Der Appell für mehr Vernunft

Hätte ich die Gelegenheit gehabt und wäre es kein so verpönter Beruf mit großen (negativen) Auswirkungen auf das berufliche und private Leben jeder Frau, dann wäre ich mit Anfang 20 vielleicht Pornodarstellerin geworden.

Da ich nach wie vor keine direkte Erfahrung habe und Stoya gerade eine Kolumne on the Importance of Accurately Writing About Sex Work geschrieben hat, bin ich mir sicher, dass der Job ganz anders ist, als man es sich so hinfantasiert.

Aber das gilt für 99,99% aller Jobs.

Gleichwohl bin ich der Meinung, dass jede Art von Sexwork als das angesehen werden sollte was es ist: eine Arbeit.

Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr es mich ankotzt, dass diese Form der Arbeit immernoch so stigmatisiert wird. Dass nicht endlich mal anerkannt wird, dass Prostitution ein sehr anspruchsvoller Job ist, der nicht mehr oder weniger anständig ist, als jeder andere Beruf.

Wenn man sich allein die Blogs von Mistress Matisse oder Victoria Rage (nsfw) anschaut, sieht man, wie viel Wissen, Erfahrung, Einfühlungsvermögen, Menschenkenntnis, Offenheit und Geschäftsinn benötigt wird, um diesem Beruf nachzugehen. Für andere Varianten der Sexarbeit wird das nicht anders sein.

Deshalb macht mich die Kampagne der Emma: Der Appell gegen Prostitution so wütend.

Denn es werden Sachen miteinander verquickt, die nichts gemein haben und es wird ein Weltbild vermittelt, das den Körper von Frauen mal wieder instrumentalisiert.

Zunächst einmal ist die Intention gut. Es gibt Menschenhandel und Zwangsprostitution weltweit und natürlich auch in Deutschland. Jemanden zu einer Arbeit zu zwingen, und diese nicht zu bezahlen, ist Sklaverei.

Daraus zu schließen, dass Prostitution immer Sklaverei ist, ist weder logisch noch richtig.

Genauso logisch wäre es, einen „Appell gegen Kleidung“ zu formulieren, weil in Bangladesch die Menschen unter mieserabelsten Bedingungen unserer Kleidung schneidern. Die Kleidungsstücke sind nicht schlecht, die Konditionen unter denen sie geschneidert werden, sind es.

„Der Appell gegen Prostitution“ fordert nun, die Reform des Prostitutionsgesetztes von 2002 zu ändern. Auch hier gehe ich noch konform, denn die genannten Probleme und Ansätze wie Altersarmut, Aufklärung (Geschlechtskrankheiten), Hilfen beim Ausstieg sind wichtig und richtig und eine Überarbeitung der Reform schadet ganz sicher nicht.

Die Schlussfolgerung, dass diese Ziele nur durch die Abschaffung der Prostitution inklusive einer Ächtung und Bestrafung der Freier erreicht werden können, halte ich weder für logisch noch für klug.

Die mafiösen Strukturen, die die Prostitution genau zu dem traurigen Elend machen, das zurecht angeprangert wird, werden ganz sicher nicht durch eine Abschaffung verschwinden. Die organisierte Kriminalität hat die Prohibition gefeiert, ihr Geschäft florierte wie nie. Warum sollte die Nachfrage sinken? Weil Freier bestraft werden? Und bestrafte Freier werden zu geläuterten Männern?

Am Ende wäre es also ein Bärendienst, denn die Nachfrage bleibt, nur die Prostitution wandert aus der Grauzone in die Kriminalität. Damit ist sie dann überhaupt nicht mehr kontrollierbar.

Wie gesagt, ich bin absolut der Meinung, dass in diesem Bereich noch viel gemacht werden muss, aber meiner Meinung nach kann das nur geschehen, indem die Prostitution weiter aus dem Graubereich in die „normale“ Arbeitswelt verlagert wird, indem Gespräche stattfinden mit Leuten, die sich wirklich auskennen und nicht nur eine Meinung haben und indem endlich diese elende Stigmatisierung aufhört.

Und dann dieser Satz, der ein Schlag in das Gesicht eigentlich jeder Frau ist:

Das System Prostitution brutalisiert das Begehren und verletzt die Menschen-würde von Männern und Frauen – auch die der sogenannt „freiwilligen“ Prostituierten.

Ganz offenbar gehen die Unterzeichner des Appells davon aus, dass es keine „freiwilligen“ Prostitutierten geben kann. Damit sprechen sie allen, die dem Beruf gern und freiwillig ausüben, die Entscheidungsfähigkeit ab.

Das heißt, sie tun nichts anderes als das was sie an Kirche, Staat und Patriarchat kritisieren. Sie schreiben einen Appell mit Hilfe dessen Sie über den Körper von Frauen entscheiden wollen, sie geben eine Norm für die weibliche Sexualität vor (nämlich eine, in der Prostitution nicht freiwillig sein kann) und sie sprechen Frauen selbstständiges Entscheiden über ihren Körper und ihre Sexualität ab.

Ich bin keine (freiwillige) Sexarbeiterin aber ich bin eine Frau, die von anderen Frauen und schon gar von Feminstinnen erwartet, dass ihre Sexualität nicht bewertet und nicht instrumentalisiert wird. Ich will so eine gequirlte und undurchdachte Scheiße einfach nicht mehr lesen. Ich möchte, dass vor so einem Appell Recherche betrieben wird, dass verschiedene Seiten zu dem Thema gehört werden, dass gemeinsam an einer besseren Zukunft gearbeitet wird und dass verdammt nochmal akzeptiert und toleriert wird, dass Frauen auf verschiedene Art und Weise Sexualität leben.

Update 29.10.13: Der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen hat einen Appell für Prostitution verfasst, der mir sehr viel durchdachter und sinnvoller erscheint.

Darüber hinaus kann ich die Twitter-Accounts von Sonja Dolinsek und Carmen empfehlen, dort finden sich interessante Tweets und Links mit Hintergrundinformationen von Leuten, die ganz offenbar wissen, wovon sie sprechen.

Mit Freudlosigkeit wird die Welt ganz sicher nicht gerettet

In meinem Leben gibt es zwei 90jährige. Meine Tante E. und meine Großmutter G.

Wenn man mit meiner Tante E. telefoniere, führen wir stets unterhaltsame Gespräche. Sie genießt es mit jungen Menschen – wie sie alles über 30 Jahre nennt – zu sprechen. Sie ist fröhlich, macht sich über sich und Ihre Krankheiten sowie diverse anderen ältere Menschen lustig und nimmt regen Anteil am Leben ihrer Gesprächspartner.

Außerdem kann sie zu jedem Reiseziel von dem ich ihr berichte, eine Anekdote aus Ihrer Reisezeit von vor 40 Jahren beisteuern. Um sie zu besuchen, nehme ich gern eine weite Fahrt in Kauf und dann sitzen wir in einem feinen Jugendstilhotel an der Mosel, trinken Milchcafe und essen Kuchen.

Meine Großmutter G. ist risikophob und hat sich zum erklärten Ziel gemacht, den Tod zu überlisten. Das führt zu einer regiden Ernährungs- und Lebenspolitik. Kein Fleisch, wenige Süßes, nur Rohkost, im Bus und Zug – des Unfallriskos wegen – sitzt sie nur ganz hinten, sie reist nur an bekannte nahliegende Orte und überhaupt lauert ihrer Meinung nach überall die Gefahr.

Das würde mich wahrscheinlich nur langweilen aber geradezu aggresiv macht mich ihr Wille, anderen Menschen diese Lebensweise als einzigst Mögliche anzudrehen. Ich besuche sie nur selten und dann meist aus einem schlechten Gewissen heraus.

Ich mag es einfach nicht bevormundet zu werden. Von niemandem, unter keinen Umständen.

Und damit kommen wir zum eigentlichen Thema. Seit einiger Zeit verfolge ich das ein oder andere Blog, das sich mit feministischen Themen befasst. Ganz einfach, weil ich eine Frau bin und es mich deutlich mehr interessiert, als die schalen Themen in diversen Frauenmagazinen. Kurz: Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist spannender als aktuelle Lippenstiftfarben.

Die ganze Diskussion um Noah Sow (Noah Sows Blogeintrag, Nadine Lantzsch Kommentar zu Noah Sows Blogeintrag und Malte Weldings Kommentar zu Noah Sow und Nadine Lantzsch) fand ich nur so mittelspannend aber in ihr spiegelt sich die Problematik einer bestimmten feministischen Richtung.

Ich nenne sie gern die „Wenn-Du-Feministin-Bist-Dann-Musst-Du-Richtung“.

Lange vorm Internet las ich ab und an die Emma, vor allem wegen der Cartoons von Franziska Becker und weil meine Mutter sie ab und an kaufte.

Meist legte ich sie schnell wieder weg, der aggresiv-anklagende Ton und der Alice-Schwarzer-Zentrismus langweilte und nervte mich.

Die PorNO-Kampagne und überhaupt die für mich nicht nachvollziehbaren Theorien zur heterosexuellen Sexualität ließen mich mein Interesse am Feminismus – den ich fälschlicherweise mit dem Feminismus der Alice Schwarzer gleichsetzte – komplett verlieren.

Wie ich schon sagte, ich möchte nicht bevormundet werden, schon gar nicht bei lustvollen Themen wie Sex und Essen.

Dank des Internets habe auch ich – eine lange Leitung meinerseits vorausgesetzt – mitbekommen, dass es anderen Strömungen gibt, die mir nicht sagen, was ich tun oder sein-lassen muss, um zur Feministinnen-Gruppe zu gehören.

Das Ziel sollte ja auch vielmehr eine angenehme, gleichberechtigte und respektvolle Koexistenz aller Menschen unabhängig von Geschlecht, Farbe, sexueller Orientierung, Nahrnungsvorlieben, Haustierleidenschaften usw. sein, entsprechend macht es keinen Sinn alte harte Strukturen mit neuen harten Strukturen auszutauschen.

Die Texte, die mich am meisten berührten oder gar etwas in mir veränderten, waren selten aggresiv oder besserwisserisch sondern interessant, gut geschrieben, fröhlich, ausgleichend, lebensbejahend und/oder witzig.

Denn jeder, der in einem Streit mal erlebt hat, dass der Partner einen anschreit „Nimm mich in den Arm, Du häßliche/r PennerIn!“ weiß, dass dies selten zu einer Umarmung geführt hat.

Genausowenig wird die Welt durch Empörung besser, es wenden sich höchstens Menschen ab, die man eigentlich schon auf seiner Seite hatte.