Re:publica 2012: Tag 2

Über die URL meines alten Blogs bei blogg.de, die ich einer Arbeitskollegin vor langer Zeit auf einen Bierdeckel geschrieben habe, kamen die Kollegin und ich wieder in Kontakt. Und so saßen wir am zweiten Tag der Re:publica nach unserer Session zusammen Kaffee trinkend auf dem Affenfelsen.

Fast 8 Jahre nach dem Bierdeckel hat sie einen webbasierten Job und ich blogge immernoch.

Da konnte ich auch verzeihen, dass der niedliche Mitarbeiter der Bar vor Stage 1 auch mit ihr flirtete.

Apropos Freunde und Kollegen: Wäre um 15 Uhr in Stage 2 bei der Podiumsdiskussion ‘Foodblogs – Verfall oder Rettung der Esskultur?’ eine Bombe hochgegangen, wäre nicht nur ich tot gewesen, sondern auch ein Großteil der Menschen, die ich durch das Bloggen, kennen und mögen gelernt habe. Laut Foursquare waren jedenfalls alle da.

Auch wenn die Foodblog-Szene eine – für mich recht unbekannte – sehr eigene Blog-Subkultur ist, war ich sehr angetan von der Idee und schließlich auch von der Umsetzung.

Sebastian Dickhaut kenne ich noch preweb durch die Basic Kochbüchern. Vor allem Basic baking gehört zu den Kochbüchern die ich wirklich regelmäßig nutze und ca. 1/3 der Rezepte gebacken habe. (In meiner Welt ist das viel.)

Stevan Paul und Inés Gutiérrez aka Kaltmamsell schätze ich schon lange. Sehr. Nicole Stich hätte ich gern nach der Session gesagt, wie gern ich sie (leider meist nur auf Twitter) lese. Und Vijay Sapres Magazin Effile ist selbst mir, die vom Mann bekocht wird, bekannt.

Kurz: eine sehr unterhaltsame Talkrunde in der Vijay Sapre Béchamel und Leistungsschutz zu einer verbalen Mayonnaise verband.

Auch hier verließ ich den Saal wieder etwas früher – und kam mir wie immer sehr unhöflich vor – aber ich hatte noch eine Verabredung mit ein paar Instagrammern. Was wir da gemacht haben kann man unter #rp360 visuell anschauen. Wir haben uns am genannten Treffpunkt eingefunden, alle im Kreis aufgestellt und ein Foto vom Gegenüber gemacht. Danach sind wieder alle ihrer Wege gegangen. Etwas surreal aber auch irgendwie schön.

Dank der Kürze des Instagrammertreffens schaffte ich es dann noch zu Blogger im Gespräch. Die Batterie meines Handys war alle und erneut merkte ich, wie glücklich ich in einem Umfeld mit genügend Steckdosen bin. Ich nahm also meinen roten Plastikstuhl, suchte mir eine Mehrfachsteckdose, setzte mich rechts in die Ecke und ließ mein Handy laden, während ich ganz verzückt von den Gästen dem Gespräch folgte.

Ersteinmal muss ich ix Recht geben, dass Philip Banse großartig moderiert hat. Ferner hatte er mit Debora Weber-Wulf (Vroniplag), Frank Westfal (Rivva) und Matthias Bauer (wir-sind-einzelfall) sehr illustre Gäste.

Von Raul Krauthausen (wheelmap.org und raul.de), der mich vor Begeisterung fast meine Pompons rausholen ließ, mal ganz abgesehen. Soviel Witz, Charisma und Klugheit finden sich selten in einer Person vereint. Über “Wir haben ein neues Wording: Rollstuhlfahrer und Noch-Nicht-Rollstuhlfahrer” muss ich immernoch laut lachen.

Dann eine lange Pause im Hof inklusive einer Situation, in der ich kurzzeitig wünschte, dass sich die Boden auftut und ich ins warme Erdinnere springen kann. Jedenfalls fällt es mir offenbar ab und an schwer, die analoge und virtuelle Welt in korrekter Form übereinander zu legen. Immerhin brauche ich manchmal nur 5 Minuten, um mich dann doch zu erinnern.

Zum Abschluss des Abends wählte ich den Poetry Spam mit Sue Reindke, Inés Gutiérrez, Carolin Buchheim und Maike Hank.

Ich muss zugeben, dass ich sehr skeptisch war, aber es war großartig und unglaublich witzig und Dank des großartigen Lachens von Christiane Link habe ich auch keine einzige Pointe verpasst, obwohl ich nebenher kurz am Handy daddeln musste. Und ich schwöre, die gottesfürchtigen Kinder werden uns noch lange begleiten.

Ausgeklungen ist der Abend dann mit einem Haufen internetsüchtiger Frauen in im Kimchi Princess. Wer es bevorzugt, beim Essen vor allem die Nuance “scharf” zu spühren ist dort richtig abgegeben, wer auch andere Geschmäcker in seinem Essen wünscht, sollte woanders hingehen. Ich mochte allerdings das Gefühl, mich wie ein feuerspeiender Drachen zu fühlen.

Damit war für mich die Re:publica 2012 leider zu Ende. Zu gern hätte ich noch Felix Schwenzels Vortrag soylent green, äh, the internet is people! und den Regierungssprecher gesehen. Aber egal, ich zähle auf die Re:publica 2013.

Und überhaupt, war ich sehr beeindruckt von dem, was die Macher der Re:publica da (mal wieder) mit guter Organisation, Professionalität und viel Begeisterung für das Thema, auf die Beine gestellt haben:

Ein interessantes Programm, eine tolle Atmosphäre, eine ziemlich gute Organisation, wohlschmeckendes und einigermaßen bezahlbares Catering (NIEMAND HAT MIR GESAGT, DASS ES SEHR WOHL GUTEN KAFFEE GIBT!), viele freundliche und hilfsbereite Mitarbeiter und Volunteers oder wie wir im Rheinland sagen:

Journelle
@journelle
Die Re:publica ist irgendwie auch der Kölner Karneval der Blogosphäre. Ich kann das sagen, ich kenne jetzt beides. #rp12

Das digitale Artikelbuch: QUOTE.fm

Über Ostern kramte ich im Haus meiner Eltern in meinem alte Sachen.

Ich fand Tagebücher und Kalender in denen ich Partys mit einem Piktogramm dekorierte, bei dem sich eine Frau das T-Shirt hochzieht:

Außerdem Zeugnisse meiner frühen Schuhliebe:

Sowie die Timeline eines Beziehungsendes:

Ferner Fotos, die beweisen, dass ich mich schon zu einer Zeit fett fand, in der es wahrlich ein Wahrnehmungsproblem gewesen sein muss:

Schon damals hätte ich offenbar viel Spaß mit Blog, Twitter und Instagram gehabt.

Dann fand ich noch dieses Buch:

Darin sammelte ich Zeitungsausschnitte (unten rechts Angela Merkel als Familienministerin):

Einfach weil ich sie aus irgendeinem Grund lustig, wichtig, schön, anregend, schockierend oder klug fand:

Ich habe damals analoge Bookmarks gesetzt und offenbar immer schon gern Schrägstriche benutzt.

Die Skeptiker der neuen Medien werden jetzt wieder rufen:

‘Schau wie schön, etwas für die Ewigkeit, so haptisch, so echt. Ein Beweis, das man den digitalen Schnick-Schnack gar nicht braucht.’

Mitnichten!

möchte ich hier antworten. Denn so niedlich dieses Buch ist, es gab keine Interaktion.

Die Autoren/Zeichner/Fotografen der Artikel/Zeichnungen/Fotos, die ich mit einer Schere ausschnitt und mit Pritt-Stift in mein Buch klebte, haben nie erfahren, dass mich für ihre Arbeit begeisterte.

Niemand kann mir weiß machen, dass es selbst dem berühmtesten Profi egal ist, wie jemand über seine Arbeit/sein Werk denkt, schon gar wenn es positives Feedback ist.

Ich jedenfalls verfolge jeden Tweet/Facebookeintrag/google+ Hinweis etc. zu meinen Texten und nehme die verlinkenden Menschen abends in mein Gebet.

Und ich mag es sehr, andere Leute auf etwas Gutes aufmerksam zu machen oder mit ihnen zu teilen, was mich gerade bewegt. Und weil ich wissen möchte, was andere Leute beschäftigt, lese ich täglich meine Informations- und Linkshubs.

Ich hätte vielleicht einen Bookmark-Buch-Austausch mit meinen Freundinnen initiieren können aber ich bezweifle, ob die Umsetzung mit einem Hinweis im Blog, auf Twitter oder Facebook zu vergleichen gewesen wäre.

Am meisten Ähnlichkeit mit meinem Buch hat allerdings mein aktueller Crush: QUOTE.fm

Über zwei Wege entdeckte ich QUOTE.fm.

Maximilian Buddenbohm erwähnte es auf Facebook, wobei der Hinweis, dass dort nur Texte zu finden sind, meine Neugier nur mäßig weckte und ich nicht einmal den Namen behielt.

Dann sah ich in meinen Statistiken, dass über QUOTE.fm Links eingingen und ich dachte mehrere Tage lang, dass es sich um einen Feedreader handeln müsse.

Irgendwann klickte ich dann doch auf den Link und fand Zitate meiner Texte in blauer Umgebung. Ich klickte weiter, meldete mich an und war hingerissen.

Naja, ich war hingerissen, nachdem mein Bruder mir den Bookmarklink (Bookmarklet) korrekt in den Browser gesetzt hatte.

Fragen Sie nicht, aber die Handhabung ist echt nicht einfach und verbesserungsfähig wäre auch die Nutzung von QUOTE.fm auf Smartphones oder iPads. Bisher kann ich mobil nicht selbst zitieren, sondern nur die ‘Recite-Funktion’ nutzen.

Aber erstmal zu den Basics. Wenn man bei QUOTE.fm angemeldet ist, kann man vor allem zwei großartige Dinge tun:

A) Man verlinkt einen Text, den man empfehlen möchte, indem man eine prägnante Textstelle zitiert oder einen auf QUOTE.fm bereits zitierten Text recited also erneut zitiert.

B) Man liest Texte, die andere QUOTE.fm Nutzer verlinkt haben. Durch das Zitat bekommt man meist einen derart guten Eindruck vom Text, dass man in den seltensten Fällen einen schlechten Text hinter einem guten Zitat erwischt.

Begeistert bin ich auch von der Vielfalt. Ich schmore ja seit Jahren im gleichen Saft, mein Feedreader ist überschaubar gefüllt, bei Twitter folge ich auch den üblichen Verdächtigen. Ab und an kommt frisches Blut rein aber eigentlich geht es bei mir zu, wie beim europäischen Hochadel und wirklich gut ist das nicht.

Natürlich trifft man auch bei QUOTE.fm viele alte Bekannte aber eben auch viele neue Gesichter, die dann Texte aus Blogs quoten von denen ich noch nie gehört habe oder die ich nicht (mehr) beachte, weil mich ein Eintrag mal negativ voreingenommen gestimmt hat.

Und die internationale Komponente, die ich schon im Rahmen meiner Instagram-Euphorie so begeisternd fand, finde ich auch bei QUOTE.fm spannend.

Es werden viele englische Texte zitiert, Chinesisch und Französisch habe ich auch gesehen.

Leider merkt man zuweilen, dass es derzeit noch eine recht überschaubare Gruppe von Zitierern/Nutzern gibt.

Man hat den Eindruck einer kleinen verschworenen Gemeinschaft. Das ist knuffig aber das ist ja nicht Sinn der Sache. Hier zählt ja eindeutig, dass mehr Nutzer mehr Lesemöglichkeiten also mehr Nutzwert generieren.

Gerade weil auch die Plattform auf viele Nutzer angelegt ist. So kann man nach Themen sortieren (Arts, Culture, Economy, Education, Entertainment, Science, Sports, Technology, Work) oder nach Sprachen (bisher Englisch und Deutsch). Es gibt sogar für jeden Themenbereich Kuratoren (curator), die man wählen kann, noch hat sich mit die Sinnhaftigkeit allerdings nicht erschlossen.

Aufgrund des relativ geringen Zitat-Aufkommens suche ich derzeit auch vor allem unter ‘discover‘ nach Texten.

Wenn ich sicher gehen will, dass ich die aktuellsten Themen der Blogosphäre mitbekomme, sortiere ich mir alle quotes ‘by popularity‘. Bisher wurde jeder wichtige Text auch bei QUOTE.fm nach oben gespült.

Ich finde übrigens, dass der Algorithmus von ‘by popularitiy’ sehr geil programmiert ist, kein Text bleibt zu lange oben, es findet ziemlich viel Austausch statt, optimal also für Leute, die jeden Tag mal kurz reinschauen.

Wirklich Entdecken kann man am besten unter quotes ‘by time‘.

Es gibt auch noch die Möglichkeit nur die Empfehlungen derjeningen zu lesen, denen man folgt, aber aus dem oben genannten Grund findet man diese Zitate derzeit auch immer schnell unter ‘discover’.

Die Suchfunktion steht in Mittelmäßigkeit der von Twitter und Facebook in nichts nach, aber offenbar behindert das nicht den Erfolg einer guten Plattform.

Die Kommentarfunktion, die man unter ein Zitat oder Wiederzitat setzen kann, habe ich bisher wenig genutzt. Ich bin der Meinung, Kommentare sollte man direkt unter den eigentlichen Text setzten aber vielleicht bin ich auch ein Kommentarspießer. Offenbar bin ich nicht die Einzige, denn bisher wird auf QUOTE.fm (noch) wenig kommentiert oder diskutiert.

Wäre ich also 15 Jahre später geboren, gäbe es kein Artikelbuch, sondern nur ein QUOTE.fm Account. Ich hätte das Buch später nicht meinen Kindern zeigen können, aber der Prozess des Sammelns, Teilens und Entdeckens wäre spannender gewesen. Und niemand würde heute wissen, was für eine schreckliche Handschrift ich hatte.

Aber eigentlich ist das auch egal, denn schon jetzt gilt: wenn meine Kinder später wissen möchten, was mich seit ca. 2004 interessiert hat, müssen sie mein Blog oder meine diversen Accounts durchforsten oder sich reinhacken. Vielleicht werden sie so digitale Archäologen und gründen einen neuen Berufsstand.

Oder wir setzten uns Ostern einfach zusammen und unterhalten uns.

Update 16.6.12: Reeder hat Quote.fm integriert. Das habe ich zum Anlass genommen endlich zu Reeder zu wechseln. Reeder ist super und das Zitieren/Teilen von Texten über Quote.fm klappt einwandfrei.

Nichts mit Medien oder ich bin ein digitaler Dilettant

Beruflich mache ich nichts mit Medien, nicht einmal mit den neuen. Im Gegenteil, ich möchte nicht einmal was mit Medien oder mit Literatur oder Kunst machen. Also jedenfalls nicht beruflich.

Neulich las ich in einem Interview mit Elisabeth Ruge und Michael Krüger in der FAS über die Zukunft der Buchbranche folgenden Absatz:

Krüger: Vor vierzig Jahren, als ich anfing, war das vollkommen anders. Da gab es zwei Handvoll Leute, die vom Schreiben gelebt haben. Heute sorgen die Lesereisen, die Preis- und Stipendienstruktur dafür, dass viele seriöse Autoren einigermaßen überleben können.

(via Buddenbohm & Söhne)

Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Ich könnte, wenn überhaupt, auch nur einigermaßen überleben (egal ob als Journalistin oder Autorin). Ich bin einfach keine Journalistin, Autorin oder Schriftstellerin.

(Mir ist durchaus bewusst, dass es einen Unterschied zwischen Künstlern, Autoren, Journalisten oder Werbern gibt, aber wenn ich mir aber die Schanzenviertel-Bevölkerung anschaue, dann ist der Unterschied eher marginal. Also nehme ich mir für diesen Text heraus, ihn zu ignorieren.)

Während man im Berufsleben außerhalb der Medien- oder Kunstwelt einfach nur einen guten Job machen muss, um Geld und Annerkennung zu bekommen, reicht das im Medien- oder Kunstbereich nicht. Ich habe den Eindruck dort gibt es nur Top oder Praktikant.

Wobei die Menschen oben, dann auch eine unglaubliche Huldigung erfahren. Dafür muss man sich nur mal die Gala anschauen und sich bewusst machen, dass die Leute, deren Outfits und Liebesbeziehungen besprochen werden, vor allem die Fähgikeit haben, Texte aufzusagen.

Der Beruf des Schauspielers zum Beispiel ist toll und auch nicht einfach, ich weiß das, ich habe mal bei Barbara Salesch mitgemacht und war sicherlich nur bedingt überzeugend. Ich bin aber nicht minder beeindruckt von einem Menschen, der die Tricks und Kniffe des deutschen Steuersystems kennt und anderen Menschen dadurch viel Geld spart (Steuerberater).

Natürlich kann ich verstehen, dass man große Lust auf das unglaubliche Maß an Anerkennung und Bewunderung haben kann und deshalb diesen Job wählt, aber anscheinend hat meine Buchhalterseele ausgerechnet, dass meine Chancen auf postiven Erfolg so groß sind, wie bei einer albanischen Bande das Kügelchen unter dem Hütchen zu finden.

Meine Buchhalterseele hat in die Analyse meiner Erfolgschancen sicherlich auch den Faktor einbezogen, dass ich wahnsinnig langsam schreibe. Für einen Blogtext dieser Länge brauche ich 2-3 Stunden und dabei übersehe ich auch noch einen Großteil der Flüchtigkeitsfehler.

Ich würde also wahrscheinlich irgendwann verhungert und stinkend am Schreibtisch vom Hausmeister entdeckt werden. Das ist dann auch wenig galaesk.

Außerdem mag ich meine Arbeit. Ich kann einfach Dinge gut, die braucht man nicht fürs Schreiben. Ich möchte aber das Organisieren, das schnelle Finden von Lösungen, die Hektik, das Ausrechnen von Quoten, das Strukturieren von Arbeitsabläufen usw. nicht missen.

Meine Arbeit ist ein wenig wie verreisen. Eine Reise in ein Land das zuweilen etwas anstrengend ist, aber irgendwie auch sehr exotisch und inspirierend. Nur der Kaffee dort ist scheußlich.

Und dann habe ich einfach keine Lust, mir vorschreiben zu lassen, was, wie und wann ich schreiben soll.

Während des Studiums nahm ich an einer surrealen Exkursion nach Brasilien teil. Dort hatte ich den Eindruck dass ich zu den wenigen geistig gesunden Teilnehmern zählte. Dennoch – oder vielleicht deshalb – sprach mein Professor mehrer Tage lang nicht mit mir, weil er mit der Art meines Vortags nicht zufrieden war.

Ich hatte einen Indianertanz mit den Worten kommentiert: “Die Jungs laufen in die Mitte des Platzes, um dort rumzutanzen.” Das war dem Professor wohl zu flapsig.

Ich weiß, dass es Situationen gibt, in denen Flapsigkeit unangemessen ist, zum Beispiel wenn man mit dem Finanzamt kommuniziert aber ich schreibe (und erzähle) weil es mir Spaß macht. Sozusagen aus einem Bedürfnis heraus. Entsprechend werde ich sehr ungehalten und unglücklich wenn man mir vorschreiben will, wie ich schreiben oder erzählen soll.

Ich kann nur meinen Stil und somit tue ich mir und den Chefredakteuren und Verlagshäusern der Welt einen Gefallen, wenn ich einfach fern bleibe.

Glücklicherweise bin ich Ende des 20. Jahrunderts geboren. Das bedeutet nicht nur, dass ich – Dank moderner Medizin – mit 12 Jahren einen Blinddarmdurchburch überlebt habe, als Frau wählen gehen darf, für meinen Atheismus nicht verbrannt werde und geheiratet wurde, obwohl ich vorehelichen Verkehr hatte, sondern auch, dass ich die Möglichkeiten des Internets nutzen kann.

Und das tue ich. Als digitaler Dilettant mit diversen künstlerischen Interessen. Ich schreibe Texte für mein Blog, teile meine Fotos auf Instagram, versuche in 140 Zeilen unterhaltsam zu sein, kommentiere Videos in denen Menschen komische Songs singen und erzähle auf Facebook, was meine Kinder gerade so machen.

Das macht mir vor allem Spaß, denn ich kann machen was ich will. Es gibt keine ökonomische Notwendigkeit und kein kontrollierendes Organ. Und ich bekomme zuweilen auch noch Anerkennung dafür. Es gibt Leute, die sich die Zeit nehmen das zu lesen was ich schreibe und es zum Teil sogar kommentieren oder weitere Leute darauf hinweisen.

Vor 40 Jahren wäre ich ziemlich frustriert gewesen, weil ich meinen Spaß am Schreiben höchstens in Briefen hätte ausleben können. Und weil ich keine seriöse Autorin bin, hätte ich vor 20 Jahren nicht einmal die Preis- und Stipendienstruktur nutzen können. Wobei ich nichts gegen ein Jahr in der Villa Massimo hätte, vor allem des italienischen Kaffees wegen.

Heute schreibe ich ins Internet, meine Einnahmen sind Zufriedenheit und die Währung ist Anerkennung.
Works for me.

Spielstagram oder Sammeln wie Pac-Man

Neulich unterhielt ich mich mit meinem Mann über Frauen, die sich “rar” machen. Frauen also die Männer erst reizen, um dann allein nach Hause zu gehen.

Diese Psychologie hat sich mir nie erschlossen. Entweder reize ich erst gar nicht und wenn doch dann bin ich wie Pac-Man, ich sacke alles ein was ich kriegen kann, bis die Gespenster kommen.

Ähnlich verhält es sich bei mir in fast allen anderen Lebensbereichen auch. Daher bin ich auch anfällig für alle möglichen Spielereien. Vor einigen Monaten hatte ich beispielsweise eine Formspring-Phase.

Irgendwann aber lagen mehr als 200 Fragen in meiner Inbox und 99% der Fragen mochte ich nicht beantworten und die, die ich gern beantwortet hätte, habe ich nicht mehr gefunden.

Mein Account habe ich dann auf “privat” gesetzt, einfach weil ich das Gefühl hatte, noch mehr als beim Bloggen, von mir und meinem alltäglichen Leben erzählt zu haben. In diesem Fall mache ich die Tür einfach lieber selbst auf.

Nichtsdesto trotz war Formspring einer der Initialzünder, um wieder mit dem Bloggen anzufangen. Lange hatte ich außer Emails nichts mehr geschrieben und so entdeckte ich den Spaß am Schreiben wieder neu.

Ein weiterer Auslöser dafür, dass ich das Bloggen wieder aufgegriffen habe, war die Nuf. Schließlich habe ich 1/3 weniger Kinder als sie. Damit ist meine Ausrede, “ich-bin-berufstätige-Mutter-und-habe-keine-Zeit-zum-Bloggen” nicht mehr wirklich aufrecht zu halten. Aber das ist ja eigentlich eine ganz andere Geschichte.

Formspring ist für mich also tot, mein Blog lebt wie ein alter Mann mit Diabetes vor sich hin und Dank meines iPhones und diplix bin ich nun leicht Instagram-süchtig.

Bevor ich hier gleich euphorisch werde, ich kenne die Nachteile von Instagram. Es ist etwas absurd, dass es keine ordentliche webapp von Instagram gibt und natürlich macht ein bischen Filtern hier und ein wenig Bluren da noch keinen Fotografen.

Aber es ist eine schöne, vergnügliche App und sie erinnert mich an ein Journal, das mir 1993 geschenkt wurde.

Ich war damals Austauschschülerin irgendwo in den Untiefen der amerikanischen Südstaaten. Ich lebte in einem kleinen Ort an dem die Eröffnung eines Tacobells gefeiert wurde wie die Einfahrt der Queen Mary in Hamburg. Die wichtigste kulturelle Veranstaltung war der wöchentliche Kirchenbesuch.

An einem Samstag nahm der Deutschleher der Schule zwei andere deutschsprachige Studenten und mich mit nach Memphis. Dort besuchten wir ein Theaterstück, an das ich mich nicht einmal mehr ansatzweise erinnern kann. Dafür gingen wir nachher lecker essen, selbstverständlich kann ich mich daran erinnern. Zuvor betraten wir einen Buch- und Zeitschriftenladen.

Als wäre ich mehrere Wochen mit wenige Wasser durch die Wüste gelaufen, genoss ich den Anblick der Bücher, Bildbänder, Zeitschriften und Journale.

Ganz besonders angetan war ich von vom “Photography Annual” der “Communication Arts”. Ich hatte keine Ahnung was genau ich da in der Hand hielt aber ich mochte die Fotos. 14$ waren für mich damals allerdings ein Vermögen und so stellte ich es wieder zurück.

Mein Lehrer, ein kaulquappenartiges Wesen, das noch bei seiner Mutter lebte, perfekt Deutsch sprach aber noch nie nach Deutschland gereist war, nahm das Heft, ging an die Kasse und drückte es mir dann freundlich in die Hand.

Den Rest des Jahres betrachtete ich immer wieder die Fotos, genoss die Farben, die Aufnahmewinkel, die verschiedenen fotografierten Orte, Menschen, Tiere. Dass es sich hier um Fotos handelte, die für Werbung genutzt wurden, war mir egal. Wenn sie gut sind, kann ich auch Werbebilder genießen, ganz besonders wenn der Blick sonst nur auf Tacobell fällt.

Noch heute kenne ich jede Seite des Buches, wie eine Playlist, die man immer wieder gehört hat.

Instagram erinnert mich sehr an dieses Buch. Man findet dort vielleicht keine große Kunst aber schöne Bilder von verschiedenen Orten, Menschen, Tieren, Lebensmitteln und Stränden aus interessanten Blickwinkeln in – Dank der Filter – teils absurden Farben.

Ich genieße es morgens in der Bahn Bilder anzugucken und “gefällt mir” zu klicken. Anders als bei Twitter oder Formspring folge ich mehr Leuten als mir gefolgt wird, ich bin geradezu wahllos. Wenn mir mehr als zwei Fotos eines Users gefallen, klicke ich “folgen”. Außerdem folge ich viel internationaler.

Ich lese wenige ausländische Blogs oder folge englischen Twitter-Accounts. Ich bin froh, wenn ich meinen, ohnhin viel zu wenig gefüllten Feedreader – mit hauptsächlich deutschen Bloggern – ausgelesen bekomme.

Aber bei Bildern verhält es sich bei mir anders. Ich habe erst einmal nach den Tags von Orten, die ich sehr gern mag, gesucht und habe gefühlt 20 Italiener, 10 Brasilianer und 5 Amerikaner meinem Instagram-Feed hinzugefügt.

Dabei fand ich unter #Brazil zufällig eine Kirche in Gramado, ein Ort den kaum jemand kennt und den ich im Rahmen einer Exkursion mit einem Klaus-Kinski-artigen Professor mal besucht habe.

Bei Instagram lösen die Bilder bei mir ständig Erinnerungen an Geschichten, Orte, Menschen aus. Flickr könnte das sicherlich auch, aber die Handhabung ist viel schwerer. Der Feed und die News bei Instagram sind einfach deutlich effizienter und brauchbarer.

Wie Pac-Man sammle ich momentan also Bilder bei Instagram ein. Mal sehen, wie lange es dauert bis das Gespennst mich holt und ich im nächsten Level was Neues sammle.

Random fun fact, die Katze der Instagrammer ist übrigens der Cappuccino mit Latte-Art.

Journelle bei Instagram.