Schneewittchen in der Grube

Vor ein paar Wochen hatte ich einen Tag frei. Der Morgen verlief so harmonisch wie schon lange nicht mehr. Ich brachte ich Kinder gut gelaunt zu Schule und Kita, holte sie entspannt ab, kutschierte sie zu Freunden und Sport. Die Wohnung sah ordentlich aus, die Wäsche war gewaschen und zusammengelegt, alle Grundnahrungsmittel waren da und ich hatte das erste Mal seit langem das Gefühl, mein Leben einigermaßen im Griff zu haben. Abends sagte ich dem Mann, dass ich mir mittlerweile gut vorstellen kann, ein Leben als Hausfrau zu führen.

Hausfrau und Mutter ist ein Job und zwar einer, der wirklich deutlich anspruchsvoller und anstrengender ist als sein Ruf. Und ich verstehe Beziehungen, die sich entscheiden, dass ein Partner (in 98% der Fälle sind es nach wie vor Frauen) Vollzeit zu Hause bleibt und der andere Vollzeit arbeitet. Wenn das Gehalt passt, ist diese Aufteilung nach wie vor die bequemste.

Aber er ist eben auch weit weg von Gleichberechtigung und Wahlfreiheit für Frauen.

In einem Text von Anna Papathanasiou stieß ich auf den Begriff der Schneewittchen, gut ausgebildete Frauen, die sich wegen der Kinder bewusst und freiwillig gegen Karriere und für Familie und ein Hausfrauendasein entscheiden. Ich mochte an dem Text, dass Papathanasiou Verständnis für die Entscheidung hat, aber eben auch die Frage stellt, wie feministisch dieser Weg ist.

Entgegen einiger Behauptungen in den Kommentaren bin ich nämlich auch der Meinung, dass es hier nicht um eine freiwillige und persönliche Wahl geht, sondern die Berufung auf alte Verhaltensmuster. Ein Weg der einfacher ist, als neue Wege zu suchen, auszuprobieren und zu erstreiten.

Eine alleinerziehende Mutter (oder Vater) hat diese Wahl beispielsweise gar nicht. Selbst wenn sie aus tiefster Überzeugung heraus zu Hause bei ihren Kindern bleiben möchte, kann sie dies ohne ein bereits vorhandenes Vermögen nicht umsetzen. Als Mutter verdient man kein Geld und kann ohne private Vorsorge – nicht wirklich mit einer Rente über Hartz-4-Niveau rechnen. Geld zu verdienen ist hier also kein gewählter Lifestyle, sondern schlichte Notwendigkeit.

Und dann gibt es auch noch die Familien, die einfach zwei Gehälter benötigen. In meinem Umfeld machen diese die Mehrheit aus. Man kann uns als kapitalistische Konsumisten beschimpfen, die unbedingt einmal im Jahr eine Urlaubsreise machen müssen, einen großen Fernseher, modische Kleidung und eine Wohnung in der Nähe des Stadtzentrums haben möchten, aber in vielen Fällen sind das leider nicht die einzigen Einschränkungen, die man mit einem einzigen Familiengehalt hätte. Das wird leider viel zu oft vergessen, wenn man in einer anderen Gehaltsklasse schwebt, als 80% der Bevölkerung.

Die Entscheidung für ein Dasein als Hausfrau und Mutter hat also nur für einen relativ elitären Kreis tatsächlich was mit freier Wahl zu tun.

Ebenfalls problematisch finde ich, dass die Diskussion die Lager weiter trennt, statt nach dem gemeinsamen Nenner zu suchen.

Als eine Frau die 30 Stunden wöchentlich arbeitet, zwei Kinder hat und mit einem Mann verheiratet ist, der sich stark in das Familienleben einbringt und zudem zeitlich sehr flexibel ist, lebe ich ein sehr komfortables Leben. Trotzdem habe ich das Gefühl, dauerhaft der Zeit hinterherzulaufen und zwischen 6 00 und 20 30 etwa 6 Bälle gleichzeitig zu jonglieren. Die logistischer Meisterleistung unseres Alltags bricht zusammen, sobald ein Kind krank wird und ich bin mir mittlerweile im Klaren darüber, dass ich keine Karriere machen werde, es sei denn ich investiere wöchentlich 40 Stunden und mehr und wechsle den Job.

Mein Leben hat etwas von einem Langstreckenschwimmwettbewerb in dem es primär darum geht, nicht unterzugehen.

Und ich glaube, so geht es den meisten Frauen mit Familie. So lange es also nicht ein bedingungsloses Grundeinkommen gibt – das ich sehr befürworte – stehe wir im Graben zwischen den wenigen, die es tatsächlich geschafft haben, fünf Kinder und eine Karriere zu vereinbaren und denjenigen, die proklamieren, dass die Mutter sich doch Bitteschön auch voll und ganz um die Kinder kümmern soll, die sie in die Welt gesetzt hat.

Das Lustige ist ja, dass sich keine Gruppe verstanden fühlt, keine hat das Gefühl, dass die Arbeit und Energie die sie investiert, Wertschätzung findet. Jede fühlt sich von dem einen oder anderen Lager in ihrem Lebensentwurf angegriffen.

Und während ich genervt bin, von den medial gehypten Karrieremüttern, die beim Schwimmwettbewerb strahlend vorbeiziehen und den Müttern, die am Rand stehen und vorwurfsvoll dreinblickend die Stullen schmieren, stelle ich mir die Frage, warum wir Zeit damit vergeuden, an einen Wettbewerb der Lebensentwürfe teilzunehmen.

Ich denke ein Hauptgrund ist das Bedürfnis als gute Mutter anerkannt zu werden. Man muss sich nur Maria anschauen und weiß, dass die Mutter in der abendländischen Kultur eine zentrale Rolle spielt. Während nur wenige Männer wie Josef oder Jesus sein wollen, wurde “die Maria mit Kind” zur Blaupause des weiblichen Daseins. Noch heute können sich wenige Menschen vorstellen, dass eine Frau bewusst keine Kinder möchte und junge Frauen werden – wie neulich in der Zeit – ausschließlich auf ihre Beziehungs- und Familienverweigerung hin analysiert. Frausein wird gleichgesetzt mit Muttersein. Wer eine gute Frau sein will, muss zu allererst eine gute Mutter sein.

Aus diesem Anspruch können wir uns kulturell nur sehr schlecht lösen. Und schon befinden wir uns in einem aufreibenden Konflikt zwischen diversen Modellen des “guten” und “richtigen” Mutterseins, als wäre die Herausforderungen des Alltags nicht schon groß genug.

Insofern würde ich das Modell der Schneewittchen als grob fahrlässig bezeichnen, weil eine Person in der Partnerschaft dadurch in ein ökonomisches Abhängigkeitsverhältnis gerät. Die Entscheidung dafür ist aber nicht unfeministisch und geht – außer den Beteiligten – niemanden etwas an.

Die Diskussion sollte also nicht die Modelle bewerten, sondern nachhaken, warum das Mutterbild ideologischen so aufgeblasen ist und wie wir das anstrengende Langstreckenschwimmen gemeinsam meistern können.

Wege gehen

Seit dem 2. Schultag war ich Schlüsselkind. Bis zum Ende der Mittelstufe trug ich einen Schlüssel an einem Band um meinen Hals. Die Tatsache, dass ich mir meine Stempelkarte nach wie vor gern umhänge, ist wohl eine Spätfolge.

Ich möchte meine Kindheit nicht verklären. Meine Mutter galt damals sicher als Rabenmutter und ich selbst habe mir oft gewünscht, dass ich nach der Schule nach Hause komme und sie erwartet mich mit einem Gulasch gewürzt mit Maggifix.

Ich hatte zwei Strategien, um damit umzugehen, dass ich häufig von der Schule in ein leeres Haus kam. Ich suchte mir Freundinnen, deren Mütter Hausfrauen waren und genoss das umsorgt sein oder ich genoss die Freiheit, allein daheim zu sein und kümmerte mich um mich selbst. In beiden Fällen wurde ich belohnt.

Belohnt mit dem Hormonrausch, den der menschliche Körper selbst macht, wenn man eine Aufgabe meistert. Belohnt mit Selbstbewusstsein, das man nur bekommt, wenn man Aufgaben selbstständig löst.

Schon früh wusste ich, dass ich es schaffe, Freunde zu finden und dass ich mich in fremde (Familien)strukturen einpassen kann. Auch mein Glaube, dass Menschen im Grunde gut und hilfsbereit sind, resultiert aus dieser Zeit. Wenn wildfremde Leute regelmäßig ein (gefräßiges) 7jähriges Mädchen durchfüttern, kann die menschliche Spezies nicht schlecht sein.

Wenn nötig, konnte ich aber auch selbst einkaufen, kochen, backen, eine verstopfte Toilette entstopfen und nachher das Bad reinigen. Die Qualität war sicherlich ausbaubar aber es war ein tolles Gefühl zu wissen, dass ich alleine klarkommen könnte. Es gab mir die Freiheit, Bindungen freiwillig einzugehen.

In den letzten Wochen habe ich viel an meine Grundschulzeit gedacht. Vor ein paar Tagen wurde mein Sohn eingeschult und es bleibt nicht aus, dass ich viel vergleiche, mich viel erinnere und den Sohn mit Geschichten von früher langweile.

Aus organisatorischen Gründen und auch weil der Weg eigentlich einfach und relativ kurz ist, gingen der Mann und ich davon aus, dass der Sohn in ein paar Wochen oder wenigen Monaten seinen Schulweg allein geht. Jedes Mal, wenn ich dieses Vorgehen außerhalb der Familie – egal ob bei Erziehern, Eltern, Freunden – angesprochen habe, blickte ich in entsetzte Augen.

Und obwohl ich nach wie vor ein wenig verunsichtert bin, merke ich auch, wie ich anfange, mich aufzuregen.

Aufzuregen darüber, dass wir unsere Kinder zwingen, mehrere Stunden am Tag ruhig auf einem Stuhl zu sitzen, dass wir von ihnen gute schulische Leistung, Disziplin, musikalische und/oder sportliche Leistung erwarten. Wir wollen, dass sie sozial kompetent sind, besser Streierein schlichten als wir selbst, wir erzählen ihnen davon, dass mit der Schulzeit der Ernst des Lebens beginnt, aber die persönliche Eigenständigkeit verweigern wir ihnen.

Als ich in der Grundschule war, hatten mein 8 Jahre älterer Bruder und ich ein langes Gespräch. Ich fand es ungerecht, dass er viel mehr durfte als ich. Er erklärte mir, dass er älter sei und dadurch mehr Freiheiten genießen würde. Gleichzeitig hätte er aber auch mehr Pflichten und Aufgaben. Das klang für mich damals sehr plausibel.

Dieses Prinzip wird leider immer mehr pervertiert. Während einerseits die Pflichten für unsere Kinder bestehen bleiben oder immer größer werden, nehmen wir ihnen andererseits ihre Freiheiten sang und klanglos weg.

Aus einer protektiven Angst und wahrscheinlich auch aus einer Kontrollsucht heraus, verweigern wir unseren Kindern, ihr inneres Belohnungsssystem zu nutzen. Sicherlich gibt es Kinder, die aus akademischen Leistungen, aus dem Geigespiel oder einem Fußballpokal genau diese Zufriedenheit ziehen können. Aber für das Gros der normalbegabten Kinder würde der Nachhauseweg ohne Netz und doppelten Boden einen viel größeren Dienst tun.

Das böse Weib

Einige Tage nachdem Elliot Rodgers aus Hass auf die Welt und vor allem aus Hass auf Frauen, vor allem die, die ihn nicht wollten, sieben Menschen erschoss, ploppte ein Text aus 2010 in meiner Timeline auf.

Wolfgang Bergmann schreibt darin über das “schreckliche” Leben von Jungs in der heutigen Zeit: Jungs von heute – verweichlicht und verweiblicht

Dieser Text ist auf so vielen Ebenen falsch und zeigt unfreiwillig gleichzeitig auf, was das Kernproblem unserer Gesellschaft ist. Eine Gesellschaft, die im extremsten Fall Menschen wie Rodgers produziert. Menschen, die glauben, dass sie Frauen (und einigen Männern) überlegen sind und dass sie das Recht haben, über Frauen zu bestimmen. Wenn sie in ihrem angeblichen Recht beschnitten werden, steht es ihnen zu, ihren Hoheitsanspruch mit Waffengewalt zu verteidigen.

Schon der Titel von Bergmanns Text ist unsäglich dumm gewählt. Zum einen wird “verweichlicht” und “verweiblicht” in einen Satz gepackt. Im Grunde sagt er damit, dass alles Weibliche auch Verweichlicht ist. Wie kommt er auf die Idee? Weiblichkeit ist Weiblichkeit und Weichheit ist Weichheit, beides zusammen ergibt überhaupt keinen Sinn.

Und ein weiterer Aspekt stößt mir immer wieder auf: Was ist Schlimm an Weiblichkeit? Was ist Schlimm an Weichheit? Bergmann macht schon im Titel deutlich, dass diese beiden Charakteristika schlecht und für kleine Jungs schädlich sind. Ein what the fuck ist das Zurückhaltenste was ich zu so einer Aussage äußern kann.

Es widert mich zutiefst an, wie in unserer Gesellschaft Härte, Streitsucht, aggressives Auftreten, Angeberei, Skurpellosigkeit, Dominanz und Selbstdarstellung verherrlicht und vor allem grundsätzlich mit “Männlichkeit” asoziert werden. Ebenfalls wunderbar passend zu den Geschehnissen in den USA und ebenfalls in der Welt, diesem Onlinemagazine der selbstverliebten Dummheit, erschien von Frank Schmiechen ein Artkel über echte Männer.

Ohne Ironie, Witz oder nur einen Funken Selbstironie schreibt Schmiechen Schleicher, dass “echte” Männer eben Regeln brechen und verfassungswidrig doppelt wählen, zu schnell fahren oder öffentlich urinieren.

Ernsthaft? Echte Männer sind Personen, die Menschen gefährend, weil sie zu selbstgefällig sind, um sich an Verkehrsregeln zu halten? Menschen, die Gesetzte brechen, weil sie meinen, dass sie darüber stehen und ihre Wahlstimme doppelt zählt? Und “echte” Männer sind unappetiliche Idioten, die einfach irgendwo hinpissen?

Wenn ich meinen Sohn so erziehe, dass er als Erwachsener genau diese Dinge nicht macht, sondern zivlisiert seine Meinung äußert, mit Argumenten Regeln ändert, durch Sprache und Handeln Menschen überzeugt und wenn er demütig ist und sich nicht für das Zentrum der Welt hält, habe ich dann meinen Sohn verweiblicht und verweichlicht und zu einem unglücklichen Menschen erzogen? Ich wage das zu bezweifeln.

Aspekte wie Empathie, Wärme, Liebenswürdigkeit, Kompromissbereitschaft, Fleiß oder Sensibiltät werden grundsätzlich der Weiblichkeit zugeordnet. Und interessanterweise stets mit Schwäche und Minderwertigkeit in Verbindung gebracht. In unserer patriarchalen und kapitalistischen Welt werden diese Eigenschaften im besten Fall akzeptiert und bestimmten Lebensbereichen zugeordent: Erziehung, Umgang mit Pflegebedürftigen, Dienstleistung oder der Zuarbeit/Vorbereitung.

Bewundert oder gewertschätzt werden diese Eigenschaften eigentlich nie.

Und auch Bergmann findet nichts Gutes daran für einen zukünftigen Mann. Denn ein zukünftiger Mann – so Bergmann – braucht Wettbewerb, möchte der Bestimmer sein, Ängste überwinden, muss raufen, laut sein, bauen und gestalten.

Zwei Fragen drängen sich auf: warum müssen Jungs das und warum gilt das gleiche nicht auch für Mädchen?

Ich behaupte nicht einmal, dass es keine Unterschiede zwischen Frauen und Männern gibt. Aber die Bedürfnisse sind ähnlicher als einem ständig erzählt wird.

Als Kind – und zum Teil noch heute – wollte ich bestimmen, toben (es traut und traute sich nur keiner mit mir, außer meinem 8 Jahre älteren Bruder), Ängste überwinden, laut sein, bauen, gestalten und um die Wette rennen. Und als Mutter einer Tochter und eines Sohnes sehe ich trotz der Unterschiedlichkeit, dass beide Kinder im gleichen Maße wild, laut und neugierig sind.

Dass es heute eher unüblich ist, dass Kinder ganze Tage allein mit ihren Freunden im Wald verbringen, dass Schule viel zu viel Stillsitzen und viel zu wenig Freiraum bietet, dem stimme ich zu, aber darunter leiden Mädchen wie Jungen.

Anstatt zu erkennen, dass das Problem vielmehr in einer leistungsbezogenen Gesellschaft liegt, in der so viele Eltern unruhig werden, wenn ihre Kinder nicht früh genug Chinesisch und Englisch lernen, in der jeder ungerade Lebensweg der Kinder mehr Panik auslöst, als Bluemie oder Magersucht, macht Bergmann vermeintlich weibliche Aspekte* dafür verantwortlich.

Das ist gleichzeitig so böse, menschenverachtend und dumm, wie man es nur von einem Hassprediger erwarten kann. Meines Erachtens, waren es nicht Empathie, Wärme, Liebenswürdigkeit, Kompromissbereitschaft, Fleiß oder Sensibiltät, die Elliot dazu verleitet haben, sieben Menschen zu töten. Es war vielmehr das Gedankengut einer Gesellschaft, die immer wieder die Verantwortung für das Böse der “Weiblichkeit” zuordnet.

Frauen mögen mich nicht = ich habe das Recht sie zu erschießen
Weibliche Erziehung = Depressive, hyperaktive und kranke Jungen und Männer
Wahlbetrug, öffentliches Urinieren, Unfähigkeit Straßenregeln zu befolgen = echte Männer
Logik anyone?

*Absurderweise setzt Bergmann Leistungsdenken und weibliche Pädagogik ebenfalls in einen Sinnkontext. Dabei ist der Leistungsgedanke inklusive einer Leaderrolle sonst eindeutig der “Männlichkeit” zugeordent. Ich nehme an, er wollte seine Argumentation nicht durch Logik versauen.

Von guten Eltern

Als mein Sohn ein paar Monate alt war, kam meine Mutter nach Hamburg, um mir zu helfen, weil der Mann ein paar Tage geschäftlich verreist war. Sie klingelte und ich öffnete ihr verheult und völlig aufgelöst die Tür.

Ich war an dem Tag beim Arzt gewesen. Mein Sohn hatte mal wieder einen Schnupfen, der bei Babys wesentlich dramatischer wirkt, als er ist. Ich fühlte mich bei jedem Sprühstoß Nasenspray wie eine Dealermutti, die ihr Kind für immer von abschwellenden Nasenspray abhängig macht.

Der Arzt hatte meine Panik nicht gemildert, sondern noch einmal darauf hingewiesen, dass ich keinesfalls das Kind in meinem Bett schlafen lassen soll und holte eine Vielzahl von Forschungsarbeiten zum Thema plötzlicher Kindstod und Schlafsituation raus.

Das Problem war, mein Sohn weinte, wenn er krank war, viel und hörte eigentlich immer erst dann auf, wenn er nah an meinem Körper wär – auch nachts.

Um es anders auszudrücken, ich hatte die Wahl zwischen Schreien, plötzlichem Kindstod oder dem Wechsel des Arztes. Nachdem ich mich beruhigt hatte, entschied ich mich für Letzteres.

Bevor ich Kinder bekam, hatte ich – abgesehen von meinem Dasein als Au-Pair von Schulkindern – weder Erfahrung noch Interesse an Kindern. Mein beruflicher Hintergrund ist nicht pädagogischer, entwicklungspsychplogischer oder medizinischer Art. Ich bekam Kinder, weil der Mann und ich Lust auf Familie hatten.

Bereits in der Schwangerschaft kaufte ich Ratgeber und nach der Geburt kaufte ich weiter. Ich wäre bestens über Stillen, schlafen, Ernährung, Erziehung, Phasen der Entwicklung, Toilettentraining, Störungen, Abnehmen nach der Schwangerschaft und vielem mehr informiert gewesen, wenn die Bücher sich nicht gegenseitig widersprochen hätten und vor allem immer weit an meiner Lebensrealität vorbeigeschliddert wären.

Es gibt ein einziges Buch über (kleine) Kinder, das ich empfehlen kann. Kinder verstehen von Herbert Renz-Polster. Leider habe ich es erst gelesen, als ich einige Jahre später meine Tochter bekam. Was ich an dem Buch so schätze ist folgender Ansatz: weltweit gibt so viele verschiedene Konzepte von der richtigen Erziehung, vielleicht sollte man sich mal von dem optimalen Konzept verabschieden und entspannen.

Keine Ahnung ob Renz-Polster mit meiner Interpretation seines Buchs einverstanden wäre, aber mir hat es sehr geholfen: Ich entspannte.

Ein Glück, denn nur so kann ich den Kampf der Erziehungs-, Ernährungs-, und Daseinsratgeber und Meinunghaber ertragen, der sich nach wie vor immer wieder ungefragt in mein Leben spült.

Aktuell ist es ganz besonders Trend die sogenannte Helikoptereltern zu bashen. Eltern, die ihren Kindern die ganze Arbeit abnehmen, sie von der Welt abschirmen und sie so zu unfähigen, abhängigen und unglücklichen Menschen heranziehen.

Aber das sind Details, sicherlich wird in den nächsten Jahren eine andere Erziehungssau durch das Dorf getrieben.

Hintergrund für die ewigen Tiraden gegen angeblich schlechte Eltern und angeblich gestörte und unglückliche Kinder scheint mir – neben einer ökonomischen Motivation der Autoren und Verlage – der sadistisch-arrogante Wille, den Menschen wenigstens ein schlechtes Gefühl zu geben, wenn sie schon nicht die gleichen Erziehungsideale haben, die eine selbst ernannte Erziehungsfachkraft deklariert hat.

In nun sechs Jahren mit Kindern habe ich festgestellt, dass Erziehung keine klare Sache ist. Kinder sind keine Automaten, bei denen man nach dem Geldeinwurf eine Nummer wählt und ein Mars in den Schacht fällt.

Kinder machen schon ab einem sehr frühen Zeitpunkt sehr oft was sie wollen und für richtig halten. Das ist nervig, wenn man sie zum 10. Mal darum bittet, sich anzuziehen, aber sehr gut zu wissen, wenn man sich fragt, ob man an ihrer Erziehung nicht gerade scheitert. Denn auch bei einer mittelmäßigen Kindheit haben sie so aus sich heraus die Möglichkeit, ganz wunderbare Leute zu werden.

In den letzten Monaten feierten wir mehrere Kindergeburtstagspartys mit 6-10 Kindern. Dabei fiel mir immer wieder auf, wie angenehm die Freunde meiner Kinder sind: höflich, lustig, selbstständig, mit überraschend guten Manieren am Tisch und gleichzeitig laut und anarchistisch wild.

Ich finde, die Kinder in meiner Umgebung alle ziemlich fein und habe den Eindruck, dass es sich um angenehme Menschen von guten Eltern handelt.

Eltern, die womöglich andere Ideale, Erziehungsstile und Ängste haben als ich. Aber auch Leute, die ihre Kinder lieben und ihnen helfen wollen, sich in der Welt zurecht zu finden.

Meines Erachtens ist das ziemlich viel und nicht schädlich.

Die Verantwortung des Erziehens oder ich möchte mich für die großartige Betreuung meiner Kinder bedanken

Vor fast fünf Jahren brachte ich mein großes Kind zum ersten Mal in die Kita. Einen Kitaplatz zu bekommen war nicht einfach gewesen. Letztlich hatten wir großes Glück und erhielten die Zusagen für einen Platz in einer tollen Kita, in perfekter Lage, die dem Kind glücklicherweise ebenfalls gefiel.

Als jemand, der sich nur schwer vorstellen kann, einen Beruf zu ergreifen, der mit Kindern zu tun hat, danke ich jeden Tag den Erziehern* unserer Kita.

Sie machen ganz offenbar sehr gern ihre Arbeit und nehmen in Kauf, dass sie für einen sehr anstrengenden Beruf verhältnissmäßig wenig Geld bekommen. Erzieher erhalten ca. 1.200-1.700 Euro netto, wenn sie Vollzeit arbeiten.

Das Thema unverhältnissmäßige Bezahlung bei der Arbeit mit Kindern fiel mir immer schon auf. Das fängt bei der Hausfrau und Mutter an und geht weiter beim Thema Kinderfrau oder Babysitter.

Wenn ich mit anderen Eltern über die Entlohnung von Babysittern spreche, gilt ein Stundenlohn von mehr als 10 Euro als völlig überteuert und Wucher. Schließlich tun Babysitter ja nichts.

Zugegebenermaßen ist der Job abends wenn die Kinder schlafen, relativ einfach, aber was ist wenn der Babysitter tagsüber aushilft oder die Kinder ins Bett bringt? Kinder ins Bett zu bringen ist eine Aufgabe, an der regelmäßig viele Eltern scheitern. Alles nichts wert? Keine Arbeit?

Bei Erziehern kommt noch eine weitere Komponente hinzu: die Erwartungshaltung.

Es gibt überraschend viele Eltern die von der Kita Dinge fordern wie: Ein Verhältnis von Erzieher-Kind von 1 zu 4, Englisch- oder Chinesischunterricht oder gleich eine bilinguale Kita, biologisches Essen am besten selbstgemacht, keine Süßigkeiten, Vorschulunterricht für Kinder ab drei Jahren aber gleichzeitig darf das zarte Gemüt nicht überfordert werden.

Wenn die Eltern nachmittags die Kinder abholen, dürfen keine Spuren des Alltags (Schmutz, Flecken usw.) zu sehen sein und am liebsten bekämen sie zur Abholung ein ausführliches Debriefing. Das alles sollte natürlich nichts kosten.

Vor vielen Jahren als Au-Pair habe ich immer wieder festgestellt, mit welcher Selbstverständlichkeit Menschen über mich verfügen und ihnen die Wahrung jeder Distanz verloren geht.

“Du kümmerst Dich um Kinder? -Wunderbar, dann kann ich Dich ja auch gleich duzen, Dich um etwas bitten und Dich nach persönlichen Dingen fragen.”

Diese Distanzlosigkeit stelle ich auch (bei mir selbst) gegenüber den Erziehern meiner Kinder fest.

Und trotzdem werde ich nach wir vor freundlich begrüßt und was eigentlich noch viel wichtiger ist, meine Kinder werden ganz wunderbar betreut.

In unserer Kita gibt es zwar keinen Arbeitskreis Tolstoi und kein Kinder-Hata-Yoga aber Ausflüge zur Feuerwehr und in den Zirkus, es wird viel gesungen, ständig ist sogar die Bildermappe des maluninteressierten Kindes voll, es wird geturnt, gebacken und vor allem gespielt. Das alles in einer ausgesprochen angenehmen Atmosphäre sowohl unter den Kindern als auch mit den Erziehern.

Mit nur zwei Kindern zu Hause, habe ich immer wieder das Gefühl, dass eine gute Familiendynamik das schwierigste Element des Alltags ist.

Die Stimmungen von Eltern und Kindern unter einen Hut zu bringen, das richtige Maß an Abgrenzung, Selbstkontrolle und Gemeinschaft zu finden, ist immer wieder eine Herausforderung.

Natürlich erledigen sich viele Dinge in einer großen Gruppe von selbst aber es bleibt eine unglaubliche Leistung, auf die Bedürfnisse, die Vorlieben, die Eigenheiten und die ständig wechselnden Allianzen und Konstellationen einer ganzen Kindergruppe einzugehen.

Und das alles unter erschweren Bedingungen. Während Bauarbeiter Ohrenschützer gegen Presslufthammerlärm tragen, wäre es fatal, würden sich Erzieher ihre Ohren zustöpselten.

Ganz zu schweigen von den körperlichen Herausforderungen. Wer mal einen Elternabend auf Kinderstühlen sitzend verbracht hat, ständig kleine Kinder auf Wickeltische hievt oder wem ein Kind ohne Vorwarnung auf den Rücken gesprungen ist weiß, dass man bei diesem Job im Grunde die orthopädische Betreuung eines Spitzensportlers benötigt.

Und wer Piloten oder Fluglotsen dafür bewundert, dass sie selbst in stressigsten Situationen eine kühlen Kopf bewahren und schnell Lösungen finden, der sollte Hochachtung vor Menschen haben, die gleichzeitig zwei Kinder trösten, einen Trotzanfall begleiten, zwei Kinder mit gar nicht duftenden Windeln frisch machen, während nebenbei fünf Kinder lautstark fangen spielen. Und dabei pampen sie – wie ich leider viel zu oft – die Kinder nicht einmal an.

Ganz zu schweigen von der steten Bewunderung für Menschen in verantwortungsvollen Positionen. Menschen, die Firmen oder Länder führen, erhalten – mehr oder weniger zu Recht – viel Respekt und gute Entlohnung.

Offensichtlich gilt die Erziehung der nächsten Generation als wenig verantwortungsvoll. Nur so kann ich mir erklären, dass der Beruf der Erzieherin oder des Erziehers so wenig Ansehen hat und so gering entlohnt wird.

Hoffentlich bin ich nicht die Einzige, die das schade und falsch findet.

*Ich spreche im Text von Erzieher (Singular) oder Erziehern (Plural) und meine das als allgemeine Berufsbezeichnung. Mir ist durchaus bewusst, dass die meisten Erzieher Erzieherinnen sind aber ich fand die obige Bezeichnung am adäquatesten um beide Geschlechter anzusprechen.

Lieblingskindermedien 5 Plus 1 – Gemischte Auswahl

Kindermedium

Dasnuf hat mir vor einiger Zeit ein Stöckchen zugeworfen, auf das ich bzw. meine Kinder nun endlich reagieren möchten. Die schöne Idee kam von Percanta.

Ich habe das Stöckchen aus Gründen etwas abgewandelt und habe meinen Sohn (5 Jahre) und meine Tochter (3 Jahre) nicht nur jeweils nach ihrem Lieblingsbuch, sondern auch nach ihrer Lieblingsapp und nach ihrem Lieblingsfilm befragt.

Bücher

Nele Moost (Text) und Annet Rudolph (Zeichnung) Alles erlaubt? Oder immer brav sein – das schafft keiner!
Das Lieblingsbuch vom Sohn: Ich finde eine Stelle so lustig. Da sagt der Rabe ganz oft “Bitte-Danke” und dann “Bitte-danke sonst knallt’s”. Und weil der Rabe sich in eine Schüssel mit Tomatensauce setzt.

Hans de Beer Kleiner Eisbär komm bald wieder!
Das Lieblingsbuch von der Tochter: Der Bär fährt ganz weit weg. Mit einem Schiff. Eine Katze ist sein Freund. Mhm, zwei Katzen. Also zwei Freunde.

Apps

Tom & seine Freunde und Unterwegs im Tomland
Lieblingsapp vom Sohn: Weil Tom so nett ist und ihm jeder helfen mag.
(Kleiner Hinweis der Mutter: weil Dirk Bach alle Rollen spricht und weil beide Apps unheimlich liebevoll gemacht sind.)

memory
Lieblingsapp von der Tochter: Mama, guck ich habe zwei Bobbycar.

Kinderfilme (im weitesten Sinne)

Wickie und die starken Männer: Der Wettlauf
Lieblingsserie vom Sohn: Wikie ist ganz schlau und ein Wikinger. Und er macht immer so (er zeigt das Nasereiben) wenn er nachdenkt. Ich mache das nicht aber ich kann auch gut denken.

Feuerwehrmann Sam – Die Kompeltte Staffel
Lieblingsserie von der Tochter: Ich will Sam gucken. Wikie ist langweilig. Nemo ist langweilig. Ich will Sam gucken.
(Kleiner Hinweis der Mutter: Es gibt eine Serie mit animierten Puppen und eine gezeichnete Version. Wir bevorzugen eindeutig die Puppenversion, sie ist irgendwie gemütlicher.)

Ich glaube alle kinderhabenden Blogger meiner Filterbubble sind bereits durch mit dem Stöckchen oder haben zumindest schon eins gefunden. Daher werfe ich nicht weiter, freue mich aber über jeden, der es aufgreift.