Funny Barbie

(die Postkarte gibt es bei Graphiquedefrance)

Vor zwei Jahren schenkte mir unser Babysitter dieser Karte (damals noch ohne störenden Text) zu meinem Geburtstag. Als wäre mir das nicht schon klar gewesen, kommentierte sie die Karte damit, dass die Frau sie sehr an mich erinnern würde.

Mich erinnerte die Karte daran, dass meine Mutter mir einmal sagte: “Du hast wirklich viel Ähnlichkeit mit Bette Midler.” Sie meinte das voller Liebe und Anerkennung, aber ich bin damals ausgerastet.

Auf der re:publica sagte mir jemand, ich sei eine Rampensau. Das fand ich in dem Kontext ziemlich amsüsant, weil ich den Eindruck habe, dass ca 99,9% der Blogger Rampensäue sind, gleichwohl ist die Feststellung korrekt. Ich stehe gern im Mittelpunkt.

Wenn man sich die Fernsehlandschaft so anschaut, dann bekommt man den Eindruck, dass es für Frauen genau 2,5 Möglichkeiten gibt, im Mittelpunkt zu stehen und bewundert zu werden:

1. Gut aussehen,
2. gut aussehen und
2,5. vielleicht auch ein bisschen schauspielern/singen/modeln können.

Neulich las ich diesen großartigen Artikel, in dem dargelegt wird, dass für viele junge Frauen das Modeln auf einer Unterwäscheshow die Krönung der gesellschaftlichen Relevanz darstellt. Nun wer wäre ich mich über sie lustig zu machen, schließlich bin ich beim Bette-Midler-Vergleich ausgerastet.

Kurz, hätte ich eine Karte mit dem Abbild von Kate Moss erhalten mit dem Hinweis, dass ich optisch ihre Schwester sein könnte, dann wäre ich auf Toilette gegangen und hätte erst einmal eine Line gezogen hätte ich mich sehr gefreut.

Da meine innere Bette Midler eine deutlich gesundere Konstitution hat – kein Wunder sie isst regelmäßig – als meine innere Kate Moss, habe ich die Postkarte genommen und sie neben meinen Schreibtisch gehängt. Man muss der Realität auch mal ins Angesicht blicken.

Neben dem völlig unrealistischen Wunsch zu schauspielern/singen/modeln hatte ich auch eine Phase, in der ich der ich den ebenfalls unrealistischen Wunsch hegte, Stand-Up-Comedian zu werden.

Als ich Mid-Anfang der 90er Jahre in Amerika lebte, hockte ich nachts konzentriert, begeistert und mit weit aufgerissenen Augen vorm Fernseher. Dort standen Menschen vor schwarzen Vorhängen auf schäbbingen Bühnen mit einem Mikrophon in der Hand. Sie erzählten großartige, spontan wirkende Geschichten mit Pointen im Sekundentakt. Und dann gab es auch noch Whose Line Is It Anyway. Für diese Improvisations-Comedy-Show habe ich mir sogar den Wecker gestellt:

Aus dem deutschen Fernsehen kannte ich nur politisches Lehrerkabarett, bierschwangere Karnevalssitzungen und Diether Krebs oder Diddi Hallervorden, deren Skteche immer eine imense Vorlaufzeit bis zur Pointe brauchten. Ich war noch nie der Typ für Vorspiel.

Spätestens an der Uni wurde mir allerdings klar, dass ich für den Beruf des Komikers nicht geeigent bin. Meine Referate hatten durchaus einen gewissen Unterhaltungswert, wenn man Piet Klocke auf Speed lustig findet und ich einen guten Tag hatte. Aber professionell trägt sich das nicht. Vielleicht hätte ich mein komödiantisches Talent auch in einem anderen Rahmen testen sollen, die (deutsche) Universität hat ja durchaus den Anspruch, Seriösität durch Ernsthaftigkeit hart zu erarbeiten.

Und ich merkte auch in anderen Bereichen, dass Humor nicht unbedingt hilfreich ist. In meiner spätpubertären Welt Mitte der 90, ohne Twitter, Blogs und Youtube, wurden selbst die größten Deppen zu lustigen Typen stilisiert. Damals war der Humor-Adelstitel: “Der möchte später Werbetexter werden.” Die Mädels liebten die witzigen Typen. Offenbar hatten wir alle schlechten Sex, so dass ein witziger Typ wenigstens unterhaltsam dabei war.

Mein Problem war, dass ich die Typen nie lustig fand. Sie waren für mich schwitzige kleine Idioten, die ihre lahmen Sex- und Drogen-Pointen rammelten und dabei möglichst cool taten. Außerdem habe ich sowas wie einen Ödipalen-Humor-Komplex.

Mein Bruder und mein Vater sind einfach unsäglich unterhaltsam. Mein Vater schafft es, sein fast Jahrhunderte altes Repertoire an anzüglichen Herrenwitzen trotz ständiger Wiederholung und mittelmäßiger Qualität immer wieder so spontan und unerwartet vorzutragen, dass es brüllend komisch ist.

Er war es auch, der dafür sorgte, dass sein Hinweis “Journelle fährt nach München zum Hysterikerkongress” ein everlasting Bonmot wurde, das jedem in der Familie und im Freundes- und Bekanntenkreis bekannt ist und bei jeder sich bietenden Gelegenheit angewendet wird.

Der Humor meines Bruders ist eine Mischung aus Lakonie, Anarchie und Brutalität und wie mein Vater liebt er die Kontinuität und Wiederholung. Jahrelang kam ich zum Frühstück und seine Hand lag auf meinem Stuhl. Also setzte ich mich drauf, er zog sie einfach nicht weg und ich versuchte mit meinem Po, seine Hand zu zerquetschen (das tägliche Training brachte mir immerhin den Spitznamen Betonarsch ein), was natürlich nie gelang. Erst wenn ich ihn hysterisch (s.o.) anschrie, nahm er die Hand weg.

Mein Vater und er warfen sich weg vor Lachen, meine Mutter schaute uns an wie eine fremde Affenart und ich zementierte meinen Ruf als Hysterikerin.

Irgendwann einmal kam ich auf die Idee, mir ein Tatoo stechen zu lassen und erzählte es begeistert meinem Bruder. Er hat sich daraufhin 15 Minuten lang derart über Tatoos lustig gemacht und sich letztlich angeboten mir mit einer Gabel ein Branding zu machen “Ist doch viel individueller”, dass ich von meinem Vorhaben Abstand nahm und nun sehr glücklich bin, kein Arschgeweih, keine Schlange am Arm oder eine Blume am Knöchel für die Ewigkeit zu haben.

Mit diesem Gepäck suchte ich also einen Partner. Die Männer, die ich nach Hause brachte waren alles sehr nett, oft kreativ und hatten vielfältige Qualitäten. Aber sie waren nur mittelwitzig. Dafür gab mein Vater ihnen Spitznamen und nutze sie auch in ihrer Anwesenheit: Schneewittchen, der Feuerwehrmann usw.

Meine Männer mochten ebenfalls viele Dinge an mir, aber mein Humor zählte nur selten dazu. In irgendeiner Sendung hat Eckart von Hirschhausen mal gesagt, dass Frauen und Männer immer sagen, dass ihnen Humor beim Partner wichtig sei. Frauen meinen damit, dass sie einen lustigen Partner wollen und Männer, dass die Frau sie witzig finden soll.

Und hier liegt mein jahrelanges doppeltes Beziehungsdilemma. Ich fand meine Freunde nicht lustig und sie litten darunter und gleichzeitig runzelten sie verwundert ihre Stirn, wenn ich einen Witz machte. Damals gewöhnte ich mir an, nach meinen Pointen laut zu lachen, quasi als Wegweiser und für den Beziehungsfrieden. Im Zweifelsfall gönnte ich ihnen, dass sie mein Lachen auf ihre Bemerkung bezogen.

Bevor der Mann in mein Leben trat teilte ich meine Bedürfnisse einfach auf. Ich hatte mit Exfreunden oder Halbbeziehungen ernsthaften Sex und abends ging ich zu einem befreundeten Päarchen. Sie kochten für mich, wir tranken viel Wein und teilten unseren Humor.

Was mir fehlte, merkte ich erst als ich den Mann kennenlernte. Ich verliebte mich vor allem in ihn, weil ich ihn unglaublich witzig fand. Sein Humor ist lakonisch, böse und basiert auf Wiederholung. Und dann sagt er abends beim Fernsehen, wenn ich zum 10.000 Mal reinquatsche: “Du bist so lustig.” Wer braucht da schon Blumen, Schmuck und teuere Autos?

Aber nicht nur beziehungstechnisch sind die Zeiten besser geworden. Dank dieses Internet-Dings kommen wir langsam an den Punkt an dem humorvolle Frauen und Unattraktivität nicht mehr Synomyme sind. Wobei ich diesbezüglich auch Anke Engelke und Barbara Schöneberger sehr dankbar bin.

Davor gab es Evelyn Hamann und Ulknudeln. Dieses Wort allein sagt doch schon alles aus. Niemand will eine Ulknudel ficken, einen Komiker indessen wohl.

Ich erinnere mich auch noch gut daran, wie eine Freundin meiner Mutter mich darauf aufmerksam machte, dass ich zu viel Grimmasieren würde. Die Quintessenz ihrer Aussage war: “Wenn Du beim Erzählen lustige Grimassen machst, bist Du unattraktiv. Frauen sollten das nicht tun.” Das waren die Momente in der die halb-verhungerte innere Kate sich bei mir meldete und voller Genugtung den Ratgeber “Feengleich durch Nulldiät” auspackte.

Wobei wir hier auch erst am Anfang sind. Würde ich parallel ein Casting für Das Alster-Model und Die Alster-Humoristin machen, würden die Beauty-Anwärterinnen wohl in Scharen eintreffen, während bei den Humoristinnen wohl nur eine Handvoll einträfen.

Trotzdem, der früher unauflösbare Widerspruch lustige Frauen und attraktive Frauen verliert sich langsam.

So empfand ich es enorm befreiend und schön auf der re:publica den Poetry Spam zu sehen. Endlich gab es eine große Session von gut aussehenden, chic gekleideten Frauen, die aber nicht für Frauen war, die keine Frauenthemen behandelte, die vor einem großen Publikum stattfand, die sehr witzig war und sich außer der guten Unterhaltung keinem großen Thema verschrieben hatte, nicht die Welt retten wollte und überhaupt einfach gut war.

Bette Midler und Kate Moss sind kein Widerspruch und ich klebe jetzt die Postkarte noch fester an die Wand.

Weitere Bloggerinnen/Twitterinnen die offenbar humorvoll und attraktiv sind (es ist nach Mitternacht, also wahrlich kein Anspruch auf Vollständigkeit):

Katjaberlin auch hier
Wondergirl
Orbisclaudiae
Phonebitch
Annelinja
Dasnuf auch hier

Genitalien sind keine Schminkköpfe

Als Kind habe ich leider nie einen Schminkkopf bekommen. Meiner Mutter meinte, das sei ein sexistisches Spielzeug. Auch für meine Barbiepuppen musste ich hart kämpfen. Die Erste habe ich mir von erspartem Taschengeld gekauft und es reichte nur für eine unspektakulär gekleidete Basic-Version. Kaum war ich in Besitz einer Barbiepuppe, begann ich auch sogleich Ihre Haare zu schneiden, zu färben und zu frisieren. Letztlich sah das vor allem ziemlich scheiße aus. Immerhin habe ich daraus die richtigen Schlussfolgerungen gezogen und bin nicht Visagistin oder Friseurin geworden.

Außerdem bin ich der Meinung, dass man nirgendwo wild rumschnippeln sollte.

Aber diese Erkentnis habe ich erst mit 35 Jahren gewonnen.

Kurz bevor unser Sohn geboren wurde, schlug ich dem Mann vor, ihn doch direkt nach seiner Geburt beschneiden zu lassen. Dafür gab es meiner Meinung nach viele gute Gründe. Unter anderem gibt es sowohl auf väterlicher als auch auf mütterlicher Seite Personen mit Phimose außerdem hatte ich gelesen, dass beschnittene Männer weniger häufig HP-Viren übertragen. Und überhaupt, stellte ich mir vor, dass es sich um eine Operation handelt, die am ehesten mit Fingernägelschneiden zu vergleichen ist, schließlich (werden) wurden in den USA fast alle Neugeborenen beschnitten.

Erst durch eine Folge Sex and the City habe ich überhaupt mitbekommen, dass in den USA der unbeschnittene Penis als geradezu eklig befunden wird. Soweit ich mich erinnere, hat Charlotte ihren unbeschnittenen Liebhaber sogar gezwungen sich die Vorhaut entfernen zu lassen. Random Detail: ich hatte offenbar mit 17 Jahren keinen Unterschied zwischen einem unbeschnittenen deutschen und einem beschnittenen amerikanischen Penis entdecken können, so groß kann der Unterschied also nicht sein.

Jedenfalls wirken die beschnittenen Personen in meinem Nahbereich alle sehr normal, zufrieden und ausgeglichen. Es gab für mich also keinen Grund, warum wir unseren (noch) ungeborenen Sohn nach der Geburt nicht gleich beschneiden lassen sollten.

Nach meiner Äußerung lief der Mann puterrot an und machte mit klaren Worten deutlich, dass eine prophylaktische Zirkumzision nicht in die Tüte käme, schließlich sei die Vorhaut Teil des Kindes und hätte durchaus ihre Daseinsberechtigung. Er äußerte zudem die Sorge, dass die Eichel dadruch weniger empfindsam werden und somit das sexuelle Empfinden des Sohnes möglicherweise einschränken könnte.

Kurzerhand verwarf ich den Gedanken, schließlich bin ich eine Frau und weiß nicht wie sich ein Penis anfühlt, aber innerlich machte ich mich etwas lustig über den Mann, ich hatte noch nie etwas von beschnittenen Männer gehört, die über eine eingeschränkte sexuelle Empfindung klagen.

Bereits im Baby- und Kleinkindalter des Sohns zeichnete sich allerdings ab, dass seine Vorhaut sehr eng am Penis anlag. Bei jeder Pflichtuntersuchung runzelte die Kinderärztin die Stirn aber verwies darauf, dass sich das durchaus noch auswachsen könnte.

Bei der Untersuchung, die kurz vor dem 4. Lebensjahr stattfand, wurde aber klar, dass sich da nichts mehr auswächst, außerdem hatte der Sohn zu diesem Zeitpunkt bereits zwei kleine Infektionen am Penis gehabt, die auf die Vorhautverengung zurückzuführen waren. Wir wurden also auf eine Kinderchirugische Praxis verwiesen. Dort wurde uns bestätigt, dass eine Phimose vorliegt und eine Beschneidung empfohlen wird. Zur Wahl standen eine Teil- und eine Ganzbeschneidung. Wir entschieden uns für eine komplette Beschneidung, da wir unserem Kind mögliche weitere Vollnarkosen und Operationen ersparen wollten.

Der Sohn ist ein ziemlich tapferes Kerlchen. Das Thema Vollnarkose kannte er bereits durch eine Zahn-OP bei der ihm (Überraschung) ein Zahn gezogen wurde. Die Operation verlief derart unkompliziert, dass ich auch wenig Angst vor der anstehenden Behandlung hatte. Die Kinderchirurgische Praxis war toll, die Stimmung gut, der Sohn und seine Eltern wenig aufgeregt.

Die OP verlief komplikationsfrei, wobei die Vorhaut so eng an der Eichel des Sohnes lag, dass die Haut geradezu abgeschält werden musste. Der Arzt wieß uns darauf hin, dass die nächsten Tage für den Sohn sehr schmerzhaft sein könnten.

Er behielt recht. Glücklicherweise konzentrierten sich die Schmerzen auf die Toilettengänge, aber die waren furchtbar. Mir fiel noch ein, dass es mir nach den Entbindungen geholfen hatte, während des Urinierens warmes Wasser über die Genitalien laufen zu lassen, so konnte das Brennen deutlich verringert werden. Und so saß unser Sohn mit schmerzverzerrten Blick auf der Toilette und rief nach Wasser.

Schlimmer war aber noch das Wechseln der Verbände, die aus einer Mullbinde, auf die viel Creme aufgetragen wurde, bestanden. Wir packten Tonnen von Bepanten auf die Mullbinde, aber trotzdem mussten wir sie oft wie ein Pflaster vom Penis ziehen, und dem Sohn schossen die Tränen in die Augen. Er entwickelte geradezu eine Panik vor Toilettengängen und versuchte sie so lange wie möglich hinauszuziehen.

Die Angst vor der Toilette hielt lange an, obwohl der Penis längst verheilt war. Bemerkenswert war, dass der Sohn gern bestimmte, wer ihn auf Toilette begleiten und die Mullwindel wechseln sollte. Am liebsten war ihm mein Vater. Die Tatsache, dass mein Vater Arzt ist, beruhigte meinen Sohn ungemein und mein Vater war es auch, dem mein Sohn als Einzigem erlaubte, seinen Penis anzuschauen und den Stand der Genesung zu beurteilen.

Überhaupt Anschauen; der Sohn weigerte sich mehr als zwei Monate lang seinen Penis anzuschauen. Wir haben in dieser Zeit einen Uralsee an Badezusatz verbraucht, weil mein Sohn darauf bestand, dass beim Baden immer ein Haufen Schaum seinen Penis verdeckt. Auch anfassen wollte mein Sohn seinen Penis nicht mehr, außerdem deklarierte er stets, dass sein Penis nun häßlich und kaputt sei.

Sechs Wochen nach der OP sprach ich mit der Kinderärztin darüber. Eines ihrer Kinder war auch beschnitten und sie meinte, dass diese Zeitspanne sehr normal sei, wir müssten Geduld haben.

Ich machte einen Freudensprung an dem Tag, als mein Sohn mich – quasi als seine Vertretung – bat, seinen Penis ganz sanft mit einem Finger anzufassen. Kurz darauf begann er ihn zögerlich wieder anzufassen und irgendwann auch endlich wieder anzusehen. Nach circa drei Monaten hatte sich die Lage normalisiert. Der Sohn fasste wieder gern seinen Pimmel an aber ihm war und ist nach wie vor bewusst, dass sein Penis anders aussieht als der der meisten anderen Kinder und er war sehr lange der Meinung, dass sein Pimmel durch die Operation häßlich geworden sei.

Wir würden trotz allem die Operation wieder vornehmen, schließlich lag eine starke Vorhautverengung vor, aber die Leichtfertigkeit mit der ich dieses Thema vorher behandelt habe, ist weg.

Genitalien sind keine Schminkköpfe an denen man einfach mal so rumschnippeln kann. Es handelt sich um eine Operation, mit oft schmerzhaften Folgen. Nicht nur körperlich, sondern offenbar auch seelisch. Zugegebenermaßen verflüchtigt sich vieles mit der Zeit, aber dieser Eingriff ist kein Spaß und man sollte überlegen, ob Religion, Tradition, fehlgeleitetes Hygieneempfinden oder was sonst noch alles die hohen Kosten rechtfertigen.

Kindsglücklich

Irgendwie bin ich in letzter zeit ständig über die Frage gestolpert, ob Kinder glücklich machen. In der vorvorletzten Nido zum Beispiel (wobei die Frage dort als Aussage mit Ausrufezeichen gestellt wurde).

Neulich meinte ich zum Mann, dass die Frage doch völlig am Thema vorbei sei. Der Mann, der deutlich wohlwollender der Menschheit gegenübersteht als ich, meinte, dass ich zwar Recht hätte, er gleichwohl die Frage danach gut verstehen kann.

Am Anfang meines Kinderwunsches stand jedenfalls das Bedürfnis nach Reproduktion.

Daher finde ich auch immer das Argument, Kinderlose seien egoistisch total absurd. Kinder bekommen ist genauso egoistisch.

Wenn man sich unsere kleine Erde mal anschaut ist es wohl das Letzte, was sie braucht mehr Menschen und wenn wir aussterben, wird sie wohl maximal einmal laut rülpsen. Von der Relevanz des Menschen in Hinblick auf das Weltall möchte ich gar nicht erst sprechen.

Kinder in die Welt zu setzen ist ein einziger Egotrip. ‘Krönung unserer Liebe’ bedeutet doch nichts anderes als ‘wir finden uns so geil, wir wollen die Welt mit unseren Genen bevölkern’.

Die Frage nach dem Glück stellt sich meist aber erst, wenn sie da sind. Der Reproduktionsteil ist am Einfachsten.

Dieses Erziehungsdings und die Hilfestellungen, die zu leisten sind, damit die kleinen Nacktmolche zu freundlichen, reflektierenden, lustigen Menschen mit (Selbst)Ironie werden, machen am meisten Arbeit.

Und da kommt Paul Watzlawick ins Spiel. Meine Mutter, die ein großer Fan von ihm ist, erzählte mir mal, dass er sich sehr über das amerikanische Schulsystem aufgeregt habe. Dort würde den Schülern nämlich verkauft, dass Schule Spaß machen würde.

Wenn sie nun in der Schule sind und feststellen, dass Schule zur Vermittlung von Wissen aber nicht zur Unterhaltung und zum Amüsement da ist, sind sie enttäuscht. Viel ehrlicher wäre es doch gleich klar zu machen, dass Schule etwas ist, was sich vor allem einmal nicht vermeiden lässt. Diese Einstellung ist deutlich weniger enttäuschend.

Früher ließen sich Kinder nicht vermeiden. Sie kamen oder sie kamen nicht. Die Frage nach dem persönlichen Glück durch Kinder wurde nicht gestellt, Kinder galten höchstens als Segen.

Heute kann man wenigen Menschen glaubhaft vermitteln, dass man aus Versehen ein Kind bekommen hat. Das heißt, ab dem Moment in dem man schwanger ist oder zur Schwangerschaft beigetragen hat, ist man in einer Rechtfertigungsposion. Die Schwangerschaft ist heute das Statement, dass man sich bewusst für ein Kind entschieden hat.

Und Voilà sind wir in der Spaß/Glück/Fun/Happyness-Bullshitfalle. Denn wenn ich bekomme, was ich mir gewünscht habe, muss ich auch glücklich sein. Freu Dich Du Sau!

Dabei ist nicht unbedingt die Umwelt das Problem, wir selber sind es genauso, schließlich wollten wir ja das Kind und auf einmal hat man Schwangerschaftstreifen, einen Wabbelbauch, ein brüllendes Kind, einen genervten Ehemann, ein minimales Sexualleben und das Nervenkostüm von Mariah Carey.

Und das wird auch erstmal nicht besser. Irgendwann können die Kinder zwar laufen und sprechen, dann brüllen sie nicht mehr aber sie finden andere Wege weiterhin große Mengen Energie, Nerven und Geld aus ihren Eltern zu saugen.

Und während man also wie ein ausgesaugter Zombie zur Arbeit trottet, die Augenringe mit Concealer verbirgt, teure Vitamine schluckt in der Hoffnung, sie würden wenigstens ein wenig der Energie zurückgeben, sich übernächtigt mit Problemen rumschlägt, vor denen man sich bestens erholt gefürchtet hätte, verlangen wir auch noch von uns, gefälligst glücklich zu sein.

Und da das meist nicht klappt, sind wir enttäuscht.

Fakt ist, ich renne nicht wie ein Honigkuchenpferd durch die Gegend und kreische vor Glück aber ich bereue meine Entscheidung auch nicht, Kinder in die Welt gesetzt zu haben. Und das nicht weil Sie mir so viel geben, oder weil sie so niedlich sind wenn sie schlafen, sondern einfach, weil ich Lust auf die Erfahrung habe, mit dem Mann zusammen Kinder großzuziehen.

Vor vielen Jahren war ich einmal in einen Brasilianer verliebt. Als dieser mit einem Stipendium für einige Monate nach Taiwan ging, brachte ich mein gesammeltes Kleingeld zur Bank, nutze meine Dispo und buchte einen Flug nach Taipeh.

Ich verbrachte zwei Wochen mit ihm, war danach unsäglich verliebt und malte mir aus, wie er nach Deutschland kommt und mir jeden Tag was vortrommelt (kein Schmuddelwitz hier, er war Perkussionist). Er blieb natürlich bei Frau und Kind in Brasilien und ich hatte wohl den größten Liebeskummer meines Lebens. Irgendwann kam ich natürlich darüber hinweg, aber diese Erfahrung hat mich nicht zum besseren, härteren, schöneren, klügeren oder weiseren Menschen gemacht. Es war einfach nur ein spannendes Erlebnis und darauf möchte ich nicht verzichten.

Neulich habe ich ein Interview mit Margarete Mitscherlich gelesen. Für mich war die Quintessenz dieses wirklich wunderbaren Interviews, dass man sich im Alter alles verzeiht und höchstens traurig darüber ist, etwas nicht gemacht oder erlebt zu haben.

Irgendwann habe ich die Entscheidung getroffen, ‘Kinder haben’ zu erleben.

Nicht mehr, nicht weniger, keine Pointe.

Einsatz von Lebensmitteln gemäß ihres Aggregatzustandes

Ich: Und? War es schön heute in der Kita zu frühstücken?

Sohn (3,5 Jahre): Ja. Aber Mama, du hast mir Birne eingepackt. Ich mag keine Birne. Bitte pack mir beim nächsten Mal keine Birne ein.

Ich: Oh entschuldige, das wusste ich nicht. (Pause) Aber warum trinkst du gerade Birnensaft, magst aber keine Birne essen?

Pause…Pause…Pause

Sohn (strahlend): Ich mag Zitroneneis aber ich esse doch auch keine Zitronen.