Verständnis ist keine Option

img_8393

Heute war ich mit meiner Familie in Berlin im Holocaustmahnmal.
Ich habe mich früher oft gefragt, wie Menschen dazu kommen, anderen Menschen so etwas anzutun, wie eine ganze Nation einem grausamen Sadismus verfallen kann. Die Wahl in den USA zeigt, wie viele Menschen willig sind, andere Menschen zu verachten und zu quälen. Sie genießen es, sich über anders aussehende, anders denkende, anders glaubende und anders liebende zu erheben und ihnen immer wieder zu sagen und zu zeigen, wie abartig sie sie finden und ihnen immer wieder die Gleichberechtigung abzusprechen.

Wer glaubt, dass sei ein Problem, dass sich nur auf die USA beschränkt, ist naiv. Bei uns ist das Thema genauso aktuell. Die AfD zieht fröhlich in die Landtage ein und die Antwort vieler Parteien, Politiker und Medien ist, sich diesen Menschen anzunähern, sie zu verstehen oder gar ihre Ideen und ihre Rhetorik zu übernehmen. Gern wird die politische Korrektheit gar als Ursache gesehen dafür, dass immer mehr Menschen marodierend umherziehen,
Flüchtlingskinder zum heulen bringen, Menschen mit Gewalt drohen oder gar angreifen oder Leute im Internet mit Hassparolen belästigen und bedrohen.

Aber wer das alles mal logisch durchdenkt, muss zu dem Schluss kommen, dass die politische Korrektheit nichts damit zu tun hat. Anstand und Respekt können nicht das Problem sein. Keine Diskussion wird durch Beschimpfung und Beleidigung besser. Es geht hier ausschließlich um die Freude an der Verachtung, an der Demonstranz der eigenen Überlegenheit und des Machtanspruchs. Wer sich so verhält, ist nicht intellektuell oder gesellschaftlich abgehängt worden. Wer sich so verhält, hat einfach keine gesellschaftliche Integrität. So eine Person möchte nicht abgeholt werden, so eine Person möchte ohne die Gefahr der Konsequenz anderen das Leben zur Hölle machen.

Deshalb ist die Behauptung, man dürfe ja nichts mehr sagen, so irre ironisch. Dieses Gejammer derjenigen, die ohnehin schon mehr Gehör finden als alle anderen, die Angst und Schrecken verbreiten, die andere beleidigen, möchte ich nicht mehr akzeptieren. Nur dass ich nicht falsch verstanden werde, ich habe kein Problem mit der Äußerung von Meinung. Ich kämpfe sogar gern mit dafür, dass die vermeintlich unterdrückte „Mehrheit“ weiter rassistische, sexistische und homophone Dinge sagen darf. Zensur – da sind wir uns einig – ist keine Option. Aber was ich ihnen nicht zugestehen werde, ist eine Berechtigung oder gar eine Entschuldigung. Es gibt keine rassistische Äußerung, die besser wird, wenn man ein „Ich bin kein Rassist, aber…“ davorsetzt. Es gibt keinen Grund andere Menschen wegen Hautfarbe, Geschlecht, Religion oder Sexualität zu degradieren. Menschlichkeit und Humanismus können nicht relativiert werden.

Das kann man anders sehen, aber dann muss man sich eben auch fragen lassen, welche niederen Instinkte dahinter stehen. Nach der Wahl von Trump halte ich fast alles für möglich. Aus diesem Grunde ist es wichtiger denn je, Dinge zu benennen, statt sie zu entschuldigen.