Das Jammern der Don Quijotes

Dave Hon hat vor kurzem geschrieben, warum er keine Feministin zur Freundin haben möchte. Von all der digitalen und analogen Trollerei sind es solche Äußerungen, die mich tatsächlich mal amüsieren.

Welche Motivation hat ein Mann, wenn er sich an den Computer setzt und schreibt, dass er keine Feministin heiraten würde? Was für eine Idee liegt den Kommentaren zugrunde, in denen Feministinnen als schlechte Partnerinnen dargestellt werden? Hintergrund kann ja nur sein, Frauen durch den Entzug von Liebe, Sex oder der Aussicht auf eine Beziehung zu bestrafen. Damit diese Strafe (ich ficke keine Feministin) oder Drohung (wenn du Feministin bist, ficke ich dich nicht) funktionieren kann, müssen zwei Voraussetzungen gegeben sein:
A) Frauen sehnen sich nach Beziehungen und Sex mit Männern. Diese Sehnsucht ist groß, denn die Beziehungslosigkeit stellt ein Stigma dar. Dieses Stigma ist so enorm, dass Beziehungslosigkeit als Strafe empfunden wird. Ergo setzt eine Frau alles daran, eine Beziehung mit einem Mann zu haben. Im Zweifel schwört sie sogar dem Feminismus ab, um ihrem Lebensziel näher zu kommen.
B) Männer, die oben genannte Aussagen tätigen, halten sich für Hauptgewinne. Der Entzug ihrer Liebe oder ihrer Aufmerksamkeit führt bei Frauen zu schierer Verzweiflung, weshalb Frauen alles für den Mann tun werden, um ihn (zurück) zu erobern.

Rückenwind erhalten diese theoretischen Voraussetzungen z.B. von Frauenmagazinen. Darin steht nach wie vor, was eine Frau zu tun hat, um einen Mann für sich zu gewinnen. Auch das Rollenmodell der Prinzessin, die untätig im Schloss auf ihren aktiven Prinzen wartet, ist nicht tot zu bekommen. Das ändert aber nichts an der Realität. Es gibt Frauen, die ganz wunderbar ohne Beziehung leben können und wollen. Es gibt zudem Frauen, die einfach kein Interesse an Männern haben. Außerdem gibt es keine Knappheit der „Ressource Mann“. Seit meiner frühen Adoleszenz konnte ich viel Erfahrung darin sammeln, mir Typen vom Hals zu halten, die ich nicht wollte. Natürlich wurde auch ich zuweilen abgewiesen aber als Frau stellt man schnell fest: Männer sind ausreichend vorhanden.

Weil es trotzdem nicht so einfach ist – mit Liebe und Partnerschaft – wird viel hin und her analysiert. Alle paar Monate behauptet jemand, dass Frauen nur richtige, maskuline Kerle haben wollen und die ganzen „weichen“ Männer übrig bleiben. Ich halte diese Aussage für verkürzt und falsch. Ein Problem ist unter anderem, dass sich die Falschen für richtige Kerle halten. Ein Mann wird durch respektloses und dummes Verhalten nicht anziehender, sondern offenbart vielmehr den Grad seiner Arschlochigkeit. Die Frustration darüber, dass die, die sich für „ganze Kerle“ halten, im Männerangebot untergehen und alleine bleiben, wird gern umgemünzt in eine Dämonisierung des Feminismus. Womit wir wieder bei Dave Hon und seinen Freunden angekommen wären.

Sie sind die Don Quijotes unserer Gesellschaft. Ihre Windmühle ist der Feminismus. Indem sie ihn dämonisieren, machen sie sich zu Witzfiguren in einer Welt, die ganz hervorragend ohne sie zurecht kommt.

Das ist kein Feminismus, das ist Scheiß-Werbung

H&M hat für die Herbstsaison ein Video produziert und alle überschlagen sich mit Euphorie. Endlich wird die dicke, dünne, androgyne, haarige und multiethnische Frau gehuldigt, endlich bekennt sich auch H&M zum Feminismus, zur Selbstliebe und einem facettenreicheren Frauenbild.

What the fuck. Das ist kein feministisches Manifest, das ist Werbung. Ich habe selbst auch schon Werbung verlinkt, die ich tolle fand und auch ich hätte dem Clip gern euphorisch zugejubelt. Aber H&M für einen Clip zu loben, der mal nicht total beliebig und trivial ist und kein beknacktes Frauen- und Körperbild transportiert, ist als würde man Blatter dafür loben, nur die Hälfte an Schmiergeldern angenommen zu haben.

Während im Clip also in den ersten Sekunden eine dralle Frau in Unterwäsche durchs Bild läuft, schließt H&M fröhlich die Plus-Size Abteilungen in diversen Filialen. Vor kurzem erst versuchte ich, in Hamburg in der Filiale Jungfernstieg, eine Jeans in meiner großen Größe zu kaufen. Die Abteilung gab es nicht mehr. Auf meine Twitter-Nachfrage hin wurde ich auf den Filialenfinder auf der Website hingewiesen, der auf dem Handy aber nicht funktioniert. Was doof ist, wenn man beim Shopping kein WLAN-fähiges Laptop dabei hat.

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An diesem Tag bestellte ich online zum letzten Mal zwei Paar Jeans bei H&M und suche jetzt nach gut passenden Alternativen.

Als Antwort auf meinen Eintrag bei Facebook wurde mir erklärt, dass ich mit der App auch auf dem Handy Filialen mit Plus Size raussuchen kann. Ich habe das mal probiert. Leider gibt es keinen entsprechenden Filter.

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Entweder hat H&M in jeder Filiale nun auch Kleidung für Frauen mit Größe 44/46 und drüber oder sie haben diese Größen nun komplett rausgenommen, möchten dies aber nicht so klar kommunizieren. Letzteres ist mein Verdacht. Immerhin kann man noch online große Größen bestellen. Fakt ist, H&M hat in New York City alle großen Größen aus den Geschäften genommen. Das ist umso absurder, als dass die durchschnittliche Amerikanerin Größe 46/48 trägt. Ich kann mir für diese Strategie nur zwei Gründe vorstellen:

1) H&M ist nicht am Verkauf ihrer Ware an möglichst viele Menschen interessiert. Wenn ich online einkaufe, bin ich viel preisbewusster als im Geschäft. Besonders interessant ist die Verkaufsverweigerung wenn man in Betracht zieht, dass H&M schon lange nicht mehr konkurrenzlos ist. Möglicherweise glauben die entsprechenden Manager mit weniger verkaufter Ware mehr Gewinn zu machen. Das wäre dann mal eine interessante antikapitalistische Strategie.

2) H&M hat Angst, ihr Image zu verlieren, wenn sich auf einmal viele dicke Menschen in ihren Filialen rumtreiben und ihre Kleidung tragen. In diesem Fall müsste das Image mehr Wert sein, als 30% mehr verkaufte Ware (Schätzwert von mir).

Was auch immer hinter der Verweigerung von H&M steht, dicken und fetten Menschen Kleidung zu verkaufen, der Werbespot wirkt in diesem Licht wie eine höhnische und bösartige Verarschung.

H&M entdeckt den Feminismus also nur für Frauen bis Größe 44 und auch nur für Mädchen mit einem schmalen Körperbau. Meine sehr schlanke Tochter passt hervorragend in die „Jungs-Kleidung“ Größe 124 aber die Röhrenjeans und knappen T-Shirts der „Mädchen-Kleidung“ Größe 124 sitzen eng und unbequem. Was für eine verkackte Form von Feminismus ist das bitteschön, wenn schon 6jährigen das Gefühl vermittelt wird, dass sie zu breit und zu kräftig für ihre Kleidung sind? Was für kranke Idioten mit Lolita-Fantasien entscheiden bei H&M darüber, in was für einen Schnitt ein 6jähriges Mädchen passt? Das ist kein Feminismus, das ist frühkindliche Prägung für ein schlechtes Körpergefühlt. Interessanterweise passen die Kindersachen in der gleichen Größe bei C&A deutlich besser.

Und bei all der Euphorie, dass jetzt auch H&M entdeckt, dass Feminismus Trending Topic ist, vergessen wir nur zu schnell, für was für einen kleinen Kreis diese Emanzipation gilt. Nämlich nur für die Frau der reichen, westlichen Welt. Einen Dreck geben wir und gibt H&M für die Näherinnen, die dafür sorgen, dass wir die Stoff gewordenen Coolness des Feminismus an unseren hippen normschönen Körper tragen. Sehr schön hat Josefine Schummeck dazu geschrieben: Liebes H&M, auch mit langen Achselhaaren gewinnst du mich nicht zurück

Alles in allem hat mir der Clip nochmal vor Augen geführt, warum H&M scheiße ist und warum ich keinesfalls mehr dort einkaufen sollte, weder analog noch digital.

Keine Euphorie, sondern Verärgerung

Im Urlaub habe ich Lily Kings Buch „Euphoria“ gelesen. Wer den Roman noch lesen möchte, besser nicht weiterlesen, ich verrate einiges aus der Handlung.
Das Buch spielt in den 30er Jahren des 20. Jahrhundert auf Papua-Neuguinea. Ein Anthropologen-Paar (Nell und Fen) treffen während ihrer Arbeit bei verschiedenen Stämmen in der Region auf einen englischen Anthropologen (Bankson). Dabei kommt es zu einer Ménage-à-trois sowohl auf freundschaftlicher, beruflicher und sexueller Ebene. Das Buch ist wirklich spannend geschrieben, es enthält viele Informationen sowohl über die Menschen auf Papua-Neuguinea als auch über die Methodik und Geschichte der Ethnologie und Anthropologie.
Während des Lesens habe ich mich bereits gefragt, ob das Buch auf realen Personen und Kulturen basiert. Umso mehr freute ich mich über die „Auflösung“ am Ende des Buchs. Es handelt sich um eine fiktionale Geschichte, die inspiriert ist, von der einige Monate dauernden Zusammenarbeit von Margaret Mead, Reo Fortune und Gregory Bateson am Sepik Fluss im Jahr 1933.

Ich recherchierte also nach Margaret Mead, von der ich bis dahin noch nie etwas gehört hatte und war begeistert. Mead war eine erfolgreiche und berühmte Anthropologin mit einer sehr interessanten Lebensgeschichte. In „Euphoria“ wird aus einer realen
Figur, die sich in ihrer Forschung u.a. auf Sexualität und die Konstruktion von Geschlechterrollen konzentriert hat, die ganz offenbar ihr Leben stark selbst bestimmt hat und drei Mal verheiratet war, ein Opfer. In der Geschichte ist ihr Ehemann (Fen) gewalttätig und eifersüchtig auf ihren Erfolg. Dem gegenüber ist ihr Liebhaber und Verehrer Bankson verständnisvoll aber auch nicht stark genug, um sie zu retten. Am Ende stirbt die schwangere Nell an Blutungen, die wahrscheinlich durch ihren Ehemann verursacht wurden. Aus ihren Manuskripten jedenfalls geht hervor, dass sie sich trennen wollte. Die Geschichte selbst wird aber nicht von Nell, sondern von ihrem Geliebten Bankson erzählt. Lediglich Fragmente aus ihren Notizbüchern lassen direkte Rückschlüsse auf Nells Perspektive zu.

2015 hielt ich auf der re:publica einen Vortrag über das Fremdgehen. Darin stellte ich die These auf, dass in Filmen und Büchern Frauen, die fremd gehen, immer oder zumindest sehr häufig sterben müssen. Ich könnte mich darüber freuen, dass meine These in einem Buch, das 2014 erschien,
bestätigt wird. Ehrlich gesagt aber ärgere ich mich. Darüber, dass spannende, weibliche Persönlichkeiten nach wie vor in kulturellen Werken zurechtgestutzt werden, damit sie auf keinen Fall ein Rollenmodell werden, sondern ein Mahnmal dafür, was mit selbstbestimmten Frauen passiert.

Das englische Triple

Mit am meisten beeindruckt hat mich in unserem Urlaub in der Toskana wie viel Gepäck in den Kofferraum unseren gemieteten Fiat 500-Kombi passt. Zwei große und ein kleiner Koffer konnten fast achtlos und ohne eine Spur von Tetris hineingelegt werden.

Mit unserem fahrenden Raumwunder führen wir auf absurd engen und kurvigen Straßen zu unserem kleinen Bauernhäuschen am Hang, ohne WLAN und mit nur sehr maßvollem Empfang.

Zwei Wochen digitale Diät haben mich nicht mehr erholt als zwei Wochen mit WLAN. Und ich kann auch nicht darüber berichten, mich wegen fehlender Erreichbarkeit freier gefühlt zu haben, eher weniger informiert.

Allerdings habe ich so endlich mal wieder Bücher gelesen.

The Girl on the Train von Paula Hawkins

Ich liebe Thriller und Krimis. Leider gibt es einfach nicht besonders viele, die mir gut gefallen.

Vor einiger Zeit versuchte ich mich an Jo Nesbøs Headhunter. Ich bin nach einigen Kapiteln ausgestiegen. Die Liebe des Protagonisten zu seiner Frau wirkte als sei er ein verwirrter Geist, der sich in irgendeine Liebesprojektion verknallt hat, aber ganz sicher nicht in eine Person.

Wahrscheinlich hat mich das Internet versaut, aber ich ertrage es nicht mehr, mich literarischen (filmischen) Werken hinzugeben, in denen weiblichen Charaktere die Dimensionalität eines Pappaufstellers haben und vor allem zur Herausarbeitung der vielschichtigen Heldensaga des männlichen Protagonisten dienen.

An Thrillern und Krimis stört mich häufig auch die laffe Story und dass man schon früh die Struktur inklusive der Twists erkennen kann.

Das Girl on the Train ist Rachel. Sie ist Ende 30 und ihr Leben läuft nicht so wirklich rund. Jeden morgen pendelt sie von einer Vorstadt in die Londoner Innenstadt. Vom Zug aus beobachtet sie das Leben anderer Leute. Ganz besonders ans Herz gewachsen ist ihr dabei ein Paar. In das Leben dieser Leute projiziert Rachel ihre Träume von Liebe und Leben. Eines Tages ist die Frau verschwunden und Rachel beginnt auf eigene Faust zu suchen.

Abgesehen davon, dass ich den klaren Stil des Buches sehr mochte, fand ich den Plot angenehm überraschend. Keine Polizistin, keine Journalisten, keine geniale Wissenschaftlerin, sondern eine versoffene, dicke Stalkerin kümmert sich um den Fall.

Auch steht der Fall nicht permanent im Vordergrund. Ich mochte, wie unsere Sehnsucht nach Liebe, der Umgang mit Gewalt und traumatischen Erlebnissen in die Geschichte eingewebt wurden. Neben dem Verschwinden einer Person handelt die Geschichte von den vielfältigen Möglichkeiten als Frau in unserer Gesellschaft zu scheitern.

Meine Schwägerin empfahl mir dann Jacinta Nandis nichts gegen blasen

Große Teile des Buchs habe ich dem Mann laut vorgelesen und gut amüsiert stritten wir dann über Blasen oder Cunnilingus.

Nach einem fulminanten Blowjob mit viel Augenkontakt macht Nandi – ich würde das Buch als autobiografisch bezeichnen, wobei ich letztlich keinen blassen Schimmer habe, ob das stimmt – ihrem Freund einen Heiratsantrag und er macht Schluss. Im Groben beschreibt das Buch das Jahr nach der Trennung.

Nandis Sprache ist so klar, lakonisch und drastisch, dass ich von ihr selbst eine Abhandlung über die Fortpflanzung von Regenwürmern lesen würde.

Die großartige Geschichte bekommt man sozusagen als Bonustrack dazu. Ein wenig ist es wie eine Achterbahnfahrt durch den Wahnsinn, den man seit der Geburt ausgesetzt ist, wobei Nandis Achterbahn besonders viele Loopings hat.

Einmal durchgerüttelt hätte ich am Ende des Buchs am liebsten gleich wieder angefangen. Ein kleines Surrogat ist ihr Facebook-Profil, das ich jedem ans Herz legen kann inklusive der Kommentare und Nandis Reaktionen.

Für die letzten Tage des Urlaubs hatte ich mir das sperrigste Buch gelassen: Laurie Penny Unspeakable Things – Sex, Lies and Revolution.

Vor einigen Wochen war ich in Hamburg bei der Lesung von Laurie Penny. Wäre ich nicht ohnehin schon ein Fan von ihr gewesen, spätestens dort wäre ich es geworden.

Ich stimme mit Penny überein, dass viele gesellschaftlichen Probleme direkt auf unser kapitalistisch-patriarchischen System zurückzuführen sind.

Ich mag wie sie argumentiert, dass wir uns über unseren Wert in der Gesellschaft definieren. Dieser bemisst sich vor allem an der Arbeitskraft aber bei Frauen ist der Wert eben auch von Optik und Alter abhängig.

Interessant und ebenfalls teilweise bestätigten kann ich wie Penny analysiert, dass Frauen dazu erzogen werden, die vom Mann zu befreiende Prinzessin und dann seine helfende Begleiterin zu sein, während Männer dazu erzogen werden, die Helden ihrer eigenen Geschichte zu werden.

Wenn ich mir anschaue wie oft diese weiblichen und männlichen Lebensentwürfe medial wiederholt werden, weiß ich warum ich so viele Dinge nicht mehr lesen oder ansehen mag. Diese Geschichten langweilen mich mittlerweile sogar mehr als dass sie mich ärgern.

Sehr interessant fand ich auch Pennys Beobachtungen zu den Lost Boys. Sie widerlegt sehr gekonnt, dass die Männlichkeit in einer Krise steckt.

Der Schlüssel liegt schließlich nicht darin, sich auf alte Muster zu berufen, damit Männer – wenn sie sonst schon keine Macht haben – wenigstens Frauen gegenüber Dominanz ausüben können. Die Antwort kann doch – jetzt mal von ganz normalen Menschenverstand ausgehend – nur sein, dass sich alle Menschen auf Augenhöhe treffen. Wem das schwer fällt, sollte das lernen und sich nicht nach alten Zeiten sehnen.

Unspeakable Things hat mich oft wütend und häufig nachdenklich gemacht. Ein fluffiger Roman zu Abschied hätte dann gut gepasst. Aber der Urlaub war zuende und über Serpentinen ging es zurück ins WLAN.

Kraut, Schuld und Sühne

Am Weltfrauentag hat Tilo Jung zum Thema Weltfrauentag auf Instagram ein Foto gepostet, auf dem eine Frau in den Rücken getreten wird.

Tilo Jung ist Reporter bei Krautreporter und etwas bekannt, unter anderem durch seine Sendung Jung & naiv. Darüber hinaus ist er schon häufiger unangenehm aufgefallen. Beispielsweise hat er in einem Werbespot mitgespielt, in dem er einer Frau mit Schlafproblemen hilft, indem er sie mit einer Kopfnuss bewusstlos schlägt.

Das alles ist dumm, sexistisch und gar nicht witzig.

Das Posting am Weltfrauentag wurde absolut zu Recht als völlig entgleist kritisiert. Es folgte eine Debatte vor allem auf Twitter und auf diversen Medienseiten.

Heute verkündeten die Krautreporter, dass sie mit Jung gesprochen hätten. Es täte ihm leid. Sie würden ihn nicht entlassen aber erstmal keine Artikel vom ihm veröffentlichen.

Als ich heute twitterte


entwickelte sich eine spannende Diskussion.

Von dieser Diskussion möchte ich ein paar Punkte aufgreifen, weil ich glaube, dass sie für das Kernproblem wichtig sind. Denn die eigentliche Frage ist doch: welche Konsequenzen hat eine sexistische Äußerung bzw. welche Konsequenzen sollte sie haben?

Aus Sicht eines Arbeitnehmers finde ich die Reaktion der Krautreporter fair und richtig. Ich wünsche mir auch, dass mein Arbeitgeber mich nicht nach einem Fehler feuert. Deshalb werden Mitarbeiter für gewöhnlich zunächst abgemahnt und erst nach wiederholtem Fehlverhalten gekündigt. Ich finde auch eine (kleine) mediale Figur hat das Recht auf Arbeitnehmerschutz (ich inkludiere hier auch feste-freie Mitarbeiter).

Der Einwand, dass Jung kein „Ersttäter“ sei, ist natürlich richtig aber hier sehe ich das Problem eher bei den Krautreportern. Wie Natollie so schön schreibt:

Für mich sind die Krautreporter eine Gruppe selbstgefälliger Journalisten, die glaubten, Kraft ihres empfundenen Genies den digitalen Journalismus neu zu erfinden. Immerhin konnten sie genügend Geld für ihr Projekt zusammentragen, aber das Resultat ist in 95% der Artikel der gleiche langweilige Journalismus, den sie ja ursprünglich revolutionieren wollten. Zu allem Übel haben sie nicht nur die Langeweile, sondern auch den gesellschaftlich tolerieren Sexismus der etablierten Medien übernommen.

Tilo Jung ist also kein Versehen, sondern Teil des Programms. Und da ist es nur konsequent, dass sich sein Arbeitgeber, der ihm trotz seiner bekannten (sexistischen) Weltsicht angeheuert hat, hinter ihn stellt.

Das eigentlich empörende – für mich – ist, dass Sexismus nach wie vor hoffähig ist. Die Krautreporter können eine große Menge Geld zusammenbekommen, obwohl sie bei der „Revolution“ vergessen, Frauen mit an Bord zu nehmen, die Matusseks und Fleischhauers dieser Welt finden ein Medium, die sie bezahlt und veröffentlich und eine Leserschaft, die sie liest und auf „Frauensendern“ laufen Sendungen über Hochzeitskleider.

Das alles zeigt, dass wir nach wie vor in einer Gesellschaft leben, in der sexistische Äußerungen oder Handlungen keine wirtschaftlichen und kaum gesellschaftliche Konsequenzen haben.

Und wie Meike kotzt es mich an.

Trotzdem wage ich zu bezweifeln, dass die Forderung nach einer Kündigung von Jung das richtige Zeichen ist.

Ein Posting zu kritisieren ist das eine, sich zu wünschen, das Köpfe rollen oder jemanden auf die gleiche persönliche Art anzugreifen, die man gerade kritisiert hat, ist das andere.

Und das sage ich nicht, weil ich Mitleid mit Jung habe, sondern weil ich glaube, dass sich Gräben so noch vertiefen.

Von mir aus können die Tilo Jungs und Krautreporter dieser Welt sang und klanglos untergehen aber viel besser wäre es doch, wenn – zumindest einige – einsehen würden, dass ein Miteinander von Frauen und Männer viel spannender und revolutionärer ist, als ein Gegeneinander. Ich halte deshalb Kommunikation für zielführender als die Forderung nach Vergeltung.

Schneewittchen in der Grube

Vor ein paar Wochen hatte ich einen Tag frei. Der Morgen verlief so harmonisch wie schon lange nicht mehr. Ich brachte ich Kinder gut gelaunt zu Schule und Kita, holte sie entspannt ab, kutschierte sie zu Freunden und Sport. Die Wohnung sah ordentlich aus, die Wäsche war gewaschen und zusammengelegt, alle Grundnahrungsmittel waren da und ich hatte das erste Mal seit langem das Gefühl, mein Leben einigermaßen im Griff zu haben. Abends sagte ich dem Mann, dass ich mir mittlerweile gut vorstellen kann, ein Leben als Hausfrau zu führen.

Hausfrau und Mutter ist ein Job und zwar einer, der wirklich deutlich anspruchsvoller und anstrengender ist als sein Ruf. Und ich verstehe Beziehungen, die sich entscheiden, dass ein Partner (in 98% der Fälle sind es nach wie vor Frauen) Vollzeit zu Hause bleibt und der andere Vollzeit arbeitet. Wenn das Gehalt passt, ist diese Aufteilung nach wie vor die bequemste.

Aber er ist eben auch weit weg von Gleichberechtigung und Wahlfreiheit für Frauen.

In einem Text von Anna Papathanasiou stieß ich auf den Begriff der Schneewittchen, gut ausgebildete Frauen, die sich wegen der Kinder bewusst und freiwillig gegen Karriere und für Familie und ein Hausfrauendasein entscheiden. Ich mochte an dem Text, dass Papathanasiou Verständnis für die Entscheidung hat, aber eben auch die Frage stellt, wie feministisch dieser Weg ist.

Entgegen einiger Behauptungen in den Kommentaren bin ich nämlich auch der Meinung, dass es hier nicht um eine freiwillige und persönliche Wahl geht, sondern die Berufung auf alte Verhaltensmuster. Ein Weg der einfacher ist, als neue Wege zu suchen, auszuprobieren und zu erstreiten.

Eine alleinerziehende Mutter (oder Vater) hat diese Wahl beispielsweise gar nicht. Selbst wenn sie aus tiefster Überzeugung heraus zu Hause bei ihren Kindern bleiben möchte, kann sie dies ohne ein bereits vorhandenes Vermögen nicht umsetzen. Als Mutter verdient man kein Geld und kann ohne private Vorsorge – nicht wirklich mit einer Rente über Hartz-4-Niveau rechnen. Geld zu verdienen ist hier also kein gewählter Lifestyle, sondern schlichte Notwendigkeit.

Und dann gibt es auch noch die Familien, die einfach zwei Gehälter benötigen. In meinem Umfeld machen diese die Mehrheit aus. Man kann uns als kapitalistische Konsumisten beschimpfen, die unbedingt einmal im Jahr eine Urlaubsreise machen müssen, einen großen Fernseher, modische Kleidung und eine Wohnung in der Nähe des Stadtzentrums haben möchten, aber in vielen Fällen sind das leider nicht die einzigen Einschränkungen, die man mit einem einzigen Familiengehalt hätte. Das wird leider viel zu oft vergessen, wenn man in einer anderen Gehaltsklasse schwebt, als 80% der Bevölkerung.

Die Entscheidung für ein Dasein als Hausfrau und Mutter hat also nur für einen relativ elitären Kreis tatsächlich was mit freier Wahl zu tun.

Ebenfalls problematisch finde ich, dass die Diskussion die Lager weiter trennt, statt nach dem gemeinsamen Nenner zu suchen.

Als eine Frau die 30 Stunden wöchentlich arbeitet, zwei Kinder hat und mit einem Mann verheiratet ist, der sich stark in das Familienleben einbringt und zudem zeitlich sehr flexibel ist, lebe ich ein sehr komfortables Leben. Trotzdem habe ich das Gefühl, dauerhaft der Zeit hinterherzulaufen und zwischen 6 00 und 20 30 etwa 6 Bälle gleichzeitig zu jonglieren. Die logistischer Meisterleistung unseres Alltags bricht zusammen, sobald ein Kind krank wird und ich bin mir mittlerweile im Klaren darüber, dass ich keine Karriere machen werde, es sei denn ich investiere wöchentlich 40 Stunden und mehr und wechsle den Job.

Mein Leben hat etwas von einem Langstreckenschwimmwettbewerb in dem es primär darum geht, nicht unterzugehen.

Und ich glaube, so geht es den meisten Frauen mit Familie. So lange es also nicht ein bedingungsloses Grundeinkommen gibt – das ich sehr befürworte – stehe wir im Graben zwischen den wenigen, die es tatsächlich geschafft haben, fünf Kinder und eine Karriere zu vereinbaren und denjenigen, die proklamieren, dass die Mutter sich doch Bitteschön auch voll und ganz um die Kinder kümmern soll, die sie in die Welt gesetzt hat.

Das Lustige ist ja, dass sich keine Gruppe verstanden fühlt, keine hat das Gefühl, dass die Arbeit und Energie die sie investiert, Wertschätzung findet. Jede fühlt sich von dem einen oder anderen Lager in ihrem Lebensentwurf angegriffen.

Und während ich genervt bin, von den medial gehypten Karrieremüttern, die beim Schwimmwettbewerb strahlend vorbeiziehen und den Müttern, die am Rand stehen und vorwurfsvoll dreinblickend die Stullen schmieren, stelle ich mir die Frage, warum wir Zeit damit vergeuden, an einen Wettbewerb der Lebensentwürfe teilzunehmen.

Ich denke ein Hauptgrund ist das Bedürfnis als gute Mutter anerkannt zu werden. Man muss sich nur Maria anschauen und weiß, dass die Mutter in der abendländischen Kultur eine zentrale Rolle spielt. Während nur wenige Männer wie Josef oder Jesus sein wollen, wurde „die Maria mit Kind“ zur Blaupause des weiblichen Daseins. Noch heute können sich wenige Menschen vorstellen, dass eine Frau bewusst keine Kinder möchte und junge Frauen werden – wie neulich in der Zeit – ausschließlich auf ihre Beziehungs- und Familienverweigerung hin analysiert. Frausein wird gleichgesetzt mit Muttersein. Wer eine gute Frau sein will, muss zu allererst eine gute Mutter sein.

Aus diesem Anspruch können wir uns kulturell nur sehr schlecht lösen. Und schon befinden wir uns in einem aufreibenden Konflikt zwischen diversen Modellen des „guten“ und „richtigen“ Mutterseins, als wäre die Herausforderungen des Alltags nicht schon groß genug.

Insofern würde ich das Modell der Schneewittchen als grob fahrlässig bezeichnen, weil eine Person in der Partnerschaft dadurch in ein ökonomisches Abhängigkeitsverhältnis gerät. Die Entscheidung dafür ist aber nicht unfeministisch und geht – außer den Beteiligten – niemanden etwas an.

Die Diskussion sollte also nicht die Modelle bewerten, sondern nachhaken, warum das Mutterbild ideologischen so aufgeblasen ist und wie wir das anstrengende Langstreckenschwimmen gemeinsam meistern können.