Kraut, Schuld und Sühne

Am Weltfrauentag hat Tilo Jung zum Thema Weltfrauentag auf Instagram ein Foto gepostet, auf dem eine Frau in den Rücken getreten wird.

Tilo Jung ist Reporter bei Krautreporter und etwas bekannt, unter anderem durch seine Sendung Jung & naiv. Darüber hinaus ist er schon häufiger unangenehm aufgefallen. Beispielsweise hat er in einem Werbespot mitgespielt, in dem er einer Frau mit Schlafproblemen hilft, indem er sie mit einer Kopfnuss bewusstlos schlägt.

Das alles ist dumm, sexistisch und gar nicht witzig.

Das Posting am Weltfrauentag wurde absolut zu Recht als völlig entgleist kritisiert. Es folgte eine Debatte vor allem auf Twitter und auf diversen Medienseiten.

Heute verkündeten die Krautreporter, dass sie mit Jung gesprochen hätten. Es täte ihm leid. Sie würden ihn nicht entlassen aber erstmal keine Artikel vom ihm veröffentlichen.

Als ich heute twitterte


entwickelte sich eine spannende Diskussion.

Von dieser Diskussion möchte ich ein paar Punkte aufgreifen, weil ich glaube, dass sie für das Kernproblem wichtig sind. Denn die eigentliche Frage ist doch: welche Konsequenzen hat eine sexistische Äußerung bzw. welche Konsequenzen sollte sie haben?

Aus Sicht eines Arbeitnehmers finde ich die Reaktion der Krautreporter fair und richtig. Ich wünsche mir auch, dass mein Arbeitgeber mich nicht nach einem Fehler feuert. Deshalb werden Mitarbeiter für gewöhnlich zunächst abgemahnt und erst nach wiederholtem Fehlverhalten gekündigt. Ich finde auch eine (kleine) mediale Figur hat das Recht auf Arbeitnehmerschutz (ich inkludiere hier auch feste-freie Mitarbeiter).

Der Einwand, dass Jung kein „Ersttäter“ sei, ist natürlich richtig aber hier sehe ich das Problem eher bei den Krautreportern. Wie Natollie so schön schreibt:

Für mich sind die Krautreporter eine Gruppe selbstgefälliger Journalisten, die glaubten, Kraft ihres empfundenen Genies den digitalen Journalismus neu zu erfinden. Immerhin konnten sie genügend Geld für ihr Projekt zusammentragen, aber das Resultat ist in 95% der Artikel der gleiche langweilige Journalismus, den sie ja ursprünglich revolutionieren wollten. Zu allem Übel haben sie nicht nur die Langeweile, sondern auch den gesellschaftlich tolerieren Sexismus der etablierten Medien übernommen.

Tilo Jung ist also kein Versehen, sondern Teil des Programms. Und da ist es nur konsequent, dass sich sein Arbeitgeber, der ihm trotz seiner bekannten (sexistischen) Weltsicht angeheuert hat, hinter ihn stellt.

Das eigentlich empörende – für mich – ist, dass Sexismus nach wie vor hoffähig ist. Die Krautreporter können eine große Menge Geld zusammenbekommen, obwohl sie bei der „Revolution“ vergessen, Frauen mit an Bord zu nehmen, die Matusseks und Fleischhauers dieser Welt finden ein Medium, die sie bezahlt und veröffentlich und eine Leserschaft, die sie liest und auf „Frauensendern“ laufen Sendungen über Hochzeitskleider.

Das alles zeigt, dass wir nach wie vor in einer Gesellschaft leben, in der sexistische Äußerungen oder Handlungen keine wirtschaftlichen und kaum gesellschaftliche Konsequenzen haben.

Und wie Meike kotzt es mich an.

Trotzdem wage ich zu bezweifeln, dass die Forderung nach einer Kündigung von Jung das richtige Zeichen ist.

Ein Posting zu kritisieren ist das eine, sich zu wünschen, das Köpfe rollen oder jemanden auf die gleiche persönliche Art anzugreifen, die man gerade kritisiert hat, ist das andere.

Und das sage ich nicht, weil ich Mitleid mit Jung habe, sondern weil ich glaube, dass sich Gräben so noch vertiefen.

Von mir aus können die Tilo Jungs und Krautreporter dieser Welt sang und klanglos untergehen aber viel besser wäre es doch, wenn – zumindest einige – einsehen würden, dass ein Miteinander von Frauen und Männer viel spannender und revolutionärer ist, als ein Gegeneinander. Ich halte deshalb Kommunikation für zielführender als die Forderung nach Vergeltung.

Vom Guten hat man nie genug

Als Kind hatte ich mal eine Eingebung. Ich glaubte kurz das Universum verstanden zu haben und teilte meiner Mutter sogleich meine Erkentnisse mit. Meine Mutter, eine sehr herzliche, liebenswürdige Frau, die ihre Kinder liebt und lobpreist wie sonst nichts auf der Welt, hörte mir zu, guckte mich komisch an und sagte: „Was Du sagst ist pathetisch.“

Ich ahnte, dass ich das Universum wohl eher nicht verstanden hatte oder einfach nur nicht fähig war, meine Erkentnisse rhetorisch in überzeugende Argumente umzuwandeln.

Seit Monaten hatte ich mich auf die Re:publica gefreut. Ich hatte einer Freundin erzählt, dass die Re:publica das ist, was ich mir an der Universität immer gewünscht habe. Ein Ort der Inspiration, des Nachdenkens, der Innovation. Die beiden letzten Jahre habe ich immer mindestens einen Vortrag gehört, der mir noch Monate später hinterherhing, der mein Denken beeinflusst hat, der mich inspiriert hat. (Ganz offensichtlich habe ich immernoch einen leichten Hang zum Pathos.)

Dieses Jahr gab es auch gute Vorträge, aber die Tatsache, dass ich einfach keine Lust hatte im Blog über die Re:publica zu berichten, deutete an, dass ich im Grunde sehr enttäuscht war. Nicht von der guten Organisation, den wunderbaren Menschen, die ich getroffen habe oder der tolle Atmosphäre, sondern von den Inhalten.

Es gab tolle Sessions aber die konnten nicht über meine allgemeine Enttäuschung hinwegtäuschen. Zu oft saß ich an einer Stage und hörte Blabla. Blabla von Leuten, die sich irre ernst nehmen und die in ihrer Erhabenheit das repitieren, was sie seit Jahren (ok Wochen, Monaten) auch sagen, schreiben, bloggen, twittern.

Der Punkt ist, ich halte mich nicht einmal für gut informiert. Ich sehe mich in der Welt der digital interessierten Menschen irgendwo im mittleren Informationsfeld. Trotzdem haben mich die meisten Vorträge über Medien oder Netzpolitik weder überrascht, noch neue Blickwinkel aufgezeigt, überhaupt keine waghalsigen Lösungen skizziert und nicht einmal eine neue Sprache für ein Thema gefunden.

Es war, als wäre die vielfältige, anarchistische und wilde neuen Medienwelt, die ich mir dank des Internets immer erhofft hatte, ganz hervorragend im Einheitsbrei des Mainstreams angekommen. Als wäre die Autonomie und das nonkonfrome Gehabe nur noch die Fassade für den gleichen langweiligen Kram. Vielleicht haben sie jetzt auch endlich das Verständnis des Universums erlangt und können es – wie ich damals – noch nicht rhetorisch plausibel machen. Womöglich ist es auch einfach nur pathetisch.

Insofern ist es umso erfreulicher, wenn es Projekte wie Krautreporter gibt, die einen spannenden und unabhängigen Journalismus machen möchten. Nun konnte man schnell erkennen, dass es sich um ein Projekt handelt, bei dem der Frauenanteil der Reporterinnen überschaubar ist.

Und das macht es für mich wieder ziemlich uninteressant. Denn das Internet hat schon längst die Büchse der Pandora für mich aufgemacht. Ich habe nämlich festgestellt, dass es Themen gibt, die bisher nie von irgendwelchen Medien aufgegriffen worden, mich aber brennend interessieren. Diese Themen werden häufig von Frauen aufgegriffen. Und je mehr ich mir meine Filter- und Informationsbubble aufbaute, desto mehr veränderte ich mich.

Ich habe einfach keine Lust mehr mir einen Film anzuschauen, in dem Leonardo di Caprio einen größenwahnsinnigen Wallstreet-Idioten spielt (wobei ich What’s eating Gilbert Grape toll fand), ich schaue keine Serien mehr, in der es nicht mindestens eine weibliche Hauptrolle gibt, mit der ich mich indentifizieren kann, ich habe ich keine Lust mehr auf Modemagazine, die lächerliche Fotostrecken machen.

Und das Tolle ist, ich werde für meine Ignoranz nicht einmal mehr mit Langeweile bestraft. Es gibt so viel spannenden Content, ich kann das alles ignorieren. Gleichzeitig verdiene ich Geld und wenn ich ein Projekt toll finde, dann helfe ich womöglich auch bei Crowdfunding. Kurzum, wenn jemand meine Aufmerksamkeit und mein Geld möchte, dann muss diese Person oder dieses Projekt mich interessieren und sich gefallen lassen, dass ich Frauen oder Erbsen oder sonstwas zähle.

Insofern könnte es mir natürlich egal sein, wenn ein Projekt einfach nicht genug Frauen aufweist, die es für mich spannend machen könnten. Aber es ist damit wohl so ähnlich wie mit der Re:publica in diesem Jahr. Es ist schade. Es ist schade, wenn etwas nicht so groß ist, wie es sein könnte. Mit Wissensdurst, Inspiration und Unterhaltung ist es wie mit Sex und Essen, wenn es richtig gut ist, kann man nie genug davon bekommen.