Zu wissen, warum wir etwas machen, macht es irgendwie auch nicht einfacher

Vor einiger Zeit fuhr ich zum Karneval nach Köln. Nach meiner Rückkehr fragte mich eine meiner Mütter-Freundinnen, ob ich denn rumgeknutscht hätte. Ich riss vor Überraschung meine Basedow-Augen auf und sah für einen Moment wohl aus wie Mesut Özil.

Nicht, weil ich nicht selbst darüber nachgedacht hätte – allerdings habe ich den jungen sympathischen Herren, der mich auf der Karnevalsparty angesprochen hat, in die Flucht geschlagen, indem ich wild und verwirrt mit meiner rechten eheberingten Hand herumgewedelt habe – sondern weil ich nicht damit gerechnet habe, dass auch andere zufrieden liierte Menschen zumindestens mal über die theoretische Möglichkeit von Geschlechtskontakt mit anderen Menschen nachdenken.

Bisher hatte ich das Gefühl, dass nur im Internet Menschen mehr oder weniger offen über Fremdgehen, Polyamorie und alternative Beziehungskonzepte sprechen. In den gängigen Frauenzeitschriften wird einem jedenfalls neue Reizwäsche als der Höhepunkt eines sexuell ausschweifenden Lebens präsentiert. Und im Freundeskreis werden solche Themen ebenfalls ausgeklammert, was ich übrigens gut finde, manche Sachen sollten einfach nicht im Nahbereich die Runde machen.

Jedenfalls las ich vor einigen Tagen im Internet einen sehr interessanten Eintrag über Beziehung, Sex, Treue und Gesellschaft: Why we f*ck auf David Cains sehr empfehlenswertem Blog Raptitude.

Im Grunde finde ich Cains Text großartig und würde gute 85% sofort unterschreiben, aber ich glaube, dass hier das Bild des Menschen zu positiv und vor allem zu eindimensional gezeichnet wird:

We now know human beings have always been highly social creatures, and that that has been our species’ defining strength. We know humans were nomadic for nearly all of their existence, roaming in groups of between 50 and 150 individuals. Rather than stressed, violent and solitary, they were probably most often calm, peaceful and intensely social. [...] Think about what it would be like to live your whole life in a social group of about a hundred people. You’d get to know everyone rather quickly, and would develop relationships with them over decades. Dissenters and troublemakers would be reformed quickly or shunned — jealous and possessive types would be too great a liability for the whole group.

Der Text hat meiner Meinung nach zwei Knackpunkte. Erstens wird der Umgang mit Sexualität in den Jäger- und Sammlerkulturen als sehr positiv dargestellt und damit impliziet zu einem Modell für eine erstrebenswerte Zukunft unserer Gesellschaft. Dabei ist die Frage, gab es überhaupt eine solche und eine einzige Steinzeitkultur und ist es sinnvoll die Vergangenheit zur Zukunft zu machen? Zweitens wird ein wesentlicher Aspekt des Menschen (bewusst) ignoriert: die Ambivalenz des menschliche Handelns.

Meiner Meinung nach ist es zu einfach, prehistorische Gesellschaften oder die wenigen noch intakten indigenen Völker als Vorbild für unsere Gesellschaft zu nehmen, denn es besteht beim Konzept des “edlen Wilden” oder “edlen Steinzeitmenschen” immer die Gefahr einer Verklärung, die letztlich niemanden was bringt.

Und mal ehrlich, in den Dokumentarfilmen über Nomadenvölker – wenn man davon ausgeht, dass diese prehistorischen Kulturen am nächsten stehen – die ich bisher gesehen habe, wirkten diese nicht wie eine glückselige, sexgierige Hippiekomune. Im Gegenteil, ich hatte das Gefühl, dass dort wesentlich strengere Normen galten und gelten, als in meiner von der Aufklärung beeinflussten christlich-abendländischen Kultur. Außerdem halte ich die Vergangenheit nicht für ein Zukunftsmodell, eher für einen Steinbruch aus dem man sich den ein oder anderen edlen Marmorbrocken brechen kann.

Ferner glaube ich, dass es nicht eine einzige ursprüngliche Kultur gab. Ähnlich vielleicht, aber nicht gleich, dafür hat der Mensch einfach zu viel Freude an der Individualität, auch als Gruppe.

Nach der Geburt meiner Tochter entdeckte ich das Buch “Kinder verstehen” von Herbert Renz-Polster. Meiner Meinung nach handelt es sich hierbei um das mit Abstand beste Buch über Kinder, das ich bisher gelesen habe. Unter anderem weil darin so wunderbar aufgedröselt wird, wo die menschliche Ambivalenz ihren Ursprung hat.

Renz-Polster betrachtet das Verhalten von (Klein-)Kindern unter Berücksichtigung der Evolution beziehungsweise der steinzeitlichen Lebensweise des Menschen, die sich noch heute vielfach in unserem Verhalten manifestiert.

Von Anfang an wird klar, dass Renz-Polsters Defintion von Evolution nichts gemein hat mit den Fantasien mancher Vollpfosten, die gern ihre versimpelten Derrivate einer Evolutionsvorstellung hervorkramen, um ihre armselige Weltsicht zu begründen. In deren Weltbild gehen die Männer jagen, die Frau kümmert sich um das Lager und hat nach seiner Rückkehr – mit nem schäbbigen Kanickel im Gepäck – nichts anderes zu tun, als ihm die geschundenen Jägerfüße zu massieren.

Aus Renz-Polsters Buch habe ich für mich vor allem die Quintessenz gezogen, dass der Mensch die Fähigkeit hat, sich fast überall anzupassen. Das kann er deshalb so gut, weil er die geistigen Möglichkeiten hat, sich uns seine Kultur den Lebensumständen anzupassen. Wenn es auf Grönland keine Bananen gibt, isst der Mensch halt Robbenfleisch.

Das macht ihn nicht weniger gesund, auch wenn jede Nahrungspyramiede auf Obst und Gemüse aufgebaut zu sein scheint. Und genauso wie es lebensumstandsmäßig angepasst Nahrungskonzpete gibt und gab, gibt und gab es auch lebensumstandsmäßig angepasste Gesellschaftskonzepte, die leider nicht immer garantieren, dass es allen Mitgliedern der Gruppe auch gut geht.

Auf dem Weg zu dieser global funktionierenden Überlebensstrategie, die neben Ratten und Schaben, ihresgleichen sucht, hat sich wohl irgendwie die Verhaltsambivalenz eingeschlichen. So schreibt Renz-Polster in Menschenkinder: Plädoyer für eine artgerechte Erziehung (auch sehr empfehlenswert):

Homo sapiens hat ein indivudalistisches, aber gleichzeitig “soziales” Gehirn. Im ursprünglichen Lebenskontext des Menschen war Überleben nur möglich, wenn diese beiden Seiten – das Ich und das Wir – austariert blieben. Nur in dieser Balance konnten Menschengruppen sich in einer extrem harten Welt behaupten, ein paar Hunderttausend Jahre lang. Das war der evolutionäre Gesellschaftsvertrag. Die frühen Völkerkundler staunten darüber, wie viel Energie in Jäger- und Sammlergemeinschaften aufgewendet wurde, um dieses Gleichgewicht zu halten. Wie viele Regeln und Rituale es gab, um Interessen auszugleichen und Konflikten vorzubeugen. [...] Steckt dieses doppelgleisige Lebensmodell noch heute in uns? Eindeutig! [...] Kinder wollen gleich sein, aber sie wollen auch besonders sein. [...] Auch unser Erwachsenenleben schient dem Thema “Autonomie in Verbundenheit” gewidmet zu sein.

Dass das stimmt sehen wir jeden Tag bei Twitter, überall <3 aber hauptsache man hat mehr Follower und Favs als die Twitter-Nachbarn.

Noch wach? Jetzt kommt nämlich der Sex-Teil.

Mein soziales Gehrin sagt, dass ich meinen Mann gern mit anderen teilen kann, ich werde ihn und er mich dadurch nicht weniger lieben. Mein individuelles Hirn aber sagt, dass er MEIN Mann ist und ich ausraste, wenn ich mitbekomme, dass ihn ein anderes Weib anfasst.

Mein individuelles Hirn empfindet Eifersucht, Neid und Missgunst (allgemein und oft, nicht nur auf Sex bezogen). Und mein soziales Gehirn sorgt dafür, dass ich diese Gefühle maximal im kleinen Kreis ausspreche aber nicht aufschreiben, damit sie nicht allzu viel Schaden anrichten.

Sicherlich lässt sich in unserer Gesellschaft noch einiges verbessern, was unser täglicher Kampf um Besitz (Menschen, Werte, Häuser, Yachten) angeht, aber es lässt sich einfach nicht ausmerzen. Und deshalb glaube ich auch nicht, dass – außerhalb von ein paar beeindruckenden Ausnahmen – das Konzept der Polyamorie funktioniert.

Das ändert nichts daran, dass es in der Biologie des Menschen zu liegen scheint, gern Sex zu haben, gern auch mit verschiedenen Partnern.

(Für diese Theorie brauche ich keine Beweise, dafür reicht das Erleben eines Eisprungs. Und ganz ehrlich, dieser Hormonrausch, den wir für ein paar Monate haben, wenn wir verknallt sind, auf den hat doch jeder irgendwann mal wieder Lust, egal wie großartig die Beziehung ist. And don’t tell me the bullshit you fall in love with your husband every other months over and over again.)

Glücklicherweise hat man als Mensch die Möglichkeit Entscheidungen zu treffen, was dazu führt, dass ich eben nicht jeden gut riechenden Mann anspringe. Aber unser Verhalten bleibt ambivalent und es gibt auch keine richtige Entscheidung. Nach wie vor müssen wir mit uns, unserem Partner, unserer Umwelt eine Balance finden, die im besten Fall dazu führt, dass möglichst wenige Leute verletzt werden.

Vielleicht ist es ein erster Schritt, sich einzugestehen, dass man sich wie blöd freut, beim Karneval angeschnackt zu werden und dass das menschliche Verhalten keine einfache Gleichung ist wie 1+1=2, sondern eher komplex wie (2×5) zum Quadrat hoch 10. Das macht unser Leben nicht unbedingt einfacher aber uns wahrscheinlich toleranter und offener gegenüber dem Verhalten anderer Leute. Aber die Liebe zu Klatsch und Tratsch ist irgendwie auch so ein menschliches Ding.