Vom Glück, eine dicke Frau zu sein

Ein Grund für mein Bloggen war und ist, dass ich mich häufig nicht repräsentiert fühle. Ich lese Texte oder Bücher, sehe Filme oder Serien und denke, dass das nichts mit mir zu tun hat. So geht es mir auch mit Abmehm- Erfolgsgeschichten. Ich habe nie erfolgreich und zufrieden abgenommen. Abnehmen war bei mir immer mit Mundgeruch, Hunger und Kampf verbunden. Wenn ich ein Wunschgewicht erreicht habe, war ich zwar schlanker aber nicht glücklicher.
Meist ist war ich auch schnell wieder dicker. Ich habe niemals mehr Energie gehabt, weil ich weniger wog oder mich auf eine bestimmte Art und Weise ernährt habe. Wenn ich nicht hungrig bin und genug geschlafen habe, fühle ich mich immer sehr energiegeladen, völlig unabhängig davon, wie hoch oder wie niedrig mein Gewicht ist. Ich verstehe durchaus Menschen, die ihr Essen umstellen, die abnehmen möchten, die Sport treiben und sich über das Ergebnis freuen. Ich finde, wer in dem Körper steckt, hat das Recht damit zu tun was sie oder er für richtig hält. Wenn das auch noch zu mehr Zufriedenheit führt, ist alles bestens.
Was mir aber fehlt, ist ein Gegengewicht (Kalauer) zur Glorifizierungen des Abnehmens. Ein Gegengewicht zu Tischgesprächen, in denen es um aktuelle Ernährungsweisheiten geht, zu Runtastic-Kalorien-Angaben, zu Konversationen darüber, ob man sich das Törtchen gönnen darf oder nicht, zu Heulereien wegen zuviel Bauchspeck, zu Diätwerbung und Bildern von sauberen Essen auf Instagram und zu Erfolgsberichten mit ultimativen Diäten und Glücksgarantie.

Als ich angefangen habe, so zu essen, wie ich Hunger habe und entsprechend zunahm, hat niemand zu mir gesagt: „Du hast ja toll zugenommen. Du siehst ja super und gesund aus.“ Dabei sah ich super und gesund aus. Immerhin hatte ich kein Blut mehr im Stuhl, das die eiweißreiche und kohlenhydratarme Diät verursacht hatte. Ich hatte auch keinen Durchfall mehr, zu dem das clean eating geführt hatte. Statt dessen hatte ich wieder mit dem Schwimmen begonnen. Mein Muskelaufbau arbeitet ähnlich wie mein Fettaufbau: schnell und effizient. Entsprechend hatte ich bald ein großes fleischiges Kreuz mit massigen Armen, einen riesigen muskulösen Hintern und eine Körbchengröße mehr. Manche Leute sagten mir, dass ich dick geworden wäre, andere nahmen es nur mit hochgezogener Augenbraue wahr und natürlich war es vielen auch total egal. Lob oder Anerkennung – so wie ich es kannte, wenn ich abgenommen habe – erhielt ich nicht. Dabei sah ich erstmals in meinem Leben so aus wie ich mich immer gefühlt habe: massig, kraftvoll und satt.

Damit spiegelte dieses Verhalten wieder, was mir über Jahrzehnte immer wieder deutlich gemacht wurde: mein dicker, massiger und vitaler Körper ist nicht Ordnung. Als Kind stellten Ärzte anhand von Tabellen fest, dass ich übergewichtig bin. Ich war weder krank noch hätte ich sonst irgendwelche Probleme aber die Tabelle hat mich dick genannt und so musste mit mir ja was nicht stimmen. Meine Mutter bekam ein Heftchen mit Ernährungstipps, was etwas lustig war, denn wir ernährten uns bereits mit viel Obst, Gemüse, Vollkornbrot und wenig Süßigkeiten und ich trieb regelmäßig Sport. Auf der re:publica 2016 hielt ich einen Vortrag darüber, wie ich mich entschied, dick zu werden. Nachher (ca Minute 43) wurde ich gefragt, wie ich ein Kinderbuchprojekt einschätzen würde, mit dessen Hilfe adipösen Kindern und ihren Eltern gute Ernährung näher gebracht werden soll. Mich ärgert, dass meine Antwort relativ schwammig ausfiel. Je mehr ich darüber nachdenke, desto grilliger werde ich. Was hat gute Ernährung mit Dick-sein zu tun? Jeder Mensch profitiert von einer vielseitigen Ernährung mit wenig Zucker oder Zusatzstoffen. Warum wird schlanken Kindern und ihren Eltern dieses Wissen vorenthalten? Wie dumm ist es, ausschließlich den Indikator Körpermasse zu nehmen und daraus zu schlußfolgern, dass etwas nicht stimmt? Nur weil ein Kind das Pech hat, trotz Süßigkeiten und Fast Food schlank zu bleiben, kommt es nicht in den Genuss, etwas über gute Ernährung zu lernen? Und das dicke Kind wird ein weiteres Mal stigmatisiert? Solange irgendwelche Experten nicht in der Lage sind, außerhalb von Tabellen zu denken und sich nicht freimachen können von einem fast irrsinnigen Körperwahn, der sich nur auf das Körperfett beschränkt, sollten sie keinesfalls auf Kinder losgelassen werden.

Denn was ich viel bedrohlicher finde als ein moppeliges Kind, ist, dass meine – übrigens normschlanke – Tochter von 6 Jahren bereits mehrfach von anderen Mädchen auf ihre „dicken“ Arme angesprochen wurde. Sechs Jahre! Für so eine Scheiße sollte es ein Kinderbuch von Ernährungsexperten geben. Als ich in den 90er Jahren pubertierte gab es schon Ess-Störungen. Warum auch immer, legte ich mir nur eine milde Form zu. Ich war zwar immer unzufrieden mit meinem Körper aber nie in einem Maße, dass ich angefangen hätte zu spucken, richtig zu hungern oder übertrieben viel Sport zu treiben. Aber rückblickend hätte ich viel früher entscheiden sollen, aus diesem Irrsinn aus Selbsthass, falsch verstandener Gesundheit und dem Bedürfnis zu gefallen, auszusteigen. Wie oft wurde mir suggeriert oder gesagt, dass ich schlank und schön sein muss und dass meine Aufgaben darin besteht, beides so lange wir möglich beizubehalten. Ich muss nicht schön oder schlank sein. Diese Attribute haben nur einen Wert in einer Welt, in der der Marktwert von Frauen von ihrer Attraktivität abhängt. Wir leben in so einer Welt aber ich will das nicht für mich und nicht für meine Tochter. Und meine Rebellion ist, mich dem zu verweigern. Ich steige quasi aus. Ich fordere mit dem mir gegebenen massigen Körper ein, als Person wahrgenommen zu werden. Es ist nicht immer leicht dick zu sein. Schöne und passende Kleidung zu finden ist schwer. Außerdem finde ich meinen Bauch und mein Doppelkinn nicht wirklich schön. Aber die Vorteile überwiegen. Ich habe keinen Hunger mehr, ich fühle mich vital und zufrieden, ich fordere und bekomme mehr Raum und ab und zu küsse ich meine dicken Arme, weil sie mir das Gefühl vermitteln, alles stemmen zu können.