Keine Euphorie, sondern Verärgerung

Im Urlaub habe ich Lily Kings Buch „Euphoria“ gelesen. Wer den Roman noch lesen möchte, besser nicht weiterlesen, ich verrate einiges aus der Handlung.
Das Buch spielt in den 30er Jahren des 20. Jahrhundert auf Papua-Neuguinea. Ein Anthropologen-Paar (Nell und Fen) treffen während ihrer Arbeit bei verschiedenen Stämmen in der Region auf einen englischen Anthropologen (Bankson). Dabei kommt es zu einer Ménage-à-trois sowohl auf freundschaftlicher, beruflicher und sexueller Ebene. Das Buch ist wirklich spannend geschrieben, es enthält viele Informationen sowohl über die Menschen auf Papua-Neuguinea als auch über die Methodik und Geschichte der Ethnologie und Anthropologie.
Während des Lesens habe ich mich bereits gefragt, ob das Buch auf realen Personen und Kulturen basiert. Umso mehr freute ich mich über die „Auflösung“ am Ende des Buchs. Es handelt sich um eine fiktionale Geschichte, die inspiriert ist, von der einige Monate dauernden Zusammenarbeit von Margaret Mead, Reo Fortune und Gregory Bateson am Sepik Fluss im Jahr 1933.

Ich recherchierte also nach Margaret Mead, von der ich bis dahin noch nie etwas gehört hatte und war begeistert. Mead war eine erfolgreiche und berühmte Anthropologin mit einer sehr interessanten Lebensgeschichte. In „Euphoria“ wird aus einer realen
Figur, die sich in ihrer Forschung u.a. auf Sexualität und die Konstruktion von Geschlechterrollen konzentriert hat, die ganz offenbar ihr Leben stark selbst bestimmt hat und drei Mal verheiratet war, ein Opfer. In der Geschichte ist ihr Ehemann (Fen) gewalttätig und eifersüchtig auf ihren Erfolg. Dem gegenüber ist ihr Liebhaber und Verehrer Bankson verständnisvoll aber auch nicht stark genug, um sie zu retten. Am Ende stirbt die schwangere Nell an Blutungen, die wahrscheinlich durch ihren Ehemann verursacht wurden. Aus ihren Manuskripten jedenfalls geht hervor, dass sie sich trennen wollte. Die Geschichte selbst wird aber nicht von Nell, sondern von ihrem Geliebten Bankson erzählt. Lediglich Fragmente aus ihren Notizbüchern lassen direkte Rückschlüsse auf Nells Perspektive zu.

2015 hielt ich auf der re:publica einen Vortrag über das Fremdgehen. Darin stellte ich die These auf, dass in Filmen und Büchern Frauen, die fremd gehen, immer oder zumindest sehr häufig sterben müssen. Ich könnte mich darüber freuen, dass meine These in einem Buch, das 2014 erschien,
bestätigt wird. Ehrlich gesagt aber ärgere ich mich. Darüber, dass spannende, weibliche Persönlichkeiten nach wie vor in kulturellen Werken zurechtgestutzt werden, damit sie auf keinen Fall ein Rollenmodell werden, sondern ein Mahnmal dafür, was mit selbstbestimmten Frauen passiert.

Das englische Triple

Mit am meisten beeindruckt hat mich in unserem Urlaub in der Toskana wie viel Gepäck in den Kofferraum unseren gemieteten Fiat 500-Kombi passt. Zwei große und ein kleiner Koffer konnten fast achtlos und ohne eine Spur von Tetris hineingelegt werden.

Mit unserem fahrenden Raumwunder führen wir auf absurd engen und kurvigen Straßen zu unserem kleinen Bauernhäuschen am Hang, ohne WLAN und mit nur sehr maßvollem Empfang.

Zwei Wochen digitale Diät haben mich nicht mehr erholt als zwei Wochen mit WLAN. Und ich kann auch nicht darüber berichten, mich wegen fehlender Erreichbarkeit freier gefühlt zu haben, eher weniger informiert.

Allerdings habe ich so endlich mal wieder Bücher gelesen.

The Girl on the Train von Paula Hawkins

Ich liebe Thriller und Krimis. Leider gibt es einfach nicht besonders viele, die mir gut gefallen.

Vor einiger Zeit versuchte ich mich an Jo Nesbøs Headhunter. Ich bin nach einigen Kapiteln ausgestiegen. Die Liebe des Protagonisten zu seiner Frau wirkte als sei er ein verwirrter Geist, der sich in irgendeine Liebesprojektion verknallt hat, aber ganz sicher nicht in eine Person.

Wahrscheinlich hat mich das Internet versaut, aber ich ertrage es nicht mehr, mich literarischen (filmischen) Werken hinzugeben, in denen weiblichen Charaktere die Dimensionalität eines Pappaufstellers haben und vor allem zur Herausarbeitung der vielschichtigen Heldensaga des männlichen Protagonisten dienen.

An Thrillern und Krimis stört mich häufig auch die laffe Story und dass man schon früh die Struktur inklusive der Twists erkennen kann.

Das Girl on the Train ist Rachel. Sie ist Ende 30 und ihr Leben läuft nicht so wirklich rund. Jeden morgen pendelt sie von einer Vorstadt in die Londoner Innenstadt. Vom Zug aus beobachtet sie das Leben anderer Leute. Ganz besonders ans Herz gewachsen ist ihr dabei ein Paar. In das Leben dieser Leute projiziert Rachel ihre Träume von Liebe und Leben. Eines Tages ist die Frau verschwunden und Rachel beginnt auf eigene Faust zu suchen.

Abgesehen davon, dass ich den klaren Stil des Buches sehr mochte, fand ich den Plot angenehm überraschend. Keine Polizistin, keine Journalisten, keine geniale Wissenschaftlerin, sondern eine versoffene, dicke Stalkerin kümmert sich um den Fall.

Auch steht der Fall nicht permanent im Vordergrund. Ich mochte, wie unsere Sehnsucht nach Liebe, der Umgang mit Gewalt und traumatischen Erlebnissen in die Geschichte eingewebt wurden. Neben dem Verschwinden einer Person handelt die Geschichte von den vielfältigen Möglichkeiten als Frau in unserer Gesellschaft zu scheitern.

Meine Schwägerin empfahl mir dann Jacinta Nandis nichts gegen blasen

Große Teile des Buchs habe ich dem Mann laut vorgelesen und gut amüsiert stritten wir dann über Blasen oder Cunnilingus.

Nach einem fulminanten Blowjob mit viel Augenkontakt macht Nandi – ich würde das Buch als autobiografisch bezeichnen, wobei ich letztlich keinen blassen Schimmer habe, ob das stimmt – ihrem Freund einen Heiratsantrag und er macht Schluss. Im Groben beschreibt das Buch das Jahr nach der Trennung.

Nandis Sprache ist so klar, lakonisch und drastisch, dass ich von ihr selbst eine Abhandlung über die Fortpflanzung von Regenwürmern lesen würde.

Die großartige Geschichte bekommt man sozusagen als Bonustrack dazu. Ein wenig ist es wie eine Achterbahnfahrt durch den Wahnsinn, den man seit der Geburt ausgesetzt ist, wobei Nandis Achterbahn besonders viele Loopings hat.

Einmal durchgerüttelt hätte ich am Ende des Buchs am liebsten gleich wieder angefangen. Ein kleines Surrogat ist ihr Facebook-Profil, das ich jedem ans Herz legen kann inklusive der Kommentare und Nandis Reaktionen.

Für die letzten Tage des Urlaubs hatte ich mir das sperrigste Buch gelassen: Laurie Penny Unspeakable Things – Sex, Lies and Revolution.

Vor einigen Wochen war ich in Hamburg bei der Lesung von Laurie Penny. Wäre ich nicht ohnehin schon ein Fan von ihr gewesen, spätestens dort wäre ich es geworden.

Ich stimme mit Penny überein, dass viele gesellschaftlichen Probleme direkt auf unser kapitalistisch-patriarchischen System zurückzuführen sind.

Ich mag wie sie argumentiert, dass wir uns über unseren Wert in der Gesellschaft definieren. Dieser bemisst sich vor allem an der Arbeitskraft aber bei Frauen ist der Wert eben auch von Optik und Alter abhängig.

Interessant und ebenfalls teilweise bestätigten kann ich wie Penny analysiert, dass Frauen dazu erzogen werden, die vom Mann zu befreiende Prinzessin und dann seine helfende Begleiterin zu sein, während Männer dazu erzogen werden, die Helden ihrer eigenen Geschichte zu werden.

Wenn ich mir anschaue wie oft diese weiblichen und männlichen Lebensentwürfe medial wiederholt werden, weiß ich warum ich so viele Dinge nicht mehr lesen oder ansehen mag. Diese Geschichten langweilen mich mittlerweile sogar mehr als dass sie mich ärgern.

Sehr interessant fand ich auch Pennys Beobachtungen zu den Lost Boys. Sie widerlegt sehr gekonnt, dass die Männlichkeit in einer Krise steckt.

Der Schlüssel liegt schließlich nicht darin, sich auf alte Muster zu berufen, damit Männer – wenn sie sonst schon keine Macht haben – wenigstens Frauen gegenüber Dominanz ausüben können. Die Antwort kann doch – jetzt mal von ganz normalen Menschenverstand ausgehend – nur sein, dass sich alle Menschen auf Augenhöhe treffen. Wem das schwer fällt, sollte das lernen und sich nicht nach alten Zeiten sehnen.

Unspeakable Things hat mich oft wütend und häufig nachdenklich gemacht. Ein fluffiger Roman zu Abschied hätte dann gut gepasst. Aber der Urlaub war zuende und über Serpentinen ging es zurück ins WLAN.

Kraut, Schuld und Sühne

Am Weltfrauentag hat Tilo Jung zum Thema Weltfrauentag auf Instagram ein Foto gepostet, auf dem eine Frau in den Rücken getreten wird.

Tilo Jung ist Reporter bei Krautreporter und etwas bekannt, unter anderem durch seine Sendung Jung & naiv. Darüber hinaus ist er schon häufiger unangenehm aufgefallen. Beispielsweise hat er in einem Werbespot mitgespielt, in dem er einer Frau mit Schlafproblemen hilft, indem er sie mit einer Kopfnuss bewusstlos schlägt.

Das alles ist dumm, sexistisch und gar nicht witzig.

Das Posting am Weltfrauentag wurde absolut zu Recht als völlig entgleist kritisiert. Es folgte eine Debatte vor allem auf Twitter und auf diversen Medienseiten.

Heute verkündeten die Krautreporter, dass sie mit Jung gesprochen hätten. Es täte ihm leid. Sie würden ihn nicht entlassen aber erstmal keine Artikel vom ihm veröffentlichen.

Als ich heute twitterte


entwickelte sich eine spannende Diskussion.

Von dieser Diskussion möchte ich ein paar Punkte aufgreifen, weil ich glaube, dass sie für das Kernproblem wichtig sind. Denn die eigentliche Frage ist doch: welche Konsequenzen hat eine sexistische Äußerung bzw. welche Konsequenzen sollte sie haben?

Aus Sicht eines Arbeitnehmers finde ich die Reaktion der Krautreporter fair und richtig. Ich wünsche mir auch, dass mein Arbeitgeber mich nicht nach einem Fehler feuert. Deshalb werden Mitarbeiter für gewöhnlich zunächst abgemahnt und erst nach wiederholtem Fehlverhalten gekündigt. Ich finde auch eine (kleine) mediale Figur hat das Recht auf Arbeitnehmerschutz (ich inkludiere hier auch feste-freie Mitarbeiter).

Der Einwand, dass Jung kein „Ersttäter“ sei, ist natürlich richtig aber hier sehe ich das Problem eher bei den Krautreportern. Wie Natollie so schön schreibt:

Für mich sind die Krautreporter eine Gruppe selbstgefälliger Journalisten, die glaubten, Kraft ihres empfundenen Genies den digitalen Journalismus neu zu erfinden. Immerhin konnten sie genügend Geld für ihr Projekt zusammentragen, aber das Resultat ist in 95% der Artikel der gleiche langweilige Journalismus, den sie ja ursprünglich revolutionieren wollten. Zu allem Übel haben sie nicht nur die Langeweile, sondern auch den gesellschaftlich tolerieren Sexismus der etablierten Medien übernommen.

Tilo Jung ist also kein Versehen, sondern Teil des Programms. Und da ist es nur konsequent, dass sich sein Arbeitgeber, der ihm trotz seiner bekannten (sexistischen) Weltsicht angeheuert hat, hinter ihn stellt.

Das eigentlich empörende – für mich – ist, dass Sexismus nach wie vor hoffähig ist. Die Krautreporter können eine große Menge Geld zusammenbekommen, obwohl sie bei der „Revolution“ vergessen, Frauen mit an Bord zu nehmen, die Matusseks und Fleischhauers dieser Welt finden ein Medium, die sie bezahlt und veröffentlich und eine Leserschaft, die sie liest und auf „Frauensendern“ laufen Sendungen über Hochzeitskleider.

Das alles zeigt, dass wir nach wie vor in einer Gesellschaft leben, in der sexistische Äußerungen oder Handlungen keine wirtschaftlichen und kaum gesellschaftliche Konsequenzen haben.

Und wie Meike kotzt es mich an.

Trotzdem wage ich zu bezweifeln, dass die Forderung nach einer Kündigung von Jung das richtige Zeichen ist.

Ein Posting zu kritisieren ist das eine, sich zu wünschen, das Köpfe rollen oder jemanden auf die gleiche persönliche Art anzugreifen, die man gerade kritisiert hat, ist das andere.

Und das sage ich nicht, weil ich Mitleid mit Jung habe, sondern weil ich glaube, dass sich Gräben so noch vertiefen.

Von mir aus können die Tilo Jungs und Krautreporter dieser Welt sang und klanglos untergehen aber viel besser wäre es doch, wenn – zumindest einige – einsehen würden, dass ein Miteinander von Frauen und Männer viel spannender und revolutionärer ist, als ein Gegeneinander. Ich halte deshalb Kommunikation für zielführender als die Forderung nach Vergeltung.

Schneewittchen in der Grube

Vor ein paar Wochen hatte ich einen Tag frei. Der Morgen verlief so harmonisch wie schon lange nicht mehr. Ich brachte ich Kinder gut gelaunt zu Schule und Kita, holte sie entspannt ab, kutschierte sie zu Freunden und Sport. Die Wohnung sah ordentlich aus, die Wäsche war gewaschen und zusammengelegt, alle Grundnahrungsmittel waren da und ich hatte das erste Mal seit langem das Gefühl, mein Leben einigermaßen im Griff zu haben. Abends sagte ich dem Mann, dass ich mir mittlerweile gut vorstellen kann, ein Leben als Hausfrau zu führen.

Hausfrau und Mutter ist ein Job und zwar einer, der wirklich deutlich anspruchsvoller und anstrengender ist als sein Ruf. Und ich verstehe Beziehungen, die sich entscheiden, dass ein Partner (in 98% der Fälle sind es nach wie vor Frauen) Vollzeit zu Hause bleibt und der andere Vollzeit arbeitet. Wenn das Gehalt passt, ist diese Aufteilung nach wie vor die bequemste.

Aber er ist eben auch weit weg von Gleichberechtigung und Wahlfreiheit für Frauen.

In einem Text von Anna Papathanasiou stieß ich auf den Begriff der Schneewittchen, gut ausgebildete Frauen, die sich wegen der Kinder bewusst und freiwillig gegen Karriere und für Familie und ein Hausfrauendasein entscheiden. Ich mochte an dem Text, dass Papathanasiou Verständnis für die Entscheidung hat, aber eben auch die Frage stellt, wie feministisch dieser Weg ist.

Entgegen einiger Behauptungen in den Kommentaren bin ich nämlich auch der Meinung, dass es hier nicht um eine freiwillige und persönliche Wahl geht, sondern die Berufung auf alte Verhaltensmuster. Ein Weg der einfacher ist, als neue Wege zu suchen, auszuprobieren und zu erstreiten.

Eine alleinerziehende Mutter (oder Vater) hat diese Wahl beispielsweise gar nicht. Selbst wenn sie aus tiefster Überzeugung heraus zu Hause bei ihren Kindern bleiben möchte, kann sie dies ohne ein bereits vorhandenes Vermögen nicht umsetzen. Als Mutter verdient man kein Geld und kann ohne private Vorsorge – nicht wirklich mit einer Rente über Hartz-4-Niveau rechnen. Geld zu verdienen ist hier also kein gewählter Lifestyle, sondern schlichte Notwendigkeit.

Und dann gibt es auch noch die Familien, die einfach zwei Gehälter benötigen. In meinem Umfeld machen diese die Mehrheit aus. Man kann uns als kapitalistische Konsumisten beschimpfen, die unbedingt einmal im Jahr eine Urlaubsreise machen müssen, einen großen Fernseher, modische Kleidung und eine Wohnung in der Nähe des Stadtzentrums haben möchten, aber in vielen Fällen sind das leider nicht die einzigen Einschränkungen, die man mit einem einzigen Familiengehalt hätte. Das wird leider viel zu oft vergessen, wenn man in einer anderen Gehaltsklasse schwebt, als 80% der Bevölkerung.

Die Entscheidung für ein Dasein als Hausfrau und Mutter hat also nur für einen relativ elitären Kreis tatsächlich was mit freier Wahl zu tun.

Ebenfalls problematisch finde ich, dass die Diskussion die Lager weiter trennt, statt nach dem gemeinsamen Nenner zu suchen.

Als eine Frau die 30 Stunden wöchentlich arbeitet, zwei Kinder hat und mit einem Mann verheiratet ist, der sich stark in das Familienleben einbringt und zudem zeitlich sehr flexibel ist, lebe ich ein sehr komfortables Leben. Trotzdem habe ich das Gefühl, dauerhaft der Zeit hinterherzulaufen und zwischen 6 00 und 20 30 etwa 6 Bälle gleichzeitig zu jonglieren. Die logistischer Meisterleistung unseres Alltags bricht zusammen, sobald ein Kind krank wird und ich bin mir mittlerweile im Klaren darüber, dass ich keine Karriere machen werde, es sei denn ich investiere wöchentlich 40 Stunden und mehr und wechsle den Job.

Mein Leben hat etwas von einem Langstreckenschwimmwettbewerb in dem es primär darum geht, nicht unterzugehen.

Und ich glaube, so geht es den meisten Frauen mit Familie. So lange es also nicht ein bedingungsloses Grundeinkommen gibt – das ich sehr befürworte – stehe wir im Graben zwischen den wenigen, die es tatsächlich geschafft haben, fünf Kinder und eine Karriere zu vereinbaren und denjenigen, die proklamieren, dass die Mutter sich doch Bitteschön auch voll und ganz um die Kinder kümmern soll, die sie in die Welt gesetzt hat.

Das Lustige ist ja, dass sich keine Gruppe verstanden fühlt, keine hat das Gefühl, dass die Arbeit und Energie die sie investiert, Wertschätzung findet. Jede fühlt sich von dem einen oder anderen Lager in ihrem Lebensentwurf angegriffen.

Und während ich genervt bin, von den medial gehypten Karrieremüttern, die beim Schwimmwettbewerb strahlend vorbeiziehen und den Müttern, die am Rand stehen und vorwurfsvoll dreinblickend die Stullen schmieren, stelle ich mir die Frage, warum wir Zeit damit vergeuden, an einen Wettbewerb der Lebensentwürfe teilzunehmen.

Ich denke ein Hauptgrund ist das Bedürfnis als gute Mutter anerkannt zu werden. Man muss sich nur Maria anschauen und weiß, dass die Mutter in der abendländischen Kultur eine zentrale Rolle spielt. Während nur wenige Männer wie Josef oder Jesus sein wollen, wurde „die Maria mit Kind“ zur Blaupause des weiblichen Daseins. Noch heute können sich wenige Menschen vorstellen, dass eine Frau bewusst keine Kinder möchte und junge Frauen werden – wie neulich in der Zeit – ausschließlich auf ihre Beziehungs- und Familienverweigerung hin analysiert. Frausein wird gleichgesetzt mit Muttersein. Wer eine gute Frau sein will, muss zu allererst eine gute Mutter sein.

Aus diesem Anspruch können wir uns kulturell nur sehr schlecht lösen. Und schon befinden wir uns in einem aufreibenden Konflikt zwischen diversen Modellen des „guten“ und „richtigen“ Mutterseins, als wäre die Herausforderungen des Alltags nicht schon groß genug.

Insofern würde ich das Modell der Schneewittchen als grob fahrlässig bezeichnen, weil eine Person in der Partnerschaft dadurch in ein ökonomisches Abhängigkeitsverhältnis gerät. Die Entscheidung dafür ist aber nicht unfeministisch und geht – außer den Beteiligten – niemanden etwas an.

Die Diskussion sollte also nicht die Modelle bewerten, sondern nachhaken, warum das Mutterbild ideologischen so aufgeblasen ist und wie wir das anstrengende Langstreckenschwimmen gemeinsam meistern können.

Foucault, Sex und warum Feminismus gut für alle ist

Ich habe Michel Foucault nie wirklich verstanden, aber ich habe seine Texte zuweilen sehr gern gelesen. Ich kam mir dann immer vor, als würde ich einen mexikanischen Hiphop-Song mitsingen. Ich versuchte, die Wortklänge nachzuahmen, dabei kam ich mir sehr cool vor, aber ich hatte keinen blassen Schimmer, worum es geht.

Hängen geblieben ist bei mir jedenfalls, dass sich Foucault ausgiebig mit Sexualität und Macht befasste.

Als die Geschichte mit Julien Blanc* aufkam, musste ich wieder an Foucault denken und daran, wie stark in unserer Gesellschaft Sexualität und Macht miteinander verbunden sind.

Die Schwierigkeit ist, dass ich ganz oft Schlussfolgerungen lese, die diese schwierige Konstellation zwar aufgreifen aber abstruse Konsequenzen ziehen, die meines Erachtens diese Verbindung noch stärken.

Anders als Foucault kann sich meine Mutter sehr verständlich ausdrücken. Sie wies immer wieder darauf hin, dass man Menschen am besten über ihre Sexualität kontrollieren kann.

Ich bin immer wieder überrascht, was alles als naturgegeben, einzigst richtig oder Gott gewollt verkauft wird. Als gäbe es in Stein gemeißelte Gesetze der menschlichen Sexualität.

Dass diese Methode so gut funktioniert, basiert meines Erachtens auch darauf, dass Sexualität sehr intim ist. Man lässt andere Menschen sehr nah an sich ran, oder ist sehr stark mit sich selbst beschäftigt und vor allem verhält man sich im Rahmen von sexuellen Handlungen oft ganz anders als im Alltag zum Bespiel beim Schmieren einer Stulle. Dazu kommt, dass man häufig selbst darüber verwundert ist, welche Dinge, Worte, Reize einen erregen. Die Verletzlichkeit, die man in einer sexuellen Situation hat, ist sehr groß und deshalb ist es umso verachtenswerter, wenn diese ausgenutzt wird, um eine wie auch immer geartete Ideologie zu etablieren.

Verstärkend kommt hinzu, dass -angeblich zum Schutz der Intimität – ein Schleier der Verschwiegenheit über das Thema geworfen wird. Die Sprachlosigkeit, die wir bei dem Thema haben, ist ein Grundpfeiler jeder Doktrin die Sexualität im Maßnahmenportfolio hat.

Was auf Ebene einer Institution funktioniert, funktioniert auch auf der individuellen Ebene. Und da kommt Julien Blanc wieder ins Spiel.

Von der Sache her sympathisiere ich mit Pick-Up Artists. Die Vorstellung, mit vielen verschiedenen Menschen zu schlafen und das auf kunstvolle Weise, finde ich per se charmant. Nur darum geht es, zumindest Julien Blanc, in erster Linie nicht.

Seine Äußerung, dass man in Japan als weißer Mann mit quasi allem durchkommt – auch wildfremde Frauen auf der Straße zu packen und den Kopf gegen das Gemächt zu pressen – zeigt, dass es hier vor allem um Macht geht. Die Macht, wie ein Alleinherrscher über die Menschen – in dem Fall vor allem Frauen – zu verfügen. Es handelt sich um eine Form von Vergewaltigung, die ohne Konsequenz für den Täter bleibt und das hat mit Lust nichts zu tun.

Natürlich kann Macht ausüben oder sich ihr unterwerfen lustvoll sein, genauso wie für einige Menschen Schmerz oder Demütigung erregend sind, aber hier haben die Beteiligten den Handlungen zugestimmt und sie ggf. auch mitgestaltet.

Deshalb ärgert es mich auch immer wieder, wenn solche Praktiken als Übel dargestellt werden. Mit einem scharfen Messer kann man Brot schneiden aber auch Menschen töten. Der Kontext macht den Unterschied nicht das Messer.

Erzwungener Kuschelsex ist schlimm, freiwilliger brutaler Sex ist es nicht.

Das heißt wenn wieder „Perversionen“, Pornos, die neuen Medien, der Sittenverfall und die „Homoehe“ verantwortlich gemacht werden, für jede Form von sexueller Gewalt, dann ist das völlig am Thema vorbei.

Die bereits lange bestehende gesellschaftliche Situation – mit einer sehr restriktiven Sicht auf die sexuelle Norm – ist es, die es Menschen möglich macht, ohne große Mühe zu vergewaltigen und vor allem ungestraft davon zu kommen.

Man muss sich aktuell nur ansehen, wie die Vergewaltigungsvorwürfe an Bill Cosby oder Woody Allen verpuffen oder jahrelang verpufft sind. Der Punkt ist, Menschen können lustig, künstlerisch brillant und trotzdem sexuelle Gewalttäter sein.

Wir schließen die Augen und hoffen, dass Dr. Huxtable das schon wieder richtet. Und während man so mit geschlossenen Augen vor sich hindämmert, stören die krakeelenden Nervensägen natürlich.

Diese Feministinnen, die einfach nicht locker lassen und tatsächlich fordern, dass die Täter zur Verantwortung gezogen werden. Wenn ich in den Abgrund der menschlichen Seele blicken möchte, lese ich die Kommentare unter Texten, die sich mit den Cosbys, Allens und Blancs dieser Welt befassen.

Die Empörung gilt eben nicht den Tätern, sondern den „angeblichen“ Opfern, die nur aus Gier und Ruhmsucht solche Anschuldigungen erfinden. Und nicht selten sind diese Kommentare gespickt mit sexuellen und körperlichen Drohungen gegenüber den Opfern oder Autoren. Ein quasi sich selbst beweisendes System.

Verantwortlich gemacht werden nicht die Täter, sondern die, die den Staus quo ändern wollen. Die Angst vor der Veränderung und dem Machtverlust ist groß. Dabei würden alle von einer feministischeren Welt profitieren.

Um bei einem Thema zu bleiben, das auch Julien Blanc verstehen würde. Während meiner Zeiten als Single hätte ich durchaus gern mit vielen verschiedenen Männern geschlafen. Es gab zwei Gründe, die mich davon abgehalten haben: a) die Angst, vergewaltigt zu werden (ja man kann sich durchaus während der Anbahnung sexueller Handlungen umentscheiden) und das Wissen darum, dass ich wahrscheinlich weder auf Verständnis für mich noch auf Konsequenzen für den Täter hoffen kann und b) die Angst, als sexuell unnormal zu gelten. Schließlich hätte ich konträr zur allgemeinen Annahme – Frauen können Sex und Liebe nicht trennen und hätten eine weniger ausgeprägte Libido – gehandelt.

In einer Gesellschaft, wie ich sie mir als Feministin wünsche, wären diese Gegenargumente obsolet. Das heißt, all die verunsicherten Jungs und Männern müssten keine Seminare mehr buchen, wo sie lernen, wie man Frauen aufliest. Sie würden womöglich ohne große Show Sex mit Frauen haben können, die einfach gerade Lust haben. Die Angst, die richtige Partnerwahl und sei es auch nur für eine Nacht, treffen zu müssen, wäre wesentlich geringer, wenn Sex nicht auch oft als Machtspiel verstanden würde.

Wenn Menschen aus Scham und Angst vor einer schlechten Reputation oder Angst davor, die körperliche Integrität zu verlieren, lieber kein Risiko eingehen, ist es schwieriger einen Partner fürs Schäferstündchen zu finden. Wenn aber Sexualität so gelebt werden kann, wie es dem tatsächlichen Bedürfnis der jeweiligen Person entspricht (egal ob gar nicht, wenig, mittel oder stark), würde die ganze Jagd nach Röcken überhaupt keinen Sinn mehr machen und Sexualität und Macht könnten langsam aufgelöst werden.

Und nein, Sex würde dadurch nicht langweiliger. Wer behauptet, dass der Thrill in der Eroberung liegt hat vergessen, dass man bei den diesbezüglich schönsten Erlebnissen bereits lange vorher der Eroberung zugestimmt hat. Damit hatte sie nichts mit Macht, sondern nur mit Lust zu tun.

*Wer Näheres dazu lesen möchte, kann zum Beispiel diesen oder diesen Text lesen oder dieses Video ansehen.

Die Schwanzvariable

Hinweis zum Lesen: Nachdem ich den Text online gestellt habe, fiel mir auf, dass er am Anfang etwas wirr wirken könnte. Halten Sie durch, am Ende finden die Stränge zusammen.

Wenn in einem Text die Worte „cost per orgasm“ enthalten sind, schaue ich zumindest einmal kurz nach, ob sich dahinter etwas Interessantes verbergen könnte.

Ich gehörte nie zu den Menschen, denen fluffig die multiplen Orgasmen entgegenflogen. Insofern erwartete ich etwas über die „Arbeit“ bzw. Konzentration, die ein Orgasmus benötigt. Solche spannenden Themen werden leider viel zu selten beschrieben, wissenschaftlich untersucht oder diskutiert.

Aber statt die Menschheitsgeschichte mit irgendetwas Sinnvollem zu bereichern, fand ich eine schlechte Kritik über einen noch viel furchtbareren Blogeintrag in einem amerikanischen Männerblog.

Ich möchte nicht einmal den Urspungstext verlinken (ein Funken Hoffnung in mir glaubt immernoch, dass es sich um Satire handelt) aber das Fazit lässt sich so zusammenfassen: Beziehung sollte als eine wirtschaftliche Berechnung gesehen werden, in der die männliche Klimaxfrequenz ein Teil der Gleichung ist. Quasi ein Abendessen im schönen Restaurant für einmal Spermasekret ausscheiden inkl. Muskelentspannung. Die Grundvoraussetzung der Berechnung ist die Annahme, dass Frauen aus einer Beziehung/einem Date möglichst viel wirtschaftlichen Nutzen ziehen wollen, während Männer in einer Beziehung möglichst viel Sex haben möchten bzw. nur wegen des Sex daten.

Die Kritik des Independent setzt bei der Behauptung des Urspungstextes an, dass Beziehung etwas Ökonomisches sei und kramt Romantik, Liebe und den Mut zum Risiko als Gegenargumente raus.

Dabei wird die Chance vertan, die eigentliche Irrsinnigkeit und Mysogonie aufzuzeigen. Wenn selbst einer Autorin für den Independent nicht auffällt, dass der Wahnsinn in einem völlig bekloppten Männer- und Frauenbild liegt, dann ist davon auszugehen, dass dieser gesellschaftlich tief verankert ist.

Das macht es im übrigen nicht besser oder wahrer. Es gab auch Zeiten, in denen war die Idee einer Erdscheibe gesellschaftlich tief verankert.

Schon das Offensichtliche wird außer acht gelassen. Der Orgasmus. Ich habe eine Umfrage gemacht. 100% der von mir befragten Frauen sagte, sie schätzen den Höhepunkt im Rahmen eines Geschlechtsakts ebenfalls. Also ganz ohne höhere Mathematik wird die Gleichung des selbsternannten Alphabehighpotentialmännchens in dem Moment zerstört, in dem die Orgamsusrate der Frauen eine weitere Variable wird.

Ein Fakt, der anscheinend in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen wird, ist, dass Frauen Sex und Orgasmen und alles was damit zusammenhängt mögen. Wenn Frauen dies nicht so aggresiv einfordern wie Männer, liegt das vor allem an den unterschiedlichen Voraussetzungen.

Promiske und sexuell offensive Frauen werden nach wie vor im besten Fall kritisch beäugt. Das Ausleben vieler sexueller Beziehungen wird nicht vermieden, weil Frauen keine Lust dazu hätten, sondern weil es bedeutet, dass über sie getratscht würde oder sie problemorientierte Gespräche mit ihrem Umfeld führen müssten. Die Entscheidung liegt hier zwischen heimlichen Ausleben oder verzichten. Es sollte also nichts mit weiblichen Charakteristiken begründet werden, dass nicht auch aus sozialem Druck entstanden sein kann.

(Ich glaube übrigens, dass es sowohl Männer als auch Frauen gibt, die aus ihren persönlichen Vorlieben heraus kein Interesse an dergleichen haben, aber das lässt sich nicht auf das Geschlecht, sondern auf das Individuum zurückführen.)

Vor einiger Zeit las ich einen Tweet, den ich leider nicht mehr finden konnte, mit folgender Aussage: „Beim Onlinedaten haben Männer Angst, in der Realität eine dicke Frau zu treffen. Frauen haben Angst, auf einen Psychopathen zu stoßen.“ (Dank Herrn Rpunkt und Ernst diesen und diesen Hinweis zur Quelle gefunden.)

Solange Frauen implizit und explizit die Schuld für eine Vergewaltigung gegeben wird, ist für sie Sex mit wechselnden und relativ fremden Partnern einfach viel gefährlicher, als für Männern. Natürlich gibt es auch durchgeknallte Frauen, aber trotzdem ist die Gefahr für einen Mann wohl immernoch größer von einem anderen Mann vergewaltigt zu werden, als von einer Frau. Rückblickend habe ich auf diverse One Night Stands verzichtet, weil ich mir nicht sicher war, ob ich wirklich Lust hatte und lieber an einem von mir kontrollierbaren Punkt aufgehört habe, als das Risiko einzugehen, dass ein „nein“ von mir ignoriert wird. Klar kann man die weibliche Zurückhaltung als Keuschheit und sexueller Unlust interpretieren, viel näher an der Realität liegt aber die Sorge vieler Frauen, dass ihre Ansagen übergangen und sie am Ende als fahrlässige Schlampe hingestellt werden.

Im Gemengelage der Unfähigkeit Frauen zu befriedigen, bei gleichzeitiger Misinterpretation der Befürnisse von Frauen und dem daraus resultierenden Glauben, dass Frauen sexuell uninterssierte Wesen sind, muss eine Motivation konstruiert werden, die erklärt, warum Frauen überhaupt Sex haben. Diese darf natürlich nicht den Glanz und das Heldentum des Mannes beflecken. Die Idee, dass Frauen Geschlechtsverkehr dulden, damit sie materielle Güter erhalten, ist ein Alltime-Favorite.

Gern werden hier auch wieder die Steinzeitmenschen hervorgeholt. In der Wildniss vor zigtausend Jahren war es ja angeblich auch so, dass Frauen einen starken Beschützer brauchten, der Fleisch und andere Eiweißresourcen mit nach Hause brachte, während sie für Beeren sammeln und Kindererziehung zuständig waren und ihren Körper leidenschaftslos hergaben. Auf die viel näherliegende Erklärung, dass in der Wildniss eine ganze Gruppe gleichberechtiger und kompetenter Individuen der beste Schutz gegen Tiere, Wetter, Hunger usw. sein könnte, kommt keiner.

Die naiv-dümmliche aber geld- und juwelengierige Frau ist die perfekte Projektionsfläche, um auszublenden, dass Frauen deshalb sexuell viel vorsichter sind, weil sie größere physische und soziale Risiken eingehen als Männer. Verursacht wiederum von Männern, die nichts besseres zu tun haben, als ihren Schwanz in eine Gleichung einzubringen und zu ignorieren, dass zu einem Orgasmus auch zwei gehören können.