Sichtbarkeit einfordern

Diana Weis schrieb vor kurzem im Zeit-Magazin:

Die wirklich wichtige Frage, die sich Frauen an ihrem 40. Geburtstag stellen müssen, ist deshalb: Willst du das Aschenputtel sein oder eine der bösen Stiefschwestern? Willst du andere ewig auf dir rumtrampeln lassen, in der vagen Hoffnung, dass irgendein Prinz in deinem Schuh die Gestalt deiner wertvollen Seele erblickt? Oder nimmst du dein Schicksal lieber selbst in die Hand und pfeifst auf eine Natürlichkeit, die ohnehin nie eine war? […] Mit 40 Jahren haben Frauen noch viel vor sich. Es gibt Dinge, die wir noch erledigen müssen. Botox kann uns dafür wappnen. Wir sind noch nicht bereit für die Unsichtbarkeit.

Ich mochte den Text, weil es einige Aspekte des weiblichen Alterns und unserer Gesellschaft analysierte, die ich spannend, klug und richtig finde. Befremdlich finde ich allerdings die Schlussfolgerungen. Damit meine ich nicht die Nutzung von Botox, sondern die Kapitulation und die damit einhergehende Anpassung.

Witzigerweise erwähnt Diana Weis in der Metapher gar nicht die böse Stiefmutter. Dabei repräsentiert sie eigentlich den Kern dessen, was im Text steht. Die Stiefmutter hat erkannt, dass ein sozialer Aufstieg ihrer Töchter nur durch eine Hochzeit mit dem Prinzen möglich ist. Sie kämpft aber dagegen nicht an, sondern passt sich an und versucht nach den gesetzten Spielregeln für ihre Töchter eine bestmöglich Partie zu suchen. Sie weiß, dass sie das Interesse des Prinzen nur über die Attraktivität ihrer Töchter erreichen kann. Also muss sie ihre Stieftöchter bestmöglich präsentieren und notfalls sogar auf Täuschungen zurückgreifen. Sie weiß, dass der Handlungsspielraum von Frauen extrem eng ist. Der Wert einer Frau beziffert sich in ihrer Attraktivität und ihr Aufstieg ist an eine Beziehung mit einem möglichst einflussreichen Mann gekoppelt.

Und auch wenn Aschenputtel zunächst wie eine Antithese zu einem gängigen Schönheitsideal wirkt, ist sie im Grunde nichts anderes als ein schmutziger Diamant. Auch hier verliebt sich der Prinz erst, als Aschenputtel sich ihm herausgeputzt zeigen kann. Die Botschaft ist nicht, dass die Liebe überall hinfallen kann, sondern dass nur für echte schöne Frauen ein sozialer Aufstieg möglich ist.

In der Welt von Diana Weis hat sich also seit mehr als 200 Jahren – als die Brüder Grimm Aschenputtel in ihre Märchensammlung aufnahmen – nicht viel geändert. Die Fragen, die ich mir stelle sind: ist es wirklich so wie Weis beschreibt und wenn ja, warum sollte ich das so hinnehmen?

Wobei mir nicht ganz klar wurde, ob Weis meint, dass eine Frau ab 40 allgemein unsichtbar wird oder nur für Männer. Allgemein müssen Frauen nämlich nicht erst 40 Jahre alt werden, um unsichtbar zu sein. Gemäß dieser Studie werden Frauen bereits ab 30 Jahren im Fernsehen sukzessive unsichtbarer. Wenn also Maria Furtwängler einem Claus Kleber erklären muss, dass es keine Umerziehung ist, wenn man anhand einer wissenschaftlichen Studie feststellt, dass Frauen (nicht nur) im Fernsehen unterrepräsentiert sind, offenbart das, wie unerwünscht Frauen im öffentlichen und medialen Raum sind.

Die Studie hat ebenfalls analysiert: „Wenn Frauen gezeigt werden, kommen sie häufiger im Kontext von Beziehung und Partnerschaft vor.“ Frauen sind also nicht Experten oder Moderatoren, sondern Beziehungsmasse. Damit sind wir dann wieder bei der bösen Stiefmutter, die bereits erkannt hat, dass sich eine Frau nur in einer Beziehung – mit dem Prinzen – weiterentwickeln kann.

Insofern definiert sich Weis ganz klar auch über die Beziehung zu Männern. Sie spritzt sich lieber Botox als zu riskieren, dass sich kein Prinz mehr für sie interessiert. Diese Schlussfolgerung halte ich für fatal. Was für ein Ausmaß an Unterwerfung und Resignation offenbare ich, wenn ich mit einer Nadel voller Nervengift in der Stirn sage: „Es geht leider nicht anders. Wenn Du in unserer Welt wahrgenommen werden willst, musst Du den Männern gefallen.“

Fatal ist dieser Ansatz auch, weil das Botox nur an der Oberfläche eines großen Problems kratzt. Ich glaube ja, dass der größte Trick des Patriarchats ist, Frauen eine Verknappung der Ressource Mann vorzugaukeln. Als Frau ist es – unabhängig von Alter, Form usw – recht einfach, ein paarungswilliges Männchen zu finden. Um zu verhindern, dass Frauen zu viel Spaß dabei haben – so wie z.B. in dem Schweden, das Paulina Porizkova beschreibt – werden diffuse Mythen wie Monogamie, große Liebe und besonders begehrenswerte Männer geschaffen. Denn einen Mann abschleppen kann jede, aber einen Prinzen ein Leben lang zu halten, das ist die eigentliche Aufgabe einer Frau.

Das geht soweit, dass wir Frauen glauben, in einem Konkurrenzkampf um die besten Männer zustehen. Wir lesen uns Frauenzeitschriften durch, in denen wir angeleitete werden, Männer optimal zu befriedigen, wir halten unsere Körper schlank und straff, wir spritzen uns Botox und das alles weil unser Wert nur in Zusammenhang mit der Wertigkeit unseres Prinzen – der bei uns bleibt – gesehen wird.

Relevant ist hier vor allem die ökonomische Komponente. Der Prinz hat den Reichtum, das Aschenputtel nur ihre Schönheit. Patricia Cammarata hat sich neulich den 2. Gleistellungsbericht etwas genauer angeschaut. Dabei hat sie folgendes Zitat aus dem Bericht herausgestellt:

Studien deuten allerdings darauf hin, dass die Partnerinnen und Partner ihre Ressourcen keineswegs zur Verwendung „in einen Topf werfen“; vielmehr sieht es danach aus, als wirkten beim Ausgabeverhalten familieninterne Entscheidungsstrukturen und ökonomische Verhandlungspositionen (Beblo 2012: 193; Beblo/Beninger 2013; siehe auch Rees 2017).

Anders ausgedrückt, wer das Geld hat, entscheidet auch. Das heißt, Frauen sind unsichtbar, weil ihre wirtschaftliche Kraft geringer ist. Ältere Frauen betrifft das umso mehr, denn sie haben oft jahrelang unentgeltlich die Familienarbeit geleistet und häufig in Teilzeit deutlich weniger verdient.

Sollten wir hieran etwas ändern wollen, kann die Antwort jedenfalls nicht lauten, Botox zu spritzen. Vielmehr geht es darum, Sichtbarkeit einzufordern, aber auch die vorhandene wirtschaftliche Macht zu nutzen. Ich habe einfach keine Lust Geld für Filme auszugeben, bei denen Männern ihre Wall-Street-Gott-Fantasien ausleben, ich lese keine Bücher von ehemaligen linken alten Männern, die nun verbittert Anerkennung fordern, ich zähle Frauen auf Podien und gehe Leuten auf den Sack, die dumme Sachen sagen. Ich fordere eine Quote, nicht obwohl, sondern weil ich mir wünsche, dass Posten nach Qualifikation und nicht Geschlecht vergeben werden. Mir ist es egal als dick, unfickbar, alt oder was auch immer zu gelten. Meine Existenz ist nicht an meine Attraktivität oder einen Prinzen gekoppelt. Ich führe eine Partnerschaft, keine Herrchen-Hund-Gemeinschaft.

Ich verstehe, wenn jemand sagt, dass das ein (zu) anstrengender Weg ist. Ich verstehe die Resignation darüber, dass sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte nur wenig bewegt. Ich verstehe den Frust und die Müdigkeit immer wieder mit den gleichen Leuten über Selbstverständlichkeiten zu diskutieren. Gleichzeitig bin ich aber mit 40 Jahren einfach noch nicht alt genug, mich und mein Gesicht mit Nervengift einzuschläfern.

Lieber feiere ich eine schwarze Messe, als Muttertag

Muttertag hat sich mir nie erschlossen, weder als Tochter noch als Mutter. Je älter ich werde, desto wütender werde ich sogar. So als würde mich die Verlogenheit dieses Tages mit jedem Jahr dreckiger angrinsen.

Wenn mir irgendjemand als Mutter was Gutes tun will, dann fallen mir drei Millionen Dinge ein. Geschenke, Süßigkeiten, pathetische Liebeserklärungen und die penetrante mediale Erinnerung an Muttertag zähle ich nicht dazu. Ich glaube, ich spreche für einige Mütter wenn ich schreibe, dass wir ausschlafen, Oralsex und einen Tag allein oder mit Freundinnen, viel dankbarer annähmen, als bemühte Geschenke und billige Aufmerksamkeit.

Letztlich würden aber auch nicht die oben genannten Dinge, meine Empörung über diesen Tag abmildern können. Basiert er doch viel zu sehr auf dem Bild einer treusorgenden und aufopferungsbereiten Mutter, die an einem Tag im Jahr verehrt wird. Während beim Vatertag die Herren marodierend durch die Straßen ziehen, lächelt die Mutter am Muttertag artig und stopft sich die geschenkten Pralinen in den Mund.

Was für ein bescheuertes Mutterbild. Ich will nicht verehrt werden, mir würden ausreichend Kitaplätze, verständnisvolle Arbeitgeber, gleiche Bezahlung wie Männer, eine Frauenquote, Anerkennung von Care-Arbeit, gute Bildung für meine Kinder und keine bescheuerten Diskussionen darüber, ob eine Mutter besser mit den Kindern zu Hause bleibt oder arbeiten geht, vollkommen ausreichen. Mütter sind nämlich durchaus in der Lage, selbst zu entscheiden, was für sie und ihre Familien am besten ist. Von mir aus könnte auch endlich das Ehegattensplitting zum Muttertag abgeschafft werden. Eine Ehe kostet nämlich – außer Nerven – nicht viel. Kinder sind indessen ein Armutsrisiko.

Überhaupt dieser Mythos der Mutter. Er bringt mich jedes Mal in Rage. Selbstverständlich prägt es mich, Kinder zu haben. Aber ich bekomme davon keinen Heiligenschein. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich nach der Geburt meines Sohnes voller Sorge war. Ich hatte ihn per Notkaiserschnitt geboren und glaubte nun, ihm nicht die optimalen Startchancen gegeben zu haben. Über die Jahre verstand ich glücklicherweise, dass es weder optimale Startchancen gibt, noch dass ein Kaiserschnitt ernsthafte Auswirkungen auf irgendwas hat. Dieses elende Getue um die perfekte Geburt und das optimale Stillen sind beispielhafte Mythen, an denen wir nur scheitern können. Genauso wie wir nie dem Bild der guten Mutter entsprechend können.

Insofern ist der Muttertag sogar ganz besonders perfide. Er erinnert uns an den Mythos der stets liebenden, sorgenden und geduldigen Mutter. Ein Mythos an dem jede Mutter jeden Tag scheitert. Wir werden also am Muttertag an unsere Unzulänglichkeiten erinnert. Es sind vergiftete Pralinen, die wir brav mampfen, während wir wie eine weibliche Sysyphusa versuchen, unser Leben, unsere Bedürfnisse und die Bedürfnisse unserer Familie unter den Schirm des Mutter-Mythos zu packen.

Passend dazu las ich heute auf Twitter diesen Tweet:

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Diese Veranstaltung ist Muttertag in a Nutshell. Es geht nicht darum, sich ernsthaft mit den realen Bedürfnissen von Frauen und Müttern auseinander zu setzen. Sie werden nicht einmal gefragt. Es geht darum, Frauen zu erklären, wie ihre Rolle aussieht. Das alles versüßt mit Schokolade (Muttertag) oder dem Anstrich einer gutmeinenden Diskussion.

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*Laut Aussage des Veranstalters haben mehrere Referentinnen abgesagt, weil sie nicht mit Prof. Ulrich Kutschera diskutieren wollten. Warum man sich nicht fragte, ob es womöglich gute Gründe gibt, warum niemand mit Kutschera diskutieren möchte, hat leider niemand beantwortet. Die Technisches Universität Braunschweig hat hier allerdings die Nennung des Namens und Logos untersagt.

Wie ich meiner Tochter was vorlas und dann einen feministischen Rant schrieb

Ich habe der Tochter neulich vor einer Reise ein Heft von Sofia, die Erste gekauft. Weil sie gerade erst lesen lernt, habe ich ihr Teile daraus vorgelesen. In dem Hauptcomic geht es um Sofias Stiefschwester Amber. Amber hat einen Zwillingsbruder namens James. Sie findet es doof, dass sie immer zusammen Geburtstag feiern müssen und will ihn zwei Monate jünger zaubern lassen. Der Zauberer macht einen Fehler und James ist nun zwei Jahre alt. Kaum ist der Bruder zum Kleinkind geworden, tapert er los und ist auf einmal verschwunden. Besorgt suchen Sofia und Amber nun nach dem verlorenen Kleinkind. Am Ende singt Amber ein Lied, dass sie früher zusammen mit ihren Bruder gesungen hat und der kleine Junge wird davon angelockt und taucht wieder auf. Voller Reue bittet Sofias Freundin nun den Zauberer, ihren Bruder wieder groß zu zaubern. Alle haben sich lieb.

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Obgleich ich ein großer Freund von Harmonie, Friedlichkeit und miteinander klar kommen bin, hat mich dieser Comic total wütend gemacht. Warum in aller Welt können kleine Mädchen nicht mal was Spannendes erleben? Warum müssen sie sich um (klein gezauberte) Brüder kümmern? Warum ist das Aufregendste im Leben einer Prinzessin eine Geburtstagsparty? Neulich las ich einen Text über Hörspielhelden wie Bibi Blocksberg, TKKG oder Benjamin Blümchen. Dabei musste ich daran denken, dass Conny, Prinzessin Lillifee und Bibi Blockberg Figuren sind, die auch das Wahlprogramm der CSU vermarkten könnten. Spießig, brav, angepasst, konservativ, salonfähig xenophob, und immer voller Reue, wenn mittels der eigenen besonderen Fähigkeit die Kompetenzrichtlinien überschritten wurden. Gerade bei Bibi Blocksberg ärgert mich immer wieder ihre Verweigerung zu hexen. Sie könnte viel Gutes, Schlechtes, Spannendes oder Unheimliches tun und erleben, aber statt dessen ist ihr Fernziel die gesellschaftliche Anpassung trotz ihrer Hexenfähigkeiten. Das spannendste weibliche Rollenmodell für Kinder in der Mainstreamkultur ist Pippi Langstrumpf. Das heißt seit 71 Jahren ist nicht groß was Neues und Aufregendes hinzugekommen. In den Geschichten mit vorrangig männlichen Figuren wie Ninjago, Nexo Knights oder Pokémon geht es indessen um kämpfen, reisen, Prüfungen bestehen und oft um nichts Geringeres als die Rettung der Welt.

Während ich meiner Tochter aus der Cliché-Welt von Sofia vorlas, musste ich an Orna Donaths Buch Regretting Motherhood – Wenn Mütter bereuen denken. Man muss seine Mutterschaft nicht bereuen, um nachvollziehen zu können, dass Mutterschaft in unserer Gesellschaft mythisch überhöht wird und wenig mit der Realität zu tun hat. Ich erinnere mich gut, wie ich mich gefreut hatte, endlich ein Kind zu bekommen. Als mein Sohn da war, fühlte ich mich, als wäre ich mit ihm auf einer einsamen Insel ausgesetzt worden. Ich hatte das Gefühl geistig zu veröden und gleichzeitig musste ich 24 Stunden am Tag zur Verfügung stehen. Fühlte ich mich schon während der Schwangerschaft und der Geburt kontrolliert und überwacht (Gewicht, Herztöne, Nahrung), so fühlte ich mich nach der Geburt allein gelassen mit dem Kind, wurde aber gleichzeitig von den Standards der „guten Mutter“ überwacht. Ich habe in den Monaten der Elternzeit Wege für mich gefunden, gut damit umzugehen. Aber ich verstehe jetzt jede Frau mit einer postnatalen Depression oder dem Gefühl, die Mutterschaft zu bereuen. In unserer Gesellschaft ist Mutterschaft sehr eng verbunden mit der Erwartung an eine weibliche Selbstaufgabe.

Herbert Renz Polster hat in seinem wirklich sehr empfehlenswerten Buch Kinder verstehen analysiert, dass unser gesellschaftliches Konstrukt der Kleinfamilie (die Idee von Mutter-Vater-Kind ist nämlich mitnichten natürlich oder gottgegeben) häufig dazu führt, dass Schwangere und Mütter vom gesellschaftlichen Leben isoliert werden oder sich isoliert fühlen. In Gesellschaften mit Clanstrukturen ändert sich durch eine Schwangerschaft oder die Mutterschaft wenig für die Frauen. Sie gewinnen ggf. an Ansehen, verlieren aber nicht ihre Aufgaben oder gesellschaftliche Stellung. Durch die Anwesenheit vieler Bezugspersonen wird die Mutter zudem entlastet und nicht durch die Monopolstellung als Mutter-Bezugsperson überlastet.
Bei uns wird die Frau mit Kind zur Mutti. Jemand der sich kümmert und arbeitet aber gleichzeitig nicht besonders ernst genommen wird. Muttis kommen nicht ins Feuilleton, sie schreiben Blogs und Bücher für andere Muttis. Sie sind eng mit dem Privaten verbunden und sobald es politisch wird, sind sie nur als Zaungäste geladen. Ich möchte mich jedes Mal übergeben, wenn Männer z.B. Entscheidungen über Abtreibung fällen. Ich denke da immer: kein Uterus, keine Ahnung. Wenn die Frau nicht zeitnah wieder Vollzeit arbeitet, wird sich ihre berufliche Stellung stark ändern. Beruflich wird sie eine Teilzeitmutti ohne Karrierechancen, dafür mit kleinerem Gehalt und mit einem dauerhaft schlechtem Gewissen gegenüber der Arbeit und der Familie sein. Oder sie bleibt Hausfrau und wird belächelt. Das Berufsbild der Hausfrau hat in etwa den gesellschaftlichen Status eines Opel Corsas: fährt aber ist nicht erstrebenswert. Steven Nelms hat errechnet, was die Arbeit einer Hausfrau kosten würde, wenn diese von Dienstleistern übernommen werden würde. Eine Hausfrau käme damit auf ein (konservativ geschätztes) jährliches Gehalt von 67.800$ (ca 60.000€).

Das heißt, die wirtschaftliche Kraft der Arbeit einer Hausfrau entspricht einem mittleren Managementgehalt. Dagegen ist das Gehalt in der Elternzeit (maximal 21.600€ jährlich aber auch nur für einen begrenzten Zeitraum) ein Trostpflaster. Wie ist es also möglich, dass Frauen willig diese Carearbeit machen und keinen Cent dafür erwarten? Es gibt genug Leute, die behaupten, die Pflege und Sorge für Kinder und Angehörige läge in den Genen der Frau. Die Reaktionen auf Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen, offenbaren beängstigend deutlich, wie tief verankert die
Vorstellung ist, das Frauen von Natur aus Mutter sein wollen und können. Einer Frau, so wird es vermittelt, ist die mütterliche Selbstaufgabe in die Wiege gelegt. Nach zwei Kindern und 39 Jahren auf der Welt kann ich nur annehmen, dass ich entweder einen Gendefekt habe oder dass es sich dabei um eine absurde Behauptung handelt. Eine Behauptung, die dazu führt, dass Frauen oft nicht nur Lohnsteuer zahlen, sondern auch kostenlos die Pflegearbeit in der Gesellschaft übernehmen. Dass diese Arbeit im konkreten gern belächelt und kleingeredet wird, setzt dem ganzen ein Krönchen auf. Ich merke immer wieder wie selbstverständlich über die mütterliche Arbeitskraft verfügt wird, wenn ich mich nicht für Kuchenbüffets oder Dienste bei Schulfesten melde. Neulich wurde mir drei Mal eine Liste gereicht, weil ich mich noch nicht eingetragen hatte. Beim vierten Mal wäre ich vielleicht eingeknickt. Gleiches gilt für Putzdienste. In der Kita einer Freundin müssen die Eltern alle paar Wochen samstags putzen. Ich habe dort noch nie einen Mann gesehen. Offenbar zählt putzen nur bei Frauen zur Freizeitgestaltung.

Wobei wir wieder bei Sofia der Ersten wären. Denn auch sie organisiert am liebsten Geburtstagsfeiern oder Übernachtungspartys. Sie ist eine Augenweide, sie vermittelt, vergibt, hat Verständnis, kuschelt und liebt. Sie ist Prinzessin aber sie regiert nicht und trifft nur Entscheidungen im privaten Bereich. Meine Tochter schaut sich also bereits mit 6 Jahren ein Heft (oder eine Serie) an, mit der sie auf ihre gesellschaftliche Rolle vorbereitet wird. Der Mythos der selbstlos-sorgenden Frau wird so aufrecht erhalten und soll wohl dafür sorgen, dass meine Tochter auch in 20 Jahren nicht auf die Idee kommt, dass irgendwas falsch läuft, wenn von ihr erwartet wird, ohne Geld und Anerkennung ein Maximum an Pflegearbeit zu leisten. Sie kann sich dann auf den jährlichen pathosbeladenen Muttertag freuen und sich die 363 restlichen Tage des Jahres erklären lassen, wofür eine Frau von Natur aus gemacht ist.

Das Jammern der Don Quijotes

Dave Hon hat vor kurzem geschrieben, warum er keine Feministin zur Freundin haben möchte. Von all der digitalen und analogen Trollerei sind es solche Äußerungen, die mich tatsächlich mal amüsieren.

Welche Motivation hat ein Mann, wenn er sich an den Computer setzt und schreibt, dass er keine Feministin heiraten würde? Was für eine Idee liegt den Kommentaren zugrunde, in denen Feministinnen als schlechte Partnerinnen dargestellt werden? Hintergrund kann ja nur sein, Frauen durch den Entzug von Liebe, Sex oder der Aussicht auf eine Beziehung zu bestrafen. Damit diese Strafe (ich ficke keine Feministin) oder Drohung (wenn du Feministin bist, ficke ich dich nicht) funktionieren kann, müssen zwei Voraussetzungen gegeben sein:
A) Frauen sehnen sich nach Beziehungen und Sex mit Männern. Diese Sehnsucht ist groß, denn die Beziehungslosigkeit stellt ein Stigma dar. Dieses Stigma ist so enorm, dass Beziehungslosigkeit als Strafe empfunden wird. Ergo setzt eine Frau alles daran, eine Beziehung mit einem Mann zu haben. Im Zweifel schwört sie sogar dem Feminismus ab, um ihrem Lebensziel näher zu kommen.
B) Männer, die oben genannte Aussagen tätigen, halten sich für Hauptgewinne. Der Entzug ihrer Liebe oder ihrer Aufmerksamkeit führt bei Frauen zu schierer Verzweiflung, weshalb Frauen alles für den Mann tun werden, um ihn (zurück) zu erobern.

Rückenwind erhalten diese theoretischen Voraussetzungen z.B. von Frauenmagazinen. Darin steht nach wie vor, was eine Frau zu tun hat, um einen Mann für sich zu gewinnen. Auch das Rollenmodell der Prinzessin, die untätig im Schloss auf ihren aktiven Prinzen wartet, ist nicht tot zu bekommen. Das ändert aber nichts an der Realität. Es gibt Frauen, die ganz wunderbar ohne Beziehung leben können und wollen. Es gibt zudem Frauen, die einfach kein Interesse an Männern haben. Außerdem gibt es keine Knappheit der „Ressource Mann“. Seit meiner frühen Adoleszenz konnte ich viel Erfahrung darin sammeln, mir Typen vom Hals zu halten, die ich nicht wollte. Natürlich wurde auch ich zuweilen abgewiesen aber als Frau stellt man schnell fest: Männer sind ausreichend vorhanden.

Weil es trotzdem nicht so einfach ist – mit Liebe und Partnerschaft – wird viel hin und her analysiert. Alle paar Monate behauptet jemand, dass Frauen nur richtige, maskuline Kerle haben wollen und die ganzen „weichen“ Männer übrig bleiben. Ich halte diese Aussage für verkürzt und falsch. Ein Problem ist unter anderem, dass sich die Falschen für richtige Kerle halten. Ein Mann wird durch respektloses und dummes Verhalten nicht anziehender, sondern offenbart vielmehr den Grad seiner Arschlochigkeit. Die Frustration darüber, dass die, die sich für „ganze Kerle“ halten, im Männerangebot untergehen und alleine bleiben, wird gern umgemünzt in eine Dämonisierung des Feminismus. Womit wir wieder bei Dave Hon und seinen Freunden angekommen wären.

Sie sind die Don Quijotes unserer Gesellschaft. Ihre Windmühle ist der Feminismus. Indem sie ihn dämonisieren, machen sie sich zu Witzfiguren in einer Welt, die ganz hervorragend ohne sie zurecht kommt.

Das ist kein Feminismus, das ist Scheiß-Werbung

H&M hat für die Herbstsaison ein Video produziert und alle überschlagen sich mit Euphorie. Endlich wird die dicke, dünne, androgyne, haarige und multiethnische Frau gehuldigt, endlich bekennt sich auch H&M zum Feminismus, zur Selbstliebe und einem facettenreicheren Frauenbild.

What the fuck. Das ist kein feministisches Manifest, das ist Werbung. Ich habe selbst auch schon Werbung verlinkt, die ich tolle fand und auch ich hätte dem Clip gern euphorisch zugejubelt. Aber H&M für einen Clip zu loben, der mal nicht total beliebig und trivial ist und kein beknacktes Frauen- und Körperbild transportiert, ist als würde man Blatter dafür loben, nur die Hälfte an Schmiergeldern angenommen zu haben.

Während im Clip also in den ersten Sekunden eine dralle Frau in Unterwäsche durchs Bild läuft, schließt H&M fröhlich die Plus-Size Abteilungen in diversen Filialen. Vor kurzem erst versuchte ich, in Hamburg in der Filiale Jungfernstieg, eine Jeans in meiner großen Größe zu kaufen. Die Abteilung gab es nicht mehr. Auf meine Twitter-Nachfrage hin wurde ich auf den Filialenfinder auf der Website hingewiesen, der auf dem Handy aber nicht funktioniert. Was doof ist, wenn man beim Shopping kein WLAN-fähiges Laptop dabei hat.

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An diesem Tag bestellte ich online zum letzten Mal zwei Paar Jeans bei H&M und suche jetzt nach gut passenden Alternativen.

Als Antwort auf meinen Eintrag bei Facebook wurde mir erklärt, dass ich mit der App auch auf dem Handy Filialen mit Plus Size raussuchen kann. Ich habe das mal probiert. Leider gibt es keinen entsprechenden Filter.

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Entweder hat H&M in jeder Filiale nun auch Kleidung für Frauen mit Größe 44/46 und drüber oder sie haben diese Größen nun komplett rausgenommen, möchten dies aber nicht so klar kommunizieren. Letzteres ist mein Verdacht. Immerhin kann man noch online große Größen bestellen. Fakt ist, H&M hat in New York City alle großen Größen aus den Geschäften genommen. Das ist umso absurder, als dass die durchschnittliche Amerikanerin Größe 46/48 trägt. Ich kann mir für diese Strategie nur zwei Gründe vorstellen:

1) H&M ist nicht am Verkauf ihrer Ware an möglichst viele Menschen interessiert. Wenn ich online einkaufe, bin ich viel preisbewusster als im Geschäft. Besonders interessant ist die Verkaufsverweigerung wenn man in Betracht zieht, dass H&M schon lange nicht mehr konkurrenzlos ist. Möglicherweise glauben die entsprechenden Manager mit weniger verkaufter Ware mehr Gewinn zu machen. Das wäre dann mal eine interessante antikapitalistische Strategie.

2) H&M hat Angst, ihr Image zu verlieren, wenn sich auf einmal viele dicke Menschen in ihren Filialen rumtreiben und ihre Kleidung tragen. In diesem Fall müsste das Image mehr Wert sein, als 30% mehr verkaufte Ware (Schätzwert von mir).

Was auch immer hinter der Verweigerung von H&M steht, dicken und fetten Menschen Kleidung zu verkaufen, der Werbespot wirkt in diesem Licht wie eine höhnische und bösartige Verarschung.

H&M entdeckt den Feminismus also nur für Frauen bis Größe 44 und auch nur für Mädchen mit einem schmalen Körperbau. Meine sehr schlanke Tochter passt hervorragend in die „Jungs-Kleidung“ Größe 124 aber die Röhrenjeans und knappen T-Shirts der „Mädchen-Kleidung“ Größe 124 sitzen eng und unbequem. Was für eine verkackte Form von Feminismus ist das bitteschön, wenn schon 6jährigen das Gefühl vermittelt wird, dass sie zu breit und zu kräftig für ihre Kleidung sind? Was für kranke Idioten mit Lolita-Fantasien entscheiden bei H&M darüber, in was für einen Schnitt ein 6jähriges Mädchen passt? Das ist kein Feminismus, das ist frühkindliche Prägung für ein schlechtes Körpergefühlt. Interessanterweise passen die Kindersachen in der gleichen Größe bei C&A deutlich besser.

Und bei all der Euphorie, dass jetzt auch H&M entdeckt, dass Feminismus Trending Topic ist, vergessen wir nur zu schnell, für was für einen kleinen Kreis diese Emanzipation gilt. Nämlich nur für die Frau der reichen, westlichen Welt. Einen Dreck geben wir und gibt H&M für die Näherinnen, die dafür sorgen, dass wir die Stoff gewordenen Coolness des Feminismus an unseren hippen normschönen Körper tragen. Sehr schön hat Josefine Schummeck dazu geschrieben: Liebes H&M, auch mit langen Achselhaaren gewinnst du mich nicht zurück

Alles in allem hat mir der Clip nochmal vor Augen geführt, warum H&M scheiße ist und warum ich keinesfalls mehr dort einkaufen sollte, weder analog noch digital.

Keine Euphorie, sondern Verärgerung

Im Urlaub habe ich Lily Kings Buch „Euphoria“ gelesen. Wer den Roman noch lesen möchte, besser nicht weiterlesen, ich verrate einiges aus der Handlung.
Das Buch spielt in den 30er Jahren des 20. Jahrhundert auf Papua-Neuguinea. Ein Anthropologen-Paar (Nell und Fen) treffen während ihrer Arbeit bei verschiedenen Stämmen in der Region auf einen englischen Anthropologen (Bankson). Dabei kommt es zu einer Ménage-à-trois sowohl auf freundschaftlicher, beruflicher und sexueller Ebene. Das Buch ist wirklich spannend geschrieben, es enthält viele Informationen sowohl über die Menschen auf Papua-Neuguinea als auch über die Methodik und Geschichte der Ethnologie und Anthropologie.
Während des Lesens habe ich mich bereits gefragt, ob das Buch auf realen Personen und Kulturen basiert. Umso mehr freute ich mich über die „Auflösung“ am Ende des Buchs. Es handelt sich um eine fiktionale Geschichte, die inspiriert ist, von der einige Monate dauernden Zusammenarbeit von Margaret Mead, Reo Fortune und Gregory Bateson am Sepik Fluss im Jahr 1933.

Ich recherchierte also nach Margaret Mead, von der ich bis dahin noch nie etwas gehört hatte und war begeistert. Mead war eine erfolgreiche und berühmte Anthropologin mit einer sehr interessanten Lebensgeschichte. In „Euphoria“ wird aus einer realen
Figur, die sich in ihrer Forschung u.a. auf Sexualität und die Konstruktion von Geschlechterrollen konzentriert hat, die ganz offenbar ihr Leben stark selbst bestimmt hat und drei Mal verheiratet war, ein Opfer. In der Geschichte ist ihr Ehemann (Fen) gewalttätig und eifersüchtig auf ihren Erfolg. Dem gegenüber ist ihr Liebhaber und Verehrer Bankson verständnisvoll aber auch nicht stark genug, um sie zu retten. Am Ende stirbt die schwangere Nell an Blutungen, die wahrscheinlich durch ihren Ehemann verursacht wurden. Aus ihren Manuskripten jedenfalls geht hervor, dass sie sich trennen wollte. Die Geschichte selbst wird aber nicht von Nell, sondern von ihrem Geliebten Bankson erzählt. Lediglich Fragmente aus ihren Notizbüchern lassen direkte Rückschlüsse auf Nells Perspektive zu.

2015 hielt ich auf der re:publica einen Vortrag über das Fremdgehen. Darin stellte ich die These auf, dass in Filmen und Büchern Frauen, die fremd gehen, immer oder zumindest sehr häufig sterben müssen. Ich könnte mich darüber freuen, dass meine These in einem Buch, das 2014 erschien,
bestätigt wird. Ehrlich gesagt aber ärgere ich mich. Darüber, dass spannende, weibliche Persönlichkeiten nach wie vor in kulturellen Werken zurechtgestutzt werden, damit sie auf keinen Fall ein Rollenmodell werden, sondern ein Mahnmal dafür, was mit selbstbestimmten Frauen passiert.