Gesellige Kunst

Letztes Jahr feierten wir Ostern zusammen mit meinen Eltern und der Familie meines Bruders. Abends saßen also sieben Menschen mit mobilen Endgeräten um den Tisch beziehungsweise auf dem Sofa der Wohnküche.

Auf Außenstehende mag unser Starren auf Telefone und Pads gewirkt haben, wie ein Spot des Familienministeriums, der durch Horrorszenarien die Bürger vom übermäßigen Internetkonsum schützen möchte.

Aber das Gegenteil war der Fall. Wir lasen uns gegenseitig lustige und spannende Absätze vor, zeigten uns Bilder und Videos, richteten meiner Mutter Instagram ein, diskutieren und unterhielten uns.

Das Internet ist weder asozial noch vereinsamend. Im Gegenteil, das Internet ist gesellig. Und am meisten fällt mir das im künstlerischen Bereich auf.

Der rege Austausch im Internet von und über Kunst hat das eindimensionale Meta der Postmoderne zu Gunsten eines dreidimensionalen Megametas mit Partizipation abgelöst und ist damit wohl das, was unsere Generation zum Thema Innovation beiträgt.

Laut Tina Klopp in Ohne Ende Musik produzieren

schreiben die Musikjournalisten immer das Gleiche: Es sei noch nie so langweilig gewesen.

Mal abgesehen davon, dass die Musikkritiker das gleiche Problem zu haben scheinen, wie die, die sie kritisieren (langweilig sein), denke ich, dass das Revolutionäre unserer Zeit nicht nur in der künstlerischen Innovation, sondern vor allem in der Multiplikation der Austauschwege künstlerischer Güter liegt.

Wobei mit Multiplikation hier nicht nur die banale Weitergabe einer Kopie, sondern auch das gleichzeitige Spiel mit der Kopie gemeint ist.

Ausgehend von einem sehr weit gefassten Konzept von Kunst, nehme ich mehr denn je am kulturellen Leben teil.

Neulich verlinkte eine Freundin ein
Finger/Hand/Armtanzvideo.

Ich war entzückt von der Idee, der nahezu perfekten Umsetzung und dem lakonischem Blick der Tänzer.

Mit einem kleinen Text über dieses tänzerische Kammerspiel würde ich direkt ca. 1500 Leute (Twitterfollower, Facebookfollower, Feedabbonnenten usw.) erreichen.

Womöglich erhielte ich daraufhin spannende Kommentare, in denen ich die Tanzgeschichten anderer Menschen erführe. Möglicherweise würde ich auf andere Tanzvideos, Projekte oder Tanzblogs aufmerksam gemacht werden.

Vielleicht würde sich die Tänzerin (links im Bild) melden und mir mitteilen, dass sie sich über den Text gefreut hat.

Möglicherweise verlinken 6 Personen meinen Text, teilen das Video auf Facebook oder twittern inspiriert davon über ihr Zumba-Finger-Workout. Zu diesem Zeipunkt würden – allein durch den Text und seine Verlinkungen – ca. 3000 Leute die (theoretische) Gelegenheit gehabt haben, das Video zu sehen.

Vielleicht böte das Tanzvideo für einen Blogger den Aufhänger, endlich darüber zu schreiben, dass seine Eltern ihm den heißersehnten Ballettunterricht verweigert haben.

Noch während ich den Text schreibe, hätte ich ein einen Vine-Clip mit dem #fingertanz gemacht. Vielleicht fänden das ein paar Leute lustig und machen auch Fingertanzclips.

Irgendjemand schlüge daraufhin einen Fingertanzflashmop im Eingangsbereich des Berliner Fernsehturms vor, weil es dort so schöne Glasscheiben am Geländer gibt. Das ist klanglich vielleicht nicht optimal, sieht auf dem Video aber gut aus.

(Parallel würde es Diskussionen darüber geben, ob die Wortwahl #fingertanz wirklich korrekt ist, weil ja schließlich der ganze Arm bewegt wird. Außerdem würde sich bestimmt eine andere Person darüber echauffieren, dass solche Aktionen grundsätzlich Totgeburten sind und schlussendlich würde irgendwo im Feuillton ein Text über die Unerträglichkeit des Selbstbespiegelung im Internet geschrieben werden.)

Am Ende stünden wir also alle im Fernsehturm, würden Touristen mit der Aktion erschrecken, die Film- und Tonaufnahmen wären von minderer Qualität, die Glasabsperrung voller Fingerabdrücke.

Dann würden meine Familie und die Familie Nuf zusammen einen Kaffee trinken gehen. Zwischen Gesprächen und Kinder ermahnen fotografierten wir unseren Cappuccino und würden Kommentare unter dem überbelichteten Flashmobvideo lesen.

Früher ging ich allein ins Ballett – niemand wollte jemals mitgehen – und danach erzählte ich meiner Mutter davon. Damit war Schluss, die Rezeption der dargebotenen Kunst endete in einer Sackgasse.

Ich denke es ist Zeit, die großartigen Möglichkeiten des Internets mehr zu wertschätzen, zu nutzen und uns daran zu freuen.

Mögen sich die Kulturpessimisten weiter zwischen ihren ungelesenen Buchdeckeln geißeln und zusammen Weltuntergangquartett spielen, ich mag die gesellige Kunst meiner Zeit.

Mit den Beinen ins Museum

In Matthias Schepps Gebrauchsanweisung Russland(ja, ich lese soetwas und je nach Autor kann ich die Reihe auch sehr empfehlen) las ich von einem privaten Russischen Museum Art4.ru.

Demnach handelt es sich um eins der spannendsten Museen für moderne russische Kunst. Nun habe ich weder viel Ahnung von moderner noch von russischer Kunst, aber für was Spannendes bin ich immer zu haben.

Um überhaupt rauszufinden wo das Museum ist und wann es geöffnet hat recherchierte ich im Internet und fand unter anderem einen Zeit-Artikel.

Oder kurz, das Museum befindet sich in der Chlynowskij Tupik 4, nahe dem Kreml. Laut Website ist es Freitag und Samstag von 11 bis 22 Uhr geöffnet.

Um kurz vor 12 war ich vor Ort. Die Tür war zu, innen kein Licht aber immerhin gab es vier riesige Kunstwerkschaufenster.

Es war kalt und ich ohne Alternativplan. Also bin ich in das nächste Café. Eine Sache, die ich an dieser Stadt grandios finde, sind die vielen offenen WLANs. Ich meine richtig offen ohne Anmeldung, ohne Zeitlimit, ohne Angabe irgendwelcher Daten.

Diverse Mails, SMS und Tweets später bin nochmal zum art4.ru.

Die Tür war immernoch zu aber das Licht war an. Nun habe ich nach knapp zwei Tagen in Moskau schon gelernt, dass hier eine verschlossene Tür gar nichts heißt.

Meist ist die Tür nämlich gar nicht verschlossen, man bekommt sie nur nicht mit einem normalen Maß an Kraft aus. Selbst wenn man aus der Metrostation hinaustreten möchte, muss man so stark gegen die Tür arbeiten, als wolle man den Stein vor Jesus Grab wegschieben.

Ich schaffte es hier nicht aus eigener Kraft, also klingelte ich.

Kürze Zeit später öffnete mir ein Mann der aussah, wie eine (nicht unbedingt unattraktive) junge Version des Rasputins. Dank meiner Recherche wusste ich, dass der Mann mit den vielen Haaren Igor Markin ist.

Ihm war wohl auch klar, dass ich keine Russin bin (die wissen ja, wie man solche Türen sprengt) und erklärte mir gleich auf Englisch, dass das Museum geschlossen sei.

Ich schaute betrübt und sagte was von ‘Schade’, woraufhin er sich meine Beine genau anschaute und sie wohl für würdig empfand sein Museum zu betreten.

‘Aber nur kurz. Wo kommen Sie her?’
-’Aus Deutschland.’
‘Dann sollte es Ihnen ja nicht schwer fallen, sich die Sachen schnell anzusehen.’

Meine Beine und ich schauten und also die Werke an. Wie ich schon sagte, habe ich wenig Ahnung von Kunst und fasse mich kurz:

In chaotischer Atmosphäre kann man sich sehr viele sehr unterschiedliche Bilder, Fotos und Installationen ansehen. Vieles sagte mit nichts, einiges fand ich ziemlich beeindruckend. Von diesen Künstlern konnte ich mir wenn überhaupt nur die Vornamen (Alexander und Oleg) merken.

Als ich fertig war, war der Chef verschwunden. Ein farbloser junger Mann saß am Empfangstisch. Stellvertretend bedankte ich mich bei ihm überschwänglich.

Draußen suchte ich gleich nach dem nächsten Café der Kälte wegen und weil ich keinen anderen Plan hatte.