Von guten Eltern

Als mein Sohn ein paar Monate alt war, kam meine Mutter nach Hamburg, um mir zu helfen, weil der Mann ein paar Tage geschäftlich verreist war. Sie klingelte und ich öffnete ihr verheult und völlig aufgelöst die Tür.

Ich war an dem Tag beim Arzt gewesen. Mein Sohn hatte mal wieder einen Schnupfen, der bei Babys wesentlich dramatischer wirkt, als er ist. Ich fühlte mich bei jedem Sprühstoß Nasenspray wie eine Dealermutti, die ihr Kind für immer von abschwellenden Nasenspray abhängig macht.

Der Arzt hatte meine Panik nicht gemildert, sondern noch einmal darauf hingewiesen, dass ich keinesfalls das Kind in meinem Bett schlafen lassen soll und holte eine Vielzahl von Forschungsarbeiten zum Thema plötzlicher Kindstod und Schlafsituation raus.

Das Problem war, mein Sohn weinte, wenn er krank war, viel und hörte eigentlich immer erst dann auf, wenn er nah an meinem Körper wär – auch nachts.

Um es anders auszudrücken, ich hatte die Wahl zwischen Schreien, plötzlichem Kindstod oder dem Wechsel des Arztes. Nachdem ich mich beruhigt hatte, entschied ich mich für Letzteres.

Bevor ich Kinder bekam, hatte ich – abgesehen von meinem Dasein als Au-Pair von Schulkindern – weder Erfahrung noch Interesse an Kindern. Mein beruflicher Hintergrund ist nicht pädagogischer, entwicklungspsychplogischer oder medizinischer Art. Ich bekam Kinder, weil der Mann und ich Lust auf Familie hatten.

Bereits in der Schwangerschaft kaufte ich Ratgeber und nach der Geburt kaufte ich weiter. Ich wäre bestens über Stillen, schlafen, Ernährung, Erziehung, Phasen der Entwicklung, Toilettentraining, Störungen, Abnehmen nach der Schwangerschaft und vielem mehr informiert gewesen, wenn die Bücher sich nicht gegenseitig widersprochen hätten und vor allem immer weit an meiner Lebensrealität vorbeigeschliddert wären.

Es gibt ein einziges Buch über (kleine) Kinder, das ich empfehlen kann. Kinder verstehen von Herbert Renz-Polster. Leider habe ich es erst gelesen, als ich einige Jahre später meine Tochter bekam. Was ich an dem Buch so schätze ist folgender Ansatz: weltweit gibt so viele verschiedene Konzepte von der richtigen Erziehung, vielleicht sollte man sich mal von dem optimalen Konzept verabschieden und entspannen.

Keine Ahnung ob Renz-Polster mit meiner Interpretation seines Buchs einverstanden wäre, aber mir hat es sehr geholfen: Ich entspannte.

Ein Glück, denn nur so kann ich den Kampf der Erziehungs-, Ernährungs-, und Daseinsratgeber und Meinunghaber ertragen, der sich nach wie vor immer wieder ungefragt in mein Leben spült.

Aktuell ist es ganz besonders Trend die sogenannte Helikoptereltern zu bashen. Eltern, die ihren Kindern die ganze Arbeit abnehmen, sie von der Welt abschirmen und sie so zu unfähigen, abhängigen und unglücklichen Menschen heranziehen.

Aber das sind Details, sicherlich wird in den nächsten Jahren eine andere Erziehungssau durch das Dorf getrieben.

Hintergrund für die ewigen Tiraden gegen angeblich schlechte Eltern und angeblich gestörte und unglückliche Kinder scheint mir – neben einer ökonomischen Motivation der Autoren und Verlage – der sadistisch-arrogante Wille, den Menschen wenigstens ein schlechtes Gefühl zu geben, wenn sie schon nicht die gleichen Erziehungsideale haben, die eine selbst ernannte Erziehungsfachkraft deklariert hat.

In nun sechs Jahren mit Kindern habe ich festgestellt, dass Erziehung keine klare Sache ist. Kinder sind keine Automaten, bei denen man nach dem Geldeinwurf eine Nummer wählt und ein Mars in den Schacht fällt.

Kinder machen schon ab einem sehr frühen Zeitpunkt sehr oft was sie wollen und für richtig halten. Das ist nervig, wenn man sie zum 10. Mal darum bittet, sich anzuziehen, aber sehr gut zu wissen, wenn man sich fragt, ob man an ihrer Erziehung nicht gerade scheitert. Denn auch bei einer mittelmäßigen Kindheit haben sie so aus sich heraus die Möglichkeit, ganz wunderbare Leute zu werden.

In den letzten Monaten feierten wir mehrere Kindergeburtstagspartys mit 6-10 Kindern. Dabei fiel mir immer wieder auf, wie angenehm die Freunde meiner Kinder sind: höflich, lustig, selbstständig, mit überraschend guten Manieren am Tisch und gleichzeitig laut und anarchistisch wild.

Ich finde, die Kinder in meiner Umgebung alle ziemlich fein und habe den Eindruck, dass es sich um angenehme Menschen von guten Eltern handelt.

Eltern, die womöglich andere Ideale, Erziehungsstile und Ängste haben als ich. Aber auch Leute, die ihre Kinder lieben und ihnen helfen wollen, sich in der Welt zurecht zu finden.

Meines Erachtens ist das ziemlich viel und nicht schädlich.

Die Verantwortung des Erziehens oder ich möchte mich für die großartige Betreuung meiner Kinder bedanken

Vor fast fünf Jahren brachte ich mein großes Kind zum ersten Mal in die Kita. Einen Kitaplatz zu bekommen war nicht einfach gewesen. Letztlich hatten wir großes Glück und erhielten die Zusagen für einen Platz in einer tollen Kita, in perfekter Lage, die dem Kind glücklicherweise ebenfalls gefiel.

Als jemand, der sich nur schwer vorstellen kann, einen Beruf zu ergreifen, der mit Kindern zu tun hat, danke ich jeden Tag den Erziehern* unserer Kita.

Sie machen ganz offenbar sehr gern ihre Arbeit und nehmen in Kauf, dass sie für einen sehr anstrengenden Beruf verhältnissmäßig wenig Geld bekommen. Erzieher erhalten ca. 1.200-1.700 Euro netto, wenn sie Vollzeit arbeiten.

Das Thema unverhältnissmäßige Bezahlung bei der Arbeit mit Kindern fiel mir immer schon auf. Das fängt bei der Hausfrau und Mutter an und geht weiter beim Thema Kinderfrau oder Babysitter.

Wenn ich mit anderen Eltern über die Entlohnung von Babysittern spreche, gilt ein Stundenlohn von mehr als 10 Euro als völlig überteuert und Wucher. Schließlich tun Babysitter ja nichts.

Zugegebenermaßen ist der Job abends wenn die Kinder schlafen, relativ einfach, aber was ist wenn der Babysitter tagsüber aushilft oder die Kinder ins Bett bringt? Kinder ins Bett zu bringen ist eine Aufgabe, an der regelmäßig viele Eltern scheitern. Alles nichts wert? Keine Arbeit?

Bei Erziehern kommt noch eine weitere Komponente hinzu: die Erwartungshaltung.

Es gibt überraschend viele Eltern die von der Kita Dinge fordern wie: Ein Verhältnis von Erzieher-Kind von 1 zu 4, Englisch- oder Chinesischunterricht oder gleich eine bilinguale Kita, biologisches Essen am besten selbstgemacht, keine Süßigkeiten, Vorschulunterricht für Kinder ab drei Jahren aber gleichzeitig darf das zarte Gemüt nicht überfordert werden.

Wenn die Eltern nachmittags die Kinder abholen, dürfen keine Spuren des Alltags (Schmutz, Flecken usw.) zu sehen sein und am liebsten bekämen sie zur Abholung ein ausführliches Debriefing. Das alles sollte natürlich nichts kosten.

Vor vielen Jahren als Au-Pair habe ich immer wieder festgestellt, mit welcher Selbstverständlichkeit Menschen über mich verfügen und ihnen die Wahrung jeder Distanz verloren geht.

“Du kümmerst Dich um Kinder? -Wunderbar, dann kann ich Dich ja auch gleich duzen, Dich um etwas bitten und Dich nach persönlichen Dingen fragen.”

Diese Distanzlosigkeit stelle ich auch (bei mir selbst) gegenüber den Erziehern meiner Kinder fest.

Und trotzdem werde ich nach wir vor freundlich begrüßt und was eigentlich noch viel wichtiger ist, meine Kinder werden ganz wunderbar betreut.

In unserer Kita gibt es zwar keinen Arbeitskreis Tolstoi und kein Kinder-Hata-Yoga aber Ausflüge zur Feuerwehr und in den Zirkus, es wird viel gesungen, ständig ist sogar die Bildermappe des maluninteressierten Kindes voll, es wird geturnt, gebacken und vor allem gespielt. Das alles in einer ausgesprochen angenehmen Atmosphäre sowohl unter den Kindern als auch mit den Erziehern.

Mit nur zwei Kindern zu Hause, habe ich immer wieder das Gefühl, dass eine gute Familiendynamik das schwierigste Element des Alltags ist.

Die Stimmungen von Eltern und Kindern unter einen Hut zu bringen, das richtige Maß an Abgrenzung, Selbstkontrolle und Gemeinschaft zu finden, ist immer wieder eine Herausforderung.

Natürlich erledigen sich viele Dinge in einer großen Gruppe von selbst aber es bleibt eine unglaubliche Leistung, auf die Bedürfnisse, die Vorlieben, die Eigenheiten und die ständig wechselnden Allianzen und Konstellationen einer ganzen Kindergruppe einzugehen.

Und das alles unter erschweren Bedingungen. Während Bauarbeiter Ohrenschützer gegen Presslufthammerlärm tragen, wäre es fatal, würden sich Erzieher ihre Ohren zustöpselten.

Ganz zu schweigen von den körperlichen Herausforderungen. Wer mal einen Elternabend auf Kinderstühlen sitzend verbracht hat, ständig kleine Kinder auf Wickeltische hievt oder wem ein Kind ohne Vorwarnung auf den Rücken gesprungen ist weiß, dass man bei diesem Job im Grunde die orthopädische Betreuung eines Spitzensportlers benötigt.

Und wer Piloten oder Fluglotsen dafür bewundert, dass sie selbst in stressigsten Situationen eine kühlen Kopf bewahren und schnell Lösungen finden, der sollte Hochachtung vor Menschen haben, die gleichzeitig zwei Kinder trösten, einen Trotzanfall begleiten, zwei Kinder mit gar nicht duftenden Windeln frisch machen, während nebenbei fünf Kinder lautstark fangen spielen. Und dabei pampen sie – wie ich leider viel zu oft – die Kinder nicht einmal an.

Ganz zu schweigen von der steten Bewunderung für Menschen in verantwortungsvollen Positionen. Menschen, die Firmen oder Länder führen, erhalten – mehr oder weniger zu Recht – viel Respekt und gute Entlohnung.

Offensichtlich gilt die Erziehung der nächsten Generation als wenig verantwortungsvoll. Nur so kann ich mir erklären, dass der Beruf der Erzieherin oder des Erziehers so wenig Ansehen hat und so gering entlohnt wird.

Hoffentlich bin ich nicht die Einzige, die das schade und falsch findet.

*Ich spreche im Text von Erzieher (Singular) oder Erziehern (Plural) und meine das als allgemeine Berufsbezeichnung. Mir ist durchaus bewusst, dass die meisten Erzieher Erzieherinnen sind aber ich fand die obige Bezeichnung am adäquatesten um beide Geschlechter anzusprechen.

Lieblingskindermedien 5 Plus 1 – Gemischte Auswahl

Kindermedium

Dasnuf hat mir vor einiger Zeit ein Stöckchen zugeworfen, auf das ich bzw. meine Kinder nun endlich reagieren möchten. Die schöne Idee kam von Percanta.

Ich habe das Stöckchen aus Gründen etwas abgewandelt und habe meinen Sohn (5 Jahre) und meine Tochter (3 Jahre) nicht nur jeweils nach ihrem Lieblingsbuch, sondern auch nach ihrer Lieblingsapp und nach ihrem Lieblingsfilm befragt.

Bücher

Nele Moost (Text) und Annet Rudolph (Zeichnung) Alles erlaubt? Oder immer brav sein – das schafft keiner!
Das Lieblingsbuch vom Sohn: Ich finde eine Stelle so lustig. Da sagt der Rabe ganz oft “Bitte-Danke” und dann “Bitte-danke sonst knallt’s”. Und weil der Rabe sich in eine Schüssel mit Tomatensauce setzt.

Hans de Beer Kleiner Eisbär komm bald wieder!
Das Lieblingsbuch von der Tochter: Der Bär fährt ganz weit weg. Mit einem Schiff. Eine Katze ist sein Freund. Mhm, zwei Katzen. Also zwei Freunde.

Apps

Tom & seine Freunde und Unterwegs im Tomland
Lieblingsapp vom Sohn: Weil Tom so nett ist und ihm jeder helfen mag.
(Kleiner Hinweis der Mutter: weil Dirk Bach alle Rollen spricht und weil beide Apps unheimlich liebevoll gemacht sind.)

memory
Lieblingsapp von der Tochter: Mama, guck ich habe zwei Bobbycar.

Kinderfilme (im weitesten Sinne)

Wickie und die starken Männer: Der Wettlauf
Lieblingsserie vom Sohn: Wikie ist ganz schlau und ein Wikinger. Und er macht immer so (er zeigt das Nasereiben) wenn er nachdenkt. Ich mache das nicht aber ich kann auch gut denken.

Feuerwehrmann Sam – Die Kompeltte Staffel
Lieblingsserie von der Tochter: Ich will Sam gucken. Wikie ist langweilig. Nemo ist langweilig. Ich will Sam gucken.
(Kleiner Hinweis der Mutter: Es gibt eine Serie mit animierten Puppen und eine gezeichnete Version. Wir bevorzugen eindeutig die Puppenversion, sie ist irgendwie gemütlicher.)

Ich glaube alle kinderhabenden Blogger meiner Filterbubble sind bereits durch mit dem Stöckchen oder haben zumindest schon eins gefunden. Daher werfe ich nicht weiter, freue mich aber über jeden, der es aufgreift.

Vielfalt ist keine Hierarchie

Im Gegensatz zum Mann bin ich ein Fernsehanalphabet. Wenn wir zusammen Filme, Serien oder Shows gucken, erkennt er die gealtersten und operiertesten Schauspieler wieder. Er weiß, mit welchen Serien oder Filmen ihre Karriere begann und kann sogar noch die Titelmelodie des jeweiligen Formats singen. Zuweilen kann er sogar ausführlich über Entstehung, Anzahl der Staffeln, Zuschauerzahlen, Skandale oder Spin-Offs dieser Sendungen berichten.

Hätte ich nicht auch Bereiche, in denen ich mit unnötigem Fachwissen glänzen könnte, wäre ich eingeschüchtert. So bin ich meist beeindruckt und manchmal auch interessiert.

Ich bin fernseharm aufgewachsen. Den ersten Fernseher hatten wir, als ich bereits in der Schule war. Unsere Untermieterin war gestorben und vermachte uns einen Schwarz-Weiß-Fernseher. Den bekam mein 8 Jahre älterer Bruder und verschleppte ihn in eine kleine Kammer unterm Dach. Dort nutze er ihn hauptsächlich als Monitor für seinen C64 (meine Eltern fanden Fernsehen zwar unwichtig, hatten aber eine Faible für Computertechnik und Kinofilme). Wenn überhaupt, konnte ich den Fernseher nutzen wenn mein Bruder nicht da war. Es kostete mich also einige Überwindung, als 8jährige die Treppen hoch zum dunklen und zugigen Dachbodenkämmerchen hochzuklettern, um Tom und Jerry zu gucken.

In der vierten Klasse zogen wir um und bekamen einen neuen Fernseher. Dieser war immernoch in den hintersten Teil des Hauses verbannt worden aber immerhin jederzeit zugänglich. Außer um 19 Uhr, da bestand mein Vater auf die Nachrichten. Zudem hatten wir nur drei deutsche, ein belgisches und zwei holländische Programme. Privatfernsehen lernte ich erst mit Mitte zwangig kennen, als mir ein Exfreund seinen alten Fernseher schenkte.

Einerseits habe ich damals nicht wirklich was vermisst, andererseits fehlt mir im fernsehkulturellen Bereich unglaublich viel Wissen.

Man kann natürlich sagen, dass es darum nun wirklich nicht schade sei. Dallas und Denver seien ohnehin der letzte Mist gewesen, von Tutti Frutti mal ganz zu schweigen aber ich habe nie viel von kulturellen Kanonisierung und Wertung gehalten.

Das Schlimmste an meinem musikwissenschaftlichen Studium fand ich die Borniertheit vieler Dozenten und Kommillitonen gegenüber sogenannter Unterhaltungsmusik, die im Gegensatz zur ernsten Musik nicht weiter zu beachten oder wertzuschätzen sei. Nicht selten saß ich in den Vorlesungen und dachte bei mir, dass es dem Fach nur Recht geschieht, wenn es irgendwann aus dem Fächerkatalog der Universität verschwindet, weil es mit dem ewigen Elfenbeinturmgehabe völlig an der kulturellen Realität vorbeiforscht.

Viel sinnvoller erschien mir ein Brückenschlag zwischen den heterogenen musikalischen Strömungen und keine verächtliche Wertung sogenannter profaner Musik.

Aber ich schweife ab.

Kanonisierung und Wertung von Kultur und unterschiedlichen Medien mag hilfreich sein, wenn man sein Leben als “1 Haus, 1 Frau, 2 Kinder und 1 Job”, “10 Autos die ich gefahren haben muss”, “10 Mal muss ich auf Mallorca gewesen sein”, “20 Mal auf Sylt”, “10 Klassiker der Literatur, die ich gelesen haben muss”, “Ich jogge jeden Tag um die Alster” und “Am liebsten höre ich Klassikradio” versteht.

Ansonsten empfehle ich vor allem das zu lesen, zu sehen und zu hören, was einem gefällt und vor allem wie es einem gefällt.

Denn das wie wird seit der Digitalisierung offenbar auch kanonisiert. Neulich las ich in der Kantine auf meinem iPhone ein Buch.

Kollege 1: Was ihr immer auf diesen iPhones spielt.
Ich: Ich lese.
Kollege 1: Ach so.
Kollegin 2: Auf dem iPhone lesen?!
Ich: Ja. Ein Buch.
Kollegin 2: Das könnte ich nicht. Das ist doch dann kein richtiges Buch.

Natürlich ist es eine persönliche Entscheidung, ob man seine Papierbibliothek auflöst, weil die letzten 20 Bücher ohnehin nur digital gelesen wurden oder ob man es sich mit einem Taschenbuch im Bett bequem macht. Aber die Fläche, auf der die Buchstaben stehen, verändert weder die Geschichte noch die Sprache.

Abgesehen davon, fragte ich mich, was daran schlimm gewesen wäre, wenn ich Bridge oder Tetris auf meinem iPhone gespielt hätte. Spielen ist nichts Böses. Meine Kinder spielen den ganzen Tag und entwickeln sich zu ganz wunderbaren Menschen.

Wenn ich über die aktuelle Wirtschaftkrise lese, habe ich das Gefühl, dass es besser gewesen wäre, wenn viele Beteiligte an ihrem iPhone Monopolie gespielt hätten, anstatt ganz real das Geld anderer Leute, Firmen und Staaten zu verzocken.

Jedenfalls ist bei uns nicht nur spielen sondern auch Computerspielen erlaubt.

Am Wochenende liegen die Kinder und ich morgens oft eine Weile auf dem Sofa. Die Kinder spielen auf dem iPad und ich lese auf meinem iPhone. Sie wissen welche Apps sie nutzen dürfen und teilen sich gern über neu gemalte Bilder, neue Spielstrategien, neu entdeckte Features eines Spiels usw. mit und aus. In diesen Situationen möchte ich immer die Kulturpessimisten zu uns einladen, die behaupten, man würde heutzutage nur noch stumm und stumpf vor dem Bildschirm hocken.

Zwar schimpfen die gleichen Kulturpessimisten heute weniger auf das Fernsehen – zuweilen habe ich das Gefühl, Fersehen würde sogar in bisher ungekannte Höhen gebeamt, weil es so viel weniger beängstigend qualitätsjournalistischer ist als dieses Internet – aber in den Köpfen vieler Eltern erscheint immernoch ein großes P beim Gedanken, die Kinder vor das Fersehgerät zu setzten.

Unser Sohn musste sehr früh sehr viel inhalieren. Dies ging allerdings nur, während die Teletubbies liefen. So wurde das abendliche Fernsehen zu einer Gewohnheit.

Wenn der Mann oder ich davon erzählten, schalteten wir immer automatisch den Erklärmodus ein. Zum einen weil wir selber unsicher waren, ob wir dem Kind nicht damit schaden und zum anderen weil wir oft genug in Schreck geweitete Augen blickten, in denen zu lesen war, dass wir uns so ADHS-Kinder im Quadrat züchten.

Oft wurden wir auch gefragt, warum wir ihm nicht ein Buch vorlesen. Als Eltern bekommt man viele unbrauchbare Ratschläge. Statt zu sagen, dass Vorlesen leider nicht funktionierte, hätte ich viel öfter sagen sollen:

Weil wir Bücher als schädlich für die Entwicklung unseres Kindes erachten.

Ich hätte wieder eine Bekanntschaft weniger aber auch einen gelungenen Spaß gehabt.

Bücher sind nämlich ganz oben auf der Kindererziehungspunkteskala. Mit Bücher kaufen, Bücher vorlesen, Bücher nacherzählen oder Bücher anmalen ist man immer auf der richtigen Seite der Kindererziehung.

Zuweilen habe ich den Eindruck, dass es nicht mehr lange dauert, bis man Bücher in die Gebärmutter schwangerer Frauen pflanzt, damit das gedeihende Kind beim Hören der klassischen Musik durch die Bauchdecke was zum Lesen hat.

Bücher sind toll aber eben auch nur eine Facette der medialen Vielfalt, die uns umgibt. Ich möchte, dass meine Kinder nicht nur kulturelle Haute-Cuisine, sondern alles von der Bratwurst bis zum Souffleé probieren. Etwas mehr Obst vielleicht als Schokolade aber vor allem ausgewogen und unterschiedlich.

Ich spiele nicht mit Kindern

Vor einiger Zeit traf ich nach Jahren eine amerikanische Freundin von mir wieder. Seit der gemeinsamen Schulzeit hatten wir jeweils studiert, geheiratet und Kinder bekommen. Wir saßen in Paris in einem Touristen-Doppeldecker-Bus, genossen den Ausblick und sonnten uns. Dann drehte sie sich zu mir um, kam mir etwas näher und fragte leise: “Are you the Fun Parent?” Ehrlich antworte ich: “No.” Sie strahlte mich an “Me neither.”

Nur kurze Zeit später bestätigten meine Kinder meine Aussage. Mein Sohn unterhielt sich mit dem Mann, dachte kurz nach und sagte: “Papa, ich weiß, warum Du die Mama geheiratet hast. Weil Du der Einzige sein möchtest, der lustig ist.”

Journelle
@journelle
Heute am Frühstückstisch gerülpst. Ein nie gekanntes Leuchten in den Augen meiner Kinder gesehen.

Entsprechend war dieser Tweet auch keine Koketterie, die Kinder lachen wirklich selten über mich. Sicherlich bin ich nicht das schlechteste Exemplar Mutter aber ich habe keinen Kinderhumor und ich spiele nur widerwillig mit Kindern.

Einfach weil ich es meist langweilig finde. Ich möchte nicht Feuerwehrmann Sam sein oder Penny oder ein Tiger oder eine Figur aus Star Wars. Ich hocke auch nicht gern auf dem Boden rum und ich nehme die selbst gekochten Luftgerichte meiner Kinder nur an, weil sie mich dabei so niedlich ansehen und danach zufrieden weiterspielen.

Jedenfalls schaue ich immer bewundernd auf Eltern, die stundenlang mit ihren Kindern spielen, die auf dem Boden rumkrabblen, auf sich reiten lassen und offenbar Kinderhumor verstehen und anwenden können. Ich bin eher eine verkuschelte Frau Rottenmeier.

Selbstverständlich plagt mich stets ein schlechtes Gewissen. Selbst Jesper Juul, der zunächst auch keinen Zugang zur Spielwelt seines Kindes hatte, hat sich irgendwann neben seinen Sohn gesetzt und ihn gebeten, ihm zu zeigen wie man spielt.

Dabei will ich das gar nicht wissen, ich möchte viel lieber etwas lesen oder mich mit anderen Erwachsenen unterhalten, während sich die Kinder allein oder miteinander beschäftigen.

Da ich also nicht gewillt bin, Spielen zu lernen aber gleichzeit gern mit meinen Kindern Zeit verbringe, habe ich versucht, Lösungen zu finden, mit denen wir alle zufrieden sind.

Beispielsweise gehe ich mit den Kindern gern ins Café. Dort trinken sie dann Milchschaumgetränke, bestellen für mich einen zweiten Cappuccino, dürfen mit meinem iPhone Fotos und Filme machen und anschauen und zum Schluss schreibe ich ihnen einen Zettel, gebe ihnen 10 Euro in die Hand und habe fünf Minuten Zeit zur freien Verfügung, während die Kinder bezahlen.

Oder wir gehen in den Zoo. Während ich mir keine Sorgen um den Straßenverkehr machen muss, rennen sich die Kinder müde, ich erzähle ihnen zum 15. Mal wie sich ein Nasenbär in freier Wildbahn auf meinen Schoß gelegt hat und nicht mehr aufstehen wollte, wir füttern ein paar Elefanten und fahren mit der Märchenbahn. Im Laufe der Fahrt fasse ich Märchen zusammen und wir werden in einigen Jahren wissen, ob meine despektierliche Haltung Prinzen gegenüber Früchte getragen hat.

Früher sind wir auch häufig auf Spielplätze gegangen. Aber mit der Zeit wurde mir da der soziale Druck zu groß. Die Kinder wollten dann auch nicht mehr nur im Regen oder ab einer Temperatur unter 8 Grad dorthin gehen.

Auf dem Spielplatz war ich nämlich immer die Mutter auf der Bank mit dem Smartphone in der Hand. Ich las allerlei spannenden Texte, manchmal auch Bücher, während die Kinder spielten. Ab und an trösete ich ein Kind, wies darauf hin, dass die Schaufel/der Ball/der Eimer zurückzugeben sei, weil sie uns nicht gehören und hätte entspannt sein können.

Aber ich meinte verächtliche Blicke wahrzunehmen. Blicke die mir das Gefühl gaben, eine internetsüchtige (richtig) schlechte (falsch) Mutter zu sein. Möglicherweise fanden diese Blicke nur in meinem Kopf statt aber so viele Mütter (und wenige Väter) standen im Sand, halfen, hoben, jauchzten und klatschten.

Und würde ich mich über diese Eltern jetzt lustig machen, wäre ich eine ziemlich blöde Kuh. Denn wenn eine Mutter oder ein Vater im Sand stehen möchte, um die Kletter- und Rutschkünste ihres Kindes zu bewundern und es mit Grimassen, Klatschen und guter Laune zu motivieren dann ist das eine gute Sache.

Nur ich möchte das nicht. Ich habe erlebt, wie Schuhe durch Sand zerstört worden, ich haben neben Hängebrücken gestanden und mir gewünscht, stattdessen z.B. einen Blogeintrag von Sandra Smilla Dankert zu lesen.

Natürlich weiß ich nicht, ob das der richtige Weg ist und ob meine Kinder mir nicht irgendwann vorwerfen, dass ich – außer Rummicub – nie mit ihnen gespielt habe. Und ich würde auch nicht auf die Idee kommen, das Verhalten anderen Eltern zu empfehlen.

Bei den meisten Erziehungstipps und Büchern habe ich ohnehin immer das Gefühl, dass die eigenen Vorstellungen der Autoren (pseudo-)wissenschaftlich ausgebreitet werden. Im Sinne von trau keinem Erziehungsratgeber, den Du nicht selbst gefälscht hast.

Letztlich denke ich, dass es nicht falsch sein kann, ehrlich zu sich zu sein und dann Wege zu finden, auf denen alle auf ihre Kosten kommen.

Kindsglücklich

Irgendwie bin ich in letzter zeit ständig über die Frage gestolpert, ob Kinder glücklich machen. In der vorvorletzten Nido zum Beispiel (wobei die Frage dort als Aussage mit Ausrufezeichen gestellt wurde).

Neulich meinte ich zum Mann, dass die Frage doch völlig am Thema vorbei sei. Der Mann, der deutlich wohlwollender der Menschheit gegenübersteht als ich, meinte, dass ich zwar Recht hätte, er gleichwohl die Frage danach gut verstehen kann.

Am Anfang meines Kinderwunsches stand jedenfalls das Bedürfnis nach Reproduktion.

Daher finde ich auch immer das Argument, Kinderlose seien egoistisch total absurd. Kinder bekommen ist genauso egoistisch.

Wenn man sich unsere kleine Erde mal anschaut ist es wohl das Letzte, was sie braucht mehr Menschen und wenn wir aussterben, wird sie wohl maximal einmal laut rülpsen. Von der Relevanz des Menschen in Hinblick auf das Weltall möchte ich gar nicht erst sprechen.

Kinder in die Welt zu setzen ist ein einziger Egotrip. ‘Krönung unserer Liebe’ bedeutet doch nichts anderes als ‘wir finden uns so geil, wir wollen die Welt mit unseren Genen bevölkern’.

Die Frage nach dem Glück stellt sich meist aber erst, wenn sie da sind. Der Reproduktionsteil ist am Einfachsten.

Dieses Erziehungsdings und die Hilfestellungen, die zu leisten sind, damit die kleinen Nacktmolche zu freundlichen, reflektierenden, lustigen Menschen mit (Selbst)Ironie werden, machen am meisten Arbeit.

Und da kommt Paul Watzlawick ins Spiel. Meine Mutter, die ein großer Fan von ihm ist, erzählte mir mal, dass er sich sehr über das amerikanische Schulsystem aufgeregt habe. Dort würde den Schülern nämlich verkauft, dass Schule Spaß machen würde.

Wenn sie nun in der Schule sind und feststellen, dass Schule zur Vermittlung von Wissen aber nicht zur Unterhaltung und zum Amüsement da ist, sind sie enttäuscht. Viel ehrlicher wäre es doch gleich klar zu machen, dass Schule etwas ist, was sich vor allem einmal nicht vermeiden lässt. Diese Einstellung ist deutlich weniger enttäuschend.

Früher ließen sich Kinder nicht vermeiden. Sie kamen oder sie kamen nicht. Die Frage nach dem persönlichen Glück durch Kinder wurde nicht gestellt, Kinder galten höchstens als Segen.

Heute kann man wenigen Menschen glaubhaft vermitteln, dass man aus Versehen ein Kind bekommen hat. Das heißt, ab dem Moment in dem man schwanger ist oder zur Schwangerschaft beigetragen hat, ist man in einer Rechtfertigungsposion. Die Schwangerschaft ist heute das Statement, dass man sich bewusst für ein Kind entschieden hat.

Und Voilà sind wir in der Spaß/Glück/Fun/Happyness-Bullshitfalle. Denn wenn ich bekomme, was ich mir gewünscht habe, muss ich auch glücklich sein. Freu Dich Du Sau!

Dabei ist nicht unbedingt die Umwelt das Problem, wir selber sind es genauso, schließlich wollten wir ja das Kind und auf einmal hat man Schwangerschaftstreifen, einen Wabbelbauch, ein brüllendes Kind, einen genervten Ehemann, ein minimales Sexualleben und das Nervenkostüm von Mariah Carey.

Und das wird auch erstmal nicht besser. Irgendwann können die Kinder zwar laufen und sprechen, dann brüllen sie nicht mehr aber sie finden andere Wege weiterhin große Mengen Energie, Nerven und Geld aus ihren Eltern zu saugen.

Und während man also wie ein ausgesaugter Zombie zur Arbeit trottet, die Augenringe mit Concealer verbirgt, teure Vitamine schluckt in der Hoffnung, sie würden wenigstens ein wenig der Energie zurückgeben, sich übernächtigt mit Problemen rumschlägt, vor denen man sich bestens erholt gefürchtet hätte, verlangen wir auch noch von uns, gefälligst glücklich zu sein.

Und da das meist nicht klappt, sind wir enttäuscht.

Fakt ist, ich renne nicht wie ein Honigkuchenpferd durch die Gegend und kreische vor Glück aber ich bereue meine Entscheidung auch nicht, Kinder in die Welt gesetzt zu haben. Und das nicht weil Sie mir so viel geben, oder weil sie so niedlich sind wenn sie schlafen, sondern einfach, weil ich Lust auf die Erfahrung habe, mit dem Mann zusammen Kinder großzuziehen.

Vor vielen Jahren war ich einmal in einen Brasilianer verliebt. Als dieser mit einem Stipendium für einige Monate nach Taiwan ging, brachte ich mein gesammeltes Kleingeld zur Bank, nutze meine Dispo und buchte einen Flug nach Taipeh.

Ich verbrachte zwei Wochen mit ihm, war danach unsäglich verliebt und malte mir aus, wie er nach Deutschland kommt und mir jeden Tag was vortrommelt (kein Schmuddelwitz hier, er war Perkussionist). Er blieb natürlich bei Frau und Kind in Brasilien und ich hatte wohl den größten Liebeskummer meines Lebens. Irgendwann kam ich natürlich darüber hinweg, aber diese Erfahrung hat mich nicht zum besseren, härteren, schöneren, klügeren oder weiseren Menschen gemacht. Es war einfach nur ein spannendes Erlebnis und darauf möchte ich nicht verzichten.

Neulich habe ich ein Interview mit Margarete Mitscherlich gelesen. Für mich war die Quintessenz dieses wirklich wunderbaren Interviews, dass man sich im Alter alles verzeiht und höchstens traurig darüber ist, etwas nicht gemacht oder erlebt zu haben.

Irgendwann habe ich die Entscheidung getroffen, ‘Kinder haben’ zu erleben.

Nicht mehr, nicht weniger, keine Pointe.