Keine Ahnung wie es dem deutschen Feminismus geht, aber ich bin dabei

Neulich las ich in einem Blog: ich bin keine Feministin aber…

Genervt klickte ich weg. Zugegebenermaßen war das unfair von mir, denn bis vor wenigen Jahren war ich geradezu persönlich beleidigt, wenn mich jemand Feministin nannte und teilweise versuchte ich meinem Gegenüber mit Argumenten zu belegen, dass ich eben keine Feministin oder gar Emanze bin.

Ich fühlte mich stark und gleichberechtigt und glaubte, dass es in unserer Gesellschaft eigentlich nicht mehr viel für uns Frauen zu kämpfen gibt. Diejenigen, die daran scheiterten, Job und Familie zu verbinden hielt ich für unfähig und war mir sicher, dass es mir leicht fallen wird, mich in einem männliche geprägten Arbeitsumfeld durchzusetzen, Kinder zu erziehen, eine Ehe zu führen und dabei schlank und schön durch meine Lätta-Welt zu hüpfen.

Lustigerweise habe ich über die Jahre tatsächlich viele meiner Lebenträume umgesetzt. Das ändert nichts daran, dass ich die Situation jetzt völlig anders bewerte und mich als Feministin bezeichne.

Es heißt ja Feminismus und nicht Alice-Schwarzerismus

Zuweilen könnte man den Eindruck haben, dass der deutsche Feminismus ausschließlich von Alice Schwarzer geprägt, bespielt und kontrolliert wird. Sie hat tatsächlich die Dominanz eines Mammutbaums in einem kleinen japanischen Steingarten. Aber sie ist nicht der Feminismus.

Bei vielen Dingen, die auf Alice Schwarzer zurückgingen, wie der PorNo-Kampagne oder ihren Schriften über “richtigen” Geschlechtsverkehr unter feministischen Gesichtspunkten sah ich mich nicht repräsentiert. Auch der nahezu ironie- und witzfrei Schreibstil der Emma ließ mich selbst bei interessanten Titelthemen den Kauf verweigern.

Meine damalige Schlußfolgerung, dass Feminismus nichts für mich ist, weil ich mit Alice Schwarzers Ideen nicht immer konform gehe, halte ich im rückblickend für wenig reflektiert bis dumm.

Das schlimme F-Wort

Aber nicht nur der Alice-Schwarzerismus ließ mich fern bleiben von allem Feministischen, sondern auch eine sehr gelungene negative Marketing-Strategie. Offenbar hat es hervorragend funktioniert, nur oft genug zu wiederholen, dass Feministinnen oder Emanzen häßliche, böse und unfickbare Weiber sind.

Einer Frau, die für Gleichberechtigung eintritt, wird sofort jede positive weiblichliche Charakteristik abgesprochen. In der aktuellen Sexismusdebatte wird dieses Programm auch wieder rauf und runter gespielt. Das führt zuweilen zu so absurden Behauptungen, wie die Sorge davor, dass Erotik verloren geht, wenn man Frauen nicht mehr einfach so an den Po fassen darf.

Anstatt mir lachend weiter die Fußnägel zu lackieren und darauf hinzuweisen, dass der Pograbscher eines Mannes, der unfähig ist, Signale korrekt zu deuten, so viel mit Erotik zu tun hat, wie eine Karnevalssitzung mit Humor, glaubte ich wirklich, dass ich als Feministin Weiblichkeitspunkte verlöre.

Weiblich, zickig sucht

Und dann gibt es ja auch noch diese anderen Frauen. Womöglich ist die ewige Betonung der Zickigkeit von Frauen – vor allem untereinander – auch eine langjährige Negativ-Kampagne. Aber in den Tat habe ich zuweilen den Eindruck, dass Frauen sich selbst ihr größter Feind sind.

Keine Ahnung, ob es daran liegt, dass Frauen sich lieber an diejenigen mit Macht schmiegen als sie für sich und ihr Geschlecht zur Hälfte einzufordern.

Vielleicht verursacht der Wunsch, möglichst lange auszusehen wie ein Teeny – Random Fact: es gibt ein Workout, das Frauen Teeny Tiny machen soll – auch eine intellktuelle Stagnation. Reife – und damit einhergend Besonnenheit, Reflektion usw. – ist im weiblichen Kontext meist eher ein Schimpfwort als ein Ausdruck der Anerkennung.

Im Internet gibt es unter Frauen natürlich auch Zickereien. Aber persönlich habe ich festgestellt, dass es mir “online” deutlich leichter fällt, Frauen gegenüber Anerkennung auszudrücken, mich mit anderen Frauen zu solidarisieren und den Konkurrenzgedanken durch einen Kooperationsgedanken zu ersetzen. Schließlich kann ich nicht jeden guten Text allein schreiben. Und Texte von Männern decken oft nur ein Teil meiner Interessen ab oder haben eine Perspektive auf Dinge, die für mich nur mäßig spannend ist.

Wenn ich gute Texte lesen möchte, dann muss ich sie suchen. Das gelingt am besten, indem ich Frauen mit ähnlichen Interessen bei Twitter, auf Facebook und bei quote.fm folge. Indem ich Blogs lese und dort Empfehlungen nachgehe.

Gleichzeitig sehe ich es als meine Pflicht, auf gute Texte hinzuweisen, wäre ja schade, wenn ich mich mit niemandem darüber austauschen kann. Und da ich mich selbst über Zuspruch und Lob freue, ist es im Grunde nur logisch, dass ich Zuspruch und Lob auch bei anderen ausdrücke.

So lese ich begeistert von und über Frauen von denen ich weiß, dass wir uns in einem Café sitzend nichts zu sagen hätten und innerlich die Nase über Auftreten und Habitus der jeweils anderen rümpfen würden. Aber im Internet nivelliert sich vieles und wird irrelevant. Im besten Fall wirkt sich dieses leben, leben lassen und solidarisieren auch irgendwann im Café, auf der Arbeit und in der Krabbelgruppe aus.

Internet und Feminismus – geht es auch was konkreter?

Ellebil verlinkte neulich eine Rezension von Miriam Gebhardts Buch Alice im Niemandsland. Wie die deutsche Frauenbewegung die Frauen verlor.

Die Hauptthese des Buchs scheint zu sein:

Würde man die interessante These als Diagnose lesen wollen, könnte man den Grund für den Verlust der Frauen seitens der Frauenbewegung in der fehlenden intellektuellen Ausstrahlung des öffentlichen Feminismus suchen. Damit trifft die Historikerin einen wichtigen Punkt des Phänomens, der meines Erachtens durch die Betrachtung eines dazugehörigen Aspekts ergänzt werden sollte. Für das Fehlen eines intellektuellen Feminismus in der Öffentlichkeit ist nicht nur das angebliche Elitebewusstsein der Akademikerinnen verantwortlich, sondern auch ein öffentlicher Verdacht gegenüber (politischer) Intellektualität, der in der BRD in einer gewissen Tradition steht und der sich zur Zeit unter anderem in der Transformation der Universität zu einer praktisch orientierten Ausbildungsstätte äußert.

Und da musste ich lachen. Offenbar hat Frau Gebhardt einfach mal die Ausstrahlung – akademischer, semiakademischer oder nicht-akademischer – Veröffentlichungen im Internet auf den öffentlichen Feminisums ignoriert.

Ohne empirische Daten vorlegen zu können, habe ich den Eindruck, dass es selten so breit gefächerte, spannende, länderübergreifende feministische Diskurse gab wie die, die im Netz stattfinden und dass es ein großes Interesse und eine hohe Diskussionsbeteiligung gibt.

Keine Ahnung ob es einen Verein Frauenbewegen e.V. gibt, bei dem kein Mensch mehr Mitglied sein möchte, aber ich sehe einen großen Zulauf bei feministischen Themen. Offenbar ist das Interesse so groß, dass Jan Fleischhauer Text um Text veröffentlicht, in der Hoffnung, diesen Frauenkram irrelevant zu schreiben.

Mich persönlich konnte vor allem Antje Schrupp mit ihren doktrinfreien und menschbezogenen Feminismus aus meiner Schmollecke abholen. Aber auch die frühen Jahre der Mädchenmannschaft oder Feministing waren für mich Startpunkte, von denen ich dann auf Themen, Theorien, Texte, Links und Blogger stieß.

So wurde mir bewusst, wie spannend und wichtig das Thema ist und dass es sich lohnt, sich selbst einzubringen, wenn es darum geht, Gleichberechtigung in der Gesellschaft zu etablieren. Und das bedeutet für mich eben auch ganz klar zu sagen, dass ich Feministin bin – eine, die jetzt ihre Fußnägel lackieren geht.

Welche Blogs ich lese und warum: Kluge Blogs

Ich halte eigentlich alle Blogger, die ich gern lese für kluge Menschen, daher ist meine Wortwahl wohl etwas misslungen. Da ich aus der Nummer aber ohnehin nicht mehr elegant rauskomme, belasse ich es dabei und konzentriere mich auf die zwei Blogs, von denen ich in diesem Zusammenhang besonders schwärmen möchte.

Auf das Blog von Antje Schrupp stieß ich vor circa 1,5 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt glaubte ich, mit dem Feminsmus und den diversen Gender-Gedöns abgeschlossenen zu haben.

Das waren Sachen aus dem Studium, die für mein aktuelles Dasein keine Relevanz hatten. Ich hatte Mann, Kinder, einen Job und irgendwie ein ganz schickes Leben, wofür sollte ich mich mit Emanzipation, Geschlechterdefintion und feministischen Theorien auseinandersetzten?

- Weil es wahnsinnig spannend und nach wie vor wichtig ist.

Wer in Frau Schrupps Blog mal gestöbert hat, wird feststellen, wie interessant, relevant und vor allem vielseitig das Thema ist. Darüber hinaus mag ich ihren menschenfreundlichen Ansatz.

Es geht ihr nicht um Ausgrenzung oder Differenzierung, sondern mir scheint, dass ihr gerade die Vereinbarkeit von Männlichkeit und Weiblichkeit, von Familie und Beruf, von Theorie und Praxis, von Profanem und Sakralem oder von Digitalem und Realem ein besonderes Anliegen ist.

Ich freue mich jedes Mal über die Leichtigkeit mit der sie die extrem komplexen Themen angeht und sie in ihren Texten so runterbricht, dass sie leicht verständlich und vor allem unterhaltsam sind. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass man am ehesten die Welt ändern oder verbessern kann, wenn man die Menschen dort abholt wo sie sind und nicht durch Zwang und Angst in die gewünschte Ecke treibt.

Ein wenig beängstigend finde ich indessen, dass Frau Schrupps Texte regelmäßig Anker in meinen Kopf setzen. Wenn meine Kinder krank sind, muss ich immer an den letzten Satz in diesem Text denken, vor allem weil ich nur schwer Arbeit und kranke Kinder verbinden kann.

Und auch der Text über den Tod von Cesaria Evora hallt mir immer wieder durch den Kopf und flüstert mir ins Ohr, doch mal etwas königinnenhafte Souveränität auszustrahlen.

Antje Schrupps Texte sind nachhaltig, über diese Buchrezension zum Thema Geborensein habe ich nicht nur viel nachgedacht, sondern ich hatte beim Lesen einen dieser Aha-Effekte. Schließlich war ich bis dahin auch eher der Meinung gewesen, dass Kinderaustragen ein notwendiges Übel ist.

Überhaupt bin ich ein großer Freund von Antje Schrupps Buchrezensionen. Ganz einfach, weil ich die Bücher nicht lesen würde, aus Zeitmangel aber auch aus Faulheit und zuweilen Desinteresse.

Umso mehr freue ich mich darüber, dass sich jemand die Mühe macht, die Quintessenz herauszuarbeiten und mich in manchen Fällen dann sogar doch noch dazu bewegt, eine Bücherbestellung zu tätigen.

Sehr empfehlenswert ist übrigens auch Antje Schrupps Zweitblog Über Liebe und Freiheit. Eine Sammlung.

In der Schule gab es so “Meine Besten Freunde” Bücher. Darin sollte man aufschreiben, welche Filme, Bücher, Lieder man besonders gern mochte. Je nach dem wer gerade Objekt meiner Euphorie war, schrieb ich dann gern Dinge wie “Alles von Madonna” oder “Alle Filme mit Keanu Reeves” oder “Alles von John Irving”.

Und würde ich heute nach meinem Lieblingsblog gefragt, würde ich wohl unter anderem schreiben: alles von Stefan Niggemeier. Und das ist viel, man findet ihn unter anderem hier, hier oder auch hier.

Besonders eigenwillig ist meine Begeisterung für Stefan Niggemeier sicherlich nicht, zählt der Gründer und Herausgeber des BILDblogs doch zu den bekanntesten und verehrtesten Bloggern von dem selbst einige meiner webfremden Freunde und Bekannten mal was gehört oder zumindestens was (gedrucktes) gelesen haben.

Der ausgesprochen flauschige und freundliche Herr Niggemeier wirkt zunächst als könnte er keiner Fliege etwas zuleide tun. Wahrscheinlich tötet er auch keine Fliegen, was ihn aber nicht davon abhält, ganz höflich und respektvoll und in wunderbar gepflegter Sprache die Dummheiten von einzelnen Menschen, Sendern und Medienanstalten oder Themenheften der Zeit zu sezieren.

Ganz besonders entzückt bin ich immer wieder davon, wie er mit einfachsten Mitteln, die Absurdität der Dinge aufzeigt. Zum Beispiel reicht die Transkription der Bushido-Dankesrede völlig aus, um die tiefe Idiotie dieses Menschen zu offenbaren.

Und die Tabellen erst. Herr Niggemeier ist das Gegenteil eines Zauberers. Er fasst und schreibt gründlich die Fakten zusammen und verblüfft dann mit den logischen Schlussfolgerungen viel mehr, als man es mit einem Taschenspielertrick könnte.

Naja und dann gibt es ja auch noch das Os-/Dus- und hoffentlich auch bald Bakulog, das Niggemeier zusammen Lukas Heinser macht.

Der Mann und ich haben uns jeden Abend darauf gefreut, es im Bett zusammen zu gucken. Ständig sind die Kinder aufgewacht, weil einer von uns laut losgelacht hat. Wegen der Kinder hören wir auch nach wie vor Rockefeller Street und noch mehr als ein Jahr später sehe ich vor meinem inneren Auge Lukas Heinser wild Fähnchen schwingend durch das Pressezentrum hopsen.

Irgendwie scheint es also egal zu sein, was Herr Niggemeier macht, es wird alles Gold oder zumindest gute und kluge Unterhaltung.

Weiter geht es dann in ein, zwei, drei Tagen, Wochen oder Monaten mit der nächsten Kategorie “Haben auch Kinder”.

Neutral ist die Seife

In der 6. Klasse bin ich mal auf ein Kind aus der Parallelklasse zugegangen und habe gefragt: “Bist Du ein Junge oder ein Mädchen?”

Eine Woche lang habe ich die große Pause damit verbracht, Indizien für das eine oder andere Geschlecht zu finden. Meine Klassenkameraden konnten mir auch nicht helfen und so ging ich fragen. Anja war ein Mädchen und nicht sonderlich glücklich über meine Frage.

Sicherlich hatten die Eltern von Anja eher über den praktischen Nutzen einer Kurzhaarfrisur nachgedacht, als über geschlechtsneutrale Erziehung.

In der aktuellen Nido gibt es allerdings einen Artikel über Geschlechtsneutralisierung nicht aus praktischen, sondern eher ideologischen Gründen.

Darin wird die Schwedin Malin Björns mit ihrem Kind Charlie vorgestellt. Sie verrät niemanden das Geschlecht ihres Kindes, um es ohne Geschlechterrolle aufwachsen zu lassen. Im Anschluss an den Bericht folgt ein Interview mit Marianne Grabrucker und ihrer Tochter Annemarie Grabrucker. Frau Grabrucker hat in den 80ern ebenfalls versucht, ihre Tochter geschlechtsneutral zu erziehen.

Da ich der Meinung bin, dass im Grund alle Eltern an ihren Kindern rumexperimentieren

– “wie gedeiht mein Kind ohne Fleisch”, “bei uns gibt es nur Plastikspielzeug”, “meine Kinder werden ausschließlich von Ralph Lauren eingekleidet”, “bei uns gibt es nur handgemachte Watteengel”, “wir feiern nur Hinduistische Feiertage”, “ich lasse eine Webcam laufen, so dass jeder 24 Stunden Familienleben sehen kann” -

möchte ich die Ansätze von Frau Malin Björn oder Marianne Grabrucker nicht verurteilen. Ich glaube, es gibt Schlimmeres als eine geschlechtsneutrale Erziehung.

Das ändert aber nichts daran, dass ich das Konzept grundsätzlich bescheuert und kontraproduktiv finde.

Sowohl Frau Grabrucker als auch Frau Björns möchten, dass ihre Kindern möglichst frei von Geschlechterzwängen aufzuwachsen. Malin Björn:

“Wichtig ist, dass ich meinem Kind verständlich machen kann, dass es mehr gibt als das (Geschlecht). Dass es die Wahl hat – egal, ob bei der Kleidung, beim Sport oder in der Schule.”

Grundsätzlich kann ich diesem Satz 100% zustimmen. Aber warum muss ich dafür geschlechtsneutral erziehen?

Würde man den Gedanken konsequent weiterentwickeln müsste das doch heißen, dass man allen Kindern eine Uniform anziehen, die Haare rasieren und eine Maske aufsetzten müsste, denn nur ist wirklich gewährleistet, dass nichts Äußerliches den Blick auf den Charakter einer Person behindert.

Ein weiterer Aspekt stört mich an dem Ansatz der geschlechtsneutralen Erziehung: Das Bild der Weiblichkeit.

Beide Frauen sprechen darüber, dass in unserer Gesellschaft Weiblichkeit negativ bzw. Männlichkeit positiv besetzt ist.

“Waren Sie froh, wenn sie erklärte, ein Junge zu sein?
Marianne Grabrucker: Im Gegenteil: Ich war entsetzt. Weil sie das nur im Kontext von “besser, toller, schneller” sagte.”

Wenn man aus der Tatsache, dass Männlichkeit als etwas sehr Positives gesehen wird, folgert, dass man sein Kind besser neutral erzieht, spielt man das Spiel nicht nur mit, man pervertiert es gar.

Viel naheliegender, sinnvoller und freudvoller erscheint mir, dem Kind – egal ob Mädchen, Junge oder Zwitter – zu vermitteln, dass sein Geschecht toll ist und es gleichzeitig (unabhängig vom Geschlecht) erreichen kann, was es möchte.

Letztlich darf man auch nicht vergessen, dass ein Kind bei der Geburt eine bereits bestehende Gesellschaft vorfindet. Um in dieser zurecht zu kommen oder auch um sie ggf. zum Besseren hin zu verändern, muss es die Gesellschaft, die Codes, die Subtexte kennen und verstehen.

So gesehen musste Trapattoni bei seinen schlechten Sprachkenntnissen als Trainer des FC Bayern scheitern. Die Vorstellung eines Geschlechts-Trapattonis ist für ein Kind sicherlich nur mäßig amüsant.

Und überhaupt, wer kommt eigentlich auf die Idee, etwas so schönes, spannendes, interessantes und vor allem essentielles wie das Geschlecht einfach mal für nichtig zu erklären?

Der Fehler liegt woanders, nicht zwischen den Beinen.

Mit Freudlosigkeit wird die Welt ganz sicher nicht gerettet

In meinem Leben gibt es zwei 90jährige. Meine Tante E. und meine Großmutter G.

Wenn man mit meiner Tante E. telefoniere, führen wir stets unterhaltsame Gespräche. Sie genießt es mit jungen Menschen – wie sie alles über 30 Jahre nennt – zu sprechen. Sie ist fröhlich, macht sich über sich und Ihre Krankheiten sowie diverse anderen ältere Menschen lustig und nimmt regen Anteil am Leben ihrer Gesprächspartner.

Außerdem kann sie zu jedem Reiseziel von dem ich ihr berichte, eine Anekdote aus Ihrer Reisezeit von vor 40 Jahren beisteuern. Um sie zu besuchen, nehme ich gern eine weite Fahrt in Kauf und dann sitzen wir in einem feinen Jugendstilhotel an der Mosel, trinken Milchcafe und essen Kuchen.

Meine Großmutter G. ist risikophob und hat sich zum erklärten Ziel gemacht, den Tod zu überlisten. Das führt zu einer regiden Ernährungs- und Lebenspolitik. Kein Fleisch, wenige Süßes, nur Rohkost, im Bus und Zug – des Unfallriskos wegen – sitzt sie nur ganz hinten, sie reist nur an bekannte nahliegende Orte und überhaupt lauert ihrer Meinung nach überall die Gefahr.

Das würde mich wahrscheinlich nur langweilen aber geradezu aggresiv macht mich ihr Wille, anderen Menschen diese Lebensweise als einzigst Mögliche anzudrehen. Ich besuche sie nur selten und dann meist aus einem schlechten Gewissen heraus.

Ich mag es einfach nicht bevormundet zu werden. Von niemandem, unter keinen Umständen.

Und damit kommen wir zum eigentlichen Thema. Seit einiger Zeit verfolge ich das ein oder andere Blog, das sich mit feministischen Themen befasst. Ganz einfach, weil ich eine Frau bin und es mich deutlich mehr interessiert, als die schalen Themen in diversen Frauenmagazinen. Kurz: Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist spannender als aktuelle Lippenstiftfarben.

Die ganze Diskussion um Noah Sow (Noah Sows Blogeintrag, Nadine Lantzsch Kommentar zu Noah Sows Blogeintrag und Malte Weldings Kommentar zu Noah Sow und Nadine Lantzsch) fand ich nur so mittelspannend aber in ihr spiegelt sich die Problematik einer bestimmten feministischen Richtung.

Ich nenne sie gern die “Wenn-Du-Feministin-Bist-Dann-Musst-Du-Richtung”.

Lange vorm Internet las ich ab und an die Emma, vor allem wegen der Cartoons von Franziska Becker und weil meine Mutter sie ab und an kaufte.

Meist legte ich sie schnell wieder weg, der aggresiv-anklagende Ton und der Alice-Schwarzer-Zentrismus langweilte und nervte mich.

Die PorNO-Kampagne und überhaupt die für mich nicht nachvollziehbaren Theorien zur heterosexuellen Sexualität ließen mich mein Interesse am Feminismus – den ich fälschlicherweise mit dem Feminismus der Alice Schwarzer gleichsetzte – komplett verlieren.

Wie ich schon sagte, ich möchte nicht bevormundet werden, schon gar nicht bei lustvollen Themen wie Sex und Essen.

Dank des Internets habe auch ich – eine lange Leitung meinerseits vorausgesetzt – mitbekommen, dass es anderen Strömungen gibt, die mir nicht sagen, was ich tun oder sein-lassen muss, um zur Feministinnen-Gruppe zu gehören.

Das Ziel sollte ja auch vielmehr eine angenehme, gleichberechtigte und respektvolle Koexistenz aller Menschen unabhängig von Geschlecht, Farbe, sexueller Orientierung, Nahrnungsvorlieben, Haustierleidenschaften usw. sein, entsprechend macht es keinen Sinn alte harte Strukturen mit neuen harten Strukturen auszutauschen.

Die Texte, die mich am meisten berührten oder gar etwas in mir veränderten, waren selten aggresiv oder besserwisserisch sondern interessant, gut geschrieben, fröhlich, ausgleichend, lebensbejahend und/oder witzig.

Denn jeder, der in einem Streit mal erlebt hat, dass der Partner einen anschreit “Nimm mich in den Arm, Du häßliche/r PennerIn!” weiß, dass dies selten zu einer Umarmung geführt hat.

Genausowenig wird die Welt durch Empörung besser, es wenden sich höchstens Menschen ab, die man eigentlich schon auf seiner Seite hatte.