Wie ich meiner Tochter was vorlas und dann einen feministischen Rant schrieb

Ich habe der Tochter neulich vor einer Reise ein Heft von Sofia, die Erste gekauft. Weil sie gerade erst lesen lernt, habe ich ihr Teile daraus vorgelesen. In dem Hauptcomic geht es um Sofias Stiefschwester Amber. Amber hat einen Zwillingsbruder namens James. Sie findet es doof, dass sie immer zusammen Geburtstag feiern müssen und will ihn zwei Monate jünger zaubern lassen. Der Zauberer macht einen Fehler und James ist nun zwei Jahre alt. Kaum ist der Bruder zum Kleinkind geworden, tapert er los und ist auf einmal verschwunden. Besorgt suchen Sofia und Amber nun nach dem verlorenen Kleinkind. Am Ende singt Amber ein Lied, dass sie früher zusammen mit ihren Bruder gesungen hat und der kleine Junge wird davon angelockt und taucht wieder auf. Voller Reue bittet Sofias Freundin nun den Zauberer, ihren Bruder wieder groß zu zaubern. Alle haben sich lieb.

image

Obgleich ich ein großer Freund von Harmonie, Friedlichkeit und miteinander klar kommen bin, hat mich dieser Comic total wütend gemacht. Warum in aller Welt können kleine Mädchen nicht mal was Spannendes erleben? Warum müssen sie sich um (klein gezauberte) Brüder kümmern? Warum ist das Aufregendste im Leben einer Prinzessin eine Geburtstagsparty? Neulich las ich einen Text über Hörspielhelden wie Bibi Blocksberg, TKKG oder Benjamin Blümchen. Dabei musste ich daran denken, dass Conny, Prinzessin Lillifee und Bibi Blockberg Figuren sind, die auch das Wahlprogramm der CSU vermarkten könnten. Spießig, brav, angepasst, konservativ, salonfähig xenophob, und immer voller Reue, wenn mittels der eigenen besonderen Fähigkeit die Kompetenzrichtlinien überschritten wurden. Gerade bei Bibi Blocksberg ärgert mich immer wieder ihre Verweigerung zu hexen. Sie könnte viel Gutes, Schlechtes, Spannendes oder Unheimliches tun und erleben, aber statt dessen ist ihr Fernziel die gesellschaftliche Anpassung trotz ihrer Hexenfähigkeiten. Das spannendste weibliche Rollenmodell für Kinder in der Mainstreamkultur ist Pippi Langstrumpf. Das heißt seit 71 Jahren ist nicht groß was Neues und Aufregendes hinzugekommen. In den Geschichten mit vorrangig männlichen Figuren wie Ninjago, Nexo Knights oder Pokémon geht es indessen um kämpfen, reisen, Prüfungen bestehen und oft um nichts Geringeres als die Rettung der Welt.

Während ich meiner Tochter aus der Cliché-Welt von Sofia vorlas, musste ich an Orna Donaths Buch Regretting Motherhood – Wenn Mütter bereuen denken. Man muss seine Mutterschaft nicht bereuen, um nachvollziehen zu können, dass Mutterschaft in unserer Gesellschaft mythisch überhöht wird und wenig mit der Realität zu tun hat. Ich erinnere mich gut, wie ich mich gefreut hatte, endlich ein Kind zu bekommen. Als mein Sohn da war, fühlte ich mich, als wäre ich mit ihm auf einer einsamen Insel ausgesetzt worden. Ich hatte das Gefühl geistig zu veröden und gleichzeitig musste ich 24 Stunden am Tag zur Verfügung stehen. Fühlte ich mich schon während der Schwangerschaft und der Geburt kontrolliert und überwacht (Gewicht, Herztöne, Nahrung), so fühlte ich mich nach der Geburt allein gelassen mit dem Kind, wurde aber gleichzeitig von den Standards der „guten Mutter“ überwacht. Ich habe in den Monaten der Elternzeit Wege für mich gefunden, gut damit umzugehen. Aber ich verstehe jetzt jede Frau mit einer postnatalen Depression oder dem Gefühl, die Mutterschaft zu bereuen. In unserer Gesellschaft ist Mutterschaft sehr eng verbunden mit der Erwartung an eine weibliche Selbstaufgabe.

Herbert Renz Polster hat in seinem wirklich sehr empfehlenswerten Buch Kinder verstehen analysiert, dass unser gesellschaftliches Konstrukt der Kleinfamilie (die Idee von Mutter-Vater-Kind ist nämlich mitnichten natürlich oder gottgegeben) häufig dazu führt, dass Schwangere und Mütter vom gesellschaftlichen Leben isoliert werden oder sich isoliert fühlen. In Gesellschaften mit Clanstrukturen ändert sich durch eine Schwangerschaft oder die Mutterschaft wenig für die Frauen. Sie gewinnen ggf. an Ansehen, verlieren aber nicht ihre Aufgaben oder gesellschaftliche Stellung. Durch die Anwesenheit vieler Bezugspersonen wird die Mutter zudem entlastet und nicht durch die Monopolstellung als Mutter-Bezugsperson überlastet.
Bei uns wird die Frau mit Kind zur Mutti. Jemand der sich kümmert und arbeitet aber gleichzeitig nicht besonders ernst genommen wird. Muttis kommen nicht ins Feuilleton, sie schreiben Blogs und Bücher für andere Muttis. Sie sind eng mit dem Privaten verbunden und sobald es politisch wird, sind sie nur als Zaungäste geladen. Ich möchte mich jedes Mal übergeben, wenn Männer z.B. Entscheidungen über Abtreibung fällen. Ich denke da immer: kein Uterus, keine Ahnung. Wenn die Frau nicht zeitnah wieder Vollzeit arbeitet, wird sich ihre berufliche Stellung stark ändern. Beruflich wird sie eine Teilzeitmutti ohne Karrierechancen, dafür mit kleinerem Gehalt und mit einem dauerhaft schlechtem Gewissen gegenüber der Arbeit und der Familie sein. Oder sie bleibt Hausfrau und wird belächelt. Das Berufsbild der Hausfrau hat in etwa den gesellschaftlichen Status eines Opel Corsas: fährt aber ist nicht erstrebenswert. Steven Nelms hat errechnet, was die Arbeit einer Hausfrau kosten würde, wenn diese von Dienstleistern übernommen werden würde. Eine Hausfrau käme damit auf ein (konservativ geschätztes) jährliches Gehalt von 67.800$ (ca 60.000€).

Das heißt, die wirtschaftliche Kraft der Arbeit einer Hausfrau entspricht einem mittleren Managementgehalt. Dagegen ist das Gehalt in der Elternzeit (maximal 21.600€ jährlich aber auch nur für einen begrenzten Zeitraum) ein Trostpflaster. Wie ist es also möglich, dass Frauen willig diese Carearbeit machen und keinen Cent dafür erwarten? Es gibt genug Leute, die behaupten, die Pflege und Sorge für Kinder und Angehörige läge in den Genen der Frau. Die Reaktionen auf Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen, offenbaren beängstigend deutlich, wie tief verankert die
Vorstellung ist, das Frauen von Natur aus Mutter sein wollen und können. Einer Frau, so wird es vermittelt, ist die mütterliche Selbstaufgabe in die Wiege gelegt. Nach zwei Kindern und 39 Jahren auf der Welt kann ich nur annehmen, dass ich entweder einen Gendefekt habe oder dass es sich dabei um eine absurde Behauptung handelt. Eine Behauptung, die dazu führt, dass Frauen oft nicht nur Lohnsteuer zahlen, sondern auch kostenlos die Pflegearbeit in der Gesellschaft übernehmen. Dass diese Arbeit im konkreten gern belächelt und kleingeredet wird, setzt dem ganzen ein Krönchen auf. Ich merke immer wieder wie selbstverständlich über die mütterliche Arbeitskraft verfügt wird, wenn ich mich nicht für Kuchenbüffets oder Dienste bei Schulfesten melde. Neulich wurde mir drei Mal eine Liste gereicht, weil ich mich noch nicht eingetragen hatte. Beim vierten Mal wäre ich vielleicht eingeknickt. Gleiches gilt für Putzdienste. In der Kita einer Freundin müssen die Eltern alle paar Wochen samstags putzen. Ich habe dort noch nie einen Mann gesehen. Offenbar zählt putzen nur bei Frauen zur Freizeitgestaltung.

Wobei wir wieder bei Sofia der Ersten wären. Denn auch sie organisiert am liebsten Geburtstagsfeiern oder Übernachtungspartys. Sie ist eine Augenweide, sie vermittelt, vergibt, hat Verständnis, kuschelt und liebt. Sie ist Prinzessin aber sie regiert nicht und trifft nur Entscheidungen im privaten Bereich. Meine Tochter schaut sich also bereits mit 6 Jahren ein Heft (oder eine Serie) an, mit der sie auf ihre gesellschaftliche Rolle vorbereitet wird. Der Mythos der selbstlos-sorgenden Frau wird so aufrecht erhalten und soll wohl dafür sorgen, dass meine Tochter auch in 20 Jahren nicht auf die Idee kommt, dass irgendwas falsch läuft, wenn von ihr erwartet wird, ohne Geld und Anerkennung ein Maximum an Pflegearbeit zu leisten. Sie kann sich dann auf den jährlichen pathosbeladenen Muttertag freuen und sich die 363 restlichen Tage des Jahres erklären lassen, wofür eine Frau von Natur aus gemacht ist.

Das Jammern der Don Quijotes

Dave Hon hat vor kurzem geschrieben, warum er keine Feministin zur Freundin haben möchte. Von all der digitalen und analogen Trollerei sind es solche Äußerungen, die mich tatsächlich mal amüsieren.

Welche Motivation hat ein Mann, wenn er sich an den Computer setzt und schreibt, dass er keine Feministin heiraten würde? Was für eine Idee liegt den Kommentaren zugrunde, in denen Feministinnen als schlechte Partnerinnen dargestellt werden? Hintergrund kann ja nur sein, Frauen durch den Entzug von Liebe, Sex oder der Aussicht auf eine Beziehung zu bestrafen. Damit diese Strafe (ich ficke keine Feministin) oder Drohung (wenn du Feministin bist, ficke ich dich nicht) funktionieren kann, müssen zwei Voraussetzungen gegeben sein:
A) Frauen sehnen sich nach Beziehungen und Sex mit Männern. Diese Sehnsucht ist groß, denn die Beziehungslosigkeit stellt ein Stigma dar. Dieses Stigma ist so enorm, dass Beziehungslosigkeit als Strafe empfunden wird. Ergo setzt eine Frau alles daran, eine Beziehung mit einem Mann zu haben. Im Zweifel schwört sie sogar dem Feminismus ab, um ihrem Lebensziel näher zu kommen.
B) Männer, die oben genannte Aussagen tätigen, halten sich für Hauptgewinne. Der Entzug ihrer Liebe oder ihrer Aufmerksamkeit führt bei Frauen zu schierer Verzweiflung, weshalb Frauen alles für den Mann tun werden, um ihn (zurück) zu erobern.

Rückenwind erhalten diese theoretischen Voraussetzungen z.B. von Frauenmagazinen. Darin steht nach wie vor, was eine Frau zu tun hat, um einen Mann für sich zu gewinnen. Auch das Rollenmodell der Prinzessin, die untätig im Schloss auf ihren aktiven Prinzen wartet, ist nicht tot zu bekommen. Das ändert aber nichts an der Realität. Es gibt Frauen, die ganz wunderbar ohne Beziehung leben können und wollen. Es gibt zudem Frauen, die einfach kein Interesse an Männern haben. Außerdem gibt es keine Knappheit der „Ressource Mann“. Seit meiner frühen Adoleszenz konnte ich viel Erfahrung darin sammeln, mir Typen vom Hals zu halten, die ich nicht wollte. Natürlich wurde auch ich zuweilen abgewiesen aber als Frau stellt man schnell fest: Männer sind ausreichend vorhanden.

Weil es trotzdem nicht so einfach ist – mit Liebe und Partnerschaft – wird viel hin und her analysiert. Alle paar Monate behauptet jemand, dass Frauen nur richtige, maskuline Kerle haben wollen und die ganzen „weichen“ Männer übrig bleiben. Ich halte diese Aussage für verkürzt und falsch. Ein Problem ist unter anderem, dass sich die Falschen für richtige Kerle halten. Ein Mann wird durch respektloses und dummes Verhalten nicht anziehender, sondern offenbart vielmehr den Grad seiner Arschlochigkeit. Die Frustration darüber, dass die, die sich für „ganze Kerle“ halten, im Männerangebot untergehen und alleine bleiben, wird gern umgemünzt in eine Dämonisierung des Feminismus. Womit wir wieder bei Dave Hon und seinen Freunden angekommen wären.

Sie sind die Don Quijotes unserer Gesellschaft. Ihre Windmühle ist der Feminismus. Indem sie ihn dämonisieren, machen sie sich zu Witzfiguren in einer Welt, die ganz hervorragend ohne sie zurecht kommt.

Das ist kein Feminismus, das ist Scheiß-Werbung

H&M hat für die Herbstsaison ein Video produziert und alle überschlagen sich mit Euphorie. Endlich wird die dicke, dünne, androgyne, haarige und multiethnische Frau gehuldigt, endlich bekennt sich auch H&M zum Feminismus, zur Selbstliebe und einem facettenreicheren Frauenbild.

What the fuck. Das ist kein feministisches Manifest, das ist Werbung. Ich habe selbst auch schon Werbung verlinkt, die ich tolle fand und auch ich hätte dem Clip gern euphorisch zugejubelt. Aber H&M für einen Clip zu loben, der mal nicht total beliebig und trivial ist und kein beknacktes Frauen- und Körperbild transportiert, ist als würde man Blatter dafür loben, nur die Hälfte an Schmiergeldern angenommen zu haben.

Während im Clip also in den ersten Sekunden eine dralle Frau in Unterwäsche durchs Bild läuft, schließt H&M fröhlich die Plus-Size Abteilungen in diversen Filialen. Vor kurzem erst versuchte ich, in Hamburg in der Filiale Jungfernstieg, eine Jeans in meiner großen Größe zu kaufen. Die Abteilung gab es nicht mehr. Auf meine Twitter-Nachfrage hin wurde ich auf den Filialenfinder auf der Website hingewiesen, der auf dem Handy aber nicht funktioniert. Was doof ist, wenn man beim Shopping kein WLAN-fähiges Laptop dabei hat.

image
An diesem Tag bestellte ich online zum letzten Mal zwei Paar Jeans bei H&M und suche jetzt nach gut passenden Alternativen.

Als Antwort auf meinen Eintrag bei Facebook wurde mir erklärt, dass ich mit der App auch auf dem Handy Filialen mit Plus Size raussuchen kann. Ich habe das mal probiert. Leider gibt es keinen entsprechenden Filter.

image

Entweder hat H&M in jeder Filiale nun auch Kleidung für Frauen mit Größe 44/46 und drüber oder sie haben diese Größen nun komplett rausgenommen, möchten dies aber nicht so klar kommunizieren. Letzteres ist mein Verdacht. Immerhin kann man noch online große Größen bestellen. Fakt ist, H&M hat in New York City alle großen Größen aus den Geschäften genommen. Das ist umso absurder, als dass die durchschnittliche Amerikanerin Größe 46/48 trägt. Ich kann mir für diese Strategie nur zwei Gründe vorstellen:

1) H&M ist nicht am Verkauf ihrer Ware an möglichst viele Menschen interessiert. Wenn ich online einkaufe, bin ich viel preisbewusster als im Geschäft. Besonders interessant ist die Verkaufsverweigerung wenn man in Betracht zieht, dass H&M schon lange nicht mehr konkurrenzlos ist. Möglicherweise glauben die entsprechenden Manager mit weniger verkaufter Ware mehr Gewinn zu machen. Das wäre dann mal eine interessante antikapitalistische Strategie.

2) H&M hat Angst, ihr Image zu verlieren, wenn sich auf einmal viele dicke Menschen in ihren Filialen rumtreiben und ihre Kleidung tragen. In diesem Fall müsste das Image mehr Wert sein, als 30% mehr verkaufte Ware (Schätzwert von mir).

Was auch immer hinter der Verweigerung von H&M steht, dicken und fetten Menschen Kleidung zu verkaufen, der Werbespot wirkt in diesem Licht wie eine höhnische und bösartige Verarschung.

H&M entdeckt den Feminismus also nur für Frauen bis Größe 44 und auch nur für Mädchen mit einem schmalen Körperbau. Meine sehr schlanke Tochter passt hervorragend in die „Jungs-Kleidung“ Größe 124 aber die Röhrenjeans und knappen T-Shirts der „Mädchen-Kleidung“ Größe 124 sitzen eng und unbequem. Was für eine verkackte Form von Feminismus ist das bitteschön, wenn schon 6jährigen das Gefühl vermittelt wird, dass sie zu breit und zu kräftig für ihre Kleidung sind? Was für kranke Idioten mit Lolita-Fantasien entscheiden bei H&M darüber, in was für einen Schnitt ein 6jähriges Mädchen passt? Das ist kein Feminismus, das ist frühkindliche Prägung für ein schlechtes Körpergefühlt. Interessanterweise passen die Kindersachen in der gleichen Größe bei C&A deutlich besser.

Und bei all der Euphorie, dass jetzt auch H&M entdeckt, dass Feminismus Trending Topic ist, vergessen wir nur zu schnell, für was für einen kleinen Kreis diese Emanzipation gilt. Nämlich nur für die Frau der reichen, westlichen Welt. Einen Dreck geben wir und gibt H&M für die Näherinnen, die dafür sorgen, dass wir die Stoff gewordenen Coolness des Feminismus an unseren hippen normschönen Körper tragen. Sehr schön hat Josefine Schummeck dazu geschrieben: Liebes H&M, auch mit langen Achselhaaren gewinnst du mich nicht zurück

Alles in allem hat mir der Clip nochmal vor Augen geführt, warum H&M scheiße ist und warum ich keinesfalls mehr dort einkaufen sollte, weder analog noch digital.

Keine Euphorie, sondern Verärgerung

Im Urlaub habe ich Lily Kings Buch „Euphoria“ gelesen. Wer den Roman noch lesen möchte, besser nicht weiterlesen, ich verrate einiges aus der Handlung.
Das Buch spielt in den 30er Jahren des 20. Jahrhundert auf Papua-Neuguinea. Ein Anthropologen-Paar (Nell und Fen) treffen während ihrer Arbeit bei verschiedenen Stämmen in der Region auf einen englischen Anthropologen (Bankson). Dabei kommt es zu einer Ménage-à-trois sowohl auf freundschaftlicher, beruflicher und sexueller Ebene. Das Buch ist wirklich spannend geschrieben, es enthält viele Informationen sowohl über die Menschen auf Papua-Neuguinea als auch über die Methodik und Geschichte der Ethnologie und Anthropologie.
Während des Lesens habe ich mich bereits gefragt, ob das Buch auf realen Personen und Kulturen basiert. Umso mehr freute ich mich über die „Auflösung“ am Ende des Buchs. Es handelt sich um eine fiktionale Geschichte, die inspiriert ist, von der einige Monate dauernden Zusammenarbeit von Margaret Mead, Reo Fortune und Gregory Bateson am Sepik Fluss im Jahr 1933.

Ich recherchierte also nach Margaret Mead, von der ich bis dahin noch nie etwas gehört hatte und war begeistert. Mead war eine erfolgreiche und berühmte Anthropologin mit einer sehr interessanten Lebensgeschichte. In „Euphoria“ wird aus einer realen
Figur, die sich in ihrer Forschung u.a. auf Sexualität und die Konstruktion von Geschlechterrollen konzentriert hat, die ganz offenbar ihr Leben stark selbst bestimmt hat und drei Mal verheiratet war, ein Opfer. In der Geschichte ist ihr Ehemann (Fen) gewalttätig und eifersüchtig auf ihren Erfolg. Dem gegenüber ist ihr Liebhaber und Verehrer Bankson verständnisvoll aber auch nicht stark genug, um sie zu retten. Am Ende stirbt die schwangere Nell an Blutungen, die wahrscheinlich durch ihren Ehemann verursacht wurden. Aus ihren Manuskripten jedenfalls geht hervor, dass sie sich trennen wollte. Die Geschichte selbst wird aber nicht von Nell, sondern von ihrem Geliebten Bankson erzählt. Lediglich Fragmente aus ihren Notizbüchern lassen direkte Rückschlüsse auf Nells Perspektive zu.

2015 hielt ich auf der re:publica einen Vortrag über das Fremdgehen. Darin stellte ich die These auf, dass in Filmen und Büchern Frauen, die fremd gehen, immer oder zumindest sehr häufig sterben müssen. Ich könnte mich darüber freuen, dass meine These in einem Buch, das 2014 erschien,
bestätigt wird. Ehrlich gesagt aber ärgere ich mich. Darüber, dass spannende, weibliche Persönlichkeiten nach wie vor in kulturellen Werken zurechtgestutzt werden, damit sie auf keinen Fall ein Rollenmodell werden, sondern ein Mahnmal dafür, was mit selbstbestimmten Frauen passiert.

Das englische Triple

Mit am meisten beeindruckt hat mich in unserem Urlaub in der Toskana wie viel Gepäck in den Kofferraum unseren gemieteten Fiat 500-Kombi passt. Zwei große und ein kleiner Koffer konnten fast achtlos und ohne eine Spur von Tetris hineingelegt werden.

Mit unserem fahrenden Raumwunder führen wir auf absurd engen und kurvigen Straßen zu unserem kleinen Bauernhäuschen am Hang, ohne WLAN und mit nur sehr maßvollem Empfang.

Zwei Wochen digitale Diät haben mich nicht mehr erholt als zwei Wochen mit WLAN. Und ich kann auch nicht darüber berichten, mich wegen fehlender Erreichbarkeit freier gefühlt zu haben, eher weniger informiert.

Allerdings habe ich so endlich mal wieder Bücher gelesen.

The Girl on the Train von Paula Hawkins

Ich liebe Thriller und Krimis. Leider gibt es einfach nicht besonders viele, die mir gut gefallen.

Vor einiger Zeit versuchte ich mich an Jo Nesbøs Headhunter. Ich bin nach einigen Kapiteln ausgestiegen. Die Liebe des Protagonisten zu seiner Frau wirkte als sei er ein verwirrter Geist, der sich in irgendeine Liebesprojektion verknallt hat, aber ganz sicher nicht in eine Person.

Wahrscheinlich hat mich das Internet versaut, aber ich ertrage es nicht mehr, mich literarischen (filmischen) Werken hinzugeben, in denen weiblichen Charaktere die Dimensionalität eines Pappaufstellers haben und vor allem zur Herausarbeitung der vielschichtigen Heldensaga des männlichen Protagonisten dienen.

An Thrillern und Krimis stört mich häufig auch die laffe Story und dass man schon früh die Struktur inklusive der Twists erkennen kann.

Das Girl on the Train ist Rachel. Sie ist Ende 30 und ihr Leben läuft nicht so wirklich rund. Jeden morgen pendelt sie von einer Vorstadt in die Londoner Innenstadt. Vom Zug aus beobachtet sie das Leben anderer Leute. Ganz besonders ans Herz gewachsen ist ihr dabei ein Paar. In das Leben dieser Leute projiziert Rachel ihre Träume von Liebe und Leben. Eines Tages ist die Frau verschwunden und Rachel beginnt auf eigene Faust zu suchen.

Abgesehen davon, dass ich den klaren Stil des Buches sehr mochte, fand ich den Plot angenehm überraschend. Keine Polizistin, keine Journalisten, keine geniale Wissenschaftlerin, sondern eine versoffene, dicke Stalkerin kümmert sich um den Fall.

Auch steht der Fall nicht permanent im Vordergrund. Ich mochte, wie unsere Sehnsucht nach Liebe, der Umgang mit Gewalt und traumatischen Erlebnissen in die Geschichte eingewebt wurden. Neben dem Verschwinden einer Person handelt die Geschichte von den vielfältigen Möglichkeiten als Frau in unserer Gesellschaft zu scheitern.

Meine Schwägerin empfahl mir dann Jacinta Nandis nichts gegen blasen

Große Teile des Buchs habe ich dem Mann laut vorgelesen und gut amüsiert stritten wir dann über Blasen oder Cunnilingus.

Nach einem fulminanten Blowjob mit viel Augenkontakt macht Nandi – ich würde das Buch als autobiografisch bezeichnen, wobei ich letztlich keinen blassen Schimmer habe, ob das stimmt – ihrem Freund einen Heiratsantrag und er macht Schluss. Im Groben beschreibt das Buch das Jahr nach der Trennung.

Nandis Sprache ist so klar, lakonisch und drastisch, dass ich von ihr selbst eine Abhandlung über die Fortpflanzung von Regenwürmern lesen würde.

Die großartige Geschichte bekommt man sozusagen als Bonustrack dazu. Ein wenig ist es wie eine Achterbahnfahrt durch den Wahnsinn, den man seit der Geburt ausgesetzt ist, wobei Nandis Achterbahn besonders viele Loopings hat.

Einmal durchgerüttelt hätte ich am Ende des Buchs am liebsten gleich wieder angefangen. Ein kleines Surrogat ist ihr Facebook-Profil, das ich jedem ans Herz legen kann inklusive der Kommentare und Nandis Reaktionen.

Für die letzten Tage des Urlaubs hatte ich mir das sperrigste Buch gelassen: Laurie Penny Unspeakable Things – Sex, Lies and Revolution.

Vor einigen Wochen war ich in Hamburg bei der Lesung von Laurie Penny. Wäre ich nicht ohnehin schon ein Fan von ihr gewesen, spätestens dort wäre ich es geworden.

Ich stimme mit Penny überein, dass viele gesellschaftlichen Probleme direkt auf unser kapitalistisch-patriarchischen System zurückzuführen sind.

Ich mag wie sie argumentiert, dass wir uns über unseren Wert in der Gesellschaft definieren. Dieser bemisst sich vor allem an der Arbeitskraft aber bei Frauen ist der Wert eben auch von Optik und Alter abhängig.

Interessant und ebenfalls teilweise bestätigten kann ich wie Penny analysiert, dass Frauen dazu erzogen werden, die vom Mann zu befreiende Prinzessin und dann seine helfende Begleiterin zu sein, während Männer dazu erzogen werden, die Helden ihrer eigenen Geschichte zu werden.

Wenn ich mir anschaue wie oft diese weiblichen und männlichen Lebensentwürfe medial wiederholt werden, weiß ich warum ich so viele Dinge nicht mehr lesen oder ansehen mag. Diese Geschichten langweilen mich mittlerweile sogar mehr als dass sie mich ärgern.

Sehr interessant fand ich auch Pennys Beobachtungen zu den Lost Boys. Sie widerlegt sehr gekonnt, dass die Männlichkeit in einer Krise steckt.

Der Schlüssel liegt schließlich nicht darin, sich auf alte Muster zu berufen, damit Männer – wenn sie sonst schon keine Macht haben – wenigstens Frauen gegenüber Dominanz ausüben können. Die Antwort kann doch – jetzt mal von ganz normalen Menschenverstand ausgehend – nur sein, dass sich alle Menschen auf Augenhöhe treffen. Wem das schwer fällt, sollte das lernen und sich nicht nach alten Zeiten sehnen.

Unspeakable Things hat mich oft wütend und häufig nachdenklich gemacht. Ein fluffiger Roman zu Abschied hätte dann gut gepasst. Aber der Urlaub war zuende und über Serpentinen ging es zurück ins WLAN.

Kraut, Schuld und Sühne

Am Weltfrauentag hat Tilo Jung zum Thema Weltfrauentag auf Instagram ein Foto gepostet, auf dem eine Frau in den Rücken getreten wird.

Tilo Jung ist Reporter bei Krautreporter und etwas bekannt, unter anderem durch seine Sendung Jung & naiv. Darüber hinaus ist er schon häufiger unangenehm aufgefallen. Beispielsweise hat er in einem Werbespot mitgespielt, in dem er einer Frau mit Schlafproblemen hilft, indem er sie mit einer Kopfnuss bewusstlos schlägt.

Das alles ist dumm, sexistisch und gar nicht witzig.

Das Posting am Weltfrauentag wurde absolut zu Recht als völlig entgleist kritisiert. Es folgte eine Debatte vor allem auf Twitter und auf diversen Medienseiten.

Heute verkündeten die Krautreporter, dass sie mit Jung gesprochen hätten. Es täte ihm leid. Sie würden ihn nicht entlassen aber erstmal keine Artikel vom ihm veröffentlichen.

Als ich heute twitterte


entwickelte sich eine spannende Diskussion.

Von dieser Diskussion möchte ich ein paar Punkte aufgreifen, weil ich glaube, dass sie für das Kernproblem wichtig sind. Denn die eigentliche Frage ist doch: welche Konsequenzen hat eine sexistische Äußerung bzw. welche Konsequenzen sollte sie haben?

Aus Sicht eines Arbeitnehmers finde ich die Reaktion der Krautreporter fair und richtig. Ich wünsche mir auch, dass mein Arbeitgeber mich nicht nach einem Fehler feuert. Deshalb werden Mitarbeiter für gewöhnlich zunächst abgemahnt und erst nach wiederholtem Fehlverhalten gekündigt. Ich finde auch eine (kleine) mediale Figur hat das Recht auf Arbeitnehmerschutz (ich inkludiere hier auch feste-freie Mitarbeiter).

Der Einwand, dass Jung kein „Ersttäter“ sei, ist natürlich richtig aber hier sehe ich das Problem eher bei den Krautreportern. Wie Natollie so schön schreibt:

Für mich sind die Krautreporter eine Gruppe selbstgefälliger Journalisten, die glaubten, Kraft ihres empfundenen Genies den digitalen Journalismus neu zu erfinden. Immerhin konnten sie genügend Geld für ihr Projekt zusammentragen, aber das Resultat ist in 95% der Artikel der gleiche langweilige Journalismus, den sie ja ursprünglich revolutionieren wollten. Zu allem Übel haben sie nicht nur die Langeweile, sondern auch den gesellschaftlich tolerieren Sexismus der etablierten Medien übernommen.

Tilo Jung ist also kein Versehen, sondern Teil des Programms. Und da ist es nur konsequent, dass sich sein Arbeitgeber, der ihm trotz seiner bekannten (sexistischen) Weltsicht angeheuert hat, hinter ihn stellt.

Das eigentlich empörende – für mich – ist, dass Sexismus nach wie vor hoffähig ist. Die Krautreporter können eine große Menge Geld zusammenbekommen, obwohl sie bei der „Revolution“ vergessen, Frauen mit an Bord zu nehmen, die Matusseks und Fleischhauers dieser Welt finden ein Medium, die sie bezahlt und veröffentlich und eine Leserschaft, die sie liest und auf „Frauensendern“ laufen Sendungen über Hochzeitskleider.

Das alles zeigt, dass wir nach wie vor in einer Gesellschaft leben, in der sexistische Äußerungen oder Handlungen keine wirtschaftlichen und kaum gesellschaftliche Konsequenzen haben.

Und wie Meike kotzt es mich an.

Trotzdem wage ich zu bezweifeln, dass die Forderung nach einer Kündigung von Jung das richtige Zeichen ist.

Ein Posting zu kritisieren ist das eine, sich zu wünschen, das Köpfe rollen oder jemanden auf die gleiche persönliche Art anzugreifen, die man gerade kritisiert hat, ist das andere.

Und das sage ich nicht, weil ich Mitleid mit Jung habe, sondern weil ich glaube, dass sich Gräben so noch vertiefen.

Von mir aus können die Tilo Jungs und Krautreporter dieser Welt sang und klanglos untergehen aber viel besser wäre es doch, wenn – zumindest einige – einsehen würden, dass ein Miteinander von Frauen und Männer viel spannender und revolutionärer ist, als ein Gegeneinander. Ich halte deshalb Kommunikation für zielführender als die Forderung nach Vergeltung.