Blick in die traurige Realität einer geglaubten Deutungshoheit

Für Cathrin

Es gab Phasen, in denen fand ich trübselige Poetenphilosphen interessant. Während meines geisteswissenschaftlichen Studiums stieß ich sowohl auf weibliche als auch auf männliche Expemplare, nur um festzustellen, dass es am Ende keine Kompatibilität gibt. Seitdem koexistieren wir friedlich.

Manchmal aber stoßen wir in den Weiten des Netzes doch noch aufeinander. Ganz besonders häufig treffe ich sie beim Freitext der Zeit. Schmunzelnd betrachte ich die geschwurbelte Klage, in der sich philosophisch gesuhlt wird.

Ich werde nie den Mehrwert dieser Form von Exhibitionismus verstehen, aber offenbar gibt es genügend Sender und Empfänger. Also versuche ich mich weiter in friedlich-ignorierender Koexistenz.

Das klappt nicht immer.

Feridun Zaimoglu schrieb kürzlich von Frauen die sterben, bevor sie sterben.

Im Teaser steht:

„Männer, diese aufgepumpten Wichte, pfuschen das Leben irgendwie so hin. Frauen beugen sich der männergemachten Welt – und altern und verzweifeln daran. Das Fax der Woche“

Und dann schreibt ein aufgepumpter Wicht über sein Leid vom Mannsein und schafft es, diese Armseligkeit auf die Frauen zu projezieren ohne aber zuvor zu vergessen, die Frau um die 40 als Opfer darzustellen.

Chapeau! So viele Twists, um die eigene Lebensinkompetenz durch Projektion und Verdrängung im Text zu verstecken, das schafft sicher nicht jeder.

Ich brauchte etwas, um die verschiedenen Ebenen der Unverschämtheit dieses Textes zu begreifen.

Zunächst erinnerte ich mich an einen Abend mit Freundinnen. Ein ähnlicher Abend, wie der den Zaimoglu im Text beschreibt. Wir saßen – allerdings deutlich beschwipster und mit einer starken Knoblauchfahne weil die Aioli einfach so lecker schmeckte – zusammen und meine Freundin erzählte, was ihr ein Bekannter gebeichtet hatte. Er hatte ihr mitgeteilt, dass Frauen ab 40 für Männer unsichtbar sind.

In dem Moment musste ich hysterisch anfangen zu lachen und verschluckte ich mich am Aioli-Baguette-Wein-Gemisch. Als ich wieder sprechen konnte, fragte ich meine Freundinnen, ob Männer ab 40 denn für sie sichtbar wären? Ich werfe jedenfalls sehr selten spontan einen flirtigen zweiten Blick auf einen Herren um die 45 oder älter.

Die Straße des Alterns führt nunmal durch jedes Leben und auch wenn sich nachhaltig das Gerücht hält, Männer würden im Alter attraktiver werden, so kann ich das aus persönlicher Erfahrung nur in wenigen Fällen bestätigen. Oder anders ausgedrückt, es macht Menschen – egal ob Männer oder Frauen – häufig interessanter wenn sie älter werden. Wer was zu erzählen hat, ist für mich spannend.

Und ein interessantes Gespräch ist das, was ich mit jedem Lebensjahr mehr zu schätzen lerne. Attraktivitiät verliert an Relevanz. Wir nähern uns jetzt einem weiteren Punkt der Textunverschämtheit – warum steht immer dieses Männer-Frauen-Flirt-Sex-Liebe-Dings im Mittelpunkt?

Wir können doch gar nicht so viel vögeln, wie wir uns Gedanken um unsere Wirkung auf andere machen. Auch wenn ich mir vorstellen kann, mit wesentlich mehr Männern zu schlafen, als mit ihnen zu leben, so ist die Anzahl der Männer, mit denen ich gern Sex hätte, immernoch sehr überschaubar.

In Zahlen ausgedrückt, für die Kommunikation mit 99% der Menschheit ist es völlig irrelevant, ob sie mich attraktiv finden oder ich sie. Ich kann viele dieser 99% Menschheit sogar lieben, ohne körperliche Anziehung zu benötigen.

Tatsächlich sind Zaimoglu und ich uns auf den ersten Blick einig: Frauen beschäftigen sich zu viel mit ihrer Attraktivität,

weil sie sich in der männergemachten Welt biegen und beugen.

Nur bei der Schlussfolgerung

Weil sie sterben, bevor sie sterben.

möchte ich mir meine Achselhaare einzelnd ausreißen, um die Bösartigkeit dieses Satzes zu ertragen.

Frauen sind keine Romanfiguren, die sterben, weil es gesellschaftliche Themen gibt, die scheiße laufen. Frauen sind tatsächlich komplexe Wesen, die die Fähigkeit besitzen über sich selbst und ihr Leben zu reflektieren. Frauenzeitschriften mögen das Bild vermitteln, dass Frauen sich nur als Wesen begreifen, die ein hübsches Beiwerk sein wollen. Es kann auch sein, dass Frauen an der Rolle, der Gehilfin, die ihnen immernoch gesellschaftlich angetragen wird, verzweifeln aber all das bedeutet nicht unseren Tod.

Frauen haben – entgegen vieler Gerüchte – durchaus noch andere Lebensmittelpunkte als der Kerl an ihrer Seite. (Im Übrigens hoffe ich, dass sich Männer auch über mehr Gedanken machen als Pornos und ihre alternde Ehefrau.) Indem Zaimoglu hier voller literatischem Mitleid die totbringende Rolle der Ehefrau und Partnerin beweint, zementiert er sie. Selten hat der Spruch „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“ so gut gepasst.

Aber woher nimmt Zaimoglu überhaupt die Selbstverständlichkeit für Frauen einen gutmeinenden Text zu schreiben? Glaubt er, das sei seine Pflicht? Hofft er, hierfür eine rote zu Rose erhalten und länger im Bacholorette-Haus bleiben zu dürfen?

Mein Toleranz für Männer, die Frauen erklären, wie sie fühlen, ist am unteren Ende der Bemessungsgrundlage angelangt. Ich kann das Selbstverständnis nicht mehr ertragen, mit dem die Deutungshoheit für das gesamte Universium in Anspruch genommen wird. Wenn ich etwas gut erklärt haben möchte, schaue ich mir die Sendung mit der Maus an. Ansonsten bin ich durchaus selbst in der Lage, meinen Tod wahrzunehmen.

Die Schwanzvariable

Hinweis zum Lesen: Nachdem ich den Text online gestellt habe, fiel mir auf, dass er am Anfang etwas wirr wirken könnte. Halten Sie durch, am Ende finden die Stränge zusammen.

Wenn in einem Text die Worte „cost per orgasm“ enthalten sind, schaue ich zumindest einmal kurz nach, ob sich dahinter etwas Interessantes verbergen könnte.

Ich gehörte nie zu den Menschen, denen fluffig die multiplen Orgasmen entgegenflogen. Insofern erwartete ich etwas über die „Arbeit“ bzw. Konzentration, die ein Orgasmus benötigt. Solche spannenden Themen werden leider viel zu selten beschrieben, wissenschaftlich untersucht oder diskutiert.

Aber statt die Menschheitsgeschichte mit irgendetwas Sinnvollem zu bereichern, fand ich eine schlechte Kritik über einen noch viel furchtbareren Blogeintrag in einem amerikanischen Männerblog.

Ich möchte nicht einmal den Urspungstext verlinken (ein Funken Hoffnung in mir glaubt immernoch, dass es sich um Satire handelt) aber das Fazit lässt sich so zusammenfassen: Beziehung sollte als eine wirtschaftliche Berechnung gesehen werden, in der die männliche Klimaxfrequenz ein Teil der Gleichung ist. Quasi ein Abendessen im schönen Restaurant für einmal Spermasekret ausscheiden inkl. Muskelentspannung. Die Grundvoraussetzung der Berechnung ist die Annahme, dass Frauen aus einer Beziehung/einem Date möglichst viel wirtschaftlichen Nutzen ziehen wollen, während Männer in einer Beziehung möglichst viel Sex haben möchten bzw. nur wegen des Sex daten.

Die Kritik des Independent setzt bei der Behauptung des Urspungstextes an, dass Beziehung etwas Ökonomisches sei und kramt Romantik, Liebe und den Mut zum Risiko als Gegenargumente raus.

Dabei wird die Chance vertan, die eigentliche Irrsinnigkeit und Mysogonie aufzuzeigen. Wenn selbst einer Autorin für den Independent nicht auffällt, dass der Wahnsinn in einem völlig bekloppten Männer- und Frauenbild liegt, dann ist davon auszugehen, dass dieser gesellschaftlich tief verankert ist.

Das macht es im übrigen nicht besser oder wahrer. Es gab auch Zeiten, in denen war die Idee einer Erdscheibe gesellschaftlich tief verankert.

Schon das Offensichtliche wird außer acht gelassen. Der Orgasmus. Ich habe eine Umfrage gemacht. 100% der von mir befragten Frauen sagte, sie schätzen den Höhepunkt im Rahmen eines Geschlechtsakts ebenfalls. Also ganz ohne höhere Mathematik wird die Gleichung des selbsternannten Alphabehighpotentialmännchens in dem Moment zerstört, in dem die Orgamsusrate der Frauen eine weitere Variable wird.

Ein Fakt, der anscheinend in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen wird, ist, dass Frauen Sex und Orgasmen und alles was damit zusammenhängt mögen. Wenn Frauen dies nicht so aggresiv einfordern wie Männer, liegt das vor allem an den unterschiedlichen Voraussetzungen.

Promiske und sexuell offensive Frauen werden nach wie vor im besten Fall kritisch beäugt. Das Ausleben vieler sexueller Beziehungen wird nicht vermieden, weil Frauen keine Lust dazu hätten, sondern weil es bedeutet, dass über sie getratscht würde oder sie problemorientierte Gespräche mit ihrem Umfeld führen müssten. Die Entscheidung liegt hier zwischen heimlichen Ausleben oder verzichten. Es sollte also nichts mit weiblichen Charakteristiken begründet werden, dass nicht auch aus sozialem Druck entstanden sein kann.

(Ich glaube übrigens, dass es sowohl Männer als auch Frauen gibt, die aus ihren persönlichen Vorlieben heraus kein Interesse an dergleichen haben, aber das lässt sich nicht auf das Geschlecht, sondern auf das Individuum zurückführen.)

Vor einiger Zeit las ich einen Tweet, den ich leider nicht mehr finden konnte, mit folgender Aussage: „Beim Onlinedaten haben Männer Angst, in der Realität eine dicke Frau zu treffen. Frauen haben Angst, auf einen Psychopathen zu stoßen.“ (Dank Herrn Rpunkt und Ernst diesen und diesen Hinweis zur Quelle gefunden.)

Solange Frauen implizit und explizit die Schuld für eine Vergewaltigung gegeben wird, ist für sie Sex mit wechselnden und relativ fremden Partnern einfach viel gefährlicher, als für Männern. Natürlich gibt es auch durchgeknallte Frauen, aber trotzdem ist die Gefahr für einen Mann wohl immernoch größer von einem anderen Mann vergewaltigt zu werden, als von einer Frau. Rückblickend habe ich auf diverse One Night Stands verzichtet, weil ich mir nicht sicher war, ob ich wirklich Lust hatte und lieber an einem von mir kontrollierbaren Punkt aufgehört habe, als das Risiko einzugehen, dass ein „nein“ von mir ignoriert wird. Klar kann man die weibliche Zurückhaltung als Keuschheit und sexueller Unlust interpretieren, viel näher an der Realität liegt aber die Sorge vieler Frauen, dass ihre Ansagen übergangen und sie am Ende als fahrlässige Schlampe hingestellt werden.

Im Gemengelage der Unfähigkeit Frauen zu befriedigen, bei gleichzeitiger Misinterpretation der Befürnisse von Frauen und dem daraus resultierenden Glauben, dass Frauen sexuell uninterssierte Wesen sind, muss eine Motivation konstruiert werden, die erklärt, warum Frauen überhaupt Sex haben. Diese darf natürlich nicht den Glanz und das Heldentum des Mannes beflecken. Die Idee, dass Frauen Geschlechtsverkehr dulden, damit sie materielle Güter erhalten, ist ein Alltime-Favorite.

Gern werden hier auch wieder die Steinzeitmenschen hervorgeholt. In der Wildniss vor zigtausend Jahren war es ja angeblich auch so, dass Frauen einen starken Beschützer brauchten, der Fleisch und andere Eiweißresourcen mit nach Hause brachte, während sie für Beeren sammeln und Kindererziehung zuständig waren und ihren Körper leidenschaftslos hergaben. Auf die viel näherliegende Erklärung, dass in der Wildniss eine ganze Gruppe gleichberechtiger und kompetenter Individuen der beste Schutz gegen Tiere, Wetter, Hunger usw. sein könnte, kommt keiner.

Die naiv-dümmliche aber geld- und juwelengierige Frau ist die perfekte Projektionsfläche, um auszublenden, dass Frauen deshalb sexuell viel vorsichter sind, weil sie größere physische und soziale Risiken eingehen als Männer. Verursacht wiederum von Männern, die nichts besseres zu tun haben, als ihren Schwanz in eine Gleichung einzubringen und zu ignorieren, dass zu einem Orgasmus auch zwei gehören können.

Das böse Weib

Einige Tage nachdem Elliot Rodgers aus Hass auf die Welt und vor allem aus Hass auf Frauen, vor allem die, die ihn nicht wollten, sieben Menschen erschoss, ploppte ein Text aus 2010 in meiner Timeline auf.

Wolfgang Bergmann schreibt darin über das „schreckliche“ Leben von Jungs in der heutigen Zeit: Jungs von heute – verweichlicht und verweiblicht

Dieser Text ist auf so vielen Ebenen falsch und zeigt unfreiwillig gleichzeitig auf, was das Kernproblem unserer Gesellschaft ist. Eine Gesellschaft, die im extremsten Fall Menschen wie Rodgers produziert. Menschen, die glauben, dass sie Frauen (und einigen Männern) überlegen sind und dass sie das Recht haben, über Frauen zu bestimmen. Wenn sie in ihrem angeblichen Recht beschnitten werden, steht es ihnen zu, ihren Hoheitsanspruch mit Waffengewalt zu verteidigen.

Schon der Titel von Bergmanns Text ist unsäglich dumm gewählt. Zum einen wird „verweichlicht“ und „verweiblicht“ in einen Satz gepackt. Im Grunde sagt er damit, dass alles Weibliche auch Verweichlicht ist. Wie kommt er auf die Idee? Weiblichkeit ist Weiblichkeit und Weichheit ist Weichheit, beides zusammen ergibt überhaupt keinen Sinn.

Und ein weiterer Aspekt stößt mir immer wieder auf: Was ist Schlimm an Weiblichkeit? Was ist Schlimm an Weichheit? Bergmann macht schon im Titel deutlich, dass diese beiden Charakteristika schlecht und für kleine Jungs schädlich sind. Ein what the fuck ist das Zurückhaltenste was ich zu so einer Aussage äußern kann.

Es widert mich zutiefst an, wie in unserer Gesellschaft Härte, Streitsucht, aggressives Auftreten, Angeberei, Skurpellosigkeit, Dominanz und Selbstdarstellung verherrlicht und vor allem grundsätzlich mit „Männlichkeit“ asoziert werden. Ebenfalls wunderbar passend zu den Geschehnissen in den USA und ebenfalls in der Welt, diesem Onlinemagazine der selbstverliebten Dummheit, erschien von Frank Schmiechen ein Artkel über echte Männer.

Ohne Ironie, Witz oder nur einen Funken Selbstironie schreibt Schmiechen Schleicher, dass „echte“ Männer eben Regeln brechen und verfassungswidrig doppelt wählen, zu schnell fahren oder öffentlich urinieren.

Ernsthaft? Echte Männer sind Personen, die Menschen gefährend, weil sie zu selbstgefällig sind, um sich an Verkehrsregeln zu halten? Menschen, die Gesetzte brechen, weil sie meinen, dass sie darüber stehen und ihre Wahlstimme doppelt zählt? Und „echte“ Männer sind unappetiliche Idioten, die einfach irgendwo hinpissen?

Wenn ich meinen Sohn so erziehe, dass er als Erwachsener genau diese Dinge nicht macht, sondern zivlisiert seine Meinung äußert, mit Argumenten Regeln ändert, durch Sprache und Handeln Menschen überzeugt und wenn er demütig ist und sich nicht für das Zentrum der Welt hält, habe ich dann meinen Sohn verweiblicht und verweichlicht und zu einem unglücklichen Menschen erzogen? Ich wage das zu bezweifeln.

Aspekte wie Empathie, Wärme, Liebenswürdigkeit, Kompromissbereitschaft, Fleiß oder Sensibiltät werden grundsätzlich der Weiblichkeit zugeordnet. Und interessanterweise stets mit Schwäche und Minderwertigkeit in Verbindung gebracht. In unserer patriarchalen und kapitalistischen Welt werden diese Eigenschaften im besten Fall akzeptiert und bestimmten Lebensbereichen zugeordent: Erziehung, Umgang mit Pflegebedürftigen, Dienstleistung oder der Zuarbeit/Vorbereitung.

Bewundert oder gewertschätzt werden diese Eigenschaften eigentlich nie.

Und auch Bergmann findet nichts Gutes daran für einen zukünftigen Mann. Denn ein zukünftiger Mann – so Bergmann – braucht Wettbewerb, möchte der Bestimmer sein, Ängste überwinden, muss raufen, laut sein, bauen und gestalten.

Zwei Fragen drängen sich auf: warum müssen Jungs das und warum gilt das gleiche nicht auch für Mädchen?

Ich behaupte nicht einmal, dass es keine Unterschiede zwischen Frauen und Männern gibt. Aber die Bedürfnisse sind ähnlicher als einem ständig erzählt wird.

Als Kind – und zum Teil noch heute – wollte ich bestimmen, toben (es traut und traute sich nur keiner mit mir, außer meinem 8 Jahre älteren Bruder), Ängste überwinden, laut sein, bauen, gestalten und um die Wette rennen. Und als Mutter einer Tochter und eines Sohnes sehe ich trotz der Unterschiedlichkeit, dass beide Kinder im gleichen Maße wild, laut und neugierig sind.

Dass es heute eher unüblich ist, dass Kinder ganze Tage allein mit ihren Freunden im Wald verbringen, dass Schule viel zu viel Stillsitzen und viel zu wenig Freiraum bietet, dem stimme ich zu, aber darunter leiden Mädchen wie Jungen.

Anstatt zu erkennen, dass das Problem vielmehr in einer leistungsbezogenen Gesellschaft liegt, in der so viele Eltern unruhig werden, wenn ihre Kinder nicht früh genug Chinesisch und Englisch lernen, in der jeder ungerade Lebensweg der Kinder mehr Panik auslöst, als Bluemie oder Magersucht, macht Bergmann vermeintlich weibliche Aspekte* dafür verantwortlich.

Das ist gleichzeitig so böse, menschenverachtend und dumm, wie man es nur von einem Hassprediger erwarten kann. Meines Erachtens, waren es nicht Empathie, Wärme, Liebenswürdigkeit, Kompromissbereitschaft, Fleiß oder Sensibiltät, die Elliot dazu verleitet haben, sieben Menschen zu töten. Es war vielmehr das Gedankengut einer Gesellschaft, die immer wieder die Verantwortung für das Böse der „Weiblichkeit“ zuordnet.

Frauen mögen mich nicht = ich habe das Recht sie zu erschießen
Weibliche Erziehung = Depressive, hyperaktive und kranke Jungen und Männer
Wahlbetrug, öffentliches Urinieren, Unfähigkeit Straßenregeln zu befolgen = echte Männer
Logik anyone?

*Absurderweise setzt Bergmann Leistungsdenken und weibliche Pädagogik ebenfalls in einen Sinnkontext. Dabei ist der Leistungsgedanke inklusive einer Leaderrolle sonst eindeutig der „Männlichkeit“ zugeordent. Ich nehme an, er wollte seine Argumentation nicht durch Logik versauen.

Neutrales Unvermögen

Seitdem ich vor vielen Jahren Arbeitnehmerin wurde, hatte ich vor allem männliche Vorgesetzte, teilweise auch ausschließlich männliche Kollegen.

Lange Jahre konnte ich mir nichts anderes vorstellen. Ich mochte es, durch mein Geschlecht eine besondere Rolle in der Arbeitsgruppe zu haben. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass das Arbeiten mit Männern zwar derber aber auch klarer und ehrlicher sei.

Und ich gab mich den gängigen Vorurteilen hin. Den Vorurteilen von zickigen, hysterischen und bösen Frauen, die zickiger, hysterischer und böser werden, je höher sie auf der Karriereleiter steigen.

Ich nickte bei Gesprächen, in denen Frauen wie Männer von Hexen in der Führungsetage sprachen, wo ein Prototyp der verbiesterten Karrierefrau gezeichnet wurde, die ihren persönlichen Frust bei männlichen und weiblichen Untergebenen auslässt.

Über die Jahre entwickelte sich mein Arbeitsleben so, dass sich sowohl unter den Kollegen als auch in den Hierachieebenen über mir, die Geschlechterverhältnisse ein wenig ausglichen.

Und dabei passierte etwas sehr Überraschendes: ich stellte fest, dass ich sehr gern mit Frauen arbeite und dass es diese vielbeschworenen bösen Hexen zwar im Märchen aber offenbar viel seltener in der Arbeitswelt gibt.

Selbstverständlich gibt es furchtbare weibliche Kolleginnen und Vorgesetzte – womöglich fallen sie auch deshalb umso mehr auf, als dass sie nach wie vor ingesamt viel seltener sind – aber diesen können mit Sicherheit genauso vielen furchtbaren männlichen Kollegen und Vorgesetzten zugeordnet werden.

Ich persönlich habe festgestellt, dass viele Frauen in der Arbeitswelt sehr schnell Schnacker und Blender durchschauen, dass sie oft sehr gut kommunizieren können und ihr Wissen teilen, statt es strategisch auszuspielen, dass sie unliebsame Dinge direkt ansprechen – was gern als hysterisch bezeichnet wird – und nicht aussitzen und dass sie Entscheidungen treffen, ohne sich vorher zu überlegen, ob diese ihrem Image und ihrer Karriere schaden können.

Je länger ich arbeite, desto mehr schätze ich das.

Während ich das schreibe weiß ich, dass die Halskrause einiger Leser bis hierhin immer weiter angeschwollen ist. Bei jedem Satz fällt ihnen ein Gegenbeispiel ein.

Ja, ich weiß, Frau Merkel ist eine große Künstlerin auf dem Gebiet des Aussitzens – was sie wohl bei ihrem männlichen Mentor Helmut Kohl abgeschaut hat – und ja, es gibt Frauen, die hinterhältig kommunizieren, um Kolleginnen und Kollegen auflaufen zu lassen. Wahrscheinlich kennt jeder die kinderlose Vorgesetzte, die die Augen verdreht, wenn man Hals über Kopf den Arbeitsplatz verlassen muss, weil sich das Kind in der Kita übergeben hat.

Aber bei diesen Menschen handelt es sich um machtbesessene, böse oder einfach nur frustrierte und unbeholfene Menschen. Diese Handlungsweisen sind nicht typisch weiblich sie lassen sich bei allen Geschlechtern feststellen. Je erfahrener ich werde, desto vehementer weigere ich mich zu aktzepieren, dass wir Frauen in der Arbeitswelt so sein sollen.

Und natürlich gibt es männliche Kollegen und Abteilungsleiter, die super kommunizieren können und den Durchblick haben. Aber auch das liegt vor allem daran, dass sie eine fähige Person sind, das Geschlecht ist da eher zweitranging.

Und ich will auch nicht die Männer aus dem Beruf drängen oder sie als schlechtere Kollegen oder Vorgesetzte darstellen. Im Gegenteil, ich bin von tiefstem Herzen davon überzeugt, dass ein Unternehmen in ökonomischer, betriebsklimatischer und struktureller Hinsicht von einem ausgeglichenem Geschlechterverhältnis profitiert.

Aber genauso wehre ich mich gegen diese bescheuerten Vorurteile gegenüber Frauen in der Berufswelt, die einfach nicht tot zu kriegen sind. Frau zu sein ist keine Charaktereigenschaft.

Ich würde mich daher freuen, wenn diese dilettantische Pseudopsychologisierung von männlicher und weiblicher Arbeitsweise endlich aufhören würde. Unvermögen ist genauso wie Können geschlechtneutral.