Dig deeper

Die schnödeste Form der Kulturkritik ist der Kulturpessimismus.

Letzte Woche stieß ich zunächst auf einen Film über The Japanese Love Industry und wurde dann durch einen Kommentar auf meinem Blog auf Why have young people in Japan stopped having sex? aufmerksam gemacht.

Beides kann ich sehr empfehlen.
Den Film sollte man allerdings nicht beim Essen gucken.

Obwohl ich Film und Text gleichermaßen spannend wie verstörend fand, bliebt bei mir ein schaler Nachgeschmack.

Nicht weil das dargestellte Verhalten der Japaner so schlimm fand, sondern weil ich mich schwer tat mit den dargebotenen Erklärungsansätzen.

Die Ausgangssituation ist die, dass immer weniger japanische Frauen und Männer zwischen 20 und 35 eine Beziehung oder gar Kinder wollen. Sie konzentrieren sich auf ihre Karriere, Konsum, digitale Kommunikation und Spiele, persönliches Vergnügen und scheinen keine Bedürfnisse nach (körperlicher) Nähe oder Sex zu haben. Wenn doch, befriedigen sie diese mithilfe anscheinend absurder Dienstleistungen. Es drängt sich der Eindruck auf, Japaner hätten alles Emotionale an neutrale Außenstehende ausgelagert wären gefühsgestörte Individuen.

Ein genannter Grund für die Beziehungs- und Familienverweigerung vieler Japaner sind die rigiden Gesellschaftsnormen, die stark patriarchalisch und ökonomisch geprägt sind.

Kurz: Frauen begeben sich mit der Hochzeit und mit Kindern in eine Art gesellschaftliches Grab. Karriere bzw. überhaupt arbeiten ist nicht mehr möglich, sie sind wirtschaftlich abhängig vom Mann und womöglich amüsiert der Gatte sich noch besser mit der Mätresse als mit ihnen.

Von den Männer indessen wird erwartet, dass sie sich für ihre Arbeit aufgeben, von der sie ökonomisch abhängig sind, weil Frau, Kind und Mätresse finanziert werden müssen.

Letztlich ist dieses Leben für Frauen wie Männer eine vorgegaukelte Tombola, bei der es für den Preis der Selbstaufgabe nur Nieten zu gewinnen gibt.

Hier bin ich mit der Analyse d’accord. In dem Moment, indem Menschen einen Ausweg aus dem Grab und der Enge des Lebens sehen, wählen viele genau diesen, auch wenn er nicht sehr verlockend wirkt.

In Mondsüchtig gibt es eine schöne Szene in der Loretta Castorini (Cher) „entlarvt“ dass Ronny Cammareri (Nicolas Cage) seine Hand in der Schneidemaschine verlor, um so einer ungewollten Verlobung und geplanten Ehe zu entfliehen.

Offensichtlich sind junge Japaner bereit, für ihre persönliche Freiheit andere essentielle Dinge aufzugeben. Ich finde das sehr beeindruckend und es stört mich, wenn ich den Eindruck habe, dass der Subtext das Verhalten eher negativ bewertet. So als handelte es sich um verrohte Menschen, die nur Spaß wollen, denen Beziehungspflege zu aufwändig ist und die sich von allem „Natürlichen“ entfernt haben.

Überhaupt dieses „natürliche“ Verhalten von dem man in letzter Zeit immer wieder hört. Auch wenn ich ein große Fan evolutionären Ansätzen wie die von Renz-Polster oder Christopher Ryan und Cacilda Jethá bin, so sehe ich auch hier ein unglaubliches Potential Bullshit-Ideologie als Wahrheit „natürliches“ menschliches Verhalten zu verkaufen.

Kaum eine Errungenschaft der letzten Jahrzehnte bietet eine so schöne Projektionsfläche für das Ende des „Natürlichen“ wie alles rund ums Digitale. Entsprechend muss die digitale Kultur sowohl im Film als auch im Text als (eine) Erklärung herhalten.

Wer lieber seit zwei Jahren in einem Computerspiele einen Süßigkeitenladen führt und mit seinen Freunden mehr über digitale Plattformen als im Café kommuniziert, den ödet natürlich Beziehung und Sex an, wird argumentiert.

Durch langjähriges Experimentieren mit mir selbst bewerte ich das anders. Die digitale Welt bietet einfach irre viel aber verringert ganz sicher nicht die Libido.

Vor einigen Jahre sah ich Rhythm Is It!. In dem Dokumentarfilm wird gezeigt, wie Royston Maldoom mit Jugendlichen aus Berliner Problemvierteln Igor Stravinskys Ballett Le sacre du printemps einstudiert, das dann zusammen mit den Berliner Philharmonikern aufgeführt wird.

Eine Schlüsselszene der Doku war für mich als die Lehrerin einer Schule den Filmern erklärte, wie toll sie das Projekt fände und wie froh sie sei, dass ihre Schüler daran partizipieren können. Allerdings hätte sie den Eindruck, dass von den Schülern zu viel abverlangt würde. Danach ein Schnitt und eine Schülerin wurde interviewt.

„Ich bin so froh, dass er uns so fordert und ich mich endlich beweisen kann.“

Wenn jemand also in einem Online-Spiel einen Süßigkeitenladen führt oder eine eigene digitale Identität aufbaut, könnte es vielleicht sein, dass dort die Möglichkeiten der Eigenständigkeit und Entwicklung größer sind, als im engen Lern- und Arbeitsumfeld der so gepriesenen analogen Realität?

Wenn ein digitaler Süßigkeitenladen so anziehend wirkt, dann sagt das vor allem viel Trauriges über die Entfaltungsmöglichkeiten in der analogen Welt aus.

Aber es gibt noch einen Trumpf: das Sex-Argument. Fast jeder findet Sex gut oder hätte gern Sex, der gut ist. Wenn Menschen im gebärfähigen Alter den Sex verweigert, dann muss das Ende wirklich nah sein.

Ich habe mich allerdings vor allem gefragt: welche Motivation haben die Gefragten die Wahrheit zu sagen und was würde ich erzählen?

Angenommen, das japanische Fernsehen käme zu mir und würde mich nach meinem Liebesleben fragen. Meine Antworten wären, wenn überhaupt, angelehnt an die Wahrheit. Über Sex zu sprechen fällt den meisten Menschen ohnehin schon schwer, ungleich potenziert ist diese Sprachlosigkeit wenn man öffentlich darüber spricht.

Wenn es in einer Gesellschaft verpönt ist, dass Frauen ungebunden mit (womöglich verschiedenen) Männern Sex haben, dann werden sie es ganz sicher nicht in einer Kamera posaunen oder einer Autorin in das Notizbuch diktieren. Und über Masturbation (ja, das ist auch Sexualität) wird selbst in Deutschland nicht mit Freundinnen und Freunden gesprochen. Ich gehe davon aus, dass Japaner ihre Masturbationsfrequenz und Fantasien auch nicht ins Mikrofon hauchen.

Und natürlich darf die Transferleistung bei solchen Filmen nicht fehlen. Denn die eigentliche Dramatik ist nicht, dass die gebärfähigen Japaner Partnerschaft, Kinder und Sex verweigern, sondern dass es bei uns bald auch soweit sein könnte.

Panik, Endzeitstimmung, Paranoia und Kulturpessimismus. Wir wollen doch alle nicht so komisch sein wie Japaner. Wir essen doch ganz natürlich und steinzeitlich roh-vegan (wobei Sushi da ja auch ganz vorn ist) wir wollen nicht ohne Liebe und Beziehung sein. Wir sind die besseren Menschen.

Und spätestens da fängt bei mir der schale Beigeschmack an. Die Leute sind nicht komisch, die Gesellschaft ist es und die einzelnen Personen versuchen nur eine Nische in der Enge zu finden, um sich wenigstens ein wenig entfalten zu können. Die Kreativität und die Opferbereitschaft, die sie dabei an den Tag legen, finde ich eher beeindruckend.

Einzelne Personen vorzuführen und sie als Negativ-Beispiel für unsere eigene Zukunft darzustellen, gefällt mir nicht, auch wenn es sicherlich nicht so von den Autoren gemeint war.

Insofern hätte ich gern mehr von Aussagen wie dieser gehabt:

She berates the government for „making it hard for single people to live however they want“ and for „whipping up fear about the falling birth rate“. Whipping up fear in people, she says, doesn’t help anyone. And that’s from a woman who knows a bit about whipping.

Da liegt sowohl in Japan als auch bei uns das eigentliche Problem.