Die traurige Verteidigung der Sackgasse

Neulich sah ich World War Z. Ganz am Anfang finden Gerry Lane (Brad Pitt) und seine Familie Unterschlupf bei einer hispanischen Familie. Als Lanes Rettung endlich kommt, bietet er an, sie mitzunehmen. In diesem Zusammenhang erklärt er ihnen, dass er aus Erfahrung weiß, dass man in solchen Kriegs- und Krisensituationen am ehesten stirbt, wenn man sich nicht bewegt.

Ich mochte diese Szene in zweierlei Hinsicht. Erstens ich bin immer beeindruckt von Menschen, die auch in eigener Not Essen, Wohnraum, Kleidung usw. teilen oder ihr Leben für andere aufs Spiel setzten. Deshalb erhalten Menschen zu Recht Orden für couragiertes Verhalten, deswegen feiern wir Sankt Martin und deshalb bewundern wir Leute, die Menschen aus einem brennenden Haus retten.

Zweitens glaube auch ich, dass Stillstand eine Art Tod oder zumindest eine Sackgasse ist.
Und Stillstand mag auch niemand. Wir möchten schöne Reisen erleben, viele Länder sehen, wir wollen uns beruflich entwickeln, wir kaufen Wohnungen oder Häuser, bauen sie um, dekorieren sie nach Jahreszeiten und Anlässen, wir machen Trends in der Mode mit, weil sie uns Abwechslung versprechen oder kaufen neue elektronische Geräte, weil sie uns innovativ erscheinen.

Aber die Vorstellung, Menschen bei uns aufzunehmen, die Glück hatten, nicht im Mittelmeer zu ersaufen, weil sie in einem manövrierunfähigen, überfüllten Kahn versuchten, nach Europa zu kommen, lässt uns nicht etwa darüber nachdenken, wie wir mehr Menschen retten können, sondern wie hoch die Mauer um Europa sein muss, dass Flüchtlinge es bloß nicht mehr in unsere Gewässer schaffen.

Und während wir in TÜV-geprüften und gut gewarteten Flugzeugen nach Thailand in den Urlaub fliegen, um wohldosiert exotische Kulturen zu erleben, empören wir uns kurz darauf, dass unsere Kultur verloren geht oder von Bräuchen und Traditionen zugewanderter Kulturen überdeckt werden.

Was für bigotte, selbstgerechte und gierige Arschlöcher sind wir?

Ich habe keine Lust hier einen historischen Abriss diverser Völkerwanderungen zu leisten, dass müssten die sarrazinischen Kulturparanoiker ja alles wissen, denn leistungsorientiert und durch Hautfarbe und Herkunft ohnehin geistig überlegen, haben sie das alles im Kopf.

Jedenfalls bin ich mir sicher, dass niemand lange suchen muss, bis er feststellt, dass mindestens einer seiner direkten Familienangehörigen irgendwann auch mal fremd war.

Meine Familie ist im Laufe der letzten paar Jahrhunderte ziemlich durchgewürfelt worden. Da sind Hugonotten, Österreicher, Preußen, Ostpreußen, Polen, Ostdeutsche, Süddeutsche, Norddeutsche und ich, die als Kind zugezogener Eltern im tiefsten Westen Deutschlands geboren wurde. Und dann bin ich nach Hamburg gezogen und versuche seitdem, meinen Kindern durch Bräuche und Erzählungen ein Stück meiner niederrheinischen Kultur zu vermitteln.

Niemand käme auf die Idee, mir die Unterwanderung der hanseatischen Kultur vorzuwerfen oder mir zu sagen, dass ich meine Kinder gefälligst norddeutsch zu erziehen hätte. Anders sieht es bei Menschen aus, die aus weiter entfernten Ländern kommen, da ist es auf einmal gesellschaftsfähig sich darüber zu empören, dass ihre Kultur auch ihr Leben in einem anderen Land prägt.

Dieser Bigotterie wird die Krone aufgesetzt, wenn man sich eine der diversen Auswanderungssendungen anschaut, in denen mal wieder ein Deutscher versucht, auf Mallorca eine Bäckerei zu eröffnen. Wohlgemerkt ohne Spanisch zu sprechen, ohne Interesse an der spanischen Kultur und im Brustton der Überzeugung, dass Spanien nur auf deutsches Brot gewartet hätte.

Sehr pointiert hat dies Noah Sow in Nachhilfe im Weißsein formuliert:

Wir verlangen, dass Flüchtlinge nicht allein aus wirtschaftlichen Interessen zu uns herüberkommen dürfen, sondern erst ihr eigenes Land auf die Reihe kriegen sollen. Gleichzeitig aber feiern wir in fünf verschiedenen Fernsehsendungen Weiße, die ohne guten Grund und ohne Kultur- oder Sprachkenntnisse in andere Länder gehen, weil sie sich davon mehr Wohlstand und ein glücklicheres Leben erhoffen. ‚Auswanderer’ und ‚Abenteurer’ nennen wir die dann und sind von ihrem Mut fasziniert. Sind sie aber Schwarz oder Afrikaner, sind Leute mit genau demselben Verhalten für uns plötzlich ‚Wirtschaftsflüchtlinge’ und ‚naiv’ und werden nicht als Helden oder mutig sondern als Bedrohung empfunden und dementsprechend behandelt. Und wir denken uns nicht einmal etwas dabei. […]

Und damit sind wir wieder bei den Menschen, die in einem überfüllten Kahn auf dem Mittelmeer rumdümpeln und die wir loswerden wollen.

Loswerden, weil wir Angst haben, weil sie eine Bedrohnung für uns darstellen.

Ich lebte ein paar Mal für längere Zeit im Ausland. Ich hatte genug Geld, reiste sicher in diese Länder und wusste, dass ich jederzeit in mein Heimatland zurückreisen konnte. Trotzdem waren es harte Zeiten für mich. Spannend und hart, denn die Anpassung an eine fremde Kultur ist schwer. Man ist zunächst einmal fremd und fühlt sich häufig unverstanden, verloren und allein. Gerade in der Anfangszeit habe ich mich oft gefragt, warum ich mich freiwillig dafür entschieden habe, an einen fremden Ort zu ziehen, um mir dort ein kleines temporäres Leben aufzubauen.

Unglaublich viel schwerer ist es, so eine Situation zu ertragen, wenn man nicht zurückkann, wenn man keine finanziellen Mittel hat, wenn man womöglich traumatisiert ist durch Dinge, die man in seiner Heimat erlebt hat, wenn man sich nicht auf die Kultur des Ziels einrichten konnte und wenn man dann auch noch von der Bevölkerung abgelehnt wird. Dass diese Menschen trotzdem die Flucht wagen, egal ob sie konkret verfolgt werden oder nur woanders ihr Glück suchen, bedeutet vor allem eins: sie sind mutig und Mut ist etwas, das wir bei Feuerwehrleuten, bei Kinohelden, bei Mutter Teresa und bei Friedenspreisträgern bewundern.

Nur diesen Menschen auf ihrem überfüllten Kahn mitten im Mittelmeer, denen sprechen wir den Mut ab. Wir empfinden Sie gar als Bedrohung für unsere Kultur.

Die Frage was für eine Kultur das ist, die von einigen halb verhungerten und verdursteten Menschen in Todesangst bedroht werden kann, sollte man sich mal stellen.

Aber die Angst vor den Menschen auf dem Boot – oder den Rumänen und Bulgaren oder Deutschen mit Migrationshintergrund – ist nur ein Symbol unserer allgemeinen Angst. Unserer Angst vor Neuem und vor Fremdheit. Die Angst, dass uns jemand etwas weg nimmt, dass sich herausstellen könnte, dass wir gar nicht so überlegen sind, wie wir glauben, weil unser Wertesystem in Frage gestellt werden könnte, weil wir überfordert sind und weil es Mut und Courage braucht, Menschen mit offenen Armen zu empfangen und mit ihnen zusammen an einer Gesellschaft zu arbeiten. Neues macht immer Angst aber ohne Einflüsse von Außen kommt der Stillstand, die Sackgasse, der Tod.

Und überhaupt was ist das für eine angeblich christlich geprägte abendländische Kultur, die wir unbedingt schützen müssen? Soweit ich weiß, sind Nächtenliebe und Barmherzigkeit wesentliche Elemente des Christentums. Und gerade die Partei mit dem großen C schürt Habgier, Missgunst, Hochmut und Selbstsucht wenn sie schärfere Regeln gegen den “Missbrauch der europäischen Freizügigkeit durch Armutszuwanderung” fordert.

Die gleichen Menschen, die wegen einer Fehlmeldung den Untergang des Abendlandes herbeizukreischen, hätten ganz sicher ihren Wintermantel für sich behalten und damals in Bethlehem ihren Schäferhund auf Maria und Josef gehetzt.

Wenn wir unsere Kultur Ernst nehmen und uns ein abwechslungsreisches Leben jenseits der Sackgasse wünschen, dann sollten wir anfangen, die Menschen, die zu uns kommen möchten, freundlich zu empfangen und sie als Bereicherung zu begreifen.

Dig deeper

Die schnödeste Form der Kulturkritik ist der Kulturpessimismus.

Letzte Woche stieß ich zunächst auf einen Film über The Japanese Love Industry und wurde dann durch einen Kommentar auf meinem Blog auf Why have young people in Japan stopped having sex? aufmerksam gemacht.

Beides kann ich sehr empfehlen.
Den Film sollte man allerdings nicht beim Essen gucken.

Obwohl ich Film und Text gleichermaßen spannend wie verstörend fand, bliebt bei mir ein schaler Nachgeschmack.

Nicht weil das dargestellte Verhalten der Japaner so schlimm fand, sondern weil ich mich schwer tat mit den dargebotenen Erklärungsansätzen.

Die Ausgangssituation ist die, dass immer weniger japanische Frauen und Männer zwischen 20 und 35 eine Beziehung oder gar Kinder wollen. Sie konzentrieren sich auf ihre Karriere, Konsum, digitale Kommunikation und Spiele, persönliches Vergnügen und scheinen keine Bedürfnisse nach (körperlicher) Nähe oder Sex zu haben. Wenn doch, befriedigen sie diese mithilfe anscheinend absurder Dienstleistungen. Es drängt sich der Eindruck auf, Japaner hätten alles Emotionale an neutrale Außenstehende ausgelagert wären gefühsgestörte Individuen.

Ein genannter Grund für die Beziehungs- und Familienverweigerung vieler Japaner sind die rigiden Gesellschaftsnormen, die stark patriarchalisch und ökonomisch geprägt sind.

Kurz: Frauen begeben sich mit der Hochzeit und mit Kindern in eine Art gesellschaftliches Grab. Karriere bzw. überhaupt arbeiten ist nicht mehr möglich, sie sind wirtschaftlich abhängig vom Mann und womöglich amüsiert der Gatte sich noch besser mit der Mätresse als mit ihnen.

Von den Männer indessen wird erwartet, dass sie sich für ihre Arbeit aufgeben, von der sie ökonomisch abhängig sind, weil Frau, Kind und Mätresse finanziert werden müssen.

Letztlich ist dieses Leben für Frauen wie Männer eine vorgegaukelte Tombola, bei der es für den Preis der Selbstaufgabe nur Nieten zu gewinnen gibt.

Hier bin ich mit der Analyse d’accord. In dem Moment, indem Menschen einen Ausweg aus dem Grab und der Enge des Lebens sehen, wählen viele genau diesen, auch wenn er nicht sehr verlockend wirkt.

In Mondsüchtig gibt es eine schöne Szene in der Loretta Castorini (Cher) “entlarvt” dass Ronny Cammareri (Nicolas Cage) seine Hand in der Schneidemaschine verlor, um so einer ungewollten Verlobung und geplanten Ehe zu entfliehen.

Offensichtlich sind junge Japaner bereit, für ihre persönliche Freiheit andere essentielle Dinge aufzugeben. Ich finde das sehr beeindruckend und es stört mich, wenn ich den Eindruck habe, dass der Subtext das Verhalten eher negativ bewertet. So als handelte es sich um verrohte Menschen, die nur Spaß wollen, denen Beziehungspflege zu aufwändig ist und die sich von allem “Natürlichen” entfernt haben.

Überhaupt dieses “natürliche” Verhalten von dem man in letzter Zeit immer wieder hört. Auch wenn ich ein große Fan evolutionären Ansätzen wie die von Renz-Polster oder Christopher Ryan und Cacilda Jethá bin, so sehe ich auch hier ein unglaubliches Potential Bullshit-Ideologie als Wahrheit “natürliches” menschliches Verhalten zu verkaufen.

Kaum eine Errungenschaft der letzten Jahrzehnte bietet eine so schöne Projektionsfläche für das Ende des “Natürlichen” wie alles rund ums Digitale. Entsprechend muss die digitale Kultur sowohl im Film als auch im Text als (eine) Erklärung herhalten.

Wer lieber seit zwei Jahren in einem Computerspiele einen Süßigkeitenladen führt und mit seinen Freunden mehr über digitale Plattformen als im Café kommuniziert, den ödet natürlich Beziehung und Sex an, wird argumentiert.

Durch langjähriges Experimentieren mit mir selbst bewerte ich das anders. Die digitale Welt bietet einfach irre viel aber verringert ganz sicher nicht die Libido.

Vor einigen Jahre sah ich Rhythm Is It!. In dem Dokumentarfilm wird gezeigt, wie Royston Maldoom mit Jugendlichen aus Berliner Problemvierteln Igor Stravinskys Ballett Le sacre du printemps einstudiert, das dann zusammen mit den Berliner Philharmonikern aufgeführt wird.

Eine Schlüsselszene der Doku war für mich als die Lehrerin einer Schule den Filmern erklärte, wie toll sie das Projekt fände und wie froh sie sei, dass ihre Schüler daran partizipieren können. Allerdings hätte sie den Eindruck, dass von den Schülern zu viel abverlangt würde. Danach ein Schnitt und eine Schülerin wurde interviewt.

“Ich bin so froh, dass er uns so fordert und ich mich endlich beweisen kann.”

Wenn jemand also in einem Online-Spiel einen Süßigkeitenladen führt oder eine eigene digitale Identität aufbaut, könnte es vielleicht sein, dass dort die Möglichkeiten der Eigenständigkeit und Entwicklung größer sind, als im engen Lern- und Arbeitsumfeld der so gepriesenen analogen Realität?

Wenn ein digitaler Süßigkeitenladen so anziehend wirkt, dann sagt das vor allem viel Trauriges über die Entfaltungsmöglichkeiten in der analogen Welt aus.

Aber es gibt noch einen Trumpf: das Sex-Argument. Fast jeder findet Sex gut oder hätte gern Sex, der gut ist. Wenn Menschen im gebärfähigen Alter den Sex verweigert, dann muss das Ende wirklich nah sein.

Ich habe mich allerdings vor allem gefragt: welche Motivation haben die Gefragten die Wahrheit zu sagen und was würde ich erzählen?

Angenommen, das japanische Fernsehen käme zu mir und würde mich nach meinem Liebesleben fragen. Meine Antworten wären, wenn überhaupt, angelehnt an die Wahrheit. Über Sex zu sprechen fällt den meisten Menschen ohnehin schon schwer, ungleich potenziert ist diese Sprachlosigkeit wenn man öffentlich darüber spricht.

Wenn es in einer Gesellschaft verpönt ist, dass Frauen ungebunden mit (womöglich verschiedenen) Männern Sex haben, dann werden sie es ganz sicher nicht in einer Kamera posaunen oder einer Autorin in das Notizbuch diktieren. Und über Masturbation (ja, das ist auch Sexualität) wird selbst in Deutschland nicht mit Freundinnen und Freunden gesprochen. Ich gehe davon aus, dass Japaner ihre Masturbationsfrequenz und Fantasien auch nicht ins Mikrofon hauchen.

Und natürlich darf die Transferleistung bei solchen Filmen nicht fehlen. Denn die eigentliche Dramatik ist nicht, dass die gebärfähigen Japaner Partnerschaft, Kinder und Sex verweigern, sondern dass es bei uns bald auch soweit sein könnte.

Panik, Endzeitstimmung, Paranoia und Kulturpessimismus. Wir wollen doch alle nicht so komisch sein wie Japaner. Wir essen doch ganz natürlich und steinzeitlich roh-vegan (wobei Sushi da ja auch ganz vorn ist) wir wollen nicht ohne Liebe und Beziehung sein. Wir sind die besseren Menschen.

Und spätestens da fängt bei mir der schale Beigeschmack an. Die Leute sind nicht komisch, die Gesellschaft ist es und die einzelnen Personen versuchen nur eine Nische in der Enge zu finden, um sich wenigstens ein wenig entfalten zu können. Die Kreativität und die Opferbereitschaft, die sie dabei an den Tag legen, finde ich eher beeindruckend.

Einzelne Personen vorzuführen und sie als Negativ-Beispiel für unsere eigene Zukunft darzustellen, gefällt mir nicht, auch wenn es sicherlich nicht so von den Autoren gemeint war.

Insofern hätte ich gern mehr von Aussagen wie dieser gehabt:

She berates the government for “making it hard for single people to live however they want” and for “whipping up fear about the falling birth rate”. Whipping up fear in people, she says, doesn’t help anyone. And that’s from a woman who knows a bit about whipping.

Da liegt sowohl in Japan als auch bei uns das eigentliche Problem.

Gesellige Kunst

Letztes Jahr feierten wir Ostern zusammen mit meinen Eltern und der Familie meines Bruders. Abends saßen also sieben Menschen mit mobilen Endgeräten um den Tisch beziehungsweise auf dem Sofa der Wohnküche.

Auf Außenstehende mag unser Starren auf Telefone und Pads gewirkt haben, wie ein Spot des Familienministeriums, der durch Horrorszenarien die Bürger vom übermäßigen Internetkonsum schützen möchte.

Aber das Gegenteil war der Fall. Wir lasen uns gegenseitig lustige und spannende Absätze vor, zeigten uns Bilder und Videos, richteten meiner Mutter Instagram ein, diskutieren und unterhielten uns.

Das Internet ist weder asozial noch vereinsamend. Im Gegenteil, das Internet ist gesellig. Und am meisten fällt mir das im künstlerischen Bereich auf.

Der rege Austausch im Internet von und über Kunst hat das eindimensionale Meta der Postmoderne zu Gunsten eines dreidimensionalen Megametas mit Partizipation abgelöst und ist damit wohl das, was unsere Generation zum Thema Innovation beiträgt.

Laut Tina Klopp in Ohne Ende Musik produzieren

schreiben die Musikjournalisten immer das Gleiche: Es sei noch nie so langweilig gewesen.

Mal abgesehen davon, dass die Musikkritiker das gleiche Problem zu haben scheinen, wie die, die sie kritisieren (langweilig sein), denke ich, dass das Revolutionäre unserer Zeit nicht nur in der künstlerischen Innovation, sondern vor allem in der Multiplikation der Austauschwege künstlerischer Güter liegt.

Wobei mit Multiplikation hier nicht nur die banale Weitergabe einer Kopie, sondern auch das gleichzeitige Spiel mit der Kopie gemeint ist.

Ausgehend von einem sehr weit gefassten Konzept von Kunst, nehme ich mehr denn je am kulturellen Leben teil.

Neulich verlinkte eine Freundin ein
Finger/Hand/Armtanzvideo.

Ich war entzückt von der Idee, der nahezu perfekten Umsetzung und dem lakonischem Blick der Tänzer.

Mit einem kleinen Text über dieses tänzerische Kammerspiel würde ich direkt ca. 1500 Leute (Twitterfollower, Facebookfollower, Feedabbonnenten usw.) erreichen.

Womöglich erhielte ich daraufhin spannende Kommentare, in denen ich die Tanzgeschichten anderer Menschen erführe. Möglicherweise würde ich auf andere Tanzvideos, Projekte oder Tanzblogs aufmerksam gemacht werden.

Vielleicht würde sich die Tänzerin (links im Bild) melden und mir mitteilen, dass sie sich über den Text gefreut hat.

Möglicherweise verlinken 6 Personen meinen Text, teilen das Video auf Facebook oder twittern inspiriert davon über ihr Zumba-Finger-Workout. Zu diesem Zeipunkt würden – allein durch den Text und seine Verlinkungen – ca. 3000 Leute die (theoretische) Gelegenheit gehabt haben, das Video zu sehen.

Vielleicht böte das Tanzvideo für einen Blogger den Aufhänger, endlich darüber zu schreiben, dass seine Eltern ihm den heißersehnten Ballettunterricht verweigert haben.

Noch während ich den Text schreibe, hätte ich ein einen Vine-Clip mit dem #fingertanz gemacht. Vielleicht fänden das ein paar Leute lustig und machen auch Fingertanzclips.

Irgendjemand schlüge daraufhin einen Fingertanzflashmop im Eingangsbereich des Berliner Fernsehturms vor, weil es dort so schöne Glasscheiben am Geländer gibt. Das ist klanglich vielleicht nicht optimal, sieht auf dem Video aber gut aus.

(Parallel würde es Diskussionen darüber geben, ob die Wortwahl #fingertanz wirklich korrekt ist, weil ja schließlich der ganze Arm bewegt wird. Außerdem würde sich bestimmt eine andere Person darüber echauffieren, dass solche Aktionen grundsätzlich Totgeburten sind und schlussendlich würde irgendwo im Feuillton ein Text über die Unerträglichkeit des Selbstbespiegelung im Internet geschrieben werden.)

Am Ende stünden wir also alle im Fernsehturm, würden Touristen mit der Aktion erschrecken, die Film- und Tonaufnahmen wären von minderer Qualität, die Glasabsperrung voller Fingerabdrücke.

Dann würden meine Familie und die Familie Nuf zusammen einen Kaffee trinken gehen. Zwischen Gesprächen und Kinder ermahnen fotografierten wir unseren Cappuccino und würden Kommentare unter dem überbelichteten Flashmobvideo lesen.

Früher ging ich allein ins Ballett – niemand wollte jemals mitgehen – und danach erzählte ich meiner Mutter davon. Damit war Schluss, die Rezeption der dargebotenen Kunst endete in einer Sackgasse.

Ich denke es ist Zeit, die großartigen Möglichkeiten des Internets mehr zu wertschätzen, zu nutzen und uns daran zu freuen.

Mögen sich die Kulturpessimisten weiter zwischen ihren ungelesenen Buchdeckeln geißeln und zusammen Weltuntergangquartett spielen, ich mag die gesellige Kunst meiner Zeit.