Foucault, Sex und warum Feminismus gut für alle ist

Ich habe Michel Foucault nie wirklich verstanden, aber ich habe seine Texte zuweilen sehr gern gelesen. Ich kam mir dann immer vor, als würde ich einen mexikanischen Hiphop-Song mitsingen. Ich versuchte, die Wortklänge nachzuahmen, dabei kam ich mir sehr cool vor, aber ich hatte keinen blassen Schimmer, worum es geht.

Hängen geblieben ist bei mir jedenfalls, dass sich Foucault ausgiebig mit Sexualität und Macht befasste.

Als die Geschichte mit Julien Blanc* aufkam, musste ich wieder an Foucault denken und daran, wie stark in unserer Gesellschaft Sexualität und Macht miteinander verbunden sind.

Die Schwierigkeit ist, dass ich ganz oft Schlussfolgerungen lese, die diese schwierige Konstellation zwar aufgreifen aber abstruse Konsequenzen ziehen, die meines Erachtens diese Verbindung noch stärken.

Anders als Foucault kann sich meine Mutter sehr verständlich ausdrücken. Sie wies immer wieder darauf hin, dass man Menschen am besten über ihre Sexualität kontrollieren kann.

Ich bin immer wieder überrascht, was alles als naturgegeben, einzigst richtig oder Gott gewollt verkauft wird. Als gäbe es in Stein gemeißelte Gesetze der menschlichen Sexualität.

Dass diese Methode so gut funktioniert, basiert meines Erachtens auch darauf, dass Sexualität sehr intim ist. Man lässt andere Menschen sehr nah an sich ran, oder ist sehr stark mit sich selbst beschäftigt und vor allem verhält man sich im Rahmen von sexuellen Handlungen oft ganz anders als im Alltag zum Bespiel beim Schmieren einer Stulle. Dazu kommt, dass man häufig selbst darüber verwundert ist, welche Dinge, Worte, Reize einen erregen. Die Verletzlichkeit, die man in einer sexuellen Situation hat, ist sehr groß und deshalb ist es umso verachtenswerter, wenn diese ausgenutzt wird, um eine wie auch immer geartete Ideologie zu etablieren.

Verstärkend kommt hinzu, dass -angeblich zum Schutz der Intimität – ein Schleier der Verschwiegenheit über das Thema geworfen wird. Die Sprachlosigkeit, die wir bei dem Thema haben, ist ein Grundpfeiler jeder Doktrin die Sexualität im Maßnahmenportfolio hat.

Was auf Ebene einer Institution funktioniert, funktioniert auch auf der individuellen Ebene. Und da kommt Julien Blanc wieder ins Spiel.

Von der Sache her sympathisiere ich mit Pick-Up Artists. Die Vorstellung, mit vielen verschiedenen Menschen zu schlafen und das auf kunstvolle Weise, finde ich per se charmant. Nur darum geht es, zumindest Julien Blanc, in erster Linie nicht.

Seine Äußerung, dass man in Japan als weißer Mann mit quasi allem durchkommt – auch wildfremde Frauen auf der Straße zu packen und den Kopf gegen das Gemächt zu pressen – zeigt, dass es hier vor allem um Macht geht. Die Macht, wie ein Alleinherrscher über die Menschen – in dem Fall vor allem Frauen – zu verfügen. Es handelt sich um eine Form von Vergewaltigung, die ohne Konsequenz für den Täter bleibt und das hat mit Lust nichts zu tun.

Natürlich kann Macht ausüben oder sich ihr unterwerfen lustvoll sein, genauso wie für einige Menschen Schmerz oder Demütigung erregend sind, aber hier haben die Beteiligten den Handlungen zugestimmt und sie ggf. auch mitgestaltet.

Deshalb ärgert es mich auch immer wieder, wenn solche Praktiken als Übel dargestellt werden. Mit einem scharfen Messer kann man Brot schneiden aber auch Menschen töten. Der Kontext macht den Unterschied nicht das Messer.

Erzwungener Kuschelsex ist schlimm, freiwilliger brutaler Sex ist es nicht.

Das heißt wenn wieder “Perversionen”, Pornos, die neuen Medien, der Sittenverfall und die “Homoehe” verantwortlich gemacht werden, für jede Form von sexueller Gewalt, dann ist das völlig am Thema vorbei.

Die bereits lange bestehende gesellschaftliche Situation – mit einer sehr restriktiven Sicht auf die sexuelle Norm – ist es, die es Menschen möglich macht, ohne große Mühe zu vergewaltigen und vor allem ungestraft davon zu kommen.

Man muss sich aktuell nur ansehen, wie die Vergewaltigungsvorwürfe an Bill Cosby oder Woody Allen verpuffen oder jahrelang verpufft sind. Der Punkt ist, Menschen können lustig, künstlerisch brillant und trotzdem sexuelle Gewalttäter sein.

Wir schließen die Augen und hoffen, dass Dr. Huxtable das schon wieder richtet. Und während man so mit geschlossenen Augen vor sich hindämmert, stören die krakeelenden Nervensägen natürlich.

Diese Feministinnen, die einfach nicht locker lassen und tatsächlich fordern, dass die Täter zur Verantwortung gezogen werden. Wenn ich in den Abgrund der menschlichen Seele blicken möchte, lese ich die Kommentare unter Texten, die sich mit den Cosbys, Allens und Blancs dieser Welt befassen.

Die Empörung gilt eben nicht den Tätern, sondern den “angeblichen” Opfern, die nur aus Gier und Ruhmsucht solche Anschuldigungen erfinden. Und nicht selten sind diese Kommentare gespickt mit sexuellen und körperlichen Drohungen gegenüber den Opfern oder Autoren. Ein quasi sich selbst beweisendes System.

Verantwortlich gemacht werden nicht die Täter, sondern die, die den Staus quo ändern wollen. Die Angst vor der Veränderung und dem Machtverlust ist groß. Dabei würden alle von einer feministischeren Welt profitieren.

Um bei einem Thema zu bleiben, das auch Julien Blanc verstehen würde. Während meiner Zeiten als Single hätte ich durchaus gern mit vielen verschiedenen Männern geschlafen. Es gab zwei Gründe, die mich davon abgehalten haben: a) die Angst, vergewaltigt zu werden (ja man kann sich durchaus während der Anbahnung sexueller Handlungen umentscheiden) und das Wissen darum, dass ich wahrscheinlich weder auf Verständnis für mich noch auf Konsequenzen für den Täter hoffen kann und b) die Angst, als sexuell unnormal zu gelten. Schließlich hätte ich konträr zur allgemeinen Annahme – Frauen können Sex und Liebe nicht trennen und hätten eine weniger ausgeprägte Libido – gehandelt.

In einer Gesellschaft, wie ich sie mir als Feministin wünsche, wären diese Gegenargumente obsolet. Das heißt, all die verunsicherten Jungs und Männern müssten keine Seminare mehr buchen, wo sie lernen, wie man Frauen aufliest. Sie würden womöglich ohne große Show Sex mit Frauen haben können, die einfach gerade Lust haben. Die Angst, die richtige Partnerwahl und sei es auch nur für eine Nacht, treffen zu müssen, wäre wesentlich geringer, wenn Sex nicht auch oft als Machtspiel verstanden würde.

Wenn Menschen aus Scham und Angst vor einer schlechten Reputation oder Angst davor, die körperliche Integrität zu verlieren, lieber kein Risiko eingehen, ist es schwieriger einen Partner fürs Schäferstündchen zu finden. Wenn aber Sexualität so gelebt werden kann, wie es dem tatsächlichen Bedürfnis der jeweiligen Person entspricht (egal ob gar nicht, wenig, mittel oder stark), würde die ganze Jagd nach Röcken überhaupt keinen Sinn mehr machen und Sexualität und Macht könnten langsam aufgelöst werden.

Und nein, Sex würde dadurch nicht langweiliger. Wer behauptet, dass der Thrill in der Eroberung liegt hat vergessen, dass man bei den diesbezüglich schönsten Erlebnissen bereits lange vorher der Eroberung zugestimmt hat. Damit hatte sie nichts mit Macht, sondern nur mit Lust zu tun.

*Wer Näheres dazu lesen möchte, kann zum Beispiel diesen oder diesen Text lesen oder dieses Video ansehen.

Die Schwanzvariable

Hinweis zum Lesen: Nachdem ich den Text online gestellt habe, fiel mir auf, dass er am Anfang etwas wirr wirken könnte. Halten Sie durch, am Ende finden die Stränge zusammen.

Wenn in einem Text die Worte “cost per orgasm” enthalten sind, schaue ich zumindest einmal kurz nach, ob sich dahinter etwas Interessantes verbergen könnte.

Ich gehörte nie zu den Menschen, denen fluffig die multiplen Orgasmen entgegenflogen. Insofern erwartete ich etwas über die “Arbeit” bzw. Konzentration, die ein Orgasmus benötigt. Solche spannenden Themen werden leider viel zu selten beschrieben, wissenschaftlich untersucht oder diskutiert.

Aber statt die Menschheitsgeschichte mit irgendetwas Sinnvollem zu bereichern, fand ich eine schlechte Kritik über einen noch viel furchtbareren Blogeintrag in einem amerikanischen Männerblog.

Ich möchte nicht einmal den Urspungstext verlinken (ein Funken Hoffnung in mir glaubt immernoch, dass es sich um Satire handelt) aber das Fazit lässt sich so zusammenfassen: Beziehung sollte als eine wirtschaftliche Berechnung gesehen werden, in der die männliche Klimaxfrequenz ein Teil der Gleichung ist. Quasi ein Abendessen im schönen Restaurant für einmal Spermasekret ausscheiden inkl. Muskelentspannung. Die Grundvoraussetzung der Berechnung ist die Annahme, dass Frauen aus einer Beziehung/einem Date möglichst viel wirtschaftlichen Nutzen ziehen wollen, während Männer in einer Beziehung möglichst viel Sex haben möchten bzw. nur wegen des Sex daten.

Die Kritik des Independent setzt bei der Behauptung des Urspungstextes an, dass Beziehung etwas Ökonomisches sei und kramt Romantik, Liebe und den Mut zum Risiko als Gegenargumente raus.

Dabei wird die Chance vertan, die eigentliche Irrsinnigkeit und Mysogonie aufzuzeigen. Wenn selbst einer Autorin für den Independent nicht auffällt, dass der Wahnsinn in einem völlig bekloppten Männer- und Frauenbild liegt, dann ist davon auszugehen, dass dieser gesellschaftlich tief verankert ist.

Das macht es im übrigen nicht besser oder wahrer. Es gab auch Zeiten, in denen war die Idee einer Erdscheibe gesellschaftlich tief verankert.

Schon das Offensichtliche wird außer acht gelassen. Der Orgasmus. Ich habe eine Umfrage gemacht. 100% der von mir befragten Frauen sagte, sie schätzen den Höhepunkt im Rahmen eines Geschlechtsakts ebenfalls. Also ganz ohne höhere Mathematik wird die Gleichung des selbsternannten Alphabehighpotentialmännchens in dem Moment zerstört, in dem die Orgamsusrate der Frauen eine weitere Variable wird.

Ein Fakt, der anscheinend in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen wird, ist, dass Frauen Sex und Orgasmen und alles was damit zusammenhängt mögen. Wenn Frauen dies nicht so aggresiv einfordern wie Männer, liegt das vor allem an den unterschiedlichen Voraussetzungen.

Promiske und sexuell offensive Frauen werden nach wie vor im besten Fall kritisch beäugt. Das Ausleben vieler sexueller Beziehungen wird nicht vermieden, weil Frauen keine Lust dazu hätten, sondern weil es bedeutet, dass über sie getratscht würde oder sie problemorientierte Gespräche mit ihrem Umfeld führen müssten. Die Entscheidung liegt hier zwischen heimlichen Ausleben oder verzichten. Es sollte also nichts mit weiblichen Charakteristiken begründet werden, dass nicht auch aus sozialem Druck entstanden sein kann.

(Ich glaube übrigens, dass es sowohl Männer als auch Frauen gibt, die aus ihren persönlichen Vorlieben heraus kein Interesse an dergleichen haben, aber das lässt sich nicht auf das Geschlecht, sondern auf das Individuum zurückführen.)

Vor einiger Zeit las ich einen Tweet, den ich leider nicht mehr finden konnte, mit folgender Aussage: “Beim Onlinedaten haben Männer Angst, in der Realität eine dicke Frau zu treffen. Frauen haben Angst, auf einen Psychopathen zu stoßen.” (Dank Herrn Rpunkt und Ernst diesen und diesen Hinweis zur Quelle gefunden.)

Solange Frauen implizit und explizit die Schuld für eine Vergewaltigung gegeben wird, ist für sie Sex mit wechselnden und relativ fremden Partnern einfach viel gefährlicher, als für Männern. Natürlich gibt es auch durchgeknallte Frauen, aber trotzdem ist die Gefahr für einen Mann wohl immernoch größer von einem anderen Mann vergewaltigt zu werden, als von einer Frau. Rückblickend habe ich auf diverse One Night Stands verzichtet, weil ich mir nicht sicher war, ob ich wirklich Lust hatte und lieber an einem von mir kontrollierbaren Punkt aufgehört habe, als das Risiko einzugehen, dass ein “nein” von mir ignoriert wird. Klar kann man die weibliche Zurückhaltung als Keuschheit und sexueller Unlust interpretieren, viel näher an der Realität liegt aber die Sorge vieler Frauen, dass ihre Ansagen übergangen und sie am Ende als fahrlässige Schlampe hingestellt werden.

Im Gemengelage der Unfähigkeit Frauen zu befriedigen, bei gleichzeitiger Misinterpretation der Befürnisse von Frauen und dem daraus resultierenden Glauben, dass Frauen sexuell uninterssierte Wesen sind, muss eine Motivation konstruiert werden, die erklärt, warum Frauen überhaupt Sex haben. Diese darf natürlich nicht den Glanz und das Heldentum des Mannes beflecken. Die Idee, dass Frauen Geschlechtsverkehr dulden, damit sie materielle Güter erhalten, ist ein Alltime-Favorite.

Gern werden hier auch wieder die Steinzeitmenschen hervorgeholt. In der Wildniss vor zigtausend Jahren war es ja angeblich auch so, dass Frauen einen starken Beschützer brauchten, der Fleisch und andere Eiweißresourcen mit nach Hause brachte, während sie für Beeren sammeln und Kindererziehung zuständig waren und ihren Körper leidenschaftslos hergaben. Auf die viel näherliegende Erklärung, dass in der Wildniss eine ganze Gruppe gleichberechtiger und kompetenter Individuen der beste Schutz gegen Tiere, Wetter, Hunger usw. sein könnte, kommt keiner.

Die naiv-dümmliche aber geld- und juwelengierige Frau ist die perfekte Projektionsfläche, um auszublenden, dass Frauen deshalb sexuell viel vorsichter sind, weil sie größere physische und soziale Risiken eingehen als Männer. Verursacht wiederum von Männern, die nichts besseres zu tun haben, als ihren Schwanz in eine Gleichung einzubringen und zu ignorieren, dass zu einem Orgasmus auch zwei gehören können.

Gesprächsnebelbomben

Während meines Studiums habe ich für Referate immer besonders schöne und besonders hohe Schuhe ausgewählt.

Mit 10cm Absatz bin ich 1,83m und Dank meiner ohnehin sehr massiven Erscheinung wirke ich sehr einschüchternd.

Genau das war meine Intention. Durch mein Auftreten habe ich im Vorfeld versucht, meine Kommilitonen und Professoren abzuschrecken. Ich wollte Autorität und Dominanz ausstrahlen und mich gleichzeitig attraktiv fühlen. Mein Ziel war es, unmissverständlich klar zu machen, dass es sich um mein Referat und um meine Show handelt.

Natürlich war ich nicht immer zufrieden aber mein Plan ging in der Regel auf. Meine Referate wurden selten unterbrochen und die Diskussionen im Anschluss wurden sachlich und respektvoll geführt.

Ich wollte schon lange einen Text darüber schreiben, dass High Heels und auffallend weibliche Kleidung für mich persönlich “Werkzeuge” sind, die ich bewusst und gern nutze, um mich stärker und selbstbewusster zu fühlen bzw. bestimmte Punkte meiner Ausstrahlung zu unterstreichen (bzw. andere zu verdecken).

Als ich neulich ein Interview mit Dita Von Teese sah, erinnerte ich mich wieder an mein Vorhaben.

Sie wird im Interview mehrfach und in verschiedenen Varianten gefragt, ob ihre Arbeit und ihr Auftreten nicht anti-feministisch seien.

Dita Von Teeses Reaktionen auf die unendliche Fragen vorbei am Wesentlichen des Feminismus sind klug und deutlich.

a) Niemand sollte einer Frau sagen, wie sie auszusehen hat, um sich im eigenen Körper wohl zu fühlen, b) sie sieht ihre Arbeit und die von ihr geschaffene Persönlichkeit als Kunst und c) das Bedürfnis (in sexueller Hinsicht) zuweilen objektifiziert werden zu wollen, ist legitim und kein Widerspruch zum Feminismus.

Hätte ich die Gelegenheit Dita Von Teese zu interviewen, ich würde es tatsächlich wagen, ihr Fragen in Hinblick auf ihr Werk, ihre Kunstphilosophie, ihre Inspirationen und ihre zukünftigen Pläne als Künstlerin und Unternehmerin zu stellen.

Stellen wir uns vor, Robbie Williams wäre interviewt worden. Ein Mann der ebenfalls seinen Status als Sexsymbol in seiner künstlerischen Arbeit aufgreift. Ein Mensch, der in der Tat kein einfaches Verhältnis mit der Regenbogenpresse hat/hatte. Aber in einem Interview mit the guardian würde er ganz sicher nicht gefragt werden, ob sein Outfit nicht zu maskulin sei, ob er überhaupt Kunst mache, und nicht “nur” halbnackt und aufreizend auf der Bühne steht, um sich so zu einem Sexobjekt für Frauen zu machen

Spätestens mit dieser Analogie sollte deutlich werden, dass wie so oft mit zweierlei Maß gemessen wird. Die Kleidungsaussage einer Frau wird umgehend auf ihre Teilhabe am oder ihre Verweigerung des Feminismus gewertet. Die Kleidungsauswahl eines Mannes wird als Mittel zur Hervorhebung seiner (künstlerischen/beruflichen) Persönlichkeit gesehen.

Die Objektifizierung findet also gar nicht in dem Moment statt, in dem eine Frau leicht bekleidet auf die Bühne tritt, um sich im Rahmen einer Show zu einem Sexobjekt zu stilisieren, sondern viel früher, in dem Moment in dem sie vor die Wahl gestellt wird, entweder Feministin zu sein oder optisch mit Bildern von Weiblichkeit zu spielen.

Absurderweise greifen hier Strömungen des Feminismus und patriarchalischen Strukturen wie ein Uhrwerk ineinander.

Denn die Kritik an Frauen, die ihre Weiblichkeit offen zu Schau stellen oder sie zur Show machen, kommt von beiden Seiten.

Als ich Judith Holofernes Liebeserklärung an Dolly Parton las, wurde mir erstmals klar, was für eine großartige Frau und emanzipierte Feministin Dolly Parton ist. Einfach weil auch in mir die Idee so fest verankert ist, dass Frauen, die sexualisierte, offenherzigen Weiblichkeit symbolisieren, keine Feministinnen sein können.

Damit sind wir wieder an einem Grundpfeiler, der die aktuelle Gesellschaftsordnung trägt und dabei ganz wunderbar einige Strömungen des Feminismus für sich arbeiten lässt.

Anstatt einfach zu akzeptieren, dass es Frauen gibt, die sich mit High Heels und Make-Up, in Pinup-Posen und Reizwäsche stark und wohl fühlen, wird ihnen unterstellt, das Patriarchat durch ihr Verhalten zu zementieren und das Wohl aller Frauen zu gefährden. Die Möglichkeit einer bewussten Entscheidung wird in Abrede gestellt, als würde es sich um dumme Kinder handeln.

Ich ertrage diese Stellvertreterdiskussionen nicht mehr, die dafür sorgen, dass die wesentlichen Themen nicht angesprochen werden, sondern statt dessen mit Plädoyers für Haare dran, Haare abrasieren oder Brazilian Waxing ablenkende Gesprächsnebelbomben geworfen werden.

Ich will Interviews mit großartigen KünstlerInnen sehen und lesen, in denen interessante Fragen gestellt werden, ich will mir Kleidung anziehen, in der ich mich wohl fühle und wenn ich objektifiziert werden möchte, will ich nicht an das Patriarchat denken müssen.

Wenn wir uns wirklich Gedanken machen wollen, wie wir als gleichberechtigte Menschen miteinander leben wollen, sollten wir das Diskussionsniveau einer QVC-Verkaufsshow verlassen. Es kann nur interessanter werden. Für alle.

Das böse Weib

Einige Tage nachdem Elliot Rodgers aus Hass auf die Welt und vor allem aus Hass auf Frauen, vor allem die, die ihn nicht wollten, sieben Menschen erschoss, ploppte ein Text aus 2010 in meiner Timeline auf.

Wolfgang Bergmann schreibt darin über das “schreckliche” Leben von Jungs in der heutigen Zeit: Jungs von heute – verweichlicht und verweiblicht

Dieser Text ist auf so vielen Ebenen falsch und zeigt unfreiwillig gleichzeitig auf, was das Kernproblem unserer Gesellschaft ist. Eine Gesellschaft, die im extremsten Fall Menschen wie Rodgers produziert. Menschen, die glauben, dass sie Frauen (und einigen Männern) überlegen sind und dass sie das Recht haben, über Frauen zu bestimmen. Wenn sie in ihrem angeblichen Recht beschnitten werden, steht es ihnen zu, ihren Hoheitsanspruch mit Waffengewalt zu verteidigen.

Schon der Titel von Bergmanns Text ist unsäglich dumm gewählt. Zum einen wird “verweichlicht” und “verweiblicht” in einen Satz gepackt. Im Grunde sagt er damit, dass alles Weibliche auch Verweichlicht ist. Wie kommt er auf die Idee? Weiblichkeit ist Weiblichkeit und Weichheit ist Weichheit, beides zusammen ergibt überhaupt keinen Sinn.

Und ein weiterer Aspekt stößt mir immer wieder auf: Was ist Schlimm an Weiblichkeit? Was ist Schlimm an Weichheit? Bergmann macht schon im Titel deutlich, dass diese beiden Charakteristika schlecht und für kleine Jungs schädlich sind. Ein what the fuck ist das Zurückhaltenste was ich zu so einer Aussage äußern kann.

Es widert mich zutiefst an, wie in unserer Gesellschaft Härte, Streitsucht, aggressives Auftreten, Angeberei, Skurpellosigkeit, Dominanz und Selbstdarstellung verherrlicht und vor allem grundsätzlich mit “Männlichkeit” asoziert werden. Ebenfalls wunderbar passend zu den Geschehnissen in den USA und ebenfalls in der Welt, diesem Onlinemagazine der selbstverliebten Dummheit, erschien von Frank Schmiechen ein Artkel über echte Männer.

Ohne Ironie, Witz oder nur einen Funken Selbstironie schreibt Schmiechen Schleicher, dass “echte” Männer eben Regeln brechen und verfassungswidrig doppelt wählen, zu schnell fahren oder öffentlich urinieren.

Ernsthaft? Echte Männer sind Personen, die Menschen gefährend, weil sie zu selbstgefällig sind, um sich an Verkehrsregeln zu halten? Menschen, die Gesetzte brechen, weil sie meinen, dass sie darüber stehen und ihre Wahlstimme doppelt zählt? Und “echte” Männer sind unappetiliche Idioten, die einfach irgendwo hinpissen?

Wenn ich meinen Sohn so erziehe, dass er als Erwachsener genau diese Dinge nicht macht, sondern zivlisiert seine Meinung äußert, mit Argumenten Regeln ändert, durch Sprache und Handeln Menschen überzeugt und wenn er demütig ist und sich nicht für das Zentrum der Welt hält, habe ich dann meinen Sohn verweiblicht und verweichlicht und zu einem unglücklichen Menschen erzogen? Ich wage das zu bezweifeln.

Aspekte wie Empathie, Wärme, Liebenswürdigkeit, Kompromissbereitschaft, Fleiß oder Sensibiltät werden grundsätzlich der Weiblichkeit zugeordnet. Und interessanterweise stets mit Schwäche und Minderwertigkeit in Verbindung gebracht. In unserer patriarchalen und kapitalistischen Welt werden diese Eigenschaften im besten Fall akzeptiert und bestimmten Lebensbereichen zugeordent: Erziehung, Umgang mit Pflegebedürftigen, Dienstleistung oder der Zuarbeit/Vorbereitung.

Bewundert oder gewertschätzt werden diese Eigenschaften eigentlich nie.

Und auch Bergmann findet nichts Gutes daran für einen zukünftigen Mann. Denn ein zukünftiger Mann – so Bergmann – braucht Wettbewerb, möchte der Bestimmer sein, Ängste überwinden, muss raufen, laut sein, bauen und gestalten.

Zwei Fragen drängen sich auf: warum müssen Jungs das und warum gilt das gleiche nicht auch für Mädchen?

Ich behaupte nicht einmal, dass es keine Unterschiede zwischen Frauen und Männern gibt. Aber die Bedürfnisse sind ähnlicher als einem ständig erzählt wird.

Als Kind – und zum Teil noch heute – wollte ich bestimmen, toben (es traut und traute sich nur keiner mit mir, außer meinem 8 Jahre älteren Bruder), Ängste überwinden, laut sein, bauen, gestalten und um die Wette rennen. Und als Mutter einer Tochter und eines Sohnes sehe ich trotz der Unterschiedlichkeit, dass beide Kinder im gleichen Maße wild, laut und neugierig sind.

Dass es heute eher unüblich ist, dass Kinder ganze Tage allein mit ihren Freunden im Wald verbringen, dass Schule viel zu viel Stillsitzen und viel zu wenig Freiraum bietet, dem stimme ich zu, aber darunter leiden Mädchen wie Jungen.

Anstatt zu erkennen, dass das Problem vielmehr in einer leistungsbezogenen Gesellschaft liegt, in der so viele Eltern unruhig werden, wenn ihre Kinder nicht früh genug Chinesisch und Englisch lernen, in der jeder ungerade Lebensweg der Kinder mehr Panik auslöst, als Bluemie oder Magersucht, macht Bergmann vermeintlich weibliche Aspekte* dafür verantwortlich.

Das ist gleichzeitig so böse, menschenverachtend und dumm, wie man es nur von einem Hassprediger erwarten kann. Meines Erachtens, waren es nicht Empathie, Wärme, Liebenswürdigkeit, Kompromissbereitschaft, Fleiß oder Sensibiltät, die Elliot dazu verleitet haben, sieben Menschen zu töten. Es war vielmehr das Gedankengut einer Gesellschaft, die immer wieder die Verantwortung für das Böse der “Weiblichkeit” zuordnet.

Frauen mögen mich nicht = ich habe das Recht sie zu erschießen
Weibliche Erziehung = Depressive, hyperaktive und kranke Jungen und Männer
Wahlbetrug, öffentliches Urinieren, Unfähigkeit Straßenregeln zu befolgen = echte Männer
Logik anyone?

*Absurderweise setzt Bergmann Leistungsdenken und weibliche Pädagogik ebenfalls in einen Sinnkontext. Dabei ist der Leistungsgedanke inklusive einer Leaderrolle sonst eindeutig der “Männlichkeit” zugeordent. Ich nehme an, er wollte seine Argumentation nicht durch Logik versauen.

Keine Ahnung wie es dem deutschen Feminismus geht, aber ich bin dabei

Neulich las ich in einem Blog: ich bin keine Feministin aber…

Genervt klickte ich weg. Zugegebenermaßen war das unfair von mir, denn bis vor wenigen Jahren war ich geradezu persönlich beleidigt, wenn mich jemand Feministin nannte und teilweise versuchte ich meinem Gegenüber mit Argumenten zu belegen, dass ich eben keine Feministin oder gar Emanze bin.

Ich fühlte mich stark und gleichberechtigt und glaubte, dass es in unserer Gesellschaft eigentlich nicht mehr viel für uns Frauen zu kämpfen gibt. Diejenigen, die daran scheiterten, Job und Familie zu verbinden hielt ich für unfähig und war mir sicher, dass es mir leicht fallen wird, mich in einem männliche geprägten Arbeitsumfeld durchzusetzen, Kinder zu erziehen, eine Ehe zu führen und dabei schlank und schön durch meine Lätta-Welt zu hüpfen.

Lustigerweise habe ich über die Jahre tatsächlich viele meiner Lebenträume umgesetzt. Das ändert nichts daran, dass ich die Situation jetzt völlig anders bewerte und mich als Feministin bezeichne.

Es heißt ja Feminismus und nicht Alice-Schwarzerismus

Zuweilen könnte man den Eindruck haben, dass der deutsche Feminismus ausschließlich von Alice Schwarzer geprägt, bespielt und kontrolliert wird. Sie hat tatsächlich die Dominanz eines Mammutbaums in einem kleinen japanischen Steingarten. Aber sie ist nicht der Feminismus.

Bei vielen Dingen, die auf Alice Schwarzer zurückgingen, wie der PorNo-Kampagne oder ihren Schriften über “richtigen” Geschlechtsverkehr unter feministischen Gesichtspunkten sah ich mich nicht repräsentiert. Auch der nahezu ironie- und witzfrei Schreibstil der Emma ließ mich selbst bei interessanten Titelthemen den Kauf verweigern.

Meine damalige Schlußfolgerung, dass Feminismus nichts für mich ist, weil ich mit Alice Schwarzers Ideen nicht immer konform gehe, halte ich im rückblickend für wenig reflektiert bis dumm.

Das schlimme F-Wort

Aber nicht nur der Alice-Schwarzerismus ließ mich fern bleiben von allem Feministischen, sondern auch eine sehr gelungene negative Marketing-Strategie. Offenbar hat es hervorragend funktioniert, nur oft genug zu wiederholen, dass Feministinnen oder Emanzen häßliche, böse und unfickbare Weiber sind.

Einer Frau, die für Gleichberechtigung eintritt, wird sofort jede positive weiblichliche Charakteristik abgesprochen. In der aktuellen Sexismusdebatte wird dieses Programm auch wieder rauf und runter gespielt. Das führt zuweilen zu so absurden Behauptungen, wie die Sorge davor, dass Erotik verloren geht, wenn man Frauen nicht mehr einfach so an den Po fassen darf.

Anstatt mir lachend weiter die Fußnägel zu lackieren und darauf hinzuweisen, dass der Pograbscher eines Mannes, der unfähig ist, Signale korrekt zu deuten, so viel mit Erotik zu tun hat, wie eine Karnevalssitzung mit Humor, glaubte ich wirklich, dass ich als Feministin Weiblichkeitspunkte verlöre.

Weiblich, zickig sucht

Und dann gibt es ja auch noch diese anderen Frauen. Womöglich ist die ewige Betonung der Zickigkeit von Frauen – vor allem untereinander – auch eine langjährige Negativ-Kampagne. Aber in den Tat habe ich zuweilen den Eindruck, dass Frauen sich selbst ihr größter Feind sind.

Keine Ahnung, ob es daran liegt, dass Frauen sich lieber an diejenigen mit Macht schmiegen als sie für sich und ihr Geschlecht zur Hälfte einzufordern.

Vielleicht verursacht der Wunsch, möglichst lange auszusehen wie ein Teeny – Random Fact: es gibt ein Workout, das Frauen Teeny Tiny machen soll – auch eine intellktuelle Stagnation. Reife – und damit einhergend Besonnenheit, Reflektion usw. – ist im weiblichen Kontext meist eher ein Schimpfwort als ein Ausdruck der Anerkennung.

Im Internet gibt es unter Frauen natürlich auch Zickereien. Aber persönlich habe ich festgestellt, dass es mir “online” deutlich leichter fällt, Frauen gegenüber Anerkennung auszudrücken, mich mit anderen Frauen zu solidarisieren und den Konkurrenzgedanken durch einen Kooperationsgedanken zu ersetzen. Schließlich kann ich nicht jeden guten Text allein schreiben. Und Texte von Männern decken oft nur ein Teil meiner Interessen ab oder haben eine Perspektive auf Dinge, die für mich nur mäßig spannend ist.

Wenn ich gute Texte lesen möchte, dann muss ich sie suchen. Das gelingt am besten, indem ich Frauen mit ähnlichen Interessen bei Twitter, auf Facebook und bei quote.fm folge. Indem ich Blogs lese und dort Empfehlungen nachgehe.

Gleichzeitig sehe ich es als meine Pflicht, auf gute Texte hinzuweisen, wäre ja schade, wenn ich mich mit niemandem darüber austauschen kann. Und da ich mich selbst über Zuspruch und Lob freue, ist es im Grunde nur logisch, dass ich Zuspruch und Lob auch bei anderen ausdrücke.

So lese ich begeistert von und über Frauen von denen ich weiß, dass wir uns in einem Café sitzend nichts zu sagen hätten und innerlich die Nase über Auftreten und Habitus der jeweils anderen rümpfen würden. Aber im Internet nivelliert sich vieles und wird irrelevant. Im besten Fall wirkt sich dieses leben, leben lassen und solidarisieren auch irgendwann im Café, auf der Arbeit und in der Krabbelgruppe aus.

Internet und Feminismus – geht es auch was konkreter?

Ellebil verlinkte neulich eine Rezension von Miriam Gebhardts Buch Alice im Niemandsland. Wie die deutsche Frauenbewegung die Frauen verlor.

Die Hauptthese des Buchs scheint zu sein:

Würde man die interessante These als Diagnose lesen wollen, könnte man den Grund für den Verlust der Frauen seitens der Frauenbewegung in der fehlenden intellektuellen Ausstrahlung des öffentlichen Feminismus suchen. Damit trifft die Historikerin einen wichtigen Punkt des Phänomens, der meines Erachtens durch die Betrachtung eines dazugehörigen Aspekts ergänzt werden sollte. Für das Fehlen eines intellektuellen Feminismus in der Öffentlichkeit ist nicht nur das angebliche Elitebewusstsein der Akademikerinnen verantwortlich, sondern auch ein öffentlicher Verdacht gegenüber (politischer) Intellektualität, der in der BRD in einer gewissen Tradition steht und der sich zur Zeit unter anderem in der Transformation der Universität zu einer praktisch orientierten Ausbildungsstätte äußert.

Und da musste ich lachen. Offenbar hat Frau Gebhardt einfach mal die Ausstrahlung – akademischer, semiakademischer oder nicht-akademischer – Veröffentlichungen im Internet auf den öffentlichen Feminisums ignoriert.

Ohne empirische Daten vorlegen zu können, habe ich den Eindruck, dass es selten so breit gefächerte, spannende, länderübergreifende feministische Diskurse gab wie die, die im Netz stattfinden und dass es ein großes Interesse und eine hohe Diskussionsbeteiligung gibt.

Keine Ahnung ob es einen Verein Frauenbewegen e.V. gibt, bei dem kein Mensch mehr Mitglied sein möchte, aber ich sehe einen großen Zulauf bei feministischen Themen. Offenbar ist das Interesse so groß, dass Jan Fleischhauer Text um Text veröffentlicht, in der Hoffnung, diesen Frauenkram irrelevant zu schreiben.

Mich persönlich konnte vor allem Antje Schrupp mit ihren doktrinfreien und menschbezogenen Feminismus aus meiner Schmollecke abholen. Aber auch die frühen Jahre der Mädchenmannschaft oder Feministing waren für mich Startpunkte, von denen ich dann auf Themen, Theorien, Texte, Links und Blogger stieß.

So wurde mir bewusst, wie spannend und wichtig das Thema ist und dass es sich lohnt, sich selbst einzubringen, wenn es darum geht, Gleichberechtigung in der Gesellschaft zu etablieren. Und das bedeutet für mich eben auch ganz klar zu sagen, dass ich Feministin bin – eine, die jetzt ihre Fußnägel lackieren geht.

Welche Blogs ich lese und warum: Kluge Blogs

Ich halte eigentlich alle Blogger, die ich gern lese für kluge Menschen, daher ist meine Wortwahl wohl etwas misslungen. Da ich aus der Nummer aber ohnehin nicht mehr elegant rauskomme, belasse ich es dabei und konzentriere mich auf die zwei Blogs, von denen ich in diesem Zusammenhang besonders schwärmen möchte.

Auf das Blog von Antje Schrupp stieß ich vor circa 1,5 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt glaubte ich, mit dem Feminsmus und den diversen Gender-Gedöns abgeschlossenen zu haben.

Das waren Sachen aus dem Studium, die für mein aktuelles Dasein keine Relevanz hatten. Ich hatte Mann, Kinder, einen Job und irgendwie ein ganz schickes Leben, wofür sollte ich mich mit Emanzipation, Geschlechterdefintion und feministischen Theorien auseinandersetzten?

– Weil es wahnsinnig spannend und nach wie vor wichtig ist.

Wer in Frau Schrupps Blog mal gestöbert hat, wird feststellen, wie interessant, relevant und vor allem vielseitig das Thema ist. Darüber hinaus mag ich ihren menschenfreundlichen Ansatz.

Es geht ihr nicht um Ausgrenzung oder Differenzierung, sondern mir scheint, dass ihr gerade die Vereinbarkeit von Männlichkeit und Weiblichkeit, von Familie und Beruf, von Theorie und Praxis, von Profanem und Sakralem oder von Digitalem und Realem ein besonderes Anliegen ist.

Ich freue mich jedes Mal über die Leichtigkeit mit der sie die extrem komplexen Themen angeht und sie in ihren Texten so runterbricht, dass sie leicht verständlich und vor allem unterhaltsam sind. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass man am ehesten die Welt ändern oder verbessern kann, wenn man die Menschen dort abholt wo sie sind und nicht durch Zwang und Angst in die gewünschte Ecke treibt.

Ein wenig beängstigend finde ich indessen, dass Frau Schrupps Texte regelmäßig Anker in meinen Kopf setzen. Wenn meine Kinder krank sind, muss ich immer an den letzten Satz in diesem Text denken, vor allem weil ich nur schwer Arbeit und kranke Kinder verbinden kann.

Und auch der Text über den Tod von Cesaria Evora hallt mir immer wieder durch den Kopf und flüstert mir ins Ohr, doch mal etwas königinnenhafte Souveränität auszustrahlen.

Antje Schrupps Texte sind nachhaltig, über diese Buchrezension zum Thema Geborensein habe ich nicht nur viel nachgedacht, sondern ich hatte beim Lesen einen dieser Aha-Effekte. Schließlich war ich bis dahin auch eher der Meinung gewesen, dass Kinderaustragen ein notwendiges Übel ist.

Überhaupt bin ich ein großer Freund von Antje Schrupps Buchrezensionen. Ganz einfach, weil ich die Bücher nicht lesen würde, aus Zeitmangel aber auch aus Faulheit und zuweilen Desinteresse.

Umso mehr freue ich mich darüber, dass sich jemand die Mühe macht, die Quintessenz herauszuarbeiten und mich in manchen Fällen dann sogar doch noch dazu bewegt, eine Bücherbestellung zu tätigen.

Sehr empfehlenswert ist übrigens auch Antje Schrupps Zweitblog Über Liebe und Freiheit. Eine Sammlung.

In der Schule gab es so “Meine Besten Freunde” Bücher. Darin sollte man aufschreiben, welche Filme, Bücher, Lieder man besonders gern mochte. Je nach dem wer gerade Objekt meiner Euphorie war, schrieb ich dann gern Dinge wie “Alles von Madonna” oder “Alle Filme mit Keanu Reeves” oder “Alles von John Irving”.

Und würde ich heute nach meinem Lieblingsblog gefragt, würde ich wohl unter anderem schreiben: alles von Stefan Niggemeier. Und das ist viel, man findet ihn unter anderem hier, hier oder auch hier.

Besonders eigenwillig ist meine Begeisterung für Stefan Niggemeier sicherlich nicht, zählt der Gründer und Herausgeber des BILDblogs doch zu den bekanntesten und verehrtesten Bloggern von dem selbst einige meiner webfremden Freunde und Bekannten mal was gehört oder zumindestens was (gedrucktes) gelesen haben.

Der ausgesprochen flauschige und freundliche Herr Niggemeier wirkt zunächst als könnte er keiner Fliege etwas zuleide tun. Wahrscheinlich tötet er auch keine Fliegen, was ihn aber nicht davon abhält, ganz höflich und respektvoll und in wunderbar gepflegter Sprache die Dummheiten von einzelnen Menschen, Sendern und Medienanstalten oder Themenheften der Zeit zu sezieren.

Ganz besonders entzückt bin ich immer wieder davon, wie er mit einfachsten Mitteln, die Absurdität der Dinge aufzeigt. Zum Beispiel reicht die Transkription der Bushido-Dankesrede völlig aus, um die tiefe Idiotie dieses Menschen zu offenbaren.

Und die Tabellen erst. Herr Niggemeier ist das Gegenteil eines Zauberers. Er fasst und schreibt gründlich die Fakten zusammen und verblüfft dann mit den logischen Schlussfolgerungen viel mehr, als man es mit einem Taschenspielertrick könnte.

Naja und dann gibt es ja auch noch das Os-/Dus- und hoffentlich auch bald Bakulog, das Niggemeier zusammen Lukas Heinser macht.

Der Mann und ich haben uns jeden Abend darauf gefreut, es im Bett zusammen zu gucken. Ständig sind die Kinder aufgewacht, weil einer von uns laut losgelacht hat. Wegen der Kinder hören wir auch nach wie vor Rockefeller Street und noch mehr als ein Jahr später sehe ich vor meinem inneren Auge Lukas Heinser wild Fähnchen schwingend durch das Pressezentrum hopsen.

Irgendwie scheint es also egal zu sein, was Herr Niggemeier macht, es wird alles Gold oder zumindest gute und kluge Unterhaltung.

Weiter geht es dann in ein, zwei, drei Tagen, Wochen oder Monaten mit der nächsten Kategorie “Haben auch Kinder”.