Liebe Boulevard- und People-Magazine, liebe „Stars“, wir müssen sprechen.

Wir haben uns getrennt. Es war eine lange und schleichende Trennung. Vergleichbar mit der eines alten Ehepaares, das sich eigentlich nie wirklich gemocht hat, aber aus Ermangelung anderer Optionen und einer mittelmäßigen Faszination füreinander so lange zusammen blieb, bis die Kinder aus dem Haus waren.

In den letzten Jahren hat sich viel verändert. Es kam dieses Ding namens Internet und auf einmal gab es Optionen.

Anstatt im Wartezimmer auf abgegriffelte Magazine zurückgreifen zu müssen, hole ich nun mein Smartphone mit dem leicht verschmierten Display raus und lese Dinge, die mich wirklich interessieren. Über die Jahre habe ich mir eine Filterbubble gebaut und sie wurde zu einer großen, bunt schillernden Blase, die ich hege und pflege.

Die mittelmäßige Faszination, die ich für den Klatsch und Tratsch aus der Welt der Stars und Sternchen hegte, ist verflogen.

Ich könnte es dabei belassen und wir trennen uns still und leise aber leider gibt es ein Machtunverhältnis. Denn ihr besteht auf so unangenehme Art und Weise auf Eure Deutungshoheit, dass es mich wütend macht.

Vor einiger Zeit fing ich an, auf Facebook ein paar interessanten Seiten zu folgen wie Curves Ahead, Plus Model Magazine (Plus Model Magazine Website), The Militant Baker (The Militant Baker Blog) und Curvy Girl Lingerie (Curvy Girl Website).

Auf einmal befinden sich Frauen verschiedenster Figurformen in meiner Timeline und ich genieße es. Endlich ist Mode wieder spannend für mich, endlich sehe ich ein deutlich vielfältigeres und spannenderes Bild von Frauen und endlich denke ich mir: wenn das Fettpolster auf dem Foto so gut aussieht, kann es bei mir nicht komplett desaströs sein.

Und weil Ihr People- und Modemagazine und ihr „Stars“ so große Schisser seid, die nichts mehr verängstigt, als Veränderung, musste wieder jemand anders vorangehen.

Zum Beispiel Christal Bougon. Die Inhaberin des Unterwäschegeschäfts Curvy Girl zeigt – inspiriert von einer Kundin – auf Ihrer Facebookseite Fotos von „normalen“ Frauen in Lingerie.

Ungeachtet der vielen kleinen Veränderungen und dem Wunsch Eurer Leser nach weniger Photoshop zieht Ihr Euren langweiligen Stiefel durch und fragt weibliche Stars, wie sie nach der Geburt ihres Kindes wieder abgenommen haben. Anstatt die Antwort zu verweigern oder zumindest nachzufragen, ob beim Fragesteller eine ernsthafte Störung vorliegt, antwortet Ihr „Stars“ auch noch: „Die Gene, gesundes Essen, das Stillen, die Bewegung mit Kleinkindern, Yoga und Pilates.“

Seid Ihr Euch nicht zu doof, so eine deratige dumme Scheiße ernsthaft von Euch zu geben? Wenigstens Ehrlichkeit wäre schön: „Wissen Sie, ich esse kaum was, treibe wie blöd Sport und es macht mir nicht allzu viel Spaß aber leider gehört ein perfekter Körper zum Job. Ich wünschte, das würde sich ändern und es reichte aus, dass ich eine gute Schauspielerin/Entertainerin/Musikerin/Künstlerin/Desingerin bin.“

Es gibt ein paar Ausnahmen wie Jennifer Lawrence, aber die sind rar.

Während Ihr People-Magazine und „Stars“ einen narzistischen Reigen tanzt und dem Publikum mit strahlend weißem Lächeln und Hungermundgeruch zuwinkt, müssen wir auslöffeln, was ihr mit der ständigen Postulierung der Machbarkeit einer einheitlichen weiblichen Perfektion im Sinne der Kosmetik-, Fitness- und Modeindustrie eingebrockt habt.

Denn nachdem viele Frauen ihre authentischen Fotos in Lingerie bei Facebook hochluden, meldete sich Maria Kang auf Facebook zu Wort (fette Schrift von ihr):

„I am motivated by constant body (fat) acceptance campaigns strewn all over the internet followed by comments with the context of ‚you go girl!‘ and ‚more power to you!‘ The popular and unrelenting support received to those who are borderline obese (not just 30-40lbs overweight) frustrates me as a fitness advocate who intimately understands how poor health negatively effects a family, a community and a nation.“

Maria Kang ist Fitness-Irgendwas und wurde dadurch bekannt, dass sie sich mit ihrem wunderbar trainierten Körper und ihren drei Söhnen fotografieren ließ und über das Bild die Frage setzte „What’s your excuse?“.

Nun gehöre ich nicht zu den Menschen, die auf Leute zugehen und sie fragen, was ihre Ausrede dafür ist, Dinge die ich mag, nicht auch zu tun. Maria Kang mag also offensichtlich keine Menschen, die nicht in ihr Fitness-Weltbild gehören und hat keine Angst (immerhin), dies auch laut zu verkünden.

Maria Kang wurde kurzfristig von Facebook verbannt, es folgten weitere Blogposts und die Sache wurde dann auch von den klassischen Medien aufgegriffen.

Je mehr ich lese, sehe und – trotz der vielen positiven Wortmeldungen – feststelle, wie viel Ekel und Hass normalen, schnöden und unperfekten Körpern entgegengebracht wird, desto wütender werde ich.

Und wisst Ihr was, liebe Boulevard- und People-Magazine, liebe „Stars“, ich mache Euch zum Teil dafür verantwortlich.

Ihr seid es, die der Maschinerie des Körperhasses Feuer gibt. Mit ständigen Berichten über neue Hollywood-Diäten, mit der Beklatschung abstrusester Fitness-Ideen, mit gehässigen Bildkommentaren über die Körper und Cellulite von Stars und mit der Reduzierung der Stars auf ihren Körper bei gleichzeitiger Idolisierung.

Und Ihr „Stars“ wehrt Euch nicht. Wie Lämmer auf der Schlachtbank seht Ihr zu, wie Eure künstlerische Leistung von einer bestimmten körperlichen Leistung – fit, schlank und jung – verdrängt wird. Ihr wollt Idole sein, Menschen zu denen man aufschaut? Ihr seid nichts anderes als Marionetten, die sich in vorauseilendem Gehorsam den Körperdogmen des öffentliches Lebens unterwerfen.

Anpassung und Konformismus mögen Teil des Lebens sein aber große, schillernde Leistungen haben sie nie hervorgebracht.

Mein Trost ist, liebe Boulevard-Magazine, dass Eure Auflagen immer weiter sinken. Ihr habt es nicht anders verdient.

Ich hoffe, dass Eure bisherigen Leser immer mehr ins Internet abwandern und Ihr in die Bedeutungslosigkeit abgleitet. Womöglich ist das, was danach kommt nicht besser, aber trotzdem werde ich in meiner Lieblingsbar ein Glas Champagner auf Euren Untergang trinken. Gekleidet in ein enges schwarzes Kleid, in dem mein großer Arsch ganz besonders gut zur Geltung kommt.