Mit Freudlosigkeit wird die Welt ganz sicher nicht gerettet

In meinem Leben gibt es zwei 90jährige. Meine Tante E. und meine Großmutter G.

Wenn man mit meiner Tante E. telefoniere, führen wir stets unterhaltsame Gespräche. Sie genießt es mit jungen Menschen – wie sie alles über 30 Jahre nennt – zu sprechen. Sie ist fröhlich, macht sich über sich und Ihre Krankheiten sowie diverse anderen ältere Menschen lustig und nimmt regen Anteil am Leben ihrer Gesprächspartner.

Außerdem kann sie zu jedem Reiseziel von dem ich ihr berichte, eine Anekdote aus Ihrer Reisezeit von vor 40 Jahren beisteuern. Um sie zu besuchen, nehme ich gern eine weite Fahrt in Kauf und dann sitzen wir in einem feinen Jugendstilhotel an der Mosel, trinken Milchcafe und essen Kuchen.

Meine Großmutter G. ist risikophob und hat sich zum erklärten Ziel gemacht, den Tod zu überlisten. Das führt zu einer regiden Ernährungs- und Lebenspolitik. Kein Fleisch, wenige Süßes, nur Rohkost, im Bus und Zug – des Unfallriskos wegen – sitzt sie nur ganz hinten, sie reist nur an bekannte nahliegende Orte und überhaupt lauert ihrer Meinung nach überall die Gefahr.

Das würde mich wahrscheinlich nur langweilen aber geradezu aggresiv macht mich ihr Wille, anderen Menschen diese Lebensweise als einzigst Mögliche anzudrehen. Ich besuche sie nur selten und dann meist aus einem schlechten Gewissen heraus.

Ich mag es einfach nicht bevormundet zu werden. Von niemandem, unter keinen Umständen.

Und damit kommen wir zum eigentlichen Thema. Seit einiger Zeit verfolge ich das ein oder andere Blog, das sich mit feministischen Themen befasst. Ganz einfach, weil ich eine Frau bin und es mich deutlich mehr interessiert, als die schalen Themen in diversen Frauenmagazinen. Kurz: Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist spannender als aktuelle Lippenstiftfarben.

Die ganze Diskussion um Noah Sow (Noah Sows Blogeintrag, Nadine Lantzsch Kommentar zu Noah Sows Blogeintrag und Malte Weldings Kommentar zu Noah Sow und Nadine Lantzsch) fand ich nur so mittelspannend aber in ihr spiegelt sich die Problematik einer bestimmten feministischen Richtung.

Ich nenne sie gern die “Wenn-Du-Feministin-Bist-Dann-Musst-Du-Richtung”.

Lange vorm Internet las ich ab und an die Emma, vor allem wegen der Cartoons von Franziska Becker und weil meine Mutter sie ab und an kaufte.

Meist legte ich sie schnell wieder weg, der aggresiv-anklagende Ton und der Alice-Schwarzer-Zentrismus langweilte und nervte mich.

Die PorNO-Kampagne und überhaupt die für mich nicht nachvollziehbaren Theorien zur heterosexuellen Sexualität ließen mich mein Interesse am Feminismus – den ich fälschlicherweise mit dem Feminismus der Alice Schwarzer gleichsetzte – komplett verlieren.

Wie ich schon sagte, ich möchte nicht bevormundet werden, schon gar nicht bei lustvollen Themen wie Sex und Essen.

Dank des Internets habe auch ich – eine lange Leitung meinerseits vorausgesetzt – mitbekommen, dass es anderen Strömungen gibt, die mir nicht sagen, was ich tun oder sein-lassen muss, um zur Feministinnen-Gruppe zu gehören.

Das Ziel sollte ja auch vielmehr eine angenehme, gleichberechtigte und respektvolle Koexistenz aller Menschen unabhängig von Geschlecht, Farbe, sexueller Orientierung, Nahrnungsvorlieben, Haustierleidenschaften usw. sein, entsprechend macht es keinen Sinn alte harte Strukturen mit neuen harten Strukturen auszutauschen.

Die Texte, die mich am meisten berührten oder gar etwas in mir veränderten, waren selten aggresiv oder besserwisserisch sondern interessant, gut geschrieben, fröhlich, ausgleichend, lebensbejahend und/oder witzig.

Denn jeder, der in einem Streit mal erlebt hat, dass der Partner einen anschreit “Nimm mich in den Arm, Du häßliche/r PennerIn!” weiß, dass dies selten zu einer Umarmung geführt hat.

Genausowenig wird die Welt durch Empörung besser, es wenden sich höchstens Menschen ab, die man eigentlich schon auf seiner Seite hatte.