Gesprächsnebelbomben

Während meines Studiums habe ich für Referate immer besonders schöne und besonders hohe Schuhe ausgewählt.

Mit 10cm Absatz bin ich 1,83m und Dank meiner ohnehin sehr massiven Erscheinung wirke ich sehr einschüchternd.

Genau das war meine Intention. Durch mein Auftreten habe ich im Vorfeld versucht, meine Kommilitonen und Professoren abzuschrecken. Ich wollte Autorität und Dominanz ausstrahlen und mich gleichzeitig attraktiv fühlen. Mein Ziel war es, unmissverständlich klar zu machen, dass es sich um mein Referat und um meine Show handelt.

Natürlich war ich nicht immer zufrieden aber mein Plan ging in der Regel auf. Meine Referate wurden selten unterbrochen und die Diskussionen im Anschluss wurden sachlich und respektvoll geführt.

Ich wollte schon lange einen Text darüber schreiben, dass High Heels und auffallend weibliche Kleidung für mich persönlich „Werkzeuge“ sind, die ich bewusst und gern nutze, um mich stärker und selbstbewusster zu fühlen bzw. bestimmte Punkte meiner Ausstrahlung zu unterstreichen (bzw. andere zu verdecken).

Als ich neulich ein Interview mit Dita Von Teese sah, erinnerte ich mich wieder an mein Vorhaben.

Sie wird im Interview mehrfach und in verschiedenen Varianten gefragt, ob ihre Arbeit und ihr Auftreten nicht anti-feministisch seien.

Dita Von Teeses Reaktionen auf die unendliche Fragen vorbei am Wesentlichen des Feminismus sind klug und deutlich.

a) Niemand sollte einer Frau sagen, wie sie auszusehen hat, um sich im eigenen Körper wohl zu fühlen, b) sie sieht ihre Arbeit und die von ihr geschaffene Persönlichkeit als Kunst und c) das Bedürfnis (in sexueller Hinsicht) zuweilen objektifiziert werden zu wollen, ist legitim und kein Widerspruch zum Feminismus.

Hätte ich die Gelegenheit Dita Von Teese zu interviewen, ich würde es tatsächlich wagen, ihr Fragen in Hinblick auf ihr Werk, ihre Kunstphilosophie, ihre Inspirationen und ihre zukünftigen Pläne als Künstlerin und Unternehmerin zu stellen.

Stellen wir uns vor, Robbie Williams wäre interviewt worden. Ein Mann der ebenfalls seinen Status als Sexsymbol in seiner künstlerischen Arbeit aufgreift. Ein Mensch, der in der Tat kein einfaches Verhältnis mit der Regenbogenpresse hat/hatte. Aber in einem Interview mit the guardian würde er ganz sicher nicht gefragt werden, ob sein Outfit nicht zu maskulin sei, ob er überhaupt Kunst mache, und nicht „nur“ halbnackt und aufreizend auf der Bühne steht, um sich so zu einem Sexobjekt für Frauen zu machen

Spätestens mit dieser Analogie sollte deutlich werden, dass wie so oft mit zweierlei Maß gemessen wird. Die Kleidungsaussage einer Frau wird umgehend auf ihre Teilhabe am oder ihre Verweigerung des Feminismus gewertet. Die Kleidungsauswahl eines Mannes wird als Mittel zur Hervorhebung seiner (künstlerischen/beruflichen) Persönlichkeit gesehen.

Die Objektifizierung findet also gar nicht in dem Moment statt, in dem eine Frau leicht bekleidet auf die Bühne tritt, um sich im Rahmen einer Show zu einem Sexobjekt zu stilisieren, sondern viel früher, in dem Moment in dem sie vor die Wahl gestellt wird, entweder Feministin zu sein oder optisch mit Bildern von Weiblichkeit zu spielen.

Absurderweise greifen hier Strömungen des Feminismus und patriarchalischen Strukturen wie ein Uhrwerk ineinander.

Denn die Kritik an Frauen, die ihre Weiblichkeit offen zu Schau stellen oder sie zur Show machen, kommt von beiden Seiten.

Als ich Judith Holofernes Liebeserklärung an Dolly Parton las, wurde mir erstmals klar, was für eine großartige Frau und emanzipierte Feministin Dolly Parton ist. Einfach weil auch in mir die Idee so fest verankert ist, dass Frauen, die sexualisierte, offenherzigen Weiblichkeit symbolisieren, keine Feministinnen sein können.

Damit sind wir wieder an einem Grundpfeiler, der die aktuelle Gesellschaftsordnung trägt und dabei ganz wunderbar einige Strömungen des Feminismus für sich arbeiten lässt.

Anstatt einfach zu akzeptieren, dass es Frauen gibt, die sich mit High Heels und Make-Up, in Pinup-Posen und Reizwäsche stark und wohl fühlen, wird ihnen unterstellt, das Patriarchat durch ihr Verhalten zu zementieren und das Wohl aller Frauen zu gefährden. Die Möglichkeit einer bewussten Entscheidung wird in Abrede gestellt, als würde es sich um dumme Kinder handeln.

Ich ertrage diese Stellvertreterdiskussionen nicht mehr, die dafür sorgen, dass die wesentlichen Themen nicht angesprochen werden, sondern statt dessen mit Plädoyers für Haare dran, Haare abrasieren oder Brazilian Waxing ablenkende Gesprächsnebelbomben geworfen werden.

Ich will Interviews mit großartigen KünstlerInnen sehen und lesen, in denen interessante Fragen gestellt werden, ich will mir Kleidung anziehen, in der ich mich wohl fühle und wenn ich objektifiziert werden möchte, will ich nicht an das Patriarchat denken müssen.

Wenn wir uns wirklich Gedanken machen wollen, wie wir als gleichberechtigte Menschen miteinander leben wollen, sollten wir das Diskussionsniveau einer QVC-Verkaufsshow verlassen. Es kann nur interessanter werden. Für alle.