Es ist kompliziert

In den letzten Wochen habe ich mich optisch etwas mehr geöffnet. Zum einen wurde ich auf der rp14 gefilmt, es wurde ein kleines Fernsehinterview mit mir aufgenommen und ich habe begonnen, meine Bilder auf Instagram auch mit Gesicht aufzunehmen.

Immernoch bin ich sehr darum bemüht, meine verschiedenen Lebenssektoren getrennt zu halten aber eben jetzt mit Gesicht.

Als die Anfrage für das Interview kam und ich wusste, dass zumindest die theoretische Möglichkeit besteht, dass mein Vortrag auf der re:publica aufgenommen wird, überlegte ich kurz, eine Schnell-Diät zu machen. Eine Diät, damit mein Gesicht und mein Körper nicht zu dick wirken, angeblich machen Kameras ja nochmal 5kg mehr Eindruck.

Seitdem ich vor etwas mehr als einem Jahr aufgehört habe, mich zu wiegen und gleichzeitig angefangen habe, nach Hunger und Appetit zu essen, habe ich zugenommen.

Nicht massiv aber merklich. Wenn ich von mir als dick spreche, widerspricht keiner mehr.
Mein Mann war neulich beeindruckt von meinen Oberarmen, ich dachte zunächst er meint die Muskeln und meine Mutter fragte mich, wie ich es auf den #609060-Bildern immer wieder schaffe, so schlank zu wirken.

In Berlin traf ich kürzlich eine Freundin, die ich ca. ein Jahr lang nicht gesehen hatte und sie meinte, ich sähe gut aus aber hätte ganz schön zugelegt.

Der Punkt ist, jedes mal wenn ich sowas höre oder mitbekomme, merke ich, wie ich vollkommen panisch werde. Ich renne zum nächsten Spiegel und schaue mich an. Ich mache Selfies und wäge ab, ob ich eine attraktive Person bin.

Die Angst vor dem Fett hält mich fest umschlossen, obwohl ich all meine Willenskraft aufbringe, dieser völlig irrationalen und gesellschaftlich indoktriniere Panik zu kontrollieren.

Ich stelle auch immer wieder fest, wie ich als Reaktion auf entsprechende Äußerungen anfange zu erzählen, wie gesund ich seitdem bin, wie viel Sport ich treibe und wie wohl ich mich fühle.

Dann erzähle ich von den beiden letzten Malen, bei denen ich versuchte, abzunehmen. Vor drei Jahren landete ich – als jemand, der für seinen Kuhmagen bekannt ist – mit Blut im Stuhl in der Notaufnahme (soviel zum Thema gesundes Abnehmen mit einer eiweißreichen Diät) und vor zwei
Jahren mit einem heftigen Hexenschuss auf dem Wohnzimmerboden. Regelmäßiges joggen hatte eher einen destruktiven
Einfluss auf meinen unteren Rücken.

Und während ich rede, frage ich mich, warum ich das tue. Es geht niemanden etwas an, ob ich dick bin, wieviel Sport ich treibe oder wie gesund ich bin. Ich muss meinen Körper nicht rechtfertigen. Würde ich die Haare färben oder abschneiden, wäre ich nach einem Urlaub braun gebrannt, hätte ich ein Tattoo oder einen Nasenring, würden diese Äußerlichkeiten bestimmt auch kurz angesprochen werden aber keinerlei Panik oder Rechtfertigung bei mir auslösen.

Aber beim Fett verhält es sich anders. Die Frage ist warum?

Es ist zunächst einmal vor allem ein Problem von mir selbst. Ich könnte Kommentare über meinen Körper einfach hinnehmen wie Kommentare über meine Haarfarbe oder meine Augenfarbe. Aber ich tue es nicht, Kommentare über meine Figur treffen mitten in meine Persönlichkeit.

Und ich glaube, damit bin ich nicht allein. Denn die Obsession, die unserer Gesellschaft mit Körper und Körperkult hat zeigt, dass man über den Körper bei den meisten Menschen ganz schnell die gesamte Persönlichkeit treffen kann.

Der eigene Körper wird zum Abbild der Persönlichkeit stilisiert. Bist du außen nicht schön, so kannst du es innen auch nicht sein. Bist du außen dick, dann bist du innen faul und willensschwach. Wirkst du nicht wie ein Model einer Fitness-Zeitschrift kannst du nicht gesund sein. Isst du nicht paleo, bio oder clean, bist du auch innen schmutzig und stinkig.

So analysiere ich fröhlich vor mich hin aber schaffe es nicht, mich zu entscheiden, mich dem gesellschaftlichen Spiel der Körperkultur hinzugeben oder mich für die Rebellion in all ihren Konsequenzen zu entscheiden.

– Denn wenn man es mal konsequent durchdenkt, hat die Verweigerung von Schönheitsstandards wesentlich mehr mit Rebellion, Andersdenken und vor allen auch Willensstärke zu tun, als sich dem Diät- und Sportdiktat mit all seinen klaren Regeln und seinem saftigen Bonussystem zu unterwerfen. –

Bei der Überlegung, wovor ich Angst habe, welche Konsequenzen ich befürchte wenn ich dick bleibe oder (alas!) noch dicker werde, fallen mir vor allem folgende Gründe ein.

1. Ausschluss aus dem sozialen Umfeld.

Diese Grund ist für mich nur mittelmäßig relevant aber nicht von der Hand zu weisen.

Im gesellschaftlichen Umfeld in dem meine Familie, meine Freunde und ich mich bewegen, gilt immernoch „Fett ist nur die Unterschicht“. Je jünger die Menschen, desto weniger deutlich wird das gesagt aber im Grunde ist es dabei geblieben. Die gesellschaftliche Elite ist schlank, die Unterschicht dick. Die Panik vor dem gesellschaftlichen Abstieg manifestiert sich ganz wunderbar in der ewigen Essens- und Sportthematik auf die ich in meinem Winterhuder Umfeld regelmäßig stoße. Dicke Frauen – ich beispielsweise – fallen sofort auf. Mütter passen spätestens zwei Jahre nach der Geburt wieder in eine Größe 38 oder kleiner und holen gern in frisch geschwitztem Joggingdress ihre Kinder von der Kita ab.

Wenn man dauerhaft nicht in die Optik seiner Umgebung passt, stellt sich schon die Frage, was man selbst falsch macht.
Warum alle anderen das geheime Rezept der ewigen Schlankheit kennen und anwenden und man selbst so gnadenlos scheitert.

Kein passender Körper, keine Anerkennung und keine Zugehörigkeit.

2. Raus aus der Attraktivität

Dieser Punkt ist für mich sehr wichtig. Ich bin eitel und ich mag es, als attraktiv wahrgenommen zu werden. Ich war nie eine Schönheit aber ich galt immer als anziehend, zuweilen als sexy. Und mir gefällt das. Ich mag es mitzubekommen, dass es einige Männer gibt, die gern mit mir schlafen würden und Frauen, die mich um Haare oder die Beine beneiden.

Das kann man oberflächlich finden aber ich ziehe daraus Freude und Bestätigung.

Das Absurde ist, dass ich bisher bei jedem Gewicht Geschlechtspartner hätte finden können. Ich habe immer wieder festgestellt, dass mich Männer nicht trotz sondern wegen meines großen Pos gut finden und den ebenfalls vorhandenen Bauch offenbar in Kauf nahmen oder nähmen.

Die Tatsache, dass meine Freundinnen und ich noch nie wirklich den gleichen Männergeschmack hatten, zeigt ja, dass Attraktivität etwas sehr Persönliches ist. Ich bin zum Beispiel jedes mal erschüttert, wenn jemand Cary Agos nicht unendlich anziehend findet.

Entsprechend müssen wir einem totalen Hoax aufsitzen wenn uns immer wieder klar gemacht wird, es gibt ein einziges valides Schönheitsideal.

Hourglassshape (Frauen), breite Schultern (Männer),
markantes Gesicht (Männer), Kindchenschema (Frauen) oder Symmetrie (alle) my ass, ich habe alle (!) Männer in meinem Leben nach Ihrem Geruch ausgesucht.

3. Krankheit und Verwesung

Es gibt mittlerweile eine Vielzahl von Studien (bitte Links beachten), die widerlegen, dass dicke Menschen mehr gesundheitliche Probleme haben als schlanke.

Nachdem ich mit 28 Jahren einen kleinen Bandscheibenvorfall hatte, teilten mir dir Ärzte mit, ich müsse abnehmen, Kraft- und Ausdauertraining machen.

Seit zwei Jahren habe ich keine Rückenprobleme mehr. Womöglich hat die Tatsache, mich nicht mehr zu wiegen, dafür zu essen worauf ich Lust habe (und sogar Kohlenhydrate mit Eiweiß zu mischen) und ab und zu schwimmen zu gehen, deutlich mehr gebracht, als die Tipps diverser Ärzte in den 7 Jahren davor.

Und die Frage, die ich mir immer wieder stelle ist: wie gesund ist überhaupt eine Essstörung?

Warum wird von medizinischen Fachkräften nie gefragt, warum ich nicht intuitiv esse, sondern nach Diätplänen? Warum wird pathologisches Ess- und Sportverhalten gelobt während lustvolles Essverhalten einem Krankheitsbild zugeordnet wird?

Während meiner ersten Schwangerschaft wurde mein Gewicht genauestens protokolliert aber ich musste geradezu um eine Krankschreibung betteln, als mich eine heftige Migräne niederstreckte.

Das Ziel – ein zufriedener Mensch in einem gesunden Körper – wird völlig aus den Augen verloren, während Tabellen und Körperschablonen absolute Priorität haben.

Das alles aber eben auch die Tatsache, dass ich diese irrationale Lust auf einen schlanken Körper nicht abstreifen kann, sondern ich immernoch glaube, dass ich einfach nur nicht die richtige Methode und genügend Kraft gefunden habe, macht mich wütend.

Wütend auf mich selbst, auf die Leute, die die immer gleiche dumme Scheiße wieder und wieder repitieren und auf uns alle, die wir nichts Besseres zu tun haben als uns selbst und alle anderen streng zu beurteilen:

Victoria

@VictoriaHamburg
Die Strenge, mit der Frauen das Aussehen von sich und anderen Frauen beurteilen, ist nicht nur schade, sondern ganz einfach zum Kotzen.

Aber ich werde nicht wirklich klüger: Als ich neulich bei einer amerikanischen Freundin las, dass sie ca. 20 kg abgenommen hat, recherchiere ich gleich das Mittel, das ihr dabei geholfen hatte.

Kurz bevor ich alle Hebel in Bewegung setzen wollte, um es in den USA zu bestellen, überlegte ich mir, dass Nebenwirkungen wie Herzrhythmusstörungen oder Haarausfall womöglich kein guter Preis sind. Schließlich fühle ich mich derzeit so gesund und kraftvoll wie schon lange nicht mehr.

Make (self-)love not diet oder #waagnis ist ein Anfang

Heute Morgen las ich Maikes Text, in dem sie Lebe wohl zu ihrer Waage sagt. So richtig mitbekommen hatte ich die Aktion #waagnis noch nicht, das ändert nichts daran, dass ich die Idee ganz hinreißend finde.

Im Zuge der #609060-Geschichte habe ich aufgehört mich zu wiegen. Eigentlich wollte ich zum einjährigen Jubliläum des Mems darüber schreiben, aber ich setze da jetzt mal andere Prioritäten.

Zum einen dachte ich damals, ich kann nicht immer nur davon berichten, dass ich mit diesem Körperwahn brechen möchte, mich dann aber jeden Morgen auf die Waage stellen.

Außerdem sind morgens meist die Kinder mit mir im Bad. Was für ein Bild vermittle ich vor allem meiner Tochter, wenn ich mich jeden Tag auf eine Waage stelle und dann je nach Gewichtsanzeige gut gelaunt oder – wahrscheinlicher – völlig niedergeschlagen wieder runtersteige? Ganz sicher nicht das einer in sich ruhenden, zufriedenen und selbstbewussten Frau.

Dazu kam, dass mich der Mann irgendwann einmal fragte, ob ich mir bewusst wäre, wir irre es ist, mir von einer Zahl auf einer Waage sagen zu lassen, was für ein Körpergefühl ich zu haben habe.

Also wiege ich mich seit September 2012 nicht mehr. Die Waage habe ich allerdings nicht weggeworfen. Wie ein paar meiner alten Klamotten in Größe 38 hebe ich sie auf. Sie steht da, für den Moment in dem ich das Gefühl habe, dass ich deutlich abgenommen habe und dann möchte ich mich drauf stellen und meine Wunderzahl sehen.

Im Laufe der Zeit ist mir immer bewusster geworden, dass dies nicht passieren wird. Jedenfalls nicht in den nächsten Jahren und nicht ohne dass ich meine Sport- und Essgewohnheiten massiv ändere.

Und während ich in Zeitschriften, im Fernsehen, in Büchern, in Blogs und auf Werbetafeln lese, wie einfach es ist, seine Gewohnheiten zu ändern, drei wöchentliche Trainingseinheiten in ein Familien- und Arbeitsleben einzubauen, dass es alles nur Organisation und Dispziplin kostet und ich nach einer etwas schwierigen (DURCHHALTEN!) Anfangszeit total entspannt und glücklich und gesund sein werde.

Dann endlich werde ich ein ordentliches Gewicht haben und bin mit meinem Fett keine unansehnliche und potentiell kranke Bürgerin mehr, sondern eine anständige und vorbildliche Frau.

Und so lebe ich in diesem Zwiespalt, einerseits weder die Lust noch den wirklichen Willen zu haben, mir, meinem Körper und meiner Umgebung eine Abnehm-, Sport und Lifestyleänderung anzutun und andererseits meinen Körper zu akzeptieren, wie er ist.

Denn selbst ohne Waage oder ohne das Wiegen, gibt es noch genug Kontrollpunkte, die ich mehrmals täglich passieren muss. Morgens habe ich Panik, dass die Hose kneift oder der Rock nicht gut über die Hüften geht. Ich sitze beim Elternabend und stelle fest, dass ich die voluminöseste Mutter bin. Ich schaue mich im Schaufenster an und sehe meine kräftigen Oberarme. Ich schäme mich vor anderen schlanken Müttern meine Kleidung zu wechseln und neidvoll blicke ich jede Frau an, die schlanker ist als ich (in Hamburg sind das viele).

Tweets oder Facebookeinträge in denen über Trainingseinheiten, Diäten usw. geschrieben wird, lassen in mir gleich die Fragen aufkommen, wieso diese Leute so viel disziplinierter sind als ich und warum ich mich nicht aufraffen kann, es ihnen nachzutun.

Im Grunde finde ich mich permament unzureichend.

Das Verzichten auf die Waage, das Entrümpeln der alten Klamotten, der Neukauf neuer und passender Kleidung und eine Aktion wie #waagnis löst nicht das Problem. Sonst würde ich seit September bauchfrei, mit viel Selbstbewusstsein und tiefenentspannt jeden Tag in die Konditorei Lindtner gehen und ein Stück Maharanitorte essen.

Aber es ist ein Anfang. Ein Anfang, der einen Kontrapunkt zu all den inneren und äußeren Stimmen setzt, die einem einreden möchten, dass der eigene Körper ein dreckiges Stück Scheiße ist, der nur mit einem Personal Trainer, einer kohlenhydrathfreien Ernährung, viel Disziplin (die Obertugend unserer Zeit) und aufrichtigem Willen vielleicht zu etwas Ordentlichem geformt werden kann.

Verdorben bis ins Schokoladentörtchen

Neulich habe ich ein kleines Experiment gemacht. Ich hatte ein paar Freundinnen mit Kindern zu Besuch. Im Laufe des Gesprächs habe ich bewusst drei Themen eingebracht.

Erst lies ich beiläufig verlauten, dass ich Atheistin sei. Das Gespräch über Urlaub in Dänemark wurde nicht einmal unterbrochen. Wahrscheinlich hätte ich mehr Aufmerksamkeit erregt, wenn ich gesagt hätte, dass ich gleich meine Bibel zur allgemeinen Diskussion raushole.

Im Verlauf des Nachmittags brachte ich das Gespräch darauf, dass ich in meiner wilden Zeit vor Ehemann und Kindern den ein oder anderen One-Night-Stand hatte, was ehrlich gesagt völlig übertrieben ist, aber für ein Experiment kann man ja auch mal die Wahrheit etwas dehnen.

Zwei Paar Augenbrauen wurden hochgezogen und eine Mutter sah mich etwas verträumt lächelnd an und meinte, bei ihr sei es genauso gewesen. Danach wechselte das Thema gleich wieder zu „Gute Grundschulen in Deiner Umgebung“.

Nach zwei Tassen Kaffee und drei Wutanfällen – die Kinder nicht die Mütter – erzählte ich, dass ich am Vorabend beim Fernsehen eine ganze Tafel Schokolade allein (!) gegessen hätte.

Damit hatte ich die Aufmerksamkeit aller anwesenden Damen. Schreckgeweitete Augen starrten mich an. Nachdem die erste Schockstarre vorbei war, fassten sich alle Mütter an die Bäuche und prüften, ob bei ihnen noch alles schlank sei. Dann redeten alle durcheinander und berichteten davon, wann sie das letzte Mal so viel Schokolade auf einmal gegessen hätten.

Bei den meisten war es während der letzten Schwangerschaft oder als Teenager. Als sie abends gingen schauten sie mir noch ein letztes Mal mitleidig auf meinen Bauch.

Mein kleines Experiment bewies mir, wovon ich ohnehin schon ausgegangen war. Dank der Aufklärung, der 68er, des Feminismus und wer sich sonst noch mehr oder weniger für gedankliche Freiheit zuständig fühlte, können wir heute glauben was wir wollen und Schuldgefühle und Sex stehen wenn überhaupt nur noch miteinander in Zusammenhang, wenn man fremdgeht.

Wirkliche Schuld empfinden wir nur noch beim Essen.

Sowohl bei mir selbst als auch in meinem Umfeld (digital wie analog) stelle ich die absurdesten Essgewohnheiten fest. So esse ich beispielsweise seit mehr als einem halben Jahr nur drei Mahlzeiten, wobei ich abends auf Kohlenhydrate verzichte. Ich erhoffe mir so, abzunehmen oder wenigstens mein Gewicht zu halten (funktioniert so mittel).

Die Frage nach meiner geistigen Gesundheit ist in Hinblick auf mein Essverhalten durchaus berechtigt. Ich tröste mich aber immer damit, dass die anderen noch verrückter sind.

Wie dem auch sei, ich finde Essen spannend und die Vorstellung abzunehmen – ganz einfach dabei super gesund und total natürlich – finde ich auch faszinierend (geistige Gesundheit siehe oben).

In letzter Zeit habe ich mich also mit raw foodism und auch detox diets beschäftigt. Außerdem habe ich, unabhängig von diesen Nahrungskonzepten, noch mal in Frage gestellt, ob wir wirklich so viel Milch- und Fleischprodukte zu uns nehmen sollen, wie wir es tun.

Aber jedes Mal wenn ich etwas zu Ernährungskonzepten las, hatte ich ein komisches Gefühl. So wie wenn man jemanden trifft, der total nett ist aber irgendwas stimmt mit dem nicht, man kann es nur nicht in Worte fassen.

Mit diesem Jemand meine ich die attraktiven und schlanken Ernährungsexperten, die zwar nicht einmal wissen, wie man einen Kohlrabi verarbeitet , aber die einem Schönheit, Schlankheit und ewige Gesundheit versprechen. Dafür muss man nur so essen, wie es im Buch steht.

Die Nummer kenne ich und sie ist sehr alt. Denn wenn man an Gott glaubt und sich darüber hinaus gut benimmt, kommt man ins Paradis. Mephisto ist jetzt ein Schokotörtchen, was zugegebenermaßen deutlich profaner ist als die alte Version. Auch die Buchtitel waren damals besser „1. Buch Mose“ vs. „Crazy sexy diet“.

Genauso wie bei Glaubensdiskussionen wird auch immer gleich das große Bild gemalt. Fleisch essen ist respektlos und eine Manifestation der zerstörerischen Dominanz des Menschen. Außerdem verursacht unser Fleisch- und Fischkonsum jede erdenkliche Umweltkatastrophe (ok, in Fukushima war es das Erdbeben und der Tsunami aber trotzdem).

In der Steinzeit – in der wir körperlich noch leben – gab es auch nur grünes Gemüse (ja klar, Kohlrabi in der afrikanischen Steppe aus der wir alle kommen) und Nüsse. Sobald ich mir was brate, lebe ich gegen meinen Körper.

Nur diese oder jene Ernährungsweise kann Schönheit, Schlankheit und Gesundheit garantieren alles andere führt zur sofortigen Verfaulung aller Organe und der Haut.

Meine Gastmutter in den USA war sehr religiös. Wie ich im Laufe des Jahres rausfand, war sie es nicht weil sie Halt und Sinn im Glauben fand, sondern weil sie Angst hatte. Angst davor, dass sie in die Hölle kommt, wenn sie nicht an Gott glaubt.

Angst ist ein großartiges Mittel um Menschen Dinge tun zu lassen, die ihnen eigentlich nicht gefallen.

Die Angst dick zu sein, betrifft fast alle und auch nicht nur Frauen. Fett ist das Synonym für verantwortungslos, undiszipliniert, ungesund, asozial und träge. Alles Dinge vor denen wir panische Angst haben, die wir nicht sein wollen.

Denn über dicke Menschen wird gelacht, sie finden (angeblich) keine Partner, sie werden wahrscheinlich nie Schauspieler oder Fernsehmoderator und auch sonst sollen schöne (und) schlanke Menschen allgemein mehr Erfolg im Leben haben.

Absurderweise ist diese Angst vor allem auf das Gewicht bezogen. Es wird nicht gefragt, ob eine füllige oder dicke Person womöglich gesund, sportlich oder attraktiv ist, einzig zählt der BMI und die Kleidergröße.

Also lassen wir uns von dieser Angst leiten und denken gar nicht mehr klar.

Nehmen wir mal an, ich würde es mögen, wenn man mir beim Sex an den Haaren zieht. Das kann durchaus dazu führen, dass ich das ein oder andere Haar während des Aktes verliere (und dadurch entstellt werde). Das hielte mich aber nicht davon ab, es zu tun und auch sonst würde mir wohl niemand raten, ein paar Haare meinem sexuellen Genuss vorzuziehen.

Ganz anders beim Essen. Ein köstliches Schokotörtchen mit flüssigem Kern führt wahrscheinlich zu einem höheren Fettanteil in meinem Körper. Genau das hält mich davon ab, es zu mir zu nehmen. Auch 90% meines Umfeldes würden mir davon abraten mit dem Hinweis auf körperliche Entstellung durch Schokogenuss.

Das klingt absurd, das ist absurd aber entspricht der Realität.

Es wird Zeit, dass ich Ernährungsatheistin werde. Da ich hungrig und mit einem Glas grünen Tee am Schreibtisch sitze, wird es wohl noch eine Weile dauern, aber wütend und genervt bin ich schon.