Winterlicher Frauenteich

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„Ich frage mich: Sind sie als Freundinnen hergekommen oder haben sie sich im Teich angefreundet? Wie lange sind sie schon in dem eiskalten Wasser? Werde ich je eine Freundin haben, die mit mir in eiskalten Teichen schwimmt?“

(Leanne Shapton, Bahnen ziehen)

Im Spätsommer schenkte mir meine Mutter Bahnen ziehen von Leanne Shapton. Die Frau des Sohnes der besten Freundin meiner Mutter hatte es ihr für mich empfohlen und ich bin ihr unglaublich dankbar dafür. Das Buch ist ein poetischer Schatz. Ich wollte jede Seite streicheln und las extra langsam und mit vielen Pausen, um es nicht zu schnell durchzulesen. Shapton erzählt in Bahnen ziehen unter anderem von diversen Schwimmorten, die sie besucht hat. Im Kapitel „Wäsche“ schreibt sie über den Hampstead Heath Ladies‘ Pond. Ich habe gleich nach dem Teich gegoogelt und als sich abzeichnete, dass mein Mann und ich im November nach London reisen würden, beschloss ich, den Ladies Pond zu besuchen.

Der Teich liegt in einem großen Park. Der Pond ist ganzjährig geöffnet und fast täglich werden die aktuellen Wasser-Temperaturen online aktualisiert. Besorgt sah ich, dass das Wasser Anfang November nur noch 7-8 Grad hatte. Ich gehe zwar regelmäßig schwimmen aber der Pool ist 26-27 Grad warm. In Cascais lag die Meeres-Temperatur bei immerhin 18 Grad und fühlte sich trotzdem sehr kalt an. Ich hatte gelesen, dass man sich am besten an kalte Wassertemperaturen gewöhnt, wenn man nach dem Sommer einfach nicht aufhört, in freien und ungewärmten Gewässern zu schwimmen.

Allerdings schwimme ich nicht allein in unbeaufsichtigten, offenen Gewässern und ich habe auch keine Freunde, die meine Begeisterung fürs Schwimmen in dieser Form teilen. Etwas unsicher überlegte ich immer wieder mein Vorhaben zu stornieren und statt dessen ein paar Bahnen im Londoner Olympiapool zu ziehen. Außerdem nahm ich meinen Neoprenanzug mit. Vielleicht würde ich mich mit ihm eher ins Wasser trauen.

Am Tag unserer Abreise nahm ich am Vormittag die Overgroundbahn. Wegen Reparaturarbeiten konnte ich zwei Stationen fahren und musste dann in einen Schienenersatzverkehr umsteigen. Ich hatte mich bei der Suche verzettelt und den Bus gerade verpasst. Zwei Männer zeigten mir die richtige Bushaltestelle und trösteten mich, dass der nächste Bus in 15 Minuten käme.

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Im kalten Nieselregen brach mein Handy zusammen. Der Bus kam pünktlich und mein Handy wärmte sich auf, so dass ich die Distanz zwischen Bus und Hampstead Heath auf der Karte verfolgen konnte. Die Fahrt durch den Londoner Norden dauerte ewig. Ich überlegte abzubrechen und mit der nächsten aktiven Undergroundlinie zurück ins Hotel zu fahren. In einigen Stunden ging unser Flug und ich hatte keine Ahnung wie ich zeitnah wieder zurück kommen sollte. Der Mann schrieb, er würde mir ein Taxi bezahlen ich solle jetzt keinesfalls die Mission abbrechen. Ich blieb also im Bus sitzen, der wiederum ganz andere Probleme hatte. Laut Busfahrer war das Fahrzeug nämlich nicht für die Straßen im Norden Londons geeignet, weil es zu tief lag. Dies führte dazu, dass der Bus bei jedem Drempel und jedem Loch in der Straße aufsetzte. Das Aufsetzen war so stark, dass ich befürchtete, dass die gesamte Front abfallen und auf den engen Straßen liegen bleiben würde. Außer mir schien niemand besorgt zu sein, nachdem der Busfahrer versichert hatte, dass die Aufsetzer kein Problem darstellen.

In Hampstead Heath stieg ich aus. Ich befand mich nun in einem sehr lieblichen Stadtteil und machte mich auf dem Weg zum Park.

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Anhand der im Park aushängenden Karte stellte ich fest, dass der Ladies Pond noch einen ordentlichen Fußmarsch entfernt war. Außerdem sah ich, dass er – anders als der Herrenteich – etwas versteckt lag. Eiligen Schrittes lief ich durch den Park.

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Als ich am Herrenteich vorbei kam, sah ich einen Schwimmer im Wasser. Ich bereitete mich auf eine sehr einsame Zeit im Teich vor. Am Tor zum Frauenteich kamen mir allerdings gleich eine Frau und ihre Teenagertochter entgegen. Ich trat durch das Tor.

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Einige Meter weiter standen zwei Automaten, die wie Parkuhren funktionierten. Hier zahlte ich den Eintritt von 2 Pfund. Dann sah ich den Teich.

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Das Wasser war dunkel und voller Laub. Ich sah niemanden schwimmen. Dafür gefiel mir das Ponton auf dem mehrere kleine Hütten standen. Ein Hinweisschild teilte mir mit, dass ich nicht nackt ins Wasser gehen dürfe. In der Tat hatte ich es für möglich gehalten, dass Frauen in einem Frauenteich nackt baden. Aber so war es mir auch Recht. Ich folgte den Stimmen und stand auf einmal in einer nach oben hin offenen Umkleide. Die Frau neben mir bestätigte, dass ich mir einen Haken suchen könne und mir um meine Sachen keine Sorgen machen solle. Sie hatte einen Badeanzug an, ihre Haut war feuerrot und sie zog gerade Handschuhe und Schuhe aus Neopren aus. Sie erzählte, dass ein Badeanzug völlig ausreicht aber Schuhe und Handschuhe bei der Kälte etwas helfen würden. Ich sagte, dass ich das zum ersten Mal machen würde, es ein Traum von mir wäre und ich sehr gespannt sei. Sie wünschte mir viel Spaß und viel Glück.

Im Badeanzug ging ich zum Teich.
Auf einem Schild war die aktuellen Wassertemperatur angegeben: 7 Grad. Immerhin regnete es nicht mehr. In einem kleinen Raum auf dem Ponton saßen zwei Rettungsschwimmer und beobachteten den Teich (und mich). Vom Ponton führen drei Leitern ins Wasser. Zwei direkt nebeneinander und eine einige Meter entfernt. Eine junge Frau schwamm die Strecke zwischen den entfernten Leitern, schaute mich lächelnd an und meinte, sie würde es heute nur von einer Leiter zur nächsten schaffen. Ich stieg im Badeanzug ins Wasser und während ich noch dachte „Ist ja gar nicht so schlimm“ stand ich mit krebsrotem Körper wieder auf dem Ponton. Die Rettungsschwimmer beobachteten mich. Ich wärmte mich auf und stieg dann wieder ins Wasser. Dieses Mal schwamm ich einige Züge bis zu einem Rettungs-Surfbrett dass im Wasser ankerte. Ich war mir nicht sicher, ob durch das kalte Wasser eher meine Atmung oder eher mein Herz aussetzen würde. Eine Ente schwamm an mir vorbei und sah mich freundlich-mitleidig an. Dann stand ich wieder auf dem Ponton und wärmte mich auf. Die Rettungsschwimmer hatten mich weiterhin im Blick. Eine große, sehnige Frau von etwa 60 Jahren hüpfte über den Ponton, stieg ins Wasser und kraulte quer durch den Teich zu dort ankernden Ringen. Schwer beeindruckt sah ich ihr zu.

Genauso zügig und lässig aber dieses Mal in Brustlage schwamm sie auf mich zu. Wir kamen ins Gespräch und sie meinte, dass ein winterlicher Einstieg ins Kaltwasserschwimmen nicht optimal wäre. Ich erzählte, dass ich in Hamburg leider keine Möglichkeit hätte, sicher in offenen Gewässern zu schwimmen. Sie empfahl mir, es nicht zu übertreiben und wenn ich die Distanz zwischen den entfernten Leitern schwimmen möchte, sollte ich langsam schwimmen fast gleiten und dabei tief ausatmen. Es wären gut acht Züge. Sie schwamm weiter und ich brach auf zur „weit“ entfernten Leiter. Ich versuchte zu gleiten. Mein Rumpf fühlte sich eigentlich ganz gut an, mein Herz und meine Lunge hatten nicht mehr so viel Panik aber dafür fühlten sich Arme, Hände, Beine und Füße wie kalte Betonklötze an. Ich erreichte die Leiter, stieg zufrieden aus dem Wasser und beschloss, es dabei zu belassen.

Hinter dem offenen Umkleideraum gab es einen geschlossenen Raum mit Duschen und ebenfalls Möglichkeiten zum umziehen. Vier Frauen unterschiedlichsten Alters unterhielten sich und lachten als würden sie sich schon lange kennen. Die furchtlose Wasserfrau, mit der ich mich unterhalten hatte, war auch fertig und duschte sich neben mir. Das Wasser aus der Dusche war nur marginal wärmer als das Wasser im See. Ich wusch trotzdem Körper und Haare. Dabei unterhielt ich mich weiter mit der Frau. Sie hatte vor einigen Monaten den Rettungsschwimmer gemacht und arbeitete ehrenamtlich beim Ladies Pond. Es war offensichtlich, dass sie diesen Ort liebte und ich konnte sie verstehen. Ich fragte sie, ob sie häufig Leute aus dem Wasser holen müssten aber sie meinte, die Hauptaufgabe der Lifeguards wäre eher Prävention.

Ich ging wieder raus und zog mich an. Zwei Frauen – eine jung und eine alt – mit dicken Jacken und Wollmützen traten ein. Sie grüßten freundlich und unterhielten sich dann weiter über eine Weihnachtsfeier. Als die Jüngere meinte, sie wäre schon zwei Wochen nicht mehr schwimmen gewesen und würde sich gar nicht richtig trauen, begann die Ältere zu singen. Das Lied war nicht schön oder wurde nicht schön gesungen aber es handelte von Freunden die einander Mut machen (hätte also auch ein Kölner Karnevalslied sein können). Die Frauen gingen zum See und ich schaute in den Himmel. Ich fühlte mich sehr aufgehoben.

Es gab keinen Föhn und so zog ich die Kapuze über den Kopf und ging los.

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Auf dem Ponton stieg gerade eine Schwimmerin aus dem Wasser, zwei anderen begrüßten Sie mit einem lauten Geburtstagsständchen. Ich schaute nochmal auf den Teich und genoß diese besondere Leichtigkeit und Zufriedenheit, bevor ich mich auf den Weg zum Hotel und dann zum Flughafen machte.

Ein kleiner Film von Hanna Aqvilin über das Winterschwimmen in Hampstead Heath.

Swim Challenge Cascais

Einmal im Jahr gehe ich für ein paar Tage Wellen reiten. Oder besser: ich nehme Unterricht, versuche mich auf dem Brett zu halten oder im besten Fall ein paar Sekunden darauf zu stehen. Bei der Terminwahl in diesem Jahr recherchierte ich in der Openwaterpedia, ob nicht zufällig zur gleichen Zeit auch ein Freiwasserschwimmwettbewerb in Portugal stattfindet. So stieß ich auf den Swim Challenge Cascais, nach eigenen Aussagen der größte Freiwasserschwimmwettbewerb in Portugal.

Angeboten wurden die Strecken 1.9km (offen), 3.8km (offen) und eine Meile (nur für bestimmte Schwimmer). Zudem gab es noch zwei Kinderwettbewerbe (200m und 400m). Ich modifizierte meine geplanten Reisetermine ein wenig – der Mann überredete mich, lieber die Termine zu verschieben, als bis zum nächsten Jahr zu warten – und meldete mich für die 1.9km für eine Startgebühr von 15€ an.

Da ich mich im Juli schon angemeldet hatte, nutzte ich den Urlaub im August am Mittelmeer, um zu trainieren. Morgens gegen 8 Uhr stieg ich ins klare und spiegelglatte Mittelmeer. Ich hatte mir zuvor Trainingsflossen gekauft. Hauptgrund war meine Angst vor dem offenen Meer gewesen. Mit Flossen – so meine Überlegung – würde ich viel schneller vor möglichen Quallen oder Raubfischen flüchten können. Dass ich auf giftige Quallen und Raubfische stoßen würde war genauso unrealistisch, wie der Glaube daran, mit den Flossen schneller als ein Hai zu sein. Aber als psychologischer Trick funktionierte es. Ich ging ins Wasser, schwamm 30-40 Meter raus aufs Meer und dann ca. 400 m an der Küste entlang und zurück. Je nach Laune schwamm ich das Stück ein zweites Mal, dann oft ohne Flossen. Ich konnte immer gut auf den 3-10 Meter tiefen Grund sehen. Nach einigen Bädern wusste ich, wo ich die roten kleinen Fische treffen würde, wo die Verankerungen diverser Bojen lagen, ich fand eine Gartentür aus Metall, die auf dem Grund des Bodens lag und wusste, an welchen Stellen das Seegras besonders gut wächst.

Als ich nach dem Urlaub wieder in der Alsterschwimmhalle trainierte, bemerkte ich, wie stark sich mein Beinschlag durch die Trainingsflossen verbessert hatte. Das Schwimmen fiel mir plötzlich deutlich leichter, jetzt wo meine Beine mehr Kraftarbeit übernahmen. Ich trainierte jetzt gezielt, 2km am Stück zu schwimmen. Ich brauchte dafür 51-54 Minuten. Ich wusste, dass dies nur eine mittelmäßige Zeit war aber ich wusste auch, dass ich es gut schaffen und problemlos ankommen würde.

In Portugal fielen kurzfristig meine beiden Surfstunden am ersten Tag aus. Ich nutzte die Gelegenheit und fuhr nach Cascais. Die Registrierung würde morgens von 7 bis 9 45 stattfinden, da wollte ich ungefährt wissen, wie lange ich mit dem Auto von Baleal brauchen würde. Die Strandpromenade von Cascais und Estoril erinnerte mich an die Côte d’Azur. Viele teure Hotel, viele schöne Menschen, viele Bars, Cafés und Restaurants.
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Am Praia da Duquesa war aber nichts vom Swim Challenge zu sehen, keine Plakate, keine Fahnen (jedes Surfschule, jedes Café hatte eine Werbefahne aufgestellt), keine Absperrungen. Ich suchte das Veranstaltungsbüro, einfach nur um sicher zu gehen, dass es die Veranstaltung auch geben würde. Als ich das Büro fand, schrieb ich dem Mann, dass jemand von meinen 15€ wenigstens eine Fahne gekauft hatte und ich die Hoffnung noch nicht aufgeben würde.

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Als nächstes wollte ich das Wasser testen, um zu entscheiden, ob ich mit Badeanzug oder Swimshorty schwimmen würde. Warum gibt es an großen Stadt-Stränden keine Spinde, die man mieten kann, um seine Wertsachen abzulegen? Wenn ich alleine reise, kann ich nie lange und konzentriert im Meer schwimmen gehen, da meine ganzen Sachen unbeaufsichtigt am Strand liegen. In Cascais fand ich ein wunderbares Becken.

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Es war eine kleine Bucht, die durch eine Wand (unterhalb der Wasseroberfläche) vom Meer getrennt war. Auf der Wand waren schmale Stangen eingelassen, die optisch die Grenze markierten. Über diese Wand schwappte das Meer, trotzdem fühlte man sich im Becken kuschelig-geschützt. Außerdem konnte ich meine Sachen auf eine der Treppen stellen, wo sie sicher vor dem Wasser waren. Vom Meer aus konnte ich jederzeit nachschauen, ob mein Rucksack noch da war. Das Wasser war sehr kalt. Nachher googelt ich und stellte fest, dass die Temperatur bei 18 Grad lag. Ich entschied mich, am nächsten Tag den Shorty zu tragen. Obwohl der Pool geschützt war, merkte ich die Wellenkraft des Atlantiks. Ich musste an Lynne Cox denken, die in ihrem „Open Water Swimming Manual“ schrieb:

„You are immediately lifted by the water, bounced by the waves, and massaged by the movement of your body through the water.“

Die Sicht unter Wasser war auch nicht vergleichbar mit dem sizilianischen Mittelmeer, ich konnte maximal einen Meter weit sehen. Ab und zu sah ich kleine Fische und kleine Plastikteile an mir vorbei schwimmen. Ich begann mich, auf den nächsten Tag zu freuen aber bekam auch Angst, ob ich die Strecke im kalten, salzigen Meer wirklich schaffen würde.

Am nächsten Morgen fuhr ich durch eine wunderschöne Nebellandschaft nach Cascais. Die Registrierung lief schnell und unkompliziert.
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Überhaupt war die gesamte Veranstaltung sehr gut organisiert, die freiwilligen Helfer waren alle ausgesprochen nett und es gab immer jemanden der im Notfall auf englisch aushelfen konnte. Mittlerweile sah ich auch die Bojen. Anders als in Hamburg gab es wirklich nur drei einzelne große Bojen und dann ein Zweierpaar durch das man zum Ziel schwamm.

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Um 8 30 hatte bereits der 3.8km Wettbewerb begonnen, bzw. er begann verspätet gegen 9 Uhr und war für mich beruhigend. Menschen, die ins Wasser gingen und wieder rauskamen, alles lief nach Plan. Ich besorgte mir ein leichtes Frühstück ging zum Strand, wurde mit meiner Nummer beschriftet und zog mich um.

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Meine Sachen konnte ich abgeben aber ich hatte noch einen Zettel in der Hand. Damit würde ich nach der Einweisung meinen Chip erhalten. Mit dem Zettel in der Hand ging ich ins Wasser. Ich wollte mich an die Kälte gewöhnen und wäre gern ein paar Züge geschwommen. Das ging aber wegen des Papiers nicht. So tauchte ich hockend ein, während ich den Zettel aus dem Wasser hielt. Andere Schwimmer wärmten sich mit schnellen Kraulzügen und ausgedehnten Runden auf. Die meisten waren in Begleitung, entweder ihrer Familien oder ihrer Trainingsgruppe. Ich wurde immer eingeschüchterter. Mit 174 Schwimmern, war alles viel größer aber die Vielfalt meines ersten Wettbewerbs gab es hier nicht. Die meisten Schwimmer trugen Ganzkörperneoprenanzüge, wirkten sehr trainiert und professionell. Wahrscheinlich würden sie nach dem Wettbewerb quer durchs Land nach Hause radeln oder laufen. Der Frauenanteil lag bei weniger als einem Viertel. Es gab ein paar dickere Frauen aber wir gehörten zur Minderheit. Ich wollte nicht die dicke Frau sein, die als Letzte in Ziel kommt. Der Wettbewerb sollte um 10 30 starten. Das Briefing begann kurz vor 11.

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Uns wurde gezeigt, dass wir zwei Runden (bzw. Rechtecke) um die Bojen drehen sollten. Nach der ersten Runde sollten wir ein kurzes Stück über den Strand laufen und dann wieder für die zweite Runde ins Wasser eintauchen. Die Unterweisung war auf Portugiesisch, das ich etwas verstehen kann, wenn ich mich konzentriere. Am Ende wurde gefragt, ob jemand eine englische Übersetzung braucht. Ich überlegte noch, als alle losgingen, um ihre Chips zu holen und ins Starterfeld zu gehen. Eine Portugiesin in Badeanzug fragte mich auf perfektem Englisch, ob ich noch Hilfe bräuchte. Ich fragte nach ein paar Dingen, bei denen ich mir nicht sicher war, ob ich sie richtig verstanden hatte. Sie war die einzige Mitbewerberin, mit der ich sprach. Ich stand irgendwo in der Mitte als es los ging und wir alle zum Meer liefen.

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Das Meer fühlte sich schön an und ich freute mich. Ich fühlte mich fit und ausgeschlafen und wollte losschwimmen. Obwohl der Platz viel größer war als in der Dove-Elbe ging es in Cascais deutlich aggressiver zu. Ständig hatte ich Beine und Arme auf meinem Körper. Ich war froh, dass mich niemand unter Wasser drückte, sondern nur schwimmend anrempelte. Ich ließ mich nach hinten fallen und versuchte, an den Rand des Schwimmfeldes zu gelangen. Offensichtlich war ich hier eine der wenigen, denen es um den Spaß am Schwimmen im offenen Meer ging.

Hinter der ersten Boje hatten sich die ambitionierten Kämpfer abgesetzt und ich fand eine Rinne in der ich versuchte, meinen Rhythmus zu finden. Die Orientierung klappte schon deutlich besser als beim ersten Mal. Ich atme am liebsten nach rechts, hatte aber in den letzten Monaten trainiert, auch nach links zu atmen und beim Kraulen zwischendurch nach vorn zu schauen, um die Orientierung zu behalten. All das half mir zwar aber dennoch wechselte ich öfter ins Brustschwimmen. Ich fühle mich in der Brustlage einfach am sichersten. Aber immerhin wechselte ich dieses Mal seltener und schwamm lange Strecken in der Kraullage. Ich brauche einfach noch mehr Selbstbewusstsein, ein bewussteres Atmen und die Sicherheit auch wirklich geradeaus schwimmen zu können. Ferner stellte ich fest, dass man sich keinesfalls an anderen Schwimmern orientieren durfte, den meisten fehlte selbst die Orientierung. Einige wurden von den Helfern in Kanus und auf Paddelsurfbrettern wieder in die Schranken gewiesen.

Am längsten und anstrengensten war der Weg von Boje eins zu Boje zwei, der Weg zum Strand war kurzweilig. Den Weg durch die beiden Zielbojen konnte man nicht verfehlen. Ich kam gut aus dem Wasser, lief über den Strand, überholte sogar eine Schwimmerin und brach dann im Wasser fast zusammen. Das Laufen hatte mich völlig rausgebracht. Hatte ich mich im Wasser noch gut gefühlt, hoffte ich nun, es überhaupt bis zur nächsten Boje zu schaffen. Meine Ehrfurcht vor Triathleten wuchs ins unermessliche. Mit ruhigen Brustzügen schaffte ich es zur Boje und zurück in ein schönes und entspanntes schwimmen. Der Weg zu Boje zwei war nicht nur der längste, sondern auch der welligste. Je weiter ich aus der Bucht schwamm, desto stärker merkte ich, dass ich wirklich in einem Ozean war. Die Wellen schaukelten mich und mir gefiel das sehr. An mir schwamm ein großer Fisch vorbei und ich bekam Hunger und dachte daran, dass ich so einen Fisch gern mit Kartoffeln und Sauce essen würde. Nach der zweiten Boje merkte ich, dass ich mich noch sehr fit fühlte. Ich überholte ein paar Schwimmer und zählte die Züge. Nach der Ziel-Doppelboje dauerte es doch noch ganz schön lange bis zum Strand. Angekommen ging ich langsam zum Ziel. Die Helferinnen am Ziel feuerten mich an und meinten ich solle mal hin machen. Außerdem sollte ich für das Foto lächeln. Noch sind die Bilder nicht online, aber ich weiß auch nicht, ob ich das sehen will. Ich bekam eine Flasche Wasser und eine Medaille. Als ich mich bückte, um den Chip, vom Fuß abzumachen, fiel ich fast hin. Routiniert – ich war offenbar nicht die erste – hielt mich eine Frau aus der Crew fest und nahm gleichzeitig den Chip ab.

Ich duschte mich ab, holte meinen Rucksack, setze mich auf eine Liege und machte Sieger-Fotos mit Selbstauslöser.

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Angezogen wartete ich auf die Ergebnisse, die an die Tür des Wettkampfbüros gepinnt wurden. Mit einer Zeit von 52:34 Minuten wurde ich 147. von 174 Schwimmern beziehungsweise 34. von 42 Frauen. Ich wäre gern unter 50 Minuten geschwommen aber ich freute mich, dass ich es geschafft hatte.

Ich aß zu Mittag und fuhr zurück in mein kleines beschauliches Baleal voller Vorfreude auf meine Surfstunden am Abend.

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Freiwasserschwimmen

Anfang des Jahres beschloss ich, dass ich ein Ziel bräuchte. Und so meldete ich mich für einen Freiwasserschwimm-Wettbewerb an. Vor fast drei Jahren habe ich wieder mit dem Schwimmen begonnen. Meine Schwimmerkarriere als Kind war wegen ständiger Bronchitis leider nur sehr kurz. So nutzte ich den Schulsport und später das Unisportangebot. Ich war nie besonders schnell oder besonders gut aber immer gern im Wasser.

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Zunächst fing ich an, einmal wöchentlich an meinem freien Tag morgens schwimmen zu gehen.

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Die Alsterschwimmhalle wurde so zu meinem Lieblingsschwimmbad. Die 50m-Bahnen sind klar eingeteilt: „Öffentlichkeit“, „Öffentlichkeit schnell“ und „Öffentlichkeit Rücken“. Je nach Tageszeit gibt es noch „Schulschwimmen“ und „Kurs“. Die Wassergymnastik-Kurse am Vormittag sind voller älterer, sehr agiler Damen. Ich finde, dass ist das Beste was man im Rentenalter mit seiner freien Zeit machen kann: mit den Freundinnen zu schwimmen und im Wasser zu turnen. Das Schulschwimmen wirkt eher wie aus der Zeit gefallen. Mit Klemmbrettern bewaffnet stehen die SchwimmlehrerInnen am Rand und geben Anweisungen. Die Kinder wirken gelangweilt und unwillig. Immerhin müssen sie in Hamburg nicht wie in Berlin Trockenübungen auf dem kalten und usseligen Fliesenboden machen. Trotzdem möchte ich am liebsten heimlich auf der Bahn der Schulkinder auftauchen und ihnen versichern, dass schwimmen Spaß machen kann.

Anfangs schwamm ich einen Kilometer, dabei wechselte ich zwischen 50m zügigem Brustschwimmen und 50m schnellem Kraulen. Beim Kraulen versuchte ich, so wenig wie möglich zu atmen. Ohne die Rotation im
Oberkörper, die für das seitliche Atmen nötig ist, merkte ich ganz besonders gut, wie das Wasser an mir entlangfloss. Ich fühlte mich dann immer so, als wäre ich Teil des Wassers. Eine Illusion die sofort platzte, wenn ich japsend und keuchend nach Luft schnappte. An diesem Punkt wurde mir immer wieder bewusst, dass ich wohl doch nicht dauerhaft ins Wasser gehöre.

Langsam begann ich, die Distanz auf 1.500m oder 2.000m und die Kraulintervalle zu steigern. Letztes Jahr zum Geburtstag bekam ich einen Schwimmkurs geschenkt. Bei der Beratung ließ ich mir „Technik Kraul Anfänger“ aufschwatzen. Dienstags um 21:30 schwamm ich nun mit 11 anderen Teilnehmern und am Beckenkopf wurde die Tafel „Kurs“ aufgestellt. Unser Trainer Johannes hätte mein Kind sein können. Das Geschlechterverhältnis der Teilnehmer war ausgeglichen. Interessant war allerdings, dass einige Männer zwar nichtmal richtig unter Wasser ausatmen konnten, aber bereits für den Sommer einen Triathlon planten. Zunächst ärgerte ich mich, dass ich nicht den nächst höheren Kurs gewählt hatte. Ich kam mir vor wie ein Rennpferd unter Ackergäulen aber Dank des Trainers stellte ich bald fest, dass ich durchaus an vielen Stellen Optimierungspotential hatte. So war ich sehr zufrieden mit meiner geraden Wasserlage, bis ich darauf aufmerksam gemacht wurde, dass mein Po aus dem Wasser ragt. Ich war wohl doch kein Torpedo, sondern eher ein schnell treibender Eisberg. Außerdem hat es durchaus sein Gutes, noch einmal die Technik von Anfang an zu lernen. Nicht nur mein Hintern auch meine Beine hatten keine optimale Haltung. Nach 8 Stunden hatte ich den Eindruck, sehr viel gelernt zu haben und schneller zu schwimmen. Jeder im Kurs konnte am Ende 25m am Stück sehr ordentlich kraulen. Sollte jemand wirklich Kraultechnik lernen wollen, kann ich das Kursangebot vom Bäderland Hamburg wirklich empfehlen.

Parallel hatte ich mich für das 6.
Hamburger Freiwasserschwimmen Jedermann 1km angemeldet. Als Austragungsort war die Dove-Elbe ausgewählt worden, die eigentlich als Regatta-Strecke für Ruderer und Kanuten dient. Ich hatte keine Ahnung worauf ich mich eingelassen habe. Ich habe nie wirklich in freien Gewässern trainiert und wenn dann im
Meer und nicht in einem See. Zunächst einmal stellte sich die Frage nach der Kleidung. Im Rahmen einer digitalen Umfrage wurde mir empfohlen, einen Swimshorty aus Neopren zu tragen. Es gibt bei den Freiwasserschwimmern wohl Diskussionen um Neopren oder Badeanzug. Soweit ich das mitbekommen habe, gehen Freiwasserschwimmer der reinen Lehre nur mit Badeanzug oder Badehose ins Wasser. Bei einem Jedermann-Wettbewerb kann man aber wohl machen was man will.

Also beschloss ich mir einen Shorty zu kaufen. Ab Größe 44/46 gehen die meisten Sportbekleidungshersteller wohl davon aus, dass man keinen Sport treibt. Gut sitzende Badeanzüge bekomme ich gerade noch. Aber Neopren-Anzüge für Frauen werden maximal bis Größe 44 angeboten. Weil ich online nichts passendes fand, suchte ich einen Fachhandel auf. Bei Trionik suchte ich mir gleich einen Verkäufer und schilderte klar mein Problem. Er schaute mich freundlich an und sagte, er hätte da was passendes in Größe 44. Wenn der Shorty nicht passt, könnte ich sicher bei den Männeranzügen was finden. Ich glaube zwar nicht an Produkte für Männer und Frauen trotzdem sagte ich: „Aber ich möchte doch einen pinken Anzug mit Swarovski-Steinen!“ Der Verkäufer war sehr zuvorkommend und meinte: „Im Zweifel klebe ich Dir welche drauf.“ Der runtergesetzte Anzug von Camaro aus der Vorsaison (warum auch immer für schwarze Anzüge aus Neopren eine Saison sinnvoll sein soll) in Größe 44 für 80€ passte. Sehr zufrieden verließ ich das Geschäft.

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Ab Mai trainierte ich nun regelmäßig zwei Mal wöchentlich. An meinem freien Vormittag schwamm ich nicht mehr in der Alsterschwimmhalle, sondern im Kaifufreibad. Das Kaifubad in Eimsbüttel ist wunderschön. Neben Sauna, Solebad, einem Innenbecken und einem beheizten Außenbecken (25m) gibt es von Mai bis September noch ein Freibad mit Sprungbecken und einem großen ungeheiztem 50m-Becken. Die Wasser-Temperatur lag im Mai und Juni bei 19-22 Grad. Für jemanden, der wie ich, bei ca. 45 Grad duscht, ist es eigentlich vollkommen undenkbar in dieses Wasser zu steigen. Mit dem Shorty ging es aber. Trotzdem kribbelte die Kälte am ganzen Körper und wenn das Wasser beim einatmen seitlich in die Ohren floss, fragte ich mich, warum ich mir das antue. Gleichzeitig war es wunderschön. Meist waren mit mir nur 3-5 andere Leute in dem riesigen Becken. Mehr oder weniger allein im Freien zu schwimmen finde ich grandios, egal ob die Sonne scheint oder Regentropfen auf das Wasser prasseln. Meine bislang schnellste Zeit (49 Sekunden für 50m) schwamm ich ebenfalls in diesem Becken.

Nach einigen Wochen und leichter Erhöhung der Wassertemperatur auf 21 Grad zog ich erstmals im Badeanzug meine Außenbahnen. Ich fühle mich im Badeanzug wohler als im Neoprenanzug. Am liebsten würde ich ja nackt schwimmen, aber das ist eine andere Geschichte. Die Kälte prickelte nur ein bisschen mehr ohne Shorty, wenn man sich dran gewöhnt hat und keine Pausen macht. Nun schaffte ich auch die 1.000m durchgängig in Kraullage zu schwimmen, ohne zwischendurch Brust zu schwimmen. Allerdings machte ich den Fehler, zu wenig zu atmen, so dass ich am Ende häufig Kopfschmerzen durch den Sauerstoffmangel hatte. Mit meinen Zeiten war ich einigermaßen zufrieden. Als ich mit dem schwimmen anfing, brauchte ich für 1.000m zwischen 28 und 30 Minuten, jetzt waren es zwischen 23 und 26 Minuten. Mein Ziel für den Kilometer im See war es, unter 25 Minuten zu bleiben, mein Traum wäre eine Zeit um die 20 Minuten.

Per Mail erhielt ich die Information, dass man an zwei Tagen – in jeweils einem Zeitfenster von drei Stunden – in der Dove-Elbe trainieren kann. Also fuhr ich einmal quer durch Hamburg, um den See (die Dove-Elbe ist ein ruhiger seeartiger Nebenarm der Elbe) kennenzulernen. Ich wusste nicht wie er riecht, ob und wie weit man darin sehen würde, wie kalt das Wasser sein würde und ob ich mich darin wohl fühlen würde.

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Ich war vorbereitet, hatte nur das Wesentliche mit und musste mich nur noch ausziehen aber nicht mehr den Badeanzug anziehen. Mein Jedermann-Wettbewerb fand im Rahmen der deutschen Meisterschaften im Freiwasserschwimmern statt. Als ich ankam, sah ich einen Steg auf dem sich einige junge Schwimmer tummelten. Sie sprangen ins Wasser als wären 20 Grad für sie eine Badewanne und schwammen in atemberaubender Geschwindigkeit. Außerdem verstanden sie offenbar das System aus kleinen und großen Bojen. Für mich sahen das Wasser und die Bojen aus wie ein Schaltbrett. Verschüchtert drehte ich mich um und fuhr in mein Hallenbad.

Mein Erlebnis an der Dove-Elbe verringerte nicht meine Aufregung für den Wettkampf. Am Samstag – dem Wettkampftag – war ich zu nichts zu gebrauchen. Ich hatte Mann und Kinder gebeten mitzukommen aber ich wusste nicht, ob es ein Rahmenprogramm gibt und das Wetter war hanseatisch-durchwachsen. Die Außentemperatur lag so bei 19/20 Grad, es gab immer wieder Schauer, die Möglichkeit eines Gewitters und der Boden war durch den Regen der letzten Wochen aufgeweicht und schlammig.

Wir kamen relativ pünktlich an und hatten wenigstens keine Parkplatzprobleme. Außer den Schwimmern und ihren Familien und Freuden gab es kaum Zuschauer. Die Akkreditierung war kompliziert. Meine Startunterlagen – und auch die von drei anderen Mitschwimmern – waren schon anderen Leuten gegeben worden. Nach drei Durchsagen und 30 Minuten erhielt ich eine neue Starternummer. So bin ich gleich zwei Mal geschwommen und meine Doppelgängerin war sogar etwas schneller als ich. Während ich auf meine Startnummer wartete, versuchte ich mich zwischen Badeanzug und Shorty zu entscheiden. Die Entscheidung fiel von selbst, nachdem ich im Badeanzug vollgestempelt wurde und man mir sagte, ich solle mich jetzt nicht mehr umziehen. Jeweils zwei Mal auf jeder Seite (Arm und Schulter) sowie auf meiner Badekappe prangte nun meine vierstellige Nummer in handflächengroßen Ziffern.

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Ein sehr euphorischer freiwillige Helfer erklärte mir und einer anderen Frau, dass man die Farbe am besten mit Babytüchern entfernen kann. Ich kann das bestätigen. Mit Wasser und Seife kann man sich die ganze Haut abreiben und die Nummer ist noch drauf, mit einem Feuchttuch ist alles sofort weg. Keine Ahnung was das für Rückschlüsse auf Feuchttücher zulässt.

Nach der Beschriftung sollten wir uns im Starterzelt einfinden. Dort dürfen nur die Schwimmer des jeweiligen Wettkampfes rein. Am Eingang wird kontrolliert. Dort kann man auch seine Sachen ablegen und sich ausziehen. Es war angenehm warm und trocken im Zelt. Auffällig fand ich, wie viele Frauen dabei waren (bei den Ergebnissen sah ich, dass der Frauenanteil bei über 50% lag). Außerdem war jedes Alter vertreten. Die älteste Schwimmerin war 87 Jahre alt und wurde von Ihren Enkeln begleitet. Auch figürlich war die Vielfalt groß. Von gestählten Körpern über Bierbäuche, von schmalen Frauen bis üppigen Presswürsten wie mich. Die Stimmung war sehr entspannt und enorm freundlich. Insbesondere unter den Frauen fiel mir das auf, so als wollten wir uns sagen: „Ich nehme Rücksicht auf dich, es geht mir ums Ankommen in meiner persönlichen Bestzeit und nicht ums gewinnen.“ Während des gesamten Wettbewerbs waren tatsächlich alle Beteiligten enorm rücksichtsvoll. Überholt wurde meistens links mit Abstand. Wer langsam war, machte Platz und es gab ganze Gruppen und Familien, die aufeinander warteten und wirklich gemeinsam schwammen. Auch der euphorische Helfer hatte uns geraten: nach dem Startschuss erst ein paar Mal ein- und auszuatmen und dann loszuschwimmen. So kann man den ambitionierten Schwimmern den Vorrang lassen.

Dann wurden wir einzeln aufgerufen und mussten mit unserem Transponder einchecken. Die knapp 100 Schwimmer wurden in zwei Gruppen aufgeteilt und starteten zeitversetzt. Ich war in der ersten Gruppe. Mit 50 anderen Leuten stand ich auf dem Steg und überlegte, wann es sinnvoll ist, ins Wasser zu steigen.

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Ich war eine der ersten und sehr froh, dass das Wasser sich schön weich anfühlte und lecker nach feuchtem Wald roch. Zum Start waren alle im Wasser.

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Ich atmete ein und aus und schwamm los. Im gelb-braunen Wasser hatte ich eine Sicht von maximal 1m. Das Schaltbrett der Bojen war uns zwar erklärt worden aber aus der Wasserperspektive war mir alles wieder fremd. Immer wieder musste ich Brust schwimmen, um mich zu orientieren. Selbst beim geradeaus kraulen stieß ich ständig gegen die Bojen oder hatte Angst am falschen Ende des Sees anzukommen. Die zweite Runde des Parcours lief etwas besser, aber ich fand einfach nicht in meinen Rhythmus. Als ich an der Tafel im Wasser anschlug freute ich mich, war aber auch etwas enttäuscht von mir.

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Auf dem Steg angekommen, stürzte ein Kind auf mich und gab mir eine Medaille. Einen Becher süßen, heißen Tee gab es auch. Das perfekte Getränk in dieser Situation.

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Meine Zeit konnte ich nirgendwo direkt ablesen aber ich wollte sie auch erstmal nicht wissen. Der Mann und die Kinder wirkten sehr beeindruckt und umarmten mich. Allein dafür hatte es sich gelohnt. Ich ging im Landesleistungszentrum Rudern und Kanusport duschen und vergaß dort meinen Badeanzug.

Einige Tage später fand der Mann zwar nicht den Badeanzug aber dafür eine Liste mit den Zeiten. Ich war 23:41 Minuten geschwommen und als 67. von 97. Schwimmern ins Ziel gekommen. Für den nächsten Freiwasserwettbewerb habe ich mich bereits angemeldet.

Hinweis: In dem Text nenne ich diverse Produkte und Geschäfte. Kein Produkt oder Geschäft habe ich aus Werbezwecken geschenkt bekommen oder aufgesucht.