Vagina – Vagini – Vaginae

Irgendwann schreibe ich mal ein Buch mit dem Titel: „Die beknacktesten Mythen rund um die (weibliche) Sexualität“.

Seitdem ich mich für Sexualität interessiere, habe ich immer wieder festgestellt, dass das allgemeine Bild von weiblicher Sexualität und dem was ich selbst erlebe und über Freunden/Bekannten/Texten/Berichten mitbekomme eine Differenz aufweist, die größer ist als das griechische Haushaltsdefizit.

Ich gehe übrigens davon aus, dass es sich ähnlich mit der männlichen Sexualität verhält.

Selbstverständlich gibt es im Weltverbesserungsranking andere Probleme und Themen, die womöglich von größere Wichtigkeit sind, aber ich persönlich halte Sexualität für einen Dreh- und Angelpunkt bei der Definition und Gestaltung einer Gesellschaft.

Da Sexualität in unserer Gesellschaft meist im Privaten und Verborgenen stattfindet, bietet es sich geradezu an, sie zur Mythenbildung heranzuziehen und damit das ein bestimmtes ideologisches Bild von Frauen und Männern zu zementierten. Die Gefahr, dass jemand aufspringt und sagt: „Also bei mir ist das anders“ ist ziemlich gering. Niemand möchte sich im Bereich des Geschlechtsverkehrs öffentlich die Blöße geben und eine Normabweichung zugeben.

Und so entwickeln die Mythen eine ganz wunderbare Beständigkeit. Oder sie werden in völlig absurde Richtungen weiterentwickelt. Intimrasur ist beispielsweise in den letzten 15 Jahren von völlig egal zu einem absoluten Muss geworden. Ich habe den Eindruck, dass man mittlerweile Menschen zu Tode erschrecken kann, indem man ihnen Schamhaare in Nahaufnahme zeigt.

Insofern freue ich mich eigentlich, wenn es Bücher, Texte, Theaterstücke, Kunst gibt, die Geschlechtsteile thematisieren. Es schadet ganz sicher nicht den Trend der porenreinen, glatten und engen weiblichen Vagina und dem porenreinen, harten und großen Penis etwas entgegenzusetzen und darauf hinzuweisen, dass Sexualität etwas mit Schweiß, Körperflüssigkeiten, komischen Geräuschen und nicht mit flachen Bäuchen, Blumenduft, Perfektion und Hochleistungssport zu tun hat.

Theoretisch hätte auch Naomi Wolfs Buch Vagina: A New Biography* – das 2012 in den USA und im Mai 2013 in Deutschland erschien – bei einer Entmystifizierung der weiblichen Geschlechtsteile sehr hilfreich sein können. Gerade weil das weibliche Geschlechtsteil oft eher als defizitär, wenig schön und leider nicht nach Rosen duftend dargestellt wird, schadet eine Huldigungsschrift ganz sicher nicht.

Und dann passiert genau das Gegenteil.

Naomi Wolf schreibt sich in die Rage einer Vaginagöttin, die ihre persönliche Sexualität allen Frauen und vor allem den armen Frauen, die bisher ohne Orgasmus blieben, überstülpen möchte. Sie bespricht Verbindungen zwischen dem Hirn und der Vagina und schwärmt von der Weiblich-Göttlichen Offenbarung, die durch ein paar Kerzen, Rosenblätter und einem guter vaginaler Geschlechtsverkehr in jeder Frau erweckt werden kann.

Ich möchte gar nicht so sehr auf Frau Wolfs Buch eingehen – eine kleine Liste ganz wunderbarer Verrisse des Buchs findet sich am Ende des Textes – sondern vielmehr darauf, dass (weiblicher) Sex keines Mythos bedarf.

Frauen sind keine Göttinnen – und Männer keine Götter.

Ich werde immer stutzig, wenn Menschen Sexualität zu etwas Göttlichen stilisieren – und dann auch gleich dazu sagen, wie sie richtig zelebriert werden muss. Zugegeben fühlt es sich oft sehr gut an und – was mich selbst auch fasziniert – der Reiz eines Orgasmus nutzt sich nicht wirklich ab. Aber in dem Moment, in dem Sex zu etwas Mystischen wird, ist der Schritt zum Glauben an Einhörner nicht weit.

Wobei ich mir durchaus vorstellen kann, dass es für viele Menschen ein großer Spaß sein kann, sich beim Sex vorzustellen, sie seien ein Einhorn oder eine Göttin und sie dann unglaubliche 60 Minuten andauernden Orgasmus haben. Aber das geht eben nicht allen so, weshalb Verallgemeinerungen die Pest sind.

Es gibt kein Orgasmuspatentrezept

Frau Wolf schien es in ihrem Buch ganz besonders darum zu gehen, Frauen, die bisher keinen (vaginalen) Orgasmus gehabt zu haben, zu helfen. Wie so oft in diesem Bereich wird so getan, als gäbe es eine Patentlösung.

Die Tatsache, dass es – vor allem – Frauen gibt, die noch keinen Orgasmus hatten** ist schade und ganz sicher wäre es toll, wenn es hier Ratgeber gäbe, die helfen könnten. Nur die Angabe eines Göttinnnen-Patentrezepts ist so hilfreich wie der Tipp, sich beim Sex zu entspannten.

Meine Erfahrung – keine wissenschaftliche Erkenntnis, kein Dogma, sondern nur Beobachtung im weiteren persönlichen Umfeld – ist, dass die Angst vor der eigenen Fantasie und die Fremdheit des eigenen Körpers dazu führen, dass die Dinge nicht umgesetzt werden, die einen letztlich bis zu einem Höhepunkt erregen.

Entspannung und ein bestimmtes Programm mit viel Liebe und Vorspiel führen eben nicht bei jeder zum Klimax, sondern wenn überhaupt die Umsetzung des ganz eigenen Kopf- und Körperprogramms.

Und leider trauen sich viele nicht, genau dieses eigene Programm umzusetzen, weil es ihnen absurd oder pervers*** erscheint. Wenn dann auch noch beknackte Tipps von Experten hinzukommen, sehen sie sich in ihrer eigenen Unzulänglichkeit bestärkt und verlieren weiter den Mut, in die gefühlten Untiefen ihrer Sexualität abzusteigen.

Hau ab mit Orgasmusort-Hitlisten

Ein weiterer Mythos der mich in Rage bringt, ist die Klassifikation von Orgasmen nach dem Ort, an dem sie ausgelöst werden. Menschen, die anderen Menschen erklären, welche Orgasmen gut und welche weniger gut sind, machen im Grunde nichts anderes als damit anzugeben, was für heftige und korrekte Höhepunkte sie im Gegensatz zu anderen haben. Selbsterhöhung durch die Erniedrigung anderer, was für ein unsympathisches und menschenverachtendes Verhalten, ganz besonders wenn es im Kostüm des Ratgebers kommt.

Außerdem grenzen sie aus. Aktuell gibt es nach wie vor eine Fixierung auf den vaginalen Orgasmus. Das heißt diese gesellschaftliche Fixierung degradiert dann mal locker das sexuelle Empfinden all derer, die aus sexueller Orientierung, körperlichen Gegebenheiten (Anatomie, Krankheiten, Operationen usw.) oder einfach persönlichen Präferenzen keine vaginalen Orgasmen haben (können). Ich bin kurz vor einem Hitler-Vergleich.

Gemeinsam muss niemand

Ich esse sehr schnell und wenn der Mann und ich zusammen essen, ist mein Teller schon leer, während er noch gemütlich isst.

Niemand käme auf die Idee, die Qualität unserer Beziehung danach zu beurteilen, ob wir gleichzeitig mit dem Essen fertig sind oder nicht.

Wir haben einfach unterschiedliche Tempi und ich bleibe einfach mit ihm sitzen und leiste ihm Gesellschaft während er noch isst und dann bekomme ich manchmal sogar noch etwas von seinem Teller ab.

Klar könnten wir uns auch ganz doll anstrengen und versuchen, zum gleichen Zeitpunkt Messer und Gabel weglegen, genauso wie wir auch im Restaurant das gleiche Gericht bestellen könnten aber damit ist außer Zwang nichts gewonnen und ich mag auch keine Minestrone.

Klimax-Zielgerichtetheit

Während wir in quasi allen nichtsexuellen Lebensbereichen die Prokastination zelebrieren, entwickeln wir beim Sex eine Zielgerichtetheit auf den Höhepunkt, dass ein Tunnelblick dagegen geradezu vielfältig ist.

Dabei ist Intimität mit sich selbst und mit anderen per se oft sehr schön. Warum können wir stundenlang auf dem Sofa rumschlonzen, eine Soap bis zum Ende anschauen, einen ganzen Nachmittag mit einem mittelmäßigen Videospiel verdaddeln aber bei Sex erwarten wir nach 10 Minuten ein Feuerwerk und Konfettiregen?

So affig ich den Tipp finde, beim Sex einfach zu entspannen, um zu einem ersehnten Orgasmus zu kommen, so sehr beherzige ich ihn im allgemeinen Umgang mit Sex.

Denn am Ende ist Sexualität doch nur Schweiß, Körperflüssigkeiten und komische Geräusche. Für Frau Wolf würde ich mich allerdings auch auf das Wording „die Welt der Saftgöttin“ einlassen.

Links, wie versprochen

Hannah Pilarczyk hat einen sehr empfehlenswerten Artikel über Naomi Wolfs Buch geschrieben, in dem auch viele Verlinkungen zu anderen Texten über das Buch und die Debatte zu finden sind.

Laurie Penny, verreißt das Buch ebenfalls und stellt – zurecht – die Frage, wie mit einer verallgemeinerten narzisstischen Vaginashow Frauen geholfen werden soll, über ihren Körper – frei von Mythen und Dogmen – bestimmen zu können.

Zoe Heller findet in ihrer Rezension jede geistige Lücke des Textes und bohrt so genüsslich darin rum, dass es eine Freude für den Leser ist.

Anne Koedt hat bereits 1970 versucht The Myth of the Vaginal Orgasm zu widerlegen.

*Ich nehme nicht am Amazon-Partnerprogramm teil.

** Ich nenne hier extra keine Zahlen. Ich habe etwas von einem Drittel der Frauen im Kopf, das Dumme ist nur, dass bei den meisten Zahlen, auf die ich gestoßen bin, unklar ist, ob sie sich auf Frauen beziehen, die noch nie einen Orgasmus hatten, ob sie sich auf Frauen beziehen, die noch nie mit einem Partner einen Orgasmus hatten oder ob sie sich auf Frauen beziehen, die noch nie einen vaginalen Orgasmus hatten. Warum auch immer diese Unterscheidungen, es scheint aber tatsächlich so zu sein, dass es sehr viele Frauen gibt, die sich hier eine Verbesserung wünschen.

***Ich verstehe hier „pervers“ nicht im pathologischen Sinn, sondern als gesellschaftliche Wertung von Sexualität außerhalb einer sehr engen Standard-Norm.