Vielfalt ist keine Hierarchie

Im Gegensatz zum Mann bin ich ein Fernsehanalphabet. Wenn wir zusammen Filme, Serien oder Shows gucken, erkennt er die gealtersten und operiertesten Schauspieler wieder. Er weiß, mit welchen Serien oder Filmen ihre Karriere begann und kann sogar noch die Titelmelodie des jeweiligen Formats singen. Zuweilen kann er sogar ausführlich über Entstehung, Anzahl der Staffeln, Zuschauerzahlen, Skandale oder Spin-Offs dieser Sendungen berichten.

Hätte ich nicht auch Bereiche, in denen ich mit unnötigem Fachwissen glänzen könnte, wäre ich eingeschüchtert. So bin ich meist beeindruckt und manchmal auch interessiert.

Ich bin fernseharm aufgewachsen. Den ersten Fernseher hatten wir, als ich bereits in der Schule war. Unsere Untermieterin war gestorben und vermachte uns einen Schwarz-Weiß-Fernseher. Den bekam mein 8 Jahre älterer Bruder und verschleppte ihn in eine kleine Kammer unterm Dach. Dort nutze er ihn hauptsächlich als Monitor für seinen C64 (meine Eltern fanden Fernsehen zwar unwichtig, hatten aber eine Faible für Computertechnik und Kinofilme). Wenn überhaupt, konnte ich den Fernseher nutzen wenn mein Bruder nicht da war. Es kostete mich also einige Überwindung, als 8jährige die Treppen hoch zum dunklen und zugigen Dachbodenkämmerchen hochzuklettern, um Tom und Jerry zu gucken.

In der vierten Klasse zogen wir um und bekamen einen neuen Fernseher. Dieser war immernoch in den hintersten Teil des Hauses verbannt worden aber immerhin jederzeit zugänglich. Außer um 19 Uhr, da bestand mein Vater auf die Nachrichten. Zudem hatten wir nur drei deutsche, ein belgisches und zwei holländische Programme. Privatfernsehen lernte ich erst mit Mitte zwangig kennen, als mir ein Exfreund seinen alten Fernseher schenkte.

Einerseits habe ich damals nicht wirklich was vermisst, andererseits fehlt mir im fernsehkulturellen Bereich unglaublich viel Wissen.

Man kann natürlich sagen, dass es darum nun wirklich nicht schade sei. Dallas und Denver seien ohnehin der letzte Mist gewesen, von Tutti Frutti mal ganz zu schweigen aber ich habe nie viel von kulturellen Kanonisierung und Wertung gehalten.

Das Schlimmste an meinem musikwissenschaftlichen Studium fand ich die Borniertheit vieler Dozenten und Kommillitonen gegenüber sogenannter Unterhaltungsmusik, die im Gegensatz zur ernsten Musik nicht weiter zu beachten oder wertzuschätzen sei. Nicht selten saß ich in den Vorlesungen und dachte bei mir, dass es dem Fach nur Recht geschieht, wenn es irgendwann aus dem Fächerkatalog der Universität verschwindet, weil es mit dem ewigen Elfenbeinturmgehabe völlig an der kulturellen Realität vorbeiforscht.

Viel sinnvoller erschien mir ein Brückenschlag zwischen den heterogenen musikalischen Strömungen und keine verächtliche Wertung sogenannter profaner Musik.

Aber ich schweife ab.

Kanonisierung und Wertung von Kultur und unterschiedlichen Medien mag hilfreich sein, wenn man sein Leben als „1 Haus, 1 Frau, 2 Kinder und 1 Job“, „10 Autos die ich gefahren haben muss“, „10 Mal muss ich auf Mallorca gewesen sein“, „20 Mal auf Sylt“, „10 Klassiker der Literatur, die ich gelesen haben muss“, „Ich jogge jeden Tag um die Alster“ und „Am liebsten höre ich Klassikradio“ versteht.

Ansonsten empfehle ich vor allem das zu lesen, zu sehen und zu hören, was einem gefällt und vor allem wie es einem gefällt.

Denn das wie wird seit der Digitalisierung offenbar auch kanonisiert. Neulich las ich in der Kantine auf meinem iPhone ein Buch.

Kollege 1: Was ihr immer auf diesen iPhones spielt.
Ich: Ich lese.
Kollege 1: Ach so.
Kollegin 2: Auf dem iPhone lesen?!
Ich: Ja. Ein Buch.
Kollegin 2: Das könnte ich nicht. Das ist doch dann kein richtiges Buch.

Natürlich ist es eine persönliche Entscheidung, ob man seine Papierbibliothek auflöst, weil die letzten 20 Bücher ohnehin nur digital gelesen wurden oder ob man es sich mit einem Taschenbuch im Bett bequem macht. Aber die Fläche, auf der die Buchstaben stehen, verändert weder die Geschichte noch die Sprache.

Abgesehen davon, fragte ich mich, was daran schlimm gewesen wäre, wenn ich Bridge oder Tetris auf meinem iPhone gespielt hätte. Spielen ist nichts Böses. Meine Kinder spielen den ganzen Tag und entwickeln sich zu ganz wunderbaren Menschen.

Wenn ich über die aktuelle Wirtschaftkrise lese, habe ich das Gefühl, dass es besser gewesen wäre, wenn viele Beteiligte an ihrem iPhone Monopolie gespielt hätten, anstatt ganz real das Geld anderer Leute, Firmen und Staaten zu verzocken.

Jedenfalls ist bei uns nicht nur spielen sondern auch Computerspielen erlaubt.

Am Wochenende liegen die Kinder und ich morgens oft eine Weile auf dem Sofa. Die Kinder spielen auf dem iPad und ich lese auf meinem iPhone. Sie wissen welche Apps sie nutzen dürfen und teilen sich gern über neu gemalte Bilder, neue Spielstrategien, neu entdeckte Features eines Spiels usw. mit und aus. In diesen Situationen möchte ich immer die Kulturpessimisten zu uns einladen, die behaupten, man würde heutzutage nur noch stumm und stumpf vor dem Bildschirm hocken.

Zwar schimpfen die gleichen Kulturpessimisten heute weniger auf das Fernsehen – zuweilen habe ich das Gefühl, Fersehen würde sogar in bisher ungekannte Höhen gebeamt, weil es so viel weniger beängstigend qualitätsjournalistischer ist als dieses Internet – aber in den Köpfen vieler Eltern erscheint immernoch ein großes P beim Gedanken, die Kinder vor das Fersehgerät zu setzten.

Unser Sohn musste sehr früh sehr viel inhalieren. Dies ging allerdings nur, während die Teletubbies liefen. So wurde das abendliche Fernsehen zu einer Gewohnheit.

Wenn der Mann oder ich davon erzählten, schalteten wir immer automatisch den Erklärmodus ein. Zum einen weil wir selber unsicher waren, ob wir dem Kind nicht damit schaden und zum anderen weil wir oft genug in Schreck geweitete Augen blickten, in denen zu lesen war, dass wir uns so ADHS-Kinder im Quadrat züchten.

Oft wurden wir auch gefragt, warum wir ihm nicht ein Buch vorlesen. Als Eltern bekommt man viele unbrauchbare Ratschläge. Statt zu sagen, dass Vorlesen leider nicht funktionierte, hätte ich viel öfter sagen sollen:

Weil wir Bücher als schädlich für die Entwicklung unseres Kindes erachten.

Ich hätte wieder eine Bekanntschaft weniger aber auch einen gelungenen Spaß gehabt.

Bücher sind nämlich ganz oben auf der Kindererziehungspunkteskala. Mit Bücher kaufen, Bücher vorlesen, Bücher nacherzählen oder Bücher anmalen ist man immer auf der richtigen Seite der Kindererziehung.

Zuweilen habe ich den Eindruck, dass es nicht mehr lange dauert, bis man Bücher in die Gebärmutter schwangerer Frauen pflanzt, damit das gedeihende Kind beim Hören der klassischen Musik durch die Bauchdecke was zum Lesen hat.

Bücher sind toll aber eben auch nur eine Facette der medialen Vielfalt, die uns umgibt. Ich möchte, dass meine Kinder nicht nur kulturelle Haute-Cuisine, sondern alles von der Bratwurst bis zum Souffleé probieren. Etwas mehr Obst vielleicht als Schokolade aber vor allem ausgewogen und unterschiedlich.

Von verlorenen Fäden und guten Süchten

Während der frühen Adoleszenz verbrachte ich viel Zeit mit meiner Freundin Sonja. Sonja war buchsüchtig. Ich habe vorher aber auch seitdem keine Person kennengelernt, die so viele Bücher gelesen hat. Sie las eigentlich immer. Das machte mir nicht so viel aus, weil ich auch gern viel las und weil wir meisten bei ihr zu Hause waren.

Sie hatte nämlich drei Geschwister, zwei Katzen und auch die Haushälterin und die Mutter waren sehr nett. Regelmäßig kam Besuch und es gab viele Süßigkeiten. Wenn ich also nicht mehr lesen mochte, amüsierte ich mich andersweitig.

Unsere Freundschaft litt also nicht unter ihrer Buchsucht und auch die Eltern störten sich nicht allzu sehr daran, dass ihre Tochter am literarischen Tropf hing, solange sie beim Essen die Lektüre weglegte. War die Haushälterin da, durfte sie allerdings auch während des Essens lesen.

Ihre Lehrer waren natürlich auch sehr beeindruckt und soweit ich weiß – unser Kontakt verlor sich aus verschiedenen undramatischen Gründen in der späten Adoleszenz – machte sie einen guten Schulabschluss, lebte mehrere Jahre im Ausland und ist heute Ärztin und mehrfache Mutter.

Sonjas Buchsucht hatte also keinen negativen Einfluss auf ihr gesellschaftliches Leben.

Neulich saß ich – bekennend internetsüchtig – auf dem Spielplatz, die Kinder spielten ruhig und entspannt und ich nutzte die Zeit, um auf meinem Handy meiner neuesten Leidenschaft zu fröhnen und Quote.fm zu durchstöbern.

Es war unglaublich, welche bösen Blicke mich trafen. Hätte ich dort mit einem dicken russischen Roman gesessen, die Situation wäre eine andere gewesen aber so blickten mich die Mütter kopfschüttelnd an.

„Tz, diese Mütter, die immer auf ihren Smartphones rumspielen, dem Jugendamt sollte man das melden!“

Ich erwartete jeden Moment, dass mir jemand eine Plastikschaufel über den Kopf zieht.

Es wundert mich immer wieder, wie – besonders von Eltern – Medienkonsum je nach Medium ganz unterschiedlich bewertet wird. Und wenn es direkt ihre Kinder betrifft, würden sie am liebsten alles ab- und ausschalten. Lediglich bei Büchern bekommen sie einen verklärten Blick, wenn die Kleinen konzentriert Feuerwehr- oder Ponyliteratur studieren.

Auch ich glaube, dass es einen Unterschied gibt, ob man sein Kind stundenlang vor den Fernseher oder ein Tablet-PC setzt oder ob es sich mehrere Bücher anschaut oder diese vorgelesen bekommt.

Allen gemein aber ist, dass es sich um Medien handelt. Und Medien ermöglichen einem, sich in andere Welten zu begeben. Ich meine mit Welten nicht unbedingt Mittelerde, sondern einfach eine andere Perspektive als die eigene.

Diese kann man in „Sam der Feuerwehrmann“ genauso finden wie in der „Pipi Langstrumpf“, in Haruki Murakamis „Wilde Schafsjagd“, genauso wie im „Tatort“ oder einer animierten „Wimmelbuch-App“, auf einem Bild von Rembrandt genauso wie auf einem Foto von Robert Mapplethorpe, von den verschieden Online-Lebenswelten mal ganz abgesehen.

Erzählte Geschichten, Bilder, Bücher, Theater, Kinofilme, Fotografien, Radio, Fernsehen, Magazine, Blogs usw. funktionieren, weil es uns Spaß macht, uns darauf einzulassen und weil wir uns automatisch mental in die Situation begeben, uns für sie interessieren und mehr darüber erfahren/lernen möchten. Das ist eine großartige Fähigkeit und wir sollten dafür dankbar sein und sie sinnvoll nutzen anstatt uns über gute und schlechte Medien zu streiten.

Etwas unfreiwillig habe ich auch mit meinen Kindern experimentiert. Als ich anfing wieder zu arbeiten hatte ich anfangs – bis ich um 7 Uhr das Haus verließ – meine Ruhe. Während ich für die Familie das Frühstück machte, schaute ich das Morgenmagazin. Irgendwann fingen die Kinder an, mit mir aufzustehen. Ohnehin nicht ganz glücklich mit der Situation beschloss ich, nicht auch noch auf meine morgendliche Ration Nachrichten zu verzichten.

Meine Tochter interessiert sich grundsätzlich nicht für Fernsehen, aber mein Sohn fand das alles sehr spannend. Im Rahmen unseres gemeinsamen Fernsehens setzte er sich mit Themen auseinander, die sein Leben sonst weniger betreffen.

Er lernte, dass Schiffe umkippen können, weil sie sich durch Felsen ein Leck gerissen haben, er kennt sich nun hervorragend mit den europäischen Wetterströmungen aus und kann in Ansätzen erklären, was ein Tsunami und eine tektonische Platte ist. Ihm gehen morgens jedenfalls weder Fragen noch Gesprächthemen aus.

Medien sind nicht schlecht, verantwortlich ist man nur für ihre Nutzung. Und wenn Mediensucht bedeutet, dass ich mich für die Perspektive anderer Leute begeistere, dass ich Dinge außerhalb meines alltäglichen Radius kennenlerne, dann kann ich mir wesentlich Dramatischeres vorstellen.

Und wenn ich gedanklich nicht so abgedriftet wäre, stünde hier ein Blogeintrag über meine Begeisterung für Quote.fm.