Lieber feiere ich eine schwarze Messe, als Muttertag

Muttertag hat sich mir nie erschlossen, weder als Tochter noch als Mutter. Je älter ich werde, desto wütender werde ich sogar. So als würde mich die Verlogenheit dieses Tages mit jedem Jahr dreckiger angrinsen.

Wenn mir irgendjemand als Mutter was Gutes tun will, dann fallen mir drei Millionen Dinge ein. Geschenke, Süßigkeiten, pathetische Liebeserklärungen und die penetrante mediale Erinnerung an Muttertag zähle ich nicht dazu. Ich glaube, ich spreche für einige Mütter wenn ich schreibe, dass wir ausschlafen, Oralsex und einen Tag allein oder mit Freundinnen, viel dankbarer annähmen, als bemühte Geschenke und billige Aufmerksamkeit.

Letztlich würden aber auch nicht die oben genannten Dinge, meine Empörung über diesen Tag abmildern können. Basiert er doch viel zu sehr auf dem Bild einer treusorgenden und aufopferungsbereiten Mutter, die an einem Tag im Jahr verehrt wird. Während beim Vatertag die Herren marodierend durch die Straßen ziehen, lächelt die Mutter am Muttertag artig und stopft sich die geschenkten Pralinen in den Mund.

Was für ein bescheuertes Mutterbild. Ich will nicht verehrt werden, mir würden ausreichend Kitaplätze, verständnisvolle Arbeitgeber, gleiche Bezahlung wie Männer, eine Frauenquote, Anerkennung von Care-Arbeit, gute Bildung für meine Kinder und keine bescheuerten Diskussionen darüber, ob eine Mutter besser mit den Kindern zu Hause bleibt oder arbeiten geht, vollkommen ausreichen. Mütter sind nämlich durchaus in der Lage, selbst zu entscheiden, was für sie und ihre Familien am besten ist. Von mir aus könnte auch endlich das Ehegattensplitting zum Muttertag abgeschafft werden. Eine Ehe kostet nämlich – außer Nerven – nicht viel. Kinder sind indessen ein Armutsrisiko.

Überhaupt dieser Mythos der Mutter. Er bringt mich jedes Mal in Rage. Selbstverständlich prägt es mich, Kinder zu haben. Aber ich bekomme davon keinen Heiligenschein. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich nach der Geburt meines Sohnes voller Sorge war. Ich hatte ihn per Notkaiserschnitt geboren und glaubte nun, ihm nicht die optimalen Startchancen gegeben zu haben. Über die Jahre verstand ich glücklicherweise, dass es weder optimale Startchancen gibt, noch dass ein Kaiserschnitt ernsthafte Auswirkungen auf irgendwas hat. Dieses elende Getue um die perfekte Geburt und das optimale Stillen sind beispielhafte Mythen, an denen wir nur scheitern können. Genauso wie wir nie dem Bild der guten Mutter entsprechend können.

Insofern ist der Muttertag sogar ganz besonders perfide. Er erinnert uns an den Mythos der stets liebenden, sorgenden und geduldigen Mutter. Ein Mythos an dem jede Mutter jeden Tag scheitert. Wir werden also am Muttertag an unsere Unzulänglichkeiten erinnert. Es sind vergiftete Pralinen, die wir brav mampfen, während wir wie eine weibliche Sysyphusa versuchen, unser Leben, unsere Bedürfnisse und die Bedürfnisse unserer Familie unter den Schirm des Mutter-Mythos zu packen.

Passend dazu las ich heute auf Twitter diesen Tweet:

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Diese Veranstaltung ist Muttertag in a Nutshell. Es geht nicht darum, sich ernsthaft mit den realen Bedürfnissen von Frauen und Müttern auseinander zu setzen. Sie werden nicht einmal gefragt. Es geht darum, Frauen zu erklären, wie ihre Rolle aussieht. Das alles versüßt mit Schokolade (Muttertag) oder dem Anstrich einer gutmeinenden Diskussion.

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*Laut Aussage des Veranstalters haben mehrere Referentinnen abgesagt, weil sie nicht mit Prof. Ulrich Kutschera diskutieren wollten. Warum man sich nicht fragte, ob es womöglich gute Gründe gibt, warum niemand mit Kutschera diskutieren möchte, hat leider niemand beantwortet. Die Technisches Universität Braunschweig hat hier allerdings die Nennung des Namens und Logos untersagt.

Leck mich am Bollerwagen

Dieses Jahr hatten wir das Glück, dass Vater- und Muttertag in die gleiche Kalenderwoche fielen, denn so fiel der Irrsinn des Ganzen besonders auf. Passend dazu hat Das Nuf heute bei Instagram eine visuelle Gegenüberstellung der Symbolbilder für Muttertag und Vatertag erstellt:

MutterVatertag

Ich habe nicht nur ein Problem mit dem Muttertag weil die Nazis ihn so gern mochten, ich habe ein Problem mit dem Muttertag, weil ich ihn schlichtweg scheiße finde. Unter jedem Post bei Facebook, in dem irgendwelche Menschen Mütter dafür beglückwünschen, dass sie Mütter sind, würde ich zu gern ein Fragezeichen setzen (wenn ich gut gelaunt bin) und ein wtf (wenn ich schlecht gelaunt bin).

Ich habe auch kein Problem mit dem Vatertag, weil Männer im Bollerwagen durch die Gegend fahren und Alkohl konsumieren. Ich habe ein Problem damit, weil ich dieses Gehabe in Zusammenhang mit Vater-Sein völlig beknackt finde.

Aber ich möchte etwas differenzierter ranten.

Kinder machen ist eine verhältnismäßig einfache Sache. Kinder groß ziehen ist etwas komplexer und zuweilen auch anstrengend. Ich bin ein großer Fan davon, seinen Eltern dafür zu danken, dass sie versucht haben, die besten Eltern zu sein, die sie sein konnten. Ich mag, wenn meine Kinder mich in den Arm nehmen und mir sagen, dass sie mich lieben. Ich mag es genauso, wenn sie sich an ihren Vater kuscheln und ihm sagen, dass sie seine Witze gut finden. Ich versuche meinen Eltern Geschenke mitzubringen, wenn ich sie besuche und ihnen zu sagen, dass ich sehr gern Zeit mit ihnen verbringe.

Aber ich ertrage diese öffentliche Zelebration von Mutter- und Vaterschaft nicht. Dem Karneval wird ja auch immer vorgeworfen, Frohsinn auf Knopfdruck zu sein. So sehr ich den Karneval auch mag, kann ich dieses Argument nicht völlig entkräften, da der Frohsinn ja tatsächlich für einen bestimmten Zeitraum terminiert ist. Aber in diesem Frohsinn steckt – wenn man die richtigen Orte besucht – wenigsten noch eine Form von Anarchie, Selbstironie, Witz und Wollust.

Dem Muttertag fehlen jede Spuren von Anarchie oder Witz, geschweige denn Wollust (aus der absurderweise ja zuweilen die Kinder entstanden sind). Da gibt es Blumen, Herzchen, alles rosa und total possierlich und harmlos. Es ist die Feier der anständigen Frau, die sich jauchzend über mehr oder weniger schlecht gebastelte Geschenke freut und womöglich die Torte noch selbst gebacken hat.

Und der Vatertag ist auch nicht besser. Hier wieder der Rest der männlichen Unabhängigkeit gefeiert. Dieser ewige Spruch, dass Männer sich durch die Ehe in ein Gefägnis begeben, nervt mich jedes Mal wenn er in einer billigen Kommödie vorkommt. Dann sollen sie doch nicht heiraten. Mein Gott, als wäre ein Familienleben eine Naturgewalt, der ein Mann nichts entgegen setzen kann. Ausgehend also vom Gefängnis der Ehe und der Familie muss der Vater nun am Vatertag mit seinen Freunden saufen und Bollerwagen fahren.

Wenn es Menschen gibt, für die das eine Manifestion von Freiheit ist, dann mache ich mir Sorgen und wenn sie dann auch noch einen Tag im Jahr dafür brauchen, um das auszuleben, möchte ich anfangen zu weinen.

In diesem Sinne bin ich froh, heute keine Rosen geschenkt bekommen zu haben, mit denen ich meinen Mann vor Wut pieksen kann und keine rosa Torte essen zu müssen, die ich lieber in das Gesicht der aufgesetzt familären Menschen schmeißen möchte. Und jetzt gehe ich den Bollerwagen im Keller zertrümmern.