Nicht glauben können

Antje Schrupp fragte via Twitter und dann per Post und Nachklapp nach wer und warum Atheist ist und ob es sich um eine Weltanschauung oder eben keine Weltanschauung handelt.

Außerdem las ich vor kurzem diesen Zeitartikel von Tanja Dückers in dem ein Trend (zurück?) zur Religiösität ausgemacht wird.

Schon seit einiger Zeit wollte ich einen Text darüber schreiben, wie ich mich mit Religion und Glauben auseinander gesetzt habe und schließlich feststellte, dass ich Atheistin bin. Abgesehen davon, dass ich wohl einen Aufhänger dafür brauchte, fiel es mir aus zwei weiteren Gründen etwas schwer darüber zu schreiben: a) Ich möchte Religion und Religiösität nicht negativ darstellen. Viele meine Freunde finden dort Kraft und Antworten. Nicht selten beneide ich sie dafür, trotzdem merke ich immer wieder, dass ich hier anders funktioniere. b) Ich will nicht, dass mir jemand erzählt, warum ich etwas glauben soll und entsprechend erwarte ich von niemanden, dass er sich meiner Weltanschauung anschließt. Den richtigen Ton zu finden, indem man die eigene Glaubensphilosophie erklärt, ohne die anderen in einem schlechten Licht darzustellen, stellt für mich eine Herausforderung dar.

Wenngleich es in meiner Familie väterlich wie mütterlicherseits bis vor zwei Generationen eine nicht unerhebliche Anzahl an evangelischen Pfarrern und Diakonissinnen gab, bin ich fast religonsfrei ausgewachsen.

Meine Mutter wurde in den 40er Jahren nicht getauft und sah bis heute keine Grund das nachzuholen. Mein Vater und mein Bruder sind evangelisch getauft aber auch bei ihnen spielt Religion keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Ich blieb bis kurz vor der Konfirmation ungetauft, wurde aber schultechnisch als evangelisch eingestuft und entsprechend beim Religionsunterricht mit den anderen Protestanten meiner Jahrgangsstufe zusammengepackt.

Was mich aber nicht daran hinderte, an katholischen Messen – bei uns auf dem Land gab es ja sonst nichts – teilzunehmen. Bis auf einmal blieb ich beim Abendmahl immer sitzen. Als ich einmal doch auch eine Oblate nahm, fauchte mich eine Klassenkameradin an, als Ungetaufte hätte ich kein Recht dazu. Etwas neidisch war ich auch auf meine Klassenkameradinnen, als sie zur Kommunion hübsche weiße Kleidchen trugen und mit Geschenken und Geld nur so überhäuft wurden.

Ich entschied mich mich mit 12 oder 13 Jahren bewusst dafür, am Konfirmationsunterricht teilzunehmen und vor der Konfirmation getauft zu werden. Ich fand Religion exotisch und spannend und hoffte auf Antworten.

Der Unterricht und die wöchentlichen Gottesdienste, die wir besuchen mussten, waren nichtssagend und langweilig.

Lediglich eine Geschichte die der Pastor erzählte, blieb mir seitdem im Kopf. Er berichtete aus Markus 6:32-44. Dort teilt Jesus Brot und Fisch und 5.000 Leute werden satt. Die Moral der Geschichte ist, wenn man teilt ist für alle genug da. Das gefiel mir gut und hat bis heute – dann und wann – Einfluss auf mein Verhalten.

Das mit der Konfirmation zog ich durch, allein wegen der Geschenke und der Feier und weil ich ungern auf halben Weg aufhöre.

Aber eine Epiphanie war es nicht.

Mit 16 ging ich dann ein Jahr in die Staaten und setze mich gezwungenermaßen sehr viel mit Religion auseinander.

Ich kam nach Tennessee in den Bible Belt. Meine Gastfamilie ging drei mal wöchentlich in die Kirche und es war klar, dass ich mitgehen sollte.

Nun ist es in den USA so, dass es unter den vielen protestantischen Richtungen viele Strömungen gibt. Das geht von sehr liberalen Gruppierungen die u.a. auch homosexuelle Ehen befürworten bis hin zu Gemeinden, die in Europa wohl als Sekten gelten würden.

Die Free Will Baptist Church zu der meine Familie ging, gehört zum sehr konservativen rechten Spektrum.

Interessant war auch, dass die Kirchen für gewöhnlich entweder nur von Weißen oder nur von Schwarzen besucht wurden. Es gibt also in einem kleinen Ort zwei Baptistenkirchen eine für die weißen und eine für die schwarzen Gläubige.

Ich war sehr irritiert. Für mich war Kirche der Ort an dem für Kinder in armen Ländern gesammelt wird, in dem Versöhnung, friedliches Miteinander zumindestens gepredigt aber im besten Fall auch gelebt wird.

Ich lernte nun Leute kennen, die offen zu ihrem Rassismus standen – und ihre Töchter zusammenschlugen weil sie sie knutschend mit einem Schwarzen erwischt hatten – die Waffen besaßen und sich nicht scheuen würden, diese auch gegen Personen anzuwenden. Leute, die nicht an die Evolution glaubten, weil es so nicht in der Bibel steht und die Homosexualität für eine Perversion halten, die man (mit dem Glauben) kurieren kann. Aber gleichzeitig hielten sie sich für sehr gute Christen.

Die absolute Weltsicht vieler Menschen, auf die ich dort traf und ihr Glaube der keine Facetten erlaubte, dessen oberstes Gesetz war, an Gott und Jesus zu glauben und dann erst die anderen Gebote zu befolgen, bedrückte mich. Auch weil die Hölle nicht symbolisch, sondern oft ganz real als Drohung für jede Form der kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema genutzt wurde.

Ich hatte Glaube immer mit einem bestimmten moralischen Kodex in Verbindung gebracht insbesondere der: “Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg’ auch keinem andern zu!” (gemäß Buch Tobit im 4. Kapitel Vers 16: “Was du verabscheust, tu keinem anderen an!”) bzw. einem entwaffnendem Pazifismus “Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel; sondern, so dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar.” (Matthäus 5:39)

Hier wurden auf einmal Rassismus, Patriachat und Angst vor allem Fremden durch Religion begründet und untermauert. Die mannigfaltigen Möglichkeiten des Missbrauchs von Relgion wurden mir in diesem Jahr ganz besonders bewusst.

Das Positive daran war, dass ich genug Zeit, Gelegenheit und Muße fand, mich mit Glauben und insbesondere dem Christentum zu beschäftigen und festzustellen, dass Religion nichts für mich ist.

Zum einen fragte ich mich, woher der Absolutheitsanspruch vieler Religionen kommt. Jetzt mal im Ernst, wird es im Jenseits eine große Battle der Religionen geben, wer nun Recht hatte? Kommen dann die Verlierer-Religionen oder Gläubiger in die Hölle oder sonst welchen Ort, der für Falschreligiöse vorgesehen ist?

Das ist natürlich absurd und für mich einer der wesentlichen Punkte, warum ich nicht glauben kann. Wenn es so viele verschiedene Religionen und Glaubensrichtungen gibt, kann das – nach meiner ganz persönlichen Logik – nur dafür sprechen, dass Religion ein metaphysisches Abbild der Gesellschaft ist, in der man lebt. Religion kann somit – nach wie vor entspricht das meiner ganz persönlichen Logik – keine allumfassende Wahrheit sein.

Ferner habe ich ein großes Problem mit der Verantwortungsfrage. Und zwar in zweierlei Hinsicht:

Im Christentum gilt die Vergebung als ein zentrales Element.

Ich bin ein großer Freund von Vergeben und Verzeihen, es macht das Zusammenleben einfacher und freundlicher. Meine Kinder versöhnen sich jeden Tag ca. 25 Mal, der Mann und ich ca. 10 Mal, Vergebung ist ein wesentliches Element unseres Familienlebens.

Gott vergibt uns ebenfalls unsere Sünden (“Und vergib uns unsere Schuld, wie wir unseren Schuldigern vergeben.” Matthäus 6:12). Grundsätzlich ist der Gedanke sehr schön aber Gott ist für mich nicht greifbar, womit ich mich wohl im Wesentlichen von gläubigen Menschen unterscheide. Ich stehe nicht in einem Dialog mit ihm. Das heißt, es wäre absurd, wenn er meine Schuld vergeben würde, auch weil er und ich sehr unterschiedliche Auffassungen von Sünde haben.

Das fängt schon bei Eva an. Ehrlich gesagt halte ich es tendenziell für eine Heldentat, den Apfel gegen den Willen Gottes zu kosten. Im Grunde ist das was im Christentum als Sündenfall negativ konnotiert ist, eine Emanzipierung von Gott oder im übertragenen Sinne einer Loslösung von den Eltern zu einer eigenständigen Person.

Ich persönlich bin ein großer Fan von freiem Denken und Handeln. Ich finde es toll, dass Eva den Apfel probiert hat, natürlich ist die Welt nicht perfekt, aber immernoch besser als ein langweiliges Paradies.

Die Bibel und ich sind also schon von Anfang an unterschiedlicher Meinung, ich möchte nicht zurück ins Paradies und entsprechend ist der Erlöserteil für mich dann auch irrelevant.

Zurück zur Vergebung. So wichtig Vergebung für den gesellschaftliche Umgang ist, so finde in es trotzdem bedrückend, wenn das Wissen, dass Gott schon vergeben wird, quasi jedes Fehlverhalten relativiert.

Ferner habe ich (zu) oft erlebt, wie die Verantwortung für das eigene Verhalten in die metaphysische Hände von Göttern, Teufeln und Dämonen geschoben wird.

Ich reagiere immer sehr ungehalten, bei der Verschiebung von Verantwortung. Ich merke zum Beispiel an mir selbst zyklus, müdigkeits- oder krankheitsbedingt Verhaltensänderungen. Gleichwohl halte ich es für eine billige Ausrede mein Verhalten mit Hormonen, einer Krankheit, meinem Geschlecht oder auch dem Verweis auf evolutionäre Entwicklungen oder was auch immer zu begründen.

Ich fühle mich letzten Endes immer für mein Verhalten verantwortlich. Ich kann es mir herleiten, wieso ich mich so oder so fühle oder ich kann nachvollziehen, warum ich etwas wie getan habe, aber für die Handlung bin ich verantwortlich. Götter und Dämonen haben – meiner Meinung nach – nichts damit zu tun.

Natürlich liegt vieles in meinem Leben nicht in meiner Hand und nicht in meiner Verantwortung. Von mir geliebte Menschen oder ich selbst können schwer krank werden, ihre Lebensgrundlage durch Jobverlust verlieren, es können Unfälle, Todesfälle, Überfälle und was es sonst noch an tragischen Lebenswendungen passieren, die nicht beeinflussbar sind.

Hier ist der Punkt an dem ich gläubige Menschen häufig beneide. Denn – so habe ich den Eindruck – sie konnten diese Schicksalsschläge viel besser akzeptieren und damit umgehen. Gott wird schon seinen Grund haben und einem nichts aufbürden, das man nicht auch tragen kann. Diese Idee gefällt mir.

Im Laufe des Aufenthalts in den USA bin ich zur relativ liberalen methodistischen Kirche einer Freundin gewechselt. Ihr Vater war dort “Preacher” und in dieser Kirche fand ich einen Großteil meiner moralischen Werte repräsentiert. Meine Gastfamilie akzeptierte, dass ich lieber mit meinen Freundinnen zur Kirche ging (so lange ich ging) und ich fand in der Tat das Gemeindeleben spannend und schön.

Eine weitere gemeinsame Freundin besuchte diese Kirche auch und ihr und ihrer Familie ging es eine Zeit lang nicht gut. Eines Sonntags sah ich sie vor dem Altar knien und beten. Danach schien sie deutlich ruhiger, gefasster, so als wäre ihr eine Last von der Seele genommen worden.

Ich bewundertere und beneidete sie in diesem Moment für ihren Glauben und die innere Ruhe die dieser ihr schenkt.

Zu gern, dachte ich damals, würde ich auch gern glauben können aber gleichzeitig wurde mir klar, dass ich es nicht kann. Ich muss andere Wege für mich finden.