Oh boy!

Vor einigen Tagen starb Hugh Hefner und als ich davon las, kam mir eigentlich nur in den Sinn, dass er ganz schön hohes Alter erreicht hatte. Trotz meines großen Interesses an Sexualität und Pornografie, haben mir die Bilder im Playboy nie irgendwas gegeben. Weder träumte ich davon, selbst mal nackt mit Weichzeichner und total niedlich und sauber-nackt fotografiert zu werden noch fand ich das in irgendeiner Form als Zuschauerin interessant. Jedes Mal wenn ich das Magazin in die Hand bekam und durchblätterte fand ich es langweilig. Ähnlich ging es mir mit Hugh Hefner. Für mich war er ein alter Mann im Schlafanzug, der nicht mein Typ ist und offensichtlich einen sehr eng eingegrenzten Frauengeschmack hat.

Nach seinem Tod las ich von Leuten, die Hefner als sexuellen Befreier feierten. Mir kam das etwas komisch vor. Frauen nackt zu fotografieren und immer nur Frauen unter 30 Jahren als Geschlechtspartnerin auszuwählen, schien mir nicht sonderlich befreit oder gar innovativ.

Ich stieß aber auch auf andere Texte. Zum Beispiel auf einen von Suzanne Moore, der Hefner gedroht hatte, sie zu verklagen, weil sie ihn als Zuhälter bezeichnet hatte. Julie Bindel bezeichnet Hefner in ihrem Text als Sexualtäter und Jessica Valenti legt dar, wie Hefner nicht die sexuelle Revolution startete, sondern davon profitierte. Susan Brownmiller bezeichnet ihn sogar als ihren Feind.

Mein Bild von Hefner entwickelte sich von egal zu „das muss schon ein sehr großes Arschloch“ gewesen sein. Im Playboy die Bilder einer nackt posierenden 10jährigen Brooke Shields zu drucken, ist meiner Meinung nach Kinderpornografie. Viele Berichte von den Frauen, die bei ihm gelebt haben, zeichnen ebenfalls das Bild eines äußerst unangenehmen Menschen. Kurzum: kaum hatte ich mich ein wenig mit dem Thema beschäftigt, fragte ich mich welcher Mensch mit einem funktionierenden Verstand könnte auf die Idee kommen, dass Hefner irgendwas Gutes für die sexuelle Revolution und/oder Frauen gemacht haben könnte.

Dann las ich ein Interview mit Camille Paglia. Jede Antwort in diesem Interview passt so gut in unsere Zeit, in der wir uns ständig fragen: „Das kann der/die doch nicht wirklich so gesagt haben und schon gar nicht wirklich glauben?!“. Jede Idiotie wird mit einer Inbrunst rausposaunt, so als wäre Nachdenken, Durchdenken und Reflektieren ein unnötiger Zeitvertreib.

Camille Paglia ist Professorin und Autorin und zugegebenermaßen wohl auch umstritten. Wie viel zu viele Leute scheint sie sich in der Rolle des reaktionären Enfant Terribles ganz wohlig zu fühlen.

Hefner reimagined the American male as a connoisseur in the continental manner, a man who enjoyed all the fine pleasures of life, including sex. Hefner brilliantly put sex into a continuum of appreciative response to jazz, to art, to ideas, to fine food. This was something brand new. Enjoying fine cuisine had always been considered unmanly in America. Hefner updated and revitalized the image of the British gentleman, a man of leisure who is deft at conversation — in which American men have never distinguished themselves — and the art of seduction, which was a sport refined by the French.

Nach dem was ich über Hefner gelesen habe, gab es wohl das Ritual, dass er in seinem Schlafzimmer auf verschiedenen Bildschirmen Pornos schaute, während seine Freundinnen entweder ihn oder sich gegenseitig „befriedigten“. Paglia selbst sagt, sie war nie auf einer seiner Partys gewesen aber meiner Meinung nach lebt sie eine ganz andere Fantasie, als die, die Hugh Hefner gelebt hat. Nach einem Wochenplan mit meinen Mitbewohnerinnen knutschen, während sich der einzige Kerl im Raum Pornos anschaut, ist nicht das was ich mir unter dem Sexleben mit einem Connaisseur vorstelle. Übrigens, die Frauen in der Mansion durften wohl keine Kohlenhydrate zu sich nehmen, soviel zu Thema „fine dining“.

Frage: What do you think about the fact that Trump’s childhood hero and model of sophisticated American masculinity was Hefner?

Antwort: Before the election, I kept pointing out that the mainstream media based in Manhattan, particularly The New York Times, was hopelessly off in the way it was simplistically viewing Trump as a classic troglodyte misogynist. I certainly saw in Trump the entire Playboy aesthetic, including the glitzy world of casinos and beauty pageants. It’s a long passé world of confident male privilege that preceded the birth of second-wave feminism. There is no doubt that Trump strongly identified with it as he was growing up. It seems to be truly his worldview.

But it is categorically not a world of unwilling women. Nor is it driven by masculine abuse. It’s a world of show girls, of flamboyant femaleness, a certain kind of strutting style that has its own intoxicating sexual allure — which most young people attending elite colleges today have had no contact with whatever.

Hat sie das wirklich gesagt? Ich möchte nicht tausende Argumente vorbringen, warum Trump sehr wohl ein Sexist ist, dazu wird und wurde aber schon viel geschrieben. Vielmehr frage ich mich, warum habe ich es nie genossen, wenn „Gentlemen“ mir an den Arsch gegriffen haben? Schließlich hat das ja nichts mit Misogynie oder Mechanismen zur strukturellen Unterdrückung von Frauen zu tun. Frauen zu hübschen Tanzaffen zu machen ist zum einen nach wie vor Realität und zum anderen nichts, auf das ich nicht auch gut verzichten könnte. Man sollte sagen, was für ein großes Glück es ist, dass junge Menschen in einem Elitecollege so einem Mist nicht mehr ausgesetzt sind. Aber ich glaube ohnehin, dass Paglia hier mal wieder in einer eigenen Fantasie fernab der Realtät schwelgt. Womöglich fände sie eine stilvolle Sexparty mit Tänzerinnen in Federboas, die in Pools springen super. Aber wie so viele Sexfantasien funktionieren sie nur, so lange man erregt ist. Danach und davor muss man einfach versuchen, mit seinen Mitmenschen klar zu kommen. Außerhalb des sexuellen Kontextes hat ein kleines Patschehändchen eben keinen Grund an den Po zu greifen.

The unhappy truth is that the more the sexes have blended, the less each sex is interested in the other. So we’re now in a period of sexual boredom and inertia, complaint and dissatisfaction, which is one of the main reasons young men have gone over to pornography. Porn has become a necessary escape by the sexual imagination from the banality of our everyday lives, where the sexes are now routinely mixed in the workplace.

Wie soll ich es Paglia sagen? Auch 2017 haben Menschen noch Sex, nicht wenige davon sogar vielfältigen, spannenden, guten, befriedigenden und oft auch mit wechselnden Partnern. Mich würde wirklich interessieren, welche Studie sie ihrer Aussage zugrunde legt. Außerdem ist mir an der Antwort etwas unklar: Warum nutzen heute nur junge Männern Pornografie? Hugh Hefner war über 90 als er starb. Er hat über Dekaden Pornografie hergestellt und unter die Leute gebracht. Hat also Hefner in den 50ern schon erkannt, dass Frauen nun auch arbeiten gehen und den Männern keine andere Lösung bleibt, als sich in die Welt der Pornografie zu flüchten? Ist er für Paglia der Urvater männlichen Eskapismus?

And American women don’t know what they want any longer. In general, French women — the educated, middle-class French women, I mean — seem to have a feminine composure, a distinct sense of themselves as women, which I think women in America have gradually lost as they have won job equality in our high-pressure career system.

An dieser Antwort mag ich den Elitismus (nicht die dumme französische Frau, sondern nur die studierte Französin) und die Tatsache, dass Paglia wohl nicht so oft in Europa war. Dann wüsste sie, dass Französinnen sehr viel arbeiten und selbst mit Kindern sehr schnell und fast immer in Vollzeit in ihren Job zurückkehren. Ihre Männer müssten also unentwegt in Pornos fliehen, weil Frauen und Männer in Frankreich ständig und routiniert am Arbeitsplatz aufeinandertreffen.

We can see that what has completely vanished is what Hefner espoused and represented — the art of seduction, where a man, behaving in a courtly, polite and respectful manner, pursues a woman and gives her the time and the grace and the space to make a decision of consent or not.

Nach allem was ich über Hefner gelesen habe, läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken, wenn ich mir vorstelle, dass er mich verführen will. Aber abgesehen von der Person Hefner, nichts von dem was ich im Playboy jemals gelesen habe, schien mir auf das Verführen von Frauen ausgelegt. Verführung hat doch damit zu tun, jemanden sein Begehren zu zeigen, rauszufinden ob es auf Gegenseitigkeit beruht und in einem zweiten Schritt sich gegenseitig einen ekstatischen Spaß zu bereiten. Aber eine Poolparty mit wenigen Männern und vielen Frauen mit Hasenohren hat doch so viel mit Verführung zu tun wie eine Bahnhofstoilette mit einem Boudoir.

What possible romance or intrigue or sexual mystique could survive such a vulgar and debased environment as today’s residential campus social life?

Man könnte meinen, Paglia würde über die Playboy Mansion sprechen aber sie meint tatsächlich das aktuelle Collegeleben. Ich lache hart.

Yes. Women’s sexual responses are notoriously slower than men’s. Truly sophisticated seducers knew that women have to be courted and that women love an ambiance, setting a stage.

Es mag sein, dass es Menschen gibt, die mehr oder weniger Zeit, mehr oder weniger Intimität benötigen, um sich sexuell zu begeistern. Aber ich kann es einfach nicht mehr hören, wenn dieses Verhalten geschlechtsspezifisch zugeordnet wird. Es ist totaler Blödsinn.

Young women are being taught that men have all the power and have used it throughout history to oppress women. Women don’t seem to realize how much power they have to crush men! Strong women have always known how to control men.

Das ultimative Argument gegen jede Form von Gleichberechtigung und Feminismus. Frauen sind manipulativen, damit haben sie ohnehin schon die Weltmacht müssen sie nun gar nicht offiziell einfordern. Nope, Danke, den vergifteten Trank weise ich zurück und fordere Gleichberechtigung. Ich möchte mir Gleichberechtigung nicht erschleichen, sie steht mir zu.

And it’s kind of a double whammy — when women are able to produce movies that bring in big bucks on the international stage, that’s when woman directors will get more chances. But women can certainly cut their teeth by making really important, low-budget films. I want to see them! Show us. Show us the quality of your mind and your work, okay? At a certain point, it’s counterproductive when you’re claiming that someone else always has to open doors for you.

Das nächste große Argument. Der Markt wird es schon richten, wenn die Welt Werke (Filme, Bücher usw) von Frauen sehen will, dann gäbe es einen Markt dafür. Frauen sollen nicht weinen, sondern einfach mal machen, wenn sie scheitern ist nicht das System, sondern sind sie selbst verantwortlich. Katharina Herrmann hat hierzu einen ganz großartigen Text über Frauen in der Literatur geschrieben. Den kann man genauso gut auf die Filmbranche anwenden und sie widerlegt jede einzelne Silbe Paglias.

There are all kinds of complex currents in men’s relationship to women that feminism refuses to acknowledge. The main one is men’s often very unstable or ambivalent relationship with their mothers.

Oh dear. Was für ein Männerbild und diese Annahme, dass Männer nicht in der Lage sein können, ihr Leben selbstverantwortlich zu leben. Meiner Tochter werde ich übrigens den Tipp geben, um Männer, die ihre Probleme auf andere abwälzen, einen sehr großen Bogen zu machen.

I think feminism is wildly wrong when it portrays men as the oppressor, when in fact men, as I have argued in my books, are always struggling for identity against the enormous power of women.

Sagte er, während er seine Frau verprügelte.

So furchtbar das Interview mit Camille Paglia ist, so wunderbar fasst es auch zusammen, was derzeit schief läuft. Die Forderungen nach Gleichberechtigung werden auf perfide Art und Weise ausgehebelt. Der Mann wird als doppeltes Opfer darstellt. Auf der einen Ebene als Opfer der ohnehin starken und manipulativen Frau und zum anderen als Oper der neuen Struktur, die ihn ihn abstumpfen lässt und zum portosüchtigen Monster macht. Die Frau leidet angeblich darunter, weil der Mann sich nicht mehr fest binden möchte und weil die Sexualität zwischen Frau und Mann zu Fastfood verkommt.

Das Problem ist, dass Männer wie Frauen Menschen sind. Damit einher geht die Tatsache, dass beide Geschlechter für ihr Verhalten verantwortlich sind. Die Mutter als Ausrede für schlechtes Verhalten heranzuziehen zeigt, eine fehlende geistige Reife und Faulheit. Das sind dann keine Connaisseure oder Verführer, sondern Männern die ganz offenbar ihr Leben nicht im Griff haben. Vielen Dank gehen Sie weiter, von mir bekommen sein weder Verständnis noch Mitleid.

Sichtbarkeit einfordern

Diana Weis schrieb vor kurzem im Zeit-Magazin:

Die wirklich wichtige Frage, die sich Frauen an ihrem 40. Geburtstag stellen müssen, ist deshalb: Willst du das Aschenputtel sein oder eine der bösen Stiefschwestern? Willst du andere ewig auf dir rumtrampeln lassen, in der vagen Hoffnung, dass irgendein Prinz in deinem Schuh die Gestalt deiner wertvollen Seele erblickt? Oder nimmst du dein Schicksal lieber selbst in die Hand und pfeifst auf eine Natürlichkeit, die ohnehin nie eine war? […] Mit 40 Jahren haben Frauen noch viel vor sich. Es gibt Dinge, die wir noch erledigen müssen. Botox kann uns dafür wappnen. Wir sind noch nicht bereit für die Unsichtbarkeit.

Ich mochte den Text, weil es einige Aspekte des weiblichen Alterns und unserer Gesellschaft analysierte, die ich spannend, klug und richtig finde. Befremdlich finde ich allerdings die Schlussfolgerungen. Damit meine ich nicht die Nutzung von Botox, sondern die Kapitulation und die damit einhergehende Anpassung.

Witzigerweise erwähnt Diana Weis in der Metapher gar nicht die böse Stiefmutter. Dabei repräsentiert sie eigentlich den Kern dessen, was im Text steht. Die Stiefmutter hat erkannt, dass ein sozialer Aufstieg ihrer Töchter nur durch eine Hochzeit mit dem Prinzen möglich ist. Sie kämpft aber dagegen nicht an, sondern passt sich an und versucht nach den gesetzten Spielregeln für ihre Töchter eine bestmöglich Partie zu suchen. Sie weiß, dass sie das Interesse des Prinzen nur über die Attraktivität ihrer Töchter erreichen kann. Also muss sie ihre Stieftöchter bestmöglich präsentieren und notfalls sogar auf Täuschungen zurückgreifen. Sie weiß, dass der Handlungsspielraum von Frauen extrem eng ist. Der Wert einer Frau beziffert sich in ihrer Attraktivität und ihr Aufstieg ist an eine Beziehung mit einem möglichst einflussreichen Mann gekoppelt.

Und auch wenn Aschenputtel zunächst wie eine Antithese zu einem gängigen Schönheitsideal wirkt, ist sie im Grunde nichts anderes als ein schmutziger Diamant. Auch hier verliebt sich der Prinz erst, als Aschenputtel sich ihm herausgeputzt zeigen kann. Die Botschaft ist nicht, dass die Liebe überall hinfallen kann, sondern dass nur für echte schöne Frauen ein sozialer Aufstieg möglich ist.

In der Welt von Diana Weis hat sich also seit mehr als 200 Jahren – als die Brüder Grimm Aschenputtel in ihre Märchensammlung aufnahmen – nicht viel geändert. Die Fragen, die ich mir stelle sind: ist es wirklich so wie Weis beschreibt und wenn ja, warum sollte ich das so hinnehmen?

Wobei mir nicht ganz klar wurde, ob Weis meint, dass eine Frau ab 40 allgemein unsichtbar wird oder nur für Männer. Allgemein müssen Frauen nämlich nicht erst 40 Jahre alt werden, um unsichtbar zu sein. Gemäß dieser Studie werden Frauen bereits ab 30 Jahren im Fernsehen sukzessive unsichtbarer. Wenn also Maria Furtwängler einem Claus Kleber erklären muss, dass es keine Umerziehung ist, wenn man anhand einer wissenschaftlichen Studie feststellt, dass Frauen (nicht nur) im Fernsehen unterrepräsentiert sind, offenbart das, wie unerwünscht Frauen im öffentlichen und medialen Raum sind.

Die Studie hat ebenfalls analysiert: „Wenn Frauen gezeigt werden, kommen sie häufiger im Kontext von Beziehung und Partnerschaft vor.“ Frauen sind also nicht Experten oder Moderatoren, sondern Beziehungsmasse. Damit sind wir dann wieder bei der bösen Stiefmutter, die bereits erkannt hat, dass sich eine Frau nur in einer Beziehung – mit dem Prinzen – weiterentwickeln kann.

Insofern definiert sich Weis ganz klar auch über die Beziehung zu Männern. Sie spritzt sich lieber Botox als zu riskieren, dass sich kein Prinz mehr für sie interessiert. Diese Schlussfolgerung halte ich für fatal. Was für ein Ausmaß an Unterwerfung und Resignation offenbare ich, wenn ich mit einer Nadel voller Nervengift in der Stirn sage: „Es geht leider nicht anders. Wenn Du in unserer Welt wahrgenommen werden willst, musst Du den Männern gefallen.“

Fatal ist dieser Ansatz auch, weil das Botox nur an der Oberfläche eines großen Problems kratzt. Ich glaube ja, dass der größte Trick des Patriarchats ist, Frauen eine Verknappung der Ressource Mann vorzugaukeln. Als Frau ist es – unabhängig von Alter, Form usw – recht einfach, ein paarungswilliges Männchen zu finden. Um zu verhindern, dass Frauen zu viel Spaß dabei haben – so wie z.B. in dem Schweden, das Paulina Porizkova beschreibt – werden diffuse Mythen wie Monogamie, große Liebe und besonders begehrenswerte Männer geschaffen. Denn einen Mann abschleppen kann jede, aber einen Prinzen ein Leben lang zu halten, das ist die eigentliche Aufgabe einer Frau.

Das geht soweit, dass wir Frauen glauben, in einem Konkurrenzkampf um die besten Männer zustehen. Wir lesen uns Frauenzeitschriften durch, in denen wir angeleitete werden, Männer optimal zu befriedigen, wir halten unsere Körper schlank und straff, wir spritzen uns Botox und das alles weil unser Wert nur in Zusammenhang mit der Wertigkeit unseres Prinzen – der bei uns bleibt – gesehen wird.

Relevant ist hier vor allem die ökonomische Komponente. Der Prinz hat den Reichtum, das Aschenputtel nur ihre Schönheit. Patricia Cammarata hat sich neulich den 2. Gleistellungsbericht etwas genauer angeschaut. Dabei hat sie folgendes Zitat aus dem Bericht herausgestellt:

Studien deuten allerdings darauf hin, dass die Partnerinnen und Partner ihre Ressourcen keineswegs zur Verwendung „in einen Topf werfen“; vielmehr sieht es danach aus, als wirkten beim Ausgabeverhalten familieninterne Entscheidungsstrukturen und ökonomische Verhandlungspositionen (Beblo 2012: 193; Beblo/Beninger 2013; siehe auch Rees 2017).

Anders ausgedrückt, wer das Geld hat, entscheidet auch. Das heißt, Frauen sind unsichtbar, weil ihre wirtschaftliche Kraft geringer ist. Ältere Frauen betrifft das umso mehr, denn sie haben oft jahrelang unentgeltlich die Familienarbeit geleistet und häufig in Teilzeit deutlich weniger verdient.

Sollten wir hieran etwas ändern wollen, kann die Antwort jedenfalls nicht lauten, Botox zu spritzen. Vielmehr geht es darum, Sichtbarkeit einzufordern, aber auch die vorhandene wirtschaftliche Macht zu nutzen. Ich habe einfach keine Lust Geld für Filme auszugeben, bei denen Männern ihre Wall-Street-Gott-Fantasien ausleben, ich lese keine Bücher von ehemaligen linken alten Männern, die nun verbittert Anerkennung fordern, ich zähle Frauen auf Podien und gehe Leuten auf den Sack, die dumme Sachen sagen. Ich fordere eine Quote, nicht obwohl, sondern weil ich mir wünsche, dass Posten nach Qualifikation und nicht Geschlecht vergeben werden. Mir ist es egal als dick, unfickbar, alt oder was auch immer zu gelten. Meine Existenz ist nicht an meine Attraktivität oder einen Prinzen gekoppelt. Ich führe eine Partnerschaft, keine Herrchen-Hund-Gemeinschaft.

Ich verstehe, wenn jemand sagt, dass das ein (zu) anstrengender Weg ist. Ich verstehe die Resignation darüber, dass sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte nur wenig bewegt. Ich verstehe den Frust und die Müdigkeit immer wieder mit den gleichen Leuten über Selbstverständlichkeiten zu diskutieren. Gleichzeitig bin ich aber mit 40 Jahren einfach noch nicht alt genug, mich und mein Gesicht mit Nervengift einzuschläfern.

Lieber feiere ich eine schwarze Messe, als Muttertag

Muttertag hat sich mir nie erschlossen, weder als Tochter noch als Mutter. Je älter ich werde, desto wütender werde ich sogar. So als würde mich die Verlogenheit dieses Tages mit jedem Jahr dreckiger angrinsen.

Wenn mir irgendjemand als Mutter was Gutes tun will, dann fallen mir drei Millionen Dinge ein. Geschenke, Süßigkeiten, pathetische Liebeserklärungen und die penetrante mediale Erinnerung an Muttertag zähle ich nicht dazu. Ich glaube, ich spreche für einige Mütter wenn ich schreibe, dass wir ausschlafen, Oralsex und einen Tag allein oder mit Freundinnen, viel dankbarer annähmen, als bemühte Geschenke und billige Aufmerksamkeit.

Letztlich würden aber auch nicht die oben genannten Dinge, meine Empörung über diesen Tag abmildern können. Basiert er doch viel zu sehr auf dem Bild einer treusorgenden und aufopferungsbereiten Mutter, die an einem Tag im Jahr verehrt wird. Während beim Vatertag die Herren marodierend durch die Straßen ziehen, lächelt die Mutter am Muttertag artig und stopft sich die geschenkten Pralinen in den Mund.

Was für ein bescheuertes Mutterbild. Ich will nicht verehrt werden, mir würden ausreichend Kitaplätze, verständnisvolle Arbeitgeber, gleiche Bezahlung wie Männer, eine Frauenquote, Anerkennung von Care-Arbeit, gute Bildung für meine Kinder und keine bescheuerten Diskussionen darüber, ob eine Mutter besser mit den Kindern zu Hause bleibt oder arbeiten geht, vollkommen ausreichen. Mütter sind nämlich durchaus in der Lage, selbst zu entscheiden, was für sie und ihre Familien am besten ist. Von mir aus könnte auch endlich das Ehegattensplitting zum Muttertag abgeschafft werden. Eine Ehe kostet nämlich – außer Nerven – nicht viel. Kinder sind indessen ein Armutsrisiko.

Überhaupt dieser Mythos der Mutter. Er bringt mich jedes Mal in Rage. Selbstverständlich prägt es mich, Kinder zu haben. Aber ich bekomme davon keinen Heiligenschein. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich nach der Geburt meines Sohnes voller Sorge war. Ich hatte ihn per Notkaiserschnitt geboren und glaubte nun, ihm nicht die optimalen Startchancen gegeben zu haben. Über die Jahre verstand ich glücklicherweise, dass es weder optimale Startchancen gibt, noch dass ein Kaiserschnitt ernsthafte Auswirkungen auf irgendwas hat. Dieses elende Getue um die perfekte Geburt und das optimale Stillen sind beispielhafte Mythen, an denen wir nur scheitern können. Genauso wie wir nie dem Bild der guten Mutter entsprechend können.

Insofern ist der Muttertag sogar ganz besonders perfide. Er erinnert uns an den Mythos der stets liebenden, sorgenden und geduldigen Mutter. Ein Mythos an dem jede Mutter jeden Tag scheitert. Wir werden also am Muttertag an unsere Unzulänglichkeiten erinnert. Es sind vergiftete Pralinen, die wir brav mampfen, während wir wie eine weibliche Sysyphusa versuchen, unser Leben, unsere Bedürfnisse und die Bedürfnisse unserer Familie unter den Schirm des Mutter-Mythos zu packen.

Passend dazu las ich heute auf Twitter diesen Tweet:

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Diese Veranstaltung ist Muttertag in a Nutshell. Es geht nicht darum, sich ernsthaft mit den realen Bedürfnissen von Frauen und Müttern auseinander zu setzen. Sie werden nicht einmal gefragt. Es geht darum, Frauen zu erklären, wie ihre Rolle aussieht. Das alles versüßt mit Schokolade (Muttertag) oder dem Anstrich einer gutmeinenden Diskussion.

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*Laut Aussage des Veranstalters haben mehrere Referentinnen abgesagt, weil sie nicht mit Prof. Ulrich Kutschera diskutieren wollten. Warum man sich nicht fragte, ob es womöglich gute Gründe gibt, warum niemand mit Kutschera diskutieren möchte, hat leider niemand beantwortet. Die Technisches Universität Braunschweig hat hier allerdings die Nennung des Namens und Logos untersagt.

Wie ich meiner Tochter was vorlas und dann einen feministischen Rant schrieb

Ich habe der Tochter neulich vor einer Reise ein Heft von Sofia, die Erste gekauft. Weil sie gerade erst lesen lernt, habe ich ihr Teile daraus vorgelesen. In dem Hauptcomic geht es um Sofias Stiefschwester Amber. Amber hat einen Zwillingsbruder namens James. Sie findet es doof, dass sie immer zusammen Geburtstag feiern müssen und will ihn zwei Monate jünger zaubern lassen. Der Zauberer macht einen Fehler und James ist nun zwei Jahre alt. Kaum ist der Bruder zum Kleinkind geworden, tapert er los und ist auf einmal verschwunden. Besorgt suchen Sofia und Amber nun nach dem verlorenen Kleinkind. Am Ende singt Amber ein Lied, dass sie früher zusammen mit ihren Bruder gesungen hat und der kleine Junge wird davon angelockt und taucht wieder auf. Voller Reue bittet Sofias Freundin nun den Zauberer, ihren Bruder wieder groß zu zaubern. Alle haben sich lieb.

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Obgleich ich ein großer Freund von Harmonie, Friedlichkeit und miteinander klar kommen bin, hat mich dieser Comic total wütend gemacht. Warum in aller Welt können kleine Mädchen nicht mal was Spannendes erleben? Warum müssen sie sich um (klein gezauberte) Brüder kümmern? Warum ist das Aufregendste im Leben einer Prinzessin eine Geburtstagsparty? Neulich las ich einen Text über Hörspielhelden wie Bibi Blocksberg, TKKG oder Benjamin Blümchen. Dabei musste ich daran denken, dass Conny, Prinzessin Lillifee und Bibi Blockberg Figuren sind, die auch das Wahlprogramm der CSU vermarkten könnten. Spießig, brav, angepasst, konservativ, salonfähig xenophob, und immer voller Reue, wenn mittels der eigenen besonderen Fähigkeit die Kompetenzrichtlinien überschritten wurden. Gerade bei Bibi Blocksberg ärgert mich immer wieder ihre Verweigerung zu hexen. Sie könnte viel Gutes, Schlechtes, Spannendes oder Unheimliches tun und erleben, aber statt dessen ist ihr Fernziel die gesellschaftliche Anpassung trotz ihrer Hexenfähigkeiten. Das spannendste weibliche Rollenmodell für Kinder in der Mainstreamkultur ist Pippi Langstrumpf. Das heißt seit 71 Jahren ist nicht groß was Neues und Aufregendes hinzugekommen. In den Geschichten mit vorrangig männlichen Figuren wie Ninjago, Nexo Knights oder Pokémon geht es indessen um kämpfen, reisen, Prüfungen bestehen und oft um nichts Geringeres als die Rettung der Welt.

Während ich meiner Tochter aus der Cliché-Welt von Sofia vorlas, musste ich an Orna Donaths Buch Regretting Motherhood – Wenn Mütter bereuen denken. Man muss seine Mutterschaft nicht bereuen, um nachvollziehen zu können, dass Mutterschaft in unserer Gesellschaft mythisch überhöht wird und wenig mit der Realität zu tun hat. Ich erinnere mich gut, wie ich mich gefreut hatte, endlich ein Kind zu bekommen. Als mein Sohn da war, fühlte ich mich, als wäre ich mit ihm auf einer einsamen Insel ausgesetzt worden. Ich hatte das Gefühl geistig zu veröden und gleichzeitig musste ich 24 Stunden am Tag zur Verfügung stehen. Fühlte ich mich schon während der Schwangerschaft und der Geburt kontrolliert und überwacht (Gewicht, Herztöne, Nahrung), so fühlte ich mich nach der Geburt allein gelassen mit dem Kind, wurde aber gleichzeitig von den Standards der „guten Mutter“ überwacht. Ich habe in den Monaten der Elternzeit Wege für mich gefunden, gut damit umzugehen. Aber ich verstehe jetzt jede Frau mit einer postnatalen Depression oder dem Gefühl, die Mutterschaft zu bereuen. In unserer Gesellschaft ist Mutterschaft sehr eng verbunden mit der Erwartung an eine weibliche Selbstaufgabe.

Herbert Renz Polster hat in seinem wirklich sehr empfehlenswerten Buch Kinder verstehen analysiert, dass unser gesellschaftliches Konstrukt der Kleinfamilie (die Idee von Mutter-Vater-Kind ist nämlich mitnichten natürlich oder gottgegeben) häufig dazu führt, dass Schwangere und Mütter vom gesellschaftlichen Leben isoliert werden oder sich isoliert fühlen. In Gesellschaften mit Clanstrukturen ändert sich durch eine Schwangerschaft oder die Mutterschaft wenig für die Frauen. Sie gewinnen ggf. an Ansehen, verlieren aber nicht ihre Aufgaben oder gesellschaftliche Stellung. Durch die Anwesenheit vieler Bezugspersonen wird die Mutter zudem entlastet und nicht durch die Monopolstellung als Mutter-Bezugsperson überlastet.
Bei uns wird die Frau mit Kind zur Mutti. Jemand der sich kümmert und arbeitet aber gleichzeitig nicht besonders ernst genommen wird. Muttis kommen nicht ins Feuilleton, sie schreiben Blogs und Bücher für andere Muttis. Sie sind eng mit dem Privaten verbunden und sobald es politisch wird, sind sie nur als Zaungäste geladen. Ich möchte mich jedes Mal übergeben, wenn Männer z.B. Entscheidungen über Abtreibung fällen. Ich denke da immer: kein Uterus, keine Ahnung. Wenn die Frau nicht zeitnah wieder Vollzeit arbeitet, wird sich ihre berufliche Stellung stark ändern. Beruflich wird sie eine Teilzeitmutti ohne Karrierechancen, dafür mit kleinerem Gehalt und mit einem dauerhaft schlechtem Gewissen gegenüber der Arbeit und der Familie sein. Oder sie bleibt Hausfrau und wird belächelt. Das Berufsbild der Hausfrau hat in etwa den gesellschaftlichen Status eines Opel Corsas: fährt aber ist nicht erstrebenswert. Steven Nelms hat errechnet, was die Arbeit einer Hausfrau kosten würde, wenn diese von Dienstleistern übernommen werden würde. Eine Hausfrau käme damit auf ein (konservativ geschätztes) jährliches Gehalt von 67.800$ (ca 60.000€).

Das heißt, die wirtschaftliche Kraft der Arbeit einer Hausfrau entspricht einem mittleren Managementgehalt. Dagegen ist das Gehalt in der Elternzeit (maximal 21.600€ jährlich aber auch nur für einen begrenzten Zeitraum) ein Trostpflaster. Wie ist es also möglich, dass Frauen willig diese Carearbeit machen und keinen Cent dafür erwarten? Es gibt genug Leute, die behaupten, die Pflege und Sorge für Kinder und Angehörige läge in den Genen der Frau. Die Reaktionen auf Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen, offenbaren beängstigend deutlich, wie tief verankert die
Vorstellung ist, das Frauen von Natur aus Mutter sein wollen und können. Einer Frau, so wird es vermittelt, ist die mütterliche Selbstaufgabe in die Wiege gelegt. Nach zwei Kindern und 39 Jahren auf der Welt kann ich nur annehmen, dass ich entweder einen Gendefekt habe oder dass es sich dabei um eine absurde Behauptung handelt. Eine Behauptung, die dazu führt, dass Frauen oft nicht nur Lohnsteuer zahlen, sondern auch kostenlos die Pflegearbeit in der Gesellschaft übernehmen. Dass diese Arbeit im konkreten gern belächelt und kleingeredet wird, setzt dem ganzen ein Krönchen auf. Ich merke immer wieder wie selbstverständlich über die mütterliche Arbeitskraft verfügt wird, wenn ich mich nicht für Kuchenbüffets oder Dienste bei Schulfesten melde. Neulich wurde mir drei Mal eine Liste gereicht, weil ich mich noch nicht eingetragen hatte. Beim vierten Mal wäre ich vielleicht eingeknickt. Gleiches gilt für Putzdienste. In der Kita einer Freundin müssen die Eltern alle paar Wochen samstags putzen. Ich habe dort noch nie einen Mann gesehen. Offenbar zählt putzen nur bei Frauen zur Freizeitgestaltung.

Wobei wir wieder bei Sofia der Ersten wären. Denn auch sie organisiert am liebsten Geburtstagsfeiern oder Übernachtungspartys. Sie ist eine Augenweide, sie vermittelt, vergibt, hat Verständnis, kuschelt und liebt. Sie ist Prinzessin aber sie regiert nicht und trifft nur Entscheidungen im privaten Bereich. Meine Tochter schaut sich also bereits mit 6 Jahren ein Heft (oder eine Serie) an, mit der sie auf ihre gesellschaftliche Rolle vorbereitet wird. Der Mythos der selbstlos-sorgenden Frau wird so aufrecht erhalten und soll wohl dafür sorgen, dass meine Tochter auch in 20 Jahren nicht auf die Idee kommt, dass irgendwas falsch läuft, wenn von ihr erwartet wird, ohne Geld und Anerkennung ein Maximum an Pflegearbeit zu leisten. Sie kann sich dann auf den jährlichen pathosbeladenen Muttertag freuen und sich die 363 restlichen Tage des Jahres erklären lassen, wofür eine Frau von Natur aus gemacht ist.

Das Jammern der Don Quijotes

Dave Hon hat vor kurzem geschrieben, warum er keine Feministin zur Freundin haben möchte. Von all der digitalen und analogen Trollerei sind es solche Äußerungen, die mich tatsächlich mal amüsieren.

Welche Motivation hat ein Mann, wenn er sich an den Computer setzt und schreibt, dass er keine Feministin heiraten würde? Was für eine Idee liegt den Kommentaren zugrunde, in denen Feministinnen als schlechte Partnerinnen dargestellt werden? Hintergrund kann ja nur sein, Frauen durch den Entzug von Liebe, Sex oder der Aussicht auf eine Beziehung zu bestrafen. Damit diese Strafe (ich ficke keine Feministin) oder Drohung (wenn du Feministin bist, ficke ich dich nicht) funktionieren kann, müssen zwei Voraussetzungen gegeben sein:
A) Frauen sehnen sich nach Beziehungen und Sex mit Männern. Diese Sehnsucht ist groß, denn die Beziehungslosigkeit stellt ein Stigma dar. Dieses Stigma ist so enorm, dass Beziehungslosigkeit als Strafe empfunden wird. Ergo setzt eine Frau alles daran, eine Beziehung mit einem Mann zu haben. Im Zweifel schwört sie sogar dem Feminismus ab, um ihrem Lebensziel näher zu kommen.
B) Männer, die oben genannte Aussagen tätigen, halten sich für Hauptgewinne. Der Entzug ihrer Liebe oder ihrer Aufmerksamkeit führt bei Frauen zu schierer Verzweiflung, weshalb Frauen alles für den Mann tun werden, um ihn (zurück) zu erobern.

Rückenwind erhalten diese theoretischen Voraussetzungen z.B. von Frauenmagazinen. Darin steht nach wie vor, was eine Frau zu tun hat, um einen Mann für sich zu gewinnen. Auch das Rollenmodell der Prinzessin, die untätig im Schloss auf ihren aktiven Prinzen wartet, ist nicht tot zu bekommen. Das ändert aber nichts an der Realität. Es gibt Frauen, die ganz wunderbar ohne Beziehung leben können und wollen. Es gibt zudem Frauen, die einfach kein Interesse an Männern haben. Außerdem gibt es keine Knappheit der „Ressource Mann“. Seit meiner frühen Adoleszenz konnte ich viel Erfahrung darin sammeln, mir Typen vom Hals zu halten, die ich nicht wollte. Natürlich wurde auch ich zuweilen abgewiesen aber als Frau stellt man schnell fest: Männer sind ausreichend vorhanden.

Weil es trotzdem nicht so einfach ist – mit Liebe und Partnerschaft – wird viel hin und her analysiert. Alle paar Monate behauptet jemand, dass Frauen nur richtige, maskuline Kerle haben wollen und die ganzen „weichen“ Männer übrig bleiben. Ich halte diese Aussage für verkürzt und falsch. Ein Problem ist unter anderem, dass sich die Falschen für richtige Kerle halten. Ein Mann wird durch respektloses und dummes Verhalten nicht anziehender, sondern offenbart vielmehr den Grad seiner Arschlochigkeit. Die Frustration darüber, dass die, die sich für „ganze Kerle“ halten, im Männerangebot untergehen und alleine bleiben, wird gern umgemünzt in eine Dämonisierung des Feminismus. Womit wir wieder bei Dave Hon und seinen Freunden angekommen wären.

Sie sind die Don Quijotes unserer Gesellschaft. Ihre Windmühle ist der Feminismus. Indem sie ihn dämonisieren, machen sie sich zu Witzfiguren in einer Welt, die ganz hervorragend ohne sie zurecht kommt.

Das ist kein Feminismus, das ist Scheiß-Werbung

H&M hat für die Herbstsaison ein Video produziert und alle überschlagen sich mit Euphorie. Endlich wird die dicke, dünne, androgyne, haarige und multiethnische Frau gehuldigt, endlich bekennt sich auch H&M zum Feminismus, zur Selbstliebe und einem facettenreicheren Frauenbild.

What the fuck. Das ist kein feministisches Manifest, das ist Werbung. Ich habe selbst auch schon Werbung verlinkt, die ich tolle fand und auch ich hätte dem Clip gern euphorisch zugejubelt. Aber H&M für einen Clip zu loben, der mal nicht total beliebig und trivial ist und kein beknacktes Frauen- und Körperbild transportiert, ist als würde man Blatter dafür loben, nur die Hälfte an Schmiergeldern angenommen zu haben.

Während im Clip also in den ersten Sekunden eine dralle Frau in Unterwäsche durchs Bild läuft, schließt H&M fröhlich die Plus-Size Abteilungen in diversen Filialen. Vor kurzem erst versuchte ich, in Hamburg in der Filiale Jungfernstieg, eine Jeans in meiner großen Größe zu kaufen. Die Abteilung gab es nicht mehr. Auf meine Twitter-Nachfrage hin wurde ich auf den Filialenfinder auf der Website hingewiesen, der auf dem Handy aber nicht funktioniert. Was doof ist, wenn man beim Shopping kein WLAN-fähiges Laptop dabei hat.

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An diesem Tag bestellte ich online zum letzten Mal zwei Paar Jeans bei H&M und suche jetzt nach gut passenden Alternativen.

Als Antwort auf meinen Eintrag bei Facebook wurde mir erklärt, dass ich mit der App auch auf dem Handy Filialen mit Plus Size raussuchen kann. Ich habe das mal probiert. Leider gibt es keinen entsprechenden Filter.

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Entweder hat H&M in jeder Filiale nun auch Kleidung für Frauen mit Größe 44/46 und drüber oder sie haben diese Größen nun komplett rausgenommen, möchten dies aber nicht so klar kommunizieren. Letzteres ist mein Verdacht. Immerhin kann man noch online große Größen bestellen. Fakt ist, H&M hat in New York City alle großen Größen aus den Geschäften genommen. Das ist umso absurder, als dass die durchschnittliche Amerikanerin Größe 46/48 trägt. Ich kann mir für diese Strategie nur zwei Gründe vorstellen:

1) H&M ist nicht am Verkauf ihrer Ware an möglichst viele Menschen interessiert. Wenn ich online einkaufe, bin ich viel preisbewusster als im Geschäft. Besonders interessant ist die Verkaufsverweigerung wenn man in Betracht zieht, dass H&M schon lange nicht mehr konkurrenzlos ist. Möglicherweise glauben die entsprechenden Manager mit weniger verkaufter Ware mehr Gewinn zu machen. Das wäre dann mal eine interessante antikapitalistische Strategie.

2) H&M hat Angst, ihr Image zu verlieren, wenn sich auf einmal viele dicke Menschen in ihren Filialen rumtreiben und ihre Kleidung tragen. In diesem Fall müsste das Image mehr Wert sein, als 30% mehr verkaufte Ware (Schätzwert von mir).

Was auch immer hinter der Verweigerung von H&M steht, dicken und fetten Menschen Kleidung zu verkaufen, der Werbespot wirkt in diesem Licht wie eine höhnische und bösartige Verarschung.

H&M entdeckt den Feminismus also nur für Frauen bis Größe 44 und auch nur für Mädchen mit einem schmalen Körperbau. Meine sehr schlanke Tochter passt hervorragend in die „Jungs-Kleidung“ Größe 124 aber die Röhrenjeans und knappen T-Shirts der „Mädchen-Kleidung“ Größe 124 sitzen eng und unbequem. Was für eine verkackte Form von Feminismus ist das bitteschön, wenn schon 6jährigen das Gefühl vermittelt wird, dass sie zu breit und zu kräftig für ihre Kleidung sind? Was für kranke Idioten mit Lolita-Fantasien entscheiden bei H&M darüber, in was für einen Schnitt ein 6jähriges Mädchen passt? Das ist kein Feminismus, das ist frühkindliche Prägung für ein schlechtes Körpergefühlt. Interessanterweise passen die Kindersachen in der gleichen Größe bei C&A deutlich besser.

Und bei all der Euphorie, dass jetzt auch H&M entdeckt, dass Feminismus Trending Topic ist, vergessen wir nur zu schnell, für was für einen kleinen Kreis diese Emanzipation gilt. Nämlich nur für die Frau der reichen, westlichen Welt. Einen Dreck geben wir und gibt H&M für die Näherinnen, die dafür sorgen, dass wir die Stoff gewordenen Coolness des Feminismus an unseren hippen normschönen Körper tragen. Sehr schön hat Josefine Schummeck dazu geschrieben: Liebes H&M, auch mit langen Achselhaaren gewinnst du mich nicht zurück

Alles in allem hat mir der Clip nochmal vor Augen geführt, warum H&M scheiße ist und warum ich keinesfalls mehr dort einkaufen sollte, weder analog noch digital.