Unterlassene Hilfeleistung

Vor ein paar Jahren war ich mit einer Person unterwegs, die ich nicht besonders mochte. Während wir an einer Bushaltestelle warteten, fiel meine Begleitung um. Ich konnte ihn auffangen, so dass er nicht auf die Straße knallte und sich verletzte. Ich rief den Notarzt. Meine Begleitung kam bald wieder zu sich und erklärte, das würde ab und zu passieren. Letztlich schickten wir den Notarzt wieder weg.

Einige Wochen später erfuhr ich, dass die Person, die ich vor einem unangenehmen Aufprall geschützt hatte, hinter meinem Rücken intrigiert hatte. Seine Aussagen führten dazu, dass meine Kompetenz in einem bestimmten Gebiet massiv hinterfragt wurde. Mal mehr mal weniger ernst, dachte ich darüber nach, warum ich ihn nicht einfach wie einen nassen Sack auf den Boden hatte fallen lassen.

Seitdem immer mehr Menschen hilfesuchend nach Europa kommen, muss ich wieder häufiger an diese Geschichte denken.

Der Punkt ist nämlich der, es ist völlig irrelevant, ob wir jemanden mögen oder nicht, wenn es darum geht zu helfen. Es ist unsere menschliche Pflicht.

Wenn wir an einem verunglückten Auto vorbei fahren, sollten wir anhalten und wenn möglich helfen oder zumindest Hilfe rufen. Entsprechend wird im Strafgesetzbuch festgelegt:

㤠323c
Unterlassene Hilfeleistung

Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.“

Nun man kann einwenden, dass der Umstand, so viele Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen nicht zumutbar ist oder wir uns durch die Hilfe selbst in Gefahr begeben oder anderer Pflichten einfach wichtiger sind. Aber für wen ist das nicht zumutbar? Für mein Leben hatte der Zustrom der Flüchtlinge in den letzten Monaten überhaupt keine Relevanz. Außer dass wir endlich den alten Kinderwagen los sind und ab und zu Lebensmittel und Geld gespendet haben. Ich bin mir sicher, dass das Gleiche für 98% der deutschen Bevölkerung gilt. Geändert hat sich nur etwas für die vielen (freiwilligen) Helfer. Die versuchen unter tatsächlich unzumutbaren Umständen, die ankommenden Menschen so gut es geht zu unterstützen. Aber diese Menschen, die so viel leisten, sind nicht die, die schimpfen und Grenzzäune um Deutschland fordern.

Die Forderungen weniger Flüchtlinge ins Land zu lassen, „Anreize“ wie Bargeld zu streichen, schärfere Grenzkontrollen durchzuführen oder Transitzonen einzurichten hat ganz andere Hintergründe. Sie haben nichts mit Zumutbarkeit, eigener Gefahr oder anderen Pflichten zu tun. Es geht um Angst, Missgunst, Gier und Geiz.

Da niemand gern die genannten Motive für sich in Anspruch nimmt, lassen wir uns kreative Ausreden einfallen. Zum Beispiel, dass wir in einer homogenen Gesellschaftsordnung leben und die (muslimischen) Neuankömmlinge einfach nicht gut in unser Wertesystem passen.
Ich bin ständig umgeben von Menschen, die nicht in mein Wertesystem passen. Als Atheistin ist mir Religiosität wirklich sehr fremd. Ich versuche zu verstehen, warum Menschen sonntags in Kirchen gehen, warum sie glauben und warum sie ein Kreuz um den Hals tragen. Aber es gelingt mir selten. Daher versuche ich es einfach mit Respekt. Wenn meinen Freunden der Glaube etwas bedeutet, dann muss ich das akzeptieren und mich darüber freuen, dass sie etwas für sich Bedeutungsvolles gefunden haben. Es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen und ich nehme es einfach hin, dass sie in dieser Sache anders sind als ich. Genauso erwarte ich, dass sie meine Ungläubigkeit respektieren.

Ich stelle auch immer wieder fest, dass in der „homogenen“ Bevölkerung in Deutschland sehr wohl massive Unterschiede gibt. Mein Bild von einem Sozialstaat, meine kritische Einstellung zu patriarchalischen Strukturen und vom Umgang mit Gender und sexueller Vielfalt deckt sich wahrscheinlich nur mit einem sehr geringen Anteil der Bevölkerung. Wir leben nicht in einem homogenen Biotop. Wir leben in einer sehr heterogenen Gesellschaft, die – wenn man es positiv ausdrücken will – zumindest versucht, respektvoll mit der Meinungsvielfalt umzugehen. Wenn Neuankömmlinge das sofort zerstören können, dann ist unser freiheitliches-demokratisches Biotop wohl nicht besonders solide aufgestellt.

Im Glauben, einer besonders guten Gesellschaft anzugehören, entfaltet sich der Chauvinismus. Daraus leitet die CSU übrigens neuerdings das C ab. Dass wir in Deutschland geboren sind oder schon lange hier leben, halten wir für einen persönlichen Verdienst. So als hätte es einer eigenen Leistung bedurft, in Hamburg und nicht in Kabul geboren worden zu sein. Dank dieser Leistung kann selbst die kleinste Kerze auf der Torte für sich in Anspruch nehmen, aus einem Land der Denker, Ingenieure, Effizienz und Ordnung zu kommen. Es ist natürlich schön für den einzelnen, Selbstbewusstsein über Nationalismus zu finden. Man fällt dann halt nur in die Kategorie unangenehmer Mensch ohne moralische Integrität.

Wobei mir offener Chauvinismus und Rassismus fast lieber sind. Hier erkennt man immerhin gleich mit was man es zu tun hat. Denn was viele Medien und viele Politiker machen, ist eine ganz besonders perfide Form von Bösartigkeit. Gerade las ich ins der Zeit einen Artikel darüber, dass die Leute jetzt für Flüchtlinge spenden aber nicht für Obdachlose. Hier wird nichts anders gemacht, als die einen Schwachen gegen die anderen Schwachen auszuspielen. Das ist so bösartig, dumm und widerwärtig. Man sollte von reflektieren Menschen erwarten, dass sie es schaffen, den Brückenschlag zu eine jahrelang verfehlten Sozialpolitik zu finden.

Schön auch, das Gerede von Kapazitätengrenzen. Anstatt auf die viel beschworenen „deutschen“ Kompetenzen wie Effizienz und Ordnung wirklich mal zurückzugreifen, wird das Gespenst der Ressourcenknappheit aufgerufen. Auch versuchen nur wenige Politiker, die das Land „führen“ sollten, diese Führungsaufgabe umzusetzen. Statt Kompetenz, Weitsicht und ein humanitären Menschenbild zu vermitteln, schüren die meisten Angst und brandstiften mit Rassismus und Vorurteilen.

Wie schon bei der Aufnahme der Flüchtlinge, kommen das Engagement und die Stimmen der Vernunft meist nicht aus den offiziellen Kanälen. Glücklicherweise gibt es viele Menschen, die verinnerlicht haben, dass wir einander schützen müssen. Dass es nichts mit Sympathie oder Glaube oder Weltsicht zu tun hat, wen wir aus aus einem brennenden Auto retten, aus dem Meer ziehen oder vor Hunger, Kälte und Gewalt schützen.

Ich kann gut verstehen, dass so viele Neuankömmlinge Angst machen und dass man manchen Leuten nicht helfen mag. Es gab Situationen, in denen ich auch fantasierte, was passiert wäre, wenn ich jemanden nicht aufgefangen hätte. Wenn man aber ernsthaft ein humanes Wertesystem für sich in Anspruch nehmen möchte, dann muss die Basis sein, alle Menschen schützen zu wollen, sogar Horst Seehofer.

Die traurige Verteidigung der Sackgasse

Neulich sah ich World War Z. Ganz am Anfang finden Gerry Lane (Brad Pitt) und seine Familie Unterschlupf bei einer hispanischen Familie. Als Lanes Rettung endlich kommt, bietet er an, sie mitzunehmen. In diesem Zusammenhang erklärt er ihnen, dass er aus Erfahrung weiß, dass man in solchen Kriegs- und Krisensituationen am ehesten stirbt, wenn man sich nicht bewegt.

Ich mochte diese Szene in zweierlei Hinsicht. Erstens ich bin immer beeindruckt von Menschen, die auch in eigener Not Essen, Wohnraum, Kleidung usw. teilen oder ihr Leben für andere aufs Spiel setzten. Deshalb erhalten Menschen zu Recht Orden für couragiertes Verhalten, deswegen feiern wir Sankt Martin und deshalb bewundern wir Leute, die Menschen aus einem brennenden Haus retten.

Zweitens glaube auch ich, dass Stillstand eine Art Tod oder zumindest eine Sackgasse ist.
Und Stillstand mag auch niemand. Wir möchten schöne Reisen erleben, viele Länder sehen, wir wollen uns beruflich entwickeln, wir kaufen Wohnungen oder Häuser, bauen sie um, dekorieren sie nach Jahreszeiten und Anlässen, wir machen Trends in der Mode mit, weil sie uns Abwechslung versprechen oder kaufen neue elektronische Geräte, weil sie uns innovativ erscheinen.

Aber die Vorstellung, Menschen bei uns aufzunehmen, die Glück hatten, nicht im Mittelmeer zu ersaufen, weil sie in einem manövrierunfähigen, überfüllten Kahn versuchten, nach Europa zu kommen, lässt uns nicht etwa darüber nachdenken, wie wir mehr Menschen retten können, sondern wie hoch die Mauer um Europa sein muss, dass Flüchtlinge es bloß nicht mehr in unsere Gewässer schaffen.

Und während wir in TÜV-geprüften und gut gewarteten Flugzeugen nach Thailand in den Urlaub fliegen, um wohldosiert exotische Kulturen zu erleben, empören wir uns kurz darauf, dass unsere Kultur verloren geht oder von Bräuchen und Traditionen zugewanderter Kulturen überdeckt werden.

Was für bigotte, selbstgerechte und gierige Arschlöcher sind wir?

Ich habe keine Lust hier einen historischen Abriss diverser Völkerwanderungen zu leisten, dass müssten die sarrazinischen Kulturparanoiker ja alles wissen, denn leistungsorientiert und durch Hautfarbe und Herkunft ohnehin geistig überlegen, haben sie das alles im Kopf.

Jedenfalls bin ich mir sicher, dass niemand lange suchen muss, bis er feststellt, dass mindestens einer seiner direkten Familienangehörigen irgendwann auch mal fremd war.

Meine Familie ist im Laufe der letzten paar Jahrhunderte ziemlich durchgewürfelt worden. Da sind Hugonotten, Österreicher, Preußen, Ostpreußen, Polen, Ostdeutsche, Süddeutsche, Norddeutsche und ich, die als Kind zugezogener Eltern im tiefsten Westen Deutschlands geboren wurde. Und dann bin ich nach Hamburg gezogen und versuche seitdem, meinen Kindern durch Bräuche und Erzählungen ein Stück meiner niederrheinischen Kultur zu vermitteln.

Niemand käme auf die Idee, mir die Unterwanderung der hanseatischen Kultur vorzuwerfen oder mir zu sagen, dass ich meine Kinder gefälligst norddeutsch zu erziehen hätte. Anders sieht es bei Menschen aus, die aus weiter entfernten Ländern kommen, da ist es auf einmal gesellschaftsfähig sich darüber zu empören, dass ihre Kultur auch ihr Leben in einem anderen Land prägt.

Dieser Bigotterie wird die Krone aufgesetzt, wenn man sich eine der diversen Auswanderungssendungen anschaut, in denen mal wieder ein Deutscher versucht, auf Mallorca eine Bäckerei zu eröffnen. Wohlgemerkt ohne Spanisch zu sprechen, ohne Interesse an der spanischen Kultur und im Brustton der Überzeugung, dass Spanien nur auf deutsches Brot gewartet hätte.

Sehr pointiert hat dies Noah Sow in Nachhilfe im Weißsein formuliert:

Wir verlangen, dass Flüchtlinge nicht allein aus wirtschaftlichen Interessen zu uns herüberkommen dürfen, sondern erst ihr eigenes Land auf die Reihe kriegen sollen. Gleichzeitig aber feiern wir in fünf verschiedenen Fernsehsendungen Weiße, die ohne guten Grund und ohne Kultur- oder Sprachkenntnisse in andere Länder gehen, weil sie sich davon mehr Wohlstand und ein glücklicheres Leben erhoffen. ‚Auswanderer’ und ‚Abenteurer’ nennen wir die dann und sind von ihrem Mut fasziniert. Sind sie aber Schwarz oder Afrikaner, sind Leute mit genau demselben Verhalten für uns plötzlich ‚Wirtschaftsflüchtlinge’ und ‚naiv’ und werden nicht als Helden oder mutig sondern als Bedrohung empfunden und dementsprechend behandelt. Und wir denken uns nicht einmal etwas dabei. […]

Und damit sind wir wieder bei den Menschen, die in einem überfüllten Kahn auf dem Mittelmeer rumdümpeln und die wir loswerden wollen.

Loswerden, weil wir Angst haben, weil sie eine Bedrohnung für uns darstellen.

Ich lebte ein paar Mal für längere Zeit im Ausland. Ich hatte genug Geld, reiste sicher in diese Länder und wusste, dass ich jederzeit in mein Heimatland zurückreisen konnte. Trotzdem waren es harte Zeiten für mich. Spannend und hart, denn die Anpassung an eine fremde Kultur ist schwer. Man ist zunächst einmal fremd und fühlt sich häufig unverstanden, verloren und allein. Gerade in der Anfangszeit habe ich mich oft gefragt, warum ich mich freiwillig dafür entschieden habe, an einen fremden Ort zu ziehen, um mir dort ein kleines temporäres Leben aufzubauen.

Unglaublich viel schwerer ist es, so eine Situation zu ertragen, wenn man nicht zurückkann, wenn man keine finanziellen Mittel hat, wenn man womöglich traumatisiert ist durch Dinge, die man in seiner Heimat erlebt hat, wenn man sich nicht auf die Kultur des Ziels einrichten konnte und wenn man dann auch noch von der Bevölkerung abgelehnt wird. Dass diese Menschen trotzdem die Flucht wagen, egal ob sie konkret verfolgt werden oder nur woanders ihr Glück suchen, bedeutet vor allem eins: sie sind mutig und Mut ist etwas, das wir bei Feuerwehrleuten, bei Kinohelden, bei Mutter Teresa und bei Friedenspreisträgern bewundern.

Nur diesen Menschen auf ihrem überfüllten Kahn mitten im Mittelmeer, denen sprechen wir den Mut ab. Wir empfinden Sie gar als Bedrohung für unsere Kultur.

Die Frage was für eine Kultur das ist, die von einigen halb verhungerten und verdursteten Menschen in Todesangst bedroht werden kann, sollte man sich mal stellen.

Aber die Angst vor den Menschen auf dem Boot – oder den Rumänen und Bulgaren oder Deutschen mit Migrationshintergrund – ist nur ein Symbol unserer allgemeinen Angst. Unserer Angst vor Neuem und vor Fremdheit. Die Angst, dass uns jemand etwas weg nimmt, dass sich herausstellen könnte, dass wir gar nicht so überlegen sind, wie wir glauben, weil unser Wertesystem in Frage gestellt werden könnte, weil wir überfordert sind und weil es Mut und Courage braucht, Menschen mit offenen Armen zu empfangen und mit ihnen zusammen an einer Gesellschaft zu arbeiten. Neues macht immer Angst aber ohne Einflüsse von Außen kommt der Stillstand, die Sackgasse, der Tod.

Und überhaupt was ist das für eine angeblich christlich geprägte abendländische Kultur, die wir unbedingt schützen müssen? Soweit ich weiß, sind Nächtenliebe und Barmherzigkeit wesentliche Elemente des Christentums. Und gerade die Partei mit dem großen C schürt Habgier, Missgunst, Hochmut und Selbstsucht wenn sie schärfere Regeln gegen den „Missbrauch der europäischen Freizügigkeit durch Armutszuwanderung“ fordert.

Die gleichen Menschen, die wegen einer Fehlmeldung den Untergang des Abendlandes herbeizukreischen, hätten ganz sicher ihren Wintermantel für sich behalten und damals in Bethlehem ihren Schäferhund auf Maria und Josef gehetzt.

Wenn wir unsere Kultur Ernst nehmen und uns ein abwechslungsreisches Leben jenseits der Sackgasse wünschen, dann sollten wir anfangen, die Menschen, die zu uns kommen möchten, freundlich zu empfangen und sie als Bereicherung zu begreifen.