Wo ich verstande weed

Ich fahre bald wieder zum Karneval. Zeit für meine jährlichen Ode an Köln.

Es ist je nach Tagesform amüsant oder furchtbar zu sehen, wie sich Menschen echauffieren können, wenn sie sich an neue sprachliche Gewohnheiten gewöhnen sollen. Eine Person, die um ein Profx. als Ansprache bittet, hat in der Kommentarfunktion bei Faz, der Zeit und Spiegelonline in etwas die Sprengkraft einer Neutronenbombe.

Dabei beeinflussen Worte und ihre Konnotationen unsere Wahrnehmung. Vergleicht man unsere Reaktion auf “brünette Frau” und auf “dicke Frau”, sieht man das sehr deutlich.

Köln ist im Bereich positive Sprach(um)deutung geradezu genial.

Köln hat einen schönen Dom, den die Preußen nach vielen Jahren Baustopp zuende gebaut haben. Ansonsten fließt ein großer Strom durch die Stadt, die Römer waren da und nach dem 2. Weltkrieg hat man sich bemüht, keinesfalls die Augen der Einwohner mit ästhetischer Bauweise zu überfordern. Das Bier ist süffig und die rheinische Küche ist so wenig raffiniert, dass man sogar Käsebrötchen auf Menükarten im Restaurant findet. Die werden Halver Hahn genannt und schon klingt es, als könnte man satt davon werden. Das klappt in der Umsetzung ähnlich gut, wie von Kölsch betrunken zu werden.

Köln könnte genauso belanglos sein wie Neuss, aber die Realität sieht anders aus.

Wobei die Realität in Köln das ist, was man dafür hält.

Nehmen wir das (karnevalistische) Liedgut. Vor kurzem fragten mich zwei norddeutschen Freundinnen, die dieses Jahr erstmals mit zum Karneval kommen, ob ich sie musikalisch vorbereiten könnte.

Ich schickte ihnen eine kommentierte Linkliste, hier eine Auswahl:

Willy Millowitsch
Der Treue Husar. Husaren sind ein Thema bei Karneval, Treue eher nicht.

Bläck Föös
1970 gegründet, sehr berühmt und sehr beliebt in ganz Köln und das über ganze Generationen hinweg. Die Texte sind amüsant aber nicht platt, sozialkritisch aber nicht moralin.

In unsrem Veedel Eine Hymne, bei der kein Auge trocken bleibt. Die Leute im Viertel (Veedel) helfen einander und wir sind alle Freunde. Durch gemeinsames Schunkeln kann man das besungene Konzept der Verbundenheit nachspielen.

Drink doch eine met Eine weitere Hymne in der besungen wird, dass der Kölner sozial und mitfühlend ist und sich jeder in der Stadt aufgehoben fühlen soll. In Köln ist gemeinsamer Alkoholkonsum gleich Geborgenheit. Dank des geringen Alkoholgehalts von Kölsch und der kleinen Biergläser ist die Alkoholismusgefahr überschaubar.

Höhner
Gegründet 1972 und in meiner Wahrnehmung uncooler als die Bläck Föös und weniger politisch. Sie sind nach wie vor groß im Geschäft und man kennt sie deutschlandweit mit dem Lied für die Handball-WM:

Wenn nicht jetzt, wann dann

Hey Kölle do bes e Jeföhl Mein Lieblingslied von den Höhnern, spätestens an dieser Textestelle schießen mir Tränen in die Augen:

Do häss em Kreech fas’ mem Levve bezahlt,
doch se han dich widder opjestallt.*

Dat Hätz vun dr Welt Köln als Zentrum des Universums. Es offenbart sich schnell, der Kölner an sich hat kein Problem mit einer Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung.

Brings
Während meines Studiums, also so vor 13 Jahren, waren Brings der neue heiße Scheiß. Brings covert manchmal bekannte Melodien und Lieder, setzt einen schnellen Beat sowie gute und einprägsamen kölschen Text drauf. Funktioniert super.

Superjeilezick Der 1. Karnevalshit der Band. Die Melodie kommt von Those were the days.

Su lang mer noch am läve sin Ein großartiges Lied, das mich in meiner hedonistische Sicht aufs Leben bestätigt, weshalb ich immer sehr laut mitgröle.

Halleluja Wahrscheinlich jedes Kind im Rheinland war, wie ich, auf einer katholischen Grundschule. Insofern haben wir ständig irgendwas mit Halleluja gesungen. Kurzum: ich mag es, wie hier typisch für Köln, Religion und Weltliches pragmatisch miteinander verbunden werden.

Do häs jedach et Lääve hät ne Sinn
Alles weed jod, alles haut hin
Un häs do dann di Liehrgeld berappe müsse
Ejal wie deef do jefalle bes,
Wie ramponiert do widder küss
Nimm dir e Hätz un sing Halleluja**

Kasalla
Kenne ich kaum, ist aber wohl die jüngste (gegründet 2011) und aktuellste Karnevalsband.

Pirate Das klassische Thema: wild, betrunken und Köln ist super.

Wer bis hierher durchgehalten hat, findet womöglich auch noch raus, worauf ich hinaus möchte.

Obwohl es – außer dem Dom – auf den 1. Blick keinen Grund gibt, weshalb Köln aus den großen Mengen nordrhein-westfälischer Städte herausstechen sollte, besingen diese Lieder genau das Gegenteil. Köln wird zum Zentrum der Welt und gerade trotz der Widrigkeiten (kein schönes Stadtbild, kein gutes Wetter) als bester Ort auf Erden zelebriert.

Was mich daran aber am meisten begeistert und für mich der Beweis ist, dass Sprache viel (positives) bewirken kann und die Kölner wirklich toll sind, ist der inkludierende Charakter.

In Hamburg kann man sich als Hamburger bezeichnen, wenn man selbst und seine Eltern in Hamburg geboren wurden. Köln feiert den Mythos, dass jeder herzlich willkommen ist.

Ich weiß nicht, was die Hintergründe dafür sind, dass Köln Neuankömmlinge so gern aufnimmt. Vielleicht ist es bei Städten wie mit Kindern. Als Köln geboren wurde, waren die Rollen schon verteilt und Köln bliebt nur herzlich-einladende Überdrehtheit.

Vielleicht prägt es, von einer Besatzungsmacht gegründet worden zu sein, an einem Fluß zu liegen, der viel Neues anspült und aus dem Katholizismus vor allem die Schlußfolgerung zu ziehen, dass am Ende immer die Vergebung der Sünden steht.

Wieso auch immer, was zählt, ist dass beim Karneval jedes Jahr der Zusammenhalt der Menschen gefeiert wird, dass Neuankömmlinge herzlich aufgenommen werden und dass sich für eine paar Tage alle einig sind, am schönste Fleckcher zu sein.

Wie nach jedem Fest bleibt am Ende oft der Kopfschmerz. Trotzdem bleibt auch etwas übrig von dem besungenen Ideal einander zu helfen, dem armen, alten Mann in der Wirtschaft ein Bier auszugeben oder ein freies und wildes Leben zu führen.

Es schützt Köln zwar nicht vor (zugereisten) Hooligans, Kölschem Klüngel und einstürzenden Archiven aber in keiner anderen Stadt fühle ich mich so vorbehaltlos aufgenommen.

Vor vielen Jahren war ich Hospitantin an den Bühnen der Stadt Köln. Seit diesem traumatischen Erlebnis, verweigere ich das Theater im allgemeinen. Die Regisseurin (geboren in Bonn) verachtete das Kölner Publikum wegen seiner fröhlichen Überdrehtheit und ihrer Vergnügungssucht. Ich liebe Köln dafür.

*Frei übersetzt: “Du hast den Krieg fast mit dem Leben bezahlt, aber sie haben Dich wieder aufgebaut.”
** Frei übersetzt: “Du hast gedacht, das Leben hätte einen Sinn; Alles wird gut, alles haut hin; Doch Du hast Lehrgeld bezahlen müssen; Egal wie tief du gefallen bist; Wie ramponiert Du wiederkommst; Nimm Dir ein Herz und Sing Halleluja.”

Kein Haus aus Stroh

Vor einiger Zeit las ich im Italienurlaub einen Bericht über die Kostenexplosionen und Querelen rund um die Elbphilharmonie. In Italien schien mir das alles ganz besondes absurd. Die Popularität Italiens basiert – neben dem guten Essen – schließlich darauf, dass sich 70 Prozent, der von der Unesco als schützenswert eingestuften Bauwerke auf der 301.338 Quadratkilometer großen Halbinsel befinden (die prozentuale Angabe variiert je nach Text von 60-80 Prozent, ich habe mich hier mal für die goldene Mitte entschieden). Und diese sind sicher nicht durch Genossenschaftsprojekte gebaut worden.

Vor vielen Jahren fuhr ich mit meinem Bruder nach Mailand. Dort trafen wir Architektenfreunde von ihm und schauten uns zwei Tage lang Häuser und Friedhöfe an. Diese Reise ist mir in sehr lebhafter Erinnerung geblieben, denn ich fand Mailand selbst für italienische Verhältnisse ein Ort voller architektonischer Absurditäten. Beispielsweise der Torre Velasca. Dieser wurde in den 50er Jahren gebaut und ist eine Mischung aus einem mittelalterlichen italienischen Wehrturm und einem Hochhaus. The Telegraph hat vor kurzem eine Liste häßlicher Gebäude weltweit zusammengestellt und den Torre Velasca darin aufgenommen.

Man kann darüber streiten, ob das Gebäude wirklich so schlimm ist oder man es einfach mittels großer dunkler Sonnenbrillen ignoriert, aber es ist da und prägt Mailands Stadtbild.

Der Mailänder Dom ist ebenfalls von beeindruckender Größe und selbstverständlich ein Bauwerk, in dem die katholische Kirche voller Freude ihre Potenz und Macht in Stein manifestiert hat. Ich nehme an, dass es im 16. Jahrhundert keine besonders große bürgerliche Protestkultur gab, aber auch damals werden sich bestimmt einige Menschen gefragt haben, warum ein Symbol der Macht gebaut wird, wenn man mit dem Geld viel sinnvollere Dinge anfangen könnte.

Wahrscheinlich konnten nach Fertigstellung des Baus die kritischen Stimmen wieder gewonnen werden, indem man ihnen einen Spaziergang auf dem Domdach anbot. Als vergnügungssüchtige Rheinländerin war ich jedenfalls völlig aus dem Häuschen, auf dem Kirchendach prominieren zu können. Warum Paare, die sich auf dem Dach küßten, gerügt wurden, schien mir allerdings wenig plausibel. Aber dass die katholische Kirche als Institution nicht viel mit (Nächsten-)Liebe zu tun hat, ist auch nichts Neues.

Wenn man von Dachbesteigungen absieht und ganz rational die Sinnhaftigkeit von Bauprojekten betrachtet, kann man im Grunde nur zum Schluss kommen, dass eigentlich nur noch energieoptimierte Plattenbauten aus natürlichen, nachwachsenden Rohstoffen entstehen dürften. So wünschenswert es wäre, eine Umsetzung würde genauso gut funktionieren wie der Kommunismus, nämlich gar nicht.

Bei vielen Diskussionen wundert es mich aber immer wieder, dass die Bedürfnisse des Menschen so eindimensional dargestellt werden. Hamburg hat zum Beispiel viele Schulden, außerdem hohe Mietpreise, einen mittelguten Ausbau an Kindertagesstätten und eine an Inkompetenz unübertroffene Behörde für Verkehr und Straßenwesen. Sinnvoll wäre es natürlich, das Geld für eine Elbphilhamronie in andere Projekte zu stecken, die ganz aktuell deutlich mehr Personen betreffen.

Und obwohl mich Schulden, Mieten, Kitas und der Straßenverkehr konkret und persönlich betreffen, bin ich ganz begeistert von der Idee, dass Hamburg einen riesigen Konzertprachtbau direkt an der Elbe haben wird.

Wer jetzt auf mich zeigt und empört Widerspruch ruft, dem gebe ich recht. Ich bin ein wandelnder Widerspruch, wir alle sind es. Theoretisch würde ich nämlich Sport treiben, kein Fleisch essen, kein Auto fahren, politisch korrekten Sex haben, Strom sparen, Geld sparen, immer freundlich und höflich sein, Ausgeglichenheit zum Credo meines Lebens machen und nicht euphorisch klatschen, wenn nahe Familienangehörige pupsen.

Praktisch aber bin ich ein Persönlichkeitspotpourri. Ich kann gleichzeitig mehr Kita-Plätze fordern und mich für gigantomane, phallische, überteuerte, absurde, ästhetisch grenzwertige, ideologisch fragwürdige und gesellschaftlich nutzlose Architektur begeistern.

Architektur bereitet mir Freude. Manche Kirchen strahlen eine Erhabenheit aus, die mir Gänsehaut macht, kunstvoll gestaltete Räume können mich begeistern und Fresken verstehe ich als Wimmelbilder, bei denen ich mir alle Beteiligten von Vogel bis zum Ritter genau anschauen möchte. Protzig-vulgäre Paläste schaffen es immer wieder, mich in einzuschüchtern und gleichzeitig meine Prinzessinnenfantasien aus der Kinderecke zu holen. Die nächtliche Illumination des Eiffelturms – eine Gebäude, das die Hitliste nutzloser Gebäude anführt – ist für mich ähnlich spannend wie ein guter Film.

Architektur ist häufig genau das, was einem Ort Charakter gibt. Der Physiotherapeut meiner Mutter hatte vor vielen Jahren die Möglichkeit nach Amerika auszuwandern. Er hat abgelehnt, weil er wusste, dass ihm in den USA die alte (Bau-)Substanz fehlen würde. Wer einmal durch das urbane Amerika gereist ist, weiß, dass man zuweilen das Gefühl hat, im Kreis gefahren zu sein, einfach weil so viele Ort gleich angelegt sind und sich kaum voneinander unterscheiden.

Selbst Köln – eine Stadt, die wirklich nicht mit baulicher Ästhetik punkten kann – schafft es, dank des Doms, so zu tun, als wäre es hübsch. Ein einziger Prachtbau – im übrigen auch ein Paradebeispiel für Pfusch am Bau, schlechte Finanzierung und skandalöse Machenschaften – reicht offenbar aus, um das Bild einer Großstadt positiv zu prägen. Man muss diesen nur auf alles drucken und ständig besingen.

In den 70er Jahren gab es auch ein umstrittenes hamburger Bauprojekt, die Alsterschimmhalle. Statt den veranschlagten 24 Millionen D-Mark, kostete sie schließlich 33 Millionen D-Mark, außerdem war die Schwimmbahn am Ende viel zu kurz für Wettbewerbe und musste umgebaut werden. Ich bin mir auch sicher, dass vielen Hanseaten die Architektur viel zu modern und gewagt fanden. “Warum haben die Architekten sich denn nicht an der hübschen Architektur des Holtusenbads orientiert?” werden sich die ganzen Damen und Herren in ihren Ruder- und Hockeyclubs gefragt haben.

2004 wurde diskutiert, ob das Schwimmbad aus Kostengründen geschlossen werden sollte. Eine Bürgerinitiative verhinderte dies.

Der Lauf der Dinge.

2050 werden sich Mitglieder eine Bürgerinitiative bereit erklären, die Fenster der Elbphilharmonie mithilfe selbstgebastelter Paragleitern zu putzen, um Kosten zu sparen, damit der Konzertbetrieb nicht gefährdet ist. Einige davon waren 2013 gegen das millionenfressende Bauprojekt.

Es besteht für mich also kein Grund zur Sorge, gigantomane Architektur wird es weiterhin geben, bald sogar in meiner Stadt.

Wann wird’s mal wieder richtig Sommer – Warten seit 1975

In den 35 Jahren meines Lebens habe ich nur einige schöne Sommer erlebt. Die meisten davon, wenn ich in Südeuropa gelebt oder geurlaubt habe.

Verklärte Erinnerungen an traumhafte Sommer während meiner Kindheit habe ich nicht. Das mag unter anderem daran liegen, dass ich immer schon ein Stubenhocker war. Ich bevorzugte in meinem Zimmer Höhlen zu bauen, Lehrerin zu spielen oder mit Holzklötzen Wohnlandschaften für Barbie, Ken und Skipper zu entwerfen. Wenn ich draußen war, spielte ich meistens mit Matsch (weist auf Feuchtigkeit hin), tanzte in warmen Regenschauern (Regen!) oder spielte mit Freunden in überschwemmten Feldern (weist ebenfalls auf Feuchtigkeit hin).

Die Spielplätze meiner Kindheit waren geprägt von feuchtem, klebrigen Sand und gammelig riechenden Spielhütten. Keine Ahnung wo ihr gewohnt habt, aber in meiner Kinderheit gab es keine warmen, trockenen und sonnigen Sommer.

Je älter ich wurde, desto weniger interessierte mich das Wetter. Wir hatten ja keine Handys und so musste man zum Telefonieren ohnehin im Haus bleiben. Sport trieb ich im Schwimmbad oder im Ballettsaal und da wir so oder so von unseren Eltern mit dem Auto in die Disko (ja, so nennt man das bis heute auf dem Land) gebracht wurden und mit dem Taxi zurück fuhren, kamen wir nicht in Verlegenheit im Regen auf den Bus warten zu müssen.

Lediglich Grillen am und Schwimmen im Naherholungssee Lago Laprello (auch das kein Scherz, es gibt dort mittlerweile sogar ein Trauzimmer: “Wir haben uns am Lago Laprello ge-traut”) waren nur bei Sonnenschein wirklich empfehlenswert aber diese Nachmittage und Abende konnte man von Mai bis September an 2-3 Händen abzählen.

Während meines Studiums in Köln habe ich ein paar Mal an einem lauen Sommerabend unter der Südbrücke Bier getrunken, im Stadtpark gegrillt oder im Römerparkcafe die Morgensonne genossen. Das war immer sehr schön aber auch immer sehr besonders, weil der Sommer stets kurz, regnerisch und bedeckt war.

In Hamburg habe ich als stolze Rheinländerin natürlich ungefragt und jederzeit behauptet, dass das Wetter im Süden (also Köln) viel besser sei. Das ist insofern richtig, als dass es dort meist 3-4 Grand wärmer und weniger windig ist. Nur bei Regen oder ewig grauer Himmeldeckel ist es letztlich genauso deprimierend das Haus zu verlassen, egal ob es 17 oder 21 Grad sind.

Weil im Sommer die Sonne später untergeht und es meist mindestens 17 Grand warm ist, ist er durchaus meine bevorzugte Jahreszeit. Ich friere nämlich nur ungern aber ab 17 Grad ist mir relativ egal, ob es regent, gewittert, hagelt oder sonnig ist.

Überhaupt kann man – wenn man länger darüber nachdenkt – dem deutschen Sommer einiges abgewinnen. Man kann zum Beispiel das ganze Jahr über Stiefel tragen. Wenn man sich einmal der Realität stellt, dann sieht man auch ein, dass die Übergangsjacke die edelste Jacke im Schrank sein sollte. Ganz einfach, weil man sie von Frühling bis Herbst fast jeden Tag trägt. Übergangsjacke wird sie ja ohnehin nur von Leuten genannt, die jetzt all ihre Sommer-Hoffnung in die Erderwärumng legen. Bisher offenbar erfolglos.

Ich bin ich froh, nicht permanent halbnackt durch die Gegend laufen zu müssen. Mit Kleidung lässt sich einiges hübscher verpacken als es ist. Das ist für alle Beteiligten gut.

Wie oft regen wir uns im Urlaub über schlecht gekleidete andere Urlauber auf? Dank des Wetters müssen wir zu Hause keine Socken in Sandalen, käseweiße Beine, schlecht sitzende Miniröcke, Flip-Flops, Winkfettoberarme oder kurze Hosen bei Männer ertragen. Auch der Körpergeruch wird durch die viele Kleidung besser abgeschirmt. Jede Busfahrt im Sommer lässt mich mit verklärtem Blick, in Gedanken an einen kühlen Wintertag, aus dem Fenster blicken.

Außerdem können wir effizient weiterarbeiten, weil es in unseren Büros nicht heiß und stickig ist. Wir brauchen keine Aircondition und können so das gesparte Geld gleich in eine effizientere Heizung und Wärmedämmung investieren.

Wenn uns nicht die Drogerieketten, die Baumärkte, die Oberbekleidungs- und Schuhindustrie jedes Jahr auf Neue im Mai einen atemberaubenden kommenden Sommer vorgaukeln würde. Wie wild kaufen wir Sonnencreme, Sandspielzeug, Sandalen, Sonnenschirme, Plantschbecken, Grills, Blumen, kurze Hosen, luftige Shirts und glauben wahrhaft wir würden sie nicht nur 2 Wochen im Türkeiurlaub, sondern mehrere Monate lang tragen.

Dann sitzen wir zu Hause im Anorack und Wollsocken vorm Computer (die Heizung stellt sich ab 17 Grad Außentemperatur aus) überlegen, ob wir die Sandalen bei Ebay versteigern lassen und jammern bei Twitter und Facebook über das schlechte Wetter.

Was bleibt ist die Hoffnung auf den nächsten Sommer, schließlich werden beim DM-Markt dann wieder die Regale mit Sonnencreme vollgestellt sein und Drogeriemarktregale lügen nicht.