Die Wahlurne entscheidet nicht über das Dasein als Arschloch

Felix Schwenzel hat heute einen sehr schönen und ausgewogenen Text über den Wahlerfolg der CDU geschrieben.

Wäre ich eine ruhige und besonnene Person würde ich es bei der Verlinkung lassen und mich zurücklehnen.

Aber ich habe Puls. Und das obwohl ich nicht einmal die CDU gewählt habe. Ich habe allerdings schon in meinem Leben die CDU gewählt, ob ich es bereue oder ob ich mich jetzt dafür sogar ein wenig schäme, beantworte ich vielleicht ein anderes Mal.

Fakt ist, ich komme vom Land und arbeite in einem konservativen Umfeld. Entsprechend habe ich Freunde, Bekannte und Kollegen, die mit Sicherheit die CDU gewählt haben.

Und was soll ich sagen: es handelt sich dabei nicht um Arschlöcher.

Gleichwohl passiert es häufiger, dass ich mich mit diesen Leuten unterhalte und dabei stellt sich heraus, dass wir unterschiedlicher Meinung sind. Neulich zum Beispiel ging es darum, ob die olympischen Spiele in Sotschi wegen der homosexuellenfeindlichen Politik in Russland boykottiert werden sollten.

Mein Gegenüber verstand den ganzen Wirbel um ein paar Schwule nicht. Ich fragte ihn, ob er Sex mit zwei Frauen doof fände. Er bekam ein verklärtes Lächeln und ich sagte: “Siehst Du, das ist in Russland jetzt verboten”.

Es ist manchmal so einfach, die Menschen abzuholen, man muss nur mit ihnen reden und sie ernst nehmen.

Ich mag jedenfalls meine Freunde und ein paar meiner Kollegen und ich stelle auch immer wieder fest, dass die Entscheidung an der Wahlurne nicht darüber entscheidet, ob jemand ein “guter” (die Definition ist natürlich schwierig, aber ich polemisiere hier und kann mir Generalisierungen leisten) Mensch ist oder nicht.

Wo ich her komme gibt es eine Familie, die vor fast 40 Jahren einen behinderten Sohn bekommen haben. Die Eltern des Kindes hatten dabei nicht nur mit der Situation per se, sondern auch mit Anfeindungen durch die Dorfgemeinschaft und die lokale Kirche zu kämpfen. Trotz aller Widrigkeiten haben sie sich ein Leben aufgebaut, ihren Sohn optimal gefördert, sich für anderen Menschen in ähnlichen Situationen engagiert und zählen zu den liebenswürdigsten und offensten Menschen, die ich kenne.

Ich weiß es nicht genau, aber ich gehe davon aus, dass sie am 22.9. auch die CDU gewählt haben.

Und auch wenn ich nicht gemeint bin, greift es mich persönlich an, wenn die digitale Bohème das Übel dieser Nation an den CDU-Wähler festmacht. Wenn diese ständig gebasht werden, wenn für sie nicht die gleiche Toleranz gilt, die wir ständig für uns und – zurecht! – für alle anderen Gruppen einfordern.

Es gibt konservative Menschen, die glauben, dass die CDU ihre Interessen vertritt. Sie zu stigmatisieren, sich über sie zu erheben und den Berlin-Mitte-Lebensentwurf als einzigst möglichen darzustellen, das ist borniert, spießig und vor allem nicht konstruktiv.

Man ändert die Welt nicht indem man anderen sagt, dass sie, ihre Probleme und ihre Ansichten scheiße sind. Man ändert sie mit Argumenten, in Diskussionen, in Gesprächen, mit Geschichten und mit Aufrichtigkeit.

Ich für meinen Teil habe aus der Wahl mitgenommen, dass ich einfach nicht genügend Menschen in meinem Umfeld davon überzeugt habe, dass das Supergrundrecht in Deutschland die Freiheit sein muss.

Reitet also mit Eurem digitalen Ross doch lieber in die schwarzen Flecken der Landkarte und überzeugt die Leute, statt Euch in chicen berliner Cafés mit Steckdosen zu treffen und Euch über die Deppen und Bauern dieses Landes lustig zu machen.

Keine Ahnung wie es dem deutschen Feminismus geht, aber ich bin dabei

Neulich las ich in einem Blog: ich bin keine Feministin aber…

Genervt klickte ich weg. Zugegebenermaßen war das unfair von mir, denn bis vor wenigen Jahren war ich geradezu persönlich beleidigt, wenn mich jemand Feministin nannte und teilweise versuchte ich meinem Gegenüber mit Argumenten zu belegen, dass ich eben keine Feministin oder gar Emanze bin.

Ich fühlte mich stark und gleichberechtigt und glaubte, dass es in unserer Gesellschaft eigentlich nicht mehr viel für uns Frauen zu kämpfen gibt. Diejenigen, die daran scheiterten, Job und Familie zu verbinden hielt ich für unfähig und war mir sicher, dass es mir leicht fallen wird, mich in einem männliche geprägten Arbeitsumfeld durchzusetzen, Kinder zu erziehen, eine Ehe zu führen und dabei schlank und schön durch meine Lätta-Welt zu hüpfen.

Lustigerweise habe ich über die Jahre tatsächlich viele meiner Lebenträume umgesetzt. Das ändert nichts daran, dass ich die Situation jetzt völlig anders bewerte und mich als Feministin bezeichne.

Es heißt ja Feminismus und nicht Alice-Schwarzerismus

Zuweilen könnte man den Eindruck haben, dass der deutsche Feminismus ausschließlich von Alice Schwarzer geprägt, bespielt und kontrolliert wird. Sie hat tatsächlich die Dominanz eines Mammutbaums in einem kleinen japanischen Steingarten. Aber sie ist nicht der Feminismus.

Bei vielen Dingen, die auf Alice Schwarzer zurückgingen, wie der PorNo-Kampagne oder ihren Schriften über “richtigen” Geschlechtsverkehr unter feministischen Gesichtspunkten sah ich mich nicht repräsentiert. Auch der nahezu ironie- und witzfrei Schreibstil der Emma ließ mich selbst bei interessanten Titelthemen den Kauf verweigern.

Meine damalige Schlußfolgerung, dass Feminismus nichts für mich ist, weil ich mit Alice Schwarzers Ideen nicht immer konform gehe, halte ich im rückblickend für wenig reflektiert bis dumm.

Das schlimme F-Wort

Aber nicht nur der Alice-Schwarzerismus ließ mich fern bleiben von allem Feministischen, sondern auch eine sehr gelungene negative Marketing-Strategie. Offenbar hat es hervorragend funktioniert, nur oft genug zu wiederholen, dass Feministinnen oder Emanzen häßliche, böse und unfickbare Weiber sind.

Einer Frau, die für Gleichberechtigung eintritt, wird sofort jede positive weiblichliche Charakteristik abgesprochen. In der aktuellen Sexismusdebatte wird dieses Programm auch wieder rauf und runter gespielt. Das führt zuweilen zu so absurden Behauptungen, wie die Sorge davor, dass Erotik verloren geht, wenn man Frauen nicht mehr einfach so an den Po fassen darf.

Anstatt mir lachend weiter die Fußnägel zu lackieren und darauf hinzuweisen, dass der Pograbscher eines Mannes, der unfähig ist, Signale korrekt zu deuten, so viel mit Erotik zu tun hat, wie eine Karnevalssitzung mit Humor, glaubte ich wirklich, dass ich als Feministin Weiblichkeitspunkte verlöre.

Weiblich, zickig sucht

Und dann gibt es ja auch noch diese anderen Frauen. Womöglich ist die ewige Betonung der Zickigkeit von Frauen – vor allem untereinander – auch eine langjährige Negativ-Kampagne. Aber in den Tat habe ich zuweilen den Eindruck, dass Frauen sich selbst ihr größter Feind sind.

Keine Ahnung, ob es daran liegt, dass Frauen sich lieber an diejenigen mit Macht schmiegen als sie für sich und ihr Geschlecht zur Hälfte einzufordern.

Vielleicht verursacht der Wunsch, möglichst lange auszusehen wie ein Teeny – Random Fact: es gibt ein Workout, das Frauen Teeny Tiny machen soll – auch eine intellktuelle Stagnation. Reife – und damit einhergend Besonnenheit, Reflektion usw. – ist im weiblichen Kontext meist eher ein Schimpfwort als ein Ausdruck der Anerkennung.

Im Internet gibt es unter Frauen natürlich auch Zickereien. Aber persönlich habe ich festgestellt, dass es mir “online” deutlich leichter fällt, Frauen gegenüber Anerkennung auszudrücken, mich mit anderen Frauen zu solidarisieren und den Konkurrenzgedanken durch einen Kooperationsgedanken zu ersetzen. Schließlich kann ich nicht jeden guten Text allein schreiben. Und Texte von Männern decken oft nur ein Teil meiner Interessen ab oder haben eine Perspektive auf Dinge, die für mich nur mäßig spannend ist.

Wenn ich gute Texte lesen möchte, dann muss ich sie suchen. Das gelingt am besten, indem ich Frauen mit ähnlichen Interessen bei Twitter, auf Facebook und bei quote.fm folge. Indem ich Blogs lese und dort Empfehlungen nachgehe.

Gleichzeitig sehe ich es als meine Pflicht, auf gute Texte hinzuweisen, wäre ja schade, wenn ich mich mit niemandem darüber austauschen kann. Und da ich mich selbst über Zuspruch und Lob freue, ist es im Grunde nur logisch, dass ich Zuspruch und Lob auch bei anderen ausdrücke.

So lese ich begeistert von und über Frauen von denen ich weiß, dass wir uns in einem Café sitzend nichts zu sagen hätten und innerlich die Nase über Auftreten und Habitus der jeweils anderen rümpfen würden. Aber im Internet nivelliert sich vieles und wird irrelevant. Im besten Fall wirkt sich dieses leben, leben lassen und solidarisieren auch irgendwann im Café, auf der Arbeit und in der Krabbelgruppe aus.

Internet und Feminismus – geht es auch was konkreter?

Ellebil verlinkte neulich eine Rezension von Miriam Gebhardts Buch Alice im Niemandsland. Wie die deutsche Frauenbewegung die Frauen verlor.

Die Hauptthese des Buchs scheint zu sein:

Würde man die interessante These als Diagnose lesen wollen, könnte man den Grund für den Verlust der Frauen seitens der Frauenbewegung in der fehlenden intellektuellen Ausstrahlung des öffentlichen Feminismus suchen. Damit trifft die Historikerin einen wichtigen Punkt des Phänomens, der meines Erachtens durch die Betrachtung eines dazugehörigen Aspekts ergänzt werden sollte. Für das Fehlen eines intellektuellen Feminismus in der Öffentlichkeit ist nicht nur das angebliche Elitebewusstsein der Akademikerinnen verantwortlich, sondern auch ein öffentlicher Verdacht gegenüber (politischer) Intellektualität, der in der BRD in einer gewissen Tradition steht und der sich zur Zeit unter anderem in der Transformation der Universität zu einer praktisch orientierten Ausbildungsstätte äußert.

Und da musste ich lachen. Offenbar hat Frau Gebhardt einfach mal die Ausstrahlung – akademischer, semiakademischer oder nicht-akademischer – Veröffentlichungen im Internet auf den öffentlichen Feminisums ignoriert.

Ohne empirische Daten vorlegen zu können, habe ich den Eindruck, dass es selten so breit gefächerte, spannende, länderübergreifende feministische Diskurse gab wie die, die im Netz stattfinden und dass es ein großes Interesse und eine hohe Diskussionsbeteiligung gibt.

Keine Ahnung ob es einen Verein Frauenbewegen e.V. gibt, bei dem kein Mensch mehr Mitglied sein möchte, aber ich sehe einen großen Zulauf bei feministischen Themen. Offenbar ist das Interesse so groß, dass Jan Fleischhauer Text um Text veröffentlicht, in der Hoffnung, diesen Frauenkram irrelevant zu schreiben.

Mich persönlich konnte vor allem Antje Schrupp mit ihren doktrinfreien und menschbezogenen Feminismus aus meiner Schmollecke abholen. Aber auch die frühen Jahre der Mädchenmannschaft oder Feministing waren für mich Startpunkte, von denen ich dann auf Themen, Theorien, Texte, Links und Blogger stieß.

So wurde mir bewusst, wie spannend und wichtig das Thema ist und dass es sich lohnt, sich selbst einzubringen, wenn es darum geht, Gleichberechtigung in der Gesellschaft zu etablieren. Und das bedeutet für mich eben auch ganz klar zu sagen, dass ich Feministin bin – eine, die jetzt ihre Fußnägel lackieren geht.

Wann wird’s mal wieder richtig Sommer – Warten seit 1975

In den 35 Jahren meines Lebens habe ich nur einige schöne Sommer erlebt. Die meisten davon, wenn ich in Südeuropa gelebt oder geurlaubt habe.

Verklärte Erinnerungen an traumhafte Sommer während meiner Kindheit habe ich nicht. Das mag unter anderem daran liegen, dass ich immer schon ein Stubenhocker war. Ich bevorzugte in meinem Zimmer Höhlen zu bauen, Lehrerin zu spielen oder mit Holzklötzen Wohnlandschaften für Barbie, Ken und Skipper zu entwerfen. Wenn ich draußen war, spielte ich meistens mit Matsch (weist auf Feuchtigkeit hin), tanzte in warmen Regenschauern (Regen!) oder spielte mit Freunden in überschwemmten Feldern (weist ebenfalls auf Feuchtigkeit hin).

Die Spielplätze meiner Kindheit waren geprägt von feuchtem, klebrigen Sand und gammelig riechenden Spielhütten. Keine Ahnung wo ihr gewohnt habt, aber in meiner Kinderheit gab es keine warmen, trockenen und sonnigen Sommer.

Je älter ich wurde, desto weniger interessierte mich das Wetter. Wir hatten ja keine Handys und so musste man zum Telefonieren ohnehin im Haus bleiben. Sport trieb ich im Schwimmbad oder im Ballettsaal und da wir so oder so von unseren Eltern mit dem Auto in die Disko (ja, so nennt man das bis heute auf dem Land) gebracht wurden und mit dem Taxi zurück fuhren, kamen wir nicht in Verlegenheit im Regen auf den Bus warten zu müssen.

Lediglich Grillen am und Schwimmen im Naherholungssee Lago Laprello (auch das kein Scherz, es gibt dort mittlerweile sogar ein Trauzimmer: “Wir haben uns am Lago Laprello ge-traut”) waren nur bei Sonnenschein wirklich empfehlenswert aber diese Nachmittage und Abende konnte man von Mai bis September an 2-3 Händen abzählen.

Während meines Studiums in Köln habe ich ein paar Mal an einem lauen Sommerabend unter der Südbrücke Bier getrunken, im Stadtpark gegrillt oder im Römerparkcafe die Morgensonne genossen. Das war immer sehr schön aber auch immer sehr besonders, weil der Sommer stets kurz, regnerisch und bedeckt war.

In Hamburg habe ich als stolze Rheinländerin natürlich ungefragt und jederzeit behauptet, dass das Wetter im Süden (also Köln) viel besser sei. Das ist insofern richtig, als dass es dort meist 3-4 Grand wärmer und weniger windig ist. Nur bei Regen oder ewig grauer Himmeldeckel ist es letztlich genauso deprimierend das Haus zu verlassen, egal ob es 17 oder 21 Grad sind.

Weil im Sommer die Sonne später untergeht und es meist mindestens 17 Grand warm ist, ist er durchaus meine bevorzugte Jahreszeit. Ich friere nämlich nur ungern aber ab 17 Grad ist mir relativ egal, ob es regent, gewittert, hagelt oder sonnig ist.

Überhaupt kann man – wenn man länger darüber nachdenkt – dem deutschen Sommer einiges abgewinnen. Man kann zum Beispiel das ganze Jahr über Stiefel tragen. Wenn man sich einmal der Realität stellt, dann sieht man auch ein, dass die Übergangsjacke die edelste Jacke im Schrank sein sollte. Ganz einfach, weil man sie von Frühling bis Herbst fast jeden Tag trägt. Übergangsjacke wird sie ja ohnehin nur von Leuten genannt, die jetzt all ihre Sommer-Hoffnung in die Erderwärumng legen. Bisher offenbar erfolglos.

Ich bin ich froh, nicht permanent halbnackt durch die Gegend laufen zu müssen. Mit Kleidung lässt sich einiges hübscher verpacken als es ist. Das ist für alle Beteiligten gut.

Wie oft regen wir uns im Urlaub über schlecht gekleidete andere Urlauber auf? Dank des Wetters müssen wir zu Hause keine Socken in Sandalen, käseweiße Beine, schlecht sitzende Miniröcke, Flip-Flops, Winkfettoberarme oder kurze Hosen bei Männer ertragen. Auch der Körpergeruch wird durch die viele Kleidung besser abgeschirmt. Jede Busfahrt im Sommer lässt mich mit verklärtem Blick, in Gedanken an einen kühlen Wintertag, aus dem Fenster blicken.

Außerdem können wir effizient weiterarbeiten, weil es in unseren Büros nicht heiß und stickig ist. Wir brauchen keine Aircondition und können so das gesparte Geld gleich in eine effizientere Heizung und Wärmedämmung investieren.

Wenn uns nicht die Drogerieketten, die Baumärkte, die Oberbekleidungs- und Schuhindustrie jedes Jahr auf Neue im Mai einen atemberaubenden kommenden Sommer vorgaukeln würde. Wie wild kaufen wir Sonnencreme, Sandspielzeug, Sandalen, Sonnenschirme, Plantschbecken, Grills, Blumen, kurze Hosen, luftige Shirts und glauben wahrhaft wir würden sie nicht nur 2 Wochen im Türkeiurlaub, sondern mehrere Monate lang tragen.

Dann sitzen wir zu Hause im Anorack und Wollsocken vorm Computer (die Heizung stellt sich ab 17 Grad Außentemperatur aus) überlegen, ob wir die Sandalen bei Ebay versteigern lassen und jammern bei Twitter und Facebook über das schlechte Wetter.

Was bleibt ist die Hoffnung auf den nächsten Sommer, schließlich werden beim DM-Markt dann wieder die Regale mit Sonnencreme vollgestellt sein und Drogeriemarktregale lügen nicht.

Deutschland: 12 Punkte

Irgendwann bekam ich bei Formspring mal die Frage, welche unpopuläre Meinung ich vertreten würde. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich zugebe, dass ich Loriot und Ricky Gervais meist überhaupt nicht witzig finde, aber das war mir zu peinlich.

Also gebe ich lieber zu, dass ich Deutschland richtig gut finde. Nicht grandios, im Sinne von, ich häng mir eine Fahne in den Garten oder ich schlag Dich zusammen wenn Du mein Land beleidigst. Eher im Sinne von: wenn das mit der Erderwärmung voran geht, dann gibt es wirklich keinen Grund mehr für mich, woanders leben zu wollen.

In der Pubertät war ich sehr engagiert, ich ging nicht mehr in Delfinarien und habe insgesamt 5 Briefe an Dikatoren geschrieben, mit der Bitte doch den ein oder anderen politischen Gefangenen frei zu lassen. In dieser Phase meines Lebens wurde ich zwar nicht Vegetarierin, das wäre wohl zu konsequent gewesen, aber ich haderte sehr mit meinem Land. Und milde ausgedrückt, gibt es ja auch genug Gründe Deutschland wenigstens skeptisch zu beäugen.

Mit 16 ging ich dann für ein Jahr in die USA und aus dem “Ich schäme mich für mein Land” wurde kein “I am so proud of my home country Germany” sondern ein “Bin ich froh, dass ich in einem säkularen und rational gesteuerten Land aufgewachsen bin”. Selbstverständlich muss man die USA sehr differenziert betrachten, aber in dem kleinen Südstaatenkaff, in dem ich mich auf einmal wiederfand, betrachteten die meisten Menschen die Dinge auch nicht differenziert.

Das Weltbild dort war für mich gleichzeitig schockierend, beängstigend und faszinierend. Es gab dort einen allmächtigen männlichen Gott, eine reale Angst vor der Hölle und dem Teufel, keine Evolution, sondern eine ein paar tausenden Jahre alte Erde, Sünde überall, jeden Morgen in der Schule eine Pledge of Allegiance, einen sehr lebendigen Rassismus, viel Liebe für Waffen und eine sehr klare und unanfechtbare Vorstellung der Rollen von Mann und Frau.

Also ging ich drei Mal die Woche in die Kirche und ließ mir von einem schlecht gekleideten Prediger ins Gesicht schreien, dass wir alle in die Hölle kommen werden, ich bekam mit, dass der Football-Trainer seiner Tochter ein blaues Auge geschlagen hatte, weil er sie beim Knutschen mit einem Schwarzen erwischt hatte, hörte zu wenn meine Gastmutter mir von dem täglichen (schlechten) Rüberrutschsex erzählte aber sich immerhin über die Geschenke freute, die sie dafür bekam und erklärte im Geschichtsunterricht, dass es einen Unterschied zwischen dem 1. und dem 2. Weltkrieg gab.

Die Menschen dort als dumm zu bezeichnen wird der Situation allerdings nicht gerecht, denn Dummheit gibt es hier genauso viel. Vielmehr wurden sie schon früh auf das Ignorieren und Ausblenden trainiert. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Es ist also durchaus möglich, Freunde zu finden, die man für sehr intelligent, lustig und überhaupt großartig hält, aber die bei manchen Themen einfach eine große schwarze Wand hervorschieben, um Logik oder Sinnfragen auszublenden.

Immer wieder wurde mir bewusst, dass Deutschland ein gutes Land zum Aufwachsen ist. Ich erinnere mich an meine Schulzeit als etwas langweilig aber auch als angenehm unaufgeregt. Ich hatte immer den Eindruck, dass ich sowohl von meinen Lehrern als auch von meiner Familie in Ruhe gelassen wurde, solang ich mich an formale Regeln, wie Pünktlichkeit, Verbindlichkeit und Höflichkeit hielt.

Ich durfte mit 14 Jahren in die Diskothek gehen, weil klar war, dass ich mit einem Taxi nach Hause fahren, spätestens um 2 Uhr im Bett liegen und am nächsten Tag um 7:30 zum Frühstück erscheinen würde. Außerdem endete ich meist im dörflichen Jugendheim, weil meine Freundinnen nicht so viele Freiheiten genossen wie ich.

Wenn ich zu Hause wild rumphilosophierte wies meine Mutter mich auf den völlig übertriebenen Pathos meiner Aussagen hin und empfahl mir Simone de Bouvoir, die russische Literatur und einfach mal die Klappe halten. Nie wäre es ihr aber in den Sinn gekommen, mich von irgendetwas fernzuhalten.

Selbst Barbara Cartland durfte ich lesen, es gab keine schwarzen Bücher und keine abgeschlossenen Bücherschränke. Als ich irgendwann mal Interesse bekundete, eine Porno zu sehen, wurde mein Bruder in die Videothek geschickt, um mir einen solchen auszuleihen, ich war ja noch nicht 18.

Natürlich kann man argumentieren, dass ich in einem sehr liberalen Haushalt aufgewachsen bin, allerdings hatte ich auch bei meinen Freunden und Klassenkameraden den Eindruck, dass sie – mit mehr oder weniger großen Abstufungen – ähnlich aufwuchsen.

Als ich dann mal eine Zeitlang in Italien lebte, stellte ich dann fest, dass es nicht nur schön ist, in Deutschland aufzuwachsen, sondern auch dort zu leben, Kinder zu bekommen und arbeiten zu gehen.

Jedes Mal wenn ich auf meinem Kontoauszug die Abbuchung der Miete und des Stroms sehe, denke ich daran zurück, wie ich immer am Anfang des Monats mit 100 Rentnern in einer 10m2 großen Postfiliale stand, mich durch Ellebogen und Geh-Schlag-Stöcke kämpfte, um dann endlich in Bar die Nebenkostenrechnungen zu bezahlen.

Von der Vermieterin mal abgesehen, die auf einmal nach 7 Monaten pro Übernachtungsgast und Nacht 15 Euro verlangte, weil sie mir ja schließlich nur den Schlafplatz und nicht das Zimmer vermietet hätte. Der Mietschutz in Neapel war die Drohung zur Polizei zu gehen und dort die Vermieter wegen Steuerhinterziehung anzuzeigen. Die Mieteinnahmen wurden selbstverständlich nie dem Finanzamt gemeldet.

In Italien lassen sich die Dinge am Ende immer regeln, aber der Stress vorher hat mein deutsch-strukturiertes-Gehirn völlig aus dem Konzept gebracht.

Genauso wie ich tagelang nicht begriff, warum die von mir angerufenen Dienstleister nicht taten, was ich ihnen sagte. Ich arbeitete damals für ein paar Wochen in einer italienischen Notrufzentrale und hatte ständig Schwierigkeiten, die Leute zu motivieren, meinen Kunden zu helfen. Ich verstand es nicht, schließlich sorgte ich mit meinen Aufträgen für ihren Lebensunterhalt.

Irgendwann beobachtete ich meinen deutlich erfolgreicheren italienischen Kollegen. Seitdem begann ich ein Gespräch nicht mehr mit einem Buongiorno und den relevanten Daten für den Vorgang, sondern fragte nach dem Wetter, der Gesundheit des dementen Onkels und danach, was es denn zum Mittag gab oder zum Abendessen geben würde.

Außerdem begriff ich, dass Kinder bei der Bearbeitung eines Vorgangs für eine deutliche Geschwindigkeitssteigerung sorgen konnten. In schwierigen Fällen erzählte ich also ausschweifend von dem Baby, das ich im Hintergrund hatte weinen hören.

Es ist unglaublich wie schnell die Italiener beim Thema Kinder werden. Wahrscheinlich wurde der Ferrari irgendwann mal als Krankenwagen für Notfälle bei Kleinkindern entwickelt.

Zurück in Deutschland fühlte ich mich bei den 3-Minuten-Gesprächen mit unseren Partnern wieder wie ein Fisch im Wasser. Es ist mir nach wie vor ein Rätsel, wieso man dringende Sachen unnötig verzögern sollte.

Und dann die Sache mit den Männern. Nun lässt sich auf mein Liebesleben keine empirische Studie aufbauen, aber wenn mir ein Mann, der noch bei seinen Eltern wohnt und mir bis zu Brust reicht sagt: „Provaci (Probier uns aus)“ dann werde ich freudig erregt bei dem Gedanken an blasse, ernste Männer, die Wäsche sortieren können.

Wahrscheinlich kommt man einfach immer da zurecht, wo man die Gegebenheiten uns Sitten kennt, wo man sich perfekt verständigen kann und wo selbst die beknackteste Doktrin als solche nicht auffällt, weil man sie mit der Muttermilch aufgesogen hat.

Wahrscheinlich bin ich einfach auch nur noch viel spießiger, als ich ohnehin schon denke, aber ich mag es hier. Es ist so ist so beschaulich und organisiert. Man muss nicht verhandeln um Dinge, die ausgezeichneten (im wörtlichen nicht im übertragenen Sinn) Preise werden einfach bezahlt. Es gibt Anträge für eigentlich alles und sogar Anlaufstellen, die die Anträge erklären.

Es gibt ein Steuersystem, das komplexer ist, als die Bordelektronik des Raumschiff Enterprise, am unterhaltsamsten sind die Deutschen beim twittern und Euphorie sieht man vor allem in den Gesichtern der Zuschauer des Musikantenstadels.

Bodenständigkeit gilt als eins der größten Komplimente und das Essen ist eigentlich wie das ganze Land: nicht raffiniert aber ehrlich. Und wenn das zu langweilig ist, geht man eben zum Italiener nebenan, denn dogmatisch sind wir nicht.