„Nimm das Weißbrot, Du Luder“ oder als das Essen dreckig wurde

Eine meiner letzten Diäten versteckte sich unter dem Label „Detox“. Ich las ein Buch von Natalia Rose und glaubte, meinen Körper und vor allem meinen Darm jahrelang mit widerwärtigem Dreck gequält zu haben und ihn nun mit Gemüse(säften) und Einläufen wieder säubern zu müssen.

Ich beließ es bei grünen Drinks und verzichtete auf Getreide und Milch. Um das Resultat einiger Monate zusammen zu fassen: es bringt gar nichts, außer dass der Po wund wird, weil man ständig auf die Toilette muss.

Geblieben ist aber die Wut, die Wut darauf, dass Essen als ein Gift verkauft wird. Und zwar teuer. Auch wenn es mich freut, dass es Menschen gibt, die hier einen Weg gefunden haben, sich und ihre Familie mit Gemüseshakes zu ernähren, indem sie anderen Menschen überteuerte Produkte und abstruse Heilstheorien verkaufen, möchte ich spucken, wenn ich unter irgendeinem Gericht den Hashtag #healthy, #fit oder #clean lese.

Wem das zu wenig differenziert ist, ich gehe gern ins Detail.

#healthy

Gesundheit ist eine sehr feine Sache. Bereits eine Erkältung kann meine Lebensqualität beeinflussen. Das ändert nichts daran, dass ich eben manchmal krank bin. Manchmal sind auch die Kinder krank, das beeinflusst mich dann auch und trägt eigentlich auch nie zu meinem Wohlbefinden bei. Auch Krankheiten bei meinem Partner oder in meiner Familie stimmen mich nicht fröhlich.

Fakt ist, Menschen werden krank, manche werden sogar krank oder physisch eingeschränkt geboren. Ziemlich sicher ist auch: irgendwann sterben alle Menschen. Das ist oft sehr traurig für alle Beteiligten. Aber wer glaubt, dass ein grüner Drink oder ein Salat vor Krankheit, Tod und Verwesung schützt, muss entweder sehr naiv oder sehr ängstlich oder beides sein.

Wie naiv oder ängstlich man ist, um jedem zu glauben, der sich gekonnt als Heilsbringer verkauft, ist eine persönliche Sache. Darüber darf ich mir im Grunde kein Urteil erlauben.

Schwierig ist die damit einhergehende Ausgrenzung. Und die findet mit der Glorifizierung und zur Schaustellung eines vermeintlich gesunden „Lifestyles“ automatisch statt.

Was ist denn mit Menschen die krank sind? Verwirken die ihr Recht auf Empathie, Verständis, Dasein weil sie nicht gesund sind? Haben sie einfach nicht genug grüne Smothies getrunken und verdienen damit eine Krebserkrankung? Was ist mit behinderten Menschen? Sollen wir all denjenigen, die nicht #healthy leben oder #healthy sind die Gesundheitsversorgung kappen? Sollen wir sie aus der Gesellschaft ausgrenzen?

Eine Übertreibung ist das nicht. Auf Facebook wurde Tess Holliday öffentlich angegriffen. Dabei ist nicht einmal bekannt, dass sie krank wäre. Sie ist einfach nur sehr dick und daraus kann man ja nur schlussfolgern, dass sie krank ist oder bald krank sein und dem Gesundheitssystem bzw. der Gesellschaft auf der Tasche liegen wird. So jemand darf nicht zufrieden mit sich sein. So jemand darf auch keine öffentliche Figur sein. Sie soll sich in ein dunkles Loch verkriechen, dort hungern und erst wieder rauskommen wenn sie ein guter schlanker Mensch geworden ist.

#fit

Ganz besonders pervers finde ich, dass die durch Nahrungsprogramme erzielte Gesundheit nicht dem Selbstzweck dient. Vielmehr soll sie uns dienen erfolgreicher, stressresistenter und leistungsstärker zu werden.

So beschreibt Rose (und es könnte aus jedem anderen #detox, #raw, #health Blog stammen) unter anderem das Zielpublikum ihrer Programme mit folgenden Worten:

Anyone who has given birth multiple times and as a result, is not functioning as well as she did prior to pregnancy and birth.

„not functioning“ ist ein Problem in unserer Gesellschaft. Selbst in Pixar-Filmen wird das Hauptziel unserer Existenz deutlich: produktiv arbeiten. Nicht zu funktionieren ist ein Affront gegen eine Gesellschaft, die sich über die Arbeit definiert. Kein Wunder, dass es Menschen gibt, die depressiv werden, wenn sie ihren Job verlieren. Kaum etwas definiert uns so wie unsere Arbeit.

Mein sonst sehr geschätztes Magazin Edition F veröffentliches neulich einen Artikel über Essen, das Stress reduzieren kann. Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf. Gegen Stress hilft vor allem die Reduzierung von Stress. Das heißt in manchem Fällen eben auch die Verweigerung zu funktionieren. Ganz sicher reduziert sich mein Stress nicht, wenn ich grüne Säfte trinke oder mein Essen vorkoche. Im Gegenteil, die ständige Optimierung meiner Selbst z.B. durch Sport und Nahrung verursacht – zumindest bei mir – mehr Stress.

In diesem Artikel wird also auch nur an den Symptomen gekittelt aber nicht unsere allgemeine Stresskultur kritisiert. So zeigt sich ein weiteres Mal, dass es nicht um die Zufriedenheit eines Individuums geht, sondern ausschließlich darum, dass ein normiert-gesunder Mensch gut funktioniert.

#clean

Ungern würde ich hier eine Diskussion über gute und schlechte Lebensmittel beginnen. Es gibt eine schier unendliche Anzahl an Forschungsarbeiten, Büchern, Texten und Meinungen darüber, welche Nahrungsmittel gut sind, ob man mit Nahrung heilen kann, mit welcher Nahrung man heilen kann oder welche Nahrung Krebs/Herzinfarkt/Diabetis vorbeugt. Ich verfolge das nun schon gute 30 Jahre und habe festgestellt, dass ständig neueste Forschungen auf den Tisch kommen, die was ganz anderes sagen, als die neuesten Forschungen davor.

Wenn sich also die Wissenschaft nicht einig ist, ist das für mich ein Grund, einfach selbst zu denken. Wenn ich etwas zu mir nehme und mich dadurch (leicht) verändere, wie bei Alkohol, Kaffee oder Zucker, dann nehme ich davon nur maßvoll zu mir. Wenn ich den Eindruck habe, ich vertrage etwas nicht (Eier), dann esse ich wenig davon. Und wenn ich die Wahl habe, esse ich lieber frischen oder sehr jungen Knoblauch. Außerdem versuche ich mich nicht zu überfressen, da ich dieses gestopfte Gefühl nicht mag. Häufig halte ich mich nicht an meine Regeln.

In meinem Fall ist es also unkompliziert. Aber ich erwarte von Essen auch keine heilende Wirkung, sondern nur befriedigende Sättigung.

Essen ist für mich etwas sehr Wichtiges. Auch wenn ich schnell esse und zuweilen schlinge, genieße ich gutes Essen sehr. Ein Teil meines Gedächtnisses basiert auf kulinarischen Erlebnissen. Nahrungsmittel können entscheiden, ob ich einen Ort, eine Person, eine Situation mag.

Das Kernproblem einer jeden Dität, die ich jemals gemacht habe, war der Verzicht. Nicht der Verzicht einer Kalorie, sondern der Verzicht auf ein schönes geschmackliches Erlebnis. Diäten waren für mich ein Gefägnis. Statt durch die Welt reisen zu können, saß ich im Kerker meiner Essensreglementierung.

Clean eating ist da nicht anders. Im Gegenteil, die Welt der Nahrung wird aufgeteilt in schwarz und weiß oder besser in grün und alles andere. Und nur die weiße grüne Welt ist sauber. Der Rest ist dreckige Schlacke.

Insofern ist bei diesem Nahrungskonzept alles schlüssig. Wer Nahrung in sauber und Abschaum einteilt, der steht auch auf genormte, funktionierende Menschen.

Verdorben bis ins Schokoladentörtchen

Neulich habe ich ein kleines Experiment gemacht. Ich hatte ein paar Freundinnen mit Kindern zu Besuch. Im Laufe des Gesprächs habe ich bewusst drei Themen eingebracht.

Erst lies ich beiläufig verlauten, dass ich Atheistin sei. Das Gespräch über Urlaub in Dänemark wurde nicht einmal unterbrochen. Wahrscheinlich hätte ich mehr Aufmerksamkeit erregt, wenn ich gesagt hätte, dass ich gleich meine Bibel zur allgemeinen Diskussion raushole.

Im Verlauf des Nachmittags brachte ich das Gespräch darauf, dass ich in meiner wilden Zeit vor Ehemann und Kindern den ein oder anderen One-Night-Stand hatte, was ehrlich gesagt völlig übertrieben ist, aber für ein Experiment kann man ja auch mal die Wahrheit etwas dehnen.

Zwei Paar Augenbrauen wurden hochgezogen und eine Mutter sah mich etwas verträumt lächelnd an und meinte, bei ihr sei es genauso gewesen. Danach wechselte das Thema gleich wieder zu „Gute Grundschulen in Deiner Umgebung“.

Nach zwei Tassen Kaffee und drei Wutanfällen – die Kinder nicht die Mütter – erzählte ich, dass ich am Vorabend beim Fernsehen eine ganze Tafel Schokolade allein (!) gegessen hätte.

Damit hatte ich die Aufmerksamkeit aller anwesenden Damen. Schreckgeweitete Augen starrten mich an. Nachdem die erste Schockstarre vorbei war, fassten sich alle Mütter an die Bäuche und prüften, ob bei ihnen noch alles schlank sei. Dann redeten alle durcheinander und berichteten davon, wann sie das letzte Mal so viel Schokolade auf einmal gegessen hätten.

Bei den meisten war es während der letzten Schwangerschaft oder als Teenager. Als sie abends gingen schauten sie mir noch ein letztes Mal mitleidig auf meinen Bauch.

Mein kleines Experiment bewies mir, wovon ich ohnehin schon ausgegangen war. Dank der Aufklärung, der 68er, des Feminismus und wer sich sonst noch mehr oder weniger für gedankliche Freiheit zuständig fühlte, können wir heute glauben was wir wollen und Schuldgefühle und Sex stehen wenn überhaupt nur noch miteinander in Zusammenhang, wenn man fremdgeht.

Wirkliche Schuld empfinden wir nur noch beim Essen.

Sowohl bei mir selbst als auch in meinem Umfeld (digital wie analog) stelle ich die absurdesten Essgewohnheiten fest. So esse ich beispielsweise seit mehr als einem halben Jahr nur drei Mahlzeiten, wobei ich abends auf Kohlenhydrate verzichte. Ich erhoffe mir so, abzunehmen oder wenigstens mein Gewicht zu halten (funktioniert so mittel).

Die Frage nach meiner geistigen Gesundheit ist in Hinblick auf mein Essverhalten durchaus berechtigt. Ich tröste mich aber immer damit, dass die anderen noch verrückter sind.

Wie dem auch sei, ich finde Essen spannend und die Vorstellung abzunehmen – ganz einfach dabei super gesund und total natürlich – finde ich auch faszinierend (geistige Gesundheit siehe oben).

In letzter Zeit habe ich mich also mit raw foodism und auch detox diets beschäftigt. Außerdem habe ich, unabhängig von diesen Nahrungskonzepten, noch mal in Frage gestellt, ob wir wirklich so viel Milch- und Fleischprodukte zu uns nehmen sollen, wie wir es tun.

Aber jedes Mal wenn ich etwas zu Ernährungskonzepten las, hatte ich ein komisches Gefühl. So wie wenn man jemanden trifft, der total nett ist aber irgendwas stimmt mit dem nicht, man kann es nur nicht in Worte fassen.

Mit diesem Jemand meine ich die attraktiven und schlanken Ernährungsexperten, die zwar nicht einmal wissen, wie man einen Kohlrabi verarbeitet , aber die einem Schönheit, Schlankheit und ewige Gesundheit versprechen. Dafür muss man nur so essen, wie es im Buch steht.

Die Nummer kenne ich und sie ist sehr alt. Denn wenn man an Gott glaubt und sich darüber hinaus gut benimmt, kommt man ins Paradis. Mephisto ist jetzt ein Schokotörtchen, was zugegebenermaßen deutlich profaner ist als die alte Version. Auch die Buchtitel waren damals besser „1. Buch Mose“ vs. „Crazy sexy diet“.

Genauso wie bei Glaubensdiskussionen wird auch immer gleich das große Bild gemalt. Fleisch essen ist respektlos und eine Manifestation der zerstörerischen Dominanz des Menschen. Außerdem verursacht unser Fleisch- und Fischkonsum jede erdenkliche Umweltkatastrophe (ok, in Fukushima war es das Erdbeben und der Tsunami aber trotzdem).

In der Steinzeit – in der wir körperlich noch leben – gab es auch nur grünes Gemüse (ja klar, Kohlrabi in der afrikanischen Steppe aus der wir alle kommen) und Nüsse. Sobald ich mir was brate, lebe ich gegen meinen Körper.

Nur diese oder jene Ernährungsweise kann Schönheit, Schlankheit und Gesundheit garantieren alles andere führt zur sofortigen Verfaulung aller Organe und der Haut.

Meine Gastmutter in den USA war sehr religiös. Wie ich im Laufe des Jahres rausfand, war sie es nicht weil sie Halt und Sinn im Glauben fand, sondern weil sie Angst hatte. Angst davor, dass sie in die Hölle kommt, wenn sie nicht an Gott glaubt.

Angst ist ein großartiges Mittel um Menschen Dinge tun zu lassen, die ihnen eigentlich nicht gefallen.

Die Angst dick zu sein, betrifft fast alle und auch nicht nur Frauen. Fett ist das Synonym für verantwortungslos, undiszipliniert, ungesund, asozial und träge. Alles Dinge vor denen wir panische Angst haben, die wir nicht sein wollen.

Denn über dicke Menschen wird gelacht, sie finden (angeblich) keine Partner, sie werden wahrscheinlich nie Schauspieler oder Fernsehmoderator und auch sonst sollen schöne (und) schlanke Menschen allgemein mehr Erfolg im Leben haben.

Absurderweise ist diese Angst vor allem auf das Gewicht bezogen. Es wird nicht gefragt, ob eine füllige oder dicke Person womöglich gesund, sportlich oder attraktiv ist, einzig zählt der BMI und die Kleidergröße.

Also lassen wir uns von dieser Angst leiten und denken gar nicht mehr klar.

Nehmen wir mal an, ich würde es mögen, wenn man mir beim Sex an den Haaren zieht. Das kann durchaus dazu führen, dass ich das ein oder andere Haar während des Aktes verliere (und dadurch entstellt werde). Das hielte mich aber nicht davon ab, es zu tun und auch sonst würde mir wohl niemand raten, ein paar Haare meinem sexuellen Genuss vorzuziehen.

Ganz anders beim Essen. Ein köstliches Schokotörtchen mit flüssigem Kern führt wahrscheinlich zu einem höheren Fettanteil in meinem Körper. Genau das hält mich davon ab, es zu mir zu nehmen. Auch 90% meines Umfeldes würden mir davon abraten mit dem Hinweis auf körperliche Entstellung durch Schokogenuss.

Das klingt absurd, das ist absurd aber entspricht der Realität.

Es wird Zeit, dass ich Ernährungsatheistin werde. Da ich hungrig und mit einem Glas grünen Tee am Schreibtisch sitze, wird es wohl noch eine Weile dauern, aber wütend und genervt bin ich schon.