Buch weglegen

Bücher interessieren mich nicht mehr (oder noch nicht wieder).

In den letzten zwei Jahren habe ich insgesamt ca. fünf Bücher komplett gelesen, selbst Haruki Murakamis 1Q84 habe ich nur halb gelesen und das obwohl ich bis dahin seine komplette Bibliographie runterbeten konnte.

Zu meinen persönlichen Entsetzen stellte ich fest, dass mir nichts fehlt, ich habe nicht einmal das Bedürfnis Bücher zu lesen.

Früher konnte ich kaum an einer Buchhandlung oder einem Antiquaritat vorbei gehen, ohne wenigstens ein Mängelexemplar-Taschenbuch zu kaufen. Heute gehe ich ab und an in die freundliche Buchhandlung um die Ecke und komme entweder mit einem Kinderbuch oder leeren Händen wieder raus.

Ich blicke geradezu angewiedert auf die angepriesenen Titel und eine vorlaute Stimme in meinem Kopf lehnt sich im Ohrensessel zurück, grinst und ruft “booring”.

Entsetzt verlasse ich die Buchhandlung und kaufe Brot.

Bis ich Patsch Bellas Text Die Rückkehr der Leserin las, habe ich schamhaft meine Bücherabstinez verdrängt, danach musste ich mir einfach eingestehen, dass meine Liebe für Bücher (erstmal) weg ist und durch anderes ersetzt wurde.

Ich gehörte nie zu den Leseratten der ersten Reihe aber ich las schon als Kind viel und gern. Am liebsten im Urlaub. Da legte ich mich in den Schatten und las ein Buch nach dem anderen, zwischendurch ging ich schwimmen.

Als ich zum Studieren endlich in die große Stadt zog, fing ich auch an, in öffentlichen Verkehrsmitteln zu lesen, ich kam mir dabei sehr mondän vor und hielt gern Stefan Zweig, Paul Auster, Jane Austen, Garcia Marquez in die Höhe. Ich glaubte, dass sich so ein zufällig vorbei kommender verträumter Poetenphilosoph gleich in mich verlieben würde (funktionierte nicht).

Im Rahmen des Studium setzte ich mich mit Literatur- und Musikkritikern und Philosophen auseinander, las die Bibel, um die Anspielungen in Kunst und Musik endlich allumfänglich begreifen zu können und fand das so spannend, dass ich jeden verachtete, der den Sinn meines Studiums in Frage stellte. Lesen, nachdenken und dann alles in Referaten oder Seminararbeiten in einen möglichst neuen Kontext setzen, mein Studium gefiel mir gut.

Dann fing ich an zu arbeiten. Ich musste ich auf andere Dinge konzentrieren. Ich las immernoch, aber weniger. Vielmehr ging ich nach Feierabend ins Kino, oft drei bis vier mal die Woche. Wenn das Metropolis etwa 100m entfernt ist, braucht man keinen Fernseher.

Überhaupt war der Fernseher das einzige technische Gerät, das in meiner Familie verachtet wurde.

Wir gehörten zu den ersten Menschen im Dorf die einen stromfressenden Trockner hatten, mein Bruder durfte Tage und Nächte mit seinem C64 spielen, ihn auseinanderbauen, niemand rügte mich dafür, dass ich ewig daddelte, bis ich endlich alle Level von Impossible Mission geschafft hatte.

Es war selbstverständlich, dass ein CD-Player oder ein schuhkartongroßes Handy der ersten Generation angeschafft wurden und dass jeder in der Familie einen eigenen Computer hatte. Aber bis ich auszog, empfingen wir auf einem Miniaturfernseher im hinterlegensten Teil unseres Hauses gerade mal drei deutsche, zwei holländische und einen belgischen Fernsehsender.

Charlotte Roche kenne ich wirklich vor allem durch ihre Bücher. Musikfernsehen und private Fernsehsender wurden mir in meiner Jugend vorenthalten.

Die Welt, die sich mir eröffnete, als mir mit 24 Jahren ein Exfreund seinen alten Fernseher vermachte langweilte mich, ich nutze ihn, um DVDs, die Nachrichten, Wetten dass, Formel 1 und Tatort zu sehen. Serien, Reality TV, deutsche Commedy, Talk-Shows waren für mich Untiefen der Unterhaltung denen ich mich mit aller Kraft verweigerte.

Mein Medienmenü bestand aus Zeitungen, Magazinen, einigen Blogs, ich ging oft ins Kino und ab und an fand auch ein Buch den Weg in meine Hand. Das hielt mich allerdings nicht davon ab, meine Bibliothek thematisch und innerhalb der Themen alphabetisch zu sortieren. Ab und an setzte ich mich auf mein Schafsfell in meiner Buchecke – für einen Stuhl war kein Platz – und genoss den Anblick meiner Bücher.

Dann lernte ich den Mann kennen. Er war völlig fernsehsozialisiert und machte sich über bei jeder Gelegenheit darüber lustig, dass mir alle Schauspieler in deutschen Fernsehfilmen fremd waren, dass ich noch nie von Seinfeld gehört hatte und mir völlig unklar war, was man an Ally McBeal unterhaltsam finden könnte.

Der Anfang unserer Beziehung fiel zusammen mit ein paar Fernsehkonzepten, die auch dem Mann neu waren, wie das Dschungelcamp, Germany’s next Top Model oder Bauer sucht Frau. Zusammen mit ihm und dem ein oder anderen Glas Alkohol begab ich mich endlich hinab in den dritten Kreis der Fernsehhölle und fand es ganz unterhaltsam.

Viel nachhaltiger aber war sein permanentes Insistieren mit ihm Seinfeld zu gucken. Ich habe fast alle Staffeln gesehen. So richtig habe ich nie einen Zugang gefunden aber mit Jerry begann meine Seriensucht. Das Timing passte auch gut, mit kleinen Kindern im Haus ist man was Abendaktivitäten angeht eher eingeschränkt. Außerdem führt der Weg vom Kinderbett umgehend aufs Sofa, von dem man nur noch mit einer wirklich vollen Blase oder zum Transfer ins Bett wieder aufsteht.

Natürlich könnte man auch wunderbar nebeneinander liegen und lesen, aber wir entschieden uns für gemeinsames Fernsehen. Das hat den Vorteil, dass man meist auf dem gleichen Stand ist. Außerdem trägt jeder seinen Teil bei. Der Mann kennt die Filmographie aller Schauspieler und analysiert die Filmmusik, ich weiß meist wer der Mörder ist und erinnere mich auch an weit zurückliegende Handlungsstränge.

Das und die Tatsache, dass wir in einem steten Fluss kommentieren führt zu einem Fernseherlebnis, das 3-D-Qualität hat.

Wir sprechen von Cary Agos oder Alicia Florrick (The Good Wife) als ob wir uns ab und an mit Ihnen auf einen Tequilla treffen würden. Wir bewundern Petty Hewes (Damages) dafür, dass sie einfach immer weiß, wann sie am besten nicht spricht und ihre Gegenüber sich selbst ans Messer liefert. Wir wohnen neben Familie Dunphy (Modern Family) und wäre ich lesbisch, würde ich um die Hand von Liz Lemon (30 Rock) anhalten. Zwischendurch vergnügen wir uns mit Sherlock Holmes und Dr. Watson (Sherlock) und fragen uns, ob Benedict Cumberbatch attraktiv ist oder nicht.

Ab und an möchten wir nicht die gleichen Kumpels haben. Mir bereitet es körperlichen Schmerz Walter Whites Leben (Breaking Bad) zuzuschauen und den Mann langweilt das Leben der Starks und ihrer Freunde (Game of Thrones) ins Unermessliche. Aber eine neue Staffel The Good Wife rettet uns vor unangenehmen Eifersüchteleien oder der Diskussion welche Bekannten wir nun nicht mehr gemeinsam besuchen.

Blogs und Onlinemagazine lesen, Blog schreiben, Fernsehserien und Filme gucken und ab und an Nido, Geo Epoche oder eine Zeitung lesen, haben Bücher in meiner Prioritätenliste nach hinten fallen lassen. Auch fehlt mir für Bücher die Muße, eine lange zusammenhängende Geschichte mag ich nicht kurz vor dem Schlafen für ein paar Seiten lesen.

Trotzdem versuche ich, zu den aktuellen Buchmarkt zu verfolgen. Ich freue mich, dass so viele Blogger und Twitterer gerade Bücher schreiben oder rausgebracht haben. Einige davon werde ich bestimmt mal lesen.

Letzte Woche habe ich Mittags öfter mal Das Blaue Sofa von der Frankfurter Buchmesse gesehen. Und während ich in die gelangweilten, spröden Gesichter der Autoren und Moderatoren blickte, war sie wieder da die Stimme im Ohrensessel die laut mir ein vulgäres aber ehrliches “booring” entgegenrief.

Ich hatte das Gefühl, es werden nur noch Bücher über Professoren und/oder Philopsophen geschrieben, Handlung scheint akutell kein großes Thema zu sein, gezwirbelte Sprache und die Tristesse des Lebens umso mehr.

Und da saß ich nun mit meinem Spiegeleibrot und gestand dem Buch: “Nimm’s nicht persönlich liebes Buch, wir haben brauchen einfach mal eine Auszeit und in ein paar Jahren wohnen wir wieder zusammen.”