Während des Studiums erzählte ich einem Kommilitonen, dass ich in Neapel in einem bürgerlichen Viertel gelebt hätte. Daraufhin blickte er mich abschätzig an und meinte, er würde immer da leben wollen, wo die Menschen authentisch seien.
Es erschien mir schon damals eigenartig, dass der Regionalwissenschaften-Lateinamerika-Student, der sich wohl schon als behütetes westfälisches Schulkind mit Befreiungstheologie beschäftigt hat, gerade mal den 50.000 Einwohnern von Vomero ihre Echtheit abgesprochen hat.
Die Kumpels meines ehemaligen Kommilitonen treffe ich am frühen Nachmittag immer mal wieder.
Zwischen Arbeit und Kinder abholen habe ich immer etwas Zeit, in der ich während des Essens 3sat oder arte schaue. Dabei stelle ich immer wieder fest, dass es sehr viele Journalisten geben muss, die ihren Beruf fürs Reisen und Essen gehen nutzen, sei es auf norwegischen Postschiffen, in afrikanischen Luxuszügen oder italienischen Kleinstädten voller kulinarischer Spezialitäten.
Es gibt aber auch viele Dokus von nach Authentizität suchenden Ethnomelodramatikern. Diese Filmemacher sind immernoch beflügelt vom Konzept des Edlen Wilden und reisen beseelt und und mit ernsthaftem Blick zu den Ureinwohnern dieser Erde.
Neulich stieß ich auf die Dokumentation Auf verwehten Spuren. Jochen Schliessler reist darin durch Südamerika entlang der Route, die sein Vater Martin Schliessler ein halbes Jahrhundert zuvor ebenfalls bereist hast. Das Konzept ist wirklich spannend, die Umsetzung ist es leider nicht.
Auch hier wird an Ethnomelodramatik nicht gespart. Am Titicaca-See werden die Bewohner bei der Darbietung ihrer traditionellen Tänze gezeigt und aus dem Off ertönt in pastoraler Stimme, dass man käme sich vorkäme wie bei einer Inszenierung in Disneyland. Das Ursprüngliche, das der Vater vor 50 Jahren noch erleben durfte ist verloren.
Und das ist der Moment in dem ich am liebsten in den Fernseher springen und die Jochens dieser Welt packen möchte. Wie borniert muss man bitte schön sein, an einen Ort zu fahren und sich daürber zu beschweren, dass er nicht mehr authentisch genug ist?
Grundsätzlich ist ja es völlig korrekt festzustellen, dass sich das Leben vieler Völker in den letzten Jahrhunderten stark bis massiv geändert hat. Ferner haben in den meisten Fällen die Ureinwohner deutlich mehr verloren als gewonnen und leiden nicht selten an den Folgen dieser Entwicklungen.
Aber ein Ethnomelodrama-Dokumentarfilmer der sich hinstellt und sagt, wie schlimm doch alles ist, hat weder das Problem erkannt noch trägt er zur Lösung bei. Dem Zuschauer wird nämlich suggeriert, dass früher alles besser (authentischer) war und daraus kann nur die Schlussfolgerung gezogen werden, dass alles rückgängig gemacht werden muss.
Kurz, nehmt den Ureinwohnern den Alkohol, den Fernseher und das Handy weg und dann regelt sich alles wieder.
Genausogut könnte man vorschlagen, das Internet zu schließen, um die Internetkriminalität zu bekämpfen. Auch diese Idee ist völlig absurd, nichtsdestoweniger gibt es nicht wenige Leute, die genau dies immer wieder vorschlagen.
Viel einfacher und hilfreicher wäre es indessen die Leute einfach mal ernst zu nehmen. Wenn die Bewohner des Titicaca-Sees Geld damit verdienen, ihre Traditionen vor einem Publikum zahlfreudiger fetter Amerikaner zur Schau zu stellen, dann leben sie davon, wie die Jochens dieser Welt davon leben, Filmmaterial zu sammeln und dies hübsch zusammen zu schneiden. Das nennt man Arbeit.
Indem man sich negativ über die Arbeit der Leute äußert, degradiert man ihre Kultur noch mehr, statt sie zu würdigen.
Vor 10 Jahren nahm ich mal an einer Exkursion nach Brasilien teil. Im Dabei reisten wir eine Weile zusammen mit einer Gruppe Indianer (Krahô und Xerente). Anfangs war es sehr interessant zu sehen, die Indianer uns genauso abschätzig beobachteten, wie wir sie.
Jeder kennt das, wenn man als Städter aufs Land fährt, denkt die Landbevölkerung man sei ein balsierter und unfähiger Stadtidiot und als Städter glaubt man, man habe es mit inzestuös-lebenden Dorftrotteln zu tun.
Einige Tage später hielten jedenfalls eine Kommilitonin und ein junger Xerente-Mann scheu Händchen und das Baby der Krahô-Familie wurde von allen bespielt. Wir reisten freundlich koexistierend miteinander, so wie es Menschen – getrennt durch eine Sprachbarriere – eben tun.
Das klingt denkbar unspektakulär, aber ich glaube, dass genau darin das Geheimnis liegt. Der Edle Wilde ist nämlich vor allem ein ganz normaler Mensch. Nichts desto weniger ist die Kultur in der er lebt nicht besser oder schlechter als unsere Kultur und man muss seiner Kultur zugestehen, dass sie sich genauso ändern kann, wie sich unserer Kultur in den letzten Jahrhunderten massiv geändert hat.
Das Geheimnis ist nicht zu sagen: “Verändere gar nichts, gehe zurück zu Los, ziehe keine 500 Euro ein” sondern, “Mach was Du willst, aber bewahr Dir Deine Wurzeln und verleugne Dich und Deine Kultur nicht.” Es geht hier um Selbstbewusstsein.
Dort müssen die ethnomelodramtischen Dokumentarfilmer ansetzten. Ich will keinen verklärten Ethnokulturkram sehen, ich möchte unvoreingenommen einen andere Kultur kennenlernen.
Warum drückt man den Leuten nicht einfach eine Kamera in die Hand und bittet sie das zu filmen, was ihnen an ihrem Leben oder ihrer Kultur wichtig erscheint. Woher soll ein dahergelaufener Journalist wissen, was die Kultur eines Volkes ausmacht, das er aus den Erzählungen seines vor 50 Jahren mal kurz vorbeigereisten Vaters kennt?
Den Kreis kann man deutlich ausweiten. Während meines Studiums habe ich mich immer gefragt, warum es die Ethnologie überhaupt gibt.
Bis zu meinem Abschluss habe ich das Rätsel nicht vollständig lösen können, warum sich Menschen wissenschaftlich mit einer Kultur auseinander setzten, der sie überhaupt nicht angehören und deren Sprache sie zum Teil nur marginal beherrschen. Vielleicht ist der Blickpunkt von außen ganz spannend und bringt tolle Impulse aber eigentlich können nur Mitglieder einer Kultur auch wirklich was darüber sagen.
Entsprechend fand ich es eine großartige Idee von Julio Mendívil in seiner Promotion Ein musikalisches Stück Heimat. Ethnologische Beobachtungen zum deutschen Schlager den Spieß umzudrehen, und als Peruaner den deutschen Schlager mit musikethnologischen Methoden zu untersuchen.
Das Authentische am deutschen Volk hat Mendívil durch seine Arbeit sicher nicht gefunden. Wir alle würden uns auch verbitten, nur über unsere Schlagermusik definiert zu werden.
Unsere Kultur ist nicht nur Schlagermusik, die Peruaner spielen nicht nur Panflöte und Neapel ist nicht nur das Spanische Viertel(sagt ja auch schon der Name).
Die Suche nach Authentizität ist der feuchte Traum von Wissenschafts- oder Journalismusdarstellern, die mit der Komplexität ihrer Welt überfordert sind und einfache Antworten im Busch suchen. Und während sie glauben, die armen Ureinwohner mit ihren Filmen und wissenschaftlichen Arbeiten zu retten, zementieren sie das Bild des freundlich-unfähigen Edlen Wilden.
Da zahle ich doch lieber GEZ-Gebühren für den Musikantenstadl.