Interessensvertretung

Drei meiner Heimaten (Köln, Aachen, Hamburg Nord) liegen gemäß dieser Karte sehr eng beeinander. Gewählt habe ich dann eher wie Berlin Friedrichshain. Offenbar lebe ich auf allen Ebenen in einer Filterbubble. So weit so wenig überraschend.

Überrascht war ich am Sonntag eher darüber, dass meine digitale Filterbubble vom Wahlergebnis geradezu erschrocken wirkte. Ich hatte fest damit gerechnet, dass Angela Merkel wieder Kanzlerin wird. Persönlich hätte ich mir ein besseres Ergebnis für die Piraten und die Grünen gewünscht. Aber ich hatte mir zuvor auch schon einen Wahlkampf gewünscht, bei dem es um Themen geht.

Daran haben – neben der wohl gewollt trägen Politik – auch die Medien eine Teilschuld. Diese hypten lieber eine Idiotenpartei wie die AfD statt sie zu ignorieren und behandelten wirklich wichtige Themen, wie die schleichende Aushölung des Rechtsstaates, nur am Rande.

Der ernsthafteste Wahlkampf fand in meiner Facebook-Timeline bei Die PARTEI statt. Apropos Facebook-Timeline, die SPD machte in selbiger eher den Eindruck inhaltsloser Steinbrück-Cheerleader, was dieser wirklich nicht verdient hat.

Und dann kam der Wahlabend, angeblich so spannend wie ein Krimi. Die FDP und die AfD scheiterten an der 5%-Hürde. Das war für mich eine gute Nachricht. Frank Zimmer hat übrigens eine sehr schöne Antwort auf “Woher kommt dieser unglaubliche Hass, diese Häme auf die FDP?” geschrieben. (via Maximilian Buddenbohm)

Den Rest fand ich vorhersehbar wie einen schlechten Tatort. Viel interessanter finde ich jetzt die Koalitionsbildung. Das Geschacher und die Verhandlungen werden wir aber leider gar nicht in Gänze mitbekommen. Ich stelle es mir einstweilen wie eine Mischung aus Borgen und House of Cards vor.

Meine Twittertimeline machte den Abend auch nicht besser. Bei jedem Tweet in dem angekündigt wurde, Deutschland wegen Unerträglichkeit bald verlassen zu müssen, kam mir die Erinnerung an einen Abend im Vereinsheim einer deutschen Siedlung in Südbrasilen in den Kopf. Die Menschen waren voller Hoffnung Ende des 19. Jahrhunderts ausgewandert und nun servierten sie deutschen Studenten Schweinshaxe mit Sauerkraut, tanzten in Trachten und sangen von einer Gitarre begleitet Regentropfen, die an Dein Fenster klopfen.

Ich möchte lieber weiterhin versuchen – und wahrscheinlich scheitern – mein Umfeld mitzugestalten. Dazu könnte gehören, über Stefan Niggemeiers Frage Können wir jetzt bitte mal über die Fünf-Prozent-Hürde reden? nachzudenken. Die Stimmen von 6,86 Millionen Menschen – darunter auch meine – sind bei der Wahl quasi verfallen, weil die von ihnen gewählten Parteien an der Hürde scheiterten.

Als konservativ-liberale Anarchistin bin ich nicht wirklich für die Abschaffung der 5%-Hürde. Aber fast 7 Millionen Wahlstimmen zu ignorieren, ist schon einen, zwei oder drei kritische Gedanken wert.

Und dann kündigte Kristina Schröder an, dass sie aus familären Gründen dem neuen Kabinett nicht angehören möchte. Wie eine Meute hungriger (gelangweilter) Wölfe fiel meine Timeline über dieses Fresschen her.

Frau Schröder gehört zu den Frauen, deren Meinung ich nicht teile, aber das trifft ebenfalls auf ca. 90% aller männlichen Politiker zu. Die Häme, mit der die Ironie ihres Schicksals kommentiert wurde, gefiel mir aber auf mehreren Ebenen nicht.

Kurz vor der Wahl schrieb Antje Schrupp Das neue feministische Männerwählen. Und sie arbeitet darin so wunderbar klar heraus, dass es eine irrsinnige Erwartung ist, dass Frauen in der Öffentlichkeit und Politik “Fraueninteressen” vertreten sollen.

“Ihre Aufgabe ist es, für ihre eigenen Ansichten einzustehen. Sie sind nicht unsere Lakaien, sie sind freie handelnde Subjekte. Und der Kern des Feminismus, wie ich ihn verstehe, ist es doch gerade, dieser Kultur mit ihrer patriarchalen Geschichte auf dem Buckel, langsam beizubringen, dass Frauen in der Tat freie handelnde Subjekte sind.”

Die konservativen Ansichten von Frau Schröder zu kritisieren ist eine Sache, ihr aber vorzuwerfen, sie würde keine “Fraueninteressen” vertreten, ist falsch. Sie vertritt ihre Ansicht von Fraueninteressen. Als sie ankündigte, für die Kabinettsbildung nicht zur Verfügung zu stehen, hat sie ebenfalls ihre (familiären) Interessen vertreten. Ich würde mir wünschen, dass ihr der gleiche Respekt entgegengebracht wird, wie damals Franz Müntefering, als er 2007 aus familiären Gründen seinen Rücktritt von seinen Ämtern als Minister und Vizekanzler vollzog.

Und ja, Karriere und Familie sind für Frauen schwer miteinander zu vereinbaren, Überraschung. Dagegen hat die Politik von Kristina Schröder nicht viel getan aber sie ist auch nicht Verursacherin dieser Situation.

Franziska Bluhm schreibt etwas gelassener über Kristina Schröder und ihr Rücktritt, inklusiver einiger der angesprochenen Tweets.

In diesem Sinne habe ich als frei handelndes Subjekt gewählt, meine Stimme nahm die Hürde nicht, die Regierung wird nur bedingt meine Vorstellung von diesem Land repräsentieren aber mein Blog ist meine kleine sisyphosische Möglichkeit, meine Interessen zu vertreten und ich bleibe in Deutschland, trotz des schlechten Wetters und der mittelmäßigen Poltik.

Keine Ahnung wie es dem deutschen Feminismus geht, aber ich bin dabei

Neulich las ich in einem Blog: ich bin keine Feministin aber…

Genervt klickte ich weg. Zugegebenermaßen war das unfair von mir, denn bis vor wenigen Jahren war ich geradezu persönlich beleidigt, wenn mich jemand Feministin nannte und teilweise versuchte ich meinem Gegenüber mit Argumenten zu belegen, dass ich eben keine Feministin oder gar Emanze bin.

Ich fühlte mich stark und gleichberechtigt und glaubte, dass es in unserer Gesellschaft eigentlich nicht mehr viel für uns Frauen zu kämpfen gibt. Diejenigen, die daran scheiterten, Job und Familie zu verbinden hielt ich für unfähig und war mir sicher, dass es mir leicht fallen wird, mich in einem männliche geprägten Arbeitsumfeld durchzusetzen, Kinder zu erziehen, eine Ehe zu führen und dabei schlank und schön durch meine Lätta-Welt zu hüpfen.

Lustigerweise habe ich über die Jahre tatsächlich viele meiner Lebenträume umgesetzt. Das ändert nichts daran, dass ich die Situation jetzt völlig anders bewerte und mich als Feministin bezeichne.

Es heißt ja Feminismus und nicht Alice-Schwarzerismus

Zuweilen könnte man den Eindruck haben, dass der deutsche Feminismus ausschließlich von Alice Schwarzer geprägt, bespielt und kontrolliert wird. Sie hat tatsächlich die Dominanz eines Mammutbaums in einem kleinen japanischen Steingarten. Aber sie ist nicht der Feminismus.

Bei vielen Dingen, die auf Alice Schwarzer zurückgingen, wie der PorNo-Kampagne oder ihren Schriften über “richtigen” Geschlechtsverkehr unter feministischen Gesichtspunkten sah ich mich nicht repräsentiert. Auch der nahezu ironie- und witzfrei Schreibstil der Emma ließ mich selbst bei interessanten Titelthemen den Kauf verweigern.

Meine damalige Schlußfolgerung, dass Feminismus nichts für mich ist, weil ich mit Alice Schwarzers Ideen nicht immer konform gehe, halte ich im rückblickend für wenig reflektiert bis dumm.

Das schlimme F-Wort

Aber nicht nur der Alice-Schwarzerismus ließ mich fern bleiben von allem Feministischen, sondern auch eine sehr gelungene negative Marketing-Strategie. Offenbar hat es hervorragend funktioniert, nur oft genug zu wiederholen, dass Feministinnen oder Emanzen häßliche, böse und unfickbare Weiber sind.

Einer Frau, die für Gleichberechtigung eintritt, wird sofort jede positive weiblichliche Charakteristik abgesprochen. In der aktuellen Sexismusdebatte wird dieses Programm auch wieder rauf und runter gespielt. Das führt zuweilen zu so absurden Behauptungen, wie die Sorge davor, dass Erotik verloren geht, wenn man Frauen nicht mehr einfach so an den Po fassen darf.

Anstatt mir lachend weiter die Fußnägel zu lackieren und darauf hinzuweisen, dass der Pograbscher eines Mannes, der unfähig ist, Signale korrekt zu deuten, so viel mit Erotik zu tun hat, wie eine Karnevalssitzung mit Humor, glaubte ich wirklich, dass ich als Feministin Weiblichkeitspunkte verlöre.

Weiblich, zickig sucht

Und dann gibt es ja auch noch diese anderen Frauen. Womöglich ist die ewige Betonung der Zickigkeit von Frauen – vor allem untereinander – auch eine langjährige Negativ-Kampagne. Aber in den Tat habe ich zuweilen den Eindruck, dass Frauen sich selbst ihr größter Feind sind.

Keine Ahnung, ob es daran liegt, dass Frauen sich lieber an diejenigen mit Macht schmiegen als sie für sich und ihr Geschlecht zur Hälfte einzufordern.

Vielleicht verursacht der Wunsch, möglichst lange auszusehen wie ein Teeny – Random Fact: es gibt ein Workout, das Frauen Teeny Tiny machen soll – auch eine intellktuelle Stagnation. Reife – und damit einhergend Besonnenheit, Reflektion usw. – ist im weiblichen Kontext meist eher ein Schimpfwort als ein Ausdruck der Anerkennung.

Im Internet gibt es unter Frauen natürlich auch Zickereien. Aber persönlich habe ich festgestellt, dass es mir “online” deutlich leichter fällt, Frauen gegenüber Anerkennung auszudrücken, mich mit anderen Frauen zu solidarisieren und den Konkurrenzgedanken durch einen Kooperationsgedanken zu ersetzen. Schließlich kann ich nicht jeden guten Text allein schreiben. Und Texte von Männern decken oft nur ein Teil meiner Interessen ab oder haben eine Perspektive auf Dinge, die für mich nur mäßig spannend ist.

Wenn ich gute Texte lesen möchte, dann muss ich sie suchen. Das gelingt am besten, indem ich Frauen mit ähnlichen Interessen bei Twitter, auf Facebook und bei quote.fm folge. Indem ich Blogs lese und dort Empfehlungen nachgehe.

Gleichzeitig sehe ich es als meine Pflicht, auf gute Texte hinzuweisen, wäre ja schade, wenn ich mich mit niemandem darüber austauschen kann. Und da ich mich selbst über Zuspruch und Lob freue, ist es im Grunde nur logisch, dass ich Zuspruch und Lob auch bei anderen ausdrücke.

So lese ich begeistert von und über Frauen von denen ich weiß, dass wir uns in einem Café sitzend nichts zu sagen hätten und innerlich die Nase über Auftreten und Habitus der jeweils anderen rümpfen würden. Aber im Internet nivelliert sich vieles und wird irrelevant. Im besten Fall wirkt sich dieses leben, leben lassen und solidarisieren auch irgendwann im Café, auf der Arbeit und in der Krabbelgruppe aus.

Internet und Feminismus – geht es auch was konkreter?

Ellebil verlinkte neulich eine Rezension von Miriam Gebhardts Buch Alice im Niemandsland. Wie die deutsche Frauenbewegung die Frauen verlor.

Die Hauptthese des Buchs scheint zu sein:

Würde man die interessante These als Diagnose lesen wollen, könnte man den Grund für den Verlust der Frauen seitens der Frauenbewegung in der fehlenden intellektuellen Ausstrahlung des öffentlichen Feminismus suchen. Damit trifft die Historikerin einen wichtigen Punkt des Phänomens, der meines Erachtens durch die Betrachtung eines dazugehörigen Aspekts ergänzt werden sollte. Für das Fehlen eines intellektuellen Feminismus in der Öffentlichkeit ist nicht nur das angebliche Elitebewusstsein der Akademikerinnen verantwortlich, sondern auch ein öffentlicher Verdacht gegenüber (politischer) Intellektualität, der in der BRD in einer gewissen Tradition steht und der sich zur Zeit unter anderem in der Transformation der Universität zu einer praktisch orientierten Ausbildungsstätte äußert.

Und da musste ich lachen. Offenbar hat Frau Gebhardt einfach mal die Ausstrahlung – akademischer, semiakademischer oder nicht-akademischer – Veröffentlichungen im Internet auf den öffentlichen Feminisums ignoriert.

Ohne empirische Daten vorlegen zu können, habe ich den Eindruck, dass es selten so breit gefächerte, spannende, länderübergreifende feministische Diskurse gab wie die, die im Netz stattfinden und dass es ein großes Interesse und eine hohe Diskussionsbeteiligung gibt.

Keine Ahnung ob es einen Verein Frauenbewegen e.V. gibt, bei dem kein Mensch mehr Mitglied sein möchte, aber ich sehe einen großen Zulauf bei feministischen Themen. Offenbar ist das Interesse so groß, dass Jan Fleischhauer Text um Text veröffentlicht, in der Hoffnung, diesen Frauenkram irrelevant zu schreiben.

Mich persönlich konnte vor allem Antje Schrupp mit ihren doktrinfreien und menschbezogenen Feminismus aus meiner Schmollecke abholen. Aber auch die frühen Jahre der Mädchenmannschaft oder Feministing waren für mich Startpunkte, von denen ich dann auf Themen, Theorien, Texte, Links und Blogger stieß.

So wurde mir bewusst, wie spannend und wichtig das Thema ist und dass es sich lohnt, sich selbst einzubringen, wenn es darum geht, Gleichberechtigung in der Gesellschaft zu etablieren. Und das bedeutet für mich eben auch ganz klar zu sagen, dass ich Feministin bin – eine, die jetzt ihre Fußnägel lackieren geht.

Das rosa Ei in der Familie

Vor einiger Zeit schrieb ich, dass ich eine genderneutrale Erziehung nicht unbedingt das beste Mittel finde, um Kinder ohne Geschlechterzwänge aufzuziehen.

Unter anderem liegt das daran, dass ich sehr gern weiblich bin. Ich erfreue mich jeden Tag an meinem Dekolletee und bin sehr froh, dass meine Mutter mir süße Kleidchen angezogen hat.

Allerdings bin ich nicht weniger froh darüber, dass mein Bruder so viel mit mir getobt hat, dass ich den Mann selbst beim Aufstehen vom Sofa mit einer einzigen Bewegung schwer verletzen kann (möglicherweise liegt das aber auch an der fehlenden Feinmotorik).

Heute las ich Antje Schrupps Text Beim pinken Überraschungsei geht es nicht um Mädchen, sondern um Jungen und es fiel mir wie Schuppen von den Augen, dass ich beziehungsweise wir Frauen an dieser Stelle wirklich mal priviligiert sind.

Meine emanzipierte Mutter hatte mir nämlich nicht nur vermittelt, wie schön es ist Frau zu sein, sondern auch, dass ich mich – wenn ich das möchte – auch männlich verhalten kann, ohne dass dadurch meine Weiblichkeit in Frage gestellt wird.

Das funktioniert natürlich nicht immer, pupsende Frauen, Kugelstoßerinnen oder sexuell aggressiv auftretende Frauen finden nach wie vor wenig Akzeptanz. Aber ein bisschen “weibliche Männlichkeit” ist gesellschaftlich ok. Beispielsweise beeindruckt es Frauen wie Männer gleichermaßen, wenn ich erzähle, dass ich mehrere Jahre viel mit LKWs zu tun hatte.

Wie wenig “männliche Weiblichkeit” ok ist, merke ich allerdings jeden Tag: bei mir zu Hause, an meinem eigenen Verhalten.

Der Mann und ich halten und für sehr liberal, weltoffen, gleichberechtigt und gleichermaßen emanzipiert.

Als unser Sohn mit drei Jahren über einen mehrwöchigen Zeitraum mitteilte, er möchte später lieber eine Frau als ein Mann sein, mussten wir schlucken und bekamen leichte Panik. Nunja, eine Geschlechtsumwandlung ist auch kein Spaziergang.

Wie so oft bei Kindern war das nur eine Phase aber der Sohn, der sonst alle Features eines richtigen Jungen (sic!) aufweist – rumtoben, brüllen, hübsche Frauen auf der Straße ansprechen, Affengehabe, wenn diese mit ihm antworten – wollte nun immer geschminkt werden. Am liebsten wie ich, mit Lippenstift, Wimperntusche, Rouge und Puder.

Irgendwann kam das Thema in der Kita zur Sprache und uns wurde mitgeteilt, dass sei eine Phase die alle Kinder hätten. Meist ginge sie bei Jungs weg und wenn nicht, sollten wir froh sein, dass der Sohn so früh damit angefangen hat, denn dann kann er es schon, wenn es drauf ankommt.

Das erschien uns logisch und seitdem werden beide Kinder morgens gepudert, bekommen mein Haarzeug (Revlon Equave Hydro Nutritive Detangling Conditioner kann man ja nicht aussprechen) und zu Geburtstagen und Parties werden die Lippen geschminkt.

Aber ich würde lügen, wenn ich behauptete, mir fiele es leicht, meinen Sohn zu pudern.

Immerhin möchte mein Sohn später unter anderem Feuerwehrmann werden, daher spielt er ständig Feuerwehrmann Sam. Nebenbei teilte er mir mit, dass er in seinen Rollenspielen Penny – die einzige Frau im Feuerwehrteam von Pontypandy – mit den gelben Haaren verkörpert.

Auf meine besorgte Frage, warum er ausgerechnet Penny sei, antwortete er, sie wäre ihm am sympathischsten. Damit hat er recht, alle anderen Charaktere sind dümmlich und Sam ist ein Angeber.

Und dann kauften wir neulich Schwimmbrillen. Eine pinke für seine Schwester und eine blaue für ihn. Noch bevor die Brillen ausgepackt waren, tauschte er sie mit seiner Schwester. Er hat jetzt eine pinke und sie ein blaue Brille und beide sind glücklich damit.

Im Schwimmbad machten der Mann und ich uns darüber lustig, dass wir größere Probleme mit dem Anblick des pink bebrillten Sohns haben als mit dem Anblick der blau bebrillten Tochter. Wie gesagt, wir dachten wir seien sehr liberal und emanzipiert.

Wir versuchten uns nichts anmerken zu lassen, denn wir stellen immer wieder fest, wie groß unsere Vorbildfunktion ist.

Zum Beispiel hat der Mann keinen Führerschein. Autos werden der männlichen Sphäre zugeordnet und so ist mir immer ein unterhaltsamer Schockmoment sicher, wenn ich Leuten erzähle, dass ich bei uns die Steuerfrau bin.

Unsere Kinder kennen es allerdings nicht anders. Während wir neulich auf den Autozug nach Sylt warteten und die Kinder im Auto spielen ließen, war ganz klar, dass mein Sohn auf dem Beifahrersitz Platz nahm, seine Schwester auf den Fahrersitz drängte und ihr erklärte, wohin die Reise geht. Seit diesem Moment träume ich davon, dass die Kinder irgendwann zusammen die Ralley Paris-Dakar fahren, wobei die Tochter natürlich fährt und der Sohn navigiert.

Wissend wie groß die Vorbildrolle ist, war ich sehr beeindruckt von Nils Pickert, der für und mit seinem Sohn zusammen Röcke trägt. Umso mehr, wenn ich bedenke, dass mich bereits das Pudern des Sohns Überwindung kostet.

Somit ist es wohl eher eine leichte Aufgabe, wenn wir morgen im Edeka vier pinke Überraschungseier kaufen werden. Denn wenn wir ehrlich sind, mögen wir in unserer Familie alle Scholokade, Blingbling, Glamour, sympathische Charaktere und schöne Autos; geschlechterübergreifend.

Nachtrag 25.8.12: Das gleiche Thema betreffend und unbedingt lesenswert sind auch Das macht doch ein XY nicht vom Nuf und Zwischenspiel: Buben in Röcken von der Kaltmamsell.

Kleinstädtische Relevanz

Glücklicherweise wohne ich in der Stadt.

Dort kann man nämlich nur sehr mittelmäßig Sterne gucken. Denn jedes mal wenn ich nachts in den Himmel schaue, wird mir bewusst, wie unglaublich irrelevant ich für die Welt und das Weltall bin.

Diese Erkenntnis ist sicherlich sehr wichtig, gleichwohl aber auch sehr beängstigend, denn ich persönlich nehme mich als Nabel der Welt wahr.

Nicht weniger beeindruckt bin ich immer wieder von den Parallelwelten, die selbst innerhalb der gleichen Stadt irgendwie vor sich hin existieren.

Während in der Schanze die Werber fair gehandelten Kaffee trinken und sich dabei die autonomen Laienschauspieler anschauen, joggt die Winterhuder Mutti durch den Stadtpark und ihr Mann fährt
schon mal den Range Rover vor.

Ich gehöre auch zu den Leuten, die bei Drogengeschichten immer total große und ungläubige Augen bekommen.

In meiner Welt gibt es keine Drogen wir, erledigen das mit Alkohol und Völlerei.

Oder diese Sportler. Ich kenne Menschen, die einen Großteil ihrer Freizeit mit Sport verbringen. Dieses Sportdings ist eine große Industrie, selbst wenn man alles rund um Fußball rauslässt. Der Gedanke fasziniert mich immer wieder.

Und es gibt Menschen mit sehr speziellen Interessesen, zum Beispiel für Bunker (ohne politischen Hintergrund). Die reisen sogar mit GPS-Geräten zu unglaublich abgelegenen Orten und spielen dort Entdecken.

Und alle nutzen das Internet, entweder um ihre Tennisfreizeiten zu organisieren oder Bilder von Bunkern zu tauschen. Und angeblich soll man über das Internet auch gut an Rauschmittel kommen.

Es gibt bestimmt eine Fanpage zur Nutzung von Range Rovern in der urbanen Lebenswelt und unter Jogging-mit-Perlohring lässt sich bestimmt auch was finden. Werber twittern und die Autonomen haben auch ihre Internetforen.

Was ich sagen möchte, die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit wird vor allem dadurch bestimmt, was man selbst wahrnimmt.

Oder anders, das Internet als Medium ist gesellschaftlich relevant.

Die, die das Medium nutzen und/oder Inhalte generieren sind es nur bedingt, nämlich für die Gruppe, die sie wahrnimmt.

Weil das Internet so heterogen und differenziert ist, ist es gar nicht möglich von Relevanz oder gesellschaftlicher Wahrnehmung zu sprechen.

Es gibt einfach unzählige kleinere oder größere Gruppen für alle erdenklichen und unerdenklichen Spleens, Vorlieben und Interessen, die sich zusammentun und dann Leitfiguren auswählen.

Wenn man zu den Leitfiguren einer Gruppe gehört, zum Beispiel eine Leitfigur der Techblogger, dann kann es schnell passieren, dass man glaubt, man sei eine bedeutende Figur des Weltgeschehens und man hätte ferner die Weisheit, für die öffentliche Wahrnehmung zu sprechen:

@ @ habe ich niemals in Frage gestellt,es ging um Wahrnehmung in der breiten Oeffentlichkeit.Bitte nicht verwechseln :)

Leider ist dem meist nicht so. Es gibt nur wenige Zuckerbergs und selbst denen traue ich nicht zu, die Gesellschaftsrelevanz von irgendwas zu definieren.

(By the Way, wenn es stimmt, was Cindy Gallop auf der Re:publica 12 sagte und viele Menschen sehr viele Stunden täglich Pornos gucken, dann hat wohl vor allem die webbasierte Pornoindustrie gesellschaftliche Relevanz.)

Es ist jedenfalls schwer, die eigene Wichtigskeitsseifenblase zum Platzen zu bringen.

Ich kenne das selbst. In dem Landstrich aus dem ich komme, war meine Vater ein bekannter Mann. Wenn ich meinen Nachnamen nannte, wussten die meisten Leute gleich Bescheid, wer ich bin, wo ich wohne, was meine Mutter macht und wer mein Bruder ist. Ich war die Paris Hilton der Zipfelgemeinde.

Kaum lebte ich woanders, war ich nur noch das laute, leicht vulgäre und mittelattraktive Mädchen vom Land.

Wir sind im Netz also alle nur Kleinstädter. Der eine mehr Kleinstadt-Lord, die andere Kleinstadt-Queen und der dritte ein freundlicher Zuschauer der kleinstädtischen Festspiele.

Und statt weiter Villariba und Villabajo zu spielen sollten wir es mit Sascha Lobo halten und mal darüber nachdenken, wie wir “einen Weg finden, dauerhaft mit 30 Millionen Nichtnetznutzern klarzukommen”.

Denn von der selbstempfundenen Relevanz und dem Applaus der üblichen Fans mal abgesehen, sind Blogs, Twitter, Instagram, Pinterest usw. nach wie vor Exoten. Sogar Facebook wird von den meisten kaum genutzt.

Diejenigen, die sich anmelden, wissen meist gar nicht was sie damit anfangen sollen und lassen ihr Account ungenutzt vergammeln oder spielen Farmville.

Ich spreche hier nicht von der Generation meiner Eltern sondern meinem Freundeskreis.

Da handelt es sich um 30 bis 40 jährige mit Hochabschluss, einer offenen Geisteshaltung und breitgestreuten Interessen.

Aber Texte von Leuten im Internet lesen? Warum?

Hä, wie 140 Zeichen? Und was soll man da schreiben?

Fotos mit #skyporn taggen? Warum sollte ich das tun und wer mag sich schon meine Fotos anschauen?

Fakt ist, das Internet ist grandios, eine einzige Wunderkiste und es wird unaufhaltsam immer mehr Dreh-und-Angelpunkt unserer Gesellschaft werden.

Das weiß ich und das wissen alle, die bei der re:publica freundlich miteinander geflauscht haben.

Aber es gibt noch unglaublich viele Menschen die sich schlichtweg nicht dafür interessieren. Deren Lebenswelt kommt mit dem Internet in Verbindung, wenn sie Mails schreiben, Rezepte raussuchen, eine Reise buchen oder sich Pornos angucken.

Und irgendwann durch Zufall werden einige dieser Leute den Weg in ihre Netzkleinstadt finden und sich dabei ganz sicher nicht an irgendeiner Relevanzdebatte orientieren, die auch noch 50% der Bevölkerung ausschließt.

Eher stoßen sie über search requests wie Baby Brei auf ein Muttiblog oder über Frankfurter Grüne Sauce auf ein Foodblog.

Anstatt also Grabenkämpfe um die Relevanz in der Kreisstadt zu führen ist es doch deutlich zielführeder den 30 Millionen Nichtnutzern die Vielfalt des Netzes zu zeigen, die arrogante Schwanzvergleichsattitüde abzulegen, ihnen die von allen Seiten geschürten Ängste (Netzkriminalität, Entfremdung, Stalker, Trolle) zu nehmen und den ganzen Kram einfach mal in einer verständlichen Sprache zu erklären.

Und ja, ich weiß, dieser Drops ist eigentlich schon gelutscht. Es gibt zwei hervorragende Blogeinträge hierzu von Antje Schrupp und Patricia Cammarata aber das hier ist sozusagen der ausgeartete Leserbrief in der Lokalzeitung, der den beiden wild Beifall klatscht.

Welche Blogs ich lese und warum: Kluge Blogs

Ich halte eigentlich alle Blogger, die ich gern lese für kluge Menschen, daher ist meine Wortwahl wohl etwas misslungen. Da ich aus der Nummer aber ohnehin nicht mehr elegant rauskomme, belasse ich es dabei und konzentriere mich auf die zwei Blogs, von denen ich in diesem Zusammenhang besonders schwärmen möchte.

Auf das Blog von Antje Schrupp stieß ich vor circa 1,5 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt glaubte ich, mit dem Feminsmus und den diversen Gender-Gedöns abgeschlossenen zu haben.

Das waren Sachen aus dem Studium, die für mein aktuelles Dasein keine Relevanz hatten. Ich hatte Mann, Kinder, einen Job und irgendwie ein ganz schickes Leben, wofür sollte ich mich mit Emanzipation, Geschlechterdefintion und feministischen Theorien auseinandersetzten?

- Weil es wahnsinnig spannend und nach wie vor wichtig ist.

Wer in Frau Schrupps Blog mal gestöbert hat, wird feststellen, wie interessant, relevant und vor allem vielseitig das Thema ist. Darüber hinaus mag ich ihren menschenfreundlichen Ansatz.

Es geht ihr nicht um Ausgrenzung oder Differenzierung, sondern mir scheint, dass ihr gerade die Vereinbarkeit von Männlichkeit und Weiblichkeit, von Familie und Beruf, von Theorie und Praxis, von Profanem und Sakralem oder von Digitalem und Realem ein besonderes Anliegen ist.

Ich freue mich jedes Mal über die Leichtigkeit mit der sie die extrem komplexen Themen angeht und sie in ihren Texten so runterbricht, dass sie leicht verständlich und vor allem unterhaltsam sind. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass man am ehesten die Welt ändern oder verbessern kann, wenn man die Menschen dort abholt wo sie sind und nicht durch Zwang und Angst in die gewünschte Ecke treibt.

Ein wenig beängstigend finde ich indessen, dass Frau Schrupps Texte regelmäßig Anker in meinen Kopf setzen. Wenn meine Kinder krank sind, muss ich immer an den letzten Satz in diesem Text denken, vor allem weil ich nur schwer Arbeit und kranke Kinder verbinden kann.

Und auch der Text über den Tod von Cesaria Evora hallt mir immer wieder durch den Kopf und flüstert mir ins Ohr, doch mal etwas königinnenhafte Souveränität auszustrahlen.

Antje Schrupps Texte sind nachhaltig, über diese Buchrezension zum Thema Geborensein habe ich nicht nur viel nachgedacht, sondern ich hatte beim Lesen einen dieser Aha-Effekte. Schließlich war ich bis dahin auch eher der Meinung gewesen, dass Kinderaustragen ein notwendiges Übel ist.

Überhaupt bin ich ein großer Freund von Antje Schrupps Buchrezensionen. Ganz einfach, weil ich die Bücher nicht lesen würde, aus Zeitmangel aber auch aus Faulheit und zuweilen Desinteresse.

Umso mehr freue ich mich darüber, dass sich jemand die Mühe macht, die Quintessenz herauszuarbeiten und mich in manchen Fällen dann sogar doch noch dazu bewegt, eine Bücherbestellung zu tätigen.

Sehr empfehlenswert ist übrigens auch Antje Schrupps Zweitblog Über Liebe und Freiheit. Eine Sammlung.

In der Schule gab es so “Meine Besten Freunde” Bücher. Darin sollte man aufschreiben, welche Filme, Bücher, Lieder man besonders gern mochte. Je nach dem wer gerade Objekt meiner Euphorie war, schrieb ich dann gern Dinge wie “Alles von Madonna” oder “Alle Filme mit Keanu Reeves” oder “Alles von John Irving”.

Und würde ich heute nach meinem Lieblingsblog gefragt, würde ich wohl unter anderem schreiben: alles von Stefan Niggemeier. Und das ist viel, man findet ihn unter anderem hier, hier oder auch hier.

Besonders eigenwillig ist meine Begeisterung für Stefan Niggemeier sicherlich nicht, zählt der Gründer und Herausgeber des BILDblogs doch zu den bekanntesten und verehrtesten Bloggern von dem selbst einige meiner webfremden Freunde und Bekannten mal was gehört oder zumindestens was (gedrucktes) gelesen haben.

Der ausgesprochen flauschige und freundliche Herr Niggemeier wirkt zunächst als könnte er keiner Fliege etwas zuleide tun. Wahrscheinlich tötet er auch keine Fliegen, was ihn aber nicht davon abhält, ganz höflich und respektvoll und in wunderbar gepflegter Sprache die Dummheiten von einzelnen Menschen, Sendern und Medienanstalten oder Themenheften der Zeit zu sezieren.

Ganz besonders entzückt bin ich immer wieder davon, wie er mit einfachsten Mitteln, die Absurdität der Dinge aufzeigt. Zum Beispiel reicht die Transkription der Bushido-Dankesrede völlig aus, um die tiefe Idiotie dieses Menschen zu offenbaren.

Und die Tabellen erst. Herr Niggemeier ist das Gegenteil eines Zauberers. Er fasst und schreibt gründlich die Fakten zusammen und verblüfft dann mit den logischen Schlussfolgerungen viel mehr, als man es mit einem Taschenspielertrick könnte.

Naja und dann gibt es ja auch noch das Os-/Dus- und hoffentlich auch bald Bakulog, das Niggemeier zusammen Lukas Heinser macht.

Der Mann und ich haben uns jeden Abend darauf gefreut, es im Bett zusammen zu gucken. Ständig sind die Kinder aufgewacht, weil einer von uns laut losgelacht hat. Wegen der Kinder hören wir auch nach wie vor Rockefeller Street und noch mehr als ein Jahr später sehe ich vor meinem inneren Auge Lukas Heinser wild Fähnchen schwingend durch das Pressezentrum hopsen.

Irgendwie scheint es also egal zu sein, was Herr Niggemeier macht, es wird alles Gold oder zumindest gute und kluge Unterhaltung.

Weiter geht es dann in ein, zwei, drei Tagen, Wochen oder Monaten mit der nächsten Kategorie “Haben auch Kinder”.