibt, ob man sein Kind stundenlang vor den Fernseher oder ein Tablet-PC setzt oder ob es sich mehrere Bücher anschaut oder diese vorgelesen bekommt.

Allen gemein aber ist, dass es sich um Medien handelt. Und Medien ermöglichen einem, sich in andere Welten zu begeben. Ich meine mit Welten nicht unbedingt Mittelerde, sondern einfach eine andere Perspektive als die eigene.

Diese kann man in „Sam der Feuerwehrmann“ genauso finden wie in der „Pipi Langstrumpf“, in Haruki Murakamis „Wilde Schafsjagd“, genauso wie im „Tatort“ oder einer animierten „Wimmelbuch-App“, auf einem Bild von Rembrandt genauso wie auf einem Foto von Robert Mapplethorpe, von den verschieden Online-Lebenswelten mal ganz abgesehen.

Erzählte Geschichten, Bilder, Bücher, Theater, Kinofilme, Fotografien, Radio, Fernsehen, Magazine, Blogs usw. funktionieren, weil es uns Spaß macht, uns darauf einzulassen und weil wir uns automatisch mental in die Situation begeben, uns für sie interessieren und mehr darüber erfahren/lernen möchten. Das ist eine großartige Fähigkeit und wir sollten dafür dankbar sein und sie sinnvoll nutzen anstatt uns über gute und schlechte Medien zu streiten.

Etwas unfreiwillig habe ich auch mit meinen Kindern experimentiert. Als ich anfing wieder zu arbeiten hatte ich anfangs – bis ich um 7 Uhr das Haus verließ – meine Ruhe. Während ich für die Familie das Frühstück machte, schaute ich das Morgenmagazin. Irgendwann fingen die Kinder an, mit mir aufzustehen. Ohnehin nicht ganz glücklich mit der Situation beschloss ich, nicht auch noch auf meine morgendliche Ration Nachrichten zu verzichten.

Meine Tochter interessiert sich grundsätzlich nicht für Fernsehen, aber mein Sohn fand das alles sehr spannend. Im Rahmen unseres gemeinsamen Fernsehens setzte er sich mit Themen auseinander, die sein Leben sonst weniger betreffen.

Er lernte, dass Schiffe umkippen können, weil sie sich durch Felsen ein Leck gerissen haben, er kennt sich nun hervorragend mit den europäischen Wetterströmungen aus und kann in Ansätzen erklären, was ein Tsunami und eine tektonische Platte ist. Ihm gehen morgens jedenfalls weder Fragen noch Gesprächthemen aus.

Medien sind nicht schlecht, verantwortlich ist man nur für ihre Nutzung. Und wenn Mediensucht bedeutet, dass ich mich für die Perspektive anderer Leute begeistere, dass ich Dinge außerhalb meines alltäglichen Radius kennenlerne, dann kann ich mir wesentlich Dramatischeres vorstellen.

Und wenn ich gedanklich nicht so abgedriftet wäre, stünde hier ein Blogeintrag über meine Begeisterung für Quote.fm.

Der Perverse ist immer der Böse

Wenn man bis Minute 60 (von insgesamt 90) beim Tatort den Mörder erraten möchte, helfen folgende Regeln:

Es ist nie der oder die erste Verdächtige.

Im Zweifelsfall war es der Perverse, man findet aber erst ab Minute 50 raus, wer abseitige sexuelle Vorlieben hat.

Frauen morden fast nur aus gut nachvollziehbaren Gründe und begehen vor der Festnahme Selbstmord oder versuchen es zumindest.

Kinder und Jugendliche die morden, haben immer einen sehr guten Grund (wobei es meiner Meinung nach eine Ausnahme gab) und werden immer von ihren Eltern und nicht selten von den Ermittlern gedeckt.

Diesen Sonntag war dann wieder der unsympathische Lüstling dran, der Frauen ans Bett fesselt.

wg schrieb neulich einen sehr klugen Text über den Film Shame, den ich allerdings noch nicht gesehen habe. Nach der Lektüre dachte ich, dass es sehr spannend sein könnte, die Darstellung von sexuell unkonventionellem Verhalten in den Medien mal systematisch zu untersuchen.

Aus dem Bauch heraus und ohne systematische Untersuchung halte ich die nämlich für ziemlichen Bullshit.

Genauso wie die andere Seite der Medaille, nämlich das Klagen einer Nina Pauer über die Schmerzmänner.

Ende der 90er Jahre lief der französischen Film Une liasion pornographique an. Es handelt sich dabei um einen schönen Liebesfilm, den ich durchaus empfehlen kann.

Ein Mann und eine Frau lernen sich über eine Annonce kennen, um gemeinsam irgendeine sexuelle Praktik auszuleben. Welche genau das ist, erfährt der Zuschauer nicht. Nachdem sie ihm ihre Liebe gesteht, haben sie das erste Mal “normalen” Sex miteinander, an dem der Zuschauer dann auch optisch teilhaben darf.

Ich habe den Film bis zu diesem Punkt nachvollziehen können. Man trifft sich anfangs für Sex ohne emotionale Bindung und dann verknallt man sich doch. Aber warum um Himmels willen sollte man dann auf einmal normalen Sex haben? Wollen die beiden ein gemeinsames Kind?

Es ist doch so, wenn ich Sauerbraten total lecker finde und ich treffe jemanden, der köstlichen Sauerbraten machen kann und liebend gern dafür in der Küche steht, dann freue ich mich sehr und nutze das Angebot.

Und nur weil ich mich dann irgendwann in den Sauerbratenkoch verliebe, weil er ein toller Typ ist, sag ich doch nicht plötzlich: mach mir mal was leckeres Vegetarisches. Wenn ich vegetarisch essen will, dann hat das mit meinem Appetit zu tun, nicht mit meiner Liebe.

Der Film suggeriert also, dass die Verbindung von Liebe und Sex nur durch normalen Sex repräsentiert werden kann. In diese Kerbe schlagen meiner Meinung nach fast alle Filme und Serien, in denen die Hauptdarsteller einem unkonventionellen Sexual-Lebenstil pflegen (wobei das noch systematisch zu untersuchen wäre, s.o.).

Und während man sich über den promisken Charlie Sheen in Two and a Half Men lustig macht, schiebt man gleichzeitig Panik man könnte genauso sein, nur weil man eben auch mal Lust auf Sex mit einem wildfremden Menschen hat.

Und aus Angst heraus man könnte für beziehungsunfähig gehalten werden und deshalb nie die Liebe seines Lebens finden, hört man womöglich auf Dinge zu tun, die einem Spaß machen oder hat zumindest ein schlechtes Gewissen dabei.

Bis ich 28 wurde, war ich die meiste Zeit meines Lebens Single. Das war recht interessant, denn Singles sind per se suspekt. Man wird von wildfremden Männern, die einen überhaupt nicht kennen, für lesbisch gehalten oder auf seine biologische Uhr angesprochen, man erhält eine Menge schlechter Tipps und sitzt auf Hochzeiten an dem freundlosen Singlekatzentisch mit sechs Frauen und zwei häßlichen Männern.

Das Singleleben machte mir oft viel Spaß – ich erinnere mich sehr gern an die Sonntage allein in meinem Himmelbett (!) mit der aktuellen Ausgabe der FAS und einem leckeren Kaffee – aber eine Sehnsucht nach der (großen) Liebe war irgendwie immer latent da.

Nur war mir damals sehr bewusst, dass es einfach wenige Männer gibt, die mir gefallen und die ich gern dauerhaft um mich herum habe. Ich war mir aber ziemlich sicher, dass mein Verhalten weder im Guten noch im Schlechten dafür verantwortlich ist, ob ich einen tollen Mann treffe oder nicht. Es gibt nämlich keine Anständigkeitsbienchen, die auf eine Karte geklebt werden und sobald diese voll ist, steht der Traumpartner mit ner Schleife im Haar vor der Tür.

Und genauso wenig wie ich durch mein (Sexual-)Verhalten beeinflussen kann, ob und wann ich einen tollen Typen kennen lernen, kann ich die Gesellschaft dafür verantwortlich machen, dass es zu wenige anziehende Kerle gibt.

Anders als Nina Pauer ist mir doch egal, ob ein Typ ganz sanft ist und gern rumphilosophiert, niemand zwingt mich mit ihm zu schlafen. Aber irgendwann wird ihm in der Bibliothek die abgegriffene Ausgabe des Steppenwolfs runterfallen und ein entzückendes Mädchen mit Hornbrille wird ihm helfen, die rausgefallenen Seiten aufzusammeln.

Aber diesen Moment kann man nicht einfordern und schon gar nicht kann man irgendjemanden dafür verantwortlich machen, dass es zu wenige freundliche Mädchen mit Hornbrille gibt, die gern Taschenbuchseiten in Bibliotheken aufsammeln.

Wenn es also ohnehin nur wenige Menschen gibt, die wirklich gut zu einem passen, kann man auch aufhören, sich mit der Emopeitsche zu schlagen und sich einzureden, man sei ein Beziehungskrüppel.

Mir fallen partout keine logischen Gründe ein, weshalb ein ereignisreiches Sexualleben zu einer Beziehungsunfähigkeit führen sollte, auch wenn das in Filmen oder Serien so vermittelt wird. Aber genauso wenig kann man verlangen, dass bitteschön adäquate Menschen zum Verlieben zur Verfügung gestellt werden.

Und wenn ich mal einen Tatort drehe, rettet der Fesselkünstler die attraktive Mutter von 4 Kindern und Leiterin eines Busunternehmens aus den Händen eines freundlichen Busfahrers. Dieser hat sie als Geisel genommen hat, weil er Angst um seinen Job hat. Er begeht Selbstmord indem er sich mit dem Bus in die Elbe stürzt. Die Kommissare schauen die ganze Zeit tatenlos zu, verlieben sich aber am Ende ineinander, während die Busunternehmesgeschäftsführerin leicht erotisiert zu Mann und Kindern zurückkehrt.

Authentizität me mal

Während des Studiums erzählte ich einem Kommilitonen, dass ich in Neapel in einem bürgerlichen Viertel gelebt hätte. Daraufhin blickte er mich abschätzig an und meinte, er würde immer da leben wollen, wo die Menschen authentisch seien.

Es erschien mir schon damals eigenartig, dass der Regionalwissenschaften-Lateinamerika-Student, der sich wohl schon als behütetes westfälisches Schulkind mit Befreiungstheologie beschäftigt hat, gerade mal den 50.000 Einwohnern von Vomero ihre Echtheit abgesprochen hat.

Die Kumpels meines ehemaligen Kommilitonen treffe ich am frühen Nachmittag immer mal wieder.

Zwischen Arbeit und Kinder abholen habe ich immer etwas Zeit, in der ich während des Essens 3sat oder arte schaue. Dabei stelle ich immer wieder fest, dass es sehr viele Journalisten geben muss, die ihren Beruf fürs Reisen und Essen gehen nutzen, sei es auf norwegischen Postschiffen, in afrikanischen Luxuszügen oder italienischen Kleinstädten voller kulinarischer Spezialitäten.

Es gibt aber auch viele Dokus von nach Authentizität suchenden Ethnomelodramatikern. Diese Filmemacher sind immernoch beflügelt vom Konzept des Edlen Wilden und reisen beseelt und und mit ernsthaftem Blick zu den Ureinwohnern dieser Erde.

Neulich stieß ich auf die Dokumentation Auf verwehten Spuren. Jochen Schliessler reist darin durch Südamerika entlang der Route, die sein Vater Martin Schliessler ein halbes Jahrhundert zuvor ebenfalls bereist hast. Das Konzept ist wirklich spannend, die Umsetzung ist es leider nicht.

Auch hier wird an Ethnomelodramatik nicht gespart. Am Titicaca-See werden die Bewohner bei der Darbietung ihrer traditionellen Tänze gezeigt und aus dem Off ertönt in pastoraler Stimme, dass man käme sich vorkäme wie bei einer Inszenierung in Disneyland. Das Ursprüngliche, das der Vater vor 50 Jahren noch erleben durfte ist verloren.

Und das ist der Moment in dem ich am liebsten in den Fernseher springen und die Jochens dieser Welt packen möchte. Wie borniert muss man bitte schön sein, an einen Ort zu fahren und sich daürber zu beschweren, dass er nicht mehr authentisch genug ist?

Grundsätzlich ist ja es völlig korrekt festzustellen, dass sich das Leben vieler Völker in den letzten Jahrhunderten stark bis massiv geändert hat. Ferner haben in den meisten Fällen die Ureinwohner deutlich mehr verloren als gewonnen und leiden nicht selten an den Folgen dieser Entwicklungen.

Aber ein Ethnomelodrama-Dokumentarfilmer der sich hinstellt und sagt, wie schlimm doch alles ist, hat weder das Problem erkannt noch trägt er zur Lösung bei. Dem Zuschauer wird nämlich suggeriert, dass früher alles besser (authentischer) war und daraus kann nur die Schlussfolgerung gezogen werden, dass alles rückgängig gemacht werden muss.

Kurz, nehmt den Ureinwohnern den Alkohol, den Fernseher und das Handy weg und dann regelt sich alles wieder.

Genausogut könnte man vorschlagen, das Internet zu schließen, um die Internetkriminalität zu bekämpfen. Auch diese Idee ist völlig absurd, nichtsdestoweniger gibt es nicht wenige Leute, die genau dies immer wieder vorschlagen.

Viel einfacher und hilfreicher wäre es indessen die Leute einfach mal ernst zu nehmen. Wenn die Bewohner des Titicaca-Sees Geld damit verdienen, ihre Traditionen vor einem Publikum zahlfreudiger fetter Amerikaner zur Schau zu stellen, dann leben sie davon, wie die Jochens dieser Welt davon leben, Filmmaterial zu sammeln und dies hübsch zusammen zu schneiden. Das nennt man Arbeit.

Indem man sich negativ über die Arbeit der Leute äußert, degradiert man ihre Kultur noch mehr, statt sie zu würdigen.

Vor 10 Jahren nahm ich mal an einer Exkursion nach Brasilien teil. Im Dabei reisten wir eine Weile zusammen mit einer Gruppe Indianer (Krahô und Xerente). Anfangs war es sehr interessant zu sehen, die Indianer uns genauso abschätzig beobachteten, wie wir sie.

Jeder kennt das, wenn man als Städter aufs Land fährt, denkt die Landbevölkerung man sei ein balsierter und unfähiger Stadtidiot und als Städter glaubt man, man habe es mit inzestuös-lebenden Dorftrotteln zu tun.

Einige Tage später hielten jedenfalls eine Kommilitonin und ein junger Xerente-Mann scheu Händchen und das Baby der Krahô-Familie wurde von allen bespielt. Wir reisten freundlich koexistierend miteinander, so wie es Menschen – getrennt durch eine Sprachbarriere – eben tun.

Das klingt denkbar unspektakulär, aber ich glaube, dass genau darin das Geheimnis liegt. Der Edle Wilde ist nämlich vor allem ein ganz normaler Mensch. Nichts desto weniger ist die Kultur in der er lebt nicht besser oder schlechter als unsere Kultur und man muss seiner Kultur zugestehen, dass sie sich genauso ändern kann, wie sich unserer Kultur in den letzten Jahrhunderten massiv geändert hat.

Das Geheimnis ist nicht zu sagen: “Verändere gar nichts, gehe zurück zu Los, ziehe keine 500 Euro ein” sondern, “Mach was Du willst, aber bewahr Dir Deine Wurzeln und verleugne Dich und Deine Kultur nicht.” Es geht hier um Selbstbewusstsein.

Dort müssen die ethnomelodramtischen Dokumentarfilmer ansetzten. Ich will keinen verklärten Ethnokulturkram sehen, ich möchte unvoreingenommen einen andere Kultur kennenlernen.

Warum drückt man den Leuten nicht einfach eine Kamera in die Hand und bittet sie das zu filmen, was ihnen an ihrem Leben oder ihrer Kultur wichtig erscheint. Woher soll ein dahergelaufener Journalist wissen, was die Kultur eines Volkes ausmacht, das er aus den Erzählungen seines vor 50 Jahren mal kurz vorbeigereisten Vaters kennt?

Den Kreis kann man deutlich ausweiten. Während meines Studiums habe ich mich immer gefragt, warum es die Ethnologie überhaupt gibt.

Bis zu meinem Abschluss habe ich das Rätsel nicht vollständig lösen können, warum sich Menschen wissenschaftlich mit einer Kultur auseinander setzten, der sie überhaupt nicht angehören und deren Sprache sie zum Teil nur marginal beherrschen. Vielleicht ist der Blickpunkt von außen ganz spannend und bringt tolle Impulse aber eigentlich können nur Mitglieder einer Kultur auch wirklich was darüber sagen.

Entsprechend fand ich es eine großartige Idee von Julio Mendívil in seiner Promotion Ein musikalisches Stück Heimat. Ethnologische Beobachtungen zum deutschen Schlager den Spieß umzudrehen, und als Peruaner den deutschen Schlager mit musikethnologischen Methoden zu untersuchen.

Das Authentische am deutschen Volk hat Mendívil durch seine Arbeit sicher nicht gefunden. Wir alle würden uns auch verbitten, nur über unsere Schlagermusik definiert zu werden.

Unsere Kultur ist nicht nur Schlagermusik, die Peruaner spielen nicht nur Panflöte und Neapel ist nicht nur das Spanische Viertel(sagt ja auch schon der Name).

Die Suche nach Authentizität ist der feuchte Traum von Wissenschafts- oder Journalismusdarstellern, die mit der Komplexität ihrer Welt überfordert sind und einfache Antworten im Busch suchen. Und während sie glauben, die armen Ureinwohner mit ihren Filmen und wissenschaftlichen Arbeiten zu retten, zementieren sie das Bild des freundlich-unfähigen Edlen Wilden.

Da zahle ich doch lieber GEZ-Gebühren für den Musikantenstadl.

Welche Blogs ich lese und warum: Haben auch Kinder

Muttiblogs haben in etwa den Coolness-Status einer Dauerwelle. Und zugegebnermaßen bin ich auch kein großer Freund der klassischen Muttiblogs. Maßgeblich liegt das wohl an meiner Abneigung für Kosenamen, vor allem in geschriebener Form.

Die Zugriffszahlen einiger Muttiblogs (Mama Miez’Blog zum Beispiel) sind allerdings ausgesprochen beeindruckend. Außerdem glaube ich, dass mehr Menschen/Frauen/Mütter durch Muttiblogs einen Zugang in die Blogosphäre finden, als durch die klassischen medien- und computeraffinen A-Blogs.

Mein Dilemma – einerseits als Mutter gern auch Blogeinträge rund um Kinderkacke, Trotzanfälle während der Weihnachtsmesse und Luftröhrenschnitte wegen verschluckter Legomännchen zu lesen und andererseits Blogs zu mögen, die einen ironisch-distanzierten Blick auf ihre Umwelt haben, die toll geschrieben und polythematisch sind – konnte ich glücklicherweise lösen:

Das Nuf las ich schon, als sie noch mit Hausstaub experimentierte. Und ja, ich bin ein Nuf-Fan, ich finde fast alles beklatschenswert was sie schreibt. Und dass sie Kinder im Alter meiner Kinder hat und darüber bloggt, ist ein glücklicher Zufall.

Die fröhlich absurde Darstellung von völlig harmlos wirkenden Alltagsgegenständen, wie zum Beispiel einer Whirlwanne, oder harmloser Themen, wie z.B. Katzen im Internet, kenne ich so nur vom Nuf.

Das Nuf beweist, dass der Alltag (mit Kindern) genauso spannend und aufregend ist, wie die Besteigung des Mount Everest oder die Überquerung des Atlantiks auf einem Drahtseil. Artikel über Kinderernährung oder ein Bericht über einen Familienausflug aufs Land würden ich beim Nuf auch lesen, wenn ich Kinder nicht leiden könnte.

Genauso wie sie die Tiefsinnigkeit des Alltags herausfiltert, kann sie im Tiefsinnigen auch das Alltägliche herauskitzeln und schreibt wunderschön über Glück oder über ihre schwere Internetsucht.

Die Tatsache, dass das Nuf dieses Jahr als Jurorin bei den BOBs ausgewählt wurde, ließ mich spontan eine Champagnerflasche öffnen (zugegebenermaßen bin ich stets dankbar für Gründe, dies zu tun).

Die Herzdamengeschichten von Maximilian Buddenbohm verfolge ich fast genauso lange wie das Nuf und auch seine Kinder sind ähnlich alt wie meine.

Bei Maximilian Buddenbohm bin ich immer wieder von der unglaublich hohen Qualität der Blogeinträge überrascht. Die Heterogenität der Blogosphäre macht in der Tat einen großen Reiz aus, sie führt aber auch öfter dazu, dass Menschen bloggen, deren Schreibstil nicht unbedingt schriftstellerisches Niveau hat (das ist keine Klage, sondern eine neutrale Feststellung).

Offenbar war ich nicht die Einzige, die das immer schon sehr beeindruckt hat, denn Herr Buddenbohm hat mittlerweile 4 Bücher geschrieben und veröffentlicht. (Und ich frage mich ständig etwas neidisch, wie viel Disziplin und wie wenige Schlaf man braucht, um das Pensum der Familie Buddenbohm durchzuziehen, naja anscheinend braucht es vor allem viel Empathie.)

Bei den vielen im Blog wiedergegebenen Dialogen mit der Herzdame beziehungsweise mit seinen Söhnen gehe ich davon aus, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis er auch Drehbücher schreibt.

Außerdem kenne ich kaum jemanden, der den lakonischen Pathos so perfektioniert hat wie er. Dafür nehme ich mir selbst in der Hektik des Alltags Zeit, um verhältnismäßig lange Blogeinträge zu lesen, wie diesen über das Mantelmännchen.

Dann lese ich regelmäßig noch das Blog von MckMama. Vieles in diesem Blog entspricht nicht meinen religösen oder politischen Vorstellungen, ich habe für mich festgelgt, keine Bilder der Gesichter meiner Kinder online zu stellen und kann mir Homeschooling unter keinen Umständen vorstellen.

Ich lese sie trotzdem sehr gern, denn für mich resultiert die Begeisterung fürs Internet daraus, dass ich Zugang zu Welten bekomme, die nicht unbedingt viel mit meiner eigenen Lebenswelt gemein haben, gleichwohl aber sehr spannend sind.

MckMama hat fünf Kinder und erlebt mit Ihrer Familie in einem Jahr mehr als ich in den letzten 15 Jahren meines Lebens. Sie missioniert in Afrika, reist mit ihrer Familie im Wohnmobil quer durch Amerika, lebt von Fotokursen und großangelegten Familienfotoshooting, kocht gern, bewohnte mit ihrer Familie eine zeitlang eine Farm und unterrichtete ihre großen Kinder anfangs zu Hause.

Das Ausmaß der Dramen ist nicht weniger groß, seitdem ich sie lese, hatten sie oder die Kinder diverse Krankheiten, ein Sohn litt an einem schlimmen Herzproblem und vor kurzer Zeit haben sie und ihr Mann sich getrennt.

Oft klingt vieles für mich zu dramatisch, zu gut, zu unglaublich oder einfach zu viel. Aber ich habe mich dazu entschieden, das Blog zu genießen wie eine Serie. Eine Serie bei ich mitfiebern kann, bei der ich mich zuweilen in die Hauptdarstellerin einfühlen kann, bei der ich zum Beispiel etwas über Großeinkäufe mit 5 Kindern im Schlepptau lerne und bei der ich mich nicht selten sehr amüsiere.

Weiter geht es dann in ein, zwei, drei Tagen, Wochen oder Monaten mit der nächsten Kategorie “Stil”.

Sammelmappe Köln

Statt eines langen Textes über mein Karnevals-Wochenende ohne Mann und Kinder in Köln, lieber ein paar instagram Fotos und Long-Tweets. Irgendwie trifft es das besser.

Es ist absurd, dass die ganzen Kölner Karnevals Lieder von ‘sonschingk’ (Sonnenschein) singen. In Köln ist es relativ warm (zum Beispiel im Gegensatz zu Hamburg oder Berlin) aber es scheint selten die Sonne und wenn, ist es ein matter Schein, nicht diese klare, kühle Sonne, die ich aus Hamburg kenne.

Köln ist so schmuddelig. Wahrscheinlich muss man das für die fröhliche Anarchie in Kauf nehmen.

Apropos Anarchie: ich wurde Zeugin wie eine Mutter eilig mit ihrer kleinen Tochter eine rote Ampel überquerte. Bei rot! Mit einem kleinen Kind!

Nach 6,5 Jahren in Hamburg hat mich fast der Schlag getroffen. Beinahe hätte ich mich vor Mutter und Tochter geworfen. Ferner habe ich darüber nachgedacht, hinter ihnen herzulaufen und ihnen eine Standpauke über korrektes Verhalten bei Ampelübergängen zu halten.

Ich habe mich stattdessen angepasst und bin direkt bei rot hinterher.

Das Hotel im Wasserturm hat mir gut gefallen, sehr unaufgeregt luxuriös. Gut, der zweite Fahrstuhl hätte schon funktionieren können.

Obwohl ich allein reisend war, hat man mir beim Frühstück immer einen schönen Platz angeboten. Und dann habe ich einem jungen, attraktiven Russen, der mir gegenüber saß, gezeigt, wie viel eine einzige Frau zum Frühstück essen kann.

Frühstück 1. Teil

Frühstück 2. Teil (man beachte den Bacon auf Ananas)

Frühstück 3. Teil

Die Freiheit meinen Tag selbst gestalten zu können war sehr befremdlich und führte dazu, dass ich gleichzeitig versuchte fern zu sehen, Musik zu hören, die Geo Epoche zu lesen, zu twittern und meine Nägel zu feilen. Das Resultat war eine völlige Überdrehtheit, der ich mit Schwimmbadbesuchen Einhalt gewähren wollte.

Bahnenschwimmen im Agrippa-Bad. Während ich mich beim Laufen fast zu Tode langweile, stört mich die Monotonie beim schwimmen überhaupt nicht. Es scheint mich geradezu zu beruhigen meinen Kopf unter Wasser zu tauchen.

Kaum war ich aufgetaucht, blickte ich zu einem älteren Herren mit einem hautfarbenen Stringtanga. Kein ästehtisches Highlight aber immerhin ein Beweis für ein sehr hohes Maß an Toleranz selbst in öffentlichen Kölner Schwimmbädern. Naja, und in der Sauna, die ich anschließend besuchte, konnte mich dann auch nichts mehr schockieren.

Um zu verhindern, dass ich mich an zuviel Schlaf gewöhne, weckten mich in meiner ersten Nacht die Idioten unter meinem Zimmer indem sie um 5 Uhr – wohl nach ihrer Rückkehr von einer Party – an ihre eigenen Fensterscheiben schlugen. Einer von den Herren hatte wohl wieder leere Flaschen auf den Balkon gestellt und seine Kumpels fanden es witzig ihn auszuschließen.

Die Schildergasse – in der ich mir sehr bunte T-Shirts kaufte, die in Hamburg sicher noch hohe Wellen schlagen werden – ist ein Prachtbeispiel dafür, dass Köln kein städtebauliches Kleinod ist, egal ob mit oder ohne Kostüm.

Aber man verknallt sich ja auch nicht immer in den schönsten, klügsten, und witzigsten Typen, sondern in den Typen, den man selbst am schönsten, klügsten und witzigsten findet.

Es gab sehr gute und schöne Gründe, weshalb aus mir und Köln nichts wurde und wahrscheinlich haben wir auch nicht so gut zusammen gepasst aber wenn ich da bin, werde ich nostalgisch und mir schießen selbst beim Anblick der Stadtbibliothek Tränen in die Augen.

Übrigens hat mich Köln auch immer sehr gemocht. Hamburg gibt mir oft das Gefühl zu laut und vulgär zu sein und flirtet nur bedingt mit mir, aber Köln kommt auf mich zu und sagt: Komm bei misch bei Mädsche!

Apropos laut und vulgär. Ja, auf einer Karnevalsparty tragen Menschen mehr oder weniger peinliche Kostüme, Alkohol – falls man das wässrige Kölsch als Alkohol bezeichnen kann – ist im Spiel, es wird geflirtet, man tanzt ausgelassen zu Mundartschlagern (Kölsches Liedgut) und feiert extatisch ein idealisiertes Lebensgefühl.

Das macht Spaß, tut keinem weh und am Aschermittwoch ist alles vorbei. Für mich sind das überzeugende Partyargumente.

Beeindruckt hat mich meine Selbstreferentialität. Mit 33 Tweets habe ich mein Quartalssoll an einem Wochenende erfüllt. Bei Instagram habe ich ständig Fotos von mir vor und nach dem Essen, vor und nach der Party eingestellt und auch sonst alles fotografiert, was sich mir vor die Linse drängte. Ich habe über tausend Blogtexte nachgedacht, aber keinen Gedanken wirklich zuende geführt. Auch wenn es auch mal wieder Spaß machte, ist dieses Schmoren im eigenen Saft auch sehr anstrengend und wenig produktiv.

Als ich wieder zu Hause war und mit dem Mann auf dem Sofa lag, war es ein schönes Gefühl wieder eine direkte Interaktion mit jemandem vertautem zu haben und zu merken, dass der Mann an genau den gleichen Stellen auflacht wie ich und sei es nur, weil eine Tabelle im Fernsehen absurd aussieht.

Man soll gehen, wenn es am schönsten ist und das habe ich Sonntag Mittag dann auch gemacht. Nicht ohne vorher ein Olchi-Furzkissen und ein Hello-Kitty-Telefon für die Kinder zu kaufen. Etwas Niveau musste an diesem Wochenende schließlich sein.