Sichtbarkeit einfordern

Diana Weis schrieb vor kurzem im Zeit-Magazin:

Die wirklich wichtige Frage, die sich Frauen an ihrem 40. Geburtstag stellen müssen, ist deshalb: Willst du das Aschenputtel sein oder eine der bösen Stiefschwestern? Willst du andere ewig auf dir rumtrampeln lassen, in der vagen Hoffnung, dass irgendein Prinz in deinem Schuh die Gestalt deiner wertvollen Seele erblickt? Oder nimmst du dein Schicksal lieber selbst in die Hand und pfeifst auf eine Natürlichkeit, die ohnehin nie eine war? […] Mit 40 Jahren haben Frauen noch viel vor sich. Es gibt Dinge, die wir noch erledigen müssen. Botox kann uns dafür wappnen. Wir sind noch nicht bereit für die Unsichtbarkeit.

Ich mochte den Text, weil es einige Aspekte des weiblichen Alterns und unserer Gesellschaft analysierte, die ich spannend, klug und richtig finde. Befremdlich finde ich allerdings die Schlussfolgerungen. Damit meine ich nicht die Nutzung von Botox, sondern die Kapitulation und die damit einhergehende Anpassung.

Witzigerweise erwähnt Diana Weis in der Metapher gar nicht die böse Stiefmutter. Dabei repräsentiert sie eigentlich den Kern dessen, was im Text steht. Die Stiefmutter hat erkannt, dass ein sozialer Aufstieg ihrer Töchter nur durch eine Hochzeit mit dem Prinzen möglich ist. Sie kämpft aber dagegen nicht an, sondern passt sich an und versucht nach den gesetzten Spielregeln für ihre Töchter eine bestmöglich Partie zu suchen. Sie weiß, dass sie das Interesse des Prinzen nur über die Attraktivität ihrer Töchter erreichen kann. Also muss sie ihre Stieftöchter bestmöglich präsentieren und notfalls sogar auf Täuschungen zurückgreifen. Sie weiß, dass der Handlungsspielraum von Frauen extrem eng ist. Der Wert einer Frau beziffert sich in ihrer Attraktivität und ihr Aufstieg ist an eine Beziehung mit einem möglichst einflussreichen Mann gekoppelt.

Und auch wenn Aschenputtel zunächst wie eine Antithese zu einem gängigen Schönheitsideal wirkt, ist sie im Grunde nichts anderes als ein schmutziger Diamant. Auch hier verliebt sich der Prinz erst, als Aschenputtel sich ihm herausgeputzt zeigen kann. Die Botschaft ist nicht, dass die Liebe überall hinfallen kann, sondern dass nur für echte schöne Frauen ein sozialer Aufstieg möglich ist.

In der Welt von Diana Weis hat sich also seit mehr als 200 Jahren – als die Brüder Grimm Aschenputtel in ihre Märchensammlung aufnahmen – nicht viel geändert. Die Fragen, die ich mir stelle sind: ist es wirklich so wie Weis beschreibt und wenn ja, warum sollte ich das so hinnehmen?

Wobei mir nicht ganz klar wurde, ob Weis meint, dass eine Frau ab 40 allgemein unsichtbar wird oder nur für Männer. Allgemein müssen Frauen nämlich nicht erst 40 Jahre alt werden, um unsichtbar zu sein. Gemäß dieser Studie werden Frauen bereits ab 30 Jahren im Fernsehen sukzessive unsichtbarer. Wenn also Maria Furtwängler einem Claus Kleber erklären muss, dass es keine Umerziehung ist, wenn man anhand einer wissenschaftlichen Studie feststellt, dass Frauen (nicht nur) im Fernsehen unterrepräsentiert sind, offenbart das, wie unerwünscht Frauen im öffentlichen und medialen Raum sind.

Die Studie hat ebenfalls analysiert: „Wenn Frauen gezeigt werden, kommen sie häufiger im Kontext von Beziehung und Partnerschaft vor.“ Frauen sind also nicht Experten oder Moderatoren, sondern Beziehungsmasse. Damit sind wir dann wieder bei der bösen Stiefmutter, die bereits erkannt hat, dass sich eine Frau nur in einer Beziehung – mit dem Prinzen – weiterentwickeln kann.

Insofern definiert sich Weis ganz klar auch über die Beziehung zu Männern. Sie spritzt sich lieber Botox als zu riskieren, dass sich kein Prinz mehr für sie interessiert. Diese Schlussfolgerung halte ich für fatal. Was für ein Ausmaß an Unterwerfung und Resignation offenbare ich, wenn ich mit einer Nadel voller Nervengift in der Stirn sage: „Es geht leider nicht anders. Wenn Du in unserer Welt wahrgenommen werden willst, musst Du den Männern gefallen.“

Fatal ist dieser Ansatz auch, weil das Botox nur an der Oberfläche eines großen Problems kratzt. Ich glaube ja, dass der größte Trick des Patriarchats ist, Frauen eine Verknappung der Ressource Mann vorzugaukeln. Als Frau ist es – unabhängig von Alter, Form usw – recht einfach, ein paarungswilliges Männchen zu finden. Um zu verhindern, dass Frauen zu viel Spaß dabei haben – so wie z.B. in dem Schweden, das Paulina Porizkova beschreibt – werden diffuse Mythen wie Monogamie, große Liebe und besonders begehrenswerte Männer geschaffen. Denn einen Mann abschleppen kann jede, aber einen Prinzen ein Leben lang zu halten, das ist die eigentliche Aufgabe einer Frau.

Das geht soweit, dass wir Frauen glauben, in einem Konkurrenzkampf um die besten Männer zustehen. Wir lesen uns Frauenzeitschriften durch, in denen wir angeleitete werden, Männer optimal zu befriedigen, wir halten unsere Körper schlank und straff, wir spritzen uns Botox und das alles weil unser Wert nur in Zusammenhang mit der Wertigkeit unseres Prinzen – der bei uns bleibt – gesehen wird.

Relevant ist hier vor allem die ökonomische Komponente. Der Prinz hat den Reichtum, das Aschenputtel nur ihre Schönheit. Patricia Cammarata hat sich neulich den 2. Gleistellungsbericht etwas genauer angeschaut. Dabei hat sie folgendes Zitat aus dem Bericht herausgestellt:

Studien deuten allerdings darauf hin, dass die Partnerinnen und Partner ihre Ressourcen keineswegs zur Verwendung „in einen Topf werfen“; vielmehr sieht es danach aus, als wirkten beim Ausgabeverhalten familieninterne Entscheidungsstrukturen und ökonomische Verhandlungspositionen (Beblo 2012: 193; Beblo/Beninger 2013; siehe auch Rees 2017).

Anders ausgedrückt, wer das Geld hat, entscheidet auch. Das heißt, Frauen sind unsichtbar, weil ihre wirtschaftliche Kraft geringer ist. Ältere Frauen betrifft das umso mehr, denn sie haben oft jahrelang unentgeltlich die Familienarbeit geleistet und häufig in Teilzeit deutlich weniger verdient.

Sollten wir hieran etwas ändern wollen, kann die Antwort jedenfalls nicht lauten, Botox zu spritzen. Vielmehr geht es darum, Sichtbarkeit einzufordern, aber auch die vorhandene wirtschaftliche Macht zu nutzen. Ich habe einfach keine Lust Geld für Filme auszugeben, bei denen Männern ihre Wall-Street-Gott-Fantasien ausleben, ich lese keine Bücher von ehemaligen linken alten Männern, die nun verbittert Anerkennung fordern, ich zähle Frauen auf Podien und gehe Leuten auf den Sack, die dumme Sachen sagen. Ich fordere eine Quote, nicht obwohl, sondern weil ich mir wünsche, dass Posten nach Qualifikation und nicht Geschlecht vergeben werden. Mir ist es egal als dick, unfickbar, alt oder was auch immer zu gelten. Meine Existenz ist nicht an meine Attraktivität oder einen Prinzen gekoppelt. Ich führe eine Partnerschaft, keine Herrchen-Hund-Gemeinschaft.

Ich verstehe, wenn jemand sagt, dass das ein (zu) anstrengender Weg ist. Ich verstehe die Resignation darüber, dass sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte nur wenig bewegt. Ich verstehe den Frust und die Müdigkeit immer wieder mit den gleichen Leuten über Selbstverständlichkeiten zu diskutieren. Gleichzeitig bin ich aber mit 40 Jahren einfach noch nicht alt genug, mich und mein Gesicht mit Nervengift einzuschläfern.