Kein Haus aus Stroh

Vor einiger Zeit las ich im Italienurlaub einen Bericht über die Kostenexplosionen und Querelen rund um die Elbphilharmonie. In Italien schien mir das alles ganz besondes absurd. Die Popularität Italiens basiert – neben dem guten Essen – schließlich darauf, dass sich 70 Prozent, der von der Unesco als schützenswert eingestuften Bauwerke auf der 301.338 Quadratkilometer großen Halbinsel befinden (die prozentuale Angabe variiert je nach Text von 60-80 Prozent, ich habe mich hier mal für die goldene Mitte entschieden). Und diese sind sicher nicht durch Genossenschaftsprojekte gebaut worden.

Vor vielen Jahren fuhr ich mit meinem Bruder nach Mailand. Dort trafen wir Architektenfreunde von ihm und schauten uns zwei Tage lang Häuser und Friedhöfe an. Diese Reise ist mir in sehr lebhafter Erinnerung geblieben, denn ich fand Mailand selbst für italienische Verhältnisse ein Ort voller architektonischer Absurditäten. Beispielsweise der Torre Velasca. Dieser wurde in den 50er Jahren gebaut und ist eine Mischung aus einem mittelalterlichen italienischen Wehrturm und einem Hochhaus. The Telegraph hat vor kurzem eine Liste häßlicher Gebäude weltweit zusammengestellt und den Torre Velasca darin aufgenommen.

Man kann darüber streiten, ob das Gebäude wirklich so schlimm ist oder man es einfach mittels großer dunkler Sonnenbrillen ignoriert, aber es ist da und prägt Mailands Stadtbild.

Der Mailänder Dom ist ebenfalls von beeindruckender Größe und selbstverständlich ein Bauwerk, in dem die katholische Kirche voller Freude ihre Potenz und Macht in Stein manifestiert hat. Ich nehme an, dass es im 16. Jahrhundert keine besonders große bürgerliche Protestkultur gab, aber auch damals werden sich bestimmt einige Menschen gefragt haben, warum ein Symbol der Macht gebaut wird, wenn man mit dem Geld viel sinnvollere Dinge anfangen könnte.

Wahrscheinlich konnten nach Fertigstellung des Baus die kritischen Stimmen wieder gewonnen werden, indem man ihnen einen Spaziergang auf dem Domdach anbot. Als vergnügungssüchtige Rheinländerin war ich jedenfalls völlig aus dem Häuschen, auf dem Kirchendach prominieren zu können. Warum Paare, die sich auf dem Dach küßten, gerügt wurden, schien mir allerdings wenig plausibel. Aber dass die katholische Kirche als Institution nicht viel mit (Nächsten-)Liebe zu tun hat, ist auch nichts Neues.

Wenn man von Dachbesteigungen absieht und ganz rational die Sinnhaftigkeit von Bauprojekten betrachtet, kann man im Grunde nur zum Schluss kommen, dass eigentlich nur noch energieoptimierte Plattenbauten aus natürlichen, nachwachsenden Rohstoffen entstehen dürften. So wünschenswert es wäre, eine Umsetzung würde genauso gut funktionieren wie der Kommunismus, nämlich gar nicht.

Bei vielen Diskussionen wundert es mich aber immer wieder, dass die Bedürfnisse des Menschen so eindimensional dargestellt werden. Hamburg hat zum Beispiel viele Schulden, außerdem hohe Mietpreise, einen mittelguten Ausbau an Kindertagesstätten und eine an Inkompetenz unübertroffene Behörde für Verkehr und Straßenwesen. Sinnvoll wäre es natürlich, das Geld für eine Elbphilhamronie in andere Projekte zu stecken, die ganz aktuell deutlich mehr Personen betreffen.

Und obwohl mich Schulden, Mieten, Kitas und der Straßenverkehr konkret und persönlich betreffen, bin ich ganz begeistert von der Idee, dass Hamburg einen riesigen Konzertprachtbau direkt an der Elbe haben wird.

Wer jetzt auf mich zeigt und empört Widerspruch ruft, dem gebe ich recht. Ich bin ein wandelnder Widerspruch, wir alle sind es. Theoretisch würde ich nämlich Sport treiben, kein Fleisch essen, kein Auto fahren, politisch korrekten Sex haben, Strom sparen, Geld sparen, immer freundlich und höflich sein, Ausgeglichenheit zum Credo meines Lebens machen und nicht euphorisch klatschen, wenn nahe Familienangehörige pupsen.

Praktisch aber bin ich ein Persönlichkeitspotpourri. Ich kann gleichzeitig mehr Kita-Plätze fordern und mich für gigantomane, phallische, überteuerte, absurde, ästhetisch grenzwertige, ideologisch fragwürdige und gesellschaftlich nutzlose Architektur begeistern.

Architektur bereitet mir Freude. Manche Kirchen strahlen eine Erhabenheit aus, die mir Gänsehaut macht, kunstvoll gestaltete Räume können mich begeistern und Fresken verstehe ich als Wimmelbilder, bei denen ich mir alle Beteiligten von Vogel bis zum Ritter genau anschauen möchte. Protzig-vulgäre Paläste schaffen es immer wieder, mich in einzuschüchtern und gleichzeitig meine Prinzessinnenfantasien aus der Kinderecke zu holen. Die nächtliche Illumination des Eiffelturms – eine Gebäude, das die Hitliste nutzloser Gebäude anführt – ist für mich ähnlich spannend wie ein guter Film.

Architektur ist häufig genau das, was einem Ort Charakter gibt. Der Physiotherapeut meiner Mutter hatte vor vielen Jahren die Möglichkeit nach Amerika auszuwandern. Er hat abgelehnt, weil er wusste, dass ihm in den USA die alte (Bau-)Substanz fehlen würde. Wer einmal durch das urbane Amerika gereist ist, weiß, dass man zuweilen das Gefühl hat, im Kreis gefahren zu sein, einfach weil so viele Ort gleich angelegt sind und sich kaum voneinander unterscheiden.

Selbst Köln – eine Stadt, die wirklich nicht mit baulicher Ästhetik punkten kann – schafft es, dank des Doms, so zu tun, als wäre es hübsch. Ein einziger Prachtbau – im übrigen auch ein Paradebeispiel für Pfusch am Bau, schlechte Finanzierung und skandalöse Machenschaften – reicht offenbar aus, um das Bild einer Großstadt positiv zu prägen. Man muss diesen nur auf alles drucken und ständig besingen.

In den 70er Jahren gab es auch ein umstrittenes hamburger Bauprojekt, die Alsterschimmhalle. Statt den veranschlagten 24 Millionen D-Mark, kostete sie schließlich 33 Millionen D-Mark, außerdem war die Schwimmbahn am Ende viel zu kurz für Wettbewerbe und musste umgebaut werden. Ich bin mir auch sicher, dass vielen Hanseaten die Architektur viel zu modern und gewagt fanden. “Warum haben die Architekten sich denn nicht an der hübschen Architektur des Holtusenbads orientiert?” werden sich die ganzen Damen und Herren in ihren Ruder- und Hockeyclubs gefragt haben.

2004 wurde diskutiert, ob das Schwimmbad aus Kostengründen geschlossen werden sollte. Eine Bürgerinitiative verhinderte dies.

Der Lauf der Dinge.

2050 werden sich Mitglieder eine Bürgerinitiative bereit erklären, die Fenster der Elbphilharmonie mithilfe selbstgebastelter Paragleitern zu putzen, um Kosten zu sparen, damit der Konzertbetrieb nicht gefährdet ist. Einige davon waren 2013 gegen das millionenfressende Bauprojekt.

Es besteht für mich also kein Grund zur Sorge, gigantomane Architektur wird es weiterhin geben, bald sogar in meiner Stadt.

Ich bin dafür

Wenn alle dafür sind, bin ich meist dagegeben. Derzeit habe ich allerdings den Eindruck, dass die meisten gegen etwas sind, weshalb ich jetzt grundsätzlich dafür bin.

Zum Beispiel bin ich für innerstädtische Flughäfen.

Wenn ich nach einer Reise vom Flughafen ein Taxi nach Hause nehmen, werden ich zum Hassobjekt der meisten Taxifahrer. Diese haben nämlich oft einige Stunden in einer Taxisschlange gewartet, um endlich eine Flughafenfahrt abzusahnen und dann komme ich und biete eine Strecke von 5 Kilometern an. Der Hamburger Flughafen ist quasi mitten in der Stadt und dort wohnen wir eben auch. Aber es ist schön, nach einem Flug anzukommen und zu wissen, dass man nach der Abholung des Gepäcks eigentlich schon so gut wie zu Hause ist. Es ist nicht notwendig, erst auf die Autobahn zu fahren oder lange Bahnreisen auf sich zu nehmen. Man kommt an und ist da.

Ein weiterer Vorteil ist es, dass man an fast jedem Punkt in Hamburg bei guter Sicht, also ab dem 3. Obergeschoss, Flugzeuge beim Starten, Landen oder Rüberfliegen beobachten kann. Hanseatische Kinder kennen und erkennen ab dem 3. Lebensjahr eigentlich alle gängigen Fluggesellschaften anhand der Beschriftungen.

Ich bin auch für Großraumbüros. In meinem kann ich beispielsweise Flugzeuge beobachten. Es ist immer wieder überraschend, wie wackelig Flugzeuge im Landeanflug sind und wie oft sie nochmal durchstarten. Wenn man in einem Großraumbüro arbeitet, kann man diese spannenden Momente umgehend mit seinen Kollegen analysieren.

Überhaupt lernt man eine Menge über Menschen wenn man mit ihnen 8-9 Stunden Luft, Wasserkocher und Toilette teilt. Das ist sicherlich nicht immer nur schön aber alles in allem gesellig. Während also andere propagandieren, dass man sich wie Steinzeitmenschen ernähren soll, weil es das ist, was der Körper wirklich braucht, lebe ich wie ein Bürosteinzeitmensch. Ich gehe mit den Kollegen jagen, sammeln und ab und an sitzen wir mit einer Tasse Firmenkaffee ums Feuer und erzählen uns Geschichten.

Und dann gibt es immer einen der das Fenster aufreißen will. Wahrscheinlich konnten sich Stalin, Roosevelt und Churchill in Teheran auch nicht über die Raumtemperatur und den Winkel der zu öffnenden Fenster einigen und schon kam es zum Kalten Krieg. Während der Sommer im Großraumbüro geprägt ist von Trägheit und Stöhnen ist der Winter die Zeit des Kreischens “WO IST DAS VERDAMMTE FENSTER AUF? MIR IST KALT UND ICH HABE SCHON EINEN STEIFEN NACKEN!”.

Aber ich bin auch für den Winter, weniger für die Kälte dafür mehr für das Schneechaos. Schnee sieht einfach zauberhaft aus. Vor ein paar Tagen fuhr ich allein mit 20km/h im Auto durch eine verschneite Landschaft, dabei hörte ich Perfect Day von Lou Reed und war momentglücklich.

Schnee dämpft und sieht hübsch aus. Trotz kalter und trockener Hände, verfrorener Füße und feuchten Flocken im Gesicht bin ich jedes Mal verzaubert. Die Überraschung, wie anders die normale Umgebung aussieht, sobald etwas Schnee drauf liegt, verliert auch nach mehr als 30 Jahren nicht an Reiz. Außerdem finde ich, dass ich mit Schneeflocken im Haar immer sehr märchenhaft aussehe (früher Fee, heute Stiefmutter, morgen böse Zauberin).

Selbst dem dreckigen Schnee inklusive der mit Eis überzogen Straßen und Gehwege kann ich etwas abgewinnen. Das Leben wird deutlich aufregender, wenn man bei jedem Schritt fürchten muss, man könnte hinfallen und im besten Falle nur ein schmerzhaftes Steißbein davontragen.

Wenn man es mit den Kindern im Schlepptau über die Hauptstraße geschafft hat und beim Flugzeuge gucken beinahe über eine Eispfütze gerutscht wäre, freut man sich auf einen ruhigen Nachmittag. Für gewöhnlich verlangen der Sohn und die Tochter nach Musik. Lange Zeit haben der Mann und ich – im übrigen relativ erfolgreich – die Kinder von Musik für ihre Altersgruppe ferngehalten. Aber dann hat die Kita dafür gesorgt, dass sie genau diese Musik kennen- und mögen lernten. So hielt Rolf Zuckowski Einzug in unser Leben.

Erwachsene Menschen, die freiwillig mit Kindern Musik machen, die nicht ihre eigenen sind, halte ich persönlich für suspekt. Aber wahrscheinlich halten diese Menschen auch Blogger für obskur. Herr Zuckowski und ich sind also quitt.

Seit dieser Adventszeit bin ich also auch für Rolf Zuckowski. Ich habe den Gesängen der Kinder irgendwann keinen Glauben mehr geschenkt und habe mir In der Weihnachtsbäckerei runtergeladen.

Dabei stellte ich fest, dass es durchaus ein melodisches Grundgerüst gibt. Es wird nur zuweilen durch den Text, die Darstellung des Textes – kneten, Eier fallen lassen, Sauerei machen usw – verdeckt. Wirklich rührend schön finde ich auch Zuckowskis Macht Euch bereit.

Auf Wunsch der Kinder sitzen wir also Nachmittags in ihrem Zimmer, sie spielen und reden, während ich Wäsche zusammenlege und auf meinem iPhone wechseln wir zwischen Schön, ist es auf der Welt zu sein, In der Weihnachtsbäckerei und Jauchzet, Frohlocket ab und stellen fest, dass es eigentlich ganz schön ist dafür zu sein, jedenfalls so lange bis uns einer das Bauklötzchen wegnimmt.

Offener Brief ähm Rant

Liebe Kitakläger, Hospizverweigerer, Wohnprojektverhinderer und überhaupt Freunde und Anhänger des aseptischen Lebensumfelds,

ich möchte Ihnen hier mit meine umfassende Verachtung mitteilen und Sie darauf hinweisen, dass Ihr Karmakonto wohl den Tiefstand des Marianengrabens erreicht hat.

Vor ein paar Jahren haben ein paar von Ihnen versucht, die Kita meiner Kinder wegzuklagen, derzeit stören sich ein paar andere aus Ihrem Team an Kinderlärm und Sandstaubentwicklung in St. Georg.

Vor einiger Zeit hatten sie Angst vor einem Wohnprojekt für Kinder mit biografischen Belastungen. Warum sollte man ein Projekt starten, um Kinder und Jugendliche zu helfen? Wenn sie später auffällig und gewalttätig werden, kann man sie doch ganz einfach wegsperren, aber bitte irgendwo auf eine Insel in der Nordsee.

Ganz zu schweigen davon, dass ein Hospiz einfach nicht ins Wohngebiet gehört. Das verstehe ich, was sucht der Tod schon im urbanen Raum. Der kann schön raus ins Industriegebiet.

Das alles sind nur ein paar Fälle von vielen in Hamburg, deutschlandweit werden es wohl noch Tausende mehr sein.

Manchmal frage ich mich, wieso meine Kinder auf komische Ideen kommen.
Zum Beispiel, wenn sie ihr Bett mit Paniniaufklebern von der WM 2010 bekleben möchten, wenn sie anscheinend motivationslos einfach anfangen, um die Wette zu schreien oder sich gegenseitig so lange schupsen, bis einer weint.

Ich finde ihr Verhalten dann nervig bis saublöd, aber dann erinnere ich mich, dass ich manchmal auch das Bedürfnis habe, Menschen einfach eine Ohrfeige oder einen ordentlichen Schlag in dem Nacken zu verpassen.

Und da kommen Sie wieder ins Spiel. Das würde ich nämlich gern bei Ihnen machen.

Glücklicherweise funktionierten meine Regulationsmechanismen oft besser als die meiner Kinder und wenn ich doch mal laut werde, dann schäme ich mich nachher und entschuldige mich.

Also schlage ich Sie nicht, auch wenn ich genau dieses Bedürfnis in mir fühle, wenn ich von Ihnen lese.

Offensichtlich haben Sie keine Regulationsmechanismen. Ihnen gefällt der Lärm von Kindern nicht.

Warum eigentlich? Sie müssen den Streit doch gar nicht schlichten, keine kleinen Wunden verarzten, keine Kinder auf Schaukeln heben oder die vollgekackte Windel wechseln. Sie können ganz entspannt zusehen wie kleine Menschen aufwachsen. Im Zoo müssten Sie dafür viel Geld bezahlen und die Tiere sind oft lauter und geruchsstärker.

Aber zurück zu Ihren Regulationsmechanismen. Sie mögen den Lärm nicht und ihre Fenster werden von dem Staub dreckig – haben sie eigentlich auch schon die Bäume verklagt, die ihr Auto mit klebrigen Harz volltropfen? – und anstatt sich mal gehörig zu ärgern, es dann aber als gegeben hinzunehmen und sich lieber zu fragen, was das Leben aus Ihnen gemacht hat, dass Sie von Kinderlärm genervt sind (und nicht von Ihrem Chef, Ihrem Partner, der Supermarktkasse, den vielen Baustellen, den Touristen im Viertel, der Ampelschaltung, um mal das Störungsspektrum zu erweitern) verklagen Sie eine Kita?

Sie nutzen Ihre kostbare Zeit und Ihr Geld, um einen Anwalt aufzusuchen, damit dieser eine Kita für Sie verklagt? Sie möchten Zeit in einem Gerichtssaal verbringen, damit Kinder zukünftig am besten neben einem Hafenterminal betreut werden?

Gestatten sie mir die Frage, fühlen Sie sich dabei nicht ein wenig armselig?

Ihnen fehlt offenbar genau die Fähigkeit, die Sie bei Jugendlichen, die wahllos Menschen in der Ubahn zusammenschlagen, so empörend finden.

Sie können Ihren ersten Impuls nicht unterdrücken. Kinder laut, Jugendliche böse, Totgeweihte eklig, Behinderte verstörend, Ihnen gefällt das nicht.

Eine reifer, erwachsener Menschen würde sich überlegen, ob die Empörung, der Ärger und die Angst gerechtfertigt sind und dann in 99% der Fälle feststellen, dass man gerade überreagiert hat und es dabei belassen.

Sie aber können sich nicht selbst in Schach halten, Sie klagen alles, was nicht in ihr Weltbild passt, weg.

Und traurigerweise sind Sie womöglich auch noch stolz darauf. So können Sie es den Kindern, den Behörden und überhaupt allen geben und zeigen. Sie Hecht Sie!

Eine weitere Frage stellt sich mir. Warum leben sie in der Stadt? Der kulturellen Vielfalt wegen? Damit Sie am Wochenende ins Museum, in ein gutes Restaurant, ins Theater und anschließend in eine Bar gehen können? Das alles befindet sich für Sie fußläufig oder zumindest nur ein paar Ubahn-Stationen entfernt.

Weil Sie dort alles auf kleinem Raum finden, was Sie brauchen? Ihren Obstspezialisten, den orthopädischen Fachhandel, den Hauptbahnhof, das Krankenhaus und den Antiquitätenhandel?

Die Vielfalt einer Stadt ist ihr Kapital, das sehen Sie genauso, wenn es um Ihre Interessen geht.

Aber Vielfalt ist eben nicht nur das was Sie mögen, sondern Vielfalt bedeutet auch Menschen die anders sind als Sie, die andere Bedürfnisse haben als Sie. Klingt komisch, ist aber so.

Die Vielfalt der alten Menschen mit Rolatoren in meinem Edeka zum Beispiel nervt mich zuweilen. Sie versperren alles, sie sind langsam, nehmen das Fachpersonal so lange in Anspruch, dass ich selbst nach Arganöl suchen muss und zählen ihr Geld an der Kasse langsam und bedächtig ab.

Aber sie gehören dazu. Wer das Eine will muss das Andere mögen. Und deshalb rege ich mich an guten Tagen nicht auf, sondern helfe den Damen und Herren, ihre Einkäufe in die Tüte zu packen. So bin ich schneller dran und die Herrschaften bedanken sich für die Hilfe.

Verrückt, wie einfach friedliche Koexistenz manchmal sein kann, nicht wahr?

Mir wäre es auch unangenehm, wenn ich feststellen müsste, dass ich mich selbst nicht kontrollieren kann und wenn mir von einem
Moment auf den anderen klar wird, dass Medaillen meist zwei Seiten haben.

Aber wissen Sie, wir vergessen das Ganze einfach. Es geht schließlich um respektvolles Miteinander. Ich muss Sie ertragen und Sie mich.

Also verliere ich kein Wort mehr darüber wenn Sie die Klage zurückziehen, sich alle paar Monate einen Fensterputzer bestellen, um die Sandverwehungen zu entfernen und im Privaten gern weiter bestimmte Menschengruppen doof finden.

Man muss nicht alle und alles mögen, aber als Teil einer Gruppe – die Bevölkerung einer Stadt, eines Dorfes usw. – muss man sich arrangieren, nicht klagen.

Genauso wie Sie im Winter eben auch eine dicke Jacke tragen, statt den Wetterbericht vor Gericht zu zerren.

Wenn sie sich partout nicht damit anfreunden können, dass die Welt anders ist als Sie sich nachts in ihrem warmen, ruhigen Bett erträumen, sehe ich nur eine einzige Lösung: kaufen Sie sich auf dem Land ein Grundstück – bitte nicht im Dorf, da gibt es auch eine Gemeinschaft, mit der Sie zurecht kommen müssten – bauen Sie darauf ein Haus und umfassen dieses mit einem Stacheldrahtzaun, einer Mauer und kontrollieren von Ihrer Schaltzentrale im Panic Room Ihr Anwesen. Seien Sie eine kleine, triste und einsame Insel.

Klingt ziemlich bekloppt?

Hm, ziehen Sie einfach die Klage zurück.