Es gab Lebensphasen, in denen berichtete ich – meist meinen Freundinnen – sehr ausführlich über mein Beziehungsleben. Insbesondere, wenn es nicht gut lief, wenn ein Typ nicht zurück- oder anrief oder sich nicht so verhielt, wie ich mir ein Beziehungsleben vorstellte.
So saß ich mit Freundinnen in Café oder Kneipen und werte Satzfetzen oder SMS nach möglichen Hinweisen für seine Liebe für mich aus.
Ich habe kein Mitleid mit meinen Freundinnen, denen ich diese ausufernden Interpretationen antat, denn im Gegenzug habe ich genauso häufig an langweiligen Beziehungsdramen Anteil genommen oder spannende Beziehungsdramen so oft analysiert, bis sie unendlich profan wurden.
Es ist Teil des Freundschaftsdeals und abgesehen davon, dass man seinen Freunden so zeigen kann, dass man auf ihrer Seite steht, sie mag und sie unterstützt, kann es auch unterhaltsam, interessant und spannend sein.
Was ich allerdings nie so ganz verstanden habe ist, dass ich im Rahmen dieser Unterhaltungen zwar eine komplette Beziehung seziert vorgelegt bekam aber niemals oder nur in einem sehr geringen Maß etwas über die Sexualität dieser Partnerschaft erfuhr.
Der Hinweis, dass Sexualität nun etwas sehr Privates ist über dass eben nicht alle Menschen gern sprechen möchten, verlässt den Pfad der Logik wenn man im Rahmen solcher Beziehungsgespräche erfährt, dass die Mutter des Freudinnen-Freundes Alkoholikerin ist oder dass eben jener Freund gern während des Kackens von der Toilette aus rumpöbelt.
Ich für meinen Teil schließe mich zum Kacken ein, würde aber Sex in öffentlichen Parkanlagen haben, gäbe es keine Ameisen. Oder anders ausgedrückt, das Private definiert jeder selbst. Und selbstverständlich kann auch jeder definieren, dass man nicht gern über sein Sexleben spricht oder nur ungern etwas über die Sexualpraktiken seiner Freunde erfährt.
Aber ich habe immer das Gefühl, dass es eine aufgesetzte Sexgesprächsgrenze gibt, die sich keiner zu durchbrechen traut. Und ich glaube, dass es uns gut täte, würde diese Grenze etwas aufgeweicht und nicht immer mit einem gekreischten “too much information” zementiert.
Denn wenn man diese Gesprächsmauer einhält, gibt es grob gesagt nur zwei Möglichkeiten sich über Sex zu informieren: Pornografie oder der Partner.
Grundsätzlich finde ich Pornografie eine gute Sache. Allerdings erfährt man durch Pornos über Sexualität in etwa genaus viel wie in Hollywoodkomödien über Beziehungen. In Pornos finde alle alles total geil und in Hollywoodkomödien ist die Hochzeit oder der Beginn einer ersehnten Beziehung das finale Highlight eines Lebens.
Weder Pornos noch Popcornkino verderben den Menschen aber sie haben eher was von Fantasie als von Lebenswelt. Dafür wurden sie auch gemacht. Sie sind kein Fick- oder Beziehungs-Lehr- und Informationsfilm.
Denn in der Realität hat der Typ in dem man seit Jahren verknallt ist, die Angewohnheit bei seiner Mutter die Wäsche waschen zu lassen und darüber hinaus ist sein Penis deutlich kleiner als all das was man in Pornos dargeboten bekommt. Die Frau, der man den Weg mit 1000 Rosen geebnet hat, wird ein bösartiges Tier wenn sie hungrig ist und stöhnt nicht bei jeder Berühung ihrer Brüste auf.
Überhaupt finde ich die Repräsentation von Frauen in Pornos absurd spannend. Meine Spiegelneuronen konzentrieren sich für gewöhnlich auf die Frau. Und nicht selten komme ich an den Punkt wo ich mich frage, wo habe ich hat sie jetzt eigentlich Spaß. Für mich ist nur in den seltensten Fällen zu erkennen wann und ob Frauen in herkömmlichen Pornos Orgasmen haben. Es ist als wäre ein stets Hintergrundstöhnen gewünscht aber bloß keine Ausschläge egal in welche Richtung.
Und auch beim männlichen Orgasmus sieht man fast nie ein Gesicht. Diese Film-Dramaturgie ist in etwa so sinnvoll, wie die letzten 5 Minuten des Champion League Finales aussschließlich das Publikum zu filmen.
Umso besser, dass es Projekte gibt wie Nelly Porneauxs Blog, in dem von ihr und manchmal auch von Gastautoren, Pornos empfohlen werden. Abgesehen davon, dass ich die Idee großartig und mutig finde, ist es einfach praktisch wenn man sich nicht selbst durch die Vielzahl schlecht gemachter Billigpornos klicken muss.
Es ist natürlich schön, wenn man sich mit seinem Partner über Sex austauschen kann. Ich glaube aber, dass das in gar nicht so vielen Fällen gemacht wird. Ich habe jahrelang Partnerschaften gehabt, in denen ich davon ausging, dass meine Freunde doch schon von selbst darauf kommen sollten, was ich mag. Aber dieser Ansatz war so absurd wie die Anforderung an den Partner, herauszufinden mit welchem Spielzeug man am liebsten als Kind gespielt hat.
Natürlich kann man Glück haben, dass man selbst genau weiß was man will, dass man dies toll kommunizieren kann, einen interessierten Partner hat, der sich darauf einlässt, selbst was einbringt und alles ganz grandios ist. Aber dieses Kommunizieren muss man eben lernen und wie soll das geschehen, wenn man immer wieder an die Sexgesprächsgrenze prallt?
Ich glaube nicht daran, dass sich bei dieser Grenze auf einmal ein riesiges Partnerschaftstor öffnet. Vielmehr wird man auch hier einfach schweigsam auf jeweils einer Seite des Mauer stehen.
In den letzten Wochen und Monaten kam es in meinem Bekanntenkreis allerdings zu kleinen aber bemerkbaren Veränderungen. 50 Shades of Grey scheint irgendwas bewegt zu haben. Auf einmal sitze ich mit Freundinnen in Restaurants und mit strahlenden Augen berichten sie mir von ihrer Lektüre.
Es ist, als hätte die Mauer ein paar Schießscharten bekommen und als würden mehr Leute dazu stehen, dass sie auch gern mal übers Ficken sprechen möchten oder zumindestens über erotische Literatur.
Viele meiner Freundinnen haben 50 Shades auf Ihrem Handy oder ipad gelesen. Es ist eben viel diskreter Schmuddeltexte erotische Literatur in der Ubahn auf dem Handybildschirm zu lesen. Ich glaube, 50 Shades ist nur der Anfang. Erotische Literatur wird durch Smartphones usw. noch ein Quell der Freude für viele Autoren, Verleger und Leser werden.
Glücklicherweise ist EL James jetzt schon nicht die Einzige, die den Markt bedient. Zufällig stieß ich zum Beispiel auf Natalie Rabengut, deren Bücher angenhem kurz und pointiert sind und nicht die moralisch-psychologisierende Elemente der Schattentrilogie aufweisen.
Wenn man danach suchen möchte, findet man im Internet natürlich auch viel interessanten und informativen Sexcontent fern von Youporn und Co.
Derzeit lese ich ganz gerne Betty Dodson und Carlin Ross. Ihr Blog – es gibt auch einen youtube-Kanal, über den ich aber wenig sagen kann – thematisiert fast alle Aspekte der Sexualität aber ihr besonderer Fokus gilt dem (weiblichen) Orgasmus.
Zuweilen nervt mich das amerikanische Streben nach Orgasmus und die massive Betonung von Glückseligkeit durch Sex, Selbstzufriedenheit und Orgasmus aber viele Texte sind auch sehr spannend und man muss den beiden zugestehen, dass sie leidenschaftlich bei der Sache sind.
Und natürlich gibt es auch Pornografie, die etwas differenzierter daher kommt. Dass diese relativ unbekannt ist, liegt unter anderem auch daran, dass sie nicht kostenfrei zur Verfügung steht.
Ich war mit Männern zusammen – und ich glaube, diese Mentalität repräsentiert sehr viele Menschen – die die Qualität eines Restaurants an der Größe der Portionen festgemacht haben. Die würden nie auf die Idee kommen, für Pornografie zu bezahlen, wo es doch genug Fickfilme kostenlos gibt. Man darf allerdings auch nicht vergessen, dass es letztlich um Triebbefriedigung geht und die ist nur sehr selten stilvoll.
Pornos erotische Filme bei denen es sich lohnen könnte, Geld auszugeben, werden zum Beispiel von Liandra Dahl oder Erika Lust gemacht. Ich bin wohl eher der Erika-Lust-Typ aber beide Frauen haben einen sehr eigenen Stil. Womöglich schreckt gerade die Abwendung vom glatten, gut beleuchteten Genitalienzeigen viele ab aber ich bin froh, dass es solche Kontrapunkte gibt und hoffentlich noch mehr und facettenreicher geben wird.
Von einer spannenden Sexualitätsfacette erzählt auch Nelly Porneaux Blogeintrag Zeile für Zeile zum Orgasmus*.
Stoyas Lesung über die Nelly Porneaux schreibt und die verlinkt ist zeigt, dass Pornografie auch ohne Nacktheit auskommen kann, dass Sexualität mehr ist als rein-raus und dass es spannend ist, darüber zu sprechen, darüber zu lesen und darüber nachzudenken, ob die too-much-information-Mauer wirklich sinnvoll ist.
*Als Lesung würde mich das defintiv aus dem Haus locken, ich frage mich allerdings, wie die Facebookeinladung gehalten sein wird.