Vielfalt ist keine Hierarchie

Im Gegensatz zum Mann bin ich ein Fernsehanalphabet. Wenn wir zusammen Filme, Serien oder Shows gucken, erkennt er die gealtersten und operiertesten Schauspieler wieder. Er weiß, mit welchen Serien oder Filmen ihre Karriere begann und kann sogar noch die Titelmelodie des jeweiligen Formats singen. Zuweilen kann er sogar ausführlich über Entstehung, Anzahl der Staffeln, Zuschauerzahlen, Skandale oder Spin-Offs dieser Sendungen berichten.

Hätte ich nicht auch Bereiche, in denen ich mit unnötigem Fachwissen glänzen könnte, wäre ich eingeschüchtert. So bin ich meist beeindruckt und manchmal auch interessiert.

Ich bin fernseharm aufgewachsen. Den ersten Fernseher hatten wir, als ich bereits in der Schule war. Unsere Untermieterin war gestorben und vermachte uns einen Schwarz-Weiß-Fernseher. Den bekam mein 8 Jahre älterer Bruder und verschleppte ihn in eine kleine Kammer unterm Dach. Dort nutze er ihn hauptsächlich als Monitor für seinen C64 (meine Eltern fanden Fernsehen zwar unwichtig, hatten aber eine Faible für Computertechnik und Kinofilme). Wenn überhaupt, konnte ich den Fernseher nutzen wenn mein Bruder nicht da war. Es kostete mich also einige Überwindung, als 8jährige die Treppen hoch zum dunklen und zugigen Dachbodenkämmerchen hochzuklettern, um Tom und Jerry zu gucken.

In der vierten Klasse zogen wir um und bekamen einen neuen Fernseher. Dieser war immernoch in den hintersten Teil des Hauses verbannt worden aber immerhin jederzeit zugänglich. Außer um 19 Uhr, da bestand mein Vater auf die Nachrichten. Zudem hatten wir nur drei deutsche, ein belgisches und zwei holländische Programme. Privatfernsehen lernte ich erst mit Mitte zwangig kennen, als mir ein Exfreund seinen alten Fernseher schenkte.

Einerseits habe ich damals nicht wirklich was vermisst, andererseits fehlt mir im fernsehkulturellen Bereich unglaublich viel Wissen.

Man kann natürlich sagen, dass es darum nun wirklich nicht schade sei. Dallas und Denver seien ohnehin der letzte Mist gewesen, von Tutti Frutti mal ganz zu schweigen aber ich habe nie viel von kulturellen Kanonisierung und Wertung gehalten.

Das Schlimmste an meinem musikwissenschaftlichen Studium fand ich die Borniertheit vieler Dozenten und Kommillitonen gegenüber sogenannter Unterhaltungsmusik, die im Gegensatz zur ernsten Musik nicht weiter zu beachten oder wertzuschätzen sei. Nicht selten saß ich in den Vorlesungen und dachte bei mir, dass es dem Fach nur Recht geschieht, wenn es irgendwann aus dem Fächerkatalog der Universität verschwindet, weil es mit dem ewigen Elfenbeinturmgehabe völlig an der kulturellen Realität vorbeiforscht.

Viel sinnvoller erschien mir ein Brückenschlag zwischen den heterogenen musikalischen Strömungen und keine verächtliche Wertung sogenannter profaner Musik.

Aber ich schweife ab.

Kanonisierung und Wertung von Kultur und unterschiedlichen Medien mag hilfreich sein, wenn man sein Leben als „1 Haus, 1 Frau, 2 Kinder und 1 Job“, „10 Autos die ich gefahren haben muss“, „10 Mal muss ich auf Mallorca gewesen sein“, „20 Mal auf Sylt“, „10 Klassiker der Literatur, die ich gelesen haben muss“, „Ich jogge jeden Tag um die Alster“ und „Am liebsten höre ich Klassikradio“ versteht.

Ansonsten empfehle ich vor allem das zu lesen, zu sehen und zu hören, was einem gefällt und vor allem wie es einem gefällt.

Denn das wie wird seit der Digitalisierung offenbar auch kanonisiert. Neulich las ich in der Kantine auf meinem iPhone ein Buch.

Kollege 1: Was ihr immer auf diesen iPhones spielt.
Ich: Ich lese.
Kollege 1: Ach so.
Kollegin 2: Auf dem iPhone lesen?!
Ich: Ja. Ein Buch.
Kollegin 2: Das könnte ich nicht. Das ist doch dann kein richtiges Buch.

Natürlich ist es eine persönliche Entscheidung, ob man seine Papierbibliothek auflöst, weil die letzten 20 Bücher ohnehin nur digital gelesen wurden oder ob man es sich mit einem Taschenbuch im Bett bequem macht. Aber die Fläche, auf der die Buchstaben stehen, verändert weder die Geschichte noch die Sprache.

Abgesehen davon, fragte ich mich, was daran schlimm gewesen wäre, wenn ich Bridge oder Tetris auf meinem iPhone gespielt hätte. Spielen ist nichts Böses. Meine Kinder spielen den ganzen Tag und entwickeln sich zu ganz wunderbaren Menschen.

Wenn ich über die aktuelle Wirtschaftkrise lese, habe ich das Gefühl, dass es besser gewesen wäre, wenn viele Beteiligte an ihrem iPhone Monopolie gespielt hätten, anstatt ganz real das Geld anderer Leute, Firmen und Staaten zu verzocken.

Jedenfalls ist bei uns nicht nur spielen sondern auch Computerspielen erlaubt.

Am Wochenende liegen die Kinder und ich morgens oft eine Weile auf dem Sofa. Die Kinder spielen auf dem iPad und ich lese auf meinem iPhone. Sie wissen welche Apps sie nutzen dürfen und teilen sich gern über neu gemalte Bilder, neue Spielstrategien, neu entdeckte Features eines Spiels usw. mit und aus. In diesen Situationen möchte ich immer die Kulturpessimisten zu uns einladen, die behaupten, man würde heutzutage nur noch stumm und stumpf vor dem Bildschirm hocken.

Zwar schimpfen die gleichen Kulturpessimisten heute weniger auf das Fernsehen – zuweilen habe ich das Gefühl, Fersehen würde sogar in bisher ungekannte Höhen gebeamt, weil es so viel weniger beängstigend qualitätsjournalistischer ist als dieses Internet – aber in den Köpfen vieler Eltern erscheint immernoch ein großes P beim Gedanken, die Kinder vor das Fersehgerät zu setzten.

Unser Sohn musste sehr früh sehr viel inhalieren. Dies ging allerdings nur, während die Teletubbies liefen. So wurde das abendliche Fernsehen zu einer Gewohnheit.

Wenn der Mann oder ich davon erzählten, schalteten wir immer automatisch den Erklärmodus ein. Zum einen weil wir selber unsicher waren, ob wir dem Kind nicht damit schaden und zum anderen weil wir oft genug in Schreck geweitete Augen blickten, in denen zu lesen war, dass wir uns so ADHS-Kinder im Quadrat züchten.

Oft wurden wir auch gefragt, warum wir ihm nicht ein Buch vorlesen. Als Eltern bekommt man viele unbrauchbare Ratschläge. Statt zu sagen, dass Vorlesen leider nicht funktionierte, hätte ich viel öfter sagen sollen:

Weil wir Bücher als schädlich für die Entwicklung unseres Kindes erachten.

Ich hätte wieder eine Bekanntschaft weniger aber auch einen gelungenen Spaß gehabt.

Bücher sind nämlich ganz oben auf der Kindererziehungspunkteskala. Mit Bücher kaufen, Bücher vorlesen, Bücher nacherzählen oder Bücher anmalen ist man immer auf der richtigen Seite der Kindererziehung.

Zuweilen habe ich den Eindruck, dass es nicht mehr lange dauert, bis man Bücher in die Gebärmutter schwangerer Frauen pflanzt, damit das gedeihende Kind beim Hören der klassischen Musik durch die Bauchdecke was zum Lesen hat.

Bücher sind toll aber eben auch nur eine Facette der medialen Vielfalt, die uns umgibt. Ich möchte, dass meine Kinder nicht nur kulturelle Haute-Cuisine, sondern alles von der Bratwurst bis zum Souffleé probieren. Etwas mehr Obst vielleicht als Schokolade aber vor allem ausgewogen und unterschiedlich.

Ich spiele nicht mit Kindern

Vor einiger Zeit traf ich nach Jahren eine amerikanische Freundin von mir wieder. Seit der gemeinsamen Schulzeit hatten wir jeweils studiert, geheiratet und Kinder bekommen. Wir saßen in Paris in einem Touristen-Doppeldecker-Bus, genossen den Ausblick und sonnten uns. Dann drehte sie sich zu mir um, kam mir etwas näher und fragte leise: „Are you the Fun Parent?“ Ehrlich antworte ich: „No.“ Sie strahlte mich an „Me neither.“

Nur kurze Zeit später bestätigten meine Kinder meine Aussage. Mein Sohn unterhielt sich mit dem Mann, dachte kurz nach und sagte: „Papa, ich weiß, warum Du die Mama geheiratet hast. Weil Du der Einzige sein möchtest, der lustig ist.“

Journelle
@journelle
Heute am Frühstückstisch gerülpst. Ein nie gekanntes Leuchten in den Augen meiner Kinder gesehen.

Entsprechend war dieser Tweet auch keine Koketterie, die Kinder lachen wirklich selten über mich. Sicherlich bin ich nicht das schlechteste Exemplar Mutter aber ich habe keinen Kinderhumor und ich spiele nur widerwillig mit Kindern.

Einfach weil ich es meist langweilig finde. Ich möchte nicht Feuerwehrmann Sam sein oder Penny oder ein Tiger oder eine Figur aus Star Wars. Ich hocke auch nicht gern auf dem Boden rum und ich nehme die selbst gekochten Luftgerichte meiner Kinder nur an, weil sie mich dabei so niedlich ansehen und danach zufrieden weiterspielen.

Jedenfalls schaue ich immer bewundernd auf Eltern, die stundenlang mit ihren Kindern spielen, die auf dem Boden rumkrabblen, auf sich reiten lassen und offenbar Kinderhumor verstehen und anwenden können. Ich bin eher eine verkuschelte Frau Rottenmeier.

Selbstverständlich plagt mich stets ein schlechtes Gewissen. Selbst Jesper Juul, der zunächst auch keinen Zugang zur Spielwelt seines Kindes hatte, hat sich irgendwann neben seinen Sohn gesetzt und ihn gebeten, ihm zu zeigen wie man spielt.

Dabei will ich das gar nicht wissen, ich möchte viel lieber etwas lesen oder mich mit anderen Erwachsenen unterhalten, während sich die Kinder allein oder miteinander beschäftigen.

Da ich also nicht gewillt bin, Spielen zu lernen aber gleichzeit gern mit meinen Kindern Zeit verbringe, habe ich versucht, Lösungen zu finden, mit denen wir alle zufrieden sind.

Beispielsweise gehe ich mit den Kindern gern ins Café. Dort trinken sie dann Milchschaumgetränke, bestellen für mich einen zweiten Cappuccino, dürfen mit meinem iPhone Fotos und Filme machen und anschauen und zum Schluss schreibe ich ihnen einen Zettel, gebe ihnen 10 Euro in die Hand und habe fünf Minuten Zeit zur freien Verfügung, während die Kinder bezahlen.

Oder wir gehen in den Zoo. Während ich mir keine Sorgen um den Straßenverkehr machen muss, rennen sich die Kinder müde, ich erzähle ihnen zum 15. Mal wie sich ein Nasenbär in freier Wildbahn auf meinen Schoß gelegt hat und nicht mehr aufstehen wollte, wir füttern ein paar Elefanten und fahren mit der Märchenbahn. Im Laufe der Fahrt fasse ich Märchen zusammen und wir werden in einigen Jahren wissen, ob meine despektierliche Haltung Prinzen gegenüber Früchte getragen hat.

Früher sind wir auch häufig auf Spielplätze gegangen. Aber mit der Zeit wurde mir da der soziale Druck zu groß. Die Kinder wollten dann auch nicht mehr nur im Regen oder ab einer Temperatur unter 8 Grad dorthin gehen.

Auf dem Spielplatz war ich nämlich immer die Mutter auf der Bank mit dem Smartphone in der Hand. Ich las allerlei spannenden Texte, manchmal auch Bücher, während die Kinder spielten. Ab und an trösete ich ein Kind, wies darauf hin, dass die Schaufel/der Ball/der Eimer zurückzugeben sei, weil sie uns nicht gehören und hätte entspannt sein können.

Aber ich meinte verächtliche Blicke wahrzunehmen. Blicke die mir das Gefühl gaben, eine internetsüchtige (richtig) schlechte (falsch) Mutter zu sein. Möglicherweise fanden diese Blicke nur in meinem Kopf statt aber so viele Mütter (und wenige Väter) standen im Sand, halfen, hoben, jauchzten und klatschten.

Und würde ich mich über diese Eltern jetzt lustig machen, wäre ich eine ziemlich blöde Kuh. Denn wenn eine Mutter oder ein Vater im Sand stehen möchte, um die Kletter- und Rutschkünste ihres Kindes zu bewundern und es mit Grimassen, Klatschen und guter Laune zu motivieren dann ist das eine gute Sache.

Nur ich möchte das nicht. Ich habe erlebt, wie Schuhe durch Sand zerstört worden, ich haben neben Hängebrücken gestanden und mir gewünscht, stattdessen z.B. einen Blogeintrag von Sandra Smilla Dankert zu lesen.

Natürlich weiß ich nicht, ob das der richtige Weg ist und ob meine Kinder mir nicht irgendwann vorwerfen, dass ich – außer Rummicub – nie mit ihnen gespielt habe. Und ich würde auch nicht auf die Idee kommen, das Verhalten anderen Eltern zu empfehlen.

Bei den meisten Erziehungstipps und Büchern habe ich ohnehin immer das Gefühl, dass die eigenen Vorstellungen der Autoren (pseudo-)wissenschaftlich ausgebreitet werden. Im Sinne von trau keinem Erziehungsratgeber, den Du nicht selbst gefälscht hast.

Letztlich denke ich, dass es nicht falsch sein kann, ehrlich zu sich zu sein und dann Wege zu finden, auf denen alle auf ihre Kosten kommen.

Kindsglücklich

Irgendwie bin ich in letzter zeit ständig über die Frage gestolpert, ob Kinder glücklich machen. In der vorvorletzten Nido zum Beispiel (wobei die Frage dort als Aussage mit Ausrufezeichen gestellt wurde).

Neulich meinte ich zum Mann, dass die Frage doch völlig am Thema vorbei sei. Der Mann, der deutlich wohlwollender der Menschheit gegenübersteht als ich, meinte, dass ich zwar Recht hätte, er gleichwohl die Frage danach gut verstehen kann.

Am Anfang meines Kinderwunsches stand jedenfalls das Bedürfnis nach Reproduktion.

Daher finde ich auch immer das Argument, Kinderlose seien egoistisch total absurd. Kinder bekommen ist genauso egoistisch.

Wenn man sich unsere kleine Erde mal anschaut ist es wohl das Letzte, was sie braucht mehr Menschen und wenn wir aussterben, wird sie wohl maximal einmal laut rülpsen. Von der Relevanz des Menschen in Hinblick auf das Weltall möchte ich gar nicht erst sprechen.

Kinder in die Welt zu setzen ist ein einziger Egotrip. ‚Krönung unserer Liebe‘ bedeutet doch nichts anderes als ‚wir finden uns so geil, wir wollen die Welt mit unseren Genen bevölkern‘.

Die Frage nach dem Glück stellt sich meist aber erst, wenn sie da sind. Der Reproduktionsteil ist am Einfachsten.

Dieses Erziehungsdings und die Hilfestellungen, die zu leisten sind, damit die kleinen Nacktmolche zu freundlichen, reflektierenden, lustigen Menschen mit (Selbst)Ironie werden, machen am meisten Arbeit.

Und da kommt Paul Watzlawick ins Spiel. Meine Mutter, die ein großer Fan von ihm ist, erzählte mir mal, dass er sich sehr über das amerikanische Schulsystem aufgeregt habe. Dort würde den Schülern nämlich verkauft, dass Schule Spaß machen würde.

Wenn sie nun in der Schule sind und feststellen, dass Schule zur Vermittlung von Wissen aber nicht zur Unterhaltung und zum Amüsement da ist, sind sie enttäuscht. Viel ehrlicher wäre es doch gleich klar zu machen, dass Schule etwas ist, was sich vor allem einmal nicht vermeiden lässt. Diese Einstellung ist deutlich weniger enttäuschend.

Früher ließen sich Kinder nicht vermeiden. Sie kamen oder sie kamen nicht. Die Frage nach dem persönlichen Glück durch Kinder wurde nicht gestellt, Kinder galten höchstens als Segen.

Heute kann man wenigen Menschen glaubhaft vermitteln, dass man aus Versehen ein Kind bekommen hat. Das heißt, ab dem Moment in dem man schwanger ist oder zur Schwangerschaft beigetragen hat, ist man in einer Rechtfertigungsposion. Die Schwangerschaft ist heute das Statement, dass man sich bewusst für ein Kind entschieden hat.

Und Voilà sind wir in der Spaß/Glück/Fun/Happyness-Bullshitfalle. Denn wenn ich bekomme, was ich mir gewünscht habe, muss ich auch glücklich sein. Freu Dich Du Sau!

Dabei ist nicht unbedingt die Umwelt das Problem, wir selber sind es genauso, schließlich wollten wir ja das Kind und auf einmal hat man Schwangerschaftstreifen, einen Wabbelbauch, ein brüllendes Kind, einen genervten Ehemann, ein minimales Sexualleben und das Nervenkostüm von Mariah Carey.

Und das wird auch erstmal nicht besser. Irgendwann können die Kinder zwar laufen und sprechen, dann brüllen sie nicht mehr aber sie finden andere Wege weiterhin große Mengen Energie, Nerven und Geld aus ihren Eltern zu saugen.

Und während man also wie ein ausgesaugter Zombie zur Arbeit trottet, die Augenringe mit Concealer verbirgt, teure Vitamine schluckt in der Hoffnung, sie würden wenigstens ein wenig der Energie zurückgeben, sich übernächtigt mit Problemen rumschlägt, vor denen man sich bestens erholt gefürchtet hätte, verlangen wir auch noch von uns, gefälligst glücklich zu sein.

Und da das meist nicht klappt, sind wir enttäuscht.

Fakt ist, ich renne nicht wie ein Honigkuchenpferd durch die Gegend und kreische vor Glück aber ich bereue meine Entscheidung auch nicht, Kinder in die Welt gesetzt zu haben. Und das nicht weil Sie mir so viel geben, oder weil sie so niedlich sind wenn sie schlafen, sondern einfach, weil ich Lust auf die Erfahrung habe, mit dem Mann zusammen Kinder großzuziehen.

Vor vielen Jahren war ich einmal in einen Brasilianer verliebt. Als dieser mit einem Stipendium für einige Monate nach Taiwan ging, brachte ich mein gesammeltes Kleingeld zur Bank, nutze meine Dispo und buchte einen Flug nach Taipeh.

Ich verbrachte zwei Wochen mit ihm, war danach unsäglich verliebt und malte mir aus, wie er nach Deutschland kommt und mir jeden Tag was vortrommelt (kein Schmuddelwitz hier, er war Perkussionist). Er blieb natürlich bei Frau und Kind in Brasilien und ich hatte wohl den größten Liebeskummer meines Lebens. Irgendwann kam ich natürlich darüber hinweg, aber diese Erfahrung hat mich nicht zum besseren, härteren, schöneren, klügeren oder weiseren Menschen gemacht. Es war einfach nur ein spannendes Erlebnis und darauf möchte ich nicht verzichten.

Neulich habe ich ein Interview mit Margarete Mitscherlich gelesen. Für mich war die Quintessenz dieses wirklich wunderbaren Interviews, dass man sich im Alter alles verzeiht und höchstens traurig darüber ist, etwas nicht gemacht oder erlebt zu haben.

Irgendwann habe ich die Entscheidung getroffen, ‚Kinder haben‘ zu erleben.

Nicht mehr, nicht weniger, keine Pointe.

Von verlorenen Fäden und guten Süchten

Während der frühen Adoleszenz verbrachte ich viel Zeit mit meiner Freundin Sonja. Sonja war buchsüchtig. Ich habe vorher aber auch seitdem keine Person kennengelernt, die so viele Bücher gelesen hat. Sie las eigentlich immer. Das machte mir nicht so viel aus, weil ich auch gern viel las und weil wir meisten bei ihr zu Hause waren.

Sie hatte nämlich drei Geschwister, zwei Katzen und auch die Haushälterin und die Mutter waren sehr nett. Regelmäßig kam Besuch und es gab viele Süßigkeiten. Wenn ich also nicht mehr lesen mochte, amüsierte ich mich andersweitig.

Unsere Freundschaft litt also nicht unter ihrer Buchsucht und auch die Eltern störten sich nicht allzu sehr daran, dass ihre Tochter am literarischen Tropf hing, solange sie beim Essen die Lektüre weglegte. War die Haushälterin da, durfte sie allerdings auch während des Essens lesen.

Ihre Lehrer waren natürlich auch sehr beeindruckt und soweit ich weiß – unser Kontakt verlor sich aus verschiedenen undramatischen Gründen in der späten Adoleszenz – machte sie einen guten Schulabschluss, lebte mehrere Jahre im Ausland und ist heute Ärztin und mehrfache Mutter.

Sonjas Buchsucht hatte also keinen negativen Einfluss auf ihr gesellschaftliches Leben.

Neulich saß ich – bekennend internetsüchtig – auf dem Spielplatz, die Kinder spielten ruhig und entspannt und ich nutzte die Zeit, um auf meinem Handy meiner neuesten Leidenschaft zu fröhnen und Quote.fm zu durchstöbern.

Es war unglaublich, welche bösen Blicke mich trafen. Hätte ich dort mit einem dicken russischen Roman gesessen, die Situation wäre eine andere gewesen aber so blickten mich die Mütter kopfschüttelnd an.

„Tz, diese Mütter, die immer auf ihren Smartphones rumspielen, dem Jugendamt sollte man das melden!“

Ich erwartete jeden Moment, dass mir jemand eine Plastikschaufel über den Kopf zieht.

Es wundert mich immer wieder, wie – besonders von Eltern – Medienkonsum je nach Medium ganz unterschiedlich bewertet wird. Und wenn es direkt ihre Kinder betrifft, würden sie am liebsten alles ab- und ausschalten. Lediglich bei Büchern bekommen sie einen verklärten Blick, wenn die Kleinen konzentriert Feuerwehr- oder Ponyliteratur studieren.

Auch ich glaube, dass es einen Unterschied gibt, ob man sein Kind stundenlang vor den Fernseher oder ein Tablet-PC setzt oder ob es sich mehrere Bücher anschaut oder diese vorgelesen bekommt.

Allen gemein aber ist, dass es sich um Medien handelt. Und Medien ermöglichen einem, sich in andere Welten zu begeben. Ich meine mit Welten nicht unbedingt Mittelerde, sondern einfach eine andere Perspektive als die eigene.

Diese kann man in „Sam der Feuerwehrmann“ genauso finden wie in der „Pipi Langstrumpf“, in Haruki Murakamis „Wilde Schafsjagd“, genauso wie im „Tatort“ oder einer animierten „Wimmelbuch-App“, auf einem Bild von Rembrandt genauso wie auf einem Foto von Robert Mapplethorpe, von den verschieden Online-Lebenswelten mal ganz abgesehen.

Erzählte Geschichten, Bilder, Bücher, Theater, Kinofilme, Fotografien, Radio, Fernsehen, Magazine, Blogs usw. funktionieren, weil es uns Spaß macht, uns darauf einzulassen und weil wir uns automatisch mental in die Situation begeben, uns für sie interessieren und mehr darüber erfahren/lernen möchten. Das ist eine großartige Fähigkeit und wir sollten dafür dankbar sein und sie sinnvoll nutzen anstatt uns über gute und schlechte Medien zu streiten.

Etwas unfreiwillig habe ich auch mit meinen Kindern experimentiert. Als ich anfing wieder zu arbeiten hatte ich anfangs – bis ich um 7 Uhr das Haus verließ – meine Ruhe. Während ich für die Familie das Frühstück machte, schaute ich das Morgenmagazin. Irgendwann fingen die Kinder an, mit mir aufzustehen. Ohnehin nicht ganz glücklich mit der Situation beschloss ich, nicht auch noch auf meine morgendliche Ration Nachrichten zu verzichten.

Meine Tochter interessiert sich grundsätzlich nicht für Fernsehen, aber mein Sohn fand das alles sehr spannend. Im Rahmen unseres gemeinsamen Fernsehens setzte er sich mit Themen auseinander, die sein Leben sonst weniger betreffen.

Er lernte, dass Schiffe umkippen können, weil sie sich durch Felsen ein Leck gerissen haben, er kennt sich nun hervorragend mit den europäischen Wetterströmungen aus und kann in Ansätzen erklären, was ein Tsunami und eine tektonische Platte ist. Ihm gehen morgens jedenfalls weder Fragen noch Gesprächthemen aus.

Medien sind nicht schlecht, verantwortlich ist man nur für ihre Nutzung. Und wenn Mediensucht bedeutet, dass ich mich für die Perspektive anderer Leute begeistere, dass ich Dinge außerhalb meines alltäglichen Radius kennenlerne, dann kann ich mir wesentlich Dramatischeres vorstellen.

Und wenn ich gedanklich nicht so abgedriftet wäre, stünde hier ein Blogeintrag über meine Begeisterung für Quote.fm.

Welche Blogs ich lese und warum: Haben auch Kinder

Muttiblogs haben in etwa den Coolness-Status einer Dauerwelle. Und zugegebnermaßen bin ich auch kein großer Freund der klassischen Muttiblogs. Maßgeblich liegt das wohl an meiner Abneigung für Kosenamen, vor allem in geschriebener Form.

Die Zugriffszahlen einiger Muttiblogs (Mama Miez’Blog zum Beispiel) sind allerdings ausgesprochen beeindruckend. Außerdem glaube ich, dass mehr Menschen/Frauen/Mütter durch Muttiblogs einen Zugang in die Blogosphäre finden, als durch die klassischen medien- und computeraffinen A-Blogs.

Mein Dilemma – einerseits als Mutter gern auch Blogeinträge rund um Kinderkacke, Trotzanfälle während der Weihnachtsmesse und Luftröhrenschnitte wegen verschluckter Legomännchen zu lesen und andererseits Blogs zu mögen, die einen ironisch-distanzierten Blick auf ihre Umwelt haben, die toll geschrieben und polythematisch sind – konnte ich glücklicherweise lösen:

Das Nuf las ich schon, als sie noch mit Hausstaub experimentierte. Und ja, ich bin ein Nuf-Fan, ich finde fast alles beklatschenswert was sie schreibt. Und dass sie Kinder im Alter meiner Kinder hat und darüber bloggt, ist ein glücklicher Zufall.

Die fröhlich absurde Darstellung von völlig harmlos wirkenden Alltagsgegenständen, wie zum Beispiel einer Whirlwanne, oder harmloser Themen, wie z.B. Katzen im Internet, kenne ich so nur vom Nuf.

Das Nuf beweist, dass der Alltag (mit Kindern) genauso spannend und aufregend ist, wie die Besteigung des Mount Everest oder die Überquerung des Atlantiks auf einem Drahtseil. Artikel über Kinderernährung oder ein Bericht über einen Familienausflug aufs Land würden ich beim Nuf auch lesen, wenn ich Kinder nicht leiden könnte.

Genauso wie sie die Tiefsinnigkeit des Alltags herausfiltert, kann sie im Tiefsinnigen auch das Alltägliche herauskitzeln und schreibt wunderschön über Glück oder über ihre schwere Internetsucht.

Die Tatsache, dass das Nuf dieses Jahr als Jurorin bei den BOBs ausgewählt wurde, ließ mich spontan eine Champagnerflasche öffnen (zugegebenermaßen bin ich stets dankbar für Gründe, dies zu tun).

Die Herzdamengeschichten von Maximilian Buddenbohm verfolge ich fast genauso lange wie das Nuf und auch seine Kinder sind ähnlich alt wie meine.

Bei Maximilian Buddenbohm bin ich immer wieder von der unglaublich hohen Qualität der Blogeinträge überrascht. Die Heterogenität der Blogosphäre macht in der Tat einen großen Reiz aus, sie führt aber auch öfter dazu, dass Menschen bloggen, deren Schreibstil nicht unbedingt schriftstellerisches Niveau hat (das ist keine Klage, sondern eine neutrale Feststellung).

Offenbar war ich nicht die Einzige, die das immer schon sehr beeindruckt hat, denn Herr Buddenbohm hat mittlerweile 4 Bücher geschrieben und veröffentlicht. (Und ich frage mich ständig etwas neidisch, wie viel Disziplin und wie wenige Schlaf man braucht, um das Pensum der Familie Buddenbohm durchzuziehen, naja anscheinend braucht es vor allem viel Empathie.)

Bei den vielen im Blog wiedergegebenen Dialogen mit der Herzdame beziehungsweise mit seinen Söhnen gehe ich davon aus, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis er auch Drehbücher schreibt.

Außerdem kenne ich kaum jemanden, der den lakonischen Pathos so perfektioniert hat wie er. Dafür nehme ich mir selbst in der Hektik des Alltags Zeit, um verhältnismäßig lange Blogeinträge zu lesen, wie diesen über das Mantelmännchen.

Dann lese ich regelmäßig noch das Blog von MckMama. Vieles in diesem Blog entspricht nicht meinen religösen oder politischen Vorstellungen, ich habe für mich festgelgt, keine Bilder der Gesichter meiner Kinder online zu stellen und kann mir Homeschooling unter keinen Umständen vorstellen.

Ich lese sie trotzdem sehr gern, denn für mich resultiert die Begeisterung fürs Internet daraus, dass ich Zugang zu Welten bekomme, die nicht unbedingt viel mit meiner eigenen Lebenswelt gemein haben, gleichwohl aber sehr spannend sind.

MckMama hat fünf Kinder und erlebt mit Ihrer Familie in einem Jahr mehr als ich in den letzten 15 Jahren meines Lebens. Sie missioniert in Afrika, reist mit ihrer Familie im Wohnmobil quer durch Amerika, lebt von Fotokursen und großangelegten Familienfotoshooting, kocht gern, bewohnte mit ihrer Familie eine zeitlang eine Farm und unterrichtete ihre großen Kinder anfangs zu Hause.

Das Ausmaß der Dramen ist nicht weniger groß, seitdem ich sie lese, hatten sie oder die Kinder diverse Krankheiten, ein Sohn litt an einem schlimmen Herzproblem und vor kurzer Zeit haben sie und ihr Mann sich getrennt.

Oft klingt vieles für mich zu dramatisch, zu gut, zu unglaublich oder einfach zu viel. Aber ich habe mich dazu entschieden, das Blog zu genießen wie eine Serie. Eine Serie bei ich mitfiebern kann, bei der ich mich zuweilen in die Hauptdarstellerin einfühlen kann, bei der ich zum Beispiel etwas über Großeinkäufe mit 5 Kindern im Schlepptau lerne und bei der ich mich nicht selten sehr amüsiere.

Weiter geht es dann in ein, zwei, drei Tagen, Wochen oder Monaten mit der nächsten Kategorie “Stil”.

Einsatz von Lebensmitteln gemäß ihres Aggregatzustandes

Ich: Und? War es schön heute in der Kita zu frühstücken?

Sohn (3,5 Jahre): Ja. Aber Mama, du hast mir Birne eingepackt. Ich mag keine Birne. Bitte pack mir beim nächsten Mal keine Birne ein.

Ich: Oh entschuldige, das wusste ich nicht. (Pause) Aber warum trinkst du gerade Birnensaft, magst aber keine Birne essen?

Pause…Pause…Pause

Sohn (strahlend): Ich mag Zitroneneis aber ich esse doch auch keine Zitronen.